Schroedinger’s Relationship

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Weg zu sein ist ein Segen. Ich komme um die Panik beim Aufwachen nicht rum, ebensowenig wie mir (und Becci) der ein oder andere Heulanfall erspart bleibt, und weit entfernt bin ich davon, dem ewigen Rotieren der Gedanken zu entkommen, aber dazwischen gibt es ruhige Momente, Pausen, wenn die Baldriantabletten anschlagen. Dann kann ich bis zum Anschlag einatmen und Dinge denken wie „Es ist so schön zu sehen, dass ich Menschen habe, die für mich da sind.“

Jetzt bin ich bei Becci, erste Anlaufstelle für so ziemlich alles. Mama kommt im März zu mir, und Simone hat mich auch eingeladen. Selbst Alina hat mir geschrieben, dass ich gern zu ihnen kommen kann, auch länger. Ganz ohne Seitenhieb in Bezug auf mein bisherigs Absehen davon, das Kind zu besuchen, hat sie es nicht geschafft, aber es kann auch sein, dass ich meiner Verfassung geschuldet zu viel da hereininterpretiere.

Gerade, als ich ganz ruhig war, dachte ich mir, ich könnte dies als Gelegenheit zur Dankbarkeit wahrnehmen, dass ich viel weniger alleine bin, als ich immer denke.

Auf der anderen Seite hört es eben kaum auf zu rotieren. Vor ein paar Stunden überwältigte mich der Gedanke, dass ich nicht weiß, worauf ich mich einstellen kann, und das eine entsetzliche Sache ist. Bis R sich entscheidet, ist die Beziehung praktisch gleichzeitig tot und lebendig, und damit kann ich schlecht umgehen. Weder möchte ich mir durch positives Denken Hoffnung machen, wo keine sein sollte, noch sollte ich meine Wahrnehmung durch meinen Pessimismus verzerren lassen. Die Therapeutin sagte, dass meine Wahrnehmung von R’s erschütternd unbeeindrucktem Verhalten und die Befürchtungen, die ich daraus ableite, meiner Projektion entspringen könnten. Wie aber schaffe ich es, Dinge nicht durch meinen von durchweg schlechten Erfahrungen geprägten Filter laufen zu lassen, wenn nichts Gegenteiliges mir gezeigt wird – wenn im Grunde die Situation nur Gleichgültigkeit und meine Reaktion darauf nur Unverständnis hervorzurufen scheinen?

Tot oder lebendig. Ich sollte mich nicht so fühlen, als hätte es sich schon entschieden.

Flüchten

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Ich bin auf dem Weg zu Becci. Die Therapeutin meint, dass es so besser ist, und ich kann ihr nur zustimmen. Alles, was mich bisher davon abgehalten hat, mich schleunigst aus dem Staub zu machen, war die leidige Tatsache, dass ich mir einfach nicht vorstellen konnte, mich auch nur einen unnötigen Zentimeter vom Fleck zu rühren.

Heute habe ich dann, wie schon letzte Woche locker mit Becci besprochen, das Momentum meines Ausflugs zur Therapeutin dafür genutzt, an meiner Situation etwas zu ändern, und setze mich für eine Woche ab. Es kann nur besser werden als zu Hause.

Was beim Zerstörtsein alles so passiert

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Ich habe mit Simone geredet und von ihr bereits die vierte wahnsinnig liebe Einladung einer hilfsbereiten Person bekommen, sie doch zu besuchen.

Ich habe mir die durchweg schlüssigen Weisheiten dieses Typs bei Youtube angehört, der Caro aus ihrer Trennungszeit noch im Gedächtnis war, und mir auf den Kopf zusagen lassen, dass mein jetziges Mindset somit das Schlimmste ist, was ich mir und meiner Beziehung antun kann (duh).

Ich habe die Rezeptur aus Solitaire und Meditationsmusik so weit überreizt, dass sie nicht nur kaum noch wirkt, sondern im Gegenteil habe ich den Eindruck, dass mittlerweile eine Art pavlovsche Konditionierung eingetreten ist, der gemäß die Meditationsmusik nun mehr Panik hervorruft, als sie abbaut.

Ich habe schubweise jede Selbstbeherrschung verloren und mich, Schmerzenslaute von mir gebend, von Verzweiflung überrollen lassen, während ich mich zum wiederholten Male fragte, wie viel von dieser furchterregenden Geräuschkulisse bei den Nachbarn ankommt.

Ich zahle einen entsetzlichen Preis für die jahrelange unmenschliche Anstrengung, jemanden lieben zu lernen, der mich niemals hätte bekommen dürfen.

So viel zur Momentaufnahme. Nun muss ich noch etwas berichten, das sich gestern ereignet hat und für mich einen nicht unerheblichen Lichtblick darstellt: Ich habe mit Basti telefoniert. Das an sich war erstmal gar nicht als Lichtblick gedacht, sondern ich hatte am Samstag in einem Anfall von ‚Ich bekomme jetzt Dinge gebacken‘ mit Alina Kontakt aufgenommen, um über sie an Basti heranzukommen, welcher seit meiner Rückkehr aus der Schweiz und der überaus wütenden Nachricht, die ich während dieser Fahrt an ihn abgesetzt hatte, auf keine meiner Kontaktaufnahmen mehr reagiert hatte.

(Kurz zum Hintergrund: er schuldet mir einen Haufen Geld, das ich gefühlt seit Jahrzehnten versuche wiederzubekommen. Das Ganze geht mit der Tatsache einher, dass unsere ehemals außergewöhnliche Freundschaft aufgrund diverser seiner Lebensentscheidungen und meines Wegzugs seit mindestens ebensolanger Zeit am seidenen Faden hängt und eigentlich nur noch röchelnd am Boden lag, was umso mehr dazu führte, dass ich das Geld wiederhaben möchte.)

Nun hatte ich in dieser besagten Nachricht ihm verkündet, dass mir an seiner Person nichts mehr gelegen ist, was unter Anderem daher kam, dass er es wieder einmal nicht geschafft hatte, während meiner Zeit in der Schweiz für ein Treffen zur Verfügung zu stehen oder auch nur daran zu denken, mir dies mitzuteilen. Wir hatten uns seit über einem Jahr nicht gesehen und ich ging eigentlich auch nicht davon aus, dass dieses Treffen zustandekommen würde, habe ihn dafür aber an meinem letzten Abend in Winterthur nochmal an unsere Schuldensituation erinnert und bekräftigt, dass mir das zu doof wird. Er schrieb daraufhin (nachdem er sein Erstaunen ausdrückte, dass ich schon wieder fahre – ist ja nicht, als hätte ich ihm das Datum vorher genannt) eine Nachricht, die wörtlich besagte: „Ich mach des schon, aber nach und nach bitte“.

Und so kam meine Absägeaktion auf der letzten Sitzreihe eines Flixbusses irgendwo in Süddeutschland zustande, die mir bei allem (vielleicht gerechten) Zorn nicht leicht fiel, denn immerhin handelte es sich dabei um den Menschen, der einmal mein Seelenbruder gewesen war. Es war in jeder Hinsicht ein katastrophaler Kommunikationsakt, der, hätte ich denn auch nur eine Sekunde über mein verletztes Ego hinwegsehen können, völlig offensichtlich kein Deut dazu beitragen würde, dass ich mein Geld jemals wiedersehe. Auf den Kern reduziert lautete die Mitteilung: Du widerlicher, dreister Mensch, seit Jahren warte ich auf das Scheißgeld, während du gemütlich Auto fährst, Kinder machst und dir was weiß ich für Dinge kaufst. Das ist respektlos und unverschämt. Mit dir bin ich sowieso durch, aber gib gefälligst die Kohle wieder, damit ich nichts mehr mit dir zu tun haben muss.“ Nur eloquenter und ganz latent gewaltärmer verpackt.

Nachdem auf diese Nachricht keine Antwort kam, habe ich etwa eine Woche später noch hinterhergeschoben, er möge mir bitte bescheidgeben, wenn er die Überweisung getätigt hätte. Und noch einen Tag später (hauptsächlich um für den Fall, es würde eine Anwältin ins Spiel kommen, mir kein Mangel an gutem Willen und Kooperationsbereitschaft unterstellt werden könnte), er möge sich bitte mal melden, um zu Not einen Ratenplan auszuarbeiten.

All das blieb nicht nur unquittiert, sondern schien (Häkchen zufolge) nicht mal mehr bei ihm anzukommen – er hatte mich blockiert? Gelöscht? Sein ganzes Whatsapp deaktiviert, um nicht mit meiner Geldwut konfrontiert zu werden?

Ich beschloss – dies bereits nachdem meine Beziehung kollabiert war – ihn nicht damit davonkommen zu lassen, und rief ihn an. Mailbox. Tags drauf erneut. Mailbox. Tags drauf wieder. Gleiches Spiel. Tag 4 der Jagd war dann der Moment, in dem ich Alina kontaktiert habe. Ob sie Basti bitten könne, mich mal anzurufen, ganz unschuldig.

Das könne er grad nicht, sein Touchscreen sei kaputt und er würde nicht in die Pötte kommen, das Handy mal einzuschicken.

Oh, okay. Klingt leider glaubhaft, da ich Basti ja doch trotz allem noch ein bisschen kenne.

Da sie es nicht von allein vorschlug – hey, I know you kind of despise me simply for existing, but… really? – musste ich es selbst tun: Ob er denn vielleicht ihr Handy kurz benutzen könnte.

Während auf die erste Nachricht die Antwort Sekunden später erfolgte, ließ eine Reaktion nun auf sich warten. Etliche Stunden später, gegen Abend, schob ich noch hinterher, dass „irgendwann morgen“ perfekt wäre. Sie schrieb zurück, er würde nachher noch anrufen. Das tat er nicht. Ich ließ es erstmal gut sein und schrieb nicht nochmal hin.

Gestern Abend, während R in der Küche (was im Falle unserer Wohnung durchreichenbedingt Hör- und Sehweite impliziert) sein Abendessen machte (da ich momentan für Essen nur sporadisch zu haben bin, ist er diesbezüglich weitestgehend auf sich gestellt; ich profitiere ab und an von den Überresten seines Kochwerks) rief mich Basti von Alinas Handy an. Er zeigte sich (wie er selbst sagte, zum zehntausendsten Mal) bereitwillig, die Schulden zu begleichen. Die ganzen Nachrichten hatte er nicht gelesen, selbst die mit dem Absägen nicht in ihrer Gänze. Ich war davon emotional überfordert (to be fair, dafür braucht es grad nicht sonderlich viel).

Es tat unsagbar gut, Basti zu hören. Er fragte mich, wie es mir geht, aber da R in der Küche war, wollte ich ihm nicht antworten und brachte gar kein Wort heraus außer „schäbig“. Statt sich von meinem Schweigen entmutigen zu lassen, begann Basti – der mich halt auch kennt – nach und nach die Ursachen meines komischen Verhaltens zu eruieren. Es war mindblowing, wie er beharrlich dieses Ja-Nein-Spiel durchgezogen hat. Ob ich mich sammeln müsse; ich solle nicht wieder überdenken, wie ich etwas formulieren soll; ich könne ihm alles an den Kopf werfen; schließlich, ob jemand im Raum sei. Ob R im Raum sei. Warum R nichts davon hören sollte, er würde doch vermutlich über die Situation bescheid wissen.

An dem Punkt kam ich nicht mehr weiter, denn auf Warum-Fragen kann schlecht mit Ja oder Nein geantwortet werden. Glücklicherweise suchte sich R einen zeitnahen Moment aus, um nach hinten in die Wohnung zu verschwinden, sodass ich Basti über die Situation aufklären konnte sowie eben auch darüber, dass ich vermeiden wollte, in R’s Gegenwart weiter zusammenzuklappen, weshalb ich damit warten musste, bis dieser weg war.

Ihm das sagen zu können, in aller Zerstörtheit mich akzeptiert zu fühlen, wie er mich in jeder Lebenslage immer akzeptiert hat, damit hatte ich nicht gerechnet – das war ich der Überzeugung mir verbaut zu haben, als ich mich in meinem Leben noch sicher fühlte und mir dachte, es wäre eine gute Idee, meinen besten Freund aus dem Fenster zu schmeißen. Hätte er diese Nachricht gelesen, wäre mir vermutlich das Gefühl vorenthalten geblieben, mich gestern für diesen kurzen Moment fallen lassen zu können. Ich kann nur hoffen, dass er meiner Bitte nachkommt und nicht nachschaut, wenn sein Handy wieder funktioniert.

Er hat dann verkündet, er würde mich heute oder morgen nochmal anrufen. Das Fenster wäre jeweils zwischen 16 Uhr, wenn er Zeit hat, und 19 Uhr, wenn R nach Hause kommt. Ich bin nicht sicher, ob ich davon ausgehen soll, dass der Anruf wirklich kommt. Dafür hat er mich zu oft versetzt. Es wird sich zeigen.

20 Grad draußen. Eiskalt drinnen.

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Nein, oh nein, genau so sollte es nicht laufen.

Ich kann mich nicht zusammennehmen, mir fehlt die Kraft dafür. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass mit jeder Minute Nervenkoller, die ich R von mir miterleben lasse, dieser zunehmend genervt und alles nur immer schlimmer wird. Laut meiner Mutter ist allen Männern diese Eigenschaft gemein, „egal, was sie einem zufügen, man soll immer lächeln.“

Ich habe mir nach dem Aufwachen eine 5-mg-Escitalopramtablette einverleibt und dabei nur umso unkontrollierter geheult, weil mein stets auf der Suche nach zugrundeliegenden Prinzipien befindliches Hirn in diesem Akt der Resignation das erneut verlorene halbe Jahr Ausschleich- und fünf verlorene Jahre Beziehungsarbeit mit allen in deren Rahmen errungenen Fortschritten und erlittenen Rückschlägen gleichermaßen betrauerte.

Wenn ich nur wüsste, wie ich es anstellen soll, dass R für seine Entscheidungsfindung nicht dieses Kollabieren von mir, sondern die Person in Erinnerung behält, die ich bis Dienstag in den letzten fünf Jahren häufig war und ansonsten zu sein versucht habe. Ich bin zu schwach, um einfach wegzugehen, damit er keine Chance hat, mich bis zum Monatsende weiter so zu erleben. Ich bin auch zu schwach, um mich gefasst zu geben. Ich versuche es immer wieder, aber es gelingt mir kaum. Ich kann nur immer ein Stückchen des Elends für mich behalten, das sich in mir festgesetzt hat, nie aber das ganze. Ich bin ein unfassbar schwacher Mensch, den seine Emotionen hin- und herschleudern ohne jegliche Handhabe.

Beistand von innen und außen

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Mit Johanna reden: hervorragende Idee. Ich bin stolz auf mich, weil ich neulich wieder mal meine heilige Anti-Spam-Regel außer Kraft gesetzt und sie kontaktiert hatte, was dazu führte, dass wir uns für heute zum Skypen verabredet haben. Verstehe mich nicht falsch; ich bin durchaus der Meinung, dass die heilige Anti-Spam-Regel (sprich, nicht mehr als zwei Nachrichten hintereinander schicken, solange vom Gegenüber keine Reaktion erfolgt) oftmals Sinn macht, und mir ist auch klar, dass mein Zentrum für Selbstdisziplin bei ihrer Inkraftsetzung nur den Erhalt meiner Würde im Sinn hatte, aber es ist halt einfach bescheuert, als Mensch, der jede fremdauferlegte Regel fünfmal hinterfragt und bei Nichtanerkennen dieser sie auch gerne mal ignoriert, die eigenen Schutzmaßnahmen nicht ab und an mal auf ihre Wirksam- und Sinnhaftigkeit hin zu kontrollieren.

Auf diese Weise habe ich herausgefunden, dass sie meine SMS von Anfang des Jahres, in der ich sie darauf hinwies, dass es ewig her ist und wir mal schleunigst ein Catching-up betreiben sollten, durch Handywechsel nicht hatte zuordnen können. Somit war es wirklich nur vorteilhaft, dass ich es vor ein paar Tagen nochmal versucht habe.

Ähnlich wie während der Ausläufer des Şahin-Dramas kam mir auch jetzt der Umstand zugute, dass JO ein Mensch ist, bei dem emotionale und rationale Intelligenz sich in einem außergewöhnlichen Maße die Waage halten. Da ich so sehr darauf bedacht bin, ihrer Rationalität nicht (und schon gar nicht zum zweiten Mal) als unkontrolliertes, panisches Nervenbündel gegenüberzutreten und mir dadurch massiv unterlegen vorzukommen, habe ich in dem Gespräch meine momentane Situation nur gestreift und stattdessen mit ihr über andere Dinge gesprochen. Und siehe da, es hat ganz wunderbar funktioniert. Fake it ‚til you make it. Eine der Phrasen mit dem höchsten Wahrheitsgehalt, den die menschliche Sprache zu bieten hat. (Ich kann übrigens auf Teufel komm raus nichts dagegen tun, dass es das Apostroph am Wortanfang nach unten zieht. Meine Hoffnung ist, dass dieser Bug von WordPress irgendwann behoben wird.)

Tatsächlich konnte ich schon vor dem Telefonat mit JO Errungenschaften verzeichnen. So habe ich mir nach dem Aufstehen, Panik hin oder her, zum ersten Mal seit Dienstag wieder richtige Anziehsachen angezogen und bin raus zum Briefkasten gegangen, um den zwei Tage überfälligen Brief mit Samen für einen Ebay-Kunden abzuwerfen, den es mir gestern bereits gelungen war fertigzustellen. Marketa, der ich dabei begegnete, habe ich weit gefestigter entgegengeblickt als bei unserem letzten Run-in. Dieses ereignete sich am Mittwoch, als ich ihr im glamourösesten Zombie-Modus die Tür öffnete, um ihr das Päckchen zu übergeben, das tags zuvor bei uns abgegeben worden war, ihr anschließend in Pantoffeln und rutschender Pyjamahose ihre Einkaufstaschen nach oben trug (weil ich es nicht mit ansehen konnte, wie sie mit Kleinkind auf dem Arm, Wäschekorb und zwei schweren Taschen allein hantierte) und auf ihre Frage nach meinem Befinden hin (oh Wunder) in Tränen ausbrach. Souverän sieht anders aus.

Sie hat mir dann gesagt (ohne dass ich auf die Umstände konkret eingegangen wäre), wenn es etwas gibt, das sie tun könnte, sollte ich mich melden. Ich habe seither ein paarmal mit dem Gedanken gespielt, ob es furchtbar unangemessen wäre, sie zu fragen, ob ich ab un an bei ihr in der Wohnung rumhängen darf, wenn’s hart auf hart kommt und mir alleine die Welt auf dem Kopf zusammenbricht. Oder ob es in Anbetracht der Tatsache, dass wir zwar eine sehr gute nachbarschaftliche, nicht dagegen eine wirklich freundschaftliche Beziehung pflegen, nicht völlig erbärmlich wäre. Ich habe mir nur gedacht, dass Marketa jemand ist, der verstehen dürfte, was es bedeutet, mit Depression in einer Stadt zu hängen, in der man niemanden kennt und niemanden hat. Sie ist zwar glücklich verheiratet, aber sie ist oft umgezogen und depressiv veranlagt.

Man wird sehen, wie verzweifelt ich noch werde; davon wird es abhängen, ob ich sie frage oder nicht.

In einer Stunde kommt R aus der Arbeit und wird mir hoffentlich erklären, was ihn dazu veranlasst hat, anstatt seines eigenen Essens mein Grillkäse-Sandwich ins Büro mitzunehmen, das ich mir gestern vorbereitet hatte und wirklich sehr gut gerade gebrauchen könnte. Sicher, ich könnte meine Leistungsfähigkeit ausreizen und mir ein neues machen, aber ich habe schon so viel geschafft heute.

Gerade bin ich hoffnungsvoll, dass ich dies besser überstehen könnte als angenommen.

Lesson learned

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Da ich in meiner Vorstellung davon, wie ich das, was ich gestern getan habe, bewerten soll, äußerst zwiegespalten bin, berichte ich zuerst einmal ohne jede Wertung.

Nachdem ich festgestellt hatte, dass die Baldriantabletten nicht nur beim Schlafen helfen, sondern auch ganz wunderbar beruhigend wirken, habe ich mir abends eine davon eingeworfen. Ich hatte mir verschiedene stumpfsinnige Handyspiele heruntergeladen und eins nach dem anderen ausprobiert, ob sie zur Ablenkung taugen, und bin, nachdem mir weder Doodle Jump noch Mahjong entspannend genug waren, an einer Kombination aus Solitaire und Meditationsmusik hängen geblieben. Alle drei Beruhigungsmaßnahmen auf einmal wirkten tatsächlich zumindest insoweit, dass ich mit Heulen aufhören und teilweise richtig befreit einatmen konnte.

Ich habe dann, zunehmend schläfrig, auf R gewartet, der gegen elf Uhr von der Solid kam und mir berichtete, dass er sich in der Zwischenzeit um ein Zimmer in einer von seiner Arbeit nicht allzu weit entfernt gelegenen Zweier-WG bemüht hatte und, falls er denn genommen würde, zum Ende des Monats einziehen könnte.

Nach ein paar Minuten, in denen er in der Küche werkelte und dabei, von der Gesamtsituation scheinbar unbeeindruckt, von seinem Arbeitstag erzählte und mich beiläufig fragte, was bei mir so passiert sei, habe ich ihm Folgendes geradeheraus mitgeteilt:

Das Nichtzusammensein im selben Haushalt fühlt sich wie Verlassenwerden an. In Anbetracht der Tatsache, dass, supposedly, wir uns nach wie vor genauso lieben, erscheint es mir wie eine absurde Verschwendung. Falls einer von uns in zwei Monaten stirbt, wäre es mir lieber gewesen, wir hätten bis zu seinem Auszug nicht in getrennten Betten geschlafen. Die Idee war doch, meines Erachtens, sich nicht entfremdet oder im Bösen zu trennen.

Er erwiderte, das hätte von vornherein bei mir gelegen. (Das war mir nicht klar.) Er würde mich gern in die Arme schließen und alles. Dass er sich aber fragen würde, ob es mir nicht im Endeffekt zum Zeitpunkt seines Auszugs noch schlechter damit gehen würde.

Ich verneinte. Ich hatte mir gedacht, man könnte diese Auszeit so betrachten, als würde einer von uns für ein halbes Jahr ins Ausland gehen. Das erscheint mir passend, weil in diesem Szenario eben auch die Zuneigung füreinander unverändert ist, man aber dennoch einfach in dieser Zeit etwas Anderes zu erledigen hat. Wer aber würde auf die Idee kommen, sich vor dem Weggang eines der Partner auf eine Halbjahresreise schonmal vorsorglich zu trennen? Und weil mir das so überhaupt nicht einleuchtet, kann ich auch mit dieser Situation so gar nicht umgehen.

Er hat dies verstanden, und je weniger distanziert er sich verhielt, desto besser fühlte ich mich. Es fiel mir richtiggehend leicht, Details zur Organisation seines Untermietverhältnisses und seines Umzugs zu besprechen. Ob die Wohnung möbliert ist. Was er mitnimmt. Es hat sich das Gefühl des Verlassenwordenseins einfach schlagartig in Luft aufgelöst, und schlagartig konnte ich wieder leben.

Was mir davon ab massiv geholfen hat, war, dass er im Laufe dieses Gesprächs erklärte, es wäre unwahrscheinlich, dass er sich andere Partnerinnen anlacht, während er weg ist. Was nichts daran ändert, dass die Möglichkeit besteht (natürlich gilt: We were on a break!!!), aber da ich insgeheim davon ausging, dass er bereits konkrete Menschen im Auge hat, mit denen er vorhat längerfristig anzubandeln, sobald der Umzug vollzogen ist, um seine Freiheit in vollen Zügen zu nutzen – du kannst dir vorstellen, was das mit meinem Kopf gemacht hat.

Während ich gestern mit einem Gefühl ins Bett ging, als wäre mir das Gewicht der Welt von den Schultern genommen worden, war mir schon mehr oder weniger klar, dass ich trotzdem mit Panik aufwachen würde. Ein Zusammenbruch dieser Größenordnung ist nicht von einem Moment auf den anderen vorbei. Und in der Tat war sie überdimensional, die Panik, und geruhte (Meditationsmusik zum Trotz) erst allmählich abzuflauen, während die vorherigen beiden Absätze Gestalt annahmen.

Und allmählich traue ich mich auch, meine Wertung auszusprechen, und mit ihr meine Fassungslosigkeit – ich sage es mal so:

Die letzten Jahre neigte ich dazu, mir vorzukommen, als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen durch alles, was ich mit Einsetzen der Medis und meiner diesen geschuldeten persönlichen Entfaltung gelernt hatte. Aber, oh, wie war ich dumm, wie bin ich dumm, wie werde ich immer dumm sein. Überheblich habe ich mein Lebtag auf jene herabgesehen, die sich an wenig erfüllende oder toxische Beziehungen klammern, und insbesondere auf jene, die wider besseres Wissen die einmal beendete Beziehung aus Verzweiflung wieder aufnehmen, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Aber möchte ich behaupten, dass meine Beziehung wenig erfüllend ist oder war? Seit ihrem Anfang plagt mich die Ungewissheit, ob es teils unrealistische Erwartungen sind, die meine Sicht auf die Dinge verzerren. Gerade letzte Woche hatte ich mir vorgenommen, eine Liste zu machen mit all den Dingen, die ich an R liebe und die unsere Partnerschaft so ungemein wertvoll machen. Dinge wie den Umstand, dass ich mich ausnahmslos jedes Mal freue, sein Gesicht zu sehen oder seine Stimme zu hören, sei es, wenn wir uns tagelang nicht gesehen haben, oder wenn er nach fünfminütiger Abwesenheit den Raum betritt. Dinge wie seine nicht endende Begeisterung für Boggle oder seine Art, sich mit der Katze zu unterhalten, bevor er sie füttert, oder seine vollkommene Akzeptanz all meiner Neurosen oder seine Wortspiele oder die Abneigung gegen synchronisierte Filme, die er mit mir teilt.

Na herzlichen Glückwunsch, und schon heulen wir wieder.

I need to be more appreciative of what I have.

I’m tired, so let me be broken.

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Wow, das wird heftig. Aus irgendeinem Grund meint meine Psyche genauso zusammenklappen zu müssen, wie sie es in einer entfernt ähnlichen Situation vor bald einer Dekade schon einmal getan hat, und ich kann nur hoffen, dass sie sich dieses Mal schneller und weniger mühsam wieder berappelt.

Ich stehe nunmehr vor der Herausforderung, den Totalschaden irgendwie zu minimieren und mich jedem Trauma-Trigger zum Trotz den aktuellen Tatsachen angemessen zu verhalten.

Tatsache 1: Ich wurde (noch) nicht verlassen.
Tatsache 2: I made this bed. I choose to lie in it. Live with my regret, sleep with what I said.
Tatsache 3: Was hier passiert, ist unumgänglich.
Tatsache 4: Ich habe mir schon immer mehr von R gewünscht, als er in der Lage war zu geben.
Tatsache 5: Mit Kollabieren ist mir nicht geholfen.
Tatsache 6: Ich brauche ein Leben, um mich über Wasser zu halten.

Es gestaltet sich denkbar schwierig.

Solange R hier wohnt, ist damit zu rechnen, dass weiterhin jede Interaktion mit ihm von unkontrollierbaren Heulattacken meinerseits begleitet ist. Das ist mir nicht nur hochgradig unangenehm, sondern leider unvermeidlich.

Heulend einzuschlafen und mit Panik aufzuwachen ist mir zwar zur Genüge bekannt, aber dadurch nicht leichter zu ertragen. Ich habe letzte Nacht besser geschlafen, indem ich mich einerseits in dieser zweiten Nacht etwas an die harte Matratze im kleinen Zimmer gewöhnt und andererseits die Baldrian-Tabletten für mich entdeckt habe, die ich irgendwann mal für R geholt, welche er jedoch verschmäht hatte.

Immense Konzentrationsschwierigkeiten sowie gelegentliche Episoden überwältigender Verzweiflung verhindern, dass ich arbeiten oder lesen könnte. Jedoch habe ich mit Caro und mit Becci telefoniert und dabei erneut festgestellt, dass es wahnsinnig gut tat, sie um mich zu haben. Das kennt man ja schon.

I’m a mess, that’s the best way to describe it; having no time to myself’s the only way I can fight it
When I’m alone, it’s like I’m staring into a mirror; don’t know the person inside and that’s never been any clearer.

Aber ich habe auch gemerkt, dass mir alles leichter fällt, wenn ich funktionieren muss. Mich hat jemand von Foodsharing angerufen, die ich nicht kenne, und wie das so ist, fake it ‚til you make it, habe ich mein Heuldrama unterbrochen, um den Anruf entgegenzunehmen, und geschlagene neunzehn Minuten mit dieser Anette telefoniert, als wäre es der sonnigste Nachmittag, den die Welt je gesehen hat.

Was mich in der Annahme bestätigt, dass ich mich unter Menschen zwingen muss, so viel wie möglich, um einfach nicht zusammenbrechen zu können und dabei im besten Fall an sozialen Kontakten zu gewinnen, die die Bezeichnung auch verdienen.

Siehst du mal. Telefonieren hat geholfen, Schreiben hat geholfen, sogar dieses überaus deprimierende Lied hat geholfen. So sehr, dass ich in der vergangenen Stunde vollends von dem Gefühl verschont blieb, an unerträglichen Schmerzen zu verrecken.

Springt – und hofft auf Flügel.

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It is done. Ich habe gestern Abend R eine sechsmonatige Auszeit vorgeschlagen, die er dafür nutzen kann, herauszufinden, ob er einem Leben mit mir die Möglichkeit, seine Polyamorie nach seinen Wünschen auszuleben, vorzieht. Es ging nicht anders, und es kann nur besser werden. Ich habe genug verdrängt.

Er trägt es mit Fassung, ich weniger. Geschieht mir recht. Ich habe mir meinen persönlichen Albtraum heraufbeschworen, ohne mich zu erinnern. Ich hatte diese Dimension von Schmerz komplett vergessen.

Mein erster Akt heute als frischgebackene Trennungsdepressionsgeplagte war es, die Katze zu mir ins ihr eigentlich verbotene kleine Zimmer zu lassen, nachdem ich von ihrem durchdringenden Miauen auf der anderen Türseite wach wurde. Es war herzzerreißend, wäre denn noch etwas zu zerreißen übrig. Sie kam herein und stürzte sich auf mich. Eine solche Begeisterung habe ich selbst nach dreiwöchiger Abwesenheit von ihr noch nicht erlebt, sodass ich schon befürchtete, es hätte sich gestern Abend im Eifer des Gefechts niemand daran erinnert, sie zu füttern. Zum Glück war das nicht der Fall.

Meine Mutter spammt mich mit einer Tirade von nett gemeinten, aber kontraproduktiven Äußerungen wie „Soll seine Möbel mitnehmen“ und „Weine dem Kerl keine Träne nach“ zu. Außerdem fragt sie mich, ob ich im April mit ihr ans Meer fahren will. April, yeah. Ich habe zwar keine Ahnung, wie ich mein Leben heute, morgen oder nächste Woche auf die Reihe bekomme, aber natürlich mache ich Pläne für April, um in einer einsamen Strandwohnung im Nirgendwo mit meiner Mutter zu gammeln.

Sie hat mich angerufen, nachdem ich ihr zu lange nicht geantwortet habe. Über das Telefon war sie als lebenspendende Maßnahme tauglicher. Da sie R nie sonderlich ausstehen konnte, ist sie mit dieser Entwicklung zufriedener, als ich es bin.

Ich habe mir Porridge gemacht. Ich hoffe, die Milch ist noch genießbar.

Ich hoffe, ich bekomme das irgendwie hin.

Something I have to do

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Mir steht etwas bevor, das ich schon lange nicht mehr gemacht habe, eigentlich noch nie.

Und es graut mir davor, aber es muss passieren.

Meine Therapeutin hat mir den Rücken gestärkt, meine Mutter hat mir Mut gewünscht und meine beste Freundin ist stolz auf mich – und ich sehne den Moment herbei, in dem ich es hinter mich bringe, denn ich werde von Panik zerfressen und ich habe keine Ahnung, wie ich es verkraften soll, gleich noch mit Mike in der Stadt herumzulaufen und dabei nicht zu kollabieren.

Aber Mut heißt nicht, keine Angst zu haben; Mut heißt nur, dass man trotzdem springt.

Those who can’t do it, teach it.

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Erstaunlicherweise sieht mein Balkon nicht viel katastrophaler aus als vor dem Orkan. Ich bin trotzdem froh, der unfreundlichen Aufforderung der penetranten Frau, die unter uns wohnt, nachgekommen zu sein und die Blumenkästen von der Mauer nach innen geholt zu haben. Besser Vorsicht als Nachsicht, denn die Genugtuung, mir dabei zuzugucken, wie ich Erde und Pflanzenteile auf ihrer Terrasse zusammenkratze, hätte ich ihr höchst ungern verschafft.

Ich frage mich jetzt schon, was das wohl gibt, wenn ein tonnenschwerer Baumstrunk an der Ecke steht und die Gute mit ihrer andauernden Befürchtung, ihr könnte etwas auf den Kopf fallen (weil bei mir ja alles so gefährlich steht, angebunden oder nicht, und Unwetter und Orkane einfach der Zeitpunkt sind, an dem sie sich am liebsten mit ihren Enkeln auf der Terrasse zu Kaffee und Kuchen häuslich einrichtet), darunter vor sich hinexistiert. Eins ist sicher: das Teil muss stabil befestigt werden.

Bis der Baum kommt, dauert es ja aber sowieso noch eine Weile. Beruhigend, zu wissen, dass bis dahin mein Balkon schon wieder zum Leben erwacht sein wird. Ich möchte dieses Jahr bis auf ein paar Ausnahmen eher blumen- und wildkrautlastig unterwegs sein; Essen habe ich eh genug und die Ausrichtung unseres Gebäudes verhindert lohnende Erträge von vornherein. Luffa-Gurken möchte ich pflanzen und Cardiospermum, ein paar Tomaten werden so oder so wieder irgendwo hervorkommen und der Rest soll einfach für die Insekten und fürs Auge da sein.

Meanwhile habe ich es irgendwie geschafft, zu Kepas Gartenconsultant zu werden, und bombardiere ihn mit Vorschlägen zur Anti-Schnecken-Bepflanzung im und um das Hochbeet. Das ist super, weil ich mich voll austoben kann, ohne die Möglichkeit zu haben, irgendetwas von meinen Ratschlägen selbst umzusetzen. Ich habe ihm eine Beetumrandung aus Rosmarin und Lavendel empfohlen und im Beet selbst erstmal einen Schutzwall aus Oregano, Thymian und Knoblauch. Und, damnit, war das nicht so klar: ich will dieses Beet haben.

Argh. Aber erstmal mit dem arbeiten, was da ist: ich geh‘ mir Luffagurken vorziehen.