Laberplage, Gefühls(ab)lage, Schmerzfreiheit.

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Revenge. Wie lange habe ich dieses Album nicht mehr gehört. Es ist so ewig her. Und natürlich kommt es mir trotzdem so vor, als wäre kein Tag vergangen.

R kam eben herein und berichtete überglücklich von seinen Fortschritten mit seinem Python-Altersrechner, den er heute angefangen hat zu erstellen, um sich das Programm und seine Bedienung nun, ein halbes Jahr nach dem dann ja doch eher abrupten Ende seines Studiums, wieder präsent zu machen. Da ich mit meiner Antipathie gegen alles Informatik Betreffende dafür mal so überhaupt keine Begeisterung aufbringe, habe ich mich mittlerweile in mein Zimmer verkrümelt, um Musik zu hören, nachdem ich den Tag mit Containern, Gemüseschnibbeln, Kochen und Bastis Wäsche verbracht habe. Zwischendurch habe ich mir natürlich Zeit für ein-zwei ausführliche Rundgänge durch den Garten genommen, wo meine Melonen mittlerweile in Scharen reifen und bald wieder neue Tomaten nachkommen, die Süßkartoffeln fröhlich vor sich hinwuchern und die kleinen Blüten der Paprikapflanzen den Anschein machen, als wollten sie sich tatsächlich dieses Jahr doch noch irgendwann öffnen. Mein Basilikum wertet inzwischen jede x-te Mahlzeit auf, und Waltrauts ehemalige Herrschaft über das kleine Stückchen Land zeigt ihre Spuren in einem vor Birnen bald überlasteten Baum und einer Laube voller Trauben.

Ja. Statt im Büro zu verzweifeln, habe ich also diesen Tag damit zugebracht, Essen zu prozessieren und meinen Fortbestand für die nächsten paar Monate zu sichern. Ich war damit ziemlich alleine, da sich R bereits während meines Frühstückmachens kommentarlos in seine eigenen Computer-Machenschaften abkapselte und, abgesehen von einem derart dreisten Kommentar, dass es mir bald die Sprache verschlagen hätte (Kontext: Ich, wie immer überempfindlich, verletzt, da mich ignoriert fühlend, fange an, herumzuwuseln und mich mit mir selbst und Vor-mich-Hingesinge bei Laune zu halten; er, vertieft in sein Doku-Video einer Nazi-Aktion, weist mich zurecht, er würde „hier gern ein bisschen was hören“ wollen, was ihm eine kurz vorm Heulen gelagerte Standpauke meinerseits einbrachte, die er bedrückt zur Kenntnis nahm und ihn zu einer ehrlichen Entschuldigung veranlasste, nicht aber dazu, sich von seinem Computer abzuwenden), auch so schnell keine Anstalten machte, daraus wieder hervorzukommen. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich vermutlich den ganzen Tag darauf gelauert, er könne vielleicht doch irgendwann noch anfnagen, mir mit meiner Arbeit behilflich zu sein, zumindest nachdem der wenigstens augenscheinlich wichtige Teil seines Treibens abgehandelt war und bevor er sich dazu entschloss, sich Python wieder beizubringen.

Oh well. So ist das. Ich bin dann halt auch nicht in der Lage, ihn irgendwie darauf aufmerksam zu machen, dass ich Hilfe gebrauchen könnte. Victim-Blaming-Alarm, badakit, aber mehr als subtile, freundliche Bemerkungen bringe ich beim besten Willen nicht zustande. Ich bin einer von den unfassbar nervigen Menschen, die immer verlangen, dass ihre Vertrauten sie verstehen, ohne dass Worte dafür fallen müssen. Mama würde sagen, „du denkst immer, wir sind alles Hellseher.“ Aber das findet sich bei mir an vielen Stellen; ein Großteil von dem, was mir über den Tag hinweg an verbalen Äußerungen begegnet, erscheint mir überflüssig. Talkshows: überflüssig. Labernde Politiker: überflüssig. Ohne Inhalt ist alles überflüssig. Mich selber vermutlich, nein, definitiv eingeschlossen. Ich: überflüssig. Ich sehe meine neue, mit Schafen und Pfeilen bedruckte Frühstückstasse schon vor mir, in der mir R meinen Kaffee ins Zimmer bringt. Sie sagen so vieles, was einfach schon so unfassbar klar ist. Wozu das Ganze dann nochmal sagen, nochmal und nochmal, und am besten, weil’s so schön war, gleich nochmal?

Abschließend möchte ich berichten, dass es meinem entwurzelten Zahn nunmehr wieder gut geht. Das war nicht immer der Fall; gestern habe ich die entsetzlichsten körperlichen Schmerzen meines bewussten Daseins erfahren und, wie seit Anbeginn meiner Erinnerung nicht ein Mal, das Bedürfnis erlebt, vor Schmerzen zu weinen. Habe es dann verständlicherweise mit Schockzustand übertüncht und auf dem Nachhauseweg von der Zahnarztpraxis nachträglich ausgelebt. Der Zahn, welcher theoretisch keinen Mucks mehr hätte von sich geben sollen, hat mich bis zum Abend so hartnäckig geplagt, dass ich mein eigenes köstliches Curry nicht essen konnte und frustriert wie nichts Gutes Caro und Janine bei Skype über diesen Umstand die Ohren zujammerte. Umso erstaunlicher daher die Wendung, die sich in der Nacht vollzogen haben muss: als ich aufwachte, war jeglicher Schmerz verschwunden. Gesegnet sei das Leben ohne Horrorqualen. Das heißt dann hoffentlich, dass sie den Zahn am Donnerstag endgültig fertig machen wird und („hoffentlich“ Ende) ich mich auf eine Rechnung freuen kann, die das Ausmaß meiner Schmerzen wohl in ihrer Scheußlichkeit nur geringfügig unterbietet.

Ade, liebe Welt. Morgen bin ich wieder arbeiten und werde also vermutlich wieder ein bisschen Zeit haben, diesem Blögchen etwas mehr an Gelaber zuzuführen.

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