Hurra…

Standard

Die frohe Kunde lautet: Du wirst in der nächsten Zeit weitaus mehr von mir hören, vorausgesetzt, ich versacke nicht komplett (was nicht der Plan ist). R hat heute Früh um kurz nach sieben mit vollgestopften Reisetaschen sowie einem dramatischen Bus-Hinterherschrei-Abgang seine dreimonatige Tätigkeit als reisender Verdi-Infostand-Mensch angetreten und ein um Längen zu verstört für die Welt aus – ich gebe zu – bedenklich wässrigen Augen blinkendes Aspi zurückgelassen. (Der Bus hielt tatsächlich noch an, ich konnte das Ganze vom Bett aus verfolgen.)

Lass mich kurz umreißen, was ich bisher zu berichten versäumt habe.

Ein Praktikumsbericht

Ich habe es irgendwann geschafft, bei dem Gemüsehof anzurufen, den ich zu Praktikumszwecken im Auge hatte, und durfte gleich am nächsten Tag anfangen.

Arbeitsschuhe: Ein ambiges Verhältnis

Es hatte geregnet; ich habe mir matschfeste Schuhe von R unter den Nagel gerissen, weil ich sowas seit Jahren nicht mehr besitze, und bin fröhlich am nächsten Morgen um acht zum Dienst angewatschelt gekommen. Du machst dir keine Vorstellungen. Ich dachte wirklich, die Schuhe würden einigermaßen passen. Leider macht eine Differenz von vier Schuhgrößen auf dem Feld dann doch was aus, wenn du dabeibist, dich zwischen Reihen von Erdbeerpflänzchen im Krebsgang entlangarbeitend das Unkraut herauszureißen. Meine rumänischen Kollegen waren zu Recht erheitert von meinen Versuchen, mir vom Matsch nicht die Schuhe von den Füßen reißen zu lassen und dabei noch irgendwie voranzukommen. Oh well.

Der Kampf mit den Tomaten

Später führten mich die Kollegen in ein neben dem Erdbeerfeld gelegenes Gewächshaus mit Tomaten, welche aus dem Boden gerissen werden sollten. Hah. Man hatte mir keine Arbeitshandschuhe gegeben und meine Hände waren vom Unkrautpflücken (ich sage mit voller Absicht nicht „jäten“, das klingt einfach zu sehr nach gechilltem Zeitvertreib im eigenen Gärtchen) mit einer Mischung aus Matsch und Blut imprägniert (ich hatte die Hand gewechselt, als ich bemerkte, dass die linken Finger aufgerissen waren, und mit der rechten versucht, vorsichtiger zu sein, aber irgendwann war die auch hinüber). Zarte Studentenhände halt. Ich wollte eben auch nicht langsamer sein als die Kollegen, sodass ich mich von der ersten Sekunde an praktisch rücksichtslos überbeansprucht hatte.

Tomaten aus dem Boden reißen. Ich hatte keine Gelegenheit, optimistisch heranzugehen, denn bereits beim Betreten des Urwalds warnte mich einer der Kollegen in den paar Brocken Deutsch, die er beherrschte: „Aber ist… hart.“ Oh yay, wer hätt’s gedacht. Einer packte seine Gummihandschuhe aus und ich fragte ihn, ob es davon noch irgendwo welche gäbe. Er verneinte; das seien seine eigenen. Ein anderer zeigte mir, wie man die Pflanzen am besten anpackt. Ich kopierte. Erfolglos. Eine nach der anderen brach mir ab, ohne dass sich die Wurzelballen im Entferntesten aus ihrer Verankerung gelöst hätten. (Der Chef bemerkte später beiläufig, dass es sich hier um veredelte Tomaten mit extra starken Wurzeln handelte. Gut, das erklärte einiges.) Dafür waren meine Hände nicht mehr schlammig, sondern hatten die Tomatentinte durstig aufgesaugt. Ich sah mich gezwungen, die Technik zu ändern und die Pflanzen nicht auf halber Höhe an den Stielen, sondern direkt am Boden unter den Wurzeln zu packen. Das führte zu besseren Ergebnissen, war aber nicht so die optimale Behandlung für den Rücken. Ich hatte aber natürlich den Zimperlichkeitsmodus mit meiner Ankunft auf dem Feld am frühen Morgen deaktiviert, und die langen Reihen Erdbeeren hatten ihr Übriges getan, sodass ein bisschen mehr Qualen für das geschundene Kreuz kaum mehr relevant schienen. Ich plagte mich noch eine Weile ab – alle Anderen waren inzwischen im Tomatendickicht verschwunden – und stopfte mir nebenbei immer mal wieder eine der in Massen noch an den herausgerissenen Pflanzen hängenden Tomaten in den Mund.

Vertragsabschluss

Ich weiß gar nicht, was mich geritten hat, als ich nach diesem Vormittag noch immer ungetrübt und guter Dinge zum Chef ins Büro torkelte und mir den Praktikumsvertrag aushändigen ließ. Drei Monate sollte das Ganze gehen, zwanzig Stunden die Woche. Fürs Erste wurde ich nach Hause entlassen, um die Umstellung von geistiger auf körperliche Arbeit nicht ganz so abrupt zu gestalten. Dafür sollte ich an den nächsten beiden Tagen dann je acht Stunden arbeiten.

So ging ich also nach Hause, und trotz körperlicher Gebeuteltheit und dem Gefühl, dass meine Zehen mit Hammern bearbetiet worden waren, wähnte ich mich auf einem hervorragenden Weg. Natürlich; ich schlammte die Straßenbahn voll und fühlte mich wirklich nicht wie ich selbst mit den klobigen Arbeitsschuhen und den hässlichen, verschwitzten und von Tomatentinte verfärbten Klamotten, die ich mir für die Arbeit ausgesucht hatte. Aber ich kam nach Hause und verkündete begeistert, wie wach mich das Arbeiten gemacht hatte und welch einen sympathischen Eindruck dieser Betrieb auf mich machte. Und nebenher auch, dass R’s Schuhe mir das Leben gerettet hatten und leider auch dementsprechend aussahen. Ich pflanzte mich (so dreckig, wie ich war) zu R und Evita, die uns gerade besuchte, aufs Sofa und machte R im Boggle fertig. Keine Stunde später fiel ich ins Koma.

Tag zwei

Am Morgen des nächsten Tages traf ich ein paar Vorkehrungen. Zum Einen klebte ich ein Pflaster auf die aufgescheuerte Stelle am Knöchel, die ich den lebensrettenden Schuhen zu verdanken hatte. Zum Anderen zog ich eine zweite Socke über den linken Fuß, um ihm das Leben in besagtem Schuh zu erleichtern. Für den rechten Fuß hatte ich keine Socke mehr, denn nichts, das ich noch an Socken dahatte, war mir verranzt genug, um ihm diese Arbeitsumgebung zuzumuten. Aber der linke Fuß war eh bedeutend schlimmer dran. Ich humpelte zur Arbeit und kam drei Minuten zu spät, weil ich gerade die Bahn verpasst hatte und schon rennen musste, um die noch zu erwischen, die eine Minute später fuhr. Rennen war schmerzhaft. Die Schmerzen im Rest meines Körpers erschienen mir fast unbedeutend im Vergleich mit den Qualen, die es bedeutete, in R’s atmungsaktiven, herrlichen, nur eben riesengroßen Schuhen daherzuschreiten.

Der Chef wollte wissen („Ich frag mal ganz provokant“), ob acht Uhr nicht meine Uhrzeit sei, schließlich war es schon zehn nach, bis ich ihn fand. Ich war durch den Laden gekommen und hatte die Unterlagen in seinem Büro abgelegt, war dann ein paarmal hin- und herspaziert zwischen Laden und der großen Halle, in der ich laut einem der Ladenarbeiter auf ihn warten sollte – wenn ich das richtig verstanden hatte, denn mit dem Dialekt, den sie da alle reden, kam ich noch nicht wirklich gut klar. Ich verwies auf diese Schwierigkeiten und erklärte, ich sei pünktlich gewesen. Er ließ es darauf bewenden und ich wurde mir schmerzlich bewusst, dass es am nächsten Tag wohl unumgänglich sein würde, wieder einen Bus früher zu nehmen.

Bohnen

Ich wurde zu einem Tunnel gebracht, der nicht allzuweit vom Laden weg lag. So hatte ich immerhin eine Chance, dachte ich mir, zur Mittagspause den Weg zum an den Laden angrenzenden Pausenraum alleine zu finden – im Gegensatz zum Tag davor, an dem ich mit Transporter und Traktor von A nach B kutschiert worden war.

Es wuchsen Bohnen in diesem Tunnel, und der Chef wies mich an, die zu den Seiten wachsenden Pflanzen am oberen Ende abzuschneiden, damit sie sich noch einmal verzweigen würden. Mein Arbeitsmesser, von dem ich nicht wusste, dass es meins sein sollte, hatte ich natürlich tags zuvor bei den Tomaten liegenlassen, als mich der Chef unerwartet zur Pause rief. Also erhielt ich ein neues und war schon froh, ihm genau sagen zu können, wo ich das alte Messer abgelegt hatte. Nicht im Bestand (wie er befürchtete), nein, sondern vornedran, da ist so eine Konstruktion, da liegt es drauf. Er muss sich auch nur gedacht haben, oh Scheiße, diese Studenten immer.

Ich bekam gezeigt, wie die Bohnen zu schneiden waren. Man brauche sich nicht verkünsteln, einfach hier, so, ab damit. Ich sollte ein paar unter Beobachtung kappen, tat, wie mir geheißen, wurde noch einmal korrigiert und dann alleingelassen. Der Sohn vom Chef kam kurz vorbei, um die mittleren Reihen zu bearbeiten (zu hoch für mich!), dann war wieder Ruhe und ich freute mich ob dieser doch sehr entspannten Tätigkeit. Wirklich – abgesehen davon, dass einem bald der Arm abfiel, weil selbst die seitlichen Pflanzen von der Höhe doch immer noch ein Stück über meiner eigenen anzusiedeln waren, musste man kaum Strapazen aushalten. Ich ließ mir Zeit, als ich bemerkte, dass ich bald fertig sein würde. Unkraut sollte ich auch entfernen; dies tat ich mit einer Gründlichkeit, wie sie vermutlich absolut nicht vorgesehen und noch weniger erwünscht war. Unkraut bedeutete hier nicht ein kleines zartes Ding mit zwei Blättchen, Unkraut waren Büsche von Portulak und Gräsern und jede Menge andere Pflanzen, die mir unbekannt waren, unter Anderem diejenigen, an denen ich mir tags zuvor bei den Erdbeeren die Hände aufgeschlitzt hatte. Aber ich war vorbereitet; ich hatte Handschuhe dabei. Die wunderbaren nämlich, die Becci und ich in Granada geholt hatten, um mir die Haare zu färben. Darin schwitzten meine Hände wie blöd, aber immerhin blieben sie ganz.

Arbeitslosigkeit

Irgendwann konnte ich beim besten Willen kein verirrtes Tomatenpflänzchen, kein Hälmchen mehr auftun und musste wohl oder übel aus dem Tunnel raus, um nach neuer Arbeit zu suchen. Dies tat ich höchst ungern, denn draußen trieben sich die rumänischen Kollegen herum, von denen mich eine unüberwindbare Sprachbarriere trennte, wuschen Kürbisse, riefen sich kurze Sätze zu, lachten, verluden Kisten voller Salatköpfe. Vor meinem Tunnel hatte sich eine riesige Lache mit Schlamm gebildet, weil das Kürbiswaschwasser sich dort vor dem Eingang sammelte. Ein Grund mehr, dankbar für die Folterinstrumente an meinen Füßen zu sein. Ich rief dem Kollegen zu, ob ich ihm helfen solle. Er kapierte nicht, was ich wollte. Ich sagte „Ajuto?“, wie ich am Tag davor von einem anderen Menschen vernommen zu haben glaubte – Vasille, der mein erklärter Lieblingskollege war (vielleicht auch, weil er der einzige mit akzeptablen Deutschkenntnissen und mir freundlich gesinnt war) und mir gegenüber die erste Zeit in den Erdbeeren gearbeitet hatte. Dieses Exemplar aber schaute nach wie vor verständnislos. Ich gab auf und fragte resigniert, ob er den Chef irgendwo gesehen hatte. Er sagte „Chef, nix“. Ich ging zum nächsten Kollegen, der auch nur den Kopf schüttelte, als ich anbot zu helfen. Mein Handyakku war natürlich leer, sodass ich den Chef nicht anrufen konnte. (So ein Pech aber auch.) Irgendwann hatte einer der Kollegen Erbarmen und bedeutete mir, ich solle „sortieren Kisten. Grün ist grün, blau ist blau, Kompost… Diese Palette.“ Es dauerte eine  Weile, bis mir das System klarwurde, aber dann entlud ich erleichtert eine Kiste nach der anderen von der Palette in die entsprechenden Behälter und sortierte sie auf die danebenstehenden Stapel.

Mit Grauen musste ich feststellen, dass auch die Tätigkeit mir nur eine halbe Stunde verschafft hatte, und es war noch immer weit vor zwölf. Nach einer Weile wirklich dummen Herumstehens riss ich mich zusammen und ging in den Laden, um nachzufragen, wo sich der Chef herumtrieb. Die konnten es mir nicht sagen und einer drückte mir auf mein Nachfragen hin ein Telefon in die Hand. Der Chef sagte mir, ob ich erstmal Pause machen könne – er wäre in einer halben Stunde da. Gesagt, getan. Ich wusch mir die Hände, was um einiges leichter ging als am Vortag nach dem Erdbeertomatendebakel, und verzehrte mein mitgebrachtes Brot und den Tee aus der Thermoskanne. Ich hatte den Pausenraum noch nicht gründlich genug inspiziert, um zu bemerken, dass es dort Mikrowelle und Wasserkocher gab.

Der Chef kam und klärte mich auf, dass es noch drei Tunnel gab, die ich hätte bearbeiten sollten – nicht bloß den einen. Gut, dass mir das mal jemand gesagt hatte. Er hatte offenbar von seinem Sohn erwartet, dass er mir das kommunizierte, nur der war ja kurz nach seinem Eintreten auch schon wieder verschwunden – und hatte, wie sich herausstellen sollte, die anderen Tunnel kurzerhand alleine bearbeitet. Auch die Seiten. Ich fühlte mich betrogen. Jedenfalls machte ich mich nach der halben Stunde Pause dann wieder auf in den vierten Bohnentunnel, den mir der Sohn gnädigerweise noch gelassen hatte, und fand mich gerade trotz des permanent ansteigenden Schmerzlevels in den Zehen wieder schön ein in der Schnibbelarbeit, da wurde ich vom Chef herausgepfiffen. Ich ließ meine Wasserflasche liegen, schließlich war abgesprochen, dass ich mich weiter den Bohnen widmen sollte – oder dem, was davon übrig war -, aber der Chef hatte doch andere Pläne.

Tomatendschungel die Zweite

Er forderte mich zum Mitkommen auf und sammelte in einer kleinen Tour durch diverse Hallen eine Schubkarre, Mistgabel, Kehrschaufel und Besen ein. Mein Messer wurde in einer Schublade mit einigen seiner Artgenossen zwischengelagert. Die Reise führte zu einem Gewächspalast etwas weiter links von den Bohnentunnels. Drinnen erstreckten sich Reihen über Reihen verschiedenster Sorten Tomaten bis zur Decke und so weit nach hinten, dass man das Licht an der anderen Seite nur schemenhaft ausmachen konnte (und auch nur, wenn man wirklich schnurgerade zwischen den Reihen hindurchsah). „Das Gewächshaus hier muss ausgeräumt werden“, sagte der Chef, „alles Grünzeug auf dem Boden kannst du mal aufkehren und rausräumen.“ Er machte mir vor, wie es gehen sollte: Einige Meter der knöcheltief liegenden Abschnitte zusammenkehren, mit der Schaufel auf die Schubkarre laden und nach draußen auf die bereitstehende Mulde laden. Er legte ein Brett als Rampe bereit und ließ mich einen Probedurchlauf starten. „Es sollte so funktionieren – bisher ist noch niemand runtergefallen.“ (Ich erwiderte daraufhin, ich würde es hinbekommen und die Erste sein – egal. Spoiler: Ich fiel nicht runter.)

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich also damit, das Monster von einem Gewächshaus von Abschnitten zu befreien. Ich belud die Mulde mit teils trockenem, teils abartig nassem und demzufolge unheimlich schwerem Grünzeug vom Boden, navigierte die Schubkarre bestimmt achtzig Mal die Rampe hinauf und herunter und wurde bei jedem Schritt mit Aufschreien meiner Zehen konfrontiert, denen das Auf und Ab dank dem unvorteilhaften Hohlraum zwischen ihnen und der Schuhwand zum Albtraum wurde. Plong, plong, donnerten die Zehen gegen die Innenseiten ihrer Umhüllung, und jedes Mal, wenn ich Anlauf nahm, um die Schubkarre das Brett hochzuwuchten (ich hatte relativ schnell raus, dass ich sie doppelt so hoch beladen konnte, wie es der Chef vorgemacht hatte, um mir die Hälfte der entstehenden Wege zu ersparen), war mein ganzer Körper ein einziger Klumpen protestierenden Gewebes.

Breakdown

Ich habe das ganze Gewächshaus geschafft, wohlgemerkt – ich habe gut gearbeitet, weil alles Andere nicht in meine Vorstellung passt. Zwischendrin habe ich mich hinter die Schubkarre gehockt und noch ein paar Minuten Pause gemacht – eine halbe Stunde stand mir ja eh noch zu. Der Boden des Gewächshauses war übersät mit prallen, reifen Tomaten, die alle dem Untergang geweiht waren. Irgendwann zwischen den beiden vorvorletzten Reihen kollabierte meine Psyche. Ich sah mich um und war angewidert von allem um mich herum. Die robusten Tomatenpflanzen, hochgezogen wie Mastkühe und genau so wenig respektiert: die Industrie lässt sich mit einem gesunden Respekt vor dem Produkt nicht vereinbaren. Der grobe Umgang mit der Materie, weil, selbst in diesem bodenständigen Betrieb, der Mensch mehr Produkt erzeugen, sich mehr Arbeit aufladen muss, als er eigentlich imstande ist zu liefern. Dadurch kannst du es dir nicht mehr leisten, auf die Kleinigkeiten zu schauen. Dem bin ich nicht gewachsen. Ich bestehe aus Kleinigkeiten, mein Wesen, mein ganzes Denken. Wie ich hier die am Boden liegenden Früchte zertrete und mich kaum drum schere, abgestumpft, von der ersten Minute an mit der gebotenen Respektlosigkeit – weil ich eben weiß, dass alles seine Zeit hat und mein Respekt, meine kleinigkeitenbezogene Art, die Dinge gern genau anzusehen, langsam, gründlich, bedacht vorzugehen, jede Sanftheit an dieser Stelle fehl am Platz ist. Alles an Bedenken. An Gewissen. Eigentlich alles an mir.

Admitting defeat

Ich habe es geschafft, die Mulde so eng zu beladen, dass ich niemanden der Kollegen zwischendurch bitten musste, sie wegzufahren. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie. Ich habe mich außerdem bald wieder eingekriegt, denn irgendwie schwante mir, dass ich nicht zufriedener mit mir sein würde, wenn ich neben all meiner Unfähigkeit, diesen Männerberuf auszuüben, auch noch einen Heulkrampf im Gewächshaus schiebe. Zumal ich ja Anderes zu schieben hatte, Dinge wie Schubkarren und Besen. Mein Rücken war mittlerweile bei jeder Bewegung am Rebellieren und von den Füßen muss gar keine Rede mehr sein. Ich habe es meinem Ehrgeiz zu verdanken, dass ich nach getaner Arbeit ohne abzusetzen die Utensilien wieder einsackte und dort verstaute, wo ich ihren Aufbewahrungsort vermutete, mir mein Messer wiederholte und zu den Bohnen zurückstakste auf Dingen, die die Bezeichnung Füße kaum mehr verdienten. Die Handschuhe hatten mir am Morgen und beim Aufladen der Tomatenabschnitte auf die Schubkarre sowie beim Verräumen auf der Mulde zwar exzellente Dienste geleistet, jedoch waren sie so klatschnass von innen, dass ich es vorzog, den Rest der Bohnen in Tunnel vier ohne Handschutz zu kappen. Ich arbeitete mich da durch, so schnell und effizient ich nur konnte – ich wollte nichts als nach Hause. Um fünf vor fünf war ich mit dem Tunnel fertig, hatte meine Sachen aus dem Pausenraum aufgesammelt und wirklich, wirklich nichts mehr zu tun, also beschloss ich, mich trotz der fünf Minuten, die ich mir damit erstahl, wortwörtlich vom Acker zu machen. Ich ging nicht durch den Laden raus – mittlerweile hatte ich gelernt, dass es hintenrum genau so gut zur Straße ging. Natürlich verpasste ich die Bahn, weil ich praktisch unfähig war, noch irgendwie vom Fleck zu kommen. Als ich – halb sieben – nach Hause kam, begrüßte mich R an der Tür und sagte, er hätte Aussicht auf einen neuen Job. Ferner hatte er beschlossen, nicht zu Space zu gehen und stattdessen mit Evita und mir Carcassonne zu spielen. Ich zog mir die Schuhe von den Fußklumpen, stolperte zu ihm hin und brach in Tränen aus.

Am Morgen des dritten Tages konnte ich mich gerade noch so aus dem Bett quälen und meinen Chef anrufen mit den Worten „Peter, folgendes Problem: Mein Körper ist ein Waschlappen.“ Mein Chef, ein unheimlich easy going, korrekter Mensch (das costarricanische Wort wäre pura vida), entließ mich ebenso bereitwillig aus dem gerade geschlossenen Vertrag, wie er mich zuvor in den Betrieb aufgenommen hatte. Er sagte einfach, er fände es gut, dass ich das so offen verkünde und nicht ewig „herumeiere“. „Dann canceln wir das Ganze.“ Ich habe noch nie so erleichtert irgendwo zu arbeiten aufgehört.

Joa. Erleichtert einerseits, andererseits war das Loch daraufhin nicht zu unterschätzen, das sich vor mir und meiner erneuten kompletten Ziellosigkeit auftat. Zum Glück habe ich mich relativ schnell wieder berappelt; es war auch bei aller geballten Sinnlosigkeit doch ein ziemlich gutes Gefühl, mich und meine lila-blauen Zehennägel von den Strapazen zu erholen und einfach wieder gar nichts zu tun. R’s Job als Verdi-Mensch nahm ziemlich bald Gestalt an; er hatte ein Vorstellungsgespräch über Skype, am nächsten Tag kam die Nachricht, dass er genommen worden war, und gestern ging’s auf zur Schulung. Heute wird er dann direkt einer Gruppe zugeteilt und wer weiß wohin verschifft. Natürlich innerhalb der deutschen Landesgrenzen, aber da bleibt ja trotzdem eine Menge an Orten übrig, an denen er landen kann. Dann geht es wochenweise in die nächste Stadt. Das Ganze erstmal bis Ende Dezember, aber mit guten Chancen auf Vertragsverlängerung. Er bekommt mehr Gehalt als beim Callcenter (Kunststück), und falls er genug Mitglieder wirbt, auch noch was obendrauf. Da R für diese Art Promojob nunmal wie gemacht ist (oder der Job für ihn; man weiß es nicht), gehe ich stark davon aus, dass er bis Ende des Jahres genug verdient, um mir seine Schulden zurückzuzahlen, und sich zusätzlich für das Studium ein bisschen etwas hamstern kann. Zu wünschen wäre es ihm jedenfalls. Und vielleicht geht ja sogar sein Tinnitus weg dabei.

Ich hingegen lebe nun erstmal den Rentneralltag weiter, den R und ich uns die letzten Monate geteilt haben, nur eben alleine. Ich sitze mit Kaffee vor dem Computer und schaue der Katze zu, wie sie draußen auf der Terrasse ihren geliebten zerfledderten Karton noch weiter auseinandernimmt. Übermorgen treffe ich mich zum Probearbeiten mit meiner neuen potenziellen Englischschülerin. Sie ist fünfundfünfzig Jahre alt und hat ein halbes Jahr Zeit, um auf ein gutes Niveau zu kommen. Sie hört sich unwahrscheinlich lieb und motiviert an, wir haben neulich telefoniert. (Sie hat angerufen. Ich konnte mich nicht dazu bringen.) Ich freue mich. Und morgen Abend fahre ich mit Felix containern. Mein Kühlschrank ist zwar voll, weil wir letztes Wochenende bei Becci waren und sie und ich mal wieder einen Megafang hatten – aber es wird ja auch wieder kalt draußen und der begehbare Kühlschrank namens Terrasse wartet sehnsüchtig auf Einweihung. (Der 5-l-Eimer Joghurt, der schon drauf steht, zählt irgendwie nicht richtig.)

Es ist sonnig draußen, aber kalt. Ich sollte noch ein paar Pflanzen reinholen.

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