Wenn der Therapeut gestört ist…

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Whoa. Ich habe gerade die erste Runde Therapeuten für Becci abtelefoniert und bin heilfroh, das selbst gemacht zu haben. Nicht auszudenken, was diese Odyssee mit Leuten machen soll, die eh schon kaum in der Lage sind, überhaupt irgendetwas zu tun, geschweige denn von zigtausend potenziellen Helfern abgewiesen zu werden.

Am besten war ein gewisser Dr. Martin Jost (volle Namensnennung in voller Absicht!), welcher mir Folgendes zu schlucken gab: „Ach, für eine Freundin? Also, so über Dritte mache ich das normalerweise nicht. “ Und auf meine Entgegnung hin, dass die Frau seit einem knappen Jahr in einer schweren depressiven Episode steckt und so etwas einfach gerade nicht kann, dann mit der Einfühlsamkeit eines intergalaktischen Highways: „Dann sollte sie sich vielleicht mal in der Psychiatrie vorstellen, wenn es so schlimm ist. Wie soll sie denn zu mir kommen, wenn sie nichtmal anrufen kann? Also, das läuft hier nicht über Hausbesuche. Da muss sie sich schon persönlich vorstellen und selbst anrufen.“

Hallo? Also erstmal: Was, erinnern Sie mich bitte, ist eigentlich normal – gerade in Ihrem Berufsfeld? Und außerdem: Sie sind der Therapeut von uns beiden, oder verstehe ich das falsch? Sollte man sich als fertig ausgebildeter Psychologe nicht eventuell mal mit dem Gedanken befasst haben, dass Leute nicht gleich völlige Krüppel sein müssen, nur weil sie eine an sich leichte Sache nicht gebacken kriegen? Und dass man selbst dazu da ist, Leuten diese Ängste zu nehmen, statt ihnen verständnislos den Rücken zuzuwenden?

Weißt du, wie kurz ich vor dem Heulen war, immer noch bin, vor Hilflosigkeit angesichts eines solchen menschlichen Totalversagens? Als Psychologe?! Wie will er bitte Leuten helfen, die es nicht schaffen, von allein sich bei ihm „vorzustellen“, wenn er nichtmal erlaubt, dass der Kontakt zustandekommt? Wie weit ist es mit der Welt gekommen, dass solche Menschen erfolgreiche Therapeuten sind, von Patienten überschwemmt bis Ende des Jahres?!

Dazu kommt ja noch, dass ich natürlich praktisch selbst nicht in der Lage bin, Gespräche dieser Art am Telefon zu initiieren, und dies überhaupt nur getan habe, weil ich unbedingt Becci helfen möchte, sodass dieses geballte Unverständnis sich im Grunde gegen mich genausosehr richtet – was es nochmal umso verletzender macht.

Also, ich weiß ja nicht, wie es dir damit geht, aber mir vermittelt das Ganze ein ziemlich mieses Gefühl im Bezug auf die Gesundheit des Gesundheitssystems. (Davon mal ganz abgesehen, dass eh ein absurder Mangel an kassenzulässigen Therapeuten herrscht, einfach weil die Menge der zugelassenen Ärzte sich an Statistiken aus dem letzten Jahrhundert orientiert. Facepalm hoch neunundneunzig.)

Ich habe gerade versucht, Becci zu erreichen, um sie über das Wenige, das ich tatsächlich für sie herausfinden konnte, zu informieren, aber sie scheint nicht die Zeit oder die Lust zu haben, auf ihr Handy zu schauen. Macht auch nichts. Was ist schon ein weiterer nicht erreichbarer Mensch nach diesem ganzen Debakel.

Ich habe mir daraufhin einen Irish Coffee mit Beccis epischstem Kaffeelikör zubereitet, den sie nicht mag, weil er zu sehr nach Kaffee schmeckt, und sitze jetzt hier ohne großartigen Plan, was ich noch tun könnte. Draußen scheint die Sonne, meinen Keimlingen auf den Fensterbänken geht es gut, aber es ist zu kalt, um nach draußen zu gehen.

Wenn es nur endlich warm wäre. Du machst dir keine Vorstellungen, wie ich mich auf die Zeit freue, wenn ich endlich die Terrasse wieder mit Pflanzen bestücken kann. Wenn ich aus dem Urlaub komme, kann ich Petunien vorziehen und Ringelblumen und Basilikum; die Kürbisse und Melonen werden schon richtig ansehnlich gesprossen sein und die Tomaten so prächtig, dass ich sie alle in größere Gefäße hinein werde pikieren müssen. Und noch einen Monat später kann alles schon ab nach draußen. Die Morning Glory ist bereits jetzt am Entwickeln kleiner Blättchen und streckt sich munter dem Fenster entgegen; dieses Jahr wird sie rechtzeitig blühen. Ich habe vom Sperrmüll einen wunderschönen Obelisken mitgebracht, um den sie sich ranken wird. Was freue ich mich auf den Sommer!

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