Ruhe nach dem Sturm

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Es war das heftigste Gewitter meines bisherigen Lebens. R weckte mich auf, ich weiß gar nicht mit welcher Absicht, und ich, mir der Situation gewahr werdend, aber schlafentrissenerweise noch ohne viel Zugriff auf meine artikulatorischen Fähigkeiten, sagte „Der Flokati.“

-„Ist er draußen?!“

„Ja.“

„Also ich hol den nicht rein jetzt.“

„Nein! Aber unter den… das… Wie heißt das denn.. unter den Balkon, den von obendrüber, unters Dach!“

R machte unbegeisterte Geräusche. Dann musste ich halt selber ran. Entnervt schwang ich mich aus dem Bett – nenn mich sexistisch, aber während ich gut darauf verzichten kann, dass man mir Türen aufhält, Spinnen entfernt oder teure Geschenke macht, bin ich der Meinung, dass es zu den Dingen gehören sollte, die mein Freund für mich bereit ist zu tun, sich im schlimmsten Regen des Jahrtausends auf den Balkon zu bewegen und einen Teppich ins Trockene zu bringen. Aber nein, R meint dies nicht, also stürzte ich mich selbst in die Fluten und positionierte bei der Gelegenheit auch gleich die Eimer unterhalb des übernachbarlichen Balkonrandes (ich habe nie von dieser Fehlkonstruktion berichtet, aber dieses Haus ist auf eine solche Weise erbaut, dass bei Regen aus zentral im Rand angebrachten Abflüssen aller über uns liegenden Balkone kaskadenweise das Wasser auf den unsrigen herabströmt, welcher nicht mit einem derartigen Abfluss gesegnet ist, sondern Abflussmöglichkeiten besitzt, welche unter den Bodenplatten liegen und größtenteils blockiert sind, egal, wie gründlich man die Fugen reinigt. Go figure, wo sich das ganze Wasser demzufolge ansammelt). Durch die Blitze wurde es sekundenweise taghell; ich habe noch nie so helle Blitze erlebt.

Ich war durchnässt und zitterig, als ich wieder reinkam, legte mich zurück ins Bett und beobachtete mit R die auf der Straße bergabwärts strömenden Wassermassen, erfreute mich an der tropisch anmutenden Intensität des Gewitters, bewunderte die Blitze und sorgte mich um meine Pflanzen.

Dementsprechend groß war vorhin meine Erleichterung, als ich begeistert feststellte, dass keinem Pflänzchen auch nur ein Stielhaar gekrümmt worden war. Die Guten sind doch allesamt widerstandsfähiger, als ich sie eingeschätzt hatte; sogar die zarten Zimtbasilikumstängelchen waren unversehrt. Der Regen hat ihnen allen einfach nur gutgetan; man kann förmlich zusehen, wie sie in die Höhe schießen und gedeihen. Ich habe die prächtigsten Tomaten, die ich je besessen habe. Ringelblumen wuchern überall. Der Kürbis explodiert förmlich. (Es kann auch eine Melone sein. Ich weiß wirklich nicht, wie ich die beiden in diesem fruchtlosen Stadium auseinanderhalten soll, also warte ich einfach ab, was die jeweiligen Pflänzchen irgendwann so hervorbringen.) Die Zinnien fangen an zu blühen, rot und pink bislang. (Eine Zinnie fiel meiner viertägigen Abwesenheit zum Opfer, als es heiß wurde und R’s Vernachlässigung meine Balkonbepflanzung auf harte Proben stellte. Zum Glück war sie die einzige, die dran glauben musste.) Der Topinambur ist bald größer als ich, und die Kartoffelhecke macht sich hervorragend an der wenig dekorativen Balkonmauer. Die Azorenpflanzen entwickeln sich zu wahren Juwelen, und ich kann es nicht abwarten, bis sie blühen. Die Physalis mit ihren gesunden, samtweichen Blättern sieht genau so aus, wie sie sein soll. Pfefferminze wuchert wie ein Wald, die vom Brandt geschenkten Zucchini haben tausend Knospen, Schalen mit Genoveserbasilikum und Oregano treiben und grünen, Wildblumen sprießen in Scharen. Und zwischendrin tummeln sich Zitronenbasilikum und kleine Löwenmäulchen und warten auf ihre Chance, dem Schatten der Großen zu entwachsen. Noch keinen Junianfang hatte ich eine so vielversprechende Ansammlung an Pflanzen. Ich freue mich wahnsinnig auf den verbleibenden Sommer.

Mein Urlaub neigt sich dem Ende zu; Montag fängt die Schule wieder an und somit mein letzter Monat mit Sophi; die Noten des schriftlichen Abis werden am 18. verkündet und ich bin hochgespannt. Gleichzeitig natürlich verdränge ich weiterhin wie ein Weltmeister die Tatsache, dass ich ab Juli ohne Schüler dastehe und daran dringend etwas ändern müsste, denn auch wenn ich mir im letzten Dreivierteljahr ein beruhigendes finanzielles Polster erarbeitet habe, lähmt mich die Angst vor dem Mangel an Einkünften. Ich bin in der Therapie daran am Arbeiten, diesen Druck zu verstehen und zu bändigen. Und sie bietet mir zudem die Möglichkeit, nachzuvollziehen, wie Dramen der Sorte „letztes Wochenende“ entstehen und vielleicht, irgendwann, was ich tun kann, um dies zu verhindern. (Das Drama zog auch vorbei, ähnlich dem Gewitter. Bloß dass im Gegensatz zu den reinigenden Qualitäten des Letzteren von den Dramen immer eine Spur bleibt. Oder eher: eine Narbe. Es bleibt eine Narbe.)

Ich will dir mal was sagen. Ich habe es über weite Strecken der vergangenen Jahre vermieden (und vermeide nach wie vor), mich mit meinen innersten Zweifeln und Konflikten aktiv auseinanderzusetzen; ich vermeide es, so gut es geht, und nicht aus freiem Willen, sondern weil irgendein Teil von mir es mir so vorschreibt. Ich habe Schwierigkeiten, mein Blögchen zu betreiben, weil mir nicht einfällt, was ich schreiben könnte, während die Sachverhalte mir nicht zugänglich sind, die es wert wären, sich damit zu beschäftigen. Daraus ergibt sich dann die (berechtigte) Befürchtung, ein falsches Bild zu vermitteln, und daraus wiederum der Unwille, überhaupt etwas zu schreiben. Ich habe ewig gedacht, es läge daran, dass ich nicht mehr alleine wohne und die Zeit für Anderes aufwenden möchte, aber eigentlich ist es alles nur Teil eines gigantischen Verdrängungsmechanismus. Ich bin mir nicht sicher, was mit dieser Feststellung nun anzufangen ist, aber ich bin jedenfalls froh, sie gemacht zu haben.

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  1. Warum ich deinen blog so wichtig finde.
    Warum es vielleicht doch gut ist, eine Diagnose für Asperger zu haben

    Allerdings gibt es auch Menschen aus dem Asperger Spektrum, die keine erhalten, weil Fachleute oft noch zu wenig darüber wissen. Dazu können wir am meisten beitragen, damit es gehört wird. Gegenseitige Aufklärung hilft hier viel!
    Das Schlechte nämlich an einem Leben, durch das ich „unerkannt“ ging, ist die ständige Forderung gewesen, normal zu werden, sich zu ändern. Natürlich müssen wir unsere Herausforderungen annehmen, wenn aber die Bedingungen dauerhaft ungünstig sind, kann es einfach nicht gutgehen. Ich betone, dass auch für sog. normale Menschen die Arbeits- und Lebens bedingungen oft nicht günstig sind, was als normal angesehen wird. Und ich habe mich geschämt, weil ich nicht daran teilnehmen konnte!

    Wenn man jedoch sich selbst irgendwann als psychisch krank betrachtet, versucht heil zu werden, was aber möglicherweise zu noch mehr Frustration führt, dann kann man krank werden.
    Aus eigener Erfahrung betrachte ich jetzt sogar die Erkrankung an Sucht als etwas, dass aufgrund des Ritualcharakters von Alkoholgebrauch etc. zunächst als Unterstützung eingesetzt wird. Durch Einübung anderer Rituale kann sich daher tatsächlich eine weitaus bessere Lösung ergeben.
    Ich habe mich – nach vernünftiger Therapie, die mich aber weiter zu Integration getrieben hat- selbst mit Meditation, Mantras in schwierigen Situationen, mit Akzeptanz davon, dass es nicht immer gleich ist, und anderen Mitteln allein durchs Leben bewegt. Am schwierigsten waren die Angst vor dem Arbeiten, dem Jobcenter, dem Zwang etwas tun zu müssen, was nicht auszuhalten wäre. Darum kann ich Rudy Simones „aspergirls“ nur zustimmen, dass es hilfreich ist, ein Studium durchzuhalten. In vielen Gebieten können wir gut sein, nur muss man die Chance dazu bekommen! Ich hatte ein paar tolle Jobs. Ich habe aber auch schon meine Wohnung verloren, weil ich unhöflich zu Vermietern war, die Bäume absägten, und kam ohne meine Familie nicht mehr auf die Füsse.
    Bei mir funktioniert es nur ohne jeglichen Druck! Ich staune nur, wie kreativ ich sein kann, was mir alles Freude macht, seit ich mehr oder weniger durch Alter ausgemustert bin. Um Himmels Willen, bitte keine Eingliederung durch Programme mehr! Das ist doch sinnlos, wenn nicht genau der richtige Platz gefunden wird. Aber nur weil ich nicht mehr aufhören konnte zu weinen, wurde dieser Druck dann von mir genommen. Ich wünsche mir, dass es anders geht, dass man nicht als unwillig angesehen wird, nur weil man seine eigenen Bedingungen am besten kennt.
    Ich will so sein wie ich bin. Ich quäle mich nicht mehr mit falscher Anpassung.
    Notwendigkeiten, klar, die kann ich begreifen.

    Und darum finde ich so einen blog wie diesen ausgesprochen wichtig! Und ich verstehe die Angst vor der Zukunft so gut. Immer soll man etwas werden.

    Gefällt mir

    • Lieber Sonnengeist, ich kann dir in allen Punkten nur zustimmen. Vielleicht kurz zur Klärung, ich wurde nie mit Asperger diagnostiziert (mein Name ist da mehr Zufall als alles Andere), auch wenn ich gerade in Kindheit und Jugend länger mal unter dem Verdacht stand. So aber habe ich mich damit auch schon eingehender beschäftigt und meine, dich und deinen Bericht, auch wenn ich dieses exakte Schicksal nicht teile, gut verstehen zu können. Diagnostiziert wurde mir nach langjährigem Normalseinsollen „nur“ eine ganz normale Depression, was allerdings schon ausreicht, um mich mit deiner Feststellung des „unerkannten“ Lebens und der daraus hervorgehenden Erwartungen eins zu eins identifizieren zu können. Ich habe mir (was schrecklich ist) oft genug gewünscht, „wirklich“, „sichtbar“ „krank“ zu sein, um wenigstens diese Erwartungen abzuschütteln. Aufklärung ist meiner Meinung nach für jede der zahllosen Besonderheiten, die man als Individuum so ausprägen kann – ob jetzt unter dem Begriff „psychische Krankheiten“ oder wie man die Schublade auch immer nennen möchte – ganz unheimlich wichtig.

      Und davon mal ganz ab: Bäume absägen sollte nun wirklich ungestraft mit Unhöflichkeit quittiert werden dürfen.

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