So lange her.

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Ich habe, glaube ich, gerade verstanden, wieso mein Emotionsspektrum gefühlt so wahnsinnig breit ist. Und zwar habe ich mir eben gedacht: Das liegt daran, dass mein emotionales Kurzzeitgedächtnis wie das eines Goldfisches ist.

Mir geht es gut. Und zwar wirklich, als hätte ich nicht vor zwei Wochen auf einem Balkon in Mailand gesessen mit dem überwältigenden Bedürfnis, die vor mir auf der Balkonmauer stehende Weinflasche daran zu zerschmettern und mit dem so entstandenen Instrument meinen Körper in der Mitte aufzuschneiden, die Arme und die Brust und das Gesicht, und noch viel schlimmer, meine Mutter damit anzugreifen, die Liebe und das Vertrauen und das Verständnis, alles, was sie mir entzogen hatte, auf diese Weise aus ihr herausströmen zu lassen; all diese Dinge mussten doch irgendwo sein. Was für eine unmenschliche Anstrengung es gekostet hat in diesem Moment, nicht die Weinflasche auf der Mauer zu zertrümmern und ein, wahrscheinlich zwei Leben aufs Entsetzlichste zu verändern. Ich bin noch immer nicht sicher, ob es allein die Tatsache war, dass sich noch Wein in der Flasche befand, die mir die Kraft verliehen hat, dem Bedürfnis nicht nachzugeben. Wein verschwenden, dafür bin ich nicht programmiert. Und die Gläser daneben gehörten der Air-B&B-Frau. Manchmal sind es die Kleinigkeiten.

Aber das ist schon so lange her, und ich verdränge es. Die Therapeutin hat meine Verdrängungskunst gelobt. Das sei wirklich eine gute Sache. Das ist Teil ihrer Herangehensweise; alles, was man macht, wird irgendwie erstmal ins Positive gedreht. Aber natürlich hat sie Recht, denn ich kann wirklich sehr gut verdrängen. Allerdings bedeutet das auch, dass einen alles, was passiert, immer wesentlich mehr beeindruckt, als hätte man den Fundus an vorangegangenen Erfahrungen immer gleich parat. Ich stehe auf und fange jedes Mal bei Null an. Du warst gestern richtig mies zu mir? Macht nichts, solange du heute lieb bist. Draußen blühen die Tomaten? Heftig, das muss eine halbe Stunde lang zelebriert werden, denn es ist schon so lange her, dass ich gestern um die Zeit davorstand und genau so begeistert war. Du bist morgen wieder gemein zu mir? Das wird mich unendlich mitnehmen, weil es doch heute so schön war. Und gestern ist halt… schon so lange her.

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