Was lange währt

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Etwas Unglaubliches ist geschehen. Eigentlich ja schon am Anfang des Monats, aber gerade hat es nochmal besonders gut funktioniert: Ich kann Eva Cassidys Version von Kathy’s Song spielen.

Das hat nun ein halbes Jahr gedauert, was einiges über die Anzahl und Dauer meiner Motivationsschübe diesbezüglich aussagen dürfte, aber jetzt ist es soweit. Es hat unendlich Geduld gebraucht, bis ich das ganze Gezupfe so weit auswendig konnte und richtig verinnerlicht hatte, dass ich auch nur daran denken konnte, dazu mit Text zu singen. Aber ich bin glücklich: es ist vollbracht.

Überhaupt bin ich zufrieden mit mir. Ich habe gestern an diesem langen, grauen freien Tag nicht nur weitere 30 Dollar bei Unbabel verdient (wo ich Anfang der Woche nach langer Überwidungszeit angefangen habe, aktiv zu werden), sondern auch, statt zu versacken, ganz viel aufgeräumt, gesaugt und sogar die Fensterscheiben in der Wohnzimmer-/Terrassentür geputzt und später, während ich mit Malte telefoniert habe, ein paar Löcher in diversen Kleidungsstücken zugenäht und mein Haarbänder-Band repariert, welches mir die Tage auseinandergefallen war (wie es das alle Jubeljahre mal tut, weil der Druckknopf irgendwann vom Band abreißt).

Und heute habe ich mich in der Therapiesitzung ganz gut angestellt, glaube ich, und auch das macht mich froh. Ich musste (bzw, ich wollte) mich in das letzte Drama mit meiner Mutter hineinversetzen und die Therapeutin hat eine Art Rollenspiel mit mir veranstalten wollen, in dem ich meine Mutter darstellen sollte. Das Problem (und das Frustrierende) war dann, dass ich beim besten Willen das Gespräch nicht mehr zusammenbekommen habe, und selbst das, woran ich mich erinnert habe, nur sehr oberflächlich wiedergeben konnte. Sie meinte, ich würde es gut machen, aber ich wusste ja (da ich leider auch Zeugin des Original-Ereignisses war), dass da so einiges auf der Strecke blieb und ich nicht gerade eine schauspielerische Glanzleistung vollbrachte. Erst als ich zu dem Punkt mit der Weinflasche kam, habe ich Zugriff auf (zumindest mal) meine eigenen Emotionen bekommen. Sie machte mir erneut Komplimente für meine Verdrängungsskills und ließ mich die Situation von außen analysieren. Das konnte ich besser. Wer hätte es gedacht.

Nun soll ich es irgendwie hinbekommen, Dinge, die ich verdränge, ans Tageslicht zu befördern. Ich würde das sehr gerne tun. Es ist halt nur nicht so einfach, wenn du nicht weißt, wie du drankommen sollst. Aber da ich es wirklich schon ein paarmal geschafft habe mittlerweile, sogar während der Sitzungen manchmal in Tränen auszubrechen (was, so idiotisch sich das anhört, für mich ein gutes Zeichen ist), hege ich die Hoffnung, das in Zusammenarbeit mit der Therapeutin hinzubekommen. Und eine Möglichkeit zu erarbeiten, mit dem, was sich dann zeigt, gescheit umzugehen.

Nächstes Thema: Ominöse Nachricht von Basti, die ich heute erhalten habe. Ich könne ihn nicht besuchen diesen Monat, aber er würde gern zu mir kommen. Das sei nicht möglich, solange er noch bei Vivi in der WG wohne. Er sei in eine doofe Lage geraten. Er hätte vielleicht einfach auf Niklas und mich hören sollen.

Wenn Basti sich von Vivi trennt, mache ich drei Kreuze im Kalender. Sie hat zwar einerseits auf ihn einen ausgezeichneten Einfluss – er ist inzwischen Veganer, hat sich Dreads machen lassen, denkt über Umwelt und Nachhaltigkeit nach, tobt sich in der WG mit Bauprojekten aus, raucht weniger Tabak, hängt weniger bis gar nicht mehr im Contrast. Aber die andere Seite ist gruselig: Die WG ist von militanten Veganern bevölkert, die kein nicht-veganes Essen in den Kühlschrank lassen – ob gerettet oder nicht. Vivi stellt ihre Depression offen zur Schau und scheint sich kein bisschen Mühe zu geben, ihn damit nicht zu belasten. (Okay, dieser Punkt ist meinerseits der blanke Neid. Wie gerne hätte ich dieses Leben. Mir geht’s nicht gut und die ganze Welt dreht sich sofort um mich. Ich geb‘ es ja zu. Ich will das auch. Stattdessen bin ich mit R und meiner Mutter gesegnet und nichtmal in der Lage, vernünftig bescheidzusagen, wenn ich gleich abkratze.) Sie wird zickig, wenn sie kein Gras mehr hat. Aber noch schlimmer: Sie ist der eifersüchtigste Mensch unter der Sonne und macht Basti ein schlechtes Gewissen, wenn er mit weiblichen Menschen rumhängt. Nichtsdestotrotz war sie es, die direkt am Anfang der Beziehung vor seinen Augen im Contrast mit einem anderen Typen rummacht. YAY, ich sag’s dir. Und natürlich, ihre Eltern sind stinkreich. Ja, natürlich, auch hier schlägt der Neid durch. Aber pass auf. Während sie also zu Hause den Hippie raushängen lässt, hat sie kein Problem damit, sich von ihren Eltern ein Auto finanzieren und Urlaube bezahlen zu lassen (sagt diejenige, die mietfrei in der Wohnung ihrer Eltern wohnt und deren Großeltern ihr die Elektrifizierung ihres Fahrrads ermöglicht haben, I know) und, jetzt kommt’s, sich regelmäßig mit ihrer Mutter in einem Zürcher 5-Sterne-Hotel einzuquartieren und erstmal ein Wochenende shoppen zu gehen. Ehrlich gesagt ist das für mich fast von allen Punkten der schlimmste. Shoppen in der Schweiz. Whoa. Die Schaumkrone der Dekadenz. Weil man als vermeintlich nachhaltig orientierter Mensch sonst nichts mit seinem Geld anfangen kann.

Genug gerantet. Erstmal abwarten, was los ist.

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