Long Live Big Brother

Standard

Die Partei, die Partei, die hat immer Recht
Ja, Genossen, es bleibt dabei
Denn wer für das Recht kämpft, hat immer Recht
Gegen Lügen und Ausbeuterei.

Wer das Leben beleidigt, ist dumm oder schlecht
Wer die Menschheit verteidigt, hat immer Recht
Denn aus Lenin’schem Geist wächst von Stalin geschweißt
Die Partei, die Partei, die Partei!

Ich habe einen Ohrwurm.

Der Ohrwurm kommt daher, dass ich seit Montag mit Sophi an ihrer Präsentation für das mündiche Abi arbeite, mit der Leitfrage „Die DDR – ein totalitärer Staat?“ Und da ich seit einiger Zeit, was SED-Propaganda betrifft, für meinen eigenen Geschmack zu gebildet bin, konnte ich Sophi zur wohl passendsten Einleitung aller Zeiten verhelfen. (Sie sollen „kreativ“ sein bei der Einleitung. Nicht: „Ich halte heute mein mündliches Abi über…“ – sondern: „Ich werde einen Ausschnitt aus dem „Lied der Partei“ nutzen, um meine Präsentation einzuleiten.“ … „Den vollständigen Text finden Sie auf meinem Handout.“ Und, unter Einblenden der Titelfolie: „Ich habe mich mit der Frage beschäftigt, ob die DDR ein totalitärer Staat ist.“ Und so weiter.)

Im Lied der Partei kann man natürlich hervorragend schon die Hälfte dessen erkennen, was danach in der Präsentation ausgeführt wird. Zu Göttern erhobene Herrschende, quasi-religiöse Zustände. Führerkult und -idealisierung. Absolute Unkritisierbarkeit des Regimes. Aufgebauschte Feindbilder. Schwarz-Weiß-Denken. Vorgegebene Meinungen. Indoktrination. Ach, ich bin glücklich, dass ich ihr das Lied zeigen konnte. Und ich bin hochzufrieden mit der Präsentation und würde sie am liebsten selbst halten. Mal wieder. Warum kann man nicht das Abi zu einem Zeitpunkt im Leben machen, an dem man auch versteht, was man da labert. An dem man schon ein bisschen gelebt hat und irgendwie Vergleichswerte da sind für das, was einem in der Schule erzählt wird.

Aber nein, lieber stecken sie einen in die Uni, wo man auf die Stufe der Planlosigkeit erneut zurückgeworfen wird und sich fragt, was die Wissenschaftler mit ihrem Pseudointellekt bitte von einem wollen. Or maybe that’s just me. I guess it is. There are people out there that actually enjoy university. I guess.

Ich habe so sehr gefailt heute wie schon lang nicht mehr, und es war alles eine Sache von einer Stunde. Eigentlich fanden Teile des Fails gestern statt, als ich mir den Wecker auf nach neun statt nach acht stellte, was dazu führte, dass ich heute um nach neun Uhr seelenruhig aufstand und mich fertigmachte und sogar noch ein paar Bissen von dem Amerikaner frühstückte, der gestern bei den geretteten Brötchen dabei war, und mich sogar noch auf der Terrasse herumtrieb und die Pflanzen begutachtete und mich wunderte, warum ich eigentlich so wach war. Bis ich auf mein Handy guckte und den entgangenen Anruf der Therapeutin sah, von kurz nach neun.

Es war 9.47 Uhr; ich sah mich gezwungen, die Therapeutin anzurufen und ihr völlig schockiert unter tausend Entschuldigungen zu erklären, dass ich, ohne es auch nur zu bemerken, mich um eine Stunde verrechnet und sie ganz bestimmt nicht mit Absicht versetzt hatte. Sie versuchte mich zu beruhigen (mit mittelmäßigem Erfolg) und sagte, sie hätte sich Sorgen gemacht, ob mir vielleicht etwas passiert sei oder es mit der letzten Stunde zu tun hätte. Nein, natürlich nicht, sagte ich voller Inbrunst, ich habe einfach nur geschlafen. Das ist mir ja noch nie passiert, sowas – zumindest habe ich es sehr gut verdrängt, falls doch.

Also war ich genau pünktlich, um zu Sophi zu fahren. Dort war es schön, wie immer, und danach kam ich nach Hause und machte Spanisch mit Malte. (Er schafft es mittlerweile meistens, die Adjektive ihren Substantiven anzugleichen und die Artikel ebenso, und er hat seit Neuestem eine Technik entwickelt, eine Art gerolltes R hinzubekommen. Ein richtiges [r] ist es jetzt noch nicht, aber es könnte mal eins werden.) Wir haben das aufgenommen, nachdem er sich entschieden hat, demnächst auf Teneriffa Urlaub zu machen. Du kennst mich ja. Wenn ich jemandem Sprachen beibringen kann, ist die Welt in Ordnung. Malte fehlt zwar die natürliche Begabung, aber das kompensiert er durch Begeisterung und Motivation. Also arbeiten wir momentan fast täglich an seiner Teneriffatauglichkeit.

Manchmal kommt R nach Hause und gibt seinen Senf dazu. Er weigert sich zwar, mich sein Spanisch auffrischen zu lassen (immerhin war er mal für Spanisch Lehramt eingeschrieben – aber andererseits, wofür war R nicht irgendwann mal eingeschrieben), trotzdem – unter Beweis stellen, dass seines immer noch besser als das von Malte ist, muss er dann doch und ruft „tengo ojos verdes“ dazwischen, während ich noch dabei bin, Malte zu erinnern, dass „ocho“ und „ojo“ unterschiedliche Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen und unterschiedlicher Aussprache sind. Das freut mich aber mehr, als es mich nervt, denn würde ich R direkt damit konfrontieren, würde ich nur Widerwillen ernten.

Jetzt aber zurück zu Unbabel; vielleicht sind ja wieder Aufgaben verfügbar. Wenn nicht, nenne ich es einen Tag und gehe Richtung Bett. Dort könnte ich Huckleberry Finn zu Ende lesen; ich müsste bald damit durch sein. Ein schöner Plan. Gute Nacht.

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