Traumatraum

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Ich habe geträumt, R hätte mich verlassen. Es war entsetzlich. Spektakulär grausam, so, wie es mein Unbewusstes offenbar von Männern im Allgemeinen und ihm im Speziellen erwartet, Ersteres aufgrund von Erfahrungen, Zweiteres aufgrund von Paranoia.

Was bezeichnend ist: Er gab mir keine Gelegenheit zum Reden. Er war einfach weg und begab sich umgehend ohne weitere Erklärungen zu seiner Neuen, never to be heard of again. Er hatte sie in einem Forum über Programmiersprachen kennengelernt. Sie war ein übler Crack, noch dazu wunderschön mit einer traumhaften Figur und einem Charakter ohne jeden Anflug von Drama.

Aber das erfuhr ich erst nach drei Wochen, kurz nachdem ich mit Becci, meinen Eltern und (sage und schreibe) Şahin in unserem Wohnzimmer in Oldesloe saß und der Moment kam, in dem ich das unbändige Bedürfnis nach Klärung nicht mehr unterdrücken konnte. Ich ging und schrieb auf den erstbesten Zettel, den ich finden konnte (es war ein kleines Blatt magentafarbenes Tonpapier, Teil eines Blocks): „Ich brauche ein Gespräch.“ Und noch irgendeinen Zusatz, der die Dringlichkeit klarmachen sollte.

Natürlich war es Blödsinn, fiel mir dann ein, diesen Text per Brief zu verschicken; es sollte ja schnell gehen. Ich tippte die gleiche Botschaft ins Handy. Gemischte Gefühle, der Würdeverlust auf der einen Seite und die Hoffnung auf Verstehen auf der anderen.

Ich bin nicht ganz sicher, wie es dann zustandekam, dass R mir antwortete und wir uns trafen. Jedenfalls war er unwillig, auch weiterhin, über das Vorgefallene zu reden. Sagte, er hätte mir doch alles mitgeteilt. Ich war völlig verstört.

„Es war von einem Moment auf den anderen. Du hast nie was gesagt, du hast einfach nie was gesagt!“

Mir entschwinden gerade Teile des Traums unter den Fingern weg. Hochgradig frustrierend. Aber irgendwie hat er sich letztendlich doch entschlossen, bei mir zu bleiben, was mich sehr freute. Aber ein Problem gab es noch.

Er sah nicht ein, warum ich darauf bestand, er müsse auf der Stelle die Planänderung seiner neuen Freundin mitteilen. Es war so typisch R. Du bittest ihn, etwas zu tun, und er willigt ein, was dann bedeutet, dass er die Erfüllung deiner Bitte auf der endlosen Liste der Dinge „To Do Sometime Next Decade“ unterbringt und auf der Stelle wieder vergisst.

Er fand es einfach nicht so wichtig. Genau wie er mich ohne ein Wort zu viel hatte hängen lassen, wollte er nun mit dem anderen Mädel verfahren. Ich hörte nicht auf, ihn zu belagern, er müsse das jetzt tun. Parallel blieb mir noch die Befürchtung, er würde sich einfach gern die Tür offenhalten; es war zum Verzweifeln. Er sagte einfach, sie sei gut darin, mit Leuten zusammenzukommen, und genau so gut in Trennungen.

„Da hat sie mir was voraus“, sagte ich und bestand trotzdem darauf, sie solle umgehend informiert werden.

Irgendwann klingelte dann mein Wecker. Ich war komplett am Ende und brauchte erstmal ein paar Sekunden, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass der letzte Monat mit aller bodenlosen Abgewracktheit und dem ewigen WARUM, das meinen Kopf zu sprengen drohte, bloß Produkt meiner Vorstellungskraft war, das ganze Drama einfach ausgedacht und R 1) wie eh und je heute Abend nach Hause kommen wird sowie 2) mir ziemlich sicher eine Gelegenheit zur Aussprache gewähren würde, ehe er sich vom Acker macht.

Das macht also das Trauma mit einem.

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