Nichtmehrheimatbesuch

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Es zerreißt mir das Herz. In Konstanz zu sein und zu sehen, wie sich die Stadt ohne mich verändert. Wie sie ohne mich gleich bleibt. Wie der Fluss dieses unwirklichste bodenlose Blaugrün, das er im Sommer manchmal anzunehmen pflegt, mit einer so schamlosen Selbstverständlichkeit daherträgt, gewaltige Massen dieser unwirklichen Farbe, die mich nach Hause ruft.

Es ist wie jedes Mal, wenn ich herkomme. So muss es sein, einen Expartner zu besuchen, mit dem man im Guten auseinandergegangen ist. Diese Vertrautheit. Dieses Nachhausekommen. Dieses Gefühl, hierherzugehören. Die Erinnerungen, die furchtbare Gewissheit, etwas Einmaliges verloren zu haben.

Ich erinnere mich natürlich daran, dass es nicht anders ging; ich musste weg, R musste weg. Und das Gefühl von Zuhause war dem Verdacht gewichen, aus diesem Ort alles herausgezogen zu haben, das er mir geben konnte, und langsam nicht mehr daran wachsen zu können.

Ich musste weg, sicher, und die Umstände haben es mir leicht gemacht. Trudi, Stromlosigkeit, Wohnen mit R auf 13 Quadratmetern und die aus alldem resultierende depressive Monsterwelle, die immer unmöglicher zu ertragende stupide Arbeit, das Dahinschwinden meiner Freundschaft mit Sarah, der Wegfall der Band, das Beenden meines Studiums.

Aber ich bin in Heidelberg nie richtig angekommen. Mein Zuhause dort beschränkt sich auf unsere Wohnung, eine Insel von Heimat in unbekannten Gefilden, meiner Therapeutin und ein paar Foodsharing-Abholungen, ein paar Besuchen von Becci, einer Arbeit, die ich nicht mehr habe, und Menschen, die nicht mehr dort sind oder mit denen ich keinen Kontakt mehr habe. Wir wohnen zu weit außerhalb, als dass ich andere Verbindungen knüpfen könnte. Meine Energie reicht dafür nicht, für jede Unternehmung erstmal eine halbe Stunde schwarz mit dem Bus in die Stadt reinzufahren.

Selbst gewählte Isolation. Ich habe auch keine Lust auf Kontakt mit Leuten. Neunzig Prozent der Zeit. Zumindest wenn ich dafür meinen Hintern von der Couch wegbewegen müsste. Mein Mitt-Konstanzer Ich wäre, ironischerweise, von einer Lappalie wie räumlicher Distanz nicht davon abzuhalten gewesen, in der Stadt zu Hause zu sein. Selbst wenn sie sich so weit erstreckt wie Heidelberg.

Was will ich damit sagen? Ich habe keine Ahnung. Ich habe kein Zuhause. Mal wieder nicht.

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