Kleines Gerede

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Es ist jedes Mal ein Abenteuer, zu Marthe zu gehen. Marthe ist meine aktuelle Englisch-Konversationsschülerin und das Abenteuer besteht darin, dass wir auch nach etlichen Treffen noch immer nicht ganz den Draht zueinander gefunden haben, sodass es stets eine Herausforderung darstellt, die Unterhaltung am Laufen zu halten.

Das kannte ich so noch gar nicht. Reine Konversation habe ich bisher nur mit Ulrike betrieben, und die war ein so überaus grandioser Mensch, dass man nun wirklich nicht darüber nachdenken musste, was man mit ihr reden könnte. (Ich skype dieses Wochenende mit ihr. Freiwillig.) Marthe dagegen ist zweifellos sehr nett, aber ziemlich zurückhaltend, und wenn mir irgendetwas Schwierigkeiten bereitet, ist es nunmal, Menschen zum Reden zu bringen. Dafür bin ich selbst zu input-abhängig und respektiere vielleicht auch die Entscheidung meines Gegenübers zu sehr, mir Dinge eben nicht mitzuteilen.

Aber es wird langsam. Mittwoch haben wir angefangen, über Bücher zu reden. Ein dankbares Thema, das ich ebenso dankbar aufgegriffen und so weit wie möglich ausgeschöpft habe, den es galt noch zehn Minuten vom leicht verkürzten vorherigen Termin nachzuholen. Nun bin ich heute schon wieder bei ihr und wie immer gespannt, wie wir uns heute schlagen. Ich möchte im Anschluss an die Unterrichtsstunde zum Friseur gehen, vielleicht können wir ja über Haare reden.

R erzählte mir neulich, dass Yannick (sein Kumpel, mit dem ich containern fahre) geäußert hat, er wüsste nicht, worüber er mit mir sprechen sollte – er habe halt keine Smalltalk-Fähigkeiten. Da haben sich ja zwei gesucht und gefunden. Aber ich habe mich dran gewöhnt, dass wir auch mal eine Weile nicht reden, während wir im Auto sitzen. Sicher ist das etwas, was man erst lernen muss – die Stille zu ertragen – , weil wir darauf konditioniert werden, immer zu reden, auch wenn wir nichts zu sagen haben. Während ich das Konzept von Smalltalk schon immer dubios fand (gerade bevor ich es selbst halbwegs durchdrungen hatte, was immerhin einen Großteil meiner bisherigen Existenz ausmacht), habe ich trotzdem zeit meines Lebens zu den Menschen gehört, die für diese Art Stille zu unsicher sind.

Ich musste vorhin daran denken, wie mich Şahin mal vom Bruchsaler Bahnhof abholte. Nachdem vielleicht eine halbe Minute lang niemand von uns etwas gesagt hatte, verkündete er: „Fuck small talk, let’s listen music.“ (woraufhin ich innerlich zusammenzuckte, aber natürlich nichts erwiderte – ich kann mich ganz gut zurücknehmen und lasse den inneren Sprachnazi nur in ausgewählten Situationen von der Leine) – und dann wurde es warm und laut und wir konnten uns voll und ganz darauf konzentrieren, in atemberaubendem Tempo über die Landstraße zu brausen.

So now you know – exactly what it feels like…

 

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