4-Uhr-Krise

Standard

Es wird mal wieder spannend.

Meine aktuelle Lage sieht aus wie folgt.

(Das gestaltet sich jetzt schwierig, weil mein Hirn voller Matsche ist. Andererseits ist das Teil der Lage, also warum nicht damit anfangen.)

Mein Hirn ist voller Matsche.

Okay, ich muss aufhören, das so platt auszudrücken.

Eigentlich ist mein Hirn randvoll mit Gedankenfetzen, die sich allesamt nicht richtig greifen lassen. Ich wurde um vier Uhr wach, als Simone aufs Klo ging, und habe es in der darauf folgenden Periode von zweieinhalb Stunden irgendwie geschafft, mich selbst in einen schätzungsweise präsuizidalen Zustand zu versetzen und R in völliger Ungewissheit zur Arbeit gehen lassen, weil es mir auf sein Nachfragen hin partout nicht gelingen wollte, auch nur ein Wort zu äußern.

Aber versuchen wir das von vorne. Naja, zumindest so weit von vorne, dass halbwegs nachzuvollziehen ist, wie wir hier gelandet sind.

Dass ich auf Medi-Entzug bin und mental am Rad drehe, ist bekannt.

Den Rest kann man ungefähr so zusammenfassen, dass wir beim Abendessen die Doku über Ginger Baker (begnadeter Musiker, krankhaft selbstzentriert, viermal verheiratet – Beware of Mr. Baker, sehr zu empfehlen) angesehen haben und sich währenddessen bei mir die Gewissheit manifestierte, dass R charakterliche Parallelen zu ihm aufweist, was ernsthafte Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines Fortbestehens unserer Beziehung auslöste bzw. verstärkte. Diese an sich nicht unbekannte Anwandlung wiederum intensivierte sich, als 1) R auf der Hälfte aufstand, um weiter programmieren zu gehen, 2) Simone und ich uns im Anschluss darüber unterhielten, dass sich Menschen dieser Art niemals der vollständigen Tragweite ihres Arschlochtums bewusst werden, da es zeit ihres Lebens immer Leute geben wird, die – von ihrem Charisma geblendet – sie zu ertragen versuchen und damit in ihrem Verhalten bestätigen, und 3) R, als ich ins Bett ging, ins Wohnzimmer umzog, um dort weiter zu programmieren, nachdem wir den Tag über praktisch noch kein Wort gewechselt hatten. Ich habe dann tatsächlich zu ihm gesagt, „ich glaube, wir müssen uns morgen mal unterhalten“, bin aber schlafen gegangen, ohne das weiter auszuführen. Nicht dass es ihn wahnsinnig gejuckt hätte.

Fast forward to 4 am: ich werde wach und fange an, darüber nachzudenken, was ich überhaupt genau möchte, was mir fehlt und wie ich dies R begreiflich machen soll. Sogar ein halbes Lied habe ich geschrieben, das leider zusammen mit allen anderen etwaigen Erkenntnissen im Nebel verschwunden ist. Ich habe dann aus irgendeinem unerfindlichen Grund mein Handy genommen und in meinen Facebook-Nachrichten nach Şahins Verlauf gekramt, mir diesen in (zum Glück überschaubarer, da andere Kommunikationswege bei uns gebräuchlicher waren) Gänze zu Gemüte geführt und mir dabei gedacht, dass ich es ihm in der Tat nicht sonderlich verübeln kann – retrospektiv – , dass er am Ende nach dem Drama keinen Bock mehr hatte, sich mit mir weiter abzugeben. Dann dachte ich mir, dass dafür, dass mir emotionale Verbindungen so wichtig sind, mein Leben eine ziemlich lückenlose Reihe an Fails darstellt. Dann dachte ich noch, „ich kann nicht schon wieder versagt haben“. Ich war mir mit einem Mal gewiss, auf der Welt ganz und gar alleine zu sein. Wie gern hätte ich jede Selbstbeherrschung in den Wind geschossen, angefangen, laut zu heulen, und zu R neben mir gesagt, „bitte hilf mir“. Dabei hätte ich ihm nicht mal erklären können, wobei.

Irgendwann ging Simone aus dem Haus; ihr Bus fuhr um zwanzig nach sechs. Ich musste aufs Klo. Als ich wiederkam, fragte mich R, dessen leichter Schlaf vermutlich zuerst durch mein ständiges Bewegen und dann Simones Rausgehen gestört worden war, ob alles okay ist. Zu dem Zeitpunkt war mein Kopf ein einziger Brei. Alles darin schrie und hämmerte durcheinander. Und alles darin wollte nichts weiter als raus. Aber wie das so ist in einer Paniksituation, am Ende schafft es niemand, weil die Fluchtwege verstopfen. In meiner Unfähigkeit, irgendetwas zu äußern, konnte ich zunächst gar nicht reagieren. Die letzte verbleibende vernünftige Stimme in meinem Kopf wies mich jedoch darauf hin, dass ich gefälligst zu antworten hätte. Also artikulierte ich: „Nicht wirklich, aber wollen wir das heute Abend besprechen? Du willst lieber noch ein bisschen schlafen.“

Okay, das war nun nicht, was ich eigentlich sagen wollte. Keine Stunde zuvor hatte ich so viele konstruktive, strukturierte Dinge mitzuteilen, dass ich am liebsten sofort damit angefangen hätte, ungeachtet der Uhrzeit und des sich zu dem Zeitpunkt noch in der Wohnung befindlichen Besuchs.

Hätte ich nur. Nun dagegen hing ich stumpf am Handy und beschäftigte mich mit Wordscapes, bis R irgendwann fragte, was los sei. Und, es ist zu absurd, ich konnte nichts sagen. Kennst du das, wenn du innerlich am Sterben bist und dir nichts sehnlicher wünschst, als dass dich jemand fragt, was los ist, und dann geschieht genau das und du kannst einfach nichts sagen. Zum einen sind keine Wörter mehr da. Auf einmal ist alles einfach weg. Und zum anderen sind selbst die vagen Vorstellungen von dem Chaos, das eben noch allgegenwärtig dein Denken terrorisiert hat, ganz und gar ungreifbar. Ich war vollkommen in mir selbst eingesperrt. Ich war nicht in der Lage, zwischen Innen und Außen auch nur die geringste Verbindung herzustellen, als wäre einfach die Ausfahrt blockiert. Nichtmal blockiert, einfach weg. Als wäre ich nicht nur von außen verschlossen, sondern als wäre mit einem Mal das Schloss einer glatten, undurchlässigen Wand gewichen.

Und noch dazu, selbst wenn ich hätte reden können, hätte ich vor der Aufgabe gestanden, zu selektieren, was von dem Salat dafür qualifiziert gewesen wäre, ausgesprochen zu werden. Ein Ding der Unmöglichkeit, denn ich hatte keine Ahnung mehr, was von dem Spuk echt war und was Produkt meiner überquellenden Paranoia.

Nach einer Weile gelang es mir, R zu sagen, dass ich Salat im Kopf hatte. Ich sagte, ich würde sehr gern kommunizieren, aber es sei schwierig. Es war mir unwahrscheinlich wichtig, zumindest insoweit ihm entgegenzukommen, dass er das erfuhr. In dem Moment klingelte sein Wecker und übertönte vermutlich Teile meiner Äußerung, aber ich hatte meine gesammelten Reserven dafür verbraucht und konnte nun nichts weiter tun als regungslos dazuliegen und mich selbst zu verachten, während er aufstand und dabei feststellte, dann würde er es eben nicht vor 21 Uhr erfahren.

Während er sich fertigmachte, erwog ich meine Optionen. Darunter: Becci anrufen, um von ihr Input irgendeiner Art zu erhalten, der dafür sorgt, dass ich den Tag überstehe. Genau genommen sah ich dies als einzige Option. Mir wurde bewusst, dass ich außer Becci niemanden anrufen könnte. Statt Becci zu belästigen, habe ich dann allerdings mein Handy dafür genutzt, mir Marketa Irglovas The Hill anzuhören, was mich komischerweise etwas beruhigte. Dann stand ich auf. Sieben Uhr. Nun bin ich hier.

Heute ist Lauras Geburtstag. Hätten wir noch Kontakt, würde sie vermutlich den vorliegenden Eintrag als wunderbares Zeichen meiner wiederaufflammenden Abgefucktheit und großartiges Geschenk betrachten, das meiner lahmen Existenz mal wieder etwas Pep verleiht. Aber ehrlich gesagt, so weit davon entfernt bin ich meistens gar nicht. Es hängt alles daran, was man ausspricht und was nicht.

Eigentlich ist mein Hirn ziemlich klug, im Angesicht der schwerwiegenden Konsequenzen von einmal Gedachtem (und erst recht einmal Gesagtem) die Grenzen so überaus gründlich zu bewachen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s