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I’m a construction site with no body plan. I’ll never be finished unless I’m shown directions.

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Genau das, was ich heute tue, hat irgendwann in ferner Vergangenheit einen Großteil meines Lebens ausgemacht: Nichts. Ich hänge mit Schlafzeug und schlechtem Gewissen im Bett, gammele, schaue mir Videos an, muss aufs Klo, bin zu faul zum Aufstehen und schreibe mit Kepa über selbstgebastelte Aufsitzrasenmäher, aka Schaf mit Stuhl drauf, eifersüchtige Kartoffeln, die auf meiner Terrasse wachsen, und Kunstwerke aus den inneren Strünken von Möhren. Nebenbei betreibe ich halbherzige, unorganisierte Recherche zur Pflanz- und Erntezeit verschiedener Gemüsesorten und verdränge konsequent die Existenz von Neurolinguistik in meinem Leben. Die sowie die akute Notwendigkeit, mich anlässlich der Klausur am Dienstag damit auseinanderzusetzen.

Tage wie heute habe ich vermisst. Auch wenn ich permanent daran denke, was ich gerade alles tun sollte und könnte.

Schrieb ich gestern um diese Zeit, bis Basti kam und wir unsere Projektfinanzen genauer unter die Lupe nahmen, ein wie erwartet deprimierendes Unterfangen. Dann rief mich Lena an, um unsere Verabredung fürs Wochenende zu konkretisieren, und nachdem sie nebenbei erwähnte, dass bei ihnen in der WG seit einer Woche der Spülen- und Spülmaschinenabfluss verstopft war, beschloss ich kurzerhand, dass mein Privathandwerker und von R respektvoll mit Kleinstadt-MacGyver betitelter Allesreparierer das in die Hand nehmen sollte. Also fuhren wir im ekligen Regen zu Lena hoch, wo Basti in Zusammenarbeit mit den restlichen in der WG anwesenden Jungs das unmöglich Scheinende möglich machte und die Siedler-WG zurück in einen spülmaschinen- und spülerfüllten Zustand führte. Dann noch Containern und ab nach Hause, wo wir wie tot ins Bett fielen und ich heute Früh nichtmal mitbekam, wie sich der Arme um halb neun Uhr auf zur Arbeit machte.

Geweckt wurde ich stattdessen um kurz vor zehn durch einen Anruf meiner Mutter. Nachricht des Tages: sie will sich von ihrem letzten Geld ein Rustico in Norditalien kaufen, 160.000m² Grundstück und ein vollständig renoviertes Häuschen mit Strom und Wasser und drei Zimmern auf drei Stockwerken. Niedliche 100m² Grundfläche, aber was will sie auch mit noch mehr Platz. Ein Bachlauf auf dem Grundstück. Fünf Kilometer zum See. Und dazu die ergreifende Zuneigungsbekundung, ich würde das Ding nichtmal bekommen, wenn sie stirbt, sofern ich nicht vorher gearbeitet habe.

Hm. So war sie schon immer. „Wir haben uns alles, was wir haben, hart erarbeitet und du wirst das Gleiche tun.“ Wirklich, ohne Sarkasmus whatsoever, ich liebe diese Einstellung. (Die sie übrigens nicht davon abhält, mir weiterhin monatlich Unsummen an Geld zu überweisen; da kann ich ihr dreitausendmal sagen, dass sie es lassen soll, sie lässt sich einfach nicht überzeugen.) Nur dass es heute natürlich wieder in ein erhitztes Gespräch über Arbeit im Allgemeinen und meine Lage im Spezifischen ausartete, freut mich wenig. Wenn ich sie nur nicht so gut verstehen könnte. Ihre Herangehensweise löst trotzdem jedes Mal wieder reflexartige Widerstandsmechanismen bei mir aus, was traurig ist, weil ich so vermutlich noch mehr den Eindruck erwecke, uneinsichtig und weltfremd zu sein. Mal ganz davon abgesehen, dass dieser Eindruck sowieso nicht unbedingt der trügerischste ist, führt es einfach nur immer wieder zu abgebrochenen Telefonaten und ekelhafter Stimmung und Hilflosigkeitsgefühl auf beiden Seiten.

Jetzt habe ich mit Trudi beschlossen, einen Versuch zu starten, natürliche Pflegeprodukte herzustellen und zu verkaufen. Damit ist selten jemand reich geworden, schätze ich, aber besser als nichts wäre es doch auch schonmal. Außerdem werde ich mich auf der Stelle umsehen, inwieweit es realistisch ist, dass Leute zu mir kommen und sich von mir helfen lassen, ihre Bewerbungen zu schreiben. Beziehungsweise wie man das erreichen könnte. Ich weiß genau, dass ich dafür geschaffen bin, Leute dabei zu unterstützen, ihre Anliegen jeglicher Art mit einer Präzision und angebrachten Wortwahl zu verbalisieren, wie sie es allein einfach nicht schaffen. Du sagst mir, was du sagen willst, und ich schreibe es für dich. Das tue ich seit Jahren für meine Freunde und Familie. Es muss einen Grund geben, warum man mit so etwas zu mir kommt. Es bereitet mir die größte nur denkbare Freude, jemandem zu ermöglichen, sich auszudrücken. Sie sind so rührend begeistert jedes Mal. Das tut mir gut; ich bin so süchtig nach Bestätigung. Das ist Arbeit, die ich gerne verrichte.

Ferner bin ich dafür gemacht, Texte Korrektur zu lesen. Ohne mich in irgendeiner Weise über den grünen Klee loben zu wollen, aber mein orthographisches und grammatikalisches Verständnis ist irgendwie doch ziemlich stark ausgeprägt. Mein eigener Freund nennt mich einen Sprachnazi (was verständlich ist, weil er wiederum selbst so sprachnazihaft durch die Welt zockelt, dass ich mich ihm gegenüber wenig bis gar nicht zurückhalte und mein Sprachnazitum praktisch in Gänze ausleben kann, ein seltenes Privileg in dieser gleichgültigen, unverständigen Welt). Fehlerhafte Texte machen mich fertig, ich kann es nicht anders sagen. Am liebsten würde ich sie alle korrigieren, alle wie sie da sind, sogar unentgeltlich, aber ich glaube, das wäre bezüglich meiner eigentlichen Lebensplanung gerade kontraproduktiv. Ebenso, wie ich am liebsten der ganzen Welt umsonst Sprachen beibringen und Nachhilfe geben würde, mich aber andererseits schrecklich aufrege, wie die Eltern meiner beiden Schüler mich bezahlungstechnisch ausbeuten. Wo ist der Mensch, der gerne von einer hochqualifizierten Person etwas lernen möchte und bereit ist, im Gegenzug dazu beizutragen, dass sie ihren Lebenszweck erfüllen kann? Wer kauft mir meine eingekochten Semmelknödel aus geretteten Zutaten in geretteten Einmachgläsern ab?

So viel zu meiner Berufung. Fragt sich, wie um alles in der Welt ich in irgendeinem der genannten Bereiche an Aufträge Schrägstrich Abnehmer komme. Werbung machen ist ja mal so gar nicht mein Ding. Und meine Qualifikationen, so real sie auch sein mögen, stehen nunmal auf keinem Papier geschrieben. Ist halt kein Stempel drauf, das will doch keiner. Dass es hierzulande wenig geschätzt wird, was man vom Leben gelernt hat, ist nicht unbedingt die neueste Neuigkeit. Aber alles Andere widerstrebt mir so über alle Maßen. Ich fühle mich schon wieder gefangen. Gleichzeitig bin ich kaum je motiviert genug, einfach mal Bemühungen anzustellen, es auf meine Art und Weise zu versuchen. „Das wird doch eh nichts“ ist der Anfang und das Ende meiner Träume gleichermaßen. Das muss ich in den Griff kriegen, sonst blüht mir eine düstere Zukunft.

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Was ist denn überhaupt los?

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(Hallo, Monia. Und hallo Caro, es tut mir leid, ich hab‘ ein klein bisschen geschwindelt vorhin, aber hätte ich dir gesagt, dass es mir grottig geht, hätte das unschöne Konsequenzen für deinen Abend gehabt, und das war ja nun wirklich nicht Sinn und Zweck der Sache.)

Nichts ist los. Txarrak berri, die schlechten Neuigkeiten. (As opposed to „zaharrak berri“, den alten Neuigkeiten, „das Übliche“, wie die Antwort eigentlich lauten sollte. Lisa hat damals mit ihrem Versprecher wieder einmal ein herrliches geflügeltes Wort geprägt.)

Ist aber tatsächlich so. Nichts los, alles los, sie hat depressive Attacken seit Tagen und dreht irgendwie am Rad, ein kleines idealistisches Ding, das dachte, es hätte einfach auch endlich mal ein Ziel im Leben, seine ganze Hoffnung in Utopien setzt und sich am Ende wundert, dass sein Umfeld seine Visionen nicht teilt. Meine Mutter hat es an sich, Bedenken jeglicher Art durch Angriffe gegen genau die Person zu äußern, um die sie sich eigentlich sorgt. Eine in höchstem Maße tödliche Angewohnheit, die ich leider Gowais übernommen habe und aber trotzdem nicht auch nur ansatzweise aushalte, wenn man sie bei mir anwendet. Und sie ist jemand, der sich viel und ausgiebig sorgt. Gestern Nachmittag hatte sie mich so weit, dass ich ihr nach etlichen abgewürgten Telefonaten den AB mit der Erkenntnis zuheulte, sie hätte ja Recht gehabt, ich hätte keine Chance, keinen Plan und keine Hoffnung und wäre nicht dazu gemacht, meine Träume zu verwirklichen. Ich habe ihr in meinem ganzen Leben nicht so ein Eingeständnis meines Unrechts zukommen lassen wie diese Nachricht gestern.

Von der Resignation ist noch genug übrig, auch wenn ich inzwischen wieder annehme, das Ganze lebend überstehen zu können. Ich habe im Zuge der Aufgebattacke erstmal meinen WWF-Spenderauftrag gekündigt, weil ich mir mit einem Mal sicher war, dass all meine Bemühungen, diese Welt meinem Bild einer besseren anzugleichen, völlig für den Arsch wären. Ich kann ja doch nichts ändern, meine Ideale sind für niemanden nachvollziehbar und das, was ich aus meinem Leben machen wollen würde, ist etwas, das mir in dieser Gesellschaft aus den absurdesten Gründen auf ewig verwehrt bleiben wird. Und was mir natürlich wieder den Rest gab, das kann sie gut – sie hat, eher unbewusst, schätze ich, mit meiner Angst vor dem Verlassenwerden gespielt, meiner einzigen wirklichen Angst, die ich habe auf der Welt. Was ich machen würde, wenn sie alle irgendwann ihre Familie hätten, fragte sie. In deinem Alter träumen sie alle. Aber irgendwann haben sie alle Familien, gehen weg und lassen dich allein. Was machst du dann, alleine auf deinem Kotten? Wer geht aufs Feld, arbeiten, wenn du krank bist? Wenn du nach fünf Jahren deinen Körper kaputtgeschuftet hast? Die denken vielleicht, dass sie für immer mit dir auf dem Hof bleiben wollen, aber am Ende bleibst du trotzdem alleine übrig mit deinem Öko und deiner Selbstversorgung. Und nein, sie werden dir nicht helfen. Sie können sich aussuchen, ob sie dir unter die Arme greifen wollen oder ihren Kindern Klavierunterricht bezahlen können. Und da nützt dir jede Kosten-Nutzen-Rechnung nichts, wenn du eh vorhast, nur Bettelbriefe zu schreiben.

Warum, hätte ich eigentlich fragen können, wäre ich noch dazu in der Lage gewesen, lassen sie dann nicht einfach mich ihren Kindern Klavierunterricht geben. Problem gelöst.

Sie hat mit allem Recht, aber sie geht von einer komplett anderen Realität aus, als ich es tue. Und sie schafft es nicht, sich Sorgen zu machen, ohne mich dabei in Grund und Boden zu stampfen, sodass ich am Ende der festen Überzeugung bin, mein Leben lang unerreichbaren Idealen hinterhergerannt zu sein und schlicht und ergreifend keine andere Wahl zu haben, als mich dem System anzupassen, das ich so über alle Maßen verabscheue. Sie verachtet mich dafür, dass ich das System verachte. Sie fühlt sich davon persönlich angegriffen, dass ich offen zugebe, dass mir ein von Geld und Geldbeschaffungsmaßnahmen bestimmtes Dasein völlig zuwider ist. Sie interpretiert meine Ablehnung bezahlter Arbeit als Faulheit. Ich könnte einen ganzen Wasserfall schreiben, andererseits bin ich todesfertig und muss schlafen. Dringend. Ich leg‘ R den Schlüssel vor die Tür und verabschiede mich fürs Erste.

Foltermethoden, Linguistik und lichte Momente.

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„To Janet and Eun-Sook“.

Ich überlegte flüchtig, während ich mich in meiner Position auf den Gartenkissen noch einmal zurechtrückte, so, wie es Dari damals immer gemacht hat, wenn sie zu mir kuscheln kam, was für ein erhebendes Gefühl es sein muss, wenn einem ein Einführungsbuch in die Morphologie gewidmet wird. Und ob ich es lieber hätte, dass man mir ein Buch dieses Kalibers widmet oder vielleicht lieber gar keins.
Andererseits, zer dakit nik, es können ja Janet und Eun-Sook genausogut begeisterte Linguistiknerds sein, die nichts lieber lesen als ihre Namen an vorderster Stelle dieses Einführungsbuches in die Morphologie.
Oder aber der Autor ist mit Janet und Eun-Sook bis aufs Blut verfeindet und hat die beiden im Zuge eines genialen Geistesblitzes für alle Ewigkeit in diesem hocheffektiven Folterinstrument eingesperrt. Oder so.

Eigentlich habe ich das Buch nur mit rausgenommen, um zu vermeiden, dass mein Gewissen mir Probleme macht. Es war heute der erste heiße Sonnentag seit über einer Woche, und ich hätte es niemals übers Herz gebracht, ihn nicht zumindest teilweise weg vom Computer im Garten arbeitend zuzubringen (und somit fern von allem, was mir für meine Bachelorarbeit wirklich von Nutzen ist, sofern man einen Vorrat an Wärme, Licht und Frischluft sowie einen Grundstock an guter Laune nicht als elementare Notwendigkeit ansieht).

Es ist magisch da draußen, und ich bin mittlerweile mit meinem langsam erwachenden, sich Stück für Stück von den Fesseln meiner Matrix befreienden Denken an einem Punkt angelangt, an dem ich es mir selbst gegenüber kaum noch vertreten kann, auch nur einen weiteren Gedanken auf das zu verwenden, was man allgemeinhin als berufliche Qualifikation bezeichnet. Abschluss. Uni. Matrix.

Ich habe heute über Zäune nachgedacht. Wieder ein lichter Moment, einer von der Sorte, die einen bei auch nur ansatzweise gehäufterem Auftreten maßlos überfordern würden. Meine werden seit geraumer Zeit häufiger. Irgendwo machen mir die Momente Angst. Wenn du die alltäglichsten Dinge mit einem Mal nicht mehr verstehst, so, wie es mir heute mit den Zäunen ging. Ich habe mir auf einmal die Welt ohne Zäune vorgestellt. Zäune, Mauern, Barrieren jeglicher Art. Dann fiel mir ein, dass es vermutlich gesetzlich vorgeschrieben ist, sein Grundstück einzuzäunen. Jetzt komme ich nicht mehr umhin, die schlichte Abstrusität des Konzeptes Zaun auf alles an menschlichen Eigenschaften auszuweiten, denen die Zustände, in denen wir leben (und die wir größtenteils für viel zu selbstverständlich erachten, um überhaupt nur auf die Idee zu kommen, sie in Frage zu stellen), zu verdanken sind. Ich hoffe einfach, dass ich nicht vollends verrückt werde, je mehr Löcher sich in der Matrix auftun.

Ich habe außerdem angefangen, für meine BA zu recherchieren, denn ich möchte es wenigstens versuchen.

I’ll be damned if ignorance isn’t the purest kind of bliss.

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Allnächtliches Gespräch mit R beendet, ich geh‘ schlafen. Gestern war wunderbar, so viel Sonne und Wärme. Zwischendrin ein paar Stunden Drama-Episode mit Lisa und Daniel in der Uni, ansonsten die herrlichste Idylle überhaupt. Komplett mit Frühstück im Garten, ein bisschen Pflanzarbeit und fast schon elegantem Ignorieren der vor Dreck und abgeladenen gebrauchten Küchenutensilien bald überquellenden Arbeitsfläche meiner Küche. Aggressionen kann ich bekommen, wenn ich Trudi erstmal drauf angesprochen habe und sie und Hannes immer noch keine Anstalten machen, da für Ordnung zu sorgen, so lange bin ich eigentlich an dem Zustand noch selbst mit schuld. Überhaupt muss ich erstmal sehen, was für Überbleibsel sich von Bastis Mehlknödelaktion vom Abend noch dort finden, und diese dann selbst erstmal beseitigen.

Langsam werde ich mir gewahr über das so viel zu bald nahende Ende der Ferien.

Ich habe mit Robert geredet, bei dem die Uni heute schon anfängt. Es war überhaupt ganz wunderbar, mit ihm zu reden. So lange her.

Jetzt kam ich gar nicht mehr dazu, ihn nach Janine zu fragen, weil Basti zwischendrin reinkam und anfing, die Mehlknödel zu machen. Wir haben sie bei unserer obligatorischen Folge Fringe gegessen und danach noch eine Folge geguckt, während der er mich wieder mal als Kissen benutzte, was mir immer verkehrter vorkommt. Würde er nichts von mir wollen, wäre das kein Thema. So ist es einfach nur.. argh. Ich kann mich fast schon wieder freuen, dass R der Letzte auf dieser Welt wäre, der damit ein Problem hätte, sonst würde mir zu allem Überfluss auch noch mein Gewissen ihm gegenüber Schwierigkeiten machen. Würde er in München jeden Tag mit einer guten Freundin rumhängen, die ihren Crush auf ihn offen zugibt und ihn so hartnäckig mit Zuneigung und Zuwendung belagert, wie es in Bastis Fall mit mir aussieht, ich wäre vor Paranoia bald am Krepieren. Aber gut, ich bin auch diejenige mit der intakten Eifersuchtsdrüse. Er ist derjenige, der sein Polysein über den Gemütszustand seiner wider besseres Wissen und jede Vernunft aus zu hundert Prozent eigener Kraft und Entscheidung an Land gezogenen Mono-Freundin stellt. Wem wird da wohl was mehr wehtun, go figure.

Schlafen, back to oblivion. Die blaue Pille, bitte. Schlafen.

Oh mein Gowai, so. Viel. Mensch. Oder aber Die augenscheinliche temporäre Vergesellschaftung des Lebens der Aimee Delearey.

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Wie ich eben zu R sagte, als er in einem bereits wieder den Löchern meines Siebhirns anheimgefallenen Zusammenhang auf einen Facebook-Post von sich verwies, den ich natürlich nicht gesehen hatte, „ich bin praktisch nicht mehr auf Facebook. Ich hab‘ kein Leben mehr außerhalb meines Lebens.“ Woraufhin er, berechtigterweise, entgegnete, „du hast ein Leben innerhalb deines Lebens.“

Es sieht hier also momentan offenbar so aus, als würde ich alle paar Wochen mal auftauchen, verkünden, dass ich zu viel Leben und zu wenig Zeit habe, und dann wieder verschwinden, um mich erneut besagtem Leben und besagtem Zeitmangel zuzuwenden.

Zu Caro sagte ich vorgestern noch, als ich dann tatsächlich dazu kam, zum ersten Mal seit ihrem Umzug am 27. März mit ihr zu reden, ich wüsste gar nicht, ob ich das Alleinsein nicht vielleicht inzwischen völlig verlernt hätte. Es ist andauernd jemand hier, andauernd.

Ich begreife gar nicht, wie das auf einmal passieren konnte. Daniel pennt hier in regelmäßigen Abständen, beglückt mich mit hilfreichen, aber maßlos überambitionierten Vorschlägen und Materialsintfluten für meine Bachelorarbeit und unterrichtet Basti, der praktisch drei Viertel seines wachen Lebens außerhalb der Arbeit hier verbringt, nebenbei in Euskera. Dazwischen das gelegentliche Drama mit Lisa, deren Freund sich spätestens zu diesem Zeitpunkt einwandfrei als eins der größeren Arschlöcher der Geschichte enttarnt hat.

Über Ostern hatte ich Simone hier und dazu noch R, der zu meiner enormen Begeisterung halbwegs überraschend und unangekündigt am Freitagmorgen hier auftauchte und nur geringfügig verwundert war, Daniel und Basti auf diversen Matratzen über den Boden verstreut mehr oder minder schlafend in meinem Zimmer vorzufinden. Er betrat den Raum mit den knappen Worten „Hallo Basti. Gute Nacht, Basti.“ und einem kurzen Daniels Gegenwart anerkennenden Gruß und gesellte sich dann ohne Umwege zu mir aufs Bett, wo seine Absicht, den drei Stunden Schlaf seiner zu einem guten Teil mit der Mitfahrgelegenheit im Auto verbrachten Nacht noch weitere hinzuzufügen, durch diverse Anrufe von Simones Seite unterbunden wurde, die festgestellt hatte, dass ihr Bus erstaunlicherweise doch bis direkt hierher durchfuhr, und überfordert war von der Problematik, ob man nun in Meersburg aussteigen sollte, weil man nach Meersburg gebucht hatte, und dem Bus zu Fuß auf die Fähre hinterherzockeln, oder vielleicht doch einfach illegalerweise bis auf die andere Seeseite durchfahren. Ich versuchte sie durch das Funkloch, in dem sich mein Bett befindet, hindurch zu Letzterem zu ermutigen, was sich nicht ganz einfach gestaltete. Mittlerweile waren abgesehen vom tief und fest schlafenden Basti alle Anwesenden im Raum dabei, in guter Intention völlig überflüssige Informationen über Abfahrtszeiten, Taktung, Überfahrtszeit und weiß der Geier was noch der Fähre zu etwas beizusteuern, was sie für das Gespräch zwischen Simone und mir hielten, soweit sie es sich denn durch die einseitigen Informationen meiner Seite des Telefonats zusammenreimen konnten (oder eben nicht). Ich, trotz dem zuvor stattgefundenen Auftritt meines Freundes und diversen Weckerklingeln von Seiten Bastis Handys ab 7.43 geistig kein bisschen bei mir und vollkommen komatös, kam irgendwann dann noch zu der gravierenden Erkenntnis, dass Simone diese geliebte Stadt, die ich glücklicherweise momentan noch das Privileg habe mein Zuhause nennen zu dürfen, um halb ein Uhr mittags zu erreichen gedachte, nicht etwa, wie kurzzeitig im Gesprächsverlauf von mir angenommen, zwölf Stunden später. Basti hatte übrigens trotz einer kurzen Aufwachperiode während R’s Eintreten dessen Anwesenheit noch nicht wirklich registriert und reagierte darauf, als er tatsächlich wach war, mit der liebevollen Äußerung „Was macht dieses komische Ding hier?“.
Karfreitagfrüh, was will man mehr.

Es ging ja danach erst richtig los, aber dazu hier jetzt nichts. Verdrängung ist guuuuut.. und ich will schlafen. Schlafen. Schlafen. Nachdem ich zumindest diese verbleibende halbe Nacht und einen Großteil des heutigen Tages, wie es aussieht, für mich allein haben dürfte. Du hast keine Ahnung, wie mich das freut. Obwohl ich Angst habe, auf einmal festzustellen, dass ich es wirklich nicht mehr kann. Das Alleinsein, meine ich. Aber das wird sich in ein paar Stunden herausstellen.

Deprimierend…

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Ich bin motiviert,

– meinen BA dieses Jahr tatsächlich zu machen.
– meinen Master in Übersetzung zu machen.
– ein containertarisches Koch- und Handbuch rauszubringen.
– zu versuchen, meine utopische Bewerbungshilfe- und Lektoratsagentur auf die Beine zu stellen.

Ich schaffe es dagegen nicht,

– meine Sanskrit-Mappe fertigzumachen bzw mich darum zu kümmern, sie abzugeben.
– mein Uni-Mail-Postfach regelmäßig zu checken.
– rechtzeitig aus dem Bett zu kommen, um um 11 Uhr vormittags in der Arbeit zu sein.
– Mails und Nachrichten zu beantworten, die sich seit Ewigkeiten in meinen diversen Inboxes stapeln.
– mich um meine sozialen Kontakte zu kümmern bzw meine wichtigsten Kontakte aufrecht zu erhalten.

Was ist verkehrt mit mir? Wenn ich etwas erreichen möchte, sollte ich vielleicht erst einmal dafür sorgen, meinen Alltag zumindest halbwegs vernünftig auf die Reihe zu bekommen.

Installiere nicht die neueste Version des Adobe Flash Players. Der ist nicht sicher, wurde mir gesagt. Von einem vierzehnjährigen Hacker.

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Jetzt sitze ich also hier in Oldesloe vor meinem Rechner. JO sitzt neben mir, vor ihrem eigenen Rechner. So sind wir.

Ich bin heute hochgradig zufrieden mit meinem Leben.

Gleich sehe ich Nicole wieder. Anderthalb Jahre ist es her. Ich freue mich.

Basti, Sarah und Peruaner-Pedro kommen morgen.

Ich muss aufs Klo.

Caro kommt mich am 20. unten besuchen, bevor sie nach Portugal auswandert. Sie ist sich gerade unschlüssig, wie sie sich diesbezüglich fühlen sollte, und fühlt daher erstmal gar nichts, was sie wiederum beunruhigt. Aber ich hoffe (und habe ihr mehrfach versichert), dass sich das in absehbarer Zeit ändert.

Sonne scheint.

Ich vermisse R und bin gleichzeitig wie eh und je überfordert mit der Gesamtsituation, aber andererseits bin ich gerade ziemlich abgeklärt und einfach irgendwie wirklich zufrieden mit meinem Dasein. Ich glaube, ich kann das überleben.

Anflüge (oder: Zustände im Konflikt).

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Sanskrit. Morgen. Nicht gut.

Natürlich nichts mehr gemacht gestern.

Ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen zwei Extremen.

Eines ist dieses hier.

Das andere ist dieses.

Bueltatzen kennst du schon, sofern du mich kennst. Führt kaum ein Weg dran vorbei, weil Bueltatzen für mich die Welt bedeutet. Ich werde mir jetzt die Mühe machen, es zu übersetzen. Das habe ich nämlich bislang tunlichst unterlassen, so wie ich es ja generell an mir habe, meinen geschätzten Lesern Schrägstrich Bots eine unzumutbare Menge an Dingen zuzumuten, die sie ohne (die natürlich nie gegebene) Erklärung kaum in der Lage sein können zu verstehen.

I want to see the world, but from your bed
I want to see the world.
The song on your lips that you can’t forget
I want to be that song.

And where have you been hiding until now?
In all these years too long, never showing up?
Hold me by the hand, tight, I beg you
It’s dark and I don’t know the way back.

I want to be the sea in your storm
I want to be the sea.
The way home, only under your feet
I want to be the way.

And where have you been hiding until now?
In all these years too long, never showing up?
Hold me by the hand, tight, I beg you
It’s dark and I don’t know the way back.
I don’t know the way back.

I want to see the world, but from your bed
I want to see the world
from the watchtower of your words
The song on your lips that you can’t forget
I want to be that song.

And where have you been hiding until now?
In all these years too long, never showing up?
Hold me by the hand, tight, I beg you
It’s dark and I don’t know the way back.
I don’t know the way back.
I don’t know the way back.

Demnach war es umso ironischer, dass mir der Ukumensch (hallo, Ukumensch. Es ist über alle Maßen beeindruckend, dass du dir ein gesamtes Jahr lang meine fast-täglichen Schwallungen an Lebensschnipseln angetan oder aber nach dieser ganzen Zeit mal wieder random vorbeigeschaut hast. But, then, das deckt sich mit dem Inhalt eines unserer ersten Telefonate, in dem du mir deine Sicht auf Verbundenheit dargelegt hast. Es war trotzdem unerwartet, eine schöne Überraschung) neulich in Bezug auf R und Schutzmauern schrieb, den Weg zurück würde ich ja kennen.

Ich muss bei dem Lied öfter mal an Hänsel und Gretel denken.

Zustand eins – Mariñelaren Zai – dagegen sieht folgendermaßen aus.

The carpenter had a daughter,
the most beautiful in the village
Two men wanted to conquer her heart

What is it, what is it, my daughter?
– I’m in love with the sailor, father.
But don’t you understand it’s impossible?
You’re meant to be with the young lord.

She was then all longing for her forbidden love
-The young lord is coming to ask for your hand,
the sailor is going to Ireland.

So it was, the forced wedding
There were no rich people there
And everyone was dancing, everyone was happy
Forgetting about social differences

What is it, what is it, my daughter?
– I’m in love with the sailor, father.
But don’t you understand that’s impossible?
You’re the young lord’s wife.

Still to this day we can see
this daughter at the window
Waiting, waiting for the sailor
She has her hopes on the sea.

Und dann natürlich das passende Kepa-Zitat dazu.
„Um Himmels Willen, nicht warten.“

Und R. „Es kann sein, dass ich in meiner letzten Woche in Konstanz von Lena-Anflügen geplagt werde; nicht persönlich nehmen.“

Und ich. „Passt.“
Natürlich passt es nicht. Bei aller Liebe zur Transparenz ist es, du wirst mir sicher zustimmen, nicht ganz einfach, die Exfreundinnen-Anflüge deines Freundes mit Würde und Verständnis hinzunehmen. Wie gut, dass ich lange genug Therapieerfahrung mit Caro und Şahin gesammelt habe, um das unschöne bis widerwärtige Gefühl, das heute genau wie damals bei solchen Bemerkungen aufkommt, klassifizieren und im Schach halten zu können.

Irgendwo sind wir doch alle kaputt. Traurig, aber wahr.

Neunundzwanzigster

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Überhaupt keine Lust zu schreiben. Ich muss aber schreiben, sonst bin ich später sauer auf mich.

Gerade schreibe ich mit Kepa, und darauf habe ich zwar Lust, aber es hat auch so seine verwirrenden Züge. (Im wahrsten Sinne des Wortes, aber das ist jetzt konkret auf den Inhalt des Gespräches zurückzuführen und somit für die gesamte restliche Welt unverständlich).

Ich kann nur vor mich hinstarren. Mir ist die Welt zu absurd im Moment. Ich bin nostalgisch und verloren und verwirrt auf einmal.

Und müde. Oh, wie müde ich einfach bin.

Klarkommen. Irgendwie.

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Wie durch ein Wunder hat mein Instinkt den Weg zu meinem fast vergessenen Allheilmittel gefunden. Ich sitze also Artwork hörend im Bett, bei geschlossenen Fensterläden – schon wieder einer dieser Menschen, die von Licht aufwachen und es daher vorziehen, in komplett dunklen Räumen zu schlafen. Nur dass Kepa letztendlich doch immer sagte, ich solle nicht extra noch rausgehen und die Dinger zumachen – damit hatte R dagegen kein Problem.

Ich habe das furchtbarste Nesselfieber seit vorgestern Abend. Das ist stressbedingt und ich hatte es davor nur ein einziges Mal, an meinem neunten Geburtstag nämlich. Damals, weil ich so aufgeregt war, dass ich Geburtstag hatte. Am Ende musste meine Mutter meine Gäste nach Hause schicken, weil ich in schrecklichen, juckenden Pusteln gebadet war.

Panik, Panik. Und müde. Artwork macht mich ruhig, und die verbleibende Panik macht mich müde – ich will schlafen.

Klausuren. In einer Woche. In einer Woche. WARUM?

Okay. Haha, es wird immer noch absurder. Moritz, mit dem Sarah und ich Musik machen, hat mich grad spontan zu sich eingeladen, nachdem ich ihm sehr ungeplanterweise von meinem verwirrten Zustand berichtet habe (selber schuld, wenn er fragt, was ich treibe.. nicht wirklich, natürlich) – ein Mensch, den ich fast nicht kenne. Auf einmal tut er das. Das ist.. Gowai, das ist so unfassbar lieb von ihm. Ich seh’s kommen, ich fang an zu heulen, wenn ich da bin. Oder so. Vielleicht ja nicht, zu hoffen wär’s.

Jetzt habe ich Artwork durch und somit Motivation, aufzustehen und mich fertigzumachen und zu Moritz zu fahren. Ja, dann werde ich das wohl jetzt mal tun. Peruaner-Pedro hab‘ ich gerade noch geschrieben, ob er immer noch heute mit zur Tafel will – das hatte er mir angeboten letzte Woche, da er ja gerade Urlaub hat und irgendwann auf die Idee kam, wir könnten doch mit dem Auto fahren, dann müsste ich mich nicht so kolossal abschleppen.

PANIK. Ich will weiter Artwork hören. Aber ich kann ja mein Leben schlecht ab jetzt Artwork hörend im Bett verbringen. Auch wenn es wenig gibt, das ich lieber täte.