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Krempele eine Flüssigkeit aus ihrem runden Gefäß.

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„Aspi…?“
-„Hm?“
„Und wann krempel‘ ich dich um?“

Dieser Dialog fand gestern statt, nachdem ich R aus einer Laune heraus den Vorschlag unterbreitet hatte, doch mal einen Monat lang mein geliebtes Escitalopram zu konsumieren. Weniger, weil ich ihn für depressiv halte, und umso mehr, weil er meines Erachtens ein bisschen innere Ruhe wirklich gut gebrauchen könnte. Vielleicht wäre es für ihn eine genau so gewaltige Erfahrung wie für mich, als ich damals damit anfing. Dachte ich mir so, als er sich wieder mal zu Tode über die ihn umschwirrenden Fliegen ereiferte.

Umso mehr habe ich daran zu knacken, was – siehe da oben – er auf meinen Einfall erwiderte. Genauer gesagt denke ich seit ein paar Stunden darüber nach, nachdem ich den Tag über damit beschäftigt war, meiner Mutter auf dem Flohmarkt beim Verkauf ihrer Babykleidung zu helfen und alle drei Minuten die Tische aus dem Regen unters Zelt und dann wieder hinauszustellen. So richtig fing ich an, darüber nachzudenken, als ich wieder zu Hause war und im Garten hinten am Kompost die zweite riesige Samenkapseln-der-wunderschönen-Pflanzen-von-Samen-befreien-Aktion einlegte. Das ist meditativ und gibt einem viel Raum zum Nachdenken. Zum Beispiel darüber, ob es gerechtfertigt war, R auf die Frage ein schockiertes „Noch mehr?!“ entgegenzuwerfen, welches in erster Linie dazu gedacht war, ihm nur ja nicht den Eindruck zu vermitteln, er hätte sich für diese abstruse Konstellation, die wir abgeben, mehr verbogen als ich mich.

Was mir auch unbegreiflich wäre, da ich mir niemals auch nur die Fähigkeit einräumen würde, jemanden zu beeinflussen. Geschweige denn einen Charaktermenschen, wie es R ist. Außer, es ist in seinem Interesse. Und nennt man das noch Umkrempeln? Ist es ein gutes Umkrempeln, was ich da angeblich vollzogen habe, oder ein Umkrempeln wider Willen? Wie um alles in der Welt soll ich das angestellt haben?

Bei genauerem Überlegen – und ich muss mich immer weiter zwingen, mich gedanklich auf eine Art zu entspannen, die es mir erlaubt, die Tatsachen nicht zu verzerren (ich neige so sehr dazu, fürchte ich, dass es mir schwerfällt, diese Angewohnheit abzulegen) – kam ich zu dem Schluss, dass er Recht hat. Irgendwie. Und dann aber auch nicht.

Stellen wir das Ganze gegenüber. Angefangen mit dem, was er wohl anführen würde, würde ich eine Aufzählung der Aspekte verlangen, in denen ich ihn umgekrempelt habe.

Erstmal. Temporär oder nicht, er ist jetzt gerade ein Mono-Mensch und das liegt an mir. Er ist außerdem ein sehr, sehr überzeugter Veganer (und ja, das gehört selbstverständlich zu den Dingen, die ich an ihm bewundere) und hätte vermutlich in seinem Leben keinen Fisch mehr gegessen, hätte ich ihn nicht mehr oder minder ohne mein Zutun pragmatik-induziert zum Containertarier gemacht. Ich glaube, das sind die beiden Hauptpunkte, auf die er sich bezieht. Ferner zieht er es in Betracht, sich in mein Selbstversorgerprojekt einzugliedern. Jetzt musst du dir darüber im Klaren sein, dass wir es hier mit jemandem zu tun haben, der die Sonne meidet, wo er nur kann, zum Leben mindestens einen Contrast-ähnlichen Ort inklusive dem dort anzutreffenden sozialen Umfeld, eine Internetverbindung und ganz bestimmt keine körperliche Betätigung benötigt und Falks Lied „Smogsehnsucht“ praktisch eins zu eins verkörpert. Das ist schon unheimlich, eigentlich.

Und der letzte Punkt, den ich aufzählen sollte, ist seine Aussage, er wäre durch mich offener geworden und würde ganz anders auf Menschen zugehen. Was mich zugegebenermaßen verwirrt, weil ich sein Zugehen auf Menschen als nicht sonderlich verändert empfinde. Aber okay, das muss er selbst wissen. Ich sehe da jedenfalls noch mehr Potenzial, falls er irgendwann seine gleichwohl unachtsamkeits- als auch selbstschutzbedingte grenzenlose Egozentriertheit ablegt.

Hm. Nun die große Frage, inwiefern ich mich habe umkrempeln lassen.

Ich tendiere zu „eigentlich gar nicht“. Zumindest habe ich keine derartigen eingerissenen Bastionen vorzuweisen. I pretty much prevailed throughout the entire battle (if there ever was one). Mono: Check. Essen: Check. Selbstversorger: Check. Wieso genau komme ich mir dann eigentlich so vor, als könnte ich noch längst nicht ich selbst sein, so, wie ich es eigentlich gerne wäre?

Ich weiß. Ich mache mich unkompliziert. Das ist das große Problem. Und mir fällt wieder mal die Aufgabe des Rundseins zu, die ich ja offenbar meisterhaft beherrsche. Übersehen wird dabei, dass ich nicht rund bin und es nicht im Geringsten auf Dauer zu sein plane. Übersehen wird, dass ich mich ohne es je zu erwähnen zurückstelle an allen möglichen Ecken und Enden, die für mich vielleicht keine Bastion darstellen, aber zusammengelegt einen wesentlichen Teil meiner selbst ausmachen, und mich auf diese Art durchaus erheblich verändere. Wenn auch nicht permanent und durch und durch, so doch auf ihn bezogen lückenlos. Ich bin dann halt mit Anderen ich selbst. Mit allen Anderen im Grunde. Es macht auch Sinn: Ich bin immer zu dem Grad ich selbst, in dem ich die Gewissheit habe, nicht (oder zu dem es mir egal ist) dafür verurteilt zu werden. Wenn man sich jetzt jemanden wie R anschaut, der überwältigende Teile seiner wachen Zeit mit Urteilen über Andere verbringt, einen selbst aber aus irgendeinem Grund idealisiert, fällt es leicht, meine halb unbewusste Entscheidung nachzuvollziehen, mich lieber ihm anzupassen als ein Verurteiltwerden seinerseits hervorzurufen. Und ich habe es ja in mir. Es ist ja nicht, als würde ich mich neu erfinden, um seinen Ansprüchen zu genügen. Ich habe eher den Eindruck, Seiten von mir zu unterdrücken. Und zwar in erster Linie schlechte. Das kenne ich schon zur Genüge von meiner verliebten Version. Sie ist so anpassungsfähig wie ein Chamäleon und wechselt ihre Farben, ohne dass der Ast, auf dem sie sitzt, je die Chance hat, die Vielfalt ihrer Möglichkeiten zu begreifen.

Warum dann behauptet er, ich hätte ihn umgekrempelt? Er gehört zu den Menschen, die einfach jedem gegenüber gleich sind.

Kurze Pause vom Philosophieren. Ich bin gerade erstmal überglücklich, weil eben Trudi zu mir hereinkam und wir uns zwanzig Minuten lang unterhalten haben, was wohl bedeutet, dass die Tatsache, dass sie davor tagelang kaum ein Wort mit mir gewechselt hat, auf ihren Lernstress zurückzuführen war und nicht auf irgendetwas, das ich getan oder nicht getan hatte. Oh Hilfe, was hatte ich mir Gedanken gemacht.

Und weiter. …Ohne merkbare Rücksicht. Er ist derjenige, der als Antwort auf die Frage, was er niemals tun würde, unter den Optionen „Meinen Partner hintergehen, Heiraten, Mich für Andere verstellen, Aufs Land ziehen“ Zweitletzteres wählt. Während ihm wenig mehr zuwider ist als die Vorstellung, aufs Land zu ziehen oder aber, noch schlimmer, zu heiraten. [Anmerkung: Es kam „Angela Merkel“ bei ihm als Seelenverwandte heraus. Basti und ich haben ihn ausgelacht; er hat sich schwarzgeärgert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wir beide hatten Martin Luther King und waren damit wesentlich zufriedener.]

Was lamentiere ich eigentlich. Mein Problem ist doch im Grunde nur, dass ich nicht viel weniger egozentriert bin als er und es mir gegen den Strich geht, meine Melodramatik und Emotionalität so gar nicht ausleben zu können, einfach weil sie in dem Mordsraum, den er mit seinem eigenen Charakter einnimmt, sang- und klanglos untergeht. Mir fehlt dafür einfach nur das Durchsetzungsvermögen. Wenn ich merke, es interessiert sich niemand für meine Lappalien, bringe ich sie eben nicht an den Mann, sprich, es ist andersherum meine eigene Schuld, weil ich ihm die Möglichkeit gebe, sich in meinem Vakuum breitzumachen, ohne dafür einen Platz in seinem einzufordern. Das sind zwei Persönlichkeiten, die beide nach Aufmerksamkeit lechzen; die eine bekommt sie gewährt, die andere fühlt sich unverstanden.

Ob das alles jetzt weltbewegende Einsichten waren oder nicht, stellt sich irgendwann heraus, wenn ich weniger Rum in meinem Körper habe und mir das Ganze hier nochmal zu Gemüte führe.

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Foltermethoden, Linguistik und lichte Momente.

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„To Janet and Eun-Sook“.

Ich überlegte flüchtig, während ich mich in meiner Position auf den Gartenkissen noch einmal zurechtrückte, so, wie es Dari damals immer gemacht hat, wenn sie zu mir kuscheln kam, was für ein erhebendes Gefühl es sein muss, wenn einem ein Einführungsbuch in die Morphologie gewidmet wird. Und ob ich es lieber hätte, dass man mir ein Buch dieses Kalibers widmet oder vielleicht lieber gar keins.
Andererseits, zer dakit nik, es können ja Janet und Eun-Sook genausogut begeisterte Linguistiknerds sein, die nichts lieber lesen als ihre Namen an vorderster Stelle dieses Einführungsbuches in die Morphologie.
Oder aber der Autor ist mit Janet und Eun-Sook bis aufs Blut verfeindet und hat die beiden im Zuge eines genialen Geistesblitzes für alle Ewigkeit in diesem hocheffektiven Folterinstrument eingesperrt. Oder so.

Eigentlich habe ich das Buch nur mit rausgenommen, um zu vermeiden, dass mein Gewissen mir Probleme macht. Es war heute der erste heiße Sonnentag seit über einer Woche, und ich hätte es niemals übers Herz gebracht, ihn nicht zumindest teilweise weg vom Computer im Garten arbeitend zuzubringen (und somit fern von allem, was mir für meine Bachelorarbeit wirklich von Nutzen ist, sofern man einen Vorrat an Wärme, Licht und Frischluft sowie einen Grundstock an guter Laune nicht als elementare Notwendigkeit ansieht).

Es ist magisch da draußen, und ich bin mittlerweile mit meinem langsam erwachenden, sich Stück für Stück von den Fesseln meiner Matrix befreienden Denken an einem Punkt angelangt, an dem ich es mir selbst gegenüber kaum noch vertreten kann, auch nur einen weiteren Gedanken auf das zu verwenden, was man allgemeinhin als berufliche Qualifikation bezeichnet. Abschluss. Uni. Matrix.

Ich habe heute über Zäune nachgedacht. Wieder ein lichter Moment, einer von der Sorte, die einen bei auch nur ansatzweise gehäufterem Auftreten maßlos überfordern würden. Meine werden seit geraumer Zeit häufiger. Irgendwo machen mir die Momente Angst. Wenn du die alltäglichsten Dinge mit einem Mal nicht mehr verstehst, so, wie es mir heute mit den Zäunen ging. Ich habe mir auf einmal die Welt ohne Zäune vorgestellt. Zäune, Mauern, Barrieren jeglicher Art. Dann fiel mir ein, dass es vermutlich gesetzlich vorgeschrieben ist, sein Grundstück einzuzäunen. Jetzt komme ich nicht mehr umhin, die schlichte Abstrusität des Konzeptes Zaun auf alles an menschlichen Eigenschaften auszuweiten, denen die Zustände, in denen wir leben (und die wir größtenteils für viel zu selbstverständlich erachten, um überhaupt nur auf die Idee zu kommen, sie in Frage zu stellen), zu verdanken sind. Ich hoffe einfach, dass ich nicht vollends verrückt werde, je mehr Löcher sich in der Matrix auftun.

Ich habe außerdem angefangen, für meine BA zu recherchieren, denn ich möchte es wenigstens versuchen.

Words of wisdom found & strangers never met

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Ich glaub, ich habe gerade Becci dabei geholfen, mit ihrem Freund Schluss zu machen. Was ist eigentlich los diese Woche, Get Rid of your Asshole Boyfriend Week? Trudi und Hannes zuerst, und jetzt noch diese wunderbare Entwicklung. Ich bin begeistert.

Becci hat eben mein komplettes Bild von meinem eigenen Leben durch die so simple wie erschütternde Feststellung vervollkommnet, es wäre ja tragisch genug, eine Beziehung mit jemandem zu beenden, mit dem man einfach nicht kompatibel ist, aber irgendwie doch noch wesentlich tragischer, erst gar keine mit jemandem zu haben, mit dem man es tatsächlich ist, weil es an den äußeren Umständen scheitert. Whey, she found the words to the story of my life.

Und dann hat sie noch was sehr Weises gesagt, nämlich „Du machst dich schon wieder so abhängig, oder?“
Das „oder?“ einfach, weil 1) sie Becci ist und (wie es yours truly in der gesprochenen Sprache auch derweilen tut) gern mal Sachen ans Ende ihrer Sätze hängt, die das eben Gesagte relativieren oder sonstwie versuchen sollen, ihm an Wichtigkeit zu nehmen – ein gängiger Selbstschutzmechanismus, würde ich sagen, den die meisten von uns anwenden, um auf der sicheren Seite zu sein – und 2) wir uns (obwohl wir Riesenfortschritte gemacht haben und gerade jetzt über Silvester ich wirklich das Gefühl hatte, wir könnten uns richtig, richtig gut verstehen) unser beider etwas zu stark ausgeprägter Schüchternheit und sozialer Unbeholfenheit sei Dank, einfach bis heute noch nicht so selbstverständlich miteinander verhalten können, wie es der Rest von uns – Robert, Janine, ich – untereinander tut. Oder sie mit Robert.

Woher kam der Exkurs? Ja, richtig, von ihrem weisen Ausspruch. Da aber konnte ich ihr reinen Gewissens beruhigend versichern, dass es ganz bestimmt nicht so schlimm ist wie früher. Naja, zumindest habe ich jetzt gerade nicht das Gefühl. Aber nachdem ich heute ein bestimmtes Harpyien-Zerhackstückel-Gespräch mit dem Ukumensch mal wieder durchgelesen habe, fühle ich mich nochmal zusätzlich darin bestärkt, dass ich in so einer entsetzlichen psychischen Abhängigkeit nie, nie, nie wieder landen möchte. Danke dafür, das war ein wertvoller Reminder.

Unabhängig davon (haha, sehr gut) freue ich mich, in einem in höchstem Maße unhysterischen, geregelten und angemessenen Tonfall verkünden zu können, dass am Wochenende wahrscheinlich der Dönermann bei mir hereinschneit. Ein immer willkommener Besuch. Allerdings sind bis auf wenige Ausnahmen die meisten Menschen bei mir ein immer willkommener Besuch, wenn auch größtenteils unerwartet. Aber vom Ding her – würde mich ein random fremder Mensch von der anderen Seite der Stadt plötzlich besuchen, hätte ich bestimmt nichts dagegen. Wobei ich wiederum zugeben muss, dass, könnte ich mir aussuchen, ob mich Kepa besuchen kommt oder ein random fremder Mensch von der anderen Seite der Stadt, ich diesen mysteriösen Fremden nie zu Gesicht bekäme.

Was auch immer ich mit dem Wust jetzt sagen wollte. Ich glaube, es geht so ein bisschen in die Richtung „schau, wie superkontrolliert ich bin, wenn auch irgendwie nicht.“

Oah nein, morgen ist ja tatsächlich wieder Uni. Wir mussten für Maialen noch einen Text lesen.. hrgh. Ich kann nicht glauben, dass Kepa sich für faul hält. Ich meine, verdammt, er ist faul (und leider zu intelligent, als dass ihn das davon abhalten würde, in zigtausend Dingen ohne großartige Mühen zu brillieren), aber was bin ich denn dann? Ich weiß, faul und durchschnittlich, da nicht mit genügend geistiger Kapazität gesegnet, um meine riesige Faulheit von allein zu kompensieren). Gawd, wie deprimierend, wenn man darüber nachdenkt.

Heimatkrise (aber nicht wirklich!): Auf ein Neues.

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So, irgendwie hatten wir jetzt Weihnachten und da steht ein Baum im Wohnzimmer, der wie jedes Jahr wunderschön geschmückt ist, aber, soweit ich das überblicke, niemandem von uns die passende Stimmung wirklich ins Herz zu holen schafft. Wir haben die meisten unserer heiligen Heiligabendstraditionen über Bord geworfen und während es sich dadurch einfach noch weniger wie Weihnachten angefühlt hat, bin ich irgendwo doch froh drum; es wäre zu geheuchelt gewesen. Die ganzen Jahre davor war es immer schon nicht mehr echt. Und dieser letzte Heiligabend in diesem Haus (es verzieht mir doch ganz schön den Brustbereich, wenn ich zu sehr drüber nachdenke) war einfach nochmal symbolisch dafür, dass Veränderungen unaufhaltsam sind. Man verändert sich und sein Leben ja meistens widerwillig oder zumindest schwerfällig – Materie ist faul; sie will sich nicht bewegen. Genau so ist unser Geist. Wir haben alle ein Haus im Kopf, das wir oftmals schon seit vielen Jahren bewohnen und das aufzugeben uns so voll und ganz widerstrebt, weil wir einfach nicht wissen, was draußen auf uns zukommt. Aber natürlich ist auch Veränderung die einzige Möglichkeit, überhaupt irgendwie voranzukommen.

Ich hab‘ Angst, so ein bisschen, dass die Nostalgie irgendwann doch noch zuschlägt. Mir wird immer mehr bewusst, dass der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, doch irgendwie zu mir gehört, jetzt, wo ich im Begriff bin, ihn wirklich hinter mir zu lassen. Auch wenn ich hier nie so wirklich das Leben kennengelernt habe, wie es sich mir viel später offenbart hat; irgendwo ist Oldesloe ein Teil meiner Heimat.

Umso dankbarer bin ich, mein Zuhause an anderer Stelle gefunden und aufgebaut zu haben. Man stelle sich nur vor, ich wäre einer von diesen Menschen, die studieren gehen und aber ihr Elternhaus nie wirklich im Geiste verlassen. Die sagen, „ich fahr heim“, und meinen, „ich fahr meine Eltern besuchen“. Dann wäre ich so tief getroffen von diesem Verlust jetzt – dann hätte ich ja praktisch (wieder einmal) kein richtiges Zuhause mehr. Eine Runde immense Dankbarkeit für mein Zuhause, wheey.

Kapitälchen…

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Wie Leute mit Vollzeitjob nur leben können, frag ich mich. Da kommst du heim und dein ganzer Tag ist weg. Weggearbeitet, um irgendjemandem, der gerade ausnahmsweise nicht arbeitet, eine schöne Freizeit zu ermöglichen.

Das ist mir heute aufgegangen. Sehr viele Jobs, meiner zum Beispiel, bestehen einzig und allein zu dem Zwecke, dem Gerade-nicht-arbeitenden eine Vielzahl an Möglichkeiten zu bieten, das zuvor erarbeitete Geld zum Zwecke der Verschönerung ihrer knapp bemessenen Freizeit wieder auszugeben.
Das endete dann ziemlich schnell in ein paar resignierten gedanklichen Schlenkern über dem fruchtbaren Boden des Kapitalismus, das rapide Ende in erster Linie Resultat meiner eigenen Politikverdrossenheit.

Als die beispielhafte Konsumentin, die ich nunmal bin, habe ich mir wie angekündigt ein Wochenende außerhalb gegönnt, ein paar wunderbar entspannte Tage mit Caro verbracht und ihr nebenbei auch noch auf denkwürdige Weise (involviert waren Şahins personalisierte „Trink ne Coke mit Sahin“-Coladose von der letzten Gamescon und eine beachtliche Menge Rum – wir sind immer noch nicht ganz fertig damit, die späten Nachtstunden zu rekonstruieren, aber es war insgesamt einfach ungemein lustig) geholfen, ihren Jetzt-nicht-mehr-Jahrestag an einem Stück zu überstehen.

Jetzt auf einmal ist es irre spät und ich gehe gleich ins Bett. Müde bin ich zwar nicht, aber wenn ich morgen wieder arbeiten will… Was ist überhaupt in mich gefahren. Ich hatte nie Ambitionen, meine 450€€ vollzubekommen. Aber andererseits, wenn ich nach Perú möchte nächstes Jahr (der Versuch geht in die zweite Runde, diesmal mit Sarah und Peruaner-Pedro), kann ein bisschen mehr Geld nicht schaden, und da ich ja jetzt festgestellt habe, dass Vollzeit arbeiten Kacke ist (nicht dass ich es je versucht hätte; ich glaube, nach einer Vierzig-Stunden-Woche wäre ich nie wieder derselbe Mensch), sollte ich mir für meine Zukunft alles zusammensparen, das ich irgendwie in die Finger bekomme.

Wo wir schon so viel von Arbeit reden heute – mein Vater hatte Freitag ein Bewerbungsgespräch mit einer Firma in der Schweiz. Über Skype. Er hat mich zwei Stunden vorher angerufen, ich solle mal zu Skype kommen, und sich daraufhin eine Stunde lang in gefühlt jeden Raum und vor jede Wand hingesetzt und wollte Feedback zur Positionierung für das Gespräch. Fehlte nicht mehr viel, und er hätte angefangen, die Einrichtung des halben Hauses zu verrücken. Es scheint sich gelohnt zu haben, denn offenbar ist das erste Gespräch gut gelaufen und er wird heute hingeschrieben haben, dass er sich schon vorstellen könnte, mal zum (oh.. haha) Vorstellungsgespräch runterzufahren.

Stell dir vor, das wird was. Von mir aus ist alles gut; ich meine, Hauptsache, er kommt aus dem grauseligen Laden raus da oben. Jünger wird er auch nicht, und die Schweizer hier sind unter den Wenigen, die sich bisher ernsthaft für ihn interessiert haben. Ich wünsche ihm, dass das klappt. Mama ist dann sicher auch beruhigt; sie dreht seit vor Weihnachten schon am Rad wegen dem (ihrer Einbildung zumindest) drohenden Leben an der Armutsgrenze und vergleichbarer Abstrusitäten. Trotzdem – wie unfassbar es wäre, würden meine Eltern tatsächlich hier herunterziehen. Da flüchtet man quer durchs Land, baut sich sein eigenes Leben auf an einem Ort, der weiter entfernt vom ehemaligen Zuhause kaum sein könnte, innerhalb der Landesgrenzen zumindest. Und dann kommen sie einem hinterher.

Absurderweise fände ich es nicht einmal tragisch. In den drei Jahren sehr sporadischen Zusammentreffens hat sich unser aller Verhältnis (okay, oder sagen wir, meins zu ihnen und ihres zu mir), würde ich fast behaupten, soweit stabilisiert, dass wir den Versuch, in unmittelbarer Nähe zueinander zu leben, durchaus mal wagen könnten. Oder anders gesagt: Sollten meine Eltern und ich wider jede Wahrscheinlichkeit tatsächlich noch einmal so nah beieinander leben, wäre nicht gesagt, dass dieser Zustand Tote fordert. Ich hoffe.

Bihar

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..morgen.. ist es vorbei, das Semester.

Aber viel wichtiger, das Lied.

Viel kann nicht mehr kommen, so viele Lieder kann doch dieses verdammte Album nicht haben, denkst du zu Recht. Nur fange ich dann wahrscheinlich wieder von vorne an. Oder finde endlich Zeit, Atzo da bihar zu hören. (Oh, wo wir schon beim Thema sind.) Oder das Album, auf dem Itsasoa gara ist.

Aber nun, Bihar.

Gerade, Itxaropena hörend, dachte ich noch wie so oft, dass ich mir ein klein wenig verarscht vorkomme. ‚Hainbeste maite ditudan zure begi tristeetan‘ – in deinen traurigen Augen, die ich so sehr liebe – was soll denn das. Weißt du, da strengt man sich so unfassbar übel an, nicht traurig zu sein, zumindest nicht so, dass es Leute sehen, man kämpft und fühlt sich gut dabei, das ja – aber die Augen, die er so sehr liebt, sind auch traurig. Wieso werden die traurigen Augen geliebt, meine hart-erarbeitet glücklichen, kämpfenden Augen dagegen nicht. Erklär mir das doch mal einer.

Und jetzt, Bihar (hier sogar eine Version mit Text zum Mitsingen!) hörend, erschaudere ich schon wieder vor Andacht und denke mir, mindestens genau so unbegreiflich ist, wie ein Mensch, der so schreibt, überhaupt einem solchen Leid ausgesetzt werden kann. Wie man das aushalten soll, frage ich mich, das geschrieben zu bekommen und dann wegzugehen. Überhaupt jemals wegzugehen. Andererseits ist das wahrscheinlich auch wieder mein kombinierter Musik- und Sprachfetisch speaking, der mir ja eh tendenziell ganz gern mal das Leben versaut; es existieren ja doch (unbegreiflicherweise) Personen, die so etwas kalt lässt.

Und wie um mich mal wieder richtig schön selbst auslachen zu können, begegnete ich gestern Nacht (weil ich so absolut in Klausurlaune war, noch mehr als heute) beim willkürlichen Durchkämmen meines Dateisystems einem Video in einer dieser unendlichen Falten meines externen Gehirns aka Computer, das JO vor einiger Zeit (konkret: am 17.7.13 – Oh Schock meines Lebens, das war vor einem ganzen Jahr?!) während eines ooVoo-Gesprächs gemacht hat. (Und wie sie sich einfach nur beömmelt..) Weil ich so glücklich war. (Man merkt’s. Was für Drogen hatte ich da wieder genommen? Oh, richtig. Denak ez du balio. -Ich würde ja gern behaupten, heute, ein Jahr später, viel ruhiger und gelassener zu sein und wie ein Fels in der Brandung über allem zu stehen, aber andererseits, zu viel Begeisterungsfähigkeit hat noch keinem geschadet – und das Hypersein macht einfach zu viel Spaß.)

Ich gehe dann mal schlafen und schreibe morgen noch Satzverstehen und bin dann durch mit allen Klausuren. Bisher hat es unfassbar gut geklappt; ich bin fasziniert. Also werde ich mir wohl verzeihen können, selbst wenn Sentence Processing morgen in die Hose geht.

Volle Kanne rein

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Mein Zimmer wird von Tag zu Tag kahler.
Umziehen ist aufregend, auch wenn ich nicht glücklich darüber bin, mein „home of three years“ zu verlassen. Umso mehr freue ich mich aufs Einziehen. Der Einzugsteil ist doch immer der schönste.

Peruaner-Pedro hat mir nochmal geschrieben, dass ich einfach bescheidsagen soll, wenn wir seine Hilfe brauchen. Beziehungsweise sein Auto. Er hat es mir schon letzten Samstag angeboten. Weiterhin hat er mir vorgeschlagen, zusammen mit einem Kumpel von ihm nach Liechtenstein zu wandern (was von hier aus jetzt nicht so der Akt ist, nach dem es sich im ersten Moment vielleicht anhört), allerdings nächstes Wochenende, wo ich eigentlich vorhatte umzuziehen (und sein Auto in Anspruch zu nehmen). Nuja. Man wird sehen, wie das sich alles zusammenfügt. Er hat mir schon wieder geantwortet, aber da ich gerade keinen Nerv auf Kommunikation mit nicht sehr vertrauten Leuten habe, habe ich die Nachrichten nicht angeschaut.

Jetzt erstmal mit Sarah die Fahrt nach Hamburg und zurück klären, sie kam gerade zu Skype.

Oder auch nicht, sie ist schon wieder weg. Aber sehr gut, dass sie sich kurz hat blicken lassen; ich hätte fast vergessen, dass wir zum Reden verabredet waren.

Anfang August kommen meine Eltern wohl her. Sie bringen mir dann noch einiges an Zeug aus Oldesloe und können ja dann zur Not auch ein bisschen beim Umzug helfen, was mich in die privilegierte Situation bringen würde, Pedros Hilfsbereitschaft nicht ausnutzen zu müssen.

Morfología war einfach. Ich sage nicht, dass ich alles richtig gemacht habe, aber zu bestehen war es auf jeden Fall. Eine von vier wäre somit geschafft. Bis Mittwoch habe ich jetzt Ruhe – und Zeit, mir den Stoff für die restlichen drei Klausuren anzueignen. Irgendeine davon werde ich schon noch bestehen. Hoffe ich. Am Wochenende lerne ich MT und Psycholinguistik mit Lisa. Sentence Processing muss ich allein bewältigen. Wenig Hoffnung in dem Gebiet. Pedro (Kepa-Pedro diesmal) meinte letztens, was ich so früh schon anfangen würde zu lernen. Eine Woche noch, ich solle mich lieber um Euskera kümmern.
Und mir dann gleichzeitig befehlen, nicht zu failen – interessanter Humor. Vor allem hatte ich mich gerade so äußerst mühsam dazu gebracht, mit Psycholinguistik anzufangen. Uff.
Ach je. Das kann noch was werden nächste Woche. Oder eher nichts.

Ich habe mich mit Daniel heute über die Aussichten für Euskera im nächsten Semester unterhalten, und im Laufe des Gesprächs auch über den jetzigen Zustand, der da herrscht bei uns. Wir haben so lange gegenseitig auf uns eingeredet, dass ich zwei Busse hintereinander verpasst habe. Er hat mir angeboten, eine wöchentliche Konversationsstunde einzurichten! Ich bin halb geplatzt vor Begeisterung. Meine einzige Sorge ist, wie um alles in der Welt ich die Anderen dazu bringe, mit in die Konversationsstunde zu kommen. Alleine würde ich natürlich mehr lernen, aber ich bin auch immer noch mein altes awkward Selbst und nicht gewillt, mir die Stunden allein mit ihm um die Ohren zu schlagen. Zumal er nicht der kommunikativste Mensch aller Zeiten ist. Also, er redet zwar mit einem, und nicht gerade wenig dazu, aber auf einer sehr zweckgebundenen Ebene. Nicht so, dass man annehmen würde, er würde es auch mal freiwillig tun. Gar nicht, als wäre man ein Mensch oder etwas in der Art, mit dem man tatsächlich normal reden könnte. Aber dann, er ist auch nicht der Unverwirrteste unter der Sonne. Wer weiß, was in seinem Kopf alles vor sich geht. Vielleicht hat er mit sich selber ja genug zu tun und bekommt gar nicht so genau mit, dass seine Studenten wirklich existieren. Jedenfalls bin ich jetzt schon gespannt darauf, was sich für skurrile Gespräche ergeben, sollte diese Konversationsstunde je zustandekommen. Und ich bin auf die Wirkung gespannt! (Als wäre es eine Droge. Aber es ist eine Droge, und sogar eine der wenigen, die bei mir ordentlich wirken.)

Da ich momentan solche Unmengen an Zeit habe, habe ich den Nachmittag mit Gelée- und Marmeladenproduktion verbracht. Sicher doch. Die drei unschaffbaren Klausuren direkt vor meiner Nase sind einfach noch viel zu weit weg. Wäre die Marmelade jetzt Euskera gewesen, hätte Pedro nichts mehr zu beanstanden gehabt. Ich bin doch nicht mehr ganz dicht.

Aber immerhin habe ich jetzt ein halbes Schrankfach voll Marmelade und eine stattliche Sammlung Melonengelée. Nachdem ich drei wunderbare Melonen vorgestern (am hellichten Tag) containert hatte, musste ich die nunmal zeitnah verarbeiten. Dann noch die halbvertrockneten, verwaisten Orangen aus dem Obstregal dazu, die jeder Andere weggeschmissen hätte – um die 150ml Saft kamen da noch heraus. Und dann war ich halt schon so schön dabei und habe ein halbes Kilo der Mango-Nektarinen-Mischung von vor einer guten Woche gleich auch noch verarbeitet. Herrlich war das. Ich hoffe nur, sie werden alle schön fest.

Manchmal denke ich wirklich, oh je, wie langweilig muss mein Leben aussehen.

Dabei ist es so unheimlich ausgefüllt.

Heute hatte ich weniger Panik als die letzten Tage. Was da los war, frag‘ ich mich. Das ging wirklich über weite Teile der Woche, ab Donnerstag Abend.

Was ich mich noch frage – in letzter Zeit wieder verstärkt – wie das eigentlich funktioniert mit diesen merkwürdig sozial begabten Leuten, die so viele andere Leute kennen und von jedem gemocht werden. Sind sie nicht überfordert? Sind deren Kontakte oberflächlicher, weil sie weniger Zeit für jeden Einzelnen haben? Oder besteht ihr ganzes Dasein nur aus Kontakten und sie sind einfach nie allein und haben nie Zeit für sich? Ist es dann so, dass man jeden, den man mag, weniger doll mag und dafür einen ganzen Haufen verschiedenster Menschen, oder ist man eine Art sozialer Hypermensch und unterhält auf einer riesigen Skala tiefe zwischenmenschliche Bindungen? Liegen die Maßstäbe für eine Art Reizschwelle bei ihnen viel höher – muss ein Ereignis viel spezieller sein, um als wertvoll empfunden zu werden – oder haben diese Menschen ein so unsagbar wertvolles Leben, weil sie trotz allem Überfluss jeden einzelnen Moment in seiner Bedeutsamkeit zu schätzen wissen? Oder gibt es verschiedene Versionen Hypermensch? Was für eine selten dämliche Frage, natürlich gibt es das. Sie können ja nicht alle gleich sein. Trotzdem würde es mich einfach ungemein interessieren, wie solche Menschen ihre eigene Position in diesem Geflecht aus Fragen einschätzen. Vielleicht erklärt es mir ja irgendwann mal jemand.

Ich versuche mal zu schlafen, und morgen geht’s dann volle Kanne rein ins Lerndickicht.

Baden auf dem Uranus – Ängste, Vertrauen und Transparenz

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Panik, warum hab‘ ich Panik? Irgendeinen Grund gibt’s doch immer, so versteckt er auch sein mag.

Gehen wir durch. Umzug? Nein, da sind zwar Sachen unklar, aber solche Sorgen bereitet mir das nicht. Außerdem hab‘ ich vorhin erfahren, dass wir am 16. Wohnungsübergabe machen und somit schon zwei Wochen vorher anfangen können, die Sachen reinzustellen. Genau wie es geplant war.

Klausuren? Nein, dafür bin ich zu resigniert. Oder? Sentence Processing? Da erst recht.

Der winzige schriftliche Disput mit Laura eben? Aber das hat sich doch in Windeseile geklärt. Auch wenn mir seitdem nach Heulen zumute ist, warum auch immer. Dabei war eigentlich ich diejenige, die ukumenschlich reagiert und einfach Gespenster gesehen hat. Angriff ist die beste Verteidigung.

Morgen? Steht irgendetwas an, das mich in Panik versetzen könnte? Nein, ganz im Gegenteil. Ich gehe zu Sara, seit ganz Langem endlich mal wieder. Darauf freue ich mich – ich mag sie und sie scheint mich auch zu mögen. Wirklich kein Grund zur Panik there. Dann viel freie Zeit. Vielleicht habe ich Panik, dass ich wieder nichts lernen könnte. Aber vielleicht auch nicht. Dann Bandprobe. Warum um alles in der Welt sollte ich vor der Bandprobe Panik haben.

Konzertchen? Ach was für ein Schwachsinn, natürlich nicht.

Äh. BUND-Fest? Auch nicht. Dass das Wetter schlecht werden könnte? Als wenn. So weit ist es noch nicht mit mir, dass die Aussicht auf schlechtes Wetter mir den Garaus machen könnte.

Was geht mir denn noch durch den Kopf. Dass ich verwirrt bin? Aber wieso dann Panik.

Ich blick es einfach nicht.

Vielleicht habe ich Angst vor dem Leben. Erwartungen nicht zu erfüllen. Dinge verzerrt zu sehen, nie zu wissen, was eigentlich Sache ist. Das Übliche.

Ich schätze sehr an mir meine relativ neugewonnene Eigenschaft, mit einigen Menschen, denen ich vertraue, sehr offen zu sein. Ich weiß nur nicht, ob ich es richtig mache. Manchmal habe ich das Gefühl, nicht richtig kommunizieren zu können, wenn ich versuche zu sagen, dass mir bewusst ist, dass ich etwas nicht gut mache. Man müsste mich unmenschlich gut kennen, um rauszuhören, dass es kein bisschen 1) selbstverständlich und 2) Fishing for Compliments ist, wenn ich mal wieder jemandem meine Unsicherheit über den ein oder anderen Faktor auf die Nase binde. Aber es wird immer schlimmer; je mehr Vertrauen ich Leuten entgegenbringe, desto häufiger werde ich ihnen so etwas mitteilen. Es ist ein Zeichen dieser verqueren Situation an sich, dass ich zwar inzwischen schaffe, überhaupt drüber zu reden, mir dann aber wieder einen entsetzlichen Kopf darüber mache, ob es auch richtig verstanden wird. Ich will nicht hören, „ach was, das ist doch nicht weiter schlimm“ oder Derartiges – natürlich hab‘ ich nichts dagegen, sollte es denn tatsächlich der Fall sein, aber darauf bin ich nicht aus – ich will auch prinzipiell nicht jammern, ich sag‘ einfach nur, wie’s ist, und versuche dabei, wirklich das zu projizieren, wie’s bei mir drinnen nunmal aussieht. Und wenn es sich so unfassbar leicht dahergesagt anhört – natürlich tut es das. Das ist doch eine gängige Taktik, nehme ich an. Es soll sich nicht so anhören, als wäre einem das eben Gesagte unglaublich wichtig, dann kann es so viel leichter mitgeteilt werden. Und es ist doch eigentlich ziemlich mitteilungswürdig und sollte nicht die Ausnahme sein. Weil ich auch weiß, dass jeder einzelne Mensch irgendwelche Ängste hat und Unsicherheiten. Manche mehr als andere, aber wir haben sie alle. Das gehört zum Transparentsein dazu, und das ist ja bekanntlich mein erklärtes Ziel.

Ich, von allen Menschen, will transparent sein. Da denkt man sich doch auch nur, Himmels Willen, was denn noch. Möchte sie demnächst vielleicht auf dem Uranus baden gehen? (Fangfrage. Wie ich nachweislich irgendwann mit vier schonmal wusste, dann vergessen und letztendlich von meinem vierjährigen Ich wieder gelernt habe, ist da „Methan drauf, da kann man nicht drauf wohnen“. Und baden schon gar nicht. Duschen vielleicht, wobei das jetzt auch ein wenig ins Makabere geht.)

Aber versuchen kann man es doch mal. Mit Arbeit soll viel erreichbar sein. Und wenn ich Steiner richtig verstehe, sind die Glasmenschen der Zukunft auch eher metaphorisch durchsichtig. Sprich, ich wäre anthroposophisch betrachtet auf dem richtigen Weg.

Und, was lustig ist, jetzt ist die Panik geschrumpft. Vielleicht musste das einfach alles mal gesagt werden.

Things.

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Ich liebe das Bürgerbüro. Soeben habe ich festgestellt, dass man sich auf der Website tatsächlich Termine machen kann. Statt stundenlang zu warten, gehe ich also morgen supergechillt um viertel nach zehn hier aus dem Haus, um meinen Reisepass zu beantragen. Verbrecherfotos sind bereits gemacht – ich habe mir vorhin einen harten Kampf mit dem Fotoautomaten geliefert, der offenbar fand, dass meine Haare nicht der gesetzlich vorgeschriebenen Norm entsprachen, bis es beim allerletzten Versuch endlich geklappt hat. Wie mies – es druckt dir dann einfach deine Bilder, ob du willst oder nicht. Ein Glück, dass die wenigstens im legalen Rahmen sind, wenn ich schon aussehe wie die letzte Terroristin. Wieso man nur gerade auf Reisepässen immer aussieht wie ein Terrorist, es ist doch zu ironisch.

Ja, ich habe Einiges geschafft heute. Von elf bis sechs war ich arbeiten (und durfte heute zur Abwechslung zwischendurch auch mal vom Deutschen ins Englische übersetzen, wie herrlich!), habe in der Zeit zwei riesige Becher Kaffee getrunken und bin deshalb jetzt nicht im Geringsten müde, obwohl ich um neun schon im MT-Tutorium war, um die Hausaufgaben für Mittwoch zu erledigen. Mit nicht gerade hundertprozentigem Erfolg – ich bin ja LFG-technisch noch nicht so versiert, weil ich faul bin und nie etwas tue und so weiter, aber sogar Lisa hatte Schwierigkeiten mit dem Adverb. Er wollte es uns einfach nicht parsen. Ich musste dann los zur Arbeit und habe aufgegeben. Da ich nicht gemerkt hatte, dass die Tutoriumszeit schon vorbeiwar, saß ich erstmal noch eine Weile unbeabsichtigt in Lisas Phonetik II-Kurs, der im gleichen Raum stattfand, und habe mich dann irgendwann einfach clumsily aus dem Raum geschlichen.

Jedenfalls ging dieser Tag schnell rum. Ich sollte mir eigentlich mal was zu essen machen und dann weiter Morfología lernen. Bald bin ich damit schon fertig (oder habe zumindest alles an Folien oberflächlich durchgeschaut, aber zu mehr Lernen reicht es bei meiner alles übertreffenden Lethargie ja eh meistens nicht – wobei ich sagen muss, dass ich mir zumindest das Wortklassifizierungsmodell von Harris unheimlich gründlich und diszipliniert zu Gemüte geführt habe und den Großteil vom Rest zumindest ansatzweise zu beherrschen glaube, meine Schulter sei geklopft) und kann dann mit Machine Translation weitermachen.

Letzte Nacht hatte ich ja tatsächlich bis weit nach ein Uhr noch ein sehr profundes Gespräch mit meiner Mutter über meine Bachelorarbeitspanik und mangelnde linguistische Begabung. Sie war nicht davon begeistert, dass ich ihr vorwarf, unbedingt zu wollen, dass ich diesen Bachelor mache, und darüber zu vergessen, mich in der Annahme zu bekräftigen, dass es nicht das Ende der Welt wäre, wenn ich ihn nicht mache. Aber sie ist ja so fest davon überzeugt, dass ich das schon schaffe. Wenigstens eine von uns.

Zur Not wird’s halt doch Germersheim. Ich muss mal Saskia fragen, ob ich eine Chance habe, Teile meines bisher absolvierten Studiums im Studiengang Übersetzung dort angerechnet zu bekommen. Ja, ich glaube, das mache ich mal.

Il faudrait l’être.

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Heute hat meine Oma Geburtstag. Vor einem Jahr hatte ich die absurde Begegnung mit dem betrunkenen Mensch, Luca. Ich mag ja wie erwähnt solche Begegnungen und denke gern mal dran zurück. So etwas macht im Nachhinein doch einen schönen Teil des Lebens aus.

Gerade komme ich von einer WG-Party, die genau dort stattfand, wo ich Montag hinwollte. Nicht ganz genau, nicht dass du dich fragst, was in der Psychiatrie wohl für Parties gefeiert werden. Ich hatte wieder ein paar unvorhergesehene Begegnungen, welche der lustigen Art: Nele, die ich vorgestern Abend bei Elisa kennengelernt hatte, und ihre Freundin Natalie habe ich gestern Abend wiedergesehen, und noch dazu fand das Ganze bei einer guten Freundin von Lisa statt, der nähenden Constanze. Die kannte ich schon so gut vom Hörensagen, als hätte ich sie selbst schon gesehen. (Irgendwann hatte mir Lisa mal angeboten, in ihren Nähkreis zu kommen. Ich wollte auch unbedingt, hatte dann aber Befürchtungen, nur den ganzen Verkehr aufzuhalten mit meiner vollkommenen Ahnungslosigkeit.) Sie studiert offenbar mit Trudi zusammen. Klein ist die Welt. (Und vor allem das Kaff hier, welches ich das Privileg habe mein allerliebstes Zuhause zu nennen.)

Trudi hat sich betrunken. Es hielt sich noch in Grenzen, aber dadurch, dass ich mit den beiden Foodsaverinnen im Gespräch war und meinen Alkoholkonsum fast sträflich vernachlässigt habe, war ich am Ende um einiges nüchterner als sie und habe es schon ziemlich deutlich gemerkt. Ich bin einfach der festen Überzeugung, dass die Gedanken intelligenter Menschen von Natur aus problematischer sind und sie ihre Realität deshalb bevorzugt durch Drogen künstlich modifizieren. Ich zähle mich sogar selbst dazu, zu den intelligenz-dunak, den Intelligenz Besitzenden, einfach weil ich mir nicht erklären kann, wo meine eigene Affinität zu bewusstseinsverändernden Substanzen sonst herrühren soll, auch wenn ich die genaue Natur meiner eigenen Intelligenz beim besten Willen nicht zu definieren wüsste und man selbige bei mir manchmal wahrscheinlich wirklich mit der Lupe suchen kann.

Susmita schrieb mir neulich, wir müssten uns wirklich bald zusammen betrinken, sie würde „need to somehow get out of [her] present self for some time“. Ich war natürlich begeistert über die Gelegenheit, mit Susmita zu trinken. Drunk Susmita, was gibt es more awesome. Vielleicht kann ich Samstag zu ihr, dann können Trudi und ihr Arschloch-Freund Hannes (der offenbar Sehnsucht nach ihr hat und sie gebeten hat, ein Wochenende hier verbringen zu dürfen) hier in Ruhe die Wohnung in Beschlag nehmen.

Da fällt mir der alte, weise, wahre Spruch ein, den mich schon so lange begleitet:

Entre nous soît dit, bons gens, pour reconnaître
Que l’on n’est pas intelligent, il faudrait l’être.