Schlagwort-Archive: Abstrusitäten

Und wieder ein Tag überstanden.

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Heute ging ohne major Schwierigkeiten vorüber. Wurde von Mama aus dem Bett geklingelt (zu einer durchaus humanen Uhrzeit, vielleicht halb elf), habe gefrühstückt, etwas Serie geschaut, wurde dann von Mama nochmal angerufen und wenig später von Rini, habe mit dieser dann mehrere Stunden geredet (wie unbeeindruckt ich davon gerade scheine – aber glaub mir, das wäre unter normalen Umständen ein extrem wunderbares Happening, ebenso wie der aufgefrischte Kontakt mit Nicole) und habe bald darauf auch schon den nächsten Anruf entgegengenommen, diesmal von Martin, mit dem ich Anfang der Woche schon ausgemacht hatte, dass wir uns mal zusammentelefonieren und die enormen Schwierigkeiten bereden, die in seiner und Chachis Beziehung vorliegen.

Gesagt, getan; dabei gingen die nächsten anderthalb Stunden ins Land, und als Nicole versuchte, mich zu erreichen, waren wir noch immer nicht fertig. Ich mag Martin und fände es schade, wenn Chachi und er ihre (in erster Linie von erheblichen Kommunikationsstörungen sowie himmelweiten Unterschieden ihrer beider Charaktere und Kulturen gleichermaßen herrührenden) Probleme nicht in den Griff bekommen.

Und zwischendrin machte mir Caro das Geschenk eines kleinen Fragebogens zur Analyse und bestenfalls Verbesserung meiner misslichen Lage, den ich direkt bearbeitet habe, nachdem das Gespräch mit Martin dann doch mal vorbei war. Großartig daran fand ich vor allem, wie sich darin ihr lösungsorientiertes Denken widerspiegelte und sie sich auf positive Fragestellungen konzentrierte, sodass für selbstmitleidiges Abdriften kein Raum blieb. Naja, oder fast keiner – zur Beantwortung einer ihrer Fragen dachte ich mir, ich könnte mir hier im Blögchen Hilfe holen, und suchte nach einem bestimmten Eintrag. Leider fiel mir zuerst kein wirklich spezifisches Schlagwort ein, sodass ich mich durch massenweise Text scrollen durfte, in dem außer heiler (oder relativ heiler) Welt mit R gefühlt nichts vorkam. Das tat weh. Aber nur für ein paar Sekunden.

Stand for some time in silence, let memories take over and then fight them back with every bit of power that my will has left.

Ich kann ja auch nichts dafür, dass meine eigenen Wörter meine eigenen Dramen einfach am besten beschreiben. Wäre ja irgendwie auch komisch, wenn es anders wäre.

Ich müsste die Stimme des Absurden Songs mal neu aufnehmen, diesmal in einem Zimmer, in dem ich mich tatsächlich traue, auch Geräusche zu machen (und nicht gezwungen bin, das AG in meinem Wohnheimzimmerkleiderschrank zu positionieren). Für den TTT gilt das Gleiche, und begrenzt auch noch für No One to You, wobei man da bereits merkt, dass etwas Zeit vergangen war und meine Hemmungen, die auf der anderen Seite der papierdünnen WG-Wände vor sich hinlebenden Mitbewohnerinnen mit entzückenden Emo-Texten zu beschallen, ganz langsam zurückgingen.

Vielleicht, wenn dieses Virus weg ist und die Nachbarn wieder arbeiten gehen.

Telefontherapie

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Fast wie in den guten alten Zeiten, als ich single und hobbylos war und trotzdem abends immer jemand zum Reden da war, ist dieser weltweite Quarantänezustand. Das, so bitter es auch sein möge, ist gut für mich, denn wäre es anders, würde ich an der Einsamkeit zugrunde gehen.

Morgen um neun gibt’s Telefonsession mit der Therapeutin. Äußerst praktisch, nicht mal mehr dafür aus dem Haus zu müssen. Im Bett liegen und sich therapieren lassen, welch ein Luxus. Ideal auch deshalb, weil ich auf die Weise eine halbe Stunde länger schlafen oder zumindest vor mich hindämmern kann. Andererseits wird es vielleicht weird, mit der Therapeutin zu telefonieren. Hoffentlich nicht zu sehr.

Aktuelle Lage: irgendwo zwischen miserabel und richtig okay. Wobei ‚zwischen‘ der falsche Ausdruck ist, denn statt sich einzupendeln, oszilliert mein Zustand munter von einem Extrem zum anderen. Das ganz fürchterliche Absacken konnte aber gerade nochmal durch Telefonieren mit Caro verhindert werden, meine Güte, wie Caro hilft. Die hätte ich beim letzten Mal schon wirklich gut gebrauchen können.. ach, warte, da war ja was.

Letzten Monat, kurz nach Vorschlagen der Pause, als ich frisch zusammengeklappt genau hier in meiner Sofaecke hing, fragte mich R – und daran muss ich gelegentlich denken, durch diese Feststellung jetzt zum Beispiel – was er für mich tun könne. Ich sagte: „Ich möchte, dass du den Schmerz wegmachst… aber du bist die Quelle des Schmerzes.“

Schon etwas absurd, dass diejenigen Menschen einem die unaussprechlichsten Schmerzen zufügen können, die unter anderen Umständen am besten dafür geeignet wären, sie zu lindern.

Get it over with.

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Heute ging der Kaffeekonsum mit leichter, aber erträglicher Panik einher.

Zwischendurch war ich auf Zitronensäure-Mission in der Stadt unterwegs. Es war warm, die Busse und Bahnen waren leer und man musste keine Angst vor Kontrolleuren haben. So lob ich mir das Reisen.

Nach der Bäckerei-Abholung am Abend habe ich Wolfgang benachrichtigt, dass Brötchen bereitstehen. Bevor er kam, sah ich jedoch erstmal eine Nachricht von R, ob er morgen oder übermorgen vorbeikommen dürfe. Klar, sagte ich, was es denn geben würde. Er schrieb, er wolle mir die paar Sachen zurückgeben, die er versehentlich von mir mitgenommen hat. Ob mir morgen oder Samstag lieber sei. Morgen, sagte ich, bringen wir’s hinter uns.

Ich weiß, was es gibt, und morgen Abend wird es jeder Teil von mir wissen, auch derjenige, der es bislang trotz untrüglicher Intuition nicht zulassen kann.

Wolfgang war sehr verständnisvoll ob meines latent zerstörten Zustandes, der sich nach ganzen fünf Minuten leider nicht länger verbergen ließ. Er ist anderthalb Stunden geblieben, hat zugehört und abgelenkt und sogar vier Brötchen mitgenommen. Seine Agenda ist eher auf Vorratsvernichtung ausgerichtet – wie ihm dann auffiel, brauchte er eigentlich gar keine Brötchen.

Er war gestern bei R, der ihm gegenüber augenscheinlich keinen Ton darüber hat verlauten lassen, dass er vorhaben könnte, mich zeitnah abzusägen. Vielleicht hat er diese Entscheidung ja heute spontan gefällt. Aber er hat generell nicht über das Thema gesprochen. Warum wundert mich das nicht.

Pünktlich um 18.30 werde ich mir morgen jedenfalls etwas von dem schon obsolet geglaubten Trimipramin hinter die Binde kippen, um das Drama nicht unnötig dramatischer zu machen. Und dann genau das tun, was ich angekündigt habe: es hinter mich bringen. Und R, wen er dann zum voraussichtlich letzten Mal seinen Weg aus der Wohnung antritt, eine Tüte Brötchen mitgeben, denn für mich allein ist so ein gelber Sack voll einfach nicht zu schaffen.

Also doch wieder drinnen bleiben.

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Sonntag um drei schlafen gegangen, heute um halb zwei und jetzt nochmal voraussichtlich um elf – was für eine steile Abwärtskurve. Gut so, hier will ich ja langfristig auch wieder landen. Wenn das Escitalopram mich lässt, würde ich auch gern wieder um neun oder früher aufstehen. Oder zumindest mal aufwachen.

Meine Tage sind im Augenblick durchwachsen, was im Grunde ja schon als Riesenfortschritt zu werten ist. Möglichst wenig denken und jeden Funken Tatkraft nutzen. Das habe ich auch heute getan und Becci dabei, so weit es ging, mit eingespannt. Ihrem Ohr geht es besser, aber ihr Gesamtzustand ist nach wie vor suboptimal.

Meine Mutter schreibt mir, ich solle im Angesicht der wohl bevorstehenden Ausgangssperre noch Obst einkaufen. Mal davon ab, dass ich nichts dergleichen tun werde, finde ich diese skurrile Virusgeschichte vor allem dahingehend störend, dass ich mir gerade vorgenommen hatte, täglich rauszugehen, Erledigungen zu machen oder einfach rumzulaufen. Wirklich, gerade gestern. Was soll der Quatsch und warum interferiert er mit meinen heroischen Versuchen, mich am Leben zu halten – und wie ironisch, dass die sicherste Methode dafür momentan die absolut konsequente Fortführung meines bisherigen Heremitendaseins zu sein scheint.

Ich bin nur gespannt, ob die Therapeutin mir morgen sagt, dass die nächsten Termine ausgesetzt werden. In dem Fall wäre ich einfach nur dankbar, dass der erste Akt des R-Dramas bereits vorüber und der dazugehörige Tiefstpunkt mehr oder minder durchgestanden ist.

Monodialoge, Ungewissheiten und Haarfett aus Rücksicht

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Mitten in der Nacht davon aufgewacht, dass ich laut zu R sagte: „Das Tragische ist: Das Leid, das du hervorrufst, willst du nicht sehen.“

Was für ein Traum das gewesen sein muss. Ein Glück kann ich mich nicht dran erinnern.

Ein soeben im wachen Zustand geführter Gedankendialog brachte dagegen eine hilfreichere Erkenntnis zutage: „Wenn du mich so sehr liebst, wie du immer sagtest, habe ich nichts zu befürchten. Und wenn nicht, habe ich nichts zu verlieren.“

Er hat sich noch immer nicht bezüglich heute Abend gemeldet. Vielleicht fürchtet er sich so sehr davor, mich zu kontaktieren. Vielleicht hält er es auch einfach nicht für nötig, mir früher als in der letzten Sekunde bescheid zu geben. Vielleicht hatte er auch von vornherein vor, Marketa zu versetzen, und verlässt sich darauf, dass Wolfgang ihm irgendwann seinen Perso bringt. Das wird nur nicht passieren, weil ich Wolfgang darüber in Kenntnis gesetzt habe, dass R heute selbst vorbeikommt, um sein Zeug zu holen.

Man wird sehen. Jedenfalls wäre es wünschenswert, dass ich das gerade Festgestellte im Hinterkopf behalte, um in beiden Fällen die Ruhe zu bewahren.

Nun muss ich duschen und mich anziehen, da mich Marketa gebeten hat, etwas für sie auszudrucken, und ich ihr in diesem Zustand nicht unter die Augen treten kann. Und das will schon was heißen, weil es Marketa nun wirklich egaler nicht sein könnte, wie man aussieht. Einen Minimalanspruch an mich selbst habe ich dennoch, und dem bin ich gestern bereits nicht mehr gerecht geworden. Meine Rettung gestern war das abscheuliche Regenwetter, das es fast unmöglich machte, einen Unterschied zwischen fettigen und verregneten Haaren festzustellen – ich habe extra weder Regenschirm noch Mütze mit auf den Weg zum Notar genommen.

Dass ich schon wieder so lange nicht geduscht habe, lag diesmal weniger als sonst an mangelnder Willenskraft, sondern vielmehr an der grenzenlosen Inkompatibilität meines Tagesrhythmus mit dem meiner Mutter, die gegen halb sechs Uhr aufzuwachen pflegt und sich entsprechend teilweise zu Zeiten ins Bett begibt, zu denen ich noch Stunden nicht daran denken könnte. Als ich Montag also gedachte, mich abends einer dringend nötigen Körperpflegeprozedur zu unterziehen, übersah ich dabei die Tatsache, dass mir die üblicherweise hierfür verwendeten zwanzig Minuten vor dem Zubettgehen nicht zu Verfügung stehen würden, sofern ich nicht beabsichtigte, meine ohnehin schon infolge des (wenn auch eigenhändig verursachten) Dramas des Tages angeschlagene Mutter durch spätabendliche Lärmbelästigung weiter gegen mich aufzubringen.

Wie dem auch sei, nun habe ich keine Ausrede mehr. Dem Ebay-Menschen habe ich gerade schon im Schlafanzug sein Ahornblatt überreicht; er wird der letzte Mensch diese Woche gewesen sein, der die heruntergekommenste Version von mir zu Gesicht bekam.

Geht alles, wenn’s denn sein muss.

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Heute habe ich es ohne Beta-Blocker geschafft. Es war nicht schön, aber ich habe überlebt und bin nach ein paar Stunden derwischmäßigen Rotierens im Haushalt mittlerweile fast vollständig panikfrei.

Ich habe wirklich eine Menge geschafft. Beide Katzen versorgt, Kühlschrank entsaftet und grob gereinigt, gefegt, gesaugt, die Tüte mit Flüssigbonbons geleert, die seit Jahr und Tag auf den Flurboden leckte, eine Wäsche in die Maschine geschmissen, Essenstüten ausgeräumt, das Essen gewaschen und im Kühlschrank verstaut, Spülbecken gesäubert, Spülmaschine angeworfen, etwas aufgeräumt… doch, wirklich, eine Menge.

Somit steht Mamas Besuch nichts mehr im Wege. Und wenn ich einen Bus früher nehme, um sie abzuholen, kann ich vorher sogar noch Pfand wegbringen. Das wäre doch echt mal eine Maßnahme.

Whey, ich bin ja richtig lebenstauglich.

Und das, obwohl die Medis mich hundemüde machen und gestörte R-relatede Träume sowie schmerzhafte R-relatede Gedanken mich am laufenden Bande heimsuchen.

Letzten Endes schaffe ich mit den Medis, mit einem auf so unerwartete Weise rettenden Umfeld und mit aller Kraft, die ich nur aufbringen kann, woran ich vor einem knappen Jahrzehnt so elendiglich gescheitert bin: klarkommen.

Marketa und R treffen sich vielleicht am Mittwoch. Nur gut, dass ich eben Marketa nochmal geschrieben habe, um sie zu bitten, bestimmte Dinge, die wir gestern beredet hatten, mit ihm nicht anzusprechen – auf diese Weise habe ich im Vorfeld davon erfahren und kann mich mental darauf vorbereiten, dass er vorbeikommt und (ein weiteres Mal) seine restlichen Sachen mitnimmt.

Ugh, jetzt muss ich aber aufhören, darüber nachzudenken. Das ist ja entsetzlich. Am besten zocke ich jetzt noch eine Stunde, um mich abzulenken, und fahre dann in die Stadt.

Machen wir das doch.

 

Sinn und Standards

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Keine Ahnung, wie ich das machen soll, aber ich gehe gleich mit Wolfgang auf Essenssuche. Ich muss das tun, weil es das letzte Mal sein wird, dass Wolfgang fährt, und ich das aus sentimentalen wie auch pragmatischen Gründen nicht ausfallen lassen kann. Vorbei die Zeiten des luxuriösen Abgeholtwerdens; demnächst darf ich für diese Zwecke erst wieder quer durch die Stadt zu Yannick tingeln.

Als wäre das nicht immer noch tausendmal luxuriöser als früher alleine mit Bus, Bahn und Füßen. Man gewöhnt sich so schnell an einen gehobenen Lebensstandard, und man meckert einfach immer weiter.

Ich wache auf und es rotiert. Es ist immer das Gleiche. Ein paar Sekunden braucht das Gefühl, um den Gedanken hinterherzuschwappen, und ich denke mir, „oh, wow, das geht ja!“. Und dann hat es aufgeholt, und dann haut es rein. Dann spielt Txoria txori in meinem Kopf, oder neulich war es Letzte Runde von Sarah Lesch. Dann zerfleischen mich Selbstvorwürfe, wie ich die Situation so immens falsch einschätzen konnte; wie ich ihm glauben konnte, wenn er sagte, ich sei ein Teil von ihm geworden, er könne sich ein Leben ohne mich nicht vorstellen, er würde depressiv, wenn ich weg bin. Wie ich annehmen konnte, er würde leiden, wenn dieses Szenario eintritt – weit mehr als ich. Dann spreche ich aus, woran sich mein Hirn in dem Moment aufhängt. „Panik, Panik, Panik, lalalaaa“ oder „Es hat alles keinen Sinn“ oder „Es tut mir weh, wie gut du zurechtkommst.“

Wie kann ich mich so verschätzt haben.

Ich muss wieder lebensfähig werden. Ich kann in diese Beziehung nicht zurückwollen, weil sie mich am Leben hält. Das ist nicht der Sinn, ich muss mich selbst erhalten. Ich muss mein eigener Sinn sein.

Wie schaffe ich das?

‚Wollen‘ vs. ‚tun‘

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Aufgewacht um kurz vor sieben, Weiterschlafen unmöglich. Das Dramahirn macht nahtlos dort weiter, wo es vor dem Einschlafen – überaus widerwillig – aufgehört hat. Natürlich hielt der entspannte Geisteszustand nicht an, bis ich im Bett lag; vielmehr drehte es nochmal voll auf und bereitete mir das Vergnügen, mich „Keine Übersprungshandlung keine Übersprungshandlung keine Übersprungshandlung keine Übersprungshandlung keine Übersprungshandlung“ vor mich hinsagend auf Beccis rechter Bettseite hin- und herwerfend davon abhalten zu müssen, bei R anzurufen und alles noch dreißigtausendmal schlimmer zu machen.

Ich will nach Hause. Nach Hause und überprüfen, ob die Stimme Recht hat, die ohne Unterlass schreit, „ich bin ihm egal“. Nach Hause und Gefühlsregungen aus ihm herausquetschen, die mich vom Gegenteil überzeugen, die mich das alles ertragen lassen. Nach Hause und herausfinden, mit welchem Mindset er an diese Sache herangeht, ob er überhaupt vorhat zu reflektieren oder sich gleich daran macht, mich so gut es geht zu vergessen. Ich will ihn anrufen, mit Fragen und Vorwürfen überschütten, in seiner Stimme hören, dass nicht alles verloren ist; ihn anflehen, mich nicht wegzuwerfen. Ich werde nichts davon tun.

Warum kommt es immer wieder. Die unmenschliche Anstrengung, es nicht noch schlimmer zu machen, und immer ist sie vergebens.

Vielleicht war sie nicht jedes Mal völlig vergebens. Hätte ich mich weniger angestrengt, wäre möglicherweise der Ukumensch nicht nach Jahren mit einer neuen Aufnahme von Destinations Unknown auf mich zugekommen. Es wäre vermutlich auch Kepa nicht nach Jahren mit dem Vorschlag einer Bolivien-Reise auf mich zugekommen. Aber selbst in diesen Fällen führte meine Anstrengung nur zu einer Milderung der Ablehnung.

Egal, wie wenig es mir in der Vergangenheit jedoch geholfen hat, ich könnte mir niemals erlauben, diesen Bedürfnissen nachzugeben. Was würde mich sonst noch von Barbara unterscheiden, die damals ihrem Freund drohte, sich umzubringen, sofern dieser nicht am gleichen Abend seinen Vierjährigen beim Jugendamt abgeben und zu ihr auf die andere Seite des Landes ziehen würde. Das wirklich Bittere ist, dass ihr Freund es daraufhin nicht fertig brachte, sich von ihr zu trennen. Ich reiße mir beide Beine aus, um mich zusammenzunehmen, aber mich verlässt man.

Katastrophentherapie

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Nachdem gestern Abend der Film über Natascha Kampusch, 3096 Days, bei aller Beklemmung irgendwie bei mir ein Gefühl der inneren Ruhe ausgelöst hat, dachte ich mir heute, „versuchen wir das doch nochmal“ – und es hat blendend funktioniert.

Zuerst habe ich mir passend zum gestrigen Thema die Doku 3096 Tage Gefangenschaft angeschaut und bin dabei bald vor Ehrfurcht erblasst im Angesicht dieser beeindruckenden Persönlichkeit. Anschließend habe ich mich, da es den Anschein machte, als würde Caro bis zum Telefonieren noch ein Weilchen brauchen, dazu entschieden, mit What the Health noch einen Schrecken auf globaler Ebene nachzuschieben.

Und siehe da, mit zunehmendem Level inhalierten Horrors wurde derjenige immer weiter verdrängt, den ich mir selbst produziere. Als drei Minuten vor Doku-Ende die Nachricht von Caro kam, dass ihr Husten ihr einen Strich durch die Rechnung gezogen hat, war ich praktisch tiefenentspannt, ein Zustand, der genau so lange anhalten wird, bis ich wieder anfange, selbst zu denken.

Da sollte man am besten schnell ins Bett gehen.

Don’t think.

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Eine neue Facette des Grauens hat sich mir eröffnet, die ich vollkommen vergessen hatte: Alles-in-Ordnung-Träume. Wow, ich bin nicht böse darum, so lange ohne sie gelebt zu haben, dass es dazu kommen konnte.

Erfrischenderweise kann ich allerdings berichten, dass das Aufwachen aus diesem hundsgemeinen Trugbild nicht mit verstärkter Panik einherging, sondern bloß mit der üblichen Dosis. Wobei ich allgemein den Eindruck habe, dass sie ein Stück weit heruntergefahren hat, seitdem ich hier bin.

Becci ist soeben zur Arbeit gegangen, nicht ohne mir zuvor eine neue Kanne Tee zu kochen. Ich werde mich weiter mit Zocken über Wasser halten. Arbeiten traue ich mir mit diesem Matschkopf nicht zu. Was bin ich froh, nicht arbeiten zu müssen, wenn ich nicht kann.

Heute ist Donnerstag. R wird zur Solid gehen, spät nach Hause kommen und meiner Abwesenheit kaum gewahr werden. Es ist sehr schwer für mich, zu verstehen, wie jemand, der vor wenigen Wochen noch verkündete, er würde depressiv, wenn ich weg bin, dazu kommt, mich freiwillig und überzeugt aus seinem Leben zu entfernen. Vielleicht war es einfach eine Dauer-Ausrede für den unzumutbaren Zustand der Wohnung, der verlässlich eintritt, sobald er alleine ist? Aber er lügt mich nicht an, er hätte das nicht einfach so gesagt.

Andererseits, was weiß ich schon. Was glaubt man noch, wenn man über Jahre bearbeitet wurde, bis man wider jede inhärente Skepsis sicher war, geliebt und gebraucht zu werden, und auf einmal erfährt, dass er sich dermaßen eingesperrt und unterdrückt vorkommt, dass er kurz davor ist, einen zu betrügen.

Nicht denken. Nicht denken.