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Manisch ist besser als panisch

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Zwanzig Minuten, dann mache ich mich zum zweiten Mal auf zu meiner zweiten Schülerin. Dort werde ich jetzt öfter sein; sie möchte drei Mal die Woche für je zwei Stunden gecoacht werden. Wie Kepa so treffend formulierte: Und sie ist Oligarchentochter. Ihre Eltern müssen so unwahrscheinlich reich sein, da wird mir schwindelig. Sie wohnt in einer gigantischen Villa auf der anderen Neckarseite, wahrscheinlich eine von der Sorte mit zwei Küchen, von denen uns der Küchenmonteur letztes Jahr erzählte, eine zum Kochen und eine zum Vorzeigen. Ihre Eltern sind auch nicht gerade das unmerkwürdigste Paar Menschen, die mir je unter die Augen kamen. Aber was soll ich mich beklagen; sie selbst ist vollkommen normal und super in Ordnung.

Ich habe Panik, weil ich gleich losmuss, und weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Beziehungsweise weiß, dass dagegen kein Kraut gewachsen ist, und muss damit jetzt wohl so lange leben, bis ich bei Sophi am Monstertisch sitze und mit ihr über das Hexenjagddenkmal in der norwegischen Einöde rede. Es gibt absolut nichts, vor dem ich Panik haben muss, und ich hatte schon so lange keine mehr, dass mich das bisschen jetzt schon richtig zermürbt. Mein Kopf und mein Körper sind komische Dinge.

Davon ab habe ich gestern so mir nichts, dir nichts dann wirklich AoE von diesem Computer entfernt und werde so ab jetzt hoffentlich wieder mehr Zeit in mein Leben als ins Zocken investieren. Es hat mich nur noch angekotzt, diese zahllosen Stunden Zeitverschwendung. Der Moment, in dem es ein Fortschritt ist, wenn du dich überredest, jetzt einfach mal aufzuhören, um stattdessen Serien zu schauen… das ist dann wohl der, in dem du handeln solltest.

Aber ich habe trotz exzessivem Zocken noch sinnvolle Sachen gemacht – die Terrasse für den Winter bereitgemacht und aufgeräumt; die Unmengen Pfifferlinge gedörrt, die noch im Kühlschrank waren; die getrockneten Kräuter endlich verarbeitet, die hier noch überall herumhingen; im Haus aufgeräumt und gesaugt; 90°-Wäsche gewaschen und gestern Abend sogar etwas Warmes gegessen. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Ich habe kaum mehr gekocht, seitdem R weg ist. Ich muss mich in das Alleinsein erst wieder reinfuchsen.

Aber es wird; spätestens heute bin ich wieder soweit, dass ich unentwegt vor mich hinbrabbele, während ich Dinge erledige und in der Wohnung herumwusele – eine Angewohnheit, die ich so gut wie abgelegt hatte – und es ist sauber hier, das glaubst du gar nicht. Natürlich muss noch einiges geschafft werden, bis es wirklich mal wieder meinen Standards entspricht, aber ich sage dir, es tut unheimlich gut, richtig zum Saubermachen motiviert zu sein, weil du die Einzige bist, die es nachher wieder einsauen könnte.

Und jetzt ist meine Panik zwar nicht weg, aber ich muss trotzdem los.

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15 Milliliter

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Nein, ich habe nicht gebacken heute. Was aber nicht bedeutet, dass ich nichts gebacken gekriegt hätte, ganz im Gegenteil. Ich habe solche Rückenschmerzen vom ganzen Staubsaugen und Aufräumen und Essenretten und Pfandwegbringen und Wäschemachen, dass ich den Rest des Abends zu Erholungszwecken nutzen werde.

Ich habe so viele Punkte von meiner To-Do-Liste abgearbeitet, wie ich fast nicht für möglich gehalten hätte zu schaffen. Nicht nur die über vier Euro Pfand in fast ausschließlich Glasflaschen sind weg (jetzt wird man verstehen, wo meine Rückenschmerzen herkommen), nein, ich habe die Spülmaschine aus- und wieder eingeräumt, alles Mögliche an Chaos in der Küche beseitigt, mich unangenehmen Aufgaben wie dem Müllrausbringen gestellt, zwischendurch noch meine Beine epiliert, geduscht, fünfzig Sachen in meinem ohnehin schon recht ordentlichen Zimmer aufgeräumt, in der ganzen Wohnung staubgesaugt (einschließlich des Lampenschirms meines Deckenfluters; mittlerweile verstehe ich auch, wieso ich den Eindruck hatte, er würde in letzter Zeit dunkler leuchten) und meinem Onkel Jörg eine Karte gebastelt und beschrieben, eingetütet und abgeschickt – der Gute ist genau so telefonierunfreudig wie ich, was dazu führt, dass wir, obschon wir uns gegenseitig mögen, seit Jahren vermeiden, miteinander zu reden. Er hat mir aber nunmal sowohl zu Weihnachten als auch zum Geburtstag Geld geschenkt und Karten geschickt, sodass es wirklich mal nötig war, ihm meinerseits ein Lebens- und Dankeszeichen zukommenzulassen.

Am Nachmittag kam Papa auf einen Tee vorbei, eigentlich genau dann, als ich auch gerade mit allem fertig geworden war, mich kurzzeitig erschöpft auf dem Bett niedergelassen und meinen eigenen Tee eben zuendegetrunken hatte. Man bedenke, ich hatte den ganzen Tag über regelschmerzinduzierterweise genau dazu das Bedürfnis, wollte dann aber doch die Sachen schon ganz gern geschafft kriegen.

Drei Punkte sind auf der Liste noch übrig: Glaskuchen, When I See You und die Antwort an Araceli, welche mir zum Geburtstag geschrieben und nach Neuigkeiten aus meinem Leben verlangt hatte. Wird lustig, nach ein paar Jahren völliger Funkstille Araceli über mein Leben zu updaten. Das werde ich mir aber alles für morgen übriglassen; das ist noch ein ganzer Tag, den ich alleine verbringen werde, weshalb es doch sinnlos wäre, mich jetzt noch in Grund und Boden zu arbeiten und morgen nichts mehr zu tun zu haben. R hat nichts hören lassen, seitdem er gestern Früh hier raus ist. Mir liegt das Alleinsein nicht mehr. Ich habe genug zu tun, aber bekomme die Motivation dafür nur mit Hilfe von Monsterwillenskraft und To-Do-Listen. Ich kann nur arbeiten, wenn jemand dabei ist und sieht, was ich tue. Es geht so leicht von der Hand dann, fast unbemerkt. Ich habe einen Haufen Hokkaido-Kürbisse von Schimmelflecken befreit, entkernt und zerstückelt, während Papa da war und wir uns unterhalten haben, und es nicht einmal wirklich registriert. So muss das sein, so muss Arbeiten gehen. Meine Produktivität braucht die Anwesenheit Anderer.

Break these barriers down, make these walls collapse.

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So. Durch eine Reihe von Zufällen begab es sich also, dass ich den diesjährigen Silvesterabend ungeplant unverplant nach Ukumenschmanier verbringe: allein, zu Hause, und glücklich damit.

Okay, der Ukumensch und ich haben vermutlich selbst vom allein zu Hause verbrachten Silvesterabend noch unterschiedliche Vorstellungen. Soweit ich mich erinnere, holt er sich zu dieser Angelegenheit für gewöhnlich ein unverschämt teures Stück Fleisch und leckeren Wein, macht es sich gemütlich und lässt es sich gut gehen. Zumindest war es damals so, als wir uns kannten. Meine Aktivitäten momentan sehen so aus, dass ich gerade vom Spinat-Champignon-Ziegenkäse-Sahne-Sauce-Einkochen eine kleine Pause mache, während die Sahne auftaut. (Sie liegt zu diesem Zwecke bereits im Glas zusammen mit den ansonsten fertigen Zutaten im Topf bzw fließt langsam, aber sicher heraus und vermischt sich brav mit dem Rest.)

Ich habe Musik, die ich ewig nicht mehr gehört habe, auf einer Lautstärke laufen, deren Existenz (und Wirkung) ich in meinem angepassten Reihenhaussiedlungsdasein schon ganz in die letzte Ecke meiner wehmütigen Erinnerungen an andere Zeiten zurückgeschoben hatte.

Der weitere Plan sieht vor, dass ich die Sauce fertigmache, sie dann abfülle und Tomaten-Pilz-Sauce koche, um die beiden Saucen anschließend zusammen einzukochen. Dann werde ich die Küche gründlich aufräumen – überfällig, nachdem ich mich die letzten paar Wochen aus dem Küchen-Aufräum-Business dank anderer Verpflichtungen so ziemlich vollständig zurückgezogen hatte und jetzt, wo ich meinen Kopf langsam zurück ins Leben strecke, mit einigem Entsetzen den Zustand sowohl der Küche als auch meines eigenen Zimmers registriert habe.

Mein Weihnachtsbaum ist bereits abgeschmückt und mit Bastis Hilfe nach draußen verfrachtet worden. Das heißt, ich kann nachher hierdrin auch noch staubsaugen und dann die zwecks Weihnachten verlagerten Wäschetüten und Kisten mit Computerkrams wieder an ihre angestammten Plätze bringen. Danach werde ich duschen, mich hübsch anziehen und, solchermaßen den Beginn des nächsten Jahres würdigend, mich den gestern erwähnten Feinheiten meiner BA-Arbeit widmen, welche heute bisher sträflichst vernachlässigt wurde.

Ich sitze hier und höre Attack! Attack!. Ich fasse es gar nicht. Und ich habe alle drei Hinder-Alben durchgehört, die ich besitze; das letzte sogar zwei Mal, weil ich es so schlecht finde, dass ich es selbst früher kaum gehört habe, und mir dachte, ich sollte mich besser mal wieder einem ungeliebten Stimulus aussetzen, um ihm am Ende mehr Respekt entgegenbringen zu können.

Oh, wie mich dieses Album in ein völlig anderes Leben verschleppt. Ich liebe diesen Abend. Irgendwie schwanke ich kolossal zwischen übermäßig ziellos, übertrieben tatkräftig und panisch, dass mir die Zeit wegrennt, und dann ist da noch dieser überaus nervige Teil von mir, der so furchtbar nostalgisch ist und den es um jeden Preis im Schach zu halten gilt. Dafür ist diese Musik eigentlich eher suboptimal geeignet. Aber immerhin ist sie laut; sie ist laut und die Lautstärke verdrängt alles an zusätzlicher Nostalgie, die die Musik hervorruft.

Unglaublich, wie ich Basti heute eine ganze Vortragsreihe über die Redundant Nimrods gehalten habe. Mit veranschaulichenden Materialien und allem. Ich habe ihm gesagt, man sollte diese Schublade bei mir nur mit ganz viel Zeit und Geduld aufmachen. Und wir kamen wir drauf? Green Day, natürlich. Green Day steht immer am Anfang. Bei mir zumindest.

Ähh, fast vergessen, ich bin ja Studentin.

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So schreibe ich also meinen allerzweiten Eintrag in WordPress. Wie ich so gerne sage: Intereshting.

Zunächst nochmal zur Verdeutlichung: I’m not particularly happy to be here. Ich meine, ich habe nicht so viel dagegen, wie es hier aussieht und was man alles machen kann und so weiter und so bla, aber einerseits meine Gewohnheitsliebe und andererseits auch gewisse Vorzüge meiner sterbenden Altplattform blog.de lassen mich eben doch Letzterer recht bekümmert hinterhertrauern. (Ich hätte mit dem Trauern zwar ja eigentlich noch bis Dezember Zeit, aber du kennst mich ja (vielleicht). Mit Trauern wird schon angefangen, bevor es überhaupt vorbei ist. Ist so’n Nostalgikerding.) Aber gut, da müssen wir wohl durch.

Mir ist ein Monsterfail unterlaufen. Und zwar stellte ich heute, gerade in der Arbeit angekommen, mit einigem Entsetzen und ein paar Tagen Verspätung den dieswöchigen Beginn des neuen Semesters fest – super, ich hätte auch gar nicht gestern zum BA-Kolloquium gemusst oder so. Nein, stattdessen trieb ich mich in der Zeit ein paar Meter entfernt im zentralen Prüfungsamt rum und versuchte, an meine Unterlagen für eben diejenige Thesis zu kommen, für die ich unwissentlich dabeiwar das Kolloquium zu verpassen. Hm. Suboptimal.

Aber gut, das kann ich verschmerzen. Ich war ja letztes Semester eh schon bei ein paar Kolloquiumsterminen, wenn auch nicht sonderlich vielen, bevor mich die Lebenskraft wieder verließ. Ich habe dann dem Dozenten eine Mail geschrieben und kam mir unglaublich produktiv deswegen vor.

Wo ich schonmal dabeiwar, habe ich – den Wegfall des Nicht-Anfangen-Könnens ausnutzend, das zu Hause chronisch auf mir hängt – gleich noch das Vorlesungsverzeichnis nach Euskera-Kursen durchsucht, um zu merken: Oh, okay. Mittwochs. Wann? Ach so, halb zwei. Wie spät haben wir’s? Ah, 13.12 — „NEEEEEEINNNN!“

Ich bin aus der Arbeit geflüchtet und ab in die Uni wie nichts Gutes. Da ich keinen Stift dabeihatte, legte ich einen (sehr) kurzen Zwischenstopp zu Hause ein (es reichte für einen Wortwechsel zwischen R und mir, der genau aus „Ich bin nicht hier. Ich bin kein bisschen hier.“ – „Uni?“ – „JA. ALLERDINGS.“ bestand) und stopfte bei der Gelegenheit auch noch die Euskera-Mappe und das Wörterbuch in meinem Fahrradkorb. Wenn ich schon zu spät kommen würde, dann wenigstens mit Materialien.

Aber es hat sich gelohnt. Und wie es sich gelohnt hat. Es hat sich selten so gelohnt, mir die überstürzte Fahrt zur Uni in einem mörderischen Tempo anzutun – soweit der Uniberg meiner nicht gerade hochtrainierten physischen Erscheinung ein Tempo über Schrittgeschwindigkeit erlaubt. Ich sage dir, it was bliss. Ich hatte keine Ahnung, wie mir Euskera gefehlt hat, keine. Mal ganz davon abgesehen, dass ich, glaube ich, meiner alten Zwischenmieterin aus dem Wohnheim im Kurs begegnet bin, die ich nie zu Gesicht bekommen hatte, weil ich in Euskadi war. Alderleherr. Zufälle gibt’s. Und die neue Dozentin ist wunderbar. Absolut wunderbar.

So. Nun sollte ich mich ans Versorgen meiner soeben containerten Schätzchen machen, duschen und hier aufräumen. Meine Kochaktion hat irgendwie die Hälfte der Küche in Anspruch genommen. (Aber auch die hat sich gelohnt; die Nudeln sind köstlich geworden. Mit Broccoli, Zwiebeln, Sellerie, Chilikernen, ganz viel Kräutersalz und Pfeffer, Raspelkäse und dem Rest Flüssigkeit, in die Trudis Krautwickel eingelegt waren. Genial. Und das Allerbeste ist, dass, wenn ich mein geliebtes „Was bliebe übrig ohne gerettete Zutaten?“-Spielchen mache, genau eine Prise Himalayasalz, ein Hauch Paprikapulver und ein Liter Wasser dabei herauskommt. Meine Dankbarkeit ist unermesslich.)

Eigentlich hatte ich gar keine Lust zu kochen. Umso glücklicher bin ich, es doch getan zu haben. Ich kann mir nicht erlauben, sobald ich alleine bin in Lethargie zu versinken. Ich habe schon völlig vergessen, was für eine Tatkraft ich irgendwann mal hatte, als ich allein gelebt habe. Ich sollte mein Allermöglichstes tun, um die wieder hervorzuholen. Das ist ein Punkt, in dem mir R’s Anwesenheit wirklich nicht guttut, so ehrlich sollte ich zu mir schon sein. Es wird alles so viel schwieriger, wenn du dein Leben mit jemandem teilst, dessen aktives Dasein sich zu überdimensional großen Teilen aus Politik, Kneipe und seinem Laptop zusammensetzt. Man sollte meinen, dass das schlichte Dasitzen eines R’s mit Laptop kein großes Hindernis darstellt, um trotzdem Dinge zu erledigen, aber sei dir gewahr, dass dem nicht so ist. Er bremst mich einfach kolossal aus. Ich bin jemand, der vom Ding her schon eher mitgerissen werden muss. In den meisten Lebenslagen komme ich ohne Mitgerissenwerden gar nicht klar. Das heißt wohl, dass ich diesen Sachverhalt wieder mal als Herausforderung sehen sollte, genau daran bei mir zu arbeiten. Mehr Antrieb aus mir selbst heraus, sollte die Devise lauten. Dinge für mich selbst schaffen, ohne dabei auf die Motivation oder Anerkennung Anderer angewiesen zu sein.

Ist ja gut. Challenge accepted.

Heut‘ ist ein guter Tag! (Und gestern ebenso.)

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Es leuchten Lichter bei mir im Zimmer. Ich habe eins der herrlichsten Wochenenden ever hinter mir. Ich bin glücklich und zufrieden und fühle mich wohl.

Gestern bin ich losgezogen und habe Kastanien gesammelt, drei zentnerschwere Tüten voll, um daraus Waschmittel herzustellen. Das hatte ich mir für heute vorgenommen, aber jetzt ist der Tag schon fast um und ich freue mich über ein bisschen Untätigkeit mit Computer auf dem Bett und den wunderbaren Kerzen überall. Meine Fensterbank ist so ein wunderschöner Anblick, ich komme kaum selbst darauf klar.

Janine ist nach Gießen gezogen und berichtet von ihren Internetschwierigkeiten. Oh die Freuden des Umziehens. Ich bin trotzdem unglaublich froh, dass sie es überhaupt aus ihrem Dreigenerationenhaus heraus geschafft hat. Wenn ich irgendetwas als Wundermittel für das persönliche Wachstum empfehlen kann, dann ist es definitiv Ausziehen. So weit weg wie nur irgend möglich. Ist natürlich schade in ihrem Fall, dass ihr Freund in der anderen Richtung wohnt und sie vermutlich gar nicht erst richtig dazu kommt, sich an ihrem neuen Wohnort wirklich zu Hause zu fühlen, aber immerhin – ein Anfang.

Es war so verblüffend schön, das Wochenende allein zu verbringen. Einfach mal mein ganzes altes Leben wieder rauszukramen; das zu tun, was ich immer getan habe. Ich war so lebendig und voller Tatkraft. Das an sich hat ganz bestimmt nichts mit R’s Abwesenheit zu tun, aber diese hat ihr Übriges dazu beigetragen, dass ich meinen ganzen Tätigkeiten genau so nachgegangen bin, wie ich wollte. Kleinigkeiten. Ich bin immer so faul, wenn er da ist, und brauche so viel mehr Disziplin, um mich zu irgendwelchen Dingen durchzuringen. Und wahrscheinlich bin ich vor allem deshalb so überglücklich, weil ich eher erwartet hätte, sinn- und ziellos vor mich hinzuvegetieren, bis er wiederkommt, und mich meine grandiose Unabhängigkeit über alle Maßen begeistert.

Lustig, wirklich: Ich habe mir unendlich Gedanken über das von mir als Amélie-Syndrom betitelte Phänomen gemacht, dass man Leute viel mehr mag, wenn man glaubt, dass sie einen auch mögen. Beziehungsweise eigentlich über den Umkehrschluss, der unweigerlich zu der Erkenntnis führt, dass man Menschen oftmals aus dem Grund nicht mag, dass man glaubt, sie würden einen nicht mögen.
Trifft bei mir uneingeschränkt zu, was dann dazu führt, dass ich in paranoiden oder anderweitig schwierigen Phasen sehr heftig dazu neige, Menschen vollkommen abzustempeln, wodurch ich noch mehr in grauenhaften Gedanken versacke, und andererseits aber, sobald mir die Person wieder Zuneigung entgegenzubringen scheint, wieder in Sekundenschnelle völlig euphorisch-ungläubig zu strahlen anfange und diesem Menschen auf der Stelle alles verzeihe, worüber ich mir vielleicht monatelang zuvor den Kopf zerbrochen hatte.
Dafür ist Trudi das beste Beispiel; der geht es nämlich auch öfter mal nicht gut, was ich aber immer noch nicht gelernt habe zu erkennen und immer aufs Neue auf mich beziehe. Egomanie lässt grüßen.
Sogar mit Hannes habe ich ähnliche Momente; ich kann ihn verabscheuen, so sehr ich will, aber sobald er zwischendurch mal den Anschein macht, mich zuindest in Ansätzen als Mensch wahrzunehmen und/oder zu respektieren (doch, das passiert. So ein Mal im Jahr ungefähr, aber es passiert), fällt mit einem Mal die ganze Bitterkeit von mir ab und ich habe nicht die leiseste Schwierigkeit, mit ihm zu interagieren.

Und während das eigentlich recht unerfreuliche Dinge sind, die ich da über die menschliche Natur im Allgemeinen und meine eigene im Besonderen erfahre, bin ich doch wirklich froh, es wenigstens zu wissen. Irgendwann wird es mir vielleicht helfen, das Verhalten von Menschen weniger selbstzentriert zu interpretieren. Kann nur helfen.

Jetzt hole ich mir ein Bierchen und schwelge weiter in der unendlichen Gemütlichkeit und Wärme meines wunderbaren, ordentlichen, heimeligen Zimmers. R rief eben an und verkündete, um halb zehn wieder dazusein. Das ist doch wunderbar.

No, I’m not there.

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Eigentlich schon, und eigentlich sollte ich auch gefälligst, aber nein, ich antworte nichts und niemandem (außer vielleicht Laura, R (der allerdings bis heute Mittag hier war und sich in Anbetracht seiner morgigen Rückkehr – permanent, wohlgemerkt, Mietvertrag wurde am Donnerstag unterzeichnet – wohl eh heute nicht mehr meldet) oder Caro, aber das war’s dann auch schon), ich lese keine Nachrichten, ich ignoriere Anschriebe, ich bin dazu grad nicht in der Lage.

Also warte ich, bis Basti nach Hause kommt, oder vielmehr hierherkommt (was natürlich immer noch problemlos als Synonyme durchgehen könnte, aber er hat schon Recht, er ist wirklich weitaus weniger hier in letzter Zeit als am Anfang. Was ich nicht so sehr als Erlösung betrachte, wie es vermutlich der Rest der Welt an meiner Stelle täte, aber es ist auf der anderen Seite gar nicht so schlecht, weil sich dadurch ab und an ein paar Minuten für mich allein in mein zuvor so vollkommen vergesellschaftetes Leben einschleichen, so wie jetzt zum Beispiel). Wenn alles gut geht, hat er wieder Essen von der Arbeit gerettet, was wiederum meine Rettung wäre, da 1) das Essen, das er rettet, ausnahmslos immer köstlich ist, und 2) ich verschnupft des Todes bin (seit Freitag bereits) und mir gar nicht danach ist, noch was zu kochen. Eben war ich bei Elli und habe ihr zweieinhalb Stunden Nachhilfe gegeben (unsere übliche Zeit; manchmal ist es weniger, aber meistens beläuft es sich auf die zweieinhalb und damit immerhin, wenn auch gnadenlos unterbezahlt, 25 Euro). Die Gute hat es nicht so mit der Empathie und ist offenbar zum Glück auch nicht paranoid, sofort angesteckt zu werden, also war es ihr egal, dass ich die Hälfte der Zeit mein Gesicht in einem Tempo vergraben hatte. Gegen Ende wurde es besser; meine Augen haben aufgehört zu tränen und ich konnte wieder halbwegs normal mit ihr interagieren.

Zu Hause angekommen, habe ich erstmal unserem neuen Putzplan gemäß das Bad und den Flur gemacht (theoretisch hätte ich die vergangene Woche lang Zeit gehabt, das zu erledigen, also beschloss ich, es einfach schnell hinter mich zu bringen und Trudi nicht um Erlaubnis zu bitten, es morgen erst zu machen). Jetzt ist die gesamte Wohnung sauberer als mein Zimmer. Natürlich; R war fünf Tage lang hier, und ich weiß nicht, wie er es anstellt, aber er verwandelt diesen Raum jedes Mal in eine Chaoshöhle. Krümel jeglicher Art – Tabak, Dreck, Flusen. Klamotten überall. Alter. War ich auch mal so, und wenn ja, wie haben es meine Eltern achtzehn Jahre lang mit mir in einem Haushalt überlebt? Auf alle Fälle sollte ich langsam lernen, meine Riesenstaubsaugaktion nicht gerade auf den Tag zu legen, an dem er herkommt. Oh, warte, er hat jetzt eine Wohnung hier, in der seine Sachen demnächst landen. Er zieht zurück in die Stadt. Morgen. Wenn alles gut geht. Es sind bei ihm einige Dinge dabei, sich zum Guten zu wenden.

Jetzt killt mich mein Kopf.

Jetzt recherchiere ich Bokashi-Eimer.

Leben.

Es que la madre de José me está volviendo loco.

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Drei Uhr sechs. Mich selbst verblüffende nächtliche Fluchtaktion in meine alte Wohnung: Check.

Grund? Vermutlich bloß der, dass ich jetzt offenbar vollkommen durchdrehe.

In meinem neuen Bett liegen Sarah und Peruaner-Pedro, die irgendwann zwischen der zweiten Hälfte von Dead Poets Society und dem Lichtausmachen zu der Einsicht gekommen zu sein scheinen, dass sie sich gegenseitig wohl wirklich ziemlich gerne mögen. Von seiner Seite aus war das wenig überraschend, vor allem weil er mir ein paar Stunden davor noch im Auto selbst eröffnet hatte, dass er Sarah toll findet. Sie dagegen dürfte jetzt noch um einiges verwirrter sein als vorher.

Um Sarahs Männerleben kurz zu skizzieren: Es gibt einen, den sie mag, aber es ist kompliziert. Dann gibt es einen, der sie vergöttert und mit dem sie sich zur Zeit eigentlich auch mehr oder minder „arrangiert“ hatte – sie mag ihn zwar auch, aber ihre Begeisterung hielt sich von Anfang an in für mich Skepsis erregenden Grenzen. Jetzt gibt es noch einen, der sie mag; den mag sie offenbar auch. Uff.

Ja, uff, ich sag’s dir. Nun begab es sich heute, dass ich einfach unfassbar dramatisch gelaunt war und mal wieder meine entsetzlichsten Seiten zum Vorschein kamen. Üblicherweise werden die von Medikamenten übertüncht und das ist ganz gut so. Heute Abend hat das Tablettchen keine Anstalten gemacht, irgendetwas zu übertünchen. Pedros Geständnis mir gegenüber, dass er Sarah toll findet, hat mich volle Kanne umgehauen wie ein Schlag ins Gesicht. Nicht weil ich ihn selbst toll finden würde, einfach weil (oder zumindest lautet so meine eben auf der Wanderung hierher ausgetüftelte Theorie) ich es einfach nicht mehr aushalte, wie ringsherum Leute zueinanderfinden. Wie einfach es für sie ist. Wie Sarah alle paar Minuten jemanden abzustauben scheint in letzter Zeit, wobei mir zwei der drei Kandidaten zu verdanken waren. (Das Tragische ist ja vor allem.. ach, nee, lassen wir das.) Wie unmenschlich missgünstig ich bin. Caro hatte so Recht, als sie das damals sagte. Sie hatte so Recht.

Ich kam mir dann in meinem Bettchen einen kleinen Tick wie ein Fremdkörper vor, konnte (ursprünglich Dead Poets Society-induzierterweise) nicht aufhören zu heulen und ganz bestimmt nicht einschlafen, so sehr ich’s versucht habe (das Geflüster der beiden half auch nicht) und beschloss irgendwann, mich taktvoll aus dem Staub zu machen. Was nicht unbedingt einfach zu bewerkstelligen war in Anbetracht der Tatsache, dass die Aufgabe darin bestand, mich aus meinem eigenen Haus taktvoll aus dem Staub zu machen. (Wir hatten seit Freitag Abend ununterbrochen Zeit zusammen verbracht; das Sleepover in meinem zum Glück zumindest ausziehbaren Bett ging heute schon in die zweite Runde.) Ich hab‘ mich dann im Dunkeln mit meiner Decke bewaffnet aus dem Zimmer geschlichen, bin natürlich in der Küche erstmal geradewegs gegen irgendetwas auf dem Boden Befindliches geknallt und hätte die halbe Welt aufgeweckt, hätte diese denn vorher geschlafen, habe dann ohne Licht einen Zettel geschrieben, auf dem ich ungefähr die Situation erläutert habe, und mir unter dem Vorwand des Nichtschlafenkönnens den Computer aus dem Zimmer geholt, mit Sarahs Hilfe sogar. (Es ist immer noch Chaos in meinem Zimmer.) Und ab ging’s, nach einer offenbar erfolgreichen Leise-Rausbewegungs-Aktion, ab nach Ehemals-Zuhause. Wie praktisch, dass ich diesen Monat zwei Zimmer habe.

Und jetzt geht’s mir besser. Whoa, ich musste so dringend allein sein, ich hab’s nicht mehr ausgehalten da drin. Jetzt habe ich schon den Eindruck, dass ein halbwegs gesunder Geisteszustand wieder bei mir Einzug hält. Ich kann mich schon fast nicht mehr in die suizidal angehauchte Stimmung vor einer Stunde hineinversetzen. Das ist sehr gut.

Embracing solitude (but reading weird stuff about how some people need other people to be).

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Nun bin ich allein. Such bliss. Sie kommen Silvester wieder, aber bis dahin werde ich mich erholen und dann einfach nur hoffen, dass die Kombination von meiner Mutter und Pfirsichbowle nicht im ultimativen Disaster endet. (Aber ich habe schon den Plan aufgestellt, mir einfach selbst so viel davon einzuverleiben, das mir ihr mit jedem Schluck mehr von ihrer rohen Verzweiflung zum Vorschein kommen lassender Zustand nicht mehr als unerträglich auffällt. Wobei das in die Hose gehen könnte, da ja bekanntlich meine eigene Reaktion auf Alkohol ähnlich aussieht. Ich wäre ja dafür, es einfach allgemein bei einer schönen Flasche Sekt zu belassen, dann käme man ganz ungeschoren davon, aber dazu müsste man ihr erstmal zu verstehen geben, dass alles Andere übel enden könnte, dazu wiederum müsste sie verstehen, dass sie keinen Alkohol mehr verträgt, dazu wiederum müsste sie sich ihrer mentalen Instabilität in ihrem vollen Ausmaße bewusst sein und dazu braucht es ein Weltwunder.)

Nun zu meinem Werk des Tages. Und zwar habe ich diesen wunderbaren Artikel über wünschenswerte Qualitäten eines Lebenspartners gefunden, den eine Freundin bei Facebook geteilt hat – zumindest dachte ich, er wäre wunderbar, bis ich mich daran gemacht habe, ihn zu übersetzen. (Ein Semester lang nichts mehr bewusst in meine Muttersprache übersetzt; es wurde Zeit.) Dann stellte sich heraus, der Inhalt ist nach wie vor gut, aber der Text ist eigentlich ziemlich entsetzlich geschrieben. Sogar so furchtbar, dass ich nach Punkt sieben schlicht und ergreifend keinen Nerv hatte, damit weiter zu arbeiten, und das freiwillige Übersetzeramt für heute niedergelegt habe. Was für eine sinnfreie Aktion.

Call me dependent, call me what you will

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Ein von Laura geschickter Persönlichkeitstest (bzw mein Resultat) veranlasst mich zu dieser Feststellung: Dass ich heute noch Avoidant sein soll, ist arguably nicht ganz aus der Luft gegriffen. Dieses „Dependent“-Ding aber, das stößt auf leichtes Unverständnis. Am I dependent? A hundred and twenty per cent. Is it a disorder? W-t-f.

Die Fähigkeit eines Menschen, sich selbst zu genügen. Ein ganz hohes Ziel, ein erstrebenswertes – ist mir bewusst, aber das erreiche ich nicht in diesem Leben.

Vielleicht auch, weil mir der Luxus nicht übermäßig zuteilwird, ist es mir mit das Wichtigste überhaupt: Das Wir. Nichts bringt mehr Segen, als Teil eines Wir zu sein. Wenig Glücksgefühl vergleichbar mit der Wärme eines anderen Menschen, oder einem Moment gegenseitigen Verstehens. Einklang.

Der Wert eines Ereignisses ändert sich nicht, natürlich, abhängig davon, ob ich es allein erlebe oder im Wir. Nichtsdestotrotz verschwindet erst im Wir die leichte Bitternote einer mit niemandem außer sich selbst geteilten einzigartigen Sache. Für mich.

Ich kann noch so viel Freude an etwas haben, noch so viel denken; es wird für mich erst wirklich und greifbar, wenn ich es geteilt habe. Für mich allein ist die ganze Pracht und Herrlichkeit sinnlos. Der ganze Berg Schwierigkeiten unmöglich zu überwältigen. Erst das Wir gibt allem seinen Sinn. Für mich.

Womit auch endlich geklärt wäre, warum ich mich merkwürdig fühle, wenn ich alleine ohne mein Aufnahmegerät irgendwo draußen herumlaufe. Niemand da zum Teilen, Reden und Zuhören.

Eigentlich aber auch ironisch, wenn ich bedenke, wie mich ständige Gesellschaft stresst und ich immerzu Pausen brauche und Zeit alleine und meine eigene Routine. Vielleicht bin ich einfach abgefuckter, als ich denke.

Menschen in meinem Computer

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Nein, mir fehlt er auch nicht. Das Gerät an sich nicht, das ganze sinnlose stundenlange Davorhängen, die nur minimal hin-und herruckenden Augen, die halben Nächte, die man mit Schlafen verbringen sollte (würde man denn können).

Wenn ich aber zurückdenke zu eben dem im (sich von anderen bis auf ein vermehrtes Auftreten von Typos erstaunlicherweise ja gar nicht so sehr unterscheidenden, wie ich vorhin feststellen konnte – bedeutet das nun, dass ich immer so schreibe, als wäre meine Denkfähigkeit in alkoholischem Nebel entschwunden, oder bin ich andersherum in dem Zustand unnormal ausdrucksfähig? Ich würde gern zu Zweiterem tendieren, mir ist letztens noch irgendwann gesagt worden, ich hätte im Suff erstaunlich klare Gedanken. Schade, dass ich von diesen zu dem Zeitpunkt immer eher wenig mitbekomme) vorigen Eintrag erwähnten Urlaub mit meinen Eltern letztes Jahr, fällt mir relativ zügig wieder ein, was es eigentlich ist, das meine Zuneigung zu meinem Computer immer aufs Neue manifestiert. (Was an sich ziemlich bitter ist, aber gerade damals noch unvermeidbar war; jetzt sieht es ja schon wieder ganz anders aus.)
September 2012, als ich ohne Handyempfang, ohne Fluchtmöglichkeit, ohne Internet an diesem vor ironischer Schönheit nur so berstenden Punkt mitten im quasi unendlichen Nichts der catalonischen Küste festsaß, depressiv, suizidal wie nichts Gutes, aggressiv, abgewrackt, hilflos, am Ende, mit den zwei wohl wichtigsten Personen meines Lebens, beide nicht im Geringsten bei Verstand und eine von ihnen in einer Verfassung, die mich bezweifeln ließ, dass sie das neue Jahr noch mit wachem Geist erblicken würde, da war ich schon der Meinung, dass für so einen Internetzugang das Wort lebenswichtig gar nicht mal so unpassend ist. (Ich denke zu viel daran lately, soll mir das irgendetwas sagen? Hauptsache es kommt nicht wieder, Hauptsache es kommt nicht wieder.)

Ich hatte auch das Alleinsein verlernt. Man ist schon abhängig von der Technik, wenn man die Gewissheit braucht, immer verbunden zu sein. Damit einem jemand helfen kann, wenn sich gerade wieder alles verzerrt. Einfach durch Dasein. Wenn ein Klicken auf einen einzigen Button einen von Höllenqualen befreien kann. Wie viele tausend Male mich wohl jemand völlig unwissenderweise aus abartigen Zuständen gerettet hat. Diejenigen können es alle nicht ahnen; wahrscheinlich denken sie immer noch, um ein Leben zu retten, müsste man Unmögliches vollbringen.

Fing an, von Computern zu reden, und landete auf einmal bei der unbeschreiblichen Dankbarkeit Menschen gegenüber. So ist es halt. Die beiden sind verknüpft, so ist es wohl heutzutage. Für mich stecken Menschen in meinem Computer.