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Don’t think.

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Eine neue Facette des Grauens hat sich mir eröffnet, die ich vollkommen vergessen hatte: Alles-in-Ordnung-Träume. Wow, ich bin nicht böse darum, so lange ohne sie gelebt zu haben, dass es dazu kommen konnte.

Erfrischenderweise kann ich allerdings berichten, dass das Aufwachen aus diesem hundsgemeinen Trugbild nicht mit verstärkter Panik einherging, sondern bloß mit der üblichen Dosis. Wobei ich allgemein den Eindruck habe, dass sie ein Stück weit heruntergefahren hat, seitdem ich hier bin.

Becci ist soeben zur Arbeit gegangen, nicht ohne mir zuvor eine neue Kanne Tee zu kochen. Ich werde mich weiter mit Zocken über Wasser halten. Arbeiten traue ich mir mit diesem Matschkopf nicht zu. Was bin ich froh, nicht arbeiten zu müssen, wenn ich nicht kann.

Heute ist Donnerstag. R wird zur Solid gehen, spät nach Hause kommen und meiner Abwesenheit kaum gewahr werden. Es ist sehr schwer für mich, zu verstehen, wie jemand, der vor wenigen Wochen noch verkündete, er würde depressiv, wenn ich weg bin, dazu kommt, mich freiwillig und überzeugt aus seinem Leben zu entfernen. Vielleicht war es einfach eine Dauer-Ausrede für den unzumutbaren Zustand der Wohnung, der verlässlich eintritt, sobald er alleine ist? Aber er lügt mich nicht an, er hätte das nicht einfach so gesagt.

Andererseits, was weiß ich schon. Was glaubt man noch, wenn man über Jahre bearbeitet wurde, bis man wider jede inhärente Skepsis sicher war, geliebt und gebraucht zu werden, und auf einmal erfährt, dass er sich dermaßen eingesperrt und unterdrückt vorkommt, dass er kurz davor ist, einen zu betrügen.

Nicht denken. Nicht denken.

Was beim Zerstörtsein alles so passiert

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Ich habe mit Simone geredet und von ihr bereits die vierte wahnsinnig liebe Einladung einer hilfsbereiten Person bekommen, sie doch zu besuchen.

Ich habe mir die durchweg schlüssigen Weisheiten dieses Typs bei Youtube angehört, der Caro aus ihrer Trennungszeit noch im Gedächtnis war, und mir auf den Kopf zusagen lassen, dass mein jetziges Mindset somit das Schlimmste ist, was ich mir und meiner Beziehung antun kann (duh).

Ich habe die Rezeptur aus Solitaire und Meditationsmusik so weit überreizt, dass sie nicht nur kaum noch wirkt, sondern im Gegenteil habe ich den Eindruck, dass mittlerweile eine Art pavlovsche Konditionierung eingetreten ist, der gemäß die Meditationsmusik nun mehr Panik hervorruft, als sie abbaut.

Ich habe schubweise jede Selbstbeherrschung verloren und mich, Schmerzenslaute von mir gebend, von Verzweiflung überrollen lassen, während ich mich zum wiederholten Male fragte, wie viel von dieser furchterregenden Geräuschkulisse bei den Nachbarn ankommt.

Ich zahle einen entsetzlichen Preis für die jahrelange unmenschliche Anstrengung, jemanden lieben zu lernen, der mich niemals hätte bekommen dürfen.

So viel zur Momentaufnahme. Nun muss ich noch etwas berichten, das sich gestern ereignet hat und für mich einen nicht unerheblichen Lichtblick darstellt: Ich habe mit Basti telefoniert. Das an sich war erstmal gar nicht als Lichtblick gedacht, sondern ich hatte am Samstag in einem Anfall von ‚Ich bekomme jetzt Dinge gebacken‘ mit Alina Kontakt aufgenommen, um über sie an Basti heranzukommen, welcher seit meiner Rückkehr aus der Schweiz und der überaus wütenden Nachricht, die ich während dieser Fahrt an ihn abgesetzt hatte, auf keine meiner Kontaktaufnahmen mehr reagiert hatte.

(Kurz zum Hintergrund: er schuldet mir einen Haufen Geld, das ich gefühlt seit Jahrzehnten versuche wiederzubekommen. Das Ganze geht mit der Tatsache einher, dass unsere ehemals außergewöhnliche Freundschaft aufgrund diverser seiner Lebensentscheidungen und meines Wegzugs seit mindestens ebensolanger Zeit am seidenen Faden hängt und eigentlich nur noch röchelnd am Boden lag, was umso mehr dazu führte, dass ich das Geld wiederhaben möchte.)

Nun hatte ich in dieser besagten Nachricht ihm verkündet, dass mir an seiner Person nichts mehr gelegen ist, was unter Anderem daher kam, dass er es wieder einmal nicht geschafft hatte, während meiner Zeit in der Schweiz für ein Treffen zur Verfügung zu stehen oder auch nur daran zu denken, mir dies mitzuteilen. Wir hatten uns seit über einem Jahr nicht gesehen und ich ging eigentlich auch nicht davon aus, dass dieses Treffen zustandekommen würde, habe ihn dafür aber an meinem letzten Abend in Winterthur nochmal an unsere Schuldensituation erinnert und bekräftigt, dass mir das zu doof wird. Er schrieb daraufhin (nachdem er sein Erstaunen ausdrückte, dass ich schon wieder fahre – ist ja nicht, als hätte ich ihm das Datum vorher genannt) eine Nachricht, die wörtlich besagte: „Ich mach des schon, aber nach und nach bitte“.

Und so kam meine Absägeaktion auf der letzten Sitzreihe eines Flixbusses irgendwo in Süddeutschland zustande, die mir bei allem (vielleicht gerechten) Zorn nicht leicht fiel, denn immerhin handelte es sich dabei um den Menschen, der einmal mein Seelenbruder gewesen war. Es war in jeder Hinsicht ein katastrophaler Kommunikationsakt, der, hätte ich denn auch nur eine Sekunde über mein verletztes Ego hinwegsehen können, völlig offensichtlich kein Deut dazu beitragen würde, dass ich mein Geld jemals wiedersehe. Auf den Kern reduziert lautete die Mitteilung: Du widerlicher, dreister Mensch, seit Jahren warte ich auf das Scheißgeld, während du gemütlich Auto fährst, Kinder machst und dir was weiß ich für Dinge kaufst. Das ist respektlos und unverschämt. Mit dir bin ich sowieso durch, aber gib gefälligst die Kohle wieder, damit ich nichts mehr mit dir zu tun haben muss.“ Nur eloquenter und ganz latent gewaltärmer verpackt.

Nachdem auf diese Nachricht keine Antwort kam, habe ich etwa eine Woche später noch hinterhergeschoben, er möge mir bitte bescheidgeben, wenn er die Überweisung getätigt hätte. Und noch einen Tag später (hauptsächlich um für den Fall, es würde eine Anwältin ins Spiel kommen, mir kein Mangel an gutem Willen und Kooperationsbereitschaft unterstellt werden könnte), er möge sich bitte mal melden, um zu Not einen Ratenplan auszuarbeiten.

All das blieb nicht nur unquittiert, sondern schien (Häkchen zufolge) nicht mal mehr bei ihm anzukommen – er hatte mich blockiert? Gelöscht? Sein ganzes Whatsapp deaktiviert, um nicht mit meiner Geldwut konfrontiert zu werden?

Ich beschloss – dies bereits nachdem meine Beziehung kollabiert war – ihn nicht damit davonkommen zu lassen, und rief ihn an. Mailbox. Tags drauf erneut. Mailbox. Tags drauf wieder. Gleiches Spiel. Tag 4 der Jagd war dann der Moment, in dem ich Alina kontaktiert habe. Ob sie Basti bitten könne, mich mal anzurufen, ganz unschuldig.

Das könne er grad nicht, sein Touchscreen sei kaputt und er würde nicht in die Pötte kommen, das Handy mal einzuschicken.

Oh, okay. Klingt leider glaubhaft, da ich Basti ja doch trotz allem noch ein bisschen kenne.

Da sie es nicht von allein vorschlug – hey, I know you kind of despise me simply for existing, but… really? – musste ich es selbst tun: Ob er denn vielleicht ihr Handy kurz benutzen könnte.

Während auf die erste Nachricht die Antwort Sekunden später erfolgte, ließ eine Reaktion nun auf sich warten. Etliche Stunden später, gegen Abend, schob ich noch hinterher, dass „irgendwann morgen“ perfekt wäre. Sie schrieb zurück, er würde nachher noch anrufen. Das tat er nicht. Ich ließ es erstmal gut sein und schrieb nicht nochmal hin.

Gestern Abend, während R in der Küche (was im Falle unserer Wohnung durchreichenbedingt Hör- und Sehweite impliziert) sein Abendessen machte (da ich momentan für Essen nur sporadisch zu haben bin, ist er diesbezüglich weitestgehend auf sich gestellt; ich profitiere ab und an von den Überresten seines Kochwerks) rief mich Basti von Alinas Handy an. Er zeigte sich (wie er selbst sagte, zum zehntausendsten Mal) bereitwillig, die Schulden zu begleichen. Die ganzen Nachrichten hatte er nicht gelesen, selbst die mit dem Absägen nicht in ihrer Gänze. Ich war davon emotional überfordert (to be fair, dafür braucht es grad nicht sonderlich viel).

Es tat unsagbar gut, Basti zu hören. Er fragte mich, wie es mir geht, aber da R in der Küche war, wollte ich ihm nicht antworten und brachte gar kein Wort heraus außer „schäbig“. Statt sich von meinem Schweigen entmutigen zu lassen, begann Basti – der mich halt auch kennt – nach und nach die Ursachen meines komischen Verhaltens zu eruieren. Es war mindblowing, wie er beharrlich dieses Ja-Nein-Spiel durchgezogen hat. Ob ich mich sammeln müsse; ich solle nicht wieder überdenken, wie ich etwas formulieren soll; ich könne ihm alles an den Kopf werfen; schließlich, ob jemand im Raum sei. Ob R im Raum sei. Warum R nichts davon hören sollte, er würde doch vermutlich über die Situation bescheid wissen.

An dem Punkt kam ich nicht mehr weiter, denn auf Warum-Fragen kann schlecht mit Ja oder Nein geantwortet werden. Glücklicherweise suchte sich R einen zeitnahen Moment aus, um nach hinten in die Wohnung zu verschwinden, sodass ich Basti über die Situation aufklären konnte sowie eben auch darüber, dass ich vermeiden wollte, in R’s Gegenwart weiter zusammenzuklappen, weshalb ich damit warten musste, bis dieser weg war.

Ihm das sagen zu können, in aller Zerstörtheit mich akzeptiert zu fühlen, wie er mich in jeder Lebenslage immer akzeptiert hat, damit hatte ich nicht gerechnet – das war ich der Überzeugung mir verbaut zu haben, als ich mich in meinem Leben noch sicher fühlte und mir dachte, es wäre eine gute Idee, meinen besten Freund aus dem Fenster zu schmeißen. Hätte er diese Nachricht gelesen, wäre mir vermutlich das Gefühl vorenthalten geblieben, mich gestern für diesen kurzen Moment fallen lassen zu können. Ich kann nur hoffen, dass er meiner Bitte nachkommt und nicht nachschaut, wenn sein Handy wieder funktioniert.

Er hat dann verkündet, er würde mich heute oder morgen nochmal anrufen. Das Fenster wäre jeweils zwischen 16 Uhr, wenn er Zeit hat, und 19 Uhr, wenn R nach Hause kommt. Ich bin nicht sicher, ob ich davon ausgehen soll, dass der Anruf wirklich kommt. Dafür hat er mich zu oft versetzt. Es wird sich zeigen.

20 Grad draußen. Eiskalt drinnen.

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Nein, oh nein, genau so sollte es nicht laufen.

Ich kann mich nicht zusammennehmen, mir fehlt die Kraft dafür. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass mit jeder Minute Nervenkoller, die ich R von mir miterleben lasse, dieser zunehmend genervt und alles nur immer schlimmer wird. Laut meiner Mutter ist allen Männern diese Eigenschaft gemein, „egal, was sie einem zufügen, man soll immer lächeln.“

Ich habe mir nach dem Aufwachen eine 5-mg-Escitalopramtablette einverleibt und dabei nur umso unkontrollierter geheult, weil mein stets auf der Suche nach zugrundeliegenden Prinzipien befindliches Hirn in diesem Akt der Resignation das erneut verlorene halbe Jahr Ausschleich- und fünf verlorene Jahre Beziehungsarbeit mit allen in deren Rahmen errungenen Fortschritten und erlittenen Rückschlägen gleichermaßen betrauerte.

Wenn ich nur wüsste, wie ich es anstellen soll, dass R für seine Entscheidungsfindung nicht dieses Kollabieren von mir, sondern die Person in Erinnerung behält, die ich bis Dienstag in den letzten fünf Jahren häufig war und ansonsten zu sein versucht habe. Ich bin zu schwach, um einfach wegzugehen, damit er keine Chance hat, mich bis zum Monatsende weiter so zu erleben. Ich bin auch zu schwach, um mich gefasst zu geben. Ich versuche es immer wieder, aber es gelingt mir kaum. Ich kann nur immer ein Stückchen des Elends für mich behalten, das sich in mir festgesetzt hat, nie aber das ganze. Ich bin ein unfassbar schwacher Mensch, den seine Emotionen hin- und herschleudern ohne jegliche Handhabe.

Springt – und hofft auf Flügel.

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It is done. Ich habe gestern Abend R eine sechsmonatige Auszeit vorgeschlagen, die er dafür nutzen kann, herauszufinden, ob er einem Leben mit mir die Möglichkeit, seine Polyamorie nach seinen Wünschen auszuleben, vorzieht. Es ging nicht anders, und es kann nur besser werden. Ich habe genug verdrängt.

Er trägt es mit Fassung, ich weniger. Geschieht mir recht. Ich habe mir meinen persönlichen Albtraum heraufbeschworen, ohne mich zu erinnern. Ich hatte diese Dimension von Schmerz komplett vergessen.

Mein erster Akt heute als frischgebackene Trennungsdepressionsgeplagte war es, die Katze zu mir ins ihr eigentlich verbotene kleine Zimmer zu lassen, nachdem ich von ihrem durchdringenden Miauen auf der anderen Türseite wach wurde. Es war herzzerreißend, wäre denn noch etwas zu zerreißen übrig. Sie kam herein und stürzte sich auf mich. Eine solche Begeisterung habe ich selbst nach dreiwöchiger Abwesenheit von ihr noch nicht erlebt, sodass ich schon befürchtete, es hätte sich gestern Abend im Eifer des Gefechts niemand daran erinnert, sie zu füttern. Zum Glück war das nicht der Fall.

Meine Mutter spammt mich mit einer Tirade von nett gemeinten, aber kontraproduktiven Äußerungen wie „Soll seine Möbel mitnehmen“ und „Weine dem Kerl keine Träne nach“ zu. Außerdem fragt sie mich, ob ich im April mit ihr ans Meer fahren will. April, yeah. Ich habe zwar keine Ahnung, wie ich mein Leben heute, morgen oder nächste Woche auf die Reihe bekomme, aber natürlich mache ich Pläne für April, um in einer einsamen Strandwohnung im Nirgendwo mit meiner Mutter zu gammeln.

Sie hat mich angerufen, nachdem ich ihr zu lange nicht geantwortet habe. Über das Telefon war sie als lebenspendende Maßnahme tauglicher. Da sie R nie sonderlich ausstehen konnte, ist sie mit dieser Entwicklung zufriedener, als ich es bin.

Ich habe mir Porridge gemacht. Ich hoffe, die Milch ist noch genießbar.

Ich hoffe, ich bekomme das irgendwie hin.

4-Uhr-Krise

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Es wird mal wieder spannend.

Meine aktuelle Lage sieht aus wie folgt.

(Das gestaltet sich jetzt schwierig, weil mein Hirn voller Matsche ist. Andererseits ist das Teil der Lage, also warum nicht damit anfangen.)

Mein Hirn ist voller Matsche.

Okay, ich muss aufhören, das so platt auszudrücken.

Eigentlich ist mein Hirn randvoll mit Gedankenfetzen, die sich allesamt nicht richtig greifen lassen. Ich wurde um vier Uhr wach, als Simone aufs Klo ging, und habe es in der darauf folgenden Periode von zweieinhalb Stunden irgendwie geschafft, mich selbst in einen schätzungsweise präsuizidalen Zustand zu versetzen und R in völliger Ungewissheit zur Arbeit gehen lassen, weil es mir auf sein Nachfragen hin partout nicht gelingen wollte, auch nur ein Wort zu äußern.

Aber versuchen wir das von vorne. Naja, zumindest so weit von vorne, dass halbwegs nachzuvollziehen ist, wie wir hier gelandet sind.

Dass ich auf Medi-Entzug bin und mental am Rad drehe, ist bekannt.

Den Rest kann man ungefähr so zusammenfassen, dass wir beim Abendessen die Doku über Ginger Baker (begnadeter Musiker, krankhaft selbstzentriert, viermal verheiratet – Beware of Mr. Baker, sehr zu empfehlen) angesehen haben und sich währenddessen bei mir die Gewissheit manifestierte, dass R charakterliche Parallelen zu ihm aufweist, was ernsthafte Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines Fortbestehens unserer Beziehung auslöste bzw. verstärkte. Diese an sich nicht unbekannte Anwandlung wiederum intensivierte sich, als 1) R auf der Hälfte aufstand, um weiter programmieren zu gehen, 2) Simone und ich uns im Anschluss darüber unterhielten, dass sich Menschen dieser Art niemals der vollständigen Tragweite ihres Arschlochtums bewusst werden, da es zeit ihres Lebens immer Leute geben wird, die – von ihrem Charisma geblendet – sie zu ertragen versuchen und damit in ihrem Verhalten bestätigen, und 3) R, als ich ins Bett ging, ins Wohnzimmer umzog, um dort weiter zu programmieren, nachdem wir den Tag über praktisch noch kein Wort gewechselt hatten. Ich habe dann tatsächlich zu ihm gesagt, „ich glaube, wir müssen uns morgen mal unterhalten“, bin aber schlafen gegangen, ohne das weiter auszuführen. Nicht dass es ihn wahnsinnig gejuckt hätte.

Fast forward to 4 am: ich werde wach und fange an, darüber nachzudenken, was ich überhaupt genau möchte, was mir fehlt und wie ich dies R begreiflich machen soll. Sogar ein halbes Lied habe ich geschrieben, das leider zusammen mit allen anderen etwaigen Erkenntnissen im Nebel verschwunden ist. Ich habe dann aus irgendeinem unerfindlichen Grund mein Handy genommen und in meinen Facebook-Nachrichten nach Şahins Verlauf gekramt, mir diesen in (zum Glück überschaubarer, da andere Kommunikationswege bei uns gebräuchlicher waren) Gänze zu Gemüte geführt und mir dabei gedacht, dass ich es ihm in der Tat nicht sonderlich verübeln kann – retrospektiv – , dass er am Ende nach dem Drama keinen Bock mehr hatte, sich mit mir weiter abzugeben. Dann dachte ich mir, dass dafür, dass mir emotionale Verbindungen so wichtig sind, mein Leben eine ziemlich lückenlose Reihe an Fails darstellt. Dann dachte ich noch, „ich kann nicht schon wieder versagt haben“. Ich war mir mit einem Mal gewiss, auf der Welt ganz und gar alleine zu sein. Wie gern hätte ich jede Selbstbeherrschung in den Wind geschossen, angefangen, laut zu heulen, und zu R neben mir gesagt, „bitte hilf mir“. Dabei hätte ich ihm nicht mal erklären können, wobei.

Irgendwann ging Simone aus dem Haus; ihr Bus fuhr um zwanzig nach sechs. Ich musste aufs Klo. Als ich wiederkam, fragte mich R, dessen leichter Schlaf vermutlich zuerst durch mein ständiges Bewegen und dann Simones Rausgehen gestört worden war, ob alles okay ist. Zu dem Zeitpunkt war mein Kopf ein einziger Brei. Alles darin schrie und hämmerte durcheinander. Und alles darin wollte nichts weiter als raus. Aber wie das so ist in einer Paniksituation, am Ende schafft es niemand, weil die Fluchtwege verstopfen. In meiner Unfähigkeit, irgendetwas zu äußern, konnte ich zunächst gar nicht reagieren. Die letzte verbleibende vernünftige Stimme in meinem Kopf wies mich jedoch darauf hin, dass ich gefälligst zu antworten hätte. Also artikulierte ich: „Nicht wirklich, aber wollen wir das heute Abend besprechen? Du willst lieber noch ein bisschen schlafen.“

Okay, das war nun nicht, was ich eigentlich sagen wollte. Keine Stunde zuvor hatte ich so viele konstruktive, strukturierte Dinge mitzuteilen, dass ich am liebsten sofort damit angefangen hätte, ungeachtet der Uhrzeit und des sich zu dem Zeitpunkt noch in der Wohnung befindlichen Besuchs.

Hätte ich nur. Nun dagegen hing ich stumpf am Handy und beschäftigte mich mit Wordscapes, bis R irgendwann fragte, was los sei. Und, es ist zu absurd, ich konnte nichts sagen. Kennst du das, wenn du innerlich am Sterben bist und dir nichts sehnlicher wünschst, als dass dich jemand fragt, was los ist, und dann geschieht genau das und du kannst einfach nichts sagen. Zum einen sind keine Wörter mehr da. Auf einmal ist alles einfach weg. Und zum anderen sind selbst die vagen Vorstellungen von dem Chaos, das eben noch allgegenwärtig dein Denken terrorisiert hat, ganz und gar ungreifbar. Ich war vollkommen in mir selbst eingesperrt. Ich war nicht in der Lage, zwischen Innen und Außen auch nur die geringste Verbindung herzustellen, als wäre einfach die Ausfahrt blockiert. Nichtmal blockiert, einfach weg. Als wäre ich nicht nur von außen verschlossen, sondern als wäre mit einem Mal das Schloss einer glatten, undurchlässigen Wand gewichen.

Und noch dazu, selbst wenn ich hätte reden können, hätte ich vor der Aufgabe gestanden, zu selektieren, was von dem Salat dafür qualifiziert gewesen wäre, ausgesprochen zu werden. Ein Ding der Unmöglichkeit, denn ich hatte keine Ahnung mehr, was von dem Spuk echt war und was Produkt meiner überquellenden Paranoia.

Nach einer Weile gelang es mir, R zu sagen, dass ich Salat im Kopf hatte. Ich sagte, ich würde sehr gern kommunizieren, aber es sei schwierig. Es war mir unwahrscheinlich wichtig, zumindest insoweit ihm entgegenzukommen, dass er das erfuhr. In dem Moment klingelte sein Wecker und übertönte vermutlich Teile meiner Äußerung, aber ich hatte meine gesammelten Reserven dafür verbraucht und konnte nun nichts weiter tun als regungslos dazuliegen und mich selbst zu verachten, während er aufstand und dabei feststellte, dann würde er es eben nicht vor 21 Uhr erfahren.

Während er sich fertigmachte, erwog ich meine Optionen. Darunter: Becci anrufen, um von ihr Input irgendeiner Art zu erhalten, der dafür sorgt, dass ich den Tag überstehe. Genau genommen sah ich dies als einzige Option. Mir wurde bewusst, dass ich außer Becci niemanden anrufen könnte. Statt Becci zu belästigen, habe ich dann allerdings mein Handy dafür genutzt, mir Marketa Irglovas The Hill anzuhören, was mich komischerweise etwas beruhigte. Dann stand ich auf. Sieben Uhr. Nun bin ich hier.

Heute ist Lauras Geburtstag. Hätten wir noch Kontakt, würde sie vermutlich den vorliegenden Eintrag als wunderbares Zeichen meiner wiederaufflammenden Abgefucktheit und großartiges Geschenk betrachten, das meiner lahmen Existenz mal wieder etwas Pep verleiht. Aber ehrlich gesagt, so weit davon entfernt bin ich meistens gar nicht. Es hängt alles daran, was man ausspricht und was nicht.

Eigentlich ist mein Hirn ziemlich klug, im Angesicht der schwerwiegenden Konsequenzen von einmal Gedachtem (und erst recht einmal Gesagtem) die Grenzen so überaus gründlich zu bewachen.

Wie zu etwarten war

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Klar. Natürlich, ich musste unbedingt mal wieder alles versauen. R taugt nicht als Suizid-Hotline-Arbeiter und ich selbst nicht als Diplomatin, sofern meine Mutter im Spiel ist. Wein taugt nicht als Deeskalator. Die besten Quality-Time-Maßnahmen machen niemanden zu einem besseren Menschen. Ich werde vermutlich dieses Desaster irgendwie überleben, aber frag nicht, wie.

Let’s play a game of Monopoly. (Oder: Details.)

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Also, Moment mal.

Nun ist also der Zeitpunkt gekommen, an dem mir vorgehalten wird, was für ein Opfer die Aufgabe der Polyamorie für ihn darstellt. Hab‘ ich’s nicht gewusst, hab‘ ich’s nicht gesagt, es kommt so weit. Wie gut, dass ich mich in einer Gesamtsumme von definitiv zu vielen ‚zig Stunden Kopfmalträtierung darauf vorbereiten konnte, voll und ganz hinter meiner Überzeugung zu stehen, dass ich jedes Recht habe, mir so ein widerwärtiges Druckmittel nicht unter die Nase reiben zu lassen.

Gut – zwei Mal in einer Woche den Mund aufmachen ist demnach zu viel. Registriert.

Das kann er grad echt nicht gebrauchen. Er hat ja Stress. Er muss schließlich sein Leben auf die Reihe kriegen. Das Problem: Der Moment, in dem er nicht gestresst ist und/oder sein Leben auf die Reihe bekommen hat, kommt am gleichen Tag wie der, in dem es Trudi super geht, sie ihr Leben auf die Reihe bekommen hat und ich ein Mal im Leben ohne schlechtes Gewissen sie darauf hinweisen könnte, dass sie gefälligst irgendeiner Haushaltspflicht nachkommen soll, die sie seit Wochen vernachlässigt. Richtig, das nennt man Sankt-Nimmerleins-Tag. Und so lange warte ich nicht.

Nun denn. Ich bin nicht polyamor, ich verabscheue das Prinzip aus so beispiellos tiefster Seele, dass man sich fragen muss, ob meine Seele so etwas wie einen Boden überhaupt besitzt; ich finde es feige und rücksichtslos und charakterlich mehr als bedenklich und werde den Teufel tun, von dieser Ansicht auch nur ein Milimeterchen zurückzutreten, und damn it, ich beleidige the hell out of dieser Idelogie, an die der bloße Gedanke mir die Eingeweide zerfetzt, aus reinstem Selbstschutz, and I’ll keep on doing that until I feel I don’t need to anymore,  and that’s going to be the day I feel safe with him, which is going to be the day I’m able to feel I’m enough for him, and that’s going to be the day hell freezes over. Cause he won’t let it go.

Das sind dann die Momente, in denen ich denke, nope, das wird nichts. Nicht in dreihundert Jahren. Ich verschwende jeden verfickten Moment meiner Zeit mit jemandem, der nie die Absicht gehegt hat, mir genug zu sein. Du bist glücklicher, wenn man sich noch jemanden dazuholt, dann geh und such dir jemanden, der mitspielt. Sorry, not sorry. Wer das braucht, hat nicht mein Verständnis von Liebe, von Liebe und dedication, von Liebe und dedication und commitment. Ich packe in meinen Wertekoffer. Ha, du bildest dir ein, besser zu sein als Andere. Du meinst, du bist der üble Committer. Du denkst, du hast die ultimative Einsicht in die Polyamorie. Leuten, die sie anders verstehen als du, sprichst du jegliches Recht ab, sich in die Schublade auch nur einzuordnen. Du beschwerst dich über Bindungsprobleme in der Poly-Szene, du Möchtegernheiliger, du Heuchler, du, der du genau so wenig willens bist, die volle Verantwortung zu übernehmen, wie jeder andere verdammte Poly-Mensch auf dieser Welt. Du Wichser, du verdammter Feigling hast doch nur Angst, dass dich jemand auf Dauer nicht erträgt. Damit eines Tages, wenn mir dein Oh-ich-bin-eigentlich-poly-was-habe-ich-nicht-alles-geopfert-für-dich-Gehabe, mit dem du jetzt ankommst, zu dumm wird, du mir sagen kannst, du hättest mich ja von jeher ermutigt, mir nebenher noch jemanden zuzulegen, der mich in meinen schwierigen Zeiten besser handlen kann. Damit entziehst du dich jeder Verantwortung; du willst einfach nicht selbst dran arbeiten, du willst einfach nicht die Gewissheit haben, dass ein einzelner (aber ganzer) Mensch sich in deine Hände legt, du willst Stücke von hier und Stücke von da, und unangenehme Situationen kommen gar nicht auf, denn man hat ja noch jemanden, der einen auch nur zur Hälfte kennt und natürlich auch nur zur Hälfte ertragen muss, das ist es doch und nichts Anderes. Kaum vorstellbar, dass ich diese Art zu leben befürwortet habe, bevor ich tatsächlich damit konfrontiert wurde. Und wenig verwunderlich, meines Erachtens, dass es mir wenig Freude bereitet, zu wissen, dass es das ist, was du eigentlich gern hättest. Das schnürt mir die Luft ab, das schnürt mir die Lebenskraft ab und die ganze riesige Selbstsicherheit, die du mir an anderer Stelle geschenkt hast.

„Wir müssen dringend an deinem Selbstbewusstsein arbeiten… und es wird mir ein Vergnügen sein.“

Hörte ich dich im Januar sagen und wundere mich im Dezember noch immer, wie du es fertigbekommst, mich des erstaunlichen Produkts unserer Arbeit immer wieder in Sekundenschnelle zu berauben, indem du mich wissen lässt, dass ich eigentlich ganz verkehrt bin, und meine Ansichten mit dem ekelhaften, intoleranten Drogenbild deiner Eltern vergleichst. Gowai, ich will das nicht mehr. Ich will raus hier.

Natürlich will ich nicht raus hier. Ich will alles, nur nicht raus hier. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ich will geliebt werden, umsorgt werden, beschützt werden, gekannt werden, erkannt werden, durchleuchtet werden bis in die allerletzte Ecke, wenn ich es doch schonmal geschafft habe, Mauern ab- und Vertrauen aufzubauen. So ein unmögliches Stück Arbeit. Ich will alles von mir herausholen können, teilen mit jemandem, der mich sehen will, in meiner Gesamtheit, um meine Wertigkeit zu erhalten, an die ich anders nicht gelangen kann. Das will ich eigentlich, und davon könnte „raus hier“ entfernter nicht sein. Verdammt, ich würd‘ nur so gerne haben, dass diese Eigenschaft „Monoamorie“, für die mich so unermesslich viele Menschen so lieben würden, bewundern würden, schätzen würden, von dem einen (aber ganzen), dem ich sie angedeihen lasse, zumindest nicht als dieser furchtbare Mangel angesehen wird, nach dem sich zu richten ein ungemein schweres Opfer darstellt.

Gefragt werden. Ein Wunschtraum.

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Ich überlege mir relativ häufig, ob ich nicht einfach zu viel verlange. Ob es nicht also an mir liegt, wenn ich mit gewissen Situationen nicht zufrieden bin, während in so vielen anderen einfach nur reinste Dankbarkeit vorherrscht, darüber, dass mein Freund so ist, wie er ist.

Ich glaube allerdings in diesem Moment, dass ich nicht zu viel verlange. Ich glaube nämlich, dass es oft nicht die Sachen an sich sind, die mich aus der Bahn werfen, sondern vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der sie passieren (oder eben nicht). Das Gar-nicht-erst-gefragt-werden, wie das denn eigentlich genau vor sich gehen soll, falls ein Umzug ansteht. Die Tatsache, dass sein Kollege hier untergebracht wird, mit dem man sich früh morgens aus dem Staub macht, ohne sich zu verabschieden (now that’s a first), um irgendwann im Laufe des Abends wieder einzutrudeln, mich kaum eines Blickes zu würdigen, den Rest des vor Stunden zubereiteten Essens in sich reinzustopfen, dann das Bedürfnis nach einer Umarmung zu äußern und sich, nachdem man diese gewährt bekam, zum Unwinden erstmal ans Keyboard und dann ohne viel Gefackel mit Arne zum Zocken in die Küche zu pflanzen, nachdem ich gerade verkündet hatte, es wäre schön, irgendetwas zusammen zu machen. Nicht ohne zwischendurch noch die ein oder andere vollkommen überflüssige Bemerkung abzugeben, die wieder mal in den Raum wirft, dass man eigentlich ja von seiner zweiwöchigen Möchtegernbeziehung letztes Jahr noch vollkommen zerstört und traumatisiert ist und gleich in Panikattacken ausbricht, wenn jemand Game of Thrones erwähnt. Deutlicher kann mir meine Unfähigkeit nicht signalisiert werden. Weder bin ich in der Lage, eine von diesen widerlichen Traumgestalten aus der Vergangenheit zu ersetzen (wie auch – ich bin ein Mensch, kein Mysterium), gegen die man schon aus dem einfachen Grund keine Chance hat, dass die Leute dazu neigen, Personen erst dann zu glorifizieren, wenn sie einen in Grund und Boden gestampft und zurückgelassen haben, ohne sich nochmal umzudrehen, noch werde ich diese Art von Wertschätzung je bekommen, solange ich einfach da bin, ohne dass er dafür arbeiten muss. Mein Problem, dass es in meiner Natur liegt, einfach da zu sein, weil das ganze Personen-in-den-Boden-stampfen mir nicht so liegt.

Es ist die Tatsache, dass keine Rücksicht genommen wird, die mich zu Tode zerdeppert. Basti kam extra wieder übers Wochenende aus Ulm runter und durfte sich stundenlang mit der mies gelaunten Version von mir abgeben, die er zu oft abbekommt, während ihr Verursacher sich gemütlich dahin verzogen hat, wo’s ihm gerade genehm ist. Was an „Es ist irritierend, wenn du da bist, aber auch nicht“ kann man nicht verstehen? Der Mensch kann mit Arne zocken, bis er schwarz wird, und ich habe kein Problem damit, bis zu genau dem Zeitpunkt, an dem das Ganze in meiner Küche stattfindet, nachdem man sich mein Essen in den Rachen gesteckt hat, ohne die Person Aspi auch nur für eine Sekunde bewusst wahrgenommen zu haben.

Äußern kann ich das natürlich mal wieder nicht, schließlich ist Besuch da. Und da ich Arne mit jedem Mal, das ich mit ihm zu tun habe, weniger ausstehen kann, habe ich nicht vor, mir vor dessen Augen eine derartige Blöße zu geben. Das kann sie beide freuen, andernfalls wäre nämlich R heute hochkant rausgeflogen und der schmierige Charakter, den er mir wieder eingeschleppt hat, gleich mit.

Ich werde mich jetzt mit der Fertigstellung des Eintrags beeilen und das Licht ausmachen; auf die Weise besteht eine Chance, dass ich mich genug beruhigt habe, bis die beiden ins Zimmer reinkommen, und dementsprechend auf ein Vermeiden von Heuldisastern jeglicher Art.

Ich kann Laura verstehen. Es ist wirklich verlockend, anzunehmen, dass mein Kopf der einzige Problemfaktor ist, bloß sollte man vermutlich als Opfer zwischen der ganzen Schuldübernahme noch ab und an mal nach draußen gucken.

Wärme in Koffern. Kälte im Raum. Leben im Nebel.

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Wir haben es doch wieder hingekriegt. Unfassbar ist das, wie machen wir das?
Ein weiterer Heiligabend mit einer dramatisch-versöhnlichen Bescherung. Das Gefühl, dass es solide sein könnte, ist natürlich seit Jahren nicht mehr da, aber geschafft ist es trotzdem. Wieder.

Wie? Und warum überhaupt die Mühe, uns immer aufs Neue zusammenzuklauben? Wir funktionieren doch alle nicht. Warum nicht es endlich einsehen und allen Schein fallenlassen. Uns ergeben, uns aufgeben. Die absolute Hoffnungslosigkeit dieses letzten Tages sollte doch besser anhalten, um es nicht alles immer wieder noch schmerzhafter zu machen. Das Allesverlorenhaben, das Wahrscheinlichniewirklichetwasgehabthaben. Das Fehlen von Wärme, von echter Wärme, nicht gesprochener Wärme, nicht materialisierter Wärme. Von gefühlter, gelebter Wärme. Wärme ohne Worte, ohne Demonstrativität. „Wie kannst du wagen, zu sagen, ich wäre nicht warm. Schau doch, wie warm ich bin. Ich tue dies und jenes, das es beweist.“ Aber gefühlt ist es kalt, nicht sicher. Warm ist sicher.

Ein Koffer voller Wärme. Sie sagte, sie hätte einen ganzen Koffer voller Wärme mitgebracht. Gestern Mittag, nachdem selbst mein versuchter Ansatz eines klärenden Gespräches genug war, um sie wegzubefördern. Dann sagte sie, sie müsse doch zu mir fahren. Mein Vater daneben. „Und dafür musst du erstmal zurückkommen. Schätzchen, komm zurück“. Ich in der Ecke ihres Bettes, die zusammengesunkene Gestalt beobachtend, die wirres Zeug von sich gibt, sie hätte mir doch einen ganzen Koffer voller Wärme mitgebracht. Eine Unterhaltung mit meinem Vater, der sagt, ich wäre zu hundert Prozent egozentrisch, als ich ihm zu erklären versuche, dass ich das nicht mehr lange aushalte. Dass sie sich helfen lassen muss und ich sie so nicht in meinem Leben haben kann. Weil ich nicht kann. Wäre ich selbst stabil, müsste ich können; ich dachte früher, ich müsste können, vor allem als ich noch da gewohnt habe, aber eigentlich kann ich doch überhaupt nicht. Das versteht er natürlich nicht, weil er keine Ahnung hat, wie es bei mir drinnen aussieht. Dazu müsste ich es erstmal zeigen können, nicht nur verbalisieren. Ich verbalisiere ruhig, distanziert und gelassen, dass ich irre am Rad drehe innerlich. Es wird mir nicht abgenommen, solange ich es artikuliere, ohne dabei in Trancezustände zu verfallen. Ich müsste erst zusammenklappen; das lenkt erfahrungsgemäß seine Aufmerksamkeit ganz gut auf einen. Wäre ich einfach einen Tick schwächer und würde immer zusammenklappen, wenn ich das Bedürfnis dazu habe, so wie sie es tut. Wie viel einfacher wäre alles; warum kann ich denn das nicht. Oh, wahrscheinlich weil nichtmal dann ich verstanden werden würde. Dann ist es wahrscheinlich Aufmerksamkeitsuchen, Melodramatik, fast schon Nebensache; das Zusammenklappen ist zu sehr Teil der Familientradition. Es ist ja auch alles nicht mein Problem, wie ich zwischendurch immer mal zu hören bekomme. Wenn meine Familie ein lebender Albtraum ist und ich nicht weiß, wie ich drei Tage in diesem Umfeld je geistig unbeschadet überleben soll, natürlich ist das nicht mein Problem, wieso sollte es. Mein „Ich kann nicht mehr“ wird nicht gehört; ich kann aber nicht mehr, ich kann nicht mehr so funktionieren.

Du hast keine Ahnung, keine.

Wohin der Wind uns weht.

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Mir kräuseln sich zwar so ein bisschen alle Nägel, aber da müssen wir jetzt durch. Ich hatte vor Ewigkeiten schon den Plan gemacht, eine Person damit an Weihnachten tierisch aufzuregen (und mir damals schon gedacht, „na, erstmal gucken, ob du’s so lange überhaupt noch durchhältst“). Ist tatsächlich nicht so gekommen, aber wenn ich schonmal einen Plan mache, muss ich ihn trotzdem so gut es geht ausführen. Vielleicht regt sich ja an seiner Stelle jemand anders auf; das wäre zwar weniger lustig, aber immer noch besser als gar nichts. Also, holen wir tief Luft und…

Beatles, Rolf Zuckowski, Beatles, Rolf Zuckowski. BEATLES.

Und wieder atmen.

Von der Nachricht her.. ist es tatsächlich eine Art furchtbares Destinations. (Das dürfte eigentlich für die wiederholte unangenehme Paarung in einem Atemzug mehr als wieder gut machen.) Rolf Zuckowski und diese Kinder daneben sind einfach mal das Creepigste, was mir je unter die Augen gekommen ist.

Aber das nur am Rande. Wir sind alle fleißig am Auseinanderfallen, wobei es sich ein wenig beruhigt hat und ich schätze, dass wir die Zeit bis zu ihrer Abreise morgen noch an einem Stück überstehen könnten. Es ist halt nicht wirklich Weihnachten. Wir sind zu abgefuckt für Weihnachten. Ich kann das nicht mehr lange mitmachen. Ich kann es eigentlich überhaupt nicht.

Aber gut, bis morgen schaffen wir das. Alles Andere soll dann nicht mehr meine Sache sein.