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Geht alle sterben.

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Undine und Lukas sitzen draußen auf ihrer Terrasse und freuen sich ihres Lebens. Ich ertrage es nicht. Hört auf zu lachen, hört auf zu reden. Eure ist die Pärchenkillerwohnung, warum seid ihr noch da und mein Mensch zum Draußensitzen, Reden und Trinken ist weg – vermutlich ohne je noch einmal daran zu denken?

Meine Kopfhörer mit der Candy-Crush-Hintergrundmusik und die geschlossene Terrassentür lassen die Stimmen durch wie ein Sieb das Wasser. Ich pack es nicht.

Das allseits bekannte „Wie kann es ihm so wenig ausmachen“ hämmert und hämmert und hämmert, hämmert und hämmert und hämmert. Wenn ich könnte, würde ich mich seitwärts auf das Sofa legen und jammern, aua aua aua aua aua aua aua aaaaau, ahaaaaaaau, als wäre ich zwei Jahre alt und hätte mir den Kopf irgendwo angehauen.

Es tut. So. Weh.

Ich wollte heute duschen, saugen und zwei Flaschen Altglas wegbringen, einfach um mal wieder draußen gewesen zu sein, aber habe nichts gemacht. Ich weiß einfach nicht, wofür. Mir erschließt sich der Sinn des Weiterexistierens in dieser Einsamkeit nicht, und besonders nicht der des Lebens für mich selbst, und ebensowenig der von etwaigen zukünftigen erneuten Versuchen, das zu erreichen, was ich glaubte erreicht zu haben. Was soll der Sinn sein, solange das Risiko besteht, nochmals genau hier zu landen.

Weitergeben? Aufmachen?

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Viel telefoniert heute. Mit Jana, Oma und Nicole. Mit Kepa geschrieben und kurz mit Becci, Caro und Rini. So geht das, wenn man sich bemüht und wenn Menschen für einen da sind.

Habe trotz aller sozialen Kontakte nicht den leichtesten aller Tage gehabt. Tatsächlich habe ich vorhin an R eine Nachricht geschrieben, wenn auch keine der (auf den ersten Blick) verzweifelten Sorte, sondern eine, mit der ich dem überwältigenden Bedürfnis nachkam, etwas zu korrigieren, das ich am Freitag gesagt hatte. Das dürfte mir gelungen sein, aber ich fühle mich nicht besser. Meiner Bitte (und seiner Natur) gemäß hat er darauf nicht geantwortet, stattdessen sah ich mich damit konfrontiert, wie er kurze Zeit später in der Signal-Gruppe munter mit Wolfgang Pläne fürs Wochenende machte.

Ich weiß; was will ich denn, ich wollte explizit keine Reaktion haben. Nun bin ich jedenfalls zum Wohle meines eigenen Seelenheils aus der verdammten Signal-Gruppe raus, es ging einfach gar nicht mehr. Habe Yannick geschrieben, er möge mir bitte auf anderem Wege bescheid sagen, wenn er auf Essenssuche geht. Das war doch hoffentlich nicht zu viel verlangt.

Vielleicht ist es auch irrelevant, ob mein Containerfahrservice weiter besteht. Vielleicht überlege ich mir das mit dem Trimipramin nochmal genauer; vielleicht sind all die weisen Leute, die mir sagen, dass es besser wird, auch einfach besser als ich. Vielleicht ist Aufgeben nicht so sehr keine Option, wie ich es mir manchmal sage.

Zukunft streichen, Gegenwart vertreiben.

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Gestern Abend erstmal meinen Kalender aktualisiert. In dem Sinne, dass alles R-Relatede unkenntlich gemacht wurde. Viel war es nicht, aber gleichzeitig praktisch alles, was ich bisher eingetragen hatte. Sein Geburtstag, meine Alpakawanderung, die Hochzeit seines Bruders, das Pet-Shop-Boys-Konzert, auf das ich zum Zeichen meiner Horizonterweiterungswilligkeit hatte mitgehen wollen. Von der Geburtstagsfeier seiner Großtante, die demnächst stattfindet, wusste ich zum Glück das genaue Datum noch nicht, sonst hätte ich noch einen Eintrag mehr durchkritzeln müssen.

Es war eklig.

Überhaupt überkommt mich, sobald ich mich einer Konfrontation mit diesem Aspekt meiner Wirklichkeit nicht erwehren kann, zuverlässig das Gefühl, vor Schmerz zu zerfallen. So wie jetzt. So wie beim Aufwachen. So wie gegen Nachmittag, wenn die Phase erzwungener Aktivität am Auslaufen ist und ich wieder auf dem Sofa lande, wo mich die Leere verschlingt.

Es ist einerseits weniger hartnäckig als damals, vermutlich weil mich die Medis auffangen und ich, davon ab, nicht davon überzeugt bin, einen Seelenverwandten verloren zu haben. Auf der anderen Seite ist es so viel mehr, das ich verliere. Am härtesten, das will ich offen zugeben, trifft mich neben der augenscheinlichen Tatsache, dass mein Leben auseinandergefallen ist, der schlagartige Verlust des Geliebtwerdens. Härter als das Nichtgenugsein, die verlorenen Jahre, die vollkommene Perspektivlosigkeit; mehr als die Person an sich, die fünf Jahre lang ein Teil von mir war und die an meiner Seite zu haben ich schätzen und offensichtlich, leider, auch brauchen gelernt habe.

Ich habe viel Arbeit vor mir, wenn ich das überstehen möchte.

Umso stolzer bin ich, berichte zu können, dass ich mich aufgerafft und mir ein (hoffentlich) köstliches Abendessen aus der letzten Semmelknödelwurst von Beccis und meiner Aktion letzte Woche, Spargel und Pilzsauce zubereitet habe. Verblüffend, wie ich in dieser Ausnahmesituation Energie für Dinge aufbringe, die ich über weite Strecken der letzten Jahre für undenkbar befunden hätte.

Also wird nun gegessen. Gegessen und dabei die nächste Netflix-Dokuserie angefangen, sodass Ablenkung einziehen und sich der Klammergriff um meinen Brustkorb wieder lockern kann.

Still surviving.

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Ich bin besser im Überleben, als ich gedacht hätte. Zumindest weiß ich Gelegenheiten zu ergreifen, wenn sie sich präsentieren.

Und das, nachdem mein Tag damit begann, dass ich nach dem tausendsten Wiedereinschlafen das Wachwerden nicht mehr ohne aktives Gegensteuern hinauszögern konnte und mich zu diesem Zwecke dem Googlen einer möglichen Trimipramin-Überdosis zuwandte (um tatsächlich festzustellen, dass trizyklische Antidepressiva, wie Trimipramin eines ist, bei Selbstmordversuchen mit am häufigsten Anwending finden). Durch das Lesen (und das beruhigende Wissen, dass genügend Trimipramin sich in meinem Besitz befindet, sollte ich der Perspektivlosigkeit einmal gar nichts anderes mehr entgegenzusetzen wissen) erneut eingeschläfert, gelang es mir, bis ungefähr halb zwölf im Dämmerland zu verweilen, bevor die Realität und mein gestörter Hormonspiegel mich einholten. Ja, er ist weg; nein, er kommt nicht zurück; ja, er hat gesagt, es hätte sich keinen Moment lang wie ein Fehler angefühlt, wegzuziehen; nein, er wird nie mehr hier oben mit mir im Bett liegen. (Ja, ich habe jetzt ein beinahe zimmergroßes Hochbett für mich alleine.)

Ich stand auf und machte mir ein Brötchen zum Frühstück, heute mit Raclettekäse, Mayo, Rucola und kleinen Tomätchen. (Nachdem mich Caro neulich – warte, gestern – darauf hinwies, wie dekadent mein Laugen-Avocado-Lachsfrühstück mit Smoothie-Grapefruitsaft-Mischung sich anhörte, stelle ich nun selbst wieder verstärkt fest, wie königlich ich eigentlich lebe, wenngleich ohne dafür die ansonsten immerwährende Begeisterung aufzubringen) Zwar wurde mir die Arbeit wie bereits am Tag zuvor durch creepiges Ganzkörperzittern und Konzentrationseinbrüche erschwert, aber am Ende hatte ich mein Frühstück beisammen – inklusive Smoothie-Grapefruitsaft-Combo – und konnte auf dem Sofa Platz nehmen, wo ich sodann mein Werk zu verzehren begann und dabei den Rest der gestern abgebrochenen Dope-Folge ansah.

Unverzüglich machte ich mich im Anschluss an die Bearbeitung meines Auftrags, und auch das gelang mir. Nicht meine gründlichste Arbeit, und die Statistik wird es mir auch versaut haben (Korrekturgeschwindigkeit = zwei Absätze Arbeit, zwanzig Minuten zocken), aber es hat für ein Dankeschön vom Kunden gereicht (eine Auszeichnung, die ich erst einmal zuvor erhalten hatte) und dafür gesorgt, dass ich mir ganz schön toll vorkomme, weil ich es immerhin geschafft habe.

Mein Meisterwerk des Am-Leben-bleibens aber vollbrachte ich, indem ich auf Wolfgangs Bescheid, er habe jetzt alles Mögliche an Essen abzugeben, nicht nur mit „nehm ich“ antwortete, sondern mich spontan dazu entschloss, ihn für den Abend zum Flammkuchenessen einzuladen. Das brachte mich in die überaus begrüßenswerte Situation, ohne Wenn und Aber duschen, die Küche aufräumen und Flammkuchen machen zu müssen, während ich allein vermutlich außer Sitzen, Heulen und Zocken einfach rein gar nichts gemacht hätte, und erst recht keins dieser produktiven Dinge.

Als Wolfgang kam, machte ich einen auf funktionsfähig und zog das knallhart den ganzen Abend lang durch. Und siehe da – fake it ‚til you make it – es hat geklappt. Ich habe zwei perfekte Flammkuchen produziert, mich über NoFX, Corona, Zufälle und die Welt unterhalten, als wären mein Leben und ich völlig intakt, und es hat sich gut angefühlt. Es hat mir wieder das Gefühl gegeben, dass ich keine Perspektive brauche, solange nur die richtigen Menschen da sind.

Mit diesem Gefühl würde ich gern morgen aufwachen. Aber wie wir alle wissen, ist das unmöglich. Ojalá no lo fuera.

Surviving Somehow

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Heftig. Wie in Situationen dieser Art üblich, war die Panik von einem Moment auf den anderen weg. An ihre Stelle ist nahtlos eine so überwältigende, allumfassende Trauer und generelle Hoffnungslosigkeit getreten, dass die schiere Tatsache, dass ich noch hier bin, um dies zu tippen, allein der lebensrettenden Kombination aus Caro, Chachi und meiner Antriebslosigkeit zu verdanken ist.

Um mal ganz bescheiden mich selbst zu zitieren: My past is gone, so is my future, so are you.

Keine Ahnung, ob ich hier irgendwann noch Details aus den vergangenen fünf Jahren rauskramen und auf die Weise vielleicht aufarbeiten kann oder überhaupt nur will. Ich habe das Gefühl, über die Dauer meiner Beziehung mit R sowohl zu Verdrängungszwecken als auch aus Angst, mir durch Lautausschreiben die eigene Verletzlichkeit einzugestehen, wesentliche Teile meiner selbst verleugnet und meines Lebens unterschlagen zu haben, aber gerade ist jedenfalls nicht der Zeitpunkt, in der Richtung etwas nachzuholen. Solange ich mit anderen Menschen in Kontakt bin, erscheint es mir denkbar, dieses Elend irgendwann hinter mir zu lassen und meine eigene Zukunft zu erleben. Sobald ich aber allein bin und unweigerlich daran denke, selbst ohne irgendetwas aktiv hervorzukramen, verschwindet diese Hoffnung abrupt vom Horizont meiner Möglichkeiten.

Ich habe einen kleinen Auftrag angenommen, den ich morgen bearbeiten muss. Neun Seiten, das sollte doch irgendwie gehen. Wenn nicht, muss es trotzdem gehen, schließlich habe ich ihn nunmal angenommen. So werde ich morgen wohl auch überleben, denn man kann nicht gleichzeitig krepieren und einen Auftrag bearbeiten.

Immer einen Tag nach dem anderen.

Sinn und Standards

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Keine Ahnung, wie ich das machen soll, aber ich gehe gleich mit Wolfgang auf Essenssuche. Ich muss das tun, weil es das letzte Mal sein wird, dass Wolfgang fährt, und ich das aus sentimentalen wie auch pragmatischen Gründen nicht ausfallen lassen kann. Vorbei die Zeiten des luxuriösen Abgeholtwerdens; demnächst darf ich für diese Zwecke erst wieder quer durch die Stadt zu Yannick tingeln.

Als wäre das nicht immer noch tausendmal luxuriöser als früher alleine mit Bus, Bahn und Füßen. Man gewöhnt sich so schnell an einen gehobenen Lebensstandard, und man meckert einfach immer weiter.

Ich wache auf und es rotiert. Es ist immer das Gleiche. Ein paar Sekunden braucht das Gefühl, um den Gedanken hinterherzuschwappen, und ich denke mir, „oh, wow, das geht ja!“. Und dann hat es aufgeholt, und dann haut es rein. Dann spielt Txoria txori in meinem Kopf, oder neulich war es Letzte Runde von Sarah Lesch. Dann zerfleischen mich Selbstvorwürfe, wie ich die Situation so immens falsch einschätzen konnte; wie ich ihm glauben konnte, wenn er sagte, ich sei ein Teil von ihm geworden, er könne sich ein Leben ohne mich nicht vorstellen, er würde depressiv, wenn ich weg bin. Wie ich annehmen konnte, er würde leiden, wenn dieses Szenario eintritt – weit mehr als ich. Dann spreche ich aus, woran sich mein Hirn in dem Moment aufhängt. „Panik, Panik, Panik, lalalaaa“ oder „Es hat alles keinen Sinn“ oder „Es tut mir weh, wie gut du zurechtkommst.“

Wie kann ich mich so verschätzt haben.

Ich muss wieder lebensfähig werden. Ich kann in diese Beziehung nicht zurückwollen, weil sie mich am Leben hält. Das ist nicht der Sinn, ich muss mich selbst erhalten. Ich muss mein eigener Sinn sein.

Wie schaffe ich das?

Zurückbleibend

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R kam gestern schon das restliche Zeug holen. Wir haben einen Tee zusammen getrunken und dabei nebeneinander gesessen. Er hat geredet, ich weniger. Der Schmerz machte mich smalltalkuntauglich. Er war nonchalant und zeigte keinerlei Betroffenheit, nahm allerdings meine Hand, als ich zwischenzeitlich wieder am Heulen war. Nach einer Weile kam Yannick in seiner Funktion als Umzugshelfer, und die beiden machten sich ans Verräumen.

Er hat mir seine Schlüssel gegeben, mich umarmt, gesagt, ich solle mich melden, wenn es mir ganz dreckig geht (worauf ich „du auch“ erwiderte, auch wenn offensichtlich ist, dass keiner von uns es tun wird), und ist mit Yannick zusammen zur Tür raus.

In absehbarer Zeit wird er nochmal kommen, um Küken für die Katze zu bringen, die er von seiner Kollegin bekommt. Da ich schon wieder einen Haufen Kram bemerkt habe, den er vergessen hat und bei der Gelegenheit dann mitnehmen kann, ist das okay. Danach muss es aber auch gut sein; ich möchte mich nicht mehr mit Beruhigungsmitteln zuschütten als unbedingt nötig. Immerhin habe ich heute weder vom Beta-Blocker noch von den Tropfen Gebrauch machen müssen.

Was langsam akut wird, ist die Ernährungsfrage. Das letzte in der Wohnung befindliche Ganz-und-gar-Fertigessen habe ich mir in Form der übrigen Dosenravioli heute einverleibt. Was nun? Kochen? Woher die Energie nehmen? Vielleicht lasse ich es langsam angehen und probiere es mit einer Tütensuppe. Das hat schonmal gut geklappt, als das Drama ganz frisch war. So hatte es eben doch einen Sinn, das Zeug so lange aufzubewahren, ohne es je zu benutzen. Auch der Kamillentee, den ich 2015 in absurden Mengen beim Konstanzer Bioladen containert hatte, erfreut sich gerade einer nie zuvor erfahrenen Beliebtheit. Gefährliche Bestätigung für meine Hamsterpersönlichkeit.

Ja, komm. Ich mach mir eine Tomatensuppe, und während die abkühlt, gehe ich in den Keller und hole Katzenfutter. Die arme Kreatur hat bis jetzt noch nichts zu fressen bekommen. Traurigerweise war es den Tag über leichter, den dadurch hervorgerufenen Amoklauf meines Gewissens zu ertragen, als die zwei Stockwerke lange Reise zu unternehmen.

Leben suchen

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Es ist schwierig. Selbst mit den ganzen Medikamenten. Ich sitze, heule, warte und finde keinen Sinn und keine Absicht. Meine Pflanzen lassen die Blätter hängen. Die Katze liegt und schläft neben mir. Ich strenge mich an und versuche, normal mit ihr zu reden, nur für den Fall, dass sie mehr mitbekommt, als man ihr anmerkt.

Ich hatte geplant, am Montag die Selbsthilfegruppe für Sozialphobiker zu besuchen, aber je näher der Termin rückt, desto weniger Lust habe ich. Lieber würde ich mich mit Leuten umgeben, die ausgeprägte soziale Fähigkeiten besitzen. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen – außerdem besitze ich selbst unter gewissen Rahmenbedingungen ausgeprägte soziale Fähigkeiten, warum also anderen Sozialphobikern gleich das Gegenteil unterstellen. Ich sollte hingehen.

Dann sitze ich da und stelle mich vor. Hallo, ich bin die Aspi. Ich habe gerade die einzige konstante Bezugsperson meines Alltagslebens an unüberbrückbare Differenzen verloren und jetzt keinen Schimmer, wie ich wieder mit Menschen in Kontakt kommen soll. Aus Angst vor Zurückweisung fällt es mir unsagbar schwer, auf Leute zuzugehen, obwohl mein Bedürfnis nach bedeutungsvollen sozialen Bindungen sehr groß ist. Prinzipiell vermeide ich es, Kontakt zu initiieren, da ich permanent besorgt bin, mich aufzudrängen, als klammernd empfunden oder nicht gemocht zu werden. Mein Freund war sehr extrovertiert und ich habe ihm einen Großteil aller anfallenden Kommunikation mit der Außenwelt überlassen, was nur dazu führte, dass ich mich meiner Angst noch weniger gestellt habe. Alle Kontakte, die ich in der Stadt hatte, habe ich durch Konflikt oder Wegzug verloren. Nächsten Monat möchte ich wieder in die Uni gehen, habe aber Angst, dort keinen Anschluss zu finden, gerade weil ich ihn momentan so dringend brauche.

Doch, wenn ich mir das genau anschaue, klingt die Sozialphobikerselbsthilfegruppe nach einer vernünftigen Idee.

Und da das Schreiben mich gerade so hervorragend beruhigt hat, würde ich sagen, mache ich mir gleich einfach mal die nächste Portion Ravioli warm, schaue die nächste Rotten-Folge an und harre der Wochen, die da kommen.

Point Z

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Der Ist-Zustand: Ich lebe. Im Moment sogar relativ panikfrei und immerhin so weit handlungsfähig, dass (wie festzustellen sein dürfte) ich sogar das Blogeintragtippen in Angriff nehmen kann.

Soeben habe ich mir meine ersten sechs Tropfen eines Mittels namens Trimipramin mit Kamillentee eingeflößt und denke mir, wenn dieses Zeug mein Inneres so taub macht wie meine Zunge, bin ich auf einem verdammt guten Weg.

Wie aber kam ich hierher?

Point A: Gestern Früh in Beccis Wohnung beschloss mein an sich ja derzeit schon nicht gerade allgegenwärtiger Verstand dann in Gänze zu versagen, was sich darin äußerte, dass (anderthalbfacher Dosis Baldrian zum Trotz) der Vormittag mich dummen Dramamensch vom Moment des Aufwachens um kurz vor sieben an faktisch hyperventilierend erlebte (und ich ihn leider ebenso).

Ablenkungsversuche durch Horrordokus (diesmal etwas über ein gewisses übles Wasser abpackendes Schweizer Monsterunternehmen) wollten in dem Zustand dann auch nicht mehr so recht Wirkung zeigen, und auch das einstündige Telefonat, das ich zwischendrin mit meiner Mutter führte, zählte nicht zu meinen stärksten Momenten.

Becci wollte um 12 zurück sein und erschien auch so um den Dreh. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen tat auch ihre Ankunft meinem äußerlichen Durchdrehen keinen Abbruch. Sie schaute sich das eine halbe Stunde lang hilflos an und fragte schließlich, ob es die Aussicht darauf sei, tags drauf nach Hause zu müssen, die mich so plagte. Nein, nein, im Gegenteil, ich will nach Hause. Ich halte es nicht aus, ich kann das nicht überleben, ich muss die Entscheidung ohne die Pause von ihm verlangen, und das wird unweigerlich dazu führen, dass die Beziehung direkt beendet wird. Das könne ich doch nicht wissen. Doch, doch, das ist so, das weiß ich.

So sehr war ich davon überzeugt, nach meiner nächsten Begegnung mit R weder eine Pause noch einen Partner mehr zu haben, dass die schier rückwärts verstreichende Zeit, bis ich endlich, endlich klare Verhältnisse würde geschaffen haben, mir unerträglich schien und jeden letzten Rest Fassung geraubt hatte.

Becci, die übermüdet und angeschlagen von der Arbeit gekommen war, fing neben mir an zu weinen. Sie hätte schon gedacht, sie hätte einen schlechten Tag gehabt. Weiter hyperventilierend, aber betroffen von dieser Äußerung versuchte ich die Umstände ihres Tages zu erfragen. Ihr Freund, den sie nach der Arbeit getroffen hatte, war merkwürdig drauf gewesen, was sie sich wider besseres Wissen stets zu Herzen nimmt. Ich hörte es mir an, während ich weiter vor mich hin heulte.

Dann bot sie sich an, mich nach Hause zu fahren.

Nicht bevor sie jedoch gegen meinen ausdrücklichen Willen ihrem stressenden Freund, der meiner Ansicht nach erstmal runterkommen sollte, eine Nachricht schrieb, ob er (in seiner Funktion als Krankenhaus-FSJ-ler) spontan an irgendwelche beruhigenden Medikamente kommen könnte, derart beunruhigt war sie von meinem Zustand.

Ich nahm ihr Angebot an und ließ mich von dieser zu guten Seele nach Hause kutschieren. Drei zusätzliche Baldriantabletten verhalfen mir auf der Fahrt zu verhältnismäßiger Ruhe und teils sogar Schlaf.

Leider hatten sie aufgehört zu wirken, als wir zwei Stunden später meine Wohnung betraten und mich eine entsetzliche Leere begrüßte, die R bei der offenbar am Wochenende durchgeführten Umzugsaktion in Schuhschrank und Regalen hinterlassen hatte.

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An diesem Punkt muss ich nun dummerweise unterbrechen, weil 1) sich der Computer gerade drei Stunden lang aufgehängt und mir ein Weiterschreiben unmöglich gemacht hat und 2) ich jetzt schlafen muss. Dringend. Ich gebe mir Mühe, morgen weiter zu berichten. Dadurch, dass ich mittlerweile immerhin mit zwei Sorten Antidepressiva und noch dazu einem Beta-Blocker gegen das Herzrasen ausgestattet bin, sollte das doch wohl möglich sein.

Hammers and Nails

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Wenn ich ihn bitte, sich seine schlimmste Angst zu vergegenwärtigen und sich vorzustellen, ein halbes Jahr lang jede Sekunde damit zu leben, vielleicht versteht er dann, dass ich es nicht schaffe. Nicht ein halbes Jahr lang. Eigentlich bin ich mit jeder verstrichenen Sekunde erstaunt, dass ich es offenbar immer noch aushalte.

Ich habe mit Caro geredet, die kein Problem darin sieht, wenn ich ihn um eine Verkürzung der Zeitspanne bitte. Mein Überlebensinstinkt sagt mir, dass das nicht genug ist. Mein kläglicher Rest Verstand sagt mir, dass es nicht in meiner Macht steht, diese Beziehung zu retten. Weil es nicht an mir liegt. Weil ich nichts tun kann, außer in einem Akt der Selbstsabotage die Entscheidung ohne die Pause von ihm zu verlangen, was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zur Folge hat, dass er seine Sachen (zu Ende) packt und auf Nimmerwiedersehen in sein neues WG-Zimmer, seine wiedergewonnene Freiheit und sein neues Leben entschwindet.

Vielleicht hat er den Anstand, es selbst vorzuschlagen, wenn er sich morgen bewusst wird, dass mein Zustand sich nicht gebessert hat. Er hat nie den Eindruck gemacht, als würde es ihm viel ausmachen, mich leiden zu sehen, aber ich kann nicht glauben, dass er so weit gehen würde, mich bewusst in ein derartiges Elend zu stürzen.

Ich weiß; eigentlich bin ich es, die sich ins Elend stürzt. Mein CBT-Kurs lehrt mich (und mein Verstand bestätigt), dass Gefühle nicht die direkte Folge äußerer Ereignisse sind, sondern dem entspringen, was man selbst daraus macht. Ich erkenne mich wieder in Watzlawicks Geschichte über jemanden, der sich vom Nachbar einen Hammer ausleihen will und über dessen potenzielle Einwände so lange spekuliert, bis er rübergeht und den perplexen Mensch anschreit, „behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“.

Aber was tue ich dagegen? Wie halte ich mich davon ab, mich derartig in Hirngespinste hineinzusteigern? Zuallererst muss ich nach Hause. Dann muss ich mit R reden, ob der will oder nicht. Und von dort aus alles Weitere. Nun erstmal die anderthalb Tage bis dahin überleben, was sich nicht einfach gestaltet, denn weder Panik noch Verzweiflung lassen nach.