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Plants Before Work

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Und schon kommen die nächsten fünf. Ich habe soeben trotz einschlägigem Motivationsdefizit einen Auftrag angenommen, an dem ich bis heute Abend sitzen werde, und da ich kein bisschen Lust habe, damit anzufangen, werden jetzt erstmal Pflanzen aufgelistet.

36 – 40

Ficus (Ficus benjamina – Moraceae)
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Rosmarin (Rosmarinus officinalis – Lamiaceae)
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Blaue Lampionblume (Nicandra physalodes – Solanaceae)
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Ackermelde (Chenopodium album – Amaranthaceae)
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Grüne Minze (Mentha spicata – Lamiaceae)
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Saving(s) – auf ein Neues

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Soeben kam ich aus der Stadt zurück, wo ich mich mit Marthe in einem zentral gelegenen Café zum Unterricht getroffen habe. Ihre Wohnung ist gerade belegt, aber sie wollte – was ich sehr löblich finde – nicht schon wieder einen Termin ausfallen lassen. Letztendlich saßen wir statt der üblichen Stunde anderthalb da, ich bekam die halbe Überstunde und meinen Kaffee bezahlt und wurde im Allgemeinen reichlich dafür kompensiert, dass ich auf dem Hinweg von Regenfällen überschüttet wurde. Oh, wenn mein Berufsleben doch nur aus Sophis, Ulrikes und Marthes bestünde. Ich könnte mir kein besseres Leben vorstellen.

Der Unterricht mit Marthe führte auch zu dem glücklichen Umstand, dass meine neulich bis auf den letzten Schein geplünderte Bargeldkasse wieder Geld enthält. Ich hatte beim letzten Schweizbesuch alles, was sich über Jahre dort angesammelt hatte, meinem Vater übergeben, damit er für mich Aktien kauft. Mein Vater kann sowas. Seitdem war ich cashmäßig pleite. Das war ein komisches Gefühl und ich bin froh, dass es vorbei ist – ich besitze nunmehr Bargeldersparnisse von 25 Euro und in meinem Portemonnaie befinden sich 4,48. (Nur falls jemand auf die Idee kommt, mich auszurauben – es lohnt sich zur Zeit ziemlich eindeutig nicht.)

R geht heute Abend nochmals mit Daniel trinken. Scheint, als täte die Tatsache, dass Daniel ihn nicht mehr mag, ihrem gemeinsamen Weggehen keinen Abbruch. Vielleicht wird das ja auch wieder. Trotzdem werde ich es nie verstehen, wie man in der Auswahl seiner Kontaktpersonen so anspruchslos sein kann, dass man jemanden zwar (und sei es nur temporär) nicht ausstehen kann, aber trotzdem mit ihm saufen geht. Oh well. Sollen sie mal.

Und nun zum chlorophylligen Teil:

26 – 30

(Ich verzweifle an den verschiedenen Salatsorten und habe ehrlich gesagt nicht die leiseste Spur einer Ahnung von Salat, daher mache ich es mir lieber einfach, statt am Ende eh alles falsch zu bestimmen. Hilfe von außen ist immer willkommen.)

Gartensalat – Sorte 2 (Lactuca sativa – Asteraceae)
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Gartensalat – Sorte 3 (Lactuca sativa – Asteraceae)
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Gartensalat – Sorte 4 (Lactuca sativa – Asteraceae)
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Schnittlauch (Allium schoenoprasum – Amaryllidaceae)
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Berg-Flockenblume (Centaurea montana – Asteraceae)
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Der Zwiebel dienen

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So. Nachdem ich gestern leider arbeiten – Scorpion gucken – arbeiten – Scorpion gucken – arbeiten – zocken – Boggle spielen musste, blieb leider keine Zeit fürs tägliche Pflanzenauflisten. Dafür heute wieder:

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Echter Thymian (Thymus vulgaris – Lamiaceae)
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Walderdbeere (Fragaria vesca – Rosaceae)
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Marokkanische Minze (Mentha spicata var. ‚Marokko‘ – Lamiaceae)
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Gewöhnliche Wiesen-Schafgarbe (Achillea millefolium – Asteraceae)
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Nelken-Leimkraut (Silene armenia – Carophyllaceae)
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Ich kann dahingehend außerdem berichten, dass heute die erste Blüte meiner Canna aufging und ich mich freue wie nur was – sie ist so prächtig, ich bin so froh, sie zu haben, und die Samen gehen bei Ebay weg wie warme Semmeln.

Ich bin allgemein ziemlich froh. So, wie’s grad läuft, kann es ruhig weiter laufen – ich komme mit meiner Arbeit klar, mit meiner Mutter, mit R sowieso, mit meinem Dasein im Allgemeinen. Der Therapeutin hatte ich vorhin jede Menge Positives zu berichten. Der Rest fällt kaum ins Gewicht. Meine Motivation für Tasks außerhalb des Notwendigen hält sich in Grenzen, aber (Achtung, Sarah-Lesch-Referenz) immerhin hält sie sich. Ich hab‘ von Şahin geträumt, aber das ist mir auch egal. Heute ist alles ganz ruhig.

Nun widme ich mich allerdings mal wieder meiner etablierten Routine: Scorpion gucken und dabei frühstücken – arbeiten – Scorpion gucken – arbeiten.

Sonntag. Meiner.

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Seitdem ich dem grausamen Dahinsiechen, das ein enormer Teil der Menschen als unausweichlich und eigentlich auch nicht so dramatisch empfindet und welches gemeinhin als simple Unterteilung des Lebens in Werktage und Wochenende betitelt wird, in die von finanzieller Miserie geprägte, aber an Freiheit umso reichere selbstbestimmte berufliche (Un-)Tätigkeit entflohen bin, kann ich sowohl Montagen als auch Sonntagen besser ins Auge sehen.

Ich hatte mir für heute vorgenommen, bei Yannick im Garten arbeiten zu gehen. Er hat den Firmengärtner gefeuert, da dieser „nicht durch Kompetenz und Motivation überzeugt“, und dafür in die Runde gefragt, wer für 15 Euro die Stunde helfen kommen will. Das ist natürlich mehr als verlockend und ich habe gleich zugesagt, aber nachdem ansonsten niemand sonst heute mitmacht, auch meine Mitfahrgelegenheit in Form von Wolfgang nicht, habe ich kurzerhand beschlossen, dass heute nicht der Tag ist, an dem ich damit anfangen sollte. Nächste Woche dann.

Außerdem gehe ich nächsten Monat für knappe zwei Wochen die Pflanzen meiner Eltern hüten und werde auch dafür fürstlich entlohnt. Meine Mutter ist halt doch eine gute Seele, das ist absolut nicht zu bestreiten, und hat mir in dem Wissen, dass bei uns das Geld fließt wie beim Ochsen die Milch, diesen dankbaren Job angeboten, statt – was ganz sicher möglich gewesen wäre – unter ihren Bekannten jemanden zu suchen. Sogar die Reisekosten erstattet sie mir, sodass ich problemlos einen Bus nehmen kann, der direkt in die Schweiz durchfährt.

Und wo wir schon bei Pflanzen sind:

6 – 10

Cherimoya (Annona cherimola – Annonaceae)
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Rote Lichtnelke (Silene dioica – Caryophyllaceae)
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Petersilie (Petroselinum crispum – Apiaceae)
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Jungfer im Grünen (Nigella damascena – Ranunculaceae)
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Oregano (Origanum vulgare – Lamiaceae)
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Observations from the Daily Life of a Socially Challenged Person

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Hi, ich bin die Aspi und ich hab‘ Social Anxiety.

Falls du zufällig ebenfalls Social Anxiety hast, wirst du nachvollziehen können, was ich gleich schreibe. Falls nicht, read and learn.

Obschon ich in den letzten paar Jährchen extrem dazugelernt habe und gravierende Meilensteine erreichen konnte, die früher unfassbar weit weg schienen, ist es auch heute noch eine Herausforderung für mich, zum Beispiel einen der Vorträge zu besuchen, die R organisiert. Ich tue das trotzdem gelegentlich, aus den einfachen Gründen, dass 1) mich die Themen interessieren, 2) ich dazulernen möchte und 3) ich die Vortragenden und Organisatoren unterstützen möchte, indem ich durch meine Anwesenheit den Raum (noch) ein kleines bisschen voller mache.

Heute ging es relativ leicht, aber ich hätte weitaus besser sein können.

Herausforderung 1: Ankommen. Ich war mit dem Fahrrad da, fand die Location ziemlich zügig und musste nur den Eingang ausfindig machen. Da ich es hasse, planlos zu wirken (oh nein, alle Anderen sehen, dass ich keine Ahnung habe – Weltuntergang!), zockelte ich gemütlich mit meinem mitgebrachten Energy (ich war hundemüde und wäre vorher beim Arbeiten schon fast eingeschlafen) ums Eck herum und wieder zurück, erspähte unterwegs R’s Fahrrad (was mich schonmal beruhigte) und lachte dem enthusiastischen Italiener entgegen, der neben der benachbarten Pizzeria stand und mich, gute Laune versprühend, auf Italienisch mit irgendwelchen fröhlichen Worten bedachte, während sein Kumpel mit einem Wasserschlauch die Straße vor seinem Lokal berieselte.

Es standen zwei Menschen da herum, die aussahen, als hätten sie dasselbe Ziel wie ich, aber natürlich war das kein Grund, sie anzusprechen, sondern verleitete mich nur dazu, meine ‚Ich hab voll alles im Griff‘-Maske weiter aufzubauschen und voller Zielstrebigkeit auf den einzigen Hauseingang zuzugehen.

Ich hatte Glück. Im Hauseingang stand ein junger Mensch, den ich als denjenigen zu erkennen glaubte, dem R bei der Vortrags-Orga unter die Arme gegriffen hatte. Aus meinem gefaketen Selbstbewusstsein (welches durchaus überzeugend wirkt) heraus war es ganz einfach, ihn anzusprechen und in Erfahrung zu bringen, dass diese Tür mich zum richtigen Ort führen würde. Und wenn ich erst einmal in Schwung bin, läuft auch alles Andere, sodass ich (gerade gegenüber diesem schüchternen Fünfzehnjährigen) mit ein paar lockeren Worten mein Fortbestehen als unerkannter Interaktions-Fail sichern und den Raum betreten konnte. (Sobald ich mich einmal dazu zwinge, eine Interaktion in Angriff zu nehmen, tue ich dies mit einer so epischen schauspielerischen Glanzleistung, dass Jonas vermutlich jetzt denkt, ich sei die selbstsicherste Person unter der Sonne.)

‚Herausforderung‘ sagte ich besonders deshalb, weil ich zu diesen Veranstaltungen allein hingehe. R ist, wie ich mittlerweile weiß, immer äußerst beschäftigt damit, alles Andere zu managen, und sagt höchstens mal kurz hallo. Dann sitze ich da rum und beobachte, wie alle sich unterhalten. Natürlich eröffnet sich mir nicht die Möglichkeit, selbst ein Gespräch mit einem anderen Anwesenden zu führen, denn wenn du dir nichts Schlimmeres vorstellen kannst, als (zumal unbekannten) Leuten in die Augen zu gucken, könntest du genau so gut einen Tarnumhang tragen: niemand spricht dich an. Heute hatte ich mein Buch vergessen, was doof war, denn so musste ich darauf zurückgreifen, stumpf auf dem Handy zu spielen, bis es anfing.

Ich blieb auch nach dem Vortrag noch sitzen, weil ich auf die anschließende Diskussion gespannt war. Es gab eine kurze Pause, in deren Verlauf die Menschen wieder redeten, rausgingen, sich was zu trinken holten etc. Ich saß halt da. Dann wurde diskutiert – oder sowas Ähnliches; ich habe bisher kaum je erlebt, dass nach Vorträgen dieser Art in eine Diskussion mal richtig Schwung gekommen wäre. Dann hatte niemand mehr etwas zu sagen. Außer mir, natürlich, aber da der Raum gerammelt voll war und meine Fähigkeit, in Gruppen einen Ton von mir zu geben, sich bei mehr als vier-fünf-sechs bereits stark erschöpft, behielt ich meinen Senf wie üblich für mich.

Wir waren mehrfach dazu angehalten worden, noch dazubleiben und auf die Leute von der Antifaschistischen Initiative zu warten, aber ich musste nach Hause, da von meinem aktuellen Auftrag noch viel zu viele Seiten übrig sind und ich mir morgen nicht den Stress geben möchte. Außerdem hat mein Welde-Bier (die Deckel dieser Marke sind so konstruiert, dass sie dir Antworten auf Ja-Nein-Fragen geben, die du vor dem Öffnen stellst) mir heute Nachmittag verkündet, ich würde den Auftrag ohne Zeitdruck fertig bekommen, und damit diese Prophezeiung sich erfüllen kann, muss ich halt tatsächlich heute noch was dafür tun. Jedenfalls quetschte ich mich in Richtung Tür; dort stand auch R, dem ich bescheidgab, dass ich nach Hause fahren würde, um zu arbeiten, während zeitgleich eine der Referentinnen ihn rief. Er wünschte mir viel Erfolg und widmete sich Michelle.

Die letzte kleine Herausforderung bestand darin, mich vom Veranstaltungsort zu entfernen: es standen diverse der Leute von drinnen davor, die ich zwar alle nicht kannte, was mir aber dennoch signalisierte, dass man irgendwie anerkennen musste, dass man gerade anderthalb Stunden zusammen im gleichen Raum gehockt hatte. Also verabschiedete ich mich mit einem kurzen Handheben, während ich wegfuhr.

Das sind nun natürlich alles nur ganz kleine Dinge und nichts davon hat mir wirklich Probleme oder extrem unangenehme Gefühle bereitet, aber ich fand es mal interessant, aufzudröseln, wie viel Denkarbeit und/oder Awkwardness in solchen Situationen stecken kann, die zumindest solche Menschen, die weder gesichtsblind noch autistisch veranlagt noch introvertiert noch anderweitig sozial beeinträchtigt sind, tagtäglich als absolute Selbstverständlichkeit erleben – ohne auch nur einen bewussten Gedanken darauf verwenden zu müssen, das eigene Verhalten und das Anderer auszuwerten.

Falls jemanden interessiert, was ich gern zur Diskussion beigetragen hätte: eine der Referentinnen hat über die Sarotti-Debatte gesprochen, die sich darum dreht, ob ein gewisses Mannheimer Kino das ‚Mohren‘-Logo (welches bis 2004 Markenzeichen der Firma war, bis die Farbe des abgebildeten Menschen von schwarz zu golden geändert wurde) durch das aktuelle Logo ersetzen soll – weil der ‚Mohr‘ ja rassistisch ist. Sie war voll und ganz dafür. Ich nicht, aus diversen Gründen. Aber niemand im Raum hat sich meiner Ansicht entsprechend geäußert, weshalb ich das theoretisch schon gern übernommen hätte. Ich find’s echt schade, weil mir meine Meinung tatsächlich wertvoll erscheint und ich mir gewünscht hätte, der Referentin diese mitteilen zu können. Aber nicht in dem Rahmen, nicht mit meiner Gruppenphobie.

Dazu kommt, dass ich es mit dem Argumentieren nicht so habe. Für mich fühlen sich Dinge richtig oder falsch an, und entsprechend handele ich, aber wenn es darum geht, fundiert zu argumentieren, bin ich raus. Die Idee, ob fundiert oder nicht, ist die folgende:

Ein Logo umzufärben bringt im Endeffekt nichts, aber auch gar nichts. Keine einzige Person of Color wird dadurch in der Gesellschaft bessergestellt. Niemand bekommt mehr zu essen, fairere Arbeitsbedingungen, eine Wohnung, mehr Geld. Im besten Fall halten ein paar Schreihälse die Klappe, die sich vorher auf den Schlips getreten fühlten, und suchen sich eventuell mal wieder andere Baustellen, an denen sie tatsächlich Menschen helfen können (das hätte ich nicht unbedingt so gesagt; sie war schon während des Vortrags sehr emotional aufgeladen und das wäre nicht, aber auch gar nicht gut angekommen. Es ist natürlich auch verständlich, dass dem so ist, aber trotzdem ist es eine Tatsache, dass bei niemandem die Klappen schneller runtergehen, der sich angegriffen oder beleidigt fühlt – beides war relativ eindeutig bei ihr der Fall). Das Einzige, was du damit bewirkst, ist, dass dem denkenden Konsumenten die Möglichkeit genommen wird, anhand der Symbolik auf dem Logo festzustellen: okay, das will ich nicht unterstützen. So hat sich schon 2004 Sarotti mit dem Goldwashing des Logos letztendlich einfach nur zu mehr und zufriedeneren Kunden verholfen. Die Unternehmensmentalität und -geschichte (ich habe heute gelernt, dass die Firma dreißig Jahre lang durch einen Nazi und Kriegsverbrecher geleitet wurde) hat sich dadurch ganz sicher nicht geändert – nur sieht man die jetzt nicht mehr so deutlich. Als glühende Verfechterin der absoluten Transparenz (der zugunsten ich nicht nur zu rassistischer Symbolik, sondern auch zu Geschichten wie Datenschutz, Geheimnissen, Privatsphäre eher kontroverse Positionen vertrete) geht mir das wesentlich mehr gegen den Strich als das Ignorieren der Befindlichkeiten, die jemanden dazu bewegen können, so vehement das Verschwinden des schwarzen Logos zu fordern, von Seiten der Kinobetreiber – selbst kombiniert mit der Tatsache, dass diese ziemlich eindeutig nicht das Gleiche im Sinn haben wie ich, indem sie das alte Logo hängenlassen. Der Ansatz sollte, finde ich, einfach darin bestehen, die Konsumenten wissen zu lassen, was hinter dem Logo steckt. Das sollte abschreckend genug wirken. Und wenn nicht, ist das ein Zeichen für die Abgestumpftheit und Ignoranz der konsumierenden Bevölkerung, womit das Entfernen des Logos dann vollends als nutzlos enttarnt wäre.

So, jetzt habe ich es ganz glorreich geschafft, bisher nicht ein Wort zu korrigieren, und eben kam R zur Tür herein. Ooh je.

Auferstanden aus Ruinen – Texte, Menschen.

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Noch gute zehn Seiten und ich bin fertig mit diesem Grottentext. Oh, wie ich Studenten mittlerweile verachte… zumindest diejenigen, deren Abschlussarbeiten ich praktisch neu schreiben darf, während sie im wahrsten Sinne die Credits dafür einheimsen. Worthülse für Worthülse fällt der unerbittlichen Zerstörungskraft meiner Delete-Taste zum Opfer. Satzruine um Satzruine baue ich um, werte ich auf, mache ich lesbar für Augen, die mindestens so empfindlich sind wie meine.

Das ist anstrengend, das ist frustrierend, das ist auch irgendwo einfach wahnsinnig ungerecht. Aber natürlich kann ich mich nicht beschweren – ich mache diese Arbeit gut, ich mache sie zumindest so gern, dass ich nicht dabei verkomme, und ich habe keine Alternative. Was ich habe, ist alle Flexibilität der Welt und – essenziell für mein Funktionieren in jeder Hinsicht – meine Selbstbestimmung. Und noch dazu, wenn das auch definitiv eine untergeordnete Rolle spielt bei dem Niveau, das diese Texte haben größtenteils, die Möglichkeit, in verschiedenste Themen Einblicke zu bekommen. Noch dazu – viel interessanter eigentlich – in die Leben und Köpfe verschiedenster Menschen.

Ja, im Großen und Ganzen will ich wirklich nicht meckern.

So nebenbei:

  • Basti ist Vater geworden; sein Sohn kam am 3. Mai auf die Welt. Alles gut soweit.
  • Ich hatte die letzte Woche über freundlichen Besuch von einer Blasenentzündung, die mittlerweile (ich hoffe!) kaum noch spürbar, aber auch noch nicht ganz verschwunden, in den allerletzten Zügen hängt.
  • Ich habe so absolut keine Lust auf diese Bolivienreise, aber ich weiß natürlich, dass sich das ändern wird, sobald ich sie antrete.
  • Ich werde zuvor zwei Tage in Konstanz verbringen, um Basti, Mats und Alina zu besuchen. Basti bringt mich von dort aus nach Frankfurt zum Flughafen.
  • Übermorgen bin ich ebenfalls in Frankfurt, ein Umstand, den ich gerne mal vergesse, weil alles, das nicht Gegenwart ist, momentan gnadenlos ausgeblendet wird. Aber es ist das Glen-Konzert in der alten Oper, zu dem ich mit Becci und Cornelia gehe, und ich sollte mich freuen. Freue dich gefälligst.
  • Nächste Woche treffe ich mich mit Caro, die auf Heimatbesuch nach Deutschland kommt, in Karlsruhe. Wir gehen im Hans im Glück essen und – tatsächlich – darauf freue ich mich. (Wahrscheinlich weil es weder genug Umstände macht noch – anders als das Glen-Konzert – nah genug bevorsteht, um Panik zu erwecken.)
  • R ist dem Programmierwahn in Gänze verfallen und stürzt sich praktisch auf den Computer, sobald er nach Hause kommt. Gleichzeitig gibt er sich allerdings alle erdenkliche Mühe, unser gemeinsames Leben dabei nicht zu vernachlässigen, und ich habe mich meinerseits daran gewöhnt. Es ist also nach und nach ein wunderbares Equilibrium entstanden, in dem sich alle Parteien wohlfühlen – zumindest empfinde ich das so.
  • Ich habe gemeinsam mit der Therapeutin beschlossen, die Medis herunterzudosieren, wenn ich aus Bolivien zurück bin. Davor habe ich Angst, aber ich bin fest überzeugt, dass es sein muss. Ich fühle mich, als hätte ich in der Therapie alles erreicht, was im Rahmen der Abschirmung durch die Medis möglich war – now let’s tackle the real issues.

Geschenkte Stunden

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Yes! Marthe hätte keinen besseren Zeitpunkt wählen können, um mir für heute abzusagen. Ich habe bis zum Abend noch über dreißig Seiten von meinem Auftrag vor mir. Es regnet – ich bin froh drum, die Pflanzen können es gut gebrauchen, aber ich wäre mit dem Fahrrad zu Marthe gefahren, um Zeit zu sparen. Und ich habe erst aufs Handy geguckt, nachdem ich geduscht und mich rausgehtauglich angezogen hatte, somit bin ich frisch und gepflegt – eine Errungenschaft, die ich mit dem Wissen, dass ich überhaupt nicht raus muss heute, niemals erreicht hätte.

R ist im Schlafzimmer am Arbeiten, ich – wie immer – auf der Couch. Knapp außerhalb meiner Reichweite liegt verlockend der vierte Band der Neapolitan Novels, die ich gerade dabei bin zu verschlingen. Aber nachdem ich den gesamten gestrigen Tag verzockt habe, muss ich heute wohl oder übel zuerst arbeiten, bevor ich mit dem Buch beginnen kann.

Nun will ich ja eigentlich arbeiten (wollen), aber stattdessen wirkt der Kaffee viel zu gut und ich brüte viel lieber Schnapsideen mit Becci aus und freue mich meines Lebens. Aber hey, ich habe ja jetzt Zeit. Vielleicht telefoniere ich noch mit Mama, die mich gerade auch anschrieb. Und dann kann man immer noch arbeiten.

Atzo da bihar

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So schnell kann es also Sommer werden. Gleich ein völlig anderes Lebensgefühl, die Terrassentür offen lassen zu können und auf die frisch bepflanzten Kübel draußen zu blicken, in denen sich Tomaten und Paprika, Salat und Chilis, Rucola und Wunderblumen dem Licht entgegenstrecken.

Dass R diese Woche Urlaub hat, ruft auch bei mir ein Urlaubsgefühl hervor, auch wenn ich gestern Abend wieder einen Auftrag angenommen habe, mit dem ich gleich beginne. Wir sind mehr als glücklich, von unserem Osterausflug zu seiner Familie zurück zu sein, und genießen unsere wiedererlangte Freiheit und Selbstbestimmung in vollen Zügen. Er, indem er zockt und lernt; ich, indem ich pflanze und lese. Wir zusammen, indem wir ausschlafen und gemütlich frühstücken, Carcassonne spielen, Filme schauen und wunderbares Essen kochen.

Ich freue mich schon jetzt auf den Moment, in dem er nicht mehr arbeiten muss und wir dieses Leben für immer haben können. Denn während ich bestrebt bin, oder vielmehr beim besten Willen nicht anders kann, als aus der Gegenwart das Meiste für mich herauszuholen und den Zwängen nur den nötigsten Raum zu geben, hat er erst Ruhe, wenn ihm seine Zukunft solide erscheint. Eigentlich ähneln wir uns da stark. Nur dass unsere Coping strategies gegenteilig ausfallen. Ich verdränge und beraube mich dadurch vermutlich einer sicheren Zukunft. Er nimmt sich – uns – mit seinem obsessiven Hinarbeiten auf zukünftige Sicherheit die Gegenwart weg.

Auf dem kurzen Spaziergang zum Altglascontainer und zurück überraschte mich der Gedanke, dass es mir vielleicht wirklich lieb wäre, wenn wir heiraten würden, nicht in der Erwartung eines festzementierten ‚Für immer‘, sondern um dem Warten auf diese ferne Zukunft eine konkretere Berechtigung zu geben, einfach mal festzuhalten, dass seine wenig geschätzte, viel auf Zukünftiges ausgerichtete Gegenwart auch mir nicht grundlos ungenutzt durch die Finger rinnt. Ich bin mir dessen sicher und er ist es auch, warum dem Ganzen nicht einen Namen geben.

Dachte ich mir gestern, aber es war nur ein Anflug; heute verstehe ich schon wieder kaum, wozu das Heiraten gut sein soll; als könnte man die Zukunft mit Papier und Tinte in Stein meißeln. Und andersherum: unser gegenseitiges Vertrauen ist so grundsolide, dass jeder Vertrag, jede Unterschrift dagegen lächerlich und wertlos wäre.

Aber genug von Gegenwart und Zukunft. Ich habe einen Auftrag zu erledigen.

Berri bikainak – Pt. 2

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Vor etwas mehr als zwanzig Jahren ist es zuletzt passiert, heute erneut: Ich habe ein Klavier bekommen. R’s Eltern haben ihr Versprechen wahrgemacht und nun steht es hier, das gute Stück, auf dem R seinerzeit schon gespielt hat, als er noch grün hinter den Ohren war. Grüner. Man lernt ja nie aus.

Ich habe geduldig bis Ende der Mittagszeit gewartet und dann eine Stunde lang die Nachbarn terrorisiert. Es ist wahrlich keine Freude, sich an diesen Anschlag zu gewöhnen. Außerdem stehen die Tasten schräg. Warum auch immer. Aber es ist ein Klavier, und in nicht allzu ferner Zukunft werde ich zum einen die neuen Anschlaggegebenheiten verinnerlicht und mich zum anderen (hoffentlich) damit abgefunden haben, dass das ganze Haus an meinen diversen Fehlversuchen und Eskapaden unmittelbar teilhat.

Die zweite hervorragende Nachricht, wenn auch mit bitterem Beigeschmack, ist bereits sechs Tage alt und lautet wie folgt (wer hätte es erwartet bei der Überschrift – vermutlich niemand, denn das setzt voraus, dass jemand sich an das Äquivalent von Oktober 2013 erinnert und die passende Verbindung herstellt): Berri-Txarrak-Konzert. Mit Becci. In Karlsruhe. Letzten Mittwoch.

Es wird das letzte Mal gewesen sein, dass ich sie sehe, denn es ist ihre letzte Tour. Aber es war grandios, in einer winzigen Location, wo ich praktisch ohne eigenes Zutun in die zweite Reihe gespült wurde und dort inmitten von Exil-Basken meinen adrenalininduzierten Abrast-Tätigkeiten nachgehen konnte. Entsprechend eingeschränkt war noch drei Tage darauf meine Bewegungsfähigkeit. Es muss das Alter sein oder (Wolfgangs Kommentar) die mangelnde Übung. Auch meine Ohren waren noch Tage später nur eingeschränkt funktionsfähig, sodass ich schon davon ausging, einen bleibenden Schaden davongetragen zu haben – es war unmenschlich laut. Aber gut. Und mittlerweile geht es auch meinem Gehör wieder wunderbar – Glück gehabt.

Sogar die Vorband war großartig. Es war eine lokale Band namens Quota. Sie waren so gut, dass ich, nachdem ich im Anschluss ans Konzert mit der förmlich leergesaugten Wasserflasche in Richtung Waschbecken gewankt war, um diese aufzufüllen, meiner immensen Schüchternheit zum Trotz bei ihnen stehenblieb (man musste sowieso an ihnen vorbei, um zu den Klos zu gelangen, und sie standen da ganz einsam herum) und ihnen verkündete, dass ihre Show mir gut gefallen hatte. Sie haben sich gefreut und mir einen Sticker geschenkt. An dem Merch-Stand von Berri musste ich mich ebenfalls vorbeiquetschen und fühlte mich da schon wieder unwahrscheinlich überfordert. Eigentlich hätte ich gern mit der ganzen dort herumlaufenden Szene geredet – ich fühlte mich so zugehörig, so viel Euskera und Spanisch hörte man überall – aber genau das war das Problem, ich wusste einfach nicht, welche Sprache ich verwenden sollte. Ich muss einfach immer alles zerdenken, und das verbaut mir alles. Komplett bedeppert.

Jedenfalls war ich mehr als froh, diese Gelegenheit noch gehabt zu haben – Berri Txarrak noch einmal zu sehen und dazu noch Becci mitzunehmen – und die Setlist war episch, episch. Deshalb war ich nachher auch so kaputt. Bueltatzen. Sie haben Bueltatzen gespielt. Becci und ich konnten zusammen Bueltatzen live hören. Naja, zusammen – ich war zu dem Zeitpunkt irgendwie mitten im Getümmel, ganz vorne, genau mittig. Zwischen mir und der nur geringfügig erhöhten Bühne kauerte sich die Fotografin am Boden zusammen, wohl wissend, dass dies nicht der Zeitpunkt war, um sich der Gruppe fanatisch pogender Basken – und mir – mit einer Kamera vor der Nase entgegenzustellen. Bueltatzen. Bueltatzen live hören und sterben.

Nun ist R schon zu Hause – ein Hoch auf seine vorverschobenen Arbeitszeiten – und hat seinerseits das Klavier am neuen Standort eingeweiht. Er ist zufrieden – ich bin es auch – ein guter Tag, auch wenn mein Auftrag heute unter der Ankunft des Klaviers gelitten hat und ich bis Donnerstag noch einiges an Arbeit vor mir habe. Aber das war es wert – absolut.

Glasscheiben verdienen

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Ich hab‘ von Şahin geträumt, aber ich weiß nicht mehr, was. Nur, dass wir uns nicht ignoriert haben wie sonst meistens. So skurril, dass das immer noch vorkommt. Man sollte meinen, die Realität und die Lichtjahre an persönlicher Entwicklung, die ich dem Menschen aus meiner Erinnerung heute den Eindruck habe vorauszusein, hätten ihr Übriges dazu getan, mich davon abzukapseln. But alas, das menschliche Gehirn ist merkwürdig und tut nicht unbedingt immer das, was man von ihm erwartet.

Ich muss heute schon um halb drei Uhr bei Marthe sein, und der nassgraue Horror da draußen lässt vermuten, dass ich dafür den Bus nehme. Klassischer Fail von mir, aus den drei warmen Tagen vor ein paar Wochen zu schließen, es würde jetzt Frühling werden.

Beccis und mein Urlaub wird in der Form nicht stattfinden, worüber ich froh bin. Stattdessen kommt sie zu mir und wir gehen mit R auf das Fanny-van-Dannen-Konzert und besuchen Kepa, sofern der nicht beschließt, an den entsprechenden Tagen spontan irgendwo anders in eine Felsspalte zu klettern.

Ich müsste arbeiten, aber ich habe. Keine. Lust. Der Auftrag muss morgen Früh um 9 fertig sein; es ist ein interessantes Thema – zur Abwechslung mal wieder, ich kann kein Social-Media-Gedöns mehr sehen – aber es wird anstrengend zu korrigieren, das wird schon aus den ersten Sätzen ersichtlich. But alas, again, was soll man machen. Wenn ich ein Gewächshaus haben will, muss ich dafür erstmal in eine Situation kommen, in der es mir theoretisch möglich wäre, meinen Eltern Miete zu zahlen.

Das ist diesen Monat definitiv der Fall; ich habe noch nie so viel hintereinander gearbeitet. Und nachdem ich den Batzen Geld von R zurückbekommen habe, fällt nichtmal der Flug nach Bolivien groß ins Gewicht, den ich neulich gebucht habe. Oh, es ist eine Erleichterung, liquide zu sein. Wie ich zu R bereits sagte – jetzt kann ich mir schon die Eingangstür zu meinem Gewächshaus kaufen.

An die Arbeit, an die Arbeit, dann kommt bald noch eine Glasscheibe dazu oder eine Stunde Besprechung mit einem Architekten.