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Self-esteem, azal zaitez.

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Selbst wenn Becci und ich es nicht bis nach England geschafft haben – es war auch eine Art Urlaub, den ich von Dienstag letzter bis Mittwoch dieser Woche genossen habe.

Becci kam letzten Dienstag und hat sich erstmal zu Ende von ihrer zum Glück rechtzeitig durch Antibiotika eingedämmten beginnenden Lungenentzündung kuriert. Ich war derweil auf Containerzug unterwegs. An den darauf folgenden Tagen haben sich meine Terrasse und mein Kühlschrank durch Beccis grandiosen Einsatz ein enormes Stück in Richtung ihres gewünschten Zustandes entwickelt; der externe Kühlschrank ist aufgelöst und der interne neu sortiert und bestückt. Wenn wir nicht gerade dabei waren, meinem Haushalt nach dem langen Winter wieder Ordnung einzuhauchen, haben wir unsere Zeit mit Musikhören verbracht sowie damit, uns gegenseitig zu therapieren.

Samstag haben wir unseren Alternativurlaub begonnen und sind wie geplant zu Kepa gefahren, welcher uns nach unserer Ankunft natürlich postwendend nach München zum Baskenstammtisch im Biergarten verschleppte. Long story short, so ging es im Grunde auch weiter; wirklich nüchtern fühle ich mich eigentlich erst seit Mittwoch wieder, obschon wir Dienstag Nachmittag bereits wieder hier ankamen.

Naja. Ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, wie ich die Zeit ohne Alkohol hätte überleben können. Beccis Dasein hat natürlich enorm geholfen, aber trotzdem – ich sag‘ es einfach mal ganz plump – macht mich Kepa einfach unwahrscheinlich fertig. Selbstverständlich nicht aktiv, sondern indirekt, indem er – ich krieg’s nicht hin, ich finde die Wörter nicht – alles kann, was ich nicht kann – unberührbar, so weit weg, so überaus viel besser darin, zu leben, als ich es je war oder werde – mein Kopf platzt. Und ich bin absolut selbst dafür verantwortlich zu machen, er gibt mir keinen Anlass; niemand zwingt mich, ihn auf diesen absurd überdimensionierten Sockel zu stellen und mich dann so klein zu fühlen, so weit unten. Es ist völlig destruktiv, jemanden derart zu idealisieren, und das ist mir auch klar und ich würde gern damit aufhören. In diesem Zustand ist es einfach nur anstrengend, mit ihm in irgendeiner Weise zu interagieren. Man hat permanent das Gefühl, besser sein zu müssen, als man ist, und jemanden beeindrucken zu müssen, den man gerade dafür bewundert, dass es ihm egaler nicht sein könnte, was die Welt von ihm denkt.

Wenn es dann wenigstens klappen würde. Aber ich bin so absolut gar nicht mit mir zufrieden in dieser Situation. Nachdem ich so lange dafür gearbeitet habe, mit R ich selbst sein zu können, ist mir dieses Bedürfnis, mich irgendwie optimiert darzustellen, Erwartungen zu entsprechen oder sie zu übertreffen, umso mehr zuwider. Das muss noch der Zeit damals entstammen, in der es mir unmöglich schien, dass ‚ich selbst‘ tatsächlich ausreichen könnte. Was heißt ‚damals‘ – ich arbeite wöchentlich mit der Therapeutin daran, dass sich dieses Wissen bei mir manifestiert.

Vielleicht ist das der Kern des Problems. Damals, als ich mit Becci in Granada war, haben wir darüber gesprochen, dass ich Kepa für mein ‚erfolgreiches‘ Spiegelbild halte, die lebensversierte Ausprägung meiner selbst mit identischen Grundzügen. Nachdem nun die Therapeutin meint, dass das Wertesystem meiner Eltern, durch mich selbst verinnerlicht und in Konkurrenz zu meinem eigenen stehend, mir verwehrt, auf meine eigene Art und Weise zu leben und dabei mit mir selbst zufrieden zu sein, scheint mir dieser Gedanke umso nachvollziehbarer. Ich habe immer gesagt, dass sich Kepa in beiden Welten bewegt wie ein Fisch im Wasser, in der meiner Eltern und in der, die uns selbst vorbehalten ist, während ich mich mit Mühe am Rande der Gesellschaft über Wasser halte und ‚die Welt da draußen‘ mir ein ewiges Mysterium bleibt. Natürlich idealisiere ich ihn: meine inneren Eltern lieben seinen gesellschaftlichen Erfolg und seine sozialen Fähigkeiten, während sie mich für das Ausbleiben derselben zu tadeln nicht müde werden; ich selbst in mir bewusst oder meine, mir bewusst zu sein, dass dieses so überaus solide Mauerwerk nicht den echten Menschen darstellt, denn alle Einblicke, die er mir gewährt hat, sprechen dagegen; das ist der Teil, der mit meinem eigenen Empfinden resoniert und welchem allein ich auf Augenhöhe begegnen kann, mein Spiegel, in dem ich ohne jegliche Verzerrung mich wiedererkenne.

Jedenfalls sollte ich bis Mitte Mai daran arbeiten, mal darauf klarzukommen, dass es auch nur ein Mensch ist, oder aber ich kann mich auf drei anstrengende Wochen gefasst machen.

Zu. Viele. Kerzen.

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Fazit meines bisherigen Nachmittags: Hirschhorn ist schön. Sehr verschlafen, sehr idyllisch; über die Naziquote mag man kaum auch nur spekulieren. Und: Kommunikation ist ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel zur zwischenmenschlichen Verständigung. Manche Menschen sehen das lustigerweise nicht so. Sollte ich also auf dem Rückweg nach Hause noch beim Schwarzfahren hochgenommen werden, so geschieht das umsonst – ich kam an und wurde mit einer solchen Übermenge Kerzen konfrontiert, dass selbst mir in dieser Hinsicht notorisch uneinsichtigem Schrägstrich überambitioniertem menschlichen Wesen auf der Stelle klar war, dass ich diese nicht mit dem Fahrrad und meinen bescheidenen zwei Stoffbeuteln plus Handtasche würde transportieren können. Ich fahre also nach Hause mit leeren Händen. Und bekomme meine Kerzen morgen nach Hause geliefert.

So kann’s kommen.

Gefühlskater

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Okay, mich hat’s dann doch noch gepackt und ich habe Basti die wohl beleidigtste SMS meines Lebens geschrieben, bevor ich schlafenging. Außerdem habe ich als vorbildlichstes aller Terrorweiber R mitten im Bus eine Szene ohnegleichen gemacht mit Bezug auf seine absurden Ausgaben für Rauchzeug. Daraufhin verbrachte ich den Rest des Abends praktisch mit Becci am Telefon, unterhielt sie eine Weile mit meinen Sorgen und tauschte mich mit ihr über die neuesten Dramen und Errungenschaften unser beider Leben aus. Becci hatte seit Montag mit niemandem mehr geredet und war dementsprechend mitteilsam aufgelegt. Sie bekämpft ihre Schlaflosigkeit mittlerweile mit Medikamenten gegen Schizophrenie, die in geringer Dosis entsprechende Nebenwirkungen haben – es funktioniert so halb. Sie muss erstaunliche Einblicke in meine alltägliche Existenz gewonnen haben damit, nachdem sie dann auf einmal fünfzehn Stunden am Stück geschlafen hatte und sich immer noch gerädert fühlte.

Zehn Minuten, dann fahre ich los und lasse mir in einem hessischen Kaff Kerzen schenken. Ich nehme mein Fahrrad mit und hoffe nur, dass der Akku die Strecke von drei Kilometern von und zu der dortigen S-Bahn-Haltestelle noch durchhält. Aber yay, Kerzen! Als nächstes poste ich in der Free-your-Stuff-Gruppe ein Gesuch für Tee. Ich habe zwar noch Unmengen davon, aber man kann nun wirklich nie genug Tee haben.

Epikur, wer war das nur.

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Wochenendausflug hinter uns gebracht. Es ging zu meinen Großeltern nach Gelsenkirchen, die letzten Dienstag ihren 60. Hochzeitstag erleben durften, und zu dem Anlass sind wir mit der ganzen Familie angereist – meine Eltern, R und ich. Ich war zum ersten Mal seit dem ADTR-Konzert 2011 dort. Man sollte Oma und Opa eigentlich öfter besuchen, sie sind die Allerbesten und haben es wirklich verdient.

Jedenfalls hat es alles wunderbar geklappt; meine Eltern sind den Abend vorher schon aus der Schweiz zu uns gefahren, um nicht die ganze Strecke an einem Tag durchmachen zu müssen, und es lief gut. Gestern Abend fing es dann an zu kippen; man merkt es immer sehr schnell, wenn meine Mutter in ihre psychotischen Zustände gerät, in denen ihr nichts mehr recht zu machen ist und sie wieder erwartet, dass sich die komplette Welt nach ihr ausrichtet. Dementsprechend wurde es auch heute nochmal richtig eklig, als sie uns wieder hier abgeladen hatten und wir Zeit hatten, uns alle noch ein bisschen zu unterhalten. Sie ist vollkommen durchgedreht und irgendwann ohne sich zu verabschieden zum Auto gestapft.

R dagegen war das ganze Wochenende über einfach wundervoll. Natürlich war er noch er selbst, hat ohne jede Rücksichtnahme nachts in der Wohnung Lärm gemacht und im Gespräch mit den Anderen seine typischen Monologe vom Stapel gelassen, aber gleichzeitig unentwegt dafür gesorgt, dass ich mich wohl und geliebt fühlte, mich die ganzen langen Autofahrten über meinen Kopf auf ihm ablegen lassen, sodass ich schlafen konnte, mich (wie es seine Art ist) trotz meiner üblen Erkältung immer wieder umarmt und festgehalten und mir „Wawu“ gesagt, sich ins Familientreiben eingebracht und ungezwungen mit allen geredet und mir gesagt, dass ich eine wundervolle Familie habe. Besonders mag er meine Oma, da geht es ihm wie mir. Am Abend standen wir vor der Wohnung mit einem flauschigen Karteuserkater, der uns umstreifte und mit hereinwollte. R sagte, meine Mutter könne sich auf die Fahne schreiben, eine Tochter zu haben, die mindestens ein menschliches Leben gerettet habe. Er sagt sowas manchmal, und dass ich ihn umgekrempelt hätte. Ich habe angefangen, das als etwas Positives zu begreifen. Heute Früh hat er mir in einer unfassbar lieben Geste meine Mütze auf den Kopf gesetzt, eine Form von Aufmerksamkeit, die ich überhaupt nicht von ihm gewohnt bin und mich richtig gerührt hat. Ich liebe ihn so sehr, auch wenn er meistens ziemlich komisch ist, denn das bin ich ganz zweifellos auch, und er hat es so sehr verdient, dass alles für ihn besser wird und sein Leben einfach mal nicht mehr nur aus Stress besteht. Irgendwann wird es soweit sein und ich werde niemals aufhören, daran zu glauben.

Ich habe dann jetzt, nachdem meine Eltern wegfuhren, erstmal ein bisschen Gitarre gespielt (das Intro von Kathy’s Song scheint wirklich zu sitzen und ich konnte schon mit dem nächsten Stück anfangen; das Einzige, das nervt, ist die Unausdruckbarkeit der Tabs, die ich gefunden habe); das half, um runterzukommen. R sitzt längst wieder an seinem Informatikzeug. Ich könnte die Weihnachtsgeschenke verpacken. Ja, vielleicht tue ich das jetzt. Aber vorher muss ich noch Epikur recherchieren, weil Sophi am Dienstag Deutsch über Dantons Tod schreibt und wir das Thema noch nicht so ganz durchblickt haben. Sie wird es eh wieder versemmeln, in Deutsch ist bei ihr Hopfen und Malz verloren (oder eher noch gar nicht gewonnen, sie hat einfach nie richtig Deutsch gelernt), aber es interessiert mich halt auch und ich glaube irgendwie nicht, dass die Epikureer bloß die unheilbaren Zweckoptimisten sind, für die Sophi sie nach dem einen Arbeitsblatt nun hält.

Dann werde ich das jetzt also herausfinden.

Im Sack, am Sack, um den Sack herum

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Was für ein Tag.

Kepa bietet mir an, mietfrei auf seinem Baserri zu wohnen, und verkünstelt sich anschließend dichtenderweise an der nunmehr callcenterjobgeprägten Realität des „talentierten Mr. R“. Das Gedicht mutete leicht zynisch an und hätte R vermutlich ein weniger gutes Gefühl vermittelt als mir seinerzeit das Kompostgedicht. Das zusammen mit ein-zwei-drei weiteren Bemerkungen legt die Vermutung nahe, dass seine Sympathien R gegenüber nur beschränkt vorhanden sind. Im Gegensatz zu mir würde er, ever the good sport, allerdings nicht auf die Idee kommen, das offen zu verkünden. Oben erwähnter Stichelei zum Trotz war ich von der darin enthaltenen Filmreferenz ziemlich begeistert. Tatsächlich fiel mir daraufhin auf einmal mit voller Wucht wieder ein, dass der Talented Mr. Ripley ein verdammt guter Film war, den man mal wieder gucken sollte.

Davon ab erwies sich Kepa als wunderbarer Handyvertragsvertreter im fehlgeleiteten Körper eines Juristen (gibt es da Umwandlungs-OPs, die man vollziehen könnte? Vermutlich; es dürfte sich „Umschulung“ nennen) und erleichterte so meinen Eltern die Suche nach meinem Weihnachtsgeschenk. Ich habe nämlich meine Mutter darauf angesetzt, für zuch zu Weihnachten die Recherche für diesen Smartphone-Kram zu erledigen, denn während meine Mutter sehr gut recherchieren kann, bin ich dafür einfach nur ungeeignet, gerade wenn es um etwas geht, das ich nichtmal wirklich haben will. Verdammtes 21. Jahrhundert, dessen alleiniges Anliegen es ist, mich einzuholen und zu foltern.

Dann war ich in Mannheim, habe zwar keine von R’s Kollegen, dafür aber eine seiner Mannheimer Genossinnen kennengelernt und eine schöne Zeit in einer sehr anheimelnden Bar verbracht, in der man für recht wenig Geld eine unfassbare Menge Pommes und einen veganen Burger bekam. Es war so halb geplant gewesen, dass ich mit übernachten würde (R bleibt gleich da, weil er morgen dort einen Vortrag hält), aber ich bin dann doch lieber nach Hause abgedampft. Dann wollte ich zwar eigentlich schlafen, andererseits aber auch zocken, also tat ich Letzteres und verschob Ersteres und blieb dann wie in alten Zeiten ewig vor dem Computer hängen, bis… jetzt.

Naja, und vielleicht erwähnenswert wäre noch das Gespräch mit Oma; als ich ihr nämlich erzählte, dass ich noch einen Schrank zu verrücken habe, erwiderte sie, dass ihre (offenbar mit mir verwandte) Mutter gefühlt alle drei Minuten ihre Möbel verrücken musste („Wenn ich aus der Schule kam, wusste ich nie, wo die Schränke stehen“) – und sich dabei mit einer Speckschwarte behalf, die sie unter die schweren Kaliber legte, sodass diese sich mühelos durch die Wohnung bewegen ließen. Meine Reaktion auf diesen für Oma höchst untypischen Ratschlag belief sich zwar im Grunde auf „Wie soll ich denn um Himmels Willen an ne Speckschwarte kommen?“, aber ich fürchte, sowohl R als auch ich selbst sind, von unserem Containertarier- bzw Veganertum mal ganz abgesehen, dafür dann doch nicht hart genug.

Und jetzt wird geschlafen. Nicht zu lange, um den Schrank (auf welchem fleischlosen Untergrund auch immer) nachher vielleicht schon verrückt zu haben, wenn R heimkommt, und ihm zumindest den Teil der Mühen zu ersparen.