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Im Aufbruch

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Morgen kommt übrigens jemand vorbei, um sich mein Zimmer anzuschauen – eine potenzielle Zwischenmieterin.

Die brütende Hitze der letzten Tage hat sich im Laufe des Abends zu einer riesigen Gewitterfront zusammengestaut; ich habe vorhin erstmal im beginnenden Regen alle Pflanzen auf der Terrasse unterm Balkon bzw im Zimmer untergestellt und hoffe nur, dass es diese Nacht nicht so sintflutartig runterkommt wie vor ein paar Tagen.

Außerdem habe ich mich eben bei Foodsharing als Freiwillige (bzw Foodsaver) angemeldet; in Übereinstimmung mit den Zielen der kleinen Gruppe, mit der ich mich am Sonntag zusammengefunden hatte, werde ich hoffentlich bald meinen Ausweis bekommen und endlich, endlich richtig helfen können. Ich kann es gar nicht glauben. Ich habe meinen Zweck sozialen Engagements gefunden, ich, die ich mich mein ganzes Leben niemals auch nur ansatzweise dazu berufen gefühlt habe, mich für irgendetwas, das mit Menschen zu tun hat, wirklich motiviert einzusetzen. Wahrscheinlich ist das Lebensmittelretten, in das ich mich so richtig mit Leib und Seele hineinstürze momentan, schon alleine dadurch so perfekt für mein Naturell, dass es (mir zumindest) in erster Linie um die Nahrungsmittel an sich geht, die es zu retten gilt, und das Verteilen an Menschen, die sie brauchen können, an zweiter Stelle steht. Ich suche eher Konsumenten für mein gerettetes Essen, nicht Essen zum Retten für meine Konsumenten. (Warum nur erinnert mich das jetzt an den Werbeslogan einer Bank.)

Mal schauen jedenfalls, auf was ich mich da konkret einlasse. Ich freue mich jedenfalls unendlich darauf und kann schon wieder dem Ins-Ausland-Gehen ein bisschen weniger enthusiastisch entgegensehen – und dabei wäre ich ja sowieso schon am liebsten hiergeblieben. Das muss man sich mal vorstellen; ich habe so ein wundervolles Leben, dass ich es nicht einmal für die verschwindend kurze Dauer von fünf Monaten gerne zurücklasse.

Das allein sollte mich darin bestätigen, doch gerne zu gehen. Im schlimmsten Fall bekomme ich noch ein Zuhause mehr dazu und fühle mich am Ende wieder hin- und hergerissen – und ansonsten komme ich einfach im Februar zurück und habe hoffentlich noch viele Bestandteile meines Lebens hier, die mich mit offenen Armen wieder aufnehmen. Und wenn nicht, dann nicht, dann finde ich schon etwas für mich.

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So ist das alles.

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Heute fühle ich mich merkwürdig. Nicht komplett movitiert, aber auch nicht so hängenlassenwollig wie an manchen der vergangenen Tage. Ich habe einiges geschafft: Unterrichtet, ordentlich was gegessen, Sarahs Paket aufgemacht, in dem wie erwartet die belgische Peanut Butter, ihre Student ID (zwecks Gutscheinheftchen) und die Ghee-Butter für Susmita waren und außerdem noch ein Döschen Yogi Tee-Teebeutelsprüche für meine Sammlung und ein lieber Brief und zwei Tafeln köstliche belgische Schokolade. (Die eine Tafel ist jetzt weg – sie hatte meine Lieblingssorte geschickt, Gebrannte Mandel mit Salz.)

Ich hatte letztens ja ihrem Freund auch endlich die kleinen handgeschriebenen Nachrichten von ihren verbliebenen Freundinnen hier geschickt, damit er sie in das Album kleben konnte, das er dabei ist für sie anzufertigen. Der Arme, er tut mir schon leid; als er die Sachen bekommen hat, hat er mir erstmal wieder eine lange Nachricht geschrieben, wie schwer es für ihn momentan mit Sarah ist, weil sie ihr Leben hier so vermisst und ihm jetzt teilweise wohl noch Vorwürfe macht, er hätte sie zu wenig in Ruhe gelassen, als sie hierwar, und wäre kein guter Freund.. und so weiter, alles Sachen, die man halt so denkt, wenn man irgendwo wegmuss und sich danach einen Sündenbock sucht. Ich habe wieder versucht, ihm Mut zu machen, dass er nicht verzweifeln soll und alles so machen wie jetzt – er ist wirklich verdammt lieb und verständnisvoll und versucht jetzt schon sein absolut Bestes, um es ihr da drüben so schön und so einfach wie möglich zu machen.

Schau, das habe ich ihm geschrieben – einen halben Aufsatz. (Vielleicht steckt ja hier jemand in einer ähnlichen Lage und freut sich über den Zuspruch, man weiß es nicht.)

I’m sorry to hear Sarah’s blaming you. She never said anything this „bad“ about you while we were living together, and I’m sure she doesn’t mean it as she says now. It’s easier sometimes just finding a scapegoat.. but I’m sorry it has to be you. You are not a bad boyfriend, and most certainly don’t deserve these accusations. It was in her hand, too, and she could have told you what she wanted or expected from you earlier on, rather than saying these things now. Do go on supporting her as you do. You’re doing the best you can.

Also, it will get better. Maybe she’ll take longer than others, partly because it’s a wonderful and rare privilege to find a real home in another country, which I hope happened to her, but she’ll eventually realize this doesn’t mean the place she came back to is no longer where she belongs. -I don’t know if I’m explaining it well, but I felt similar when I first came back to Germany. Going someplace else is not changing one home for the other, but a chance to acquire ANOTHER place to call home.
I hope she comes to realize this sooner than later. I don’t want her to miss us too much, we’re so not worth the trouble  And oh, just remind her of Sama and the dishes – I promise you she’ll quit being nostalgic in an instant!

Außerdem schreibt er noch, er würde Susmita und mich manchmal um die Bindung beneiden, die wir mit Sarah aufgebaut haben in der Zeit, in der sie hier war. Ich war so verblüfft, ich wusste nichtmal, was ich dazu sagen sollte. Ich wäre schon froh und dankbar, wenn sie uns nicht ganz vergisst. Aber dass ihr eigener Freund uns um die Intensität unserer Beziehung beneidet, mit so etwas hätte ich niemals gerechnet.
Eigentlich wollte ich heute ja noch mit Caro reden, aber die taucht irgendwie nicht auf, obwohl sie meinte, ab sieben Uhr hätte sie Zeit. Und um neun rede ich mit Laura und Robert; wir hatten da noch von Mittwoch etwas zu klären, sodass ich das Reden heute auf keinen Fall ausfallen lassen möchte.

Oh, und etwas ganz Weirdes ist mir heute passiert: Ich war in der Waschküche, und noch beim Reingehen hörte ich drinnen jemanden rumoren. An sich schon eine Seltenheit; normalerweise begegnet man wenigen Mitbewohnern im Keller. Aber weil meine Laune ziemlich gut war, beschloss ich, dass ich die Konfrontation mit einem anderen, fremden Menschen überstehen würde, und ging trotzdem herein. Der Mensch antwortete auf meinen Gruß mit „Servus!“ und fragte mich dann völlig random, ob ich es gewesen wäre, die gestern Musik gemacht hätte. Ich habe dumm geguckt und meinte, ja, kann gut sein – wir proben momentan hier mit der Band.. Und er sagt, „was, eine Band? Und ich bin nicht dabei?“ Und ich guck ihn an und sag, was machst du denn? Und er, „Ach, ich kann alles!“ Und ich, „singst du auch? Wir brauchen nen Sänger.“ Und er, „ja klar!“ Und dann haben wir abgemacht, dass er übernächste Woche mal vorbeischaut, wenn wir wieder proben.

So geht das! Ich habe uns einen potenziellen Sänger an Land gezogen! Okay, ich kenne ihn selber nicht und vielleicht sollte mir das zu denken geben – er schien mich ziemlich eindeutig der richtigen WG zuordnen zu können und  mich nicht zum ersten Mal gesehen zu haben. Wie um alles in der Welt.. Warum nur habe ich keine Gesichtserkennungsfunktion? Jede halbwegs neue Kamera erkennt Gesichter besser wieder als ich. Wahrscheinlich könnte ich sogar von Facebooks neuer Gesichtserkennungsfunktion noch etwas lernen. Oh warum bin ich nicht Laura, dann wüsste ich wahrscheinlich alles über den Kerl, was man nur irgendwie wissen kann.

Hach ja, und dann war ich heute Abend so kommunikativ gelaunt, dass ich sogar Berit geschrieben habe, von der ich seit einem Dreivierteljahr nichts mehr gehört hatte. Dazu sollte man vielleicht sagen, dass sie sich mit mir treffen wollte, als sie kurz auf Urlaub bei uns in der Stadt war, ich aber gerade an dem Tag wieder nicht sozial gelaunt war und das Treffen deshalb abgesagt habe. Allerdings habe ich ihr gesagt, ich hätte Fieber. Dabei waren es eigentlich nur Regelschmerzen. Aber sie war immer so eine gute Seele, und ich habe so einen Respekt vor ihr, und ich wusste, dass sie es gut aufnehmen würde, nach so ewiger Zeit mal wieder von mir was zu hören. Sie hat mir sogar auf meine Nachricht schon geantwortet, aber jetzt möchte ich sie erstmal nicht aufmachen. Irgendwo hat jede Kommunikativität ja doch ihre Grenzen. Dafür kann ich gleich mit meinen lieben Survivors reden, wenn schon Caro nicht daist. -Das ist ja eh ein ganz anderes Thema, über das ich mir sehr viele Gedanken mache und wenig berichte in letzter Zeit. Vielleicht sollte ich das demnächst auch mal wieder tun. Aber keine Sorge, für heute bin ich fertig.

Aaargh.

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No soy la clase de idiota que se deja convencer
Pero digo la verdad
Y hasta un ciego lo puede ver.

Vorhin bin ich heimgekommen aus der Stadt, ich war wie erwähnt mit meinen Bandkollegen noch etwas trinken (und essen, oh, ich kann mich immer noch kaum bewegen) und es war eine sehr gute Unternehmung. Wir waren alle froh, uns nach der doch schon ziemlich langen Zeit, die wir bereits zusammen proben, tatsächlich mal ein bisschen kennenzulernen. Das wird wiederholt!
Und ich habe das erste Mal in meinem Leben Guinness getrunken. (Ich war auch vorher noch nie in einem Irish Pub, daran könnte es gelegen haben.) Schmeckt mehr wie Kaffee als Bier, wenn du mich fragst. Aber guuut!

Eine Schande ist es, dass mein Leben hier gerade so schön ist. Wie soll ich mich denn da uneingeschränkt aufs nächste WiSe freuen, das ich ja im Ausland zu verbringen gedenke. Meine Band muss ich alleinelassen, meine Schüler muss ich alleinelassen, und mehr noch als dass ihnen das schaden könnte, fürchte ich mich davor, dass sie alle trotzdem zurechtkommen und mich, auch wenn ich wiederkomme, nicht mehr brauchen. Eventuell bekomme ich noch eine dritte Schülerin vermittelt, von meiner zweiten, herrlichen nämlich, eine Freundin. Und was soll ich ihr denn sagen, ja natürlich, los, ans Werk, ich bin zwar in einem halben Jahr erstmal weg, aber was soll’s?
Aaaargh.

Give it a Spot.

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Langsam gewöhne ich mich an die Roomielosigkeit. Gestern konnte ich mich schon zu einer Tasse Tee zum Frühstück motivieren, habe ordentlich zu Abend gegessen und dazwischen alles Mögliche geschafft.

Zum Beispiel war ich gestern bei meiner neuen Klavierschülerin, welche sich (Eindruck vom Telefon bestätigt!) als unglaublich sympathisch herausgestellt und mir praktischerweise angeboten hat, mich ab nächstem Mal hin und zurück im Auto mitzunehmen. So wird mir sogar die Busfahrerei erspart! Und was außerdem nicht übel ist, wir machen demnächst anderthalb Stunden statt nur einer Dreiviertelstunde, was mir sehr, sehr recht ist – da ich ja eh zum Überziehen neige – und wodurch sich natürlich auch mein Einkommen verdoppelt. Hach, was bin ich froh, und stolz auf mich noch dazu. Immerhin habe ich mir diese Arbeit selbst an Land gezogen, alles selbst geregelt und scheine sie nichtmal so schlecht zu machen. Wahnsinn, wie gut das geht.

Außerdem habe ich gestern ein paar Säcke Müll rausgebracht (sehr erwähnenswert, ich weiß, aber ich freue mich, dass ich es endlich geschafft habe) und ein bisschen in der Küche aufgeräumt und abgewaschen, alles Sachen, die ich mich am Tag davor nicht überwinden konnte zu erledigen. Dann noch ein paar Stündchen mit Laura geredet – meiner zukünftigen Lebensversicherung; sollte mir mal jemand etwas antun wollen, sage ich einfach, ich hab Kontakte in Russland, das dürfte zur Abschreckung reichen.

Und so schnell ist die Nacht schon wieder vorbei; ich bin gegen zwölf davon aufgewacht, dass ich geträumt habe, mein Handy würde klingeln. Hat es natürlich nicht (außerdem hab ich’s auf General eingestellt, nicht auf Meeting, und im Traum hat es nur vibriert), aber umso besser, dass ich schon wach bin; mein Zimmer sieht noch aus wie ein Schlachtfeld, weil ich gestern panisch nach geeigneten Noten für meine Schülerin gesucht und dabei meinen Boden mit Papier gepflastert habe.

The Way You Plan it

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Gut zu wissen, dass man acht Stunden übrighaben muss, um Trüffeln zu machen.

Lena und Jana kommen morgen nochmal vorbei, um den Rest des Phuchkas zu machen (wir haben so viel Teig und Curd gemacht, dass es für einen Durchgang tatsächlich zu viel war), und die restlichen Arbeitsschritte für die Trüffeln werden auch morgen erledigt. Ebenso wie der Besuch im Büro der Wohnheimsverwaltung, um Susmitas Vertragsgeschichten zu klären. Außerdem habe ich Susmita überzeugt, ihre Freunde für morgen Abend zu uns einzuladen, weil sie alle noch Zeit miteinander verbringen wollten und wir aber selbst so viel noch vorhaben.

Außerdem darf mir gratuliert werden; ich habe Mittwoch eine Verabredung mit meiner potenziellen zweiten Klavierschülerin! Sie hatte sich Silvester schon gemeldet, aber wegen unserer nicht überlappenden Zeitfenster konnte ich erst jetzt, zur vorlesungsfreien Zeit, einen passenden Termin mit ihr einrichten. Ich freue mich so unendlich. Sie klang auch so nett am Telefon, beide Male, die ich mit ihr gesprochen habe. Oh, was freue ich mich! Und sie hat ein Klavier, ein richtiges. Es ist eine Oktave zu tief gestimmt, aber was soll’s. Ein echtes Klavier. Hallelujah.

Ich denke gerade darüber nach, was ich mit meinen Schülern anstelle, wenn ich im Ausland bin. Ob sie ein halbes Jahr lang Geduld haben, bis ich wiederkomme, oder sich einfach jemand anderen suchen – oder noch schlimmer, aufgeben? Pause machen? Ich würde am liebsten eine wöchentliche Skype-Stunde mit ihnen abhalten, einfach um sicherzugehen, dass sie nicht die Lust oder den Faden verlieren. Ich hoffe, sie sind damit einverstanden.

Ich könnte auch erstmal runterkommen und daran denken, dass ich momentan noch nichtmal mehr als einen Schüler habe und überhaupt nicht sichergehen kann, dass in einem halben Jahr noch irgendjemand bei mir Unterricht nimmt. Nicht immer so vertrauensvoll in die Zukunft blicken, das sollte ich mir gar nicht erst wieder angewöhnen.

Vertrauensvoll blicke ich dagegen auf meinen morgigen Tag, weil es ganz so aussieht, als würde es ein schöner und erfüllter werden, und alles Andere wird sich zeigen.

Verlassenwerden

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Ich will nicht, dass Sarah weggeht, ich will nicht!
Gerade waren ihre Eltern da, Vorboten der Apokalypse, oder anders gesagt, ihres Auszuges – morgen ist ihr letzter ganzer Tag. Ich beobachte seit Tagen bei ihr das gleiche Verhalten wie bei mir selbst in meinen letzten Tagen in Costa Rica, wenn einem erstmal vollständig bewusst wird, dass die Zeit praktisch abgelaufen ist. Das Packen, natürlich, die ganzen Vorbereitungen, Erledigungen. Da läufst du durch die ganze Wohnung und machst Videos davon. Da deckst du dich im Supermarkt mit allem ein, was du „drüben“ nicht kriegst. Da versuchst du schnell, alles zu machen, wofür eigentlich die ganze Zeit schon Zeit gewesen wäre, aber wie es nunmal so ist, denkst du dir ja doch immer wieder, du hast ja noch so ewig lange..

Und wie sie Susmita und mich einfach alleinelässt. Alles wird so anders werden hier in der WG. Ich hoffe so sehr, dass es trotzdem noch ein Zuhause bleibt. Ich will nicht wieder dahin zurück, wie es vorher war. Ich will doch mein Zuhause behalten. Ich bin so unglücklich. Wäre sie nun einfach eine Freundin, nicht eine Mitbewohnerin, hätte ich ja keinerlei Problem damit (als wohl fernbeziehungstauglichster Mensch in der Geschichte der Freundschaft), aber so – wenn die ganze Struktur meines Zuhauses davon abhängt, jetzt, wo ich gerade mal wirklich ein Zuhause hatte?

Tragisch.