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Ein Tag zum Ausnüchtern

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Uff, das war gestern heftig. Ich habe mit Mike am Fluss gesessen und ein Bier nach dem anderen verschlungen – wie man es mit Mike halt so macht. Dann kam ich heim (frag mich nicht, wie ich Fahrrad gefahren bin – es erstaunt mich immer wieder, wenn ich in solch einem Zustand heile und bester Laune nach Hause komme) und erhielt von R Abendessen und noch ein Bier. Oh je.

Für heute hatte ich gar nichts geplant (welch Überraschung). Höchstens das Übliche – Arbeiten, Scorpion, Arbeiten… das kennt man ja inzwischen. Stattdessen kam mich Daniel besuchen, der bis nächste Woche in der Stadt ist. Das verhalf mir nicht nur zu unerwarteter Gesellschaft, sondern auch zu genug Motivation, um die Wohnung zu saugen (dringend nötig, erst recht nachdem Daniel mit seinen Socken den gesammelten Dreck des Balkons in mein Wohnzimmer geschleppt hatte) und ein wenig aufzuräumen. So produktiv war ich lange nicht mehr in meinem Haushalt (traurig, aber wahr).

Ich habe mich (wie bereits das letzte Mal, als er mit Yannick vorbeikam) wirklich gefreut, von Daniel besucht zu werden. Zumal er sich mit R gar nicht mehr sonderlich gut versteht und ich ja eigentlich eben bloß die Freundin von seinem Kumpel war.

Aber es freut mich nicht nur, dass er an mich gedacht hat, sondern besonders, wie positiv er sich entwickelt hat. Ähnlich, nur noch wesentlich krasser, ist es mir mir Oscar ergangen, R’s bestem Konstanzer Kumpel, den ich früher mit Leib und Seele verabscheut habe. Nachdem ich ihn drei Jahre nicht gesehen hatte, ist mir neulich bei unserer Stippvisite im alten Zuhause die mentale Kinnlade zu Boden gesackt, als ich feststellen durfte, was für ein (vollkommen anderer – freundlicher, rücksichts- und verantwortungsvoller, beinahe bedächtiger, absolut nicht verabscheuungswürdiger) Mensch aus ihm geworden ist. Was so ein paar Jährchen ausmachen können. Auch bei Daniel. Den mochte ich zwar immer schon, aber er hat auch mittlerweile enorm an Reife zugelegt. Aber es macht Sinn, wenn man bedenkt, welch junge Spunde sie beide waren, als ich sie kennengelernt habe.

Nun bleibt mir noch ein Weilchen, bis R nach Hause kommt, falls er tatsächlich noch mit Daniel was trinken gehen sollte, der mich goldigerweise um Erlaubnis gebeten hat, ihn heute Abend zu entführen. Die Erlaubnis wurde erteilt; ich gehe eh nicht davon aus, dass R werktags groß Lust auf Eskapaden hat. Also noch ein paar Folgen Scorpion für diesen unheilbaren Seriensuchti.

Und, nicht zu vergessen, die Pflanzen des Tages. Die Fotos habe ich glücklicherweise schon gestern gemacht; heute kam (lang ersehnt) mal wieder etwas Regen runter.

21 – 25

Taubenkropf-Leimkraut (Silene vulgaris – Carophyllaceae)
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Wilde Malve (Malva sylvestris – Malvaceae)
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Zitronenmelisse (Melissa officinalis – Lamiaceae)
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Kleiner Wiesenknopf (Sanguisorba minor – Rosaceae)
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Bataviasalat (Lactuca sativa var. ‚capitata nidus tenerimma‘ – Asteraceae)
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Morning Musings

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Es ist lustig, um sieben Uhr wachzuwerden. Ich habe heute selbst nicht damit gerechnet, dass ich wirklich aufstehe – die Alternative, sich mit der Nichtverfügbarkeit von Aufträgen herauszureden und einfach weiterzuschlafen, wie vorgestern praktiziert, schien nicht gerade wenig verlockend. Aber irgendetwas ist in mich gefahren und ich habe es geschafft, mich den arimanischen Fängen zu entziehen.

(Kleiner Exkurs: Meine Mutter, jahrzehntelange Schülerin der Antroposophie, hat zumindest weit genug auf mich abgefärbt, dass ich die mir damals wie heute noch zu großen Teilen abstrus – und zu nicht geringen lächerlich – anmutenden Lehren augenscheinlich zur bildlichen Darstellung innerer Konflikte missbrauche; dem Dämon Ariman, seines Zeichens Verkörperung aller Disziplinlosigkeit, Sucht, des Mangels an Selbstbeherrschung, bin ich von jeher verfallen, so sehr sogar, dass der von der anderen Seite Besitz anstrebende Luzifer wenig Macht über mich hat und sein lockender Ruf, Anderen zu schaden und böswillig zu handeln, zumeist nicht besser bei mir ankommt, als es australisches Radio täte. Falls es jemanden interessiert – es hat, anthroposophisch gesehen, überhaupt keinen Wert, wenn im Tauziehen um den menschlichen Charakter einer der beiden Dämonen verliert und der andere leichtes Spiel hat; das Gleichgewicht, die Mitte muss man erzielen, damit sie beide gleich stark ziehen und keiner dich bekommt.)

Jedenfalls: Es ist lustig. Ich bekomme Facetten des Tages mit, die mir normalerweise verborgen bleiben – R’s Aufstehen und die kleinen Prozesse, die ablaufen, bevor er zur Arbeit fährt; das Erscheinen der Sonne hinterm Haus. Während ich vor mich hinarbeite oder auf Aufträge warte, habe ich Gelegenheit, mir über den vor mir liegenden Tag Gedanken zu machen, was zu tun ist, was ansteht; und most importantly verleiht mir dieser Zustand halb unfreiwilliger Wachheit Zugriff auf Fähigkeiten, die ich ansonsten kaum mehr zu haben glaube. Die Bereitschaft, Dinge in Angriff zu nehmen, ist eine. Spontane Anflüge von Begeisterung und sogar der Wunsch nach Interaktion mit allen möglichen Menschen eine andere. Und irgendwie sogar eine Art Vertrauen in mich selbst – wenn ich es schaffe, um sieben Uhr aufzustehen und mich an die Arbeit zu setzen, besteht vielleicht ja sogar noch Hoffnung für mich als Mensch; eventuell bin ich in der Lage, in dieser Gesellschaft zu funktionieren. Man weiß es nicht, aber es könnte sein.

Das also schwirrt mir im Kopf herum, nachdem ich ein paar Tage etwas vollbracht habe, das die Mehrheit der Menschen jeden Tag gewohnheitsmäßig und ohne viel Murren zu tun im Stande ist. Oh well. Wäre ich die Mehrheit der Menschen, hätte die Menschheit auf der einen und ich auf der anderen Seite einen Haufen Probleme weniger.

Bienensterben

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Ich bin eine Biene.

Es scheint in der Arbeitswelt des Kapitalismus verschiedene Sorten Coping strategies zu geben, welchen sich einzelne Menschen zuordnen lassen. Ich kann unter der einkommensschwachen Bevölkerung bisher Milchkühe und Bienen unterscheiden. Ich bin eine Biene, weil ich wohl zu der etwas schwieriger auszubeutenden Sorte Mensch gehöre. Die Milchkühe kannst du um ein Vielfaches schlimmer misshandeln und quälen, sie liefern trotzdem. Mit Bienen musst du anders umgehen, weil sie so eng an ihre Bedürfnisse gefesselt sind, dass sie einfach sterben, wenn du ihnen zu viele Freiheiten nimmst. (Ein Grund, aus dem ich den Honigkonsum immer noch weniger verwerflich finde als den Milchkonsum.)

Ich schaffe es nicht, mir Arbeit aufzwingen zu lassen, die mir Dinge abverlangt, die für mich keinen höheren Sinn haben. Ich fühle mich immer noch wahnsinnig schlecht deswegen, sogar noch mehr, seitdem ich begonnen habe zu durchschauen, dass dieses ganze System nichts weiter ist als eine Riesenmatrix, und schaue mit einer Mischung aus Bewunderung, Verachtung und Unverständnis in diese gigantische Milchfabrik hinein, die die Welt zu sein scheint. Warum kann das jeder?

Ich sehe jeden einzelnen Menschen auf der Straße und denke mir, sie schaffen es alle, sich irgendwo hineinzuzwängen. Die Straße müsste blutrot glänzen unter all den abgehackten Zehen und Fersen, die Schuhe müssten triefen und langsam zerfallen. Jeder außer mir scheint in der Lage sein, sich versklaven zu lassen. Einige sogar freiwillig. Manche sogar gerne. Und ich, von all den dummen Menschen auf der Welt, ich bin der dümmste, weil ich es nicht schaffe.

Mein Schüler-Imperium ist von einer auf zwei angewachsen und ich kann mir endlich wieder gewahr werden, dass es wirklich existiert, mein ideales Arbeitsfeld. Eines, das nichts mit Essenretten und Marmeladekochen und Waschmittelmachen und Basilikumpikieren und Maronensammeln und Staubsaugen zu tun hat. Wo mir meine Leistungen mit Geld bezahlt werden, das ich auf die Deckung meiner Grundbedürfnisse verwenden kann. Ein Dach über dem Kopf und Elektrizität zum Beispiel. Und vielleicht bald ein neues Paar Kopfhörer, womit ich schon seit Ewigkeiten liebäugele. Das reicht mir ja schon völlig. Da kann ich einer meiner Berufungen nachgehen und bekomme noch etwas zurück. Solange ich noch eingeschrieben bin, wird das auch zum Leben reichen.

Metamorphosis

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So habe ich mich also gerade beim Altern erwischt.

Meine Haare sind mittlerweile wieder so lang, dass ich sie beinahe problemlos mit einem Haargummi oder einer Klammer zusammenhalten kann. Das bedeutet einerseits, dass der Weg zum sehnsüchtig erwarteten erneuten Verdreadetwerden stetig weiter beschritten wird, und andererseits, dass ich gerade mit Frisuren herumlaufe, wie ich sie zuletzt vor mehr als fünf Jahren getragen habe. Und das beschert mir unerwartete Erkenntnisse, heute gerade nämlich diejenige, dass ich älter aussehe als vor fünf Jahren.

Wer hätt’s gedacht, könnte man meinen, aber zum Einen ist der eigene Alterungsprozess einem ja doch meistens durch die ständige Konfrontation mit dem eigenen Körper eher verborgen (wenn es einem nicht gerade wieder unangenehm auffällt, wie einem die Knie wehtun, nachdem man einige Zeit auf dem Boden gesessen hat, wie es bei mir dieses Jahr auch häufiger der Fall ist). Und zum Anderen stecke ich in einem Körper, der sich bislang nicht sonderlich darum scherte, mit fortschreitender Zeit diese durch Veränderungen wiederzugeben – ich sah schon immer jung aus.

So trug es sich also heute zum ersten Mal zu, dass ich in den Spiegel schaute und mir mit einem Mal gewahr wurde: Du bist ja wirklich erwachsen. Das Gesicht, das mich da anschaute, hatte nichts Unfertiges mehr an sich. Jede Unbeholfenheit, jeder Selbstzweifel war daraus verschwunden, und dabei kann ich ganz und gar nicht behaupten, diese Begleiter erfolgreich abgeschüttelt zu haben. Aber mein Spiegelbild strahlt einfach Ruhe aus, ermutigt mich und lässt mich wissen, dass es mir vertraut. Ein Funken Neugier versteckt sich in den Augen und so viel mehr gelassene Gutmütigkeit, als ich mir selbst je zutrauen würde zu empfinden, insbesondere meiner eigenen Person gegenüber.

Es ist ja allgemein bekannt, dass die Mittzwanziger die körperliche Blütezeit des Lebens darstellen. Ich bin ein bisschen erschrocken darüber, dass dieser Moment so unendlich kurz ist. Wenn sich die Wandlung von jugendlich zu erwachsen in einem solchen Tempo vollzieht, kann ich nur mein Bestes daran setzen, dass nicht weitere fünf Jahre meinem Gesicht die Verbitterung oder Resignation aufsetzen, mit der so viele Artgenossen gezeichnet sind, besonders, wenn sie älter werden.

Fürs Erste aber bin ich einfach mal zufrieden.

Kalter Truthahn

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Mir sind also tatsächlich die Medis ausgegangen: seit Donnerstag hänge ich auf dem Trockenen. Mit dem Abholschein für die Apotheke in der Tasche. Aber da ich es selbstverständlich hinbekommen habe, mir meinen Stoff bei der einzigen Apotheke stadtweit zu bestellen, die Samstag geschlossen war, wurde aus den eh schon suboptimalen zwei Tagen Pause dann einfach mal eine halbe Woche.

Ich bin erstaunt, auf der einen Seite, darüber, dass es mir mental nicht wirklich über die Maßen den Kopf zerschießt. Natürlich ist es spürbar, dass da etwas ganz und gar nicht so läuft, wie mein Hirn das gerne hätte, aber ich habe nicht den leisesten Anflug von Aggressionen zu spüren bekommen bisher, was ich vom letzten Entzug – dem glorios fehlgeschlagenen Absetzversuch 2014 – nun wirklich nicht behaupten kann. Und auch sonst lassen sich die psychischen Auswirkungen dieses ungeplanten Absetzens Nummer zwei so überhaupt gar nicht mit denen seines Vorgängers auf eine Stufe stellen. Außer dem einen Moment, wo R einen seiner beispiellosen ungerechtfertigten Ausraster geschoben hat und mir dieser weitaus mehr auf die Nieren ging, als es vermutlich sonst der Fall gewesen wäre, kam ich mir so gefestigt vor wie davor auch.

Weniger Gelassenheit beweist dagegen mein Körper. Wobei ich selbst in dem Bereich bis spät in diesen Nachmittag hinein noch der Meinung war, zur Not auch mal ein paar Wochen mit andauernden Brainzaps leben zu können, aber als es dann vorhin so absurd schlimm wurde, dass ich nicht mehr wusste, ob ich sterbenshungrig bin oder einfach kotzen muss, habe ich von der Idee, es vielleicht mit dem Absetzen nochmal durchzuziehen, dann doch wieder Abstand genommen. Genauer gesagt hatte ich keine Ahnung, wie ich morgen zur Apotheke kommen und mir das Zeug besorgen sollte. Stromschläge gepaart mit furchterregender Übelkeit und einer absoluten Bewegungsunfähigkeit plus das akute Bedürfnis, mich in Grund und Boden zu heulen, haben also bislang den widerlichsten Moment dieses Entzuges ausgemacht.

Zum Glück habe ich mich dann aber dazu durchringen können, R im Nebenzimmer anzurufen, wo er an seinem DJ-Set für die Hochzeit seines Kumpels Simon arbeitete, sodass er herauskam und mir was zu essen machte. Nach anfänglich verstärkter Übelkeit hat das auch tatsächlich geholfen. Ein Glück.

Ich habe nun ein paar Stunden gezockt, was ausgezeichnet funktioniert, weil man durch das Starren auf einen Punkt so wunderbar jede Augenbewegung vermeidet und somit auch die Brainzaps eine Pause einlegen. Jetzt gehe ich ins Bett und morgen, sobald ich aufwache, bereite ich dem Spuk ein Ende und begebe mich in die Stadt. Glaube ich mal. Außer natürlich, es wird morgen auf wundersame Weise ein ganzes Stück erträglicher.

Die Sprache der Wissenschaft: Prätenziösisch.

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Daheim. Ich stecke mitten in (naja, I wish – sagen wir, ich stecke am Anfang von) meiner Hausarbeit zum Thema semantische Arten kohäsiver Konjunktionen im Textsortenvergleich und muss mich mit aller Macht zusammenreißen, das gute Stück nicht zu einer Hassrede auf wissenschaftliche Abhandlungen verkommen zu lassen. Daher werde ich besagtem Negativgefühl gegenüber dieser Sorte Text einmal kurz hier Ausdruck verleihen – dann ist es hoffentlich aus dem System.

Anknüpfungspunkt HA:

Statt für eine breite Masse an Empfängern tauglich sein zu müssen, beschränkt sich die wissenschaftliche Abhandlung in ihrem Wirkungskreis auf fast ausschließlich akademische Kreise; statt kurz und präzise informieren zu müssen, hat sie zum Ziel, möglichst gründlich alle Facetten eines Untersuchungsgegenstandes darzulegen und aus den verschiedensten Blickwinkeln zu beleuchten. Ein hoher Bildungsstand oder zumindest eine weitgehend ausgeprägte Lesekompetenz wird beim Empfänger vorausgesetzt.

Ich führe fort:

Genau diesen Merkmalen folgt auch der elitäre Anspruch der wissenschaftlichen Abhandlung: Die Sprache, ursprünglich Instrument zur Vermittlung von Wissen, wird aufs Vollkommenste zweckentfremdet; Wissen wird lediglich an eine Handvoll er- bzw. belesene Auserwählte weitergegeben – es entsteht fast der Eindruck, Academia habe das Fachlatein in der vollen Absicht zu ihrer lingua franca erwählt, Angehörigen weniger bildungszentrierter Schichten den Zugang nicht nur zu erschweren, sondern aktiv zu verwehren. Wissenschaftliche Texte im Deutschen bestechen durch ihre nochmals herausragende Selbstherrlichkeit: während englischsprachigen Autoren zuweilen der ein oder andere saloppe Einwurf verziehen wird, ist die deutschsprachige Literatur von jeglicher Menschlichkeit befreit. Die abstruse Satzlänge, die redundante Verwendung von Lehnwörtern und die universelle Knappheit von Kohäsionsmitteln symbolisieren für den Laien eine vernichtende Rücksichtslosigkeit und ein schlichtes Nichtvorhandensein von Hilfsbereitschaft an der Stelle, wo ihnen der Bericht mit einem warmen Lächeln beide Hände entgegenhält und ihnen zu verstehen gibt, dass sein Verfasser tatsächlich die Absicht hat, von ihm verstanden zu werden.

Das war doch gar nicht so übel; wenn ich einen Absatz von der Länge jetzt nochmal für die Hausarbeit zustande bekomme, hilft mir das freilich noch mehr.

(Und wer bisher schon der Meinung war, ich würde in unverständlichen Monstersätzen schreiben, dem lege ich wärmstens ans Herz, niemals eins meiner Papers zu lesen. Oder irgendein anderes deutsches Paper, for that matter. Das ist es ja gerade: hier schreibe ich lang, verschachtelt und rücksichtslos, weil ich es für mich tue und einfach keinen Nerv darauf habe, mich zu verstellen; die Wissenschaft aber, die Wissenschaft sagt „Baby, my whole work is to confuse you“ und bläst sich auf und schottet sich ab und kommt sich toll dabei vor.)

Im Sack, am Sack, um den Sack herum

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Was für ein Tag.

Kepa bietet mir an, mietfrei auf seinem Baserri zu wohnen, und verkünstelt sich anschließend dichtenderweise an der nunmehr callcenterjobgeprägten Realität des „talentierten Mr. R“. Das Gedicht mutete leicht zynisch an und hätte R vermutlich ein weniger gutes Gefühl vermittelt als mir seinerzeit das Kompostgedicht. Das zusammen mit ein-zwei-drei weiteren Bemerkungen legt die Vermutung nahe, dass seine Sympathien R gegenüber nur beschränkt vorhanden sind. Im Gegensatz zu mir würde er, ever the good sport, allerdings nicht auf die Idee kommen, das offen zu verkünden. Oben erwähnter Stichelei zum Trotz war ich von der darin enthaltenen Filmreferenz ziemlich begeistert. Tatsächlich fiel mir daraufhin auf einmal mit voller Wucht wieder ein, dass der Talented Mr. Ripley ein verdammt guter Film war, den man mal wieder gucken sollte.

Davon ab erwies sich Kepa als wunderbarer Handyvertragsvertreter im fehlgeleiteten Körper eines Juristen (gibt es da Umwandlungs-OPs, die man vollziehen könnte? Vermutlich; es dürfte sich „Umschulung“ nennen) und erleichterte so meinen Eltern die Suche nach meinem Weihnachtsgeschenk. Ich habe nämlich meine Mutter darauf angesetzt, für zuch zu Weihnachten die Recherche für diesen Smartphone-Kram zu erledigen, denn während meine Mutter sehr gut recherchieren kann, bin ich dafür einfach nur ungeeignet, gerade wenn es um etwas geht, das ich nichtmal wirklich haben will. Verdammtes 21. Jahrhundert, dessen alleiniges Anliegen es ist, mich einzuholen und zu foltern.

Dann war ich in Mannheim, habe zwar keine von R’s Kollegen, dafür aber eine seiner Mannheimer Genossinnen kennengelernt und eine schöne Zeit in einer sehr anheimelnden Bar verbracht, in der man für recht wenig Geld eine unfassbare Menge Pommes und einen veganen Burger bekam. Es war so halb geplant gewesen, dass ich mit übernachten würde (R bleibt gleich da, weil er morgen dort einen Vortrag hält), aber ich bin dann doch lieber nach Hause abgedampft. Dann wollte ich zwar eigentlich schlafen, andererseits aber auch zocken, also tat ich Letzteres und verschob Ersteres und blieb dann wie in alten Zeiten ewig vor dem Computer hängen, bis… jetzt.

Naja, und vielleicht erwähnenswert wäre noch das Gespräch mit Oma; als ich ihr nämlich erzählte, dass ich noch einen Schrank zu verrücken habe, erwiderte sie, dass ihre (offenbar mit mir verwandte) Mutter gefühlt alle drei Minuten ihre Möbel verrücken musste („Wenn ich aus der Schule kam, wusste ich nie, wo die Schränke stehen“) – und sich dabei mit einer Speckschwarte behalf, die sie unter die schweren Kaliber legte, sodass diese sich mühelos durch die Wohnung bewegen ließen. Meine Reaktion auf diesen für Oma höchst untypischen Ratschlag belief sich zwar im Grunde auf „Wie soll ich denn um Himmels Willen an ne Speckschwarte kommen?“, aber ich fürchte, sowohl R als auch ich selbst sind, von unserem Containertarier- bzw Veganertum mal ganz abgesehen, dafür dann doch nicht hart genug.

Und jetzt wird geschlafen. Nicht zu lange, um den Schrank (auf welchem fleischlosen Untergrund auch immer) nachher vielleicht schon verrückt zu haben, wenn R heimkommt, und ihm zumindest den Teil der Mühen zu ersparen.

Uni: Another new beginning.

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Es ist der übliche Wahnsinn, oder sollte ich einfach „Leben“ sagen. Die ersten zwei Wochen Uni liegen hinter mir, und ich muss ehrlich gestehen, dass ich sowohl die Höhen als auch die Tiefen des Unilebens vollkommen verdrängt hatte in meinem langen halben Jahr Nichtstun / Umziehen / Umziehen / Nichtstun.

Zu den Höhen zählt sicherlich in erster Linie mein halbwegs wiedergewonnener Tag-Nacht-Rhythmus; Uni um 10 (in Kombination mit R, dessen Rausschmeißkünsten ich mindestens die Hälfte meiner morgendlichen Anwesenheit verdanke) verhindert zuverlässig das zuvor zur katastrophalen Gewohnheit gewordene Hängenbleiben im Bett bis zum späten Mittag. Und wie wir alle wissen: Es ist das Rausgehen, welches die meiste Überwindung kostet. Da gibt es nichts Besseres als Termine, die mich aus meiner Höhle treiben.

Es ist aber auch abgesehen vom Rausgehen an sich eine Freude, wieder an der Uni zu sein. Ich war ziemlich eindeutig noch nicht fertig mit diesem Abschnitt des Lebens. Der Uni-Alltag, er hat mir gefehlt. So anders als jede andere Form des Daseins. Du quälst dich Tag für Tag aus dem Bett (oder wirst herausgequält, wenn du Glück hast wie ich), um dir Kurse zu geben wie „Fachliche Kompetenz“ (morgen, halb neun) oder „Translations- und Kulturwissenschaft (B-Sprache)“ oder „Übersetzungsrelevante Sprachkompetenz“ oder allgemein eben Dinge, die eigentlich niemanden interessieren außer gerade diese hochspezifische Zielgruppe fehlgeleiteter Deppen, die sich in den Kopf gesetzt haben, ihr Leben mit der brotlosen Kunst des Übersetzens zu verbringen. Im Gespräch mit deinen Kommilitonen wunderst du dich immer wieder aufs Neue, dass sie augenscheinlich nicht weniger planlos sind als du selbst, trotz deines Quereinsteigertums inmitten einer Horde Übersetzungswissenschafts-BA-Absolventen.

Sehr schnell erinnerte ich mich dann auch wieder daran, wie eklig Prokrastination eigentlich sein kann. Gerade jetzt wäre eigentlich ein vorzüglicher Zeitpunkt, mir meinen Studi-Ausweis zu schnappen, auf dem meine Uni-ID steht, und mich mit nunmehr zwei Wochen Verspätung auch mal im LSF anzumelden, jetzt, wo ich herausgefunden habe, dass das fehlende Aktivierungs-Kennwort nicht wie gedacht in einem separaten Brief kommt, sondern die ganze Zeit im gleichen Umschlag auf seinen Moment gewartet hat wie der gesammelte Rest an mir zugesanrten Unterlagen.

Die erste Woche habe ich sowieso unentwegt zitternd verlebt, da besagter Umschlag mit Unterlagen mich noch nicht erreicht und ich somit keine Ahnung hatte, ob ich nun überhaupt eingeschrieben werden konnte oder nicht. Bei meinem Geschick hätte es mich wirklich nur latent verwundert, wenn überhaupt, wären mir meine am letzten möglichen Tag eingereichten Immatrikulationspapiere wegen Unvollständigkeit o. Ä. zurückgeschickt worden. Da ich entgegen jeder Logik – immerhin ist mir die relative Verantwortungslosigkeit meines Letzte-Minute-Stils durchaus bewusst – doch im Grunde einen extrem hohen Wert darauf lege, dass die Dinge so funktionieren, wie ich das brauche, war diese erste Woche der Ungewissheit also keine sonderlich angenehme. Gleich Dienstag Abend (erster Tag Uni) erlitt dieses Nervenbündel daher eine Panikattacke zuvor ungekannter Ausmaße und allererste nach außen wahrnehmbare im Beisein anderer Menschen (aka R, der überfordert war und sich daher aussuchte, am besten einfach gar nichts zu tun. Immerhin aber fragte er mich während des ersten Teils der Attacke, ob er etwas tun könnte, und stellte sich bereitwillig meinem embryonal zusammengekrümmten Körper als diesen festhaltende Verbindung zur Außenwelt zur Verfügung).

Auch hier allerdings war zu beobachten, dass Panik immer nur dann auf- bzw. in den Vordergrund trat, wenn ich zu Hause war. Draußen, wenn ich unterwegs bin und Dinge erledige, kommt die Panik nicht durch. Die Uni an sich hat mir von Anfang an nur gutgetan. Der Studiengang ist sehr klein und man kennt sich sehr schnell gegenseitig; ich habe gleich im ersten Kurs zwei der nettesten Kommilitoninnen kennengelernt und bin tags darauf mit ihnen noch Kaffee trinken gegangen, als einer unserer Kurse ausfiel (es ist hier an der Uni genau so unorganisiert wie an jeder anderen Uni der Welt. Herrlich), und war einfach nur begeistert, einen Studiengang voller Menschen vorgefunden zu haben, mit denen man wirklich gut klarkommen kann. So etwas kannte ich aus Konstanz nicht; wir waren so viele in der Linguistik und das familiäre Gefühl, welches hier vorherrscht, kam ausschließlich durch Euskera zustande. So habe ich dann ja auch meine einzigen Uni-Freunde in Euskera gewonnen.

Ich beobachte nach zwei Wochen bereits eine Verbesserung meines Zustands auf körperlicher Ebene. Das Fahrradfahren jeden Tag hilft ungemein, auch wenn es schon übertrieben kalt ist mittlerweile. Gerade den Drei-Kilometer-Berg runter morgens. W-w-w-w-w-w-w-wgh. Aber es ist gut, das Fahrrad zu nehmen. Man ist so frei und beweglich. Ich kann Sachen machen in der Stadt, nachdem ich aus der Uni komme. Katzenfutter beim Metzger holen – die Verkäuferin sieht mich nur zur Tür reinkommen und holt schon die Putenreste aus dem Tiefkühler, ich muss nicht einmal mehr etwas sagen. Paradiesisch.

Also halten wir fest, ich brauche die Uni zum Leben. Gleichzeitig prokrastiniere ich jetzt schon wieder wie ein Weltmeister und hasse etliche meiner Kurse, aber das ist völlig egal, denn das gehört dazu. Werde ich später mal Übersetzer? Ich hoffe nicht. Aber es ist immer noch der einzige Masterstudiengang weltweit, den ich mir vorstellen könnte zu machen. Und siehe da, hier bin ich.

Selten so geordnet zu einem Thema geschrieben hier. Ich bin verblüfft.

Vierundzwanzig

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Was für einen schönen Geburtstag ich hatte. Und das Allerbeste daran: Es war nichtmal so ein großartiger Unterschied zu anderen schönen Tagen meines Lebens, was im Grunde ja wohl bedeutet, dass mein Leben sich häufiger mal so benimmt, als hätte ich Geburtstag. Was gibt es Besseres.

Aber ein paar Nuancen merkte man schon heraus. So viele liebe Glückwünsche von so unsagbar lieben Menschen, die ich alle das Privileg habe zu kennen. Ich glaube, ich habe noch nie so eine Menge an ehrlichen, rührenden verbalen Zuwendungen an einem Geburtstag bekommen – man sollte meinen, die Leute werden einfallsloser mit der Zeit, aber von wegen, von wegen.

Und es hört bei Verbalem ja nicht auf. R und ich hatten um kurz vor Mitternacht beschlossen, uns den Rest des (auf Save the lettuce von mir detailreicher gewürdigten) Käsekuchens einzuverleiben, sodass er um Punkt 12 mit einem Teller Kuchen und einem Teelicht darauf ins Zimmer kam, das er irgendwo in der Küche aufgetrieben hatte. Ach, was sah das wunderbar aus. Er hat mir außerdem ein drittes Carcassonne geschenkt, nachdem ich irgendwann vor ein paar Monaten auf die glorreiche Idee kam, meinem ersten Exemplar noch ein zweites hinzuzufügen und die beiden zu einem Monster-Carcassonne zu vereinen. Super Idee an sich, aber durch den gesteigerten Zeitaufwand nicht gerade etwas für den kleinen Hunger zwischendurch. Jetzt verfügt unser Haushalt also als wohl einziger der Welt über drei vollständige und aktiv genutzte Carcassonne – die Jäger und Sammler, und wir können uns wieder aussuchen, für welche Variante wir gerade Zeit haben.

Er hat mir zuliebe außerdem, was mich zugegebenermaßen am meisten gefreut hat, seine Nachmittags-TeKo gecancelt und somit Zeit gehabt, mit Basti und mir in der Küche zu sitzen und das Kilkenny zu vernichten, das Basti mir geschenkt hat. (Sie haben mir die Augen verbunden und ich sollte die Biermarke erraten; natürlich habe ich kläglich gefailt, was vielleicht auch der Tatsache geschuldet ist, dass ich Kilkenny aus der Flasche zuvor genau ein Mal in meinem Leben getrunken hatte. Zum Glück machte Basti seine Drohung, er würde, wenn ich es nicht errate, den Rest wieder mit nach Hause nehmen, aber nicht wahr. Wer hätt’s gedacht.)

Jetzt habe ich erstmal das Wochenende für mich; Basti ist mit ein paar Leuten gerade auf dem Weg nach Frankreich und R ist bis Mittwoch mit Arne auf Weltverbesserungsreise. Ich mache mir ein bisschen Sorgen, weil der Grad meiner Passiv-Aggressivität im Bezug auf R’s Arbeitsverhalten momentan recht ansehnliche Ausmaße annimmt und ich irgendwie befürchte, im Stil meiner Mutter in diese hochgradig gefährliche Mentalität zu verfallen, die einen dazu bringt, für nichts mehr wirklich dankbar zu sein, weil man der Ansicht ist, das wäre einem jetzt eh geschuldet, nach allem, was einem sonst verwehrt bleibe / zuvor verwehrt blieb. Falls das verständlich ist; für mich ist diese Attitüde leider Gowais seit Ewigkeiten Teil meines Daseins und bedarf keiner weiteren Erklärung. Da ich am Beispiel meiner Mutter genau erfahren durfte, wohin diese Art Denke führen kann (in ihrem Fall zu einem völlig deformierten Welt- und Realitätsbild und Verhaltensweisen, die zu dulden ihrem Umfeld teilweise übermenschliche Anstrengungen abverlangt), beobachte ich diese Entwicklung bei mir mit Schrecken und versuche mit aller Kraft, dagegenzuwirken (etwas, das meiner Mutter nicht eine Sekunde lang einfallen würde; wenigstens das habe ich ihr voraus. Wobei ich ehrlich gesagt der Meinung bin, ihr bezüglich der Einsicht in meine und ihre mentalen Defekte so ungefähr die Welt vorauszuhaben.)

Ich sollte mal schauen, eigentlich, ob sie mir nochmal geschrieben hat, wann sie Zeit hat zu reden. Da sie gerade auf Madeira weilt (wo ich auch in knapp drei Wochen mit Caro bin!), hat sich das Reden an meinem Geburtstag trotz aufwändiger Planung als unmöglich herausgestellt; gestern war ich arbeiten, also hoffe ich, dass sich heute die Gelegenheit ergibt, mir von Mama noch nachträglich gratulieren zu lassen. Sie wolte so gern mit mir reden und ich habe es einfach nicht gebacken bekommen.

…Und der Sektkorken fliegt.

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Whoa. Ich hab‘ gerade was Tolles geschafft. Vielleicht (ich geb’s zu, es ist eher unwahrscheinlich) erinnert sich ja noch jemand daran, dass ich vor ein paar Monaten relativ stark darunter gelitten habe, dass R meine Wohnung zu seinem Arbeitszimmer umfunktioniert hat und somit das Kunststück vollbringen konnte, in meinem eigenen Haus einem tatsächlichen Zusammensein ‚zigtausendvierunddreißig andere Tätigkeiten vorzuziehen. Da dieser Zustand momentan, gelinde gesagt, ziemlich heftig in die nächste Runde geht, habe ich soeben meinen Rettungsplan von damals angewendet und ihn (spät, aber doch) gebeten, das Arbeiten in seiner eigenen Wohnung zu erledigen. „Weißt du, es ist ziemlich irritierend, wenn du da bist, aber auch nicht.“

Es ist sehr gut, dass ich das jetzt getan habe, weil ich in der letzten Zeit öfter mal das Bedürfnis verspürt hatte, so eine richtig widerliche beleidigte Szene zu machen, dass ich mir danach vermutlich selbst nie wieder hätte in die Augen sehen können. In Zukunft wird es mir diesbezüglich also wieder besser gehen, auch wenn ich mir jetzt natürlich Gedanken machen muss, ob ich meinen Freund nochmal zu Gesicht bekommen werde oder vielleicht so ende wie Trudi letzte Woche, die wie ein Wrack in ihrem Zimmer hing und heulte, weil sie Hannes so vermisste und dieser keine Anstalten machte, sie so schnell wie möglich sehen zu wollen.

Genau so werde ich enden. Gawd, wer hätte gedacht, dass Sebi mal ein aufmerksamerer Partner wird, als ich einen abbekomme. Mit dem habe ich gestern Nacht noch kurz geredet, um abzuklären, ob wir uns heute sehen, solang er noch in der Stadt ist. Bis er dann meinte, es würde ihm unglaublich leidtun, aber Lili würde jetzt ins Bett gehen und er würde sie so gern noch anrufen; sie hätten den ganzen Tag nicht telefoniert. Alter, Sebi. Jap, wir reden über den Menschen, dessen längste Beziehung vor dieser jetzt ein halbes Jahr gedauert hat. Das ist der Mensch, vor dem ich mich über Jahre so unsagbar in Acht genommen und jegliche Annäherungsversuche mit Granitblöcken abgewehrt habe, weil ich der festen Überzeugung war, er wäre so beziehungsfähig wie ein Goldfisch. Scheiße, wie konnte das passieren.

Vor allem wird mein ganzes Victim Blaming, das ich betreibe (guck dich mal an, du bist ein depressiver Klammermensch und solltest deiner Wahrnehmung nicht trauen) dadurch zerstört, dass ich an anderer Stelle eben solche Sachen beobachte. Sebi, der mich abwürgt, um Lili anzurufen. Peruaner-Pedro, der für Sarah kocht, während er Urlaub hat, und ihr das Essen in die Arbeit bringt. Verdammt nochmal, sogar Hannes, der Trudi eine Kleinigkeit aus dem Urlaub mitbringt. ARGH.

Wenn er die Politik weglassen würde, sagte mir R vorhin geradewegs ins Gesicht, hätte er überhaupt keine Aufgabe mehr. Interessant, wenngleich wenig überraschend, dass ihm demzufolge nie in den Sinn kam, seine Aufgaben mal in seinem direkten Umfeld zu suchen.

Hallo, R. Deine Freundin schreibt seit Wochen ihre Bachelorarbeit, hast du irgendwann mal Interesse gezeigt, zu erfahren, was da eigentlich drinsteht? Meinst du, mit „Hast du was geschafft?“ ist dein Anteil getan? Schließt du also von dir auf Andere und nimmst an, sie würden gar nicht wollen, dass du dich da mit hinterklemmst, weil du zufällig zu der Sorte „Lass mich machen, ich frag schon nach, wenn ich konkrete Unterstützung haben will, das ist mein Leben, halt dich tunlichst da raus“ gehörst? Hast du dich mal in der Wohnung umgesehen? Du hast gestern einen Typen hierher angeschleppt, um ihn hier pennen zu lassen; meinst du, du könntest die Klappmatratze zurück auf den Schrank tun und die Decke abziehen und zurück in die Schublade packen und den Bezug in die Wäsche, und bei der Gelegenheit vielleicht gleich mal ne Ladung Wäsche in die Maschine stecken? Nachdem du meine restlichen Kartoffeln gegessen hast, kam es dir nicht in den Sinn, die verdammte Pfanne vom Herd zu nehmen und zu spülen? Glaubst du, die Kräuter in deinem Essen trocknen sich von allein und begeben sich dann unaufgefordert in ihre Gläser? Das Zimmer, in dem du jede Nacht pennst, saugt seinen eigenen Staub und räumt sich unentwegt selbst auf, nur so am Rande, darum musst du dich ganz sicher nicht kümmern. Du lebst hier in einem Haushalt. Das beinhaltet mehr als ein bisschen Wischen ein Mal pro Woche, zu dem du dich herablässt, wenn man dich dran erinnert. Deine Aufgabe liegt nichtmal so sehr darin, diese Sachen selbst zu tun, auch wenn jede Hilfe willkommen wäre. Ist dir bewusst, dass deine Anerkennung allein dazu beitragen könnte, dass hier Dinge erledigt werden, die seit Jahr und Tag darauf warten, endlich zu passieren? Interesse jedweder Art? Ein kleiner Anstoß? Irgendetwas, das darauf schließen lässt, dass dir das Wohlergehen fremder Menschen, so sehr dein Engagement dich ehrt, vielleicht doch nicht zu einem größeren Maße am Herzen liegt als das deiner unmittelbaren Umgebung?

So, das hab‘ ich gebraucht jetzt. Venting Ende. Und atmen.