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Blühender Birnbaum und strahlender Himmel

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So ein unglaubliches wunderbares Sommerwetter. Ich gehe in anderthalb Stunden zur Tafel, für Eugenia und Maurizio einspringen. Dafür nicht in die Uni, weil ich ehrlich gesagt auf Lisas und Daniels leicht ins Krankhafte gehende Aitatxo-Alabatxo-Geschichte gerade wenig Lust habe und außerdem mein verdammter Text fürs Barnetegi immer noch nicht fertig ist. Aber wozu der Stress; Deadline ist doch erst am 30.

R ist zu einem Genossen gefahren, um mich in Ruhe schreiben zu lassen (ich starte gleich eventuell wieder einen Pseudo-Versuch, den Text doch noch hinzubekommen), und geht danach in die Uni, um seine alten Kollegen in der Mensaküche zu besuchen. Ich gebe mir momentan Mühe, langsam, aber sicher zu lernen, mit ihm ich selbst zu sein, und ich würde fast sagen, ich mache Fortschritte. Und es ist ein wunderbares Gefühl, ganz wunderbar. Festzustellen, dass er mich allem Ich-selbst-sein zum Trotz zumindest bisher immer noch genauso zu mögen scheint.

Was auch wunderbar ist, ich hatte heute relativ wenig Schwierigkeiten, aufzuwachen. Nachdem die einzige Nebenwirkung meiner Wunder-Medis mir in den letzten Monaten immer mehr begonnen hat zu schaffen zu machen, ist es immer eine Erleichterung, mal wieder davon verschont zu bleiben.

Heute Abend werden wir grillen, oder Lagerfeuer machen, oder was auch immer, irgendwas mit Wärme auf jeden Fall. Darauf freue ich mich. Davor muss ich noch Nachhilfe geben; Elli braucht Hilfe bei ihrer Deutsch-Berichtigung, welche ich ihr mit dem größten Vergnügen zuteilwerden lasse. (Zuteilwerdenlasse? Äh. Himmel nochmal, und ich will kompetent genug für Deutsch-Nachhilfe sein?!)

Hannes ist im Garten, aber in letzter Zeit verstehe ich mich gut genug mit ihm, dass mich diese Tatsache nicht davon abhält, auch rauszugehen. Das werde ich dann jetzt also tun.

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Leben üben / The Vulnerability Problem

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Irgendwie habe ich die abstruse Angst, dass.. Ich kann mich gar nicht entscheiden, was ich schreiben soll; ich habe so viele abstruse Ängste. So abstrus sogar, dass ich ein paar Sekunden, nachdem ich hier anfing zu schreiben, schon wieder beschlossen habe, dass man das gar nicht erst laut ausschreiben darf. Ich könnte mich glatt selbst hauen, so fürchterlich bin ich.

Das ist ein guter Satz, den schreibe ich nochmal. Ich könnte mich glatt selbst hauen, so fürchterlich bin ich. In erster Linie genau deswegen. Ich würde wirklich gern einfach mal chillen und mich nicht selbst immer so fürchterlich finden. Aber allein schon die Tatsache, dass ich mich fürchterlich finde und einfach nicht in der Lage bin, mich nicht um Kopf und Kragen zu denken, macht mich umso fürchterlicher. Es hat einfach kein Ende. Ich weiß nichtmal, ob es überhaupt einen Anfang hat. Vermutlich hat es keins von beiden.

Natürlich. Ich bin noch nicht so geübt im Leben. Leben ist ein Konzept, das sich mir während meiner ersten um die zwanzig Existenzjahre zu großen Teilen einfach nicht erschlossen hat. Ich darf nicht zu hart mit mir sein; zwanzig Jahre Vorsprung lassen sich nicht in einem Augenblick überbrücken.

Aber das kann ich eben auch nur mir selbst sagen. Ich kann mir ja kein Schild auf den Kopf kleben, auf dem steht, „bitte Rücksicht; du redest hier mit einer knapp unter Zweijährigen“. Wie ich durchdrehe manchmal, weil das keiner wissen kann und ich mir vorkomme, als müsste ich alles so souverän erledigen, als wäre es die reinste Routinearbeit. Das Zeug, das ich seit fast zwei Jahren nehme, verschafft mir die Lebensfähigkeit, nicht aber die dazugehörige Erfahrung. Die muss ich erst noch machen. Ich fühle mich, als hätte ich kein Recht darauf, orientierungslos und verwirrt zu sein, schließlich ist man orientierungslos und verwirrt mit vielleicht dreizehn Jahren, dreizehn, nicht dreiundzwanzig. Ich bilde mir ein, man müsse auf mich herabsehen, weil ich so ahnungslos bin. Weil mir so viele Erfahrungen fehlen, die einer normalen Dreizehnjährigen, die sich erlaubt, orientierungslos und verwirrt zu sein und langsam, aber sicher das Leben zu lernen. Meine Erfahrungen waren die einer orientierungslosen und verwirrten Dreizehnjährigen, die schon damals dachte, sie dürfe niemals ahnungslos wirken, nie verletzlich sein, und nichts gelernt hat, weil man zum Lernen nunmal erst zugeben muss, dass man etwas nicht weiß. Jetzt habe ich den Salat.

Wie mache ich jemandem begreiflich, dass ich verwirrt bin und keine Ahnung von nichts habe, ohne mich bloßzustellen? Irgendwie muss ich es doch schaffen, sonst vergehen noch weitere zwanzig Jahre, in denen ich aus Angst, mich zu blamieren, nichts dazulerne. Ich bin geringfügig überfordert.

Einige erfreuliche Neuigkeiten

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Erstens. Es ist Wochenende. Ich werde nichts machen. Das ist so ungemein wertvoll.

Zweitens. (Das wird die – obschon zweifellos hochgeschätzten, mit diesem Thema wohl eindeutig überschwallten – Leser weniger erfreuen, mich dafür umso mehr.) Nachdem sich meine Anlage nunmehr aufgebaut in meinem Zimmer befindet, habe ich angefangen, mal wieder meine CDs zu benutzen, mir im Rahmen dieses Projektes Ken Zazpis Atzo da bihar vorgenommen und zu meinem großen Erstaunen festgestellt, dass ich beträchtliche Teile der Lieder einfach verstehe.
Wie unglaublich ist das bitte. Ich bin überglücklich. Zumindest Ken Zazpi-Vokabular habe ich also mittlerweile drauf.

Drittens. Tasche ist aufgetaucht. Stein vom Herzen, ich sag’s dir – und ich kann mein unermessliches Glück mal wieder nicht glauben. Es scheint alles noch drinzusein. Inklusive CDs, Häkelnadel und – ja – auch meinem Geldbeutel. Dienstag habe ich Zeit, sie abzuholen. Bei der Gelegenheit kann ich mich auch gleich mit meinem frisch zurückerstandenen Perso ummelden gehen, bei der Gelegenheit gleich auf selbigem meine Adresse ändern lassen und meinen ebenso frisch zurückerstandenen Reisepass gegen meinen neuen eintauschen. Das wird ein lustiger Nachmittag im Bürgerbüro.

Viertens. Ich habe vorhin mit Susmita geredet. Sie ist zwar gestresst und erkältet, aber hört sich halbwegs positiv an, was ihre Erfahrungen in Finnland angeht. Es tat gut, mit ihr zu reden. Wir haben Ewigkeiten telefoniert.

Fünftens. Am 2. September gibt’s endlich ordentliches Internet.

Sechstens. Ich scheine aus dem gröbsten Chaos rauszusein. Mein Zimmer ist fertig eingerichtet, ich habe schon anfangen können, ein bisschen im Garten zu werkeln, bin regelmäßig, aber nicht übertrieben viel in der Arbeit und fühle mich wohl mit meinem Leben. Daniel fährt nächste Woche nach Spanien runter, sodass die Euskera-Stunden vorerst wegfallen (an sich ja nicht die beste Nachricht aller Zeiten, aber immerhin bringt mir das einen Vormittag mehr Zeit und Ruhe), und Sarah geht Mitte des Monats nach Bolivien, was mir zwar (ebenfalls nicht erfreulich, natürlich) eine meiner liebsten Personen hier für geraume Zeit wegnimmt, aber andererseits auch wieder Ruhe und Zeit verschafft. Ich hoffe, es diesen Sonntag endlich mal wieder zum Foodsharing-Treffen zu schaffen.

Siebtens. Meine Medis wirken grandios; ich fühle mich ziemlich gut und habe weder Katastrophenstimmung noch übermäßig oft Panik. So muss das sein. Auch wenn die Euphorie von vor dem Absetzen nicht mehr da ist, aber das ist ganz in Ordnung so. Das hat mich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, die Aktion. Da bin ich nicht so gerne, aber es ist auch besser, als jeden Bezug zur Realität zu verlieren. Schätze ich.

Achtens. Menschen schreiben mir. Ich habe nie das Gefühl, dass niemand an mich denkt momentan. Und ich verbringe so viel Zeit außerhalb von Facebook, dass gar nicht erst die Möglichkeit besteht, wie so oft alle drei Minuten vorbeizuschauen und dann von der leeren Inbox irrational frustriert zu sein. Dieses Gefühl ist so überflüssig. Mir wird gerade erst klar, wie viele Menschen sich dem wohl (so aktiv wie unbewusst) aussetzen, einfach indem sie viel zu oft ihr verdammtes Facebook checken, so, wie ich es auch mache, wenn Zeit dafür da ist. Wie sagte ich damals ergänzend zu diesem Video, „to the waiting, an eternity.“ (Ich vertrau‘ einfach mal darauf, dass ich das richtige Video erwischt habe – unser vorläufiger Router macht uns inzwischen manchmal selbst das Laden von Bildern unmöglich, von Videos gar nicht erst zu reden.)

So sieht’s aus. Das ist doch schön, das alles.

Schlaflose Nacht und ein voller Tag.

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Ich hab‘ letztendlich in etwa drei Stunden geschlafen. Genau so komme ich mir auch vor – ich habe eine ganze Energy-Brausetablette gegessen (wirkt besser, als wenn man sie in Wasser auflöst, und vor allem hatte ich vor der Uni keine Zeit, mir einen Energy-Shot herzurichten), bin dementsprechend unschlüssig, ob ich zu wach oder zu kaputt für die Welt bin gerade, habe Susmita angerufen, ob sie nach Euskadi mitkommt, dabei erfahren, dass sie im August schon weggeht (das wird immer schlimmer – es hieß eigentlich, September oder Oktober), wurde von Jan, einem Foodsharing-Kollegen, angerufen, der mir einen Rasengießerjob vermittelt hat, habe einer random hereinschneienden Person meine Wohnung gezeigt, die demnächst anfängt zu studieren (die Person, nicht die Wohnung, wer hätte es gedacht) und mal wissen wollte, wie es aussieht in so einem Wohnheim (sie war inspirierend, die Person; hätte ich nur so ein Selbstvertrauen gehabt, als ich grad mit der Schule fertigwar, wie anders sähe jetzt wohl mein Leben aus?), habe Salat aus dem Kühlschrank gerettet und mit ein bisschen von der vom Kartoffelsalat übrigen Joghurtsauce gegessen, höre eins der überwältigendsten Lieder der Erde (man darf dreimal raten), fühle mich gar nicht mal mehr so sehr, als müsste ich kotzen (ganz ohne Wiederanfangserscheinungen geht’s dann wohl doch nicht bei der abrupt eingesetzten Dosis; ich bin ein kleines bisschen ängstlich, da ich ja vorher nie etwas gemerkt habe, aber sofern das bald wieder weggeht, lebe ich gernstens ein paar Tage mit Kopfschmerzen und Übelkeit im Tausch gegen mein seelisches Wohlbefinden), muss in einer Stunde wieder in der Uni sein und wollte eigentlich zwischendrin schlafen. (So schließt sich dann der Kreis.)

Nun nochmal eine Kleinigkeit essen und dann schon wieder ab in die Uni. Von dort aus zu Sofie, eine Klavierstunde geben, und von ihr aus in die Arbeit, ein Stündchen vor mich hinübersetzen. Von der Arbeit aus mit Sarah zur Bandprobe. Das wird noch lustig, ich sag’s dir. Vielleicht sollte ich noch eine Energytablette mitnehmen.

Schrieb’s und vergaß tatsächlich, es abzuschicken? Oh je, wo ist mein Kopf?

Itzaletatik entzun…

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Ich sollte seit drei Ewigkeiten schlafen. Stattdessen höre ich Itxaropena.

Es hat so schnell gewirkt, wie ich es im Leben nicht für möglich gehalten hätte. Gerade mal einen halben Tag hat es gedauert und mein ganzer Organismus war wie neu geboren.

Ich gebe zu, dadurch, dass es so schnell ging, komme ich mir vor wie auf Drogen. Vom Ding her war es aber sogar ähnlich wie damals, auch wenn es beim ersten Mal viel gemächlicher von Statten ging (was verständlich ist, weil ich damals mit Hilfe von Tropfen die Dosierung ganz langsam hochgeschraubt habe, statt wie jetzt den bereits an den Wirkstoff gewöhnten Körper dem vollen Ruck einer halben Tablette auszusetzen). Diesmal hat es einfach reingehauen. Ich war auf dem Weg in die Uni und es kickte ein wie.. wirklich, wie eine Droge. Bloß dass das, was da eigentlich genau einkickt, das reine Nichtvorhandensein depressiver Gedankenströme ist. Und eine Gewissheit, dass alles gut wird. Die ganz besonders.

Und als hätte mein Tag es geahnt, wurde alles gut. Die MT-Hausaufgaben waren wirklich zu schaffen, nachdem Lisa mir geduldig erklärt hat, was ich machen muss. Das Wetter war auf einmal wunderschön warm und sonnig. Ich kam nach Hause und Caro hatte mir geschrieben, dass Rise Against im Herbst auf Tour sind – mit Pennywise! ..und Emily’s Army. (Die Band von Billies Sohn. Wer hätte gedacht, dass ich noch mehr Mitglieder der Familie Armstrong mal live sehe.) Robert, Becci und Janine waren bei Skype, alle auf einem Haufen. Ich habe für Janine und mich schonmal RA-Tickets bestellt; Robert und Becci holen sich ihre nachher beim Ticketschalter. Ich habe mit Sarah geredet und Kopenhagen geplant, mit Pedro geschrieben und Euskadi geplant und mit Saskia geredet und erstmal überhaupt nichts mehr geplant, weil sie erst einmal einen obligatorischen zweistündigen Redeschwall auf mich hat herabregnen lassen, bevor wir dazu kamen, in drei Sätzen abzusprechen, dass sie dann wohl von Berlin aus fliegt und sich also jetzt auch für um den 5.-15. August herum einen Flug besorgt. Der Wohnungsmensch bestätigte mir nicht nur, dass wir die Wohnung fest haben, sondern noch dazu, dass er den Mietbeginn auf meine Anfrage hin um einen Monat nach hinten verschiebt, wir die Wohnung aber ab dem 15. Juli schon nutzen können und bis zum 5.10. Zeit haben, die zweite Hälfte der Kaution zu zahlen. Meine Mutter schrieb mir „Gute Nacht, du Kotzbrocken“ bei Skype, was wohl so viel bedeutet wie einen baldigen provisorischen Frieden. Und Itxaropena.

Kladeramatsch.

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Was mich wirklich erstaunt, ist, wie viele Menschen sich „nicht wie sie selbst“ vorkamen, während sie das Medikament eingenommen haben. Bei mir ist es das krasse Gegenteil. Oder aber ich muss damit leben, dass ich wohl einfach ein abscheulicher Mensch bin, der durch die Droge Escitalopram auf wundersame Weise eine bessere Person wurde.

Und ich will es wieder werden. Ich fand mich selbst in den letzten Wochen entsetzlich.

Und meine ganze Lebensfähigkeit ist mit einem Mal weg. Ich hatte so viele Pläne für den Sommer, aber wenn ich wie gestern (momentan geht es wieder, danke Gowai) in so einem Loch wieder stecke, kann ich mir schon gar nicht mehr vorstellen, nur einen einzigen davon auszuführen. Arbeiten? Sie könnten mich in Windeseile ersetzen und es würde dort nichtmal jemandem auffallen, wenn die Qualität ihrer Übersetzungen auf einmal um neunzig Prozent sinkt. Reisen? Wozu das Ganze, ich bin kein angenehmer Zeitgenosse gerade – wer verbringt seinen wohlverdienten Urlaub denn gern mit einem aggressiven, übellaunigen, aufs Höchste überemotionalen Nervenbündel. Und andersherum muss ich mich nicht aus meinen vier Wänden hinausbewegen, um mich grottig zu fühlen. Zeit in Ruhe allein verbringen? Zeit in Panik einsam vor mich hinvegetierend verbringen, das ja. Denke ich dann. Und dann denke ich, wie gern ich einfach den Kopf unter den Armen verstecken und mich irgendwo hinlegen würde, bis das alles vorbei ist. Und wie matschig mein Kopf ist.

Ich hab‘ Kopfschmerzen. Entweder sind sie eingebildet nach zu ausgiebiger Lektüre der ganzen Erfahrungsberichte gestern, oder aber sie sind echt und diese Berichte erklären ein bereits seit Tagen anhaltendes merkwürdiges Gefühl. So unfassbar breiig und eklig.

Diesen Zustand muss man ändern…

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..dieser Zustand ist nicht gut.

Das war ja noch lustig gestern. Mir wurde ein Taxigutschein ausgestellt, mit dem ich mich durchs halbe Bundesland nach Hause befördern lassen habe. So geschlaucht war ich lange nicht.

Nun bin ich irre froh, wieder zu Hause zu sein, aber meine Laune ist trotzdem entsetzlich. Ich habe eben – was ich nicht hätte tun sollen – Cipralex-Absetzerscheinungen gegooglet; das hat zwar all meine Unzufriedenheit mit diesem beklagenswerten Zustand wieder relativiert (im Grunde ist es ganz unfassbar; keine der wirklich häufigen Nebenwirkungen sind bei mir aufgetreten), aber trotzdem, ugh, nee. Ich dachte schon, ich wäre übel dran, dabei habe ich gar nichts außer ein bisschen dramatisch schlechter Laune. Die Stromschläge sind auch wieder weg mittlerweile, die mich ein paar Tage lang wie Blitze durchzuckt haben. Die hat auch jemand Anderes in seiner Beschreibung erwähnt. Von Schwindel, Kopfschmerzen und Dergleichen bin ich ja komplett verschont geblieben. Ein wenig nach Kotzen zumute ist mir seit Tagen, aber das hatte ich auf die diversen Fahrten quer durchs Land geschoben.

Sie sind sich fast alle einig – die Absetzerscheinungen sollen so schlimm sein, dass sie einem übereinstimmend raten, das Zeug gar nicht erst zu nehmen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Ich dagegen bin einfach mal kurz davor, das Projekt Entzug in den Wind zu schießen. Ich will so nicht leben. Das kommt mir viel zu sehr vor wie vorher. Lieber nehme ich es mein Leben lang durch. Das mag zwar für meine Lebenserwartung nicht das Tollste sein, aber dafür würde es ein tolles Leben werden.

Ich würde mich so gern zusammenrollen und alles vorbeiziehen lassen.

Cold turkey’s getting stale (but I’m not eating the crow, it’s meat).

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Es ist krass. Ich hätte mich für wesentlich stabiler gehalten. Ich merke die Abwesenheit stabilisierender Chemikalien in meinem System kolossal, womit ich gar nicht wirklich gerechnet hatte. Ich hab‘ gar nicht großartig vor zu jammern, muss das aber trotzdem ein Mal kurz schildern, immerhin erlebt man so etwas ja auch nicht alle Tage.

Es ist nicht so, als wäre mir mit einem Mal der Regenschirm aus der Hand gerissen worden.

Oder? Ich bin mir gerade selbst nicht mehr sicher. Was dagegen sicher ist: Es ist ein Chaos gerade. Ich stehe noch mehr beobachtend da, merke, dass es passiert, aber versuche es nicht auszuwerten. Zu hoffen wäre aber, dass es nicht so bleibt. Das ist ja unschön. Stressige Dinge passieren und ich lasse mich umwerfen, das war schon so lange nicht mehr der Fall. Ob mir nach Heulen zumute ist oder nicht, hängt davon ab, ob ich meinen Kopf nach links oder rechts geneigt halte. (Links – ja, rechts – nicht so sehr.) Ich misstraue allem und jedem, und am meisten mir selbst und meiner Überlebensfähigkeit. Was immer du mir sagst, ich werde es falsch auffassen und daraus einen Angriff zaubern, eine ungerechtfertigte Kritik, eine subtile Genervtheit, ein Zeichen unserer Inkompatibilität als Menschen – Freunde, Mitbewohner, Arbeitskollegen – oder einfach nur Desinteresse. Ich bin dir doch eigentlich egal. Wie ewig habe ich das nicht mehr gedacht. Momentan erwische ich mich in einer Tour dabei.

Es schmilzt alles um mich herum zu einem ekligen Brei zusammen. Ich komme mir aufs Allerbrutalste hin- und hergeschüttelt vor. Mein Kopf fühlt sich merkwürdig an. Es ist überhaupt nichts passiert, aber ich heule bei jeder Kleinigkeit. Es ist überhaupt nichts passiert, nichts, aber ich habe auf einmal das Gefühl, allein zu sein. Dass ich für all meine wichtigsten Lebensinhalte wertlos bin und meine Freundschaften wertlos sind und ich NIEMALS von irgendjemandem für irgendetwas geschätzt werden werde, dass alles, was ich tue, sinnlos ist, und was ich nicht tue, viel zu viel. Ich habe in diesen letzten paar Minuten so sehr am Rad gedreht wie seit Vitoria nicht mehr. Es soll sich bitte bald einpendeln; ich kann doch nicht anfangen, jetzt vollkommen durchzudrehen. Ich komme mir kein bisschen gut vor. Ich geb‘ dem ganzen drei Wochen; wenn’s dann nicht besser wird, sollte ich mir überlegen, mit dem Zeug wieder anzufangen.

„I’m not a quitter“, höre ich in meinem Kopf, but then, der Mensch braucht auch ein gesundes Urteilsvermögen, um überhaupt das Aufgeben erst einmal als solches klassifizieren zu können. Wie es momentan aussieht, habe ich die Wahl zwischen drei Optionen. Erstens, es langfristig zu versuchen und zu schauen, ob ich mich von alleine wieder einkriege, und dabei gegen die Verlockung anzukämpfen, die es momentan darstellt, sämtliche sozialen Kontakte zu kappen, alles an Verpflichtungen aufzugeben, mich auf dem Boden meines Zimmers zusammenzurollen (sofern ich da zwischen dem ganzen unaufgeräumten Kram noch Platz finde) und drei Monate nicht mehr aufzustehen. Zweitens, es langfristig zu versuchen, zu failen und am Ende der Verlockung nachzugeben, sämtliche sozialen Kontakte zu kappen, alles an Verpflichtungen aufzugeben, mich auf dem Boden meines Zimmers zwischen all dem unaufgeräumten Kram zusammenzurollen und drei Monate nicht mehr aufzustehen. Drittens, einzusehen, dass es offenbar momentan keinen Zweck hat, mir also bald nen Termin beim Rank zu machen, um mir das von fachkräftlicher Seite aus bestätigen und mir ein Rezept ausstellen zu lassen, und wieder zu mir selbst zurückzufinden.

Fassen wir also zusammen, dass Aufgeben in dieser Situation vor allem daraus bestünde, nicht mehr zur Uni zu gehen, meine Zähne vergammeln zu lassen, mich vor der Welt in meinem Zimmer zu verstecken und im Nu wieder dort zu landen, wo ich mich vor nicht allzulanger Zeit noch befunden habe. Solange das nicht passiert, ist auch nichts verloren.

Der Stand der Dinge.

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Ich versuche, es so kompakt wie möglich zu machen.
Also, die letzten paar Tage. Unterteilt in ein paar Stichwörter.

1. FFM.

JO begrüßte mich am Hauptbahnhof mit Lippenstift drauf und sah aus wie ein komplett fremder, ungewohnter Mensch. Aber nicht übel. Sie hatte ihn allerdings nicht mehr ganz freiwillig drauf; offenbar war ihr ein paar Stunden zuvor langweilig gewesen und der Lippenstift war einer der Sorte Killer-Everlasting. Genauer gesagt so everlasting, dass sie ihn nichtmal mit Makeup-Entferner wieder runterbekam und sogar am Tag danach noch mit roten Punkten auf dem Mund herumlief.

Als wäre das nicht genug Schock für einen Abend, bekam ich gleich den nächsten beim Eintreten in ihre Wohnung. Sie hatte Bernd von seinen langen Haaren und dem Bart befreit, nachdem sie aus Argentinien wiederkam – das erste Mal, dass ich etwas von seinem Gesicht gesehen habe; er sieht vierzig Jahre jünger aus. Mindestens. (Dementsprechend waren genau das meine ersten seit einem knappen Jahr in dieser Wohnung ausgesprochenen Worte – bei seinem Anblick blieb mir sogar das ansonsten im Hause von JOs Familie obligatorische „Huhu!“ im Hals stecken.)

Ich habe mich so sehr gefreut, wieder mal bei den Beiden zu sein. JOs Mutter lebt mittlerweile praktisch permanent bei ihrer mehr oder minder dem Rest der Welt bekannten Affäre, einem Transvestiten namens Tina, den sie vor ein paar Jahren durch JO kennengelernt hat. Sie hat – was ich persönlich dann doch mal wieder verstörend fand, auch wenn wir alle mit der Situation inzwischen vertraut sind – nicht einmal mehr eine Zahnbürste in ihrer und Bernds eigenen Wohnung. Aber Bernd ist nicht anzumerken, dass ihm etwas an der Sache zu schaffen macht. Er ist ein durchweg wunderbarer Mensch, der so viel Freude und Ruhe ausstrahlt, dass ich beim besten Willen in diesem Leben nicht mehr verstehen werde, wie Michaela ihm etwas Derartiges antun kann.

JOs Zimmer war wie immer. Ihre nach Farben sortierten Bücher in der Regalwand, der Staub, das Chaos. (Wobei sie aufgeräumt hatte und der Zustand demzufolge sogar ganz okay war.) Die zentrale Rolle ihres Computers in ihrem Leben. Tumblr und Flight Rising konnten die zehn Monate Reisen nichts anhaben; sie ist süchtig wie eh und je. Mein Schlafplatz auf der Wandseite des Bettes war auch wie immer. Gestern weckten mich ein Mal mehr die Kirchturmglocken. Es wird sehr merkwürdig werden, sie demnächst statt in dieser Wohnung in Berlin oder Stuttgart zu besuchen.

Ich wollte eigentlich, dass wir uns mit Robert und Becci treffen, aber da Robert Nachhilfe geben musste, hat es nicht geklappt diesmal. Janine habe ich nichtmal gefragt; sie wird eh bis zum Hals in Abschlussprüfungschaos stecken.

2. Luxembourg.

Wir sind ganz schön herumgekommen in den paar Tagen. Ich noch mehr, natürlich, durch die Fahrten von Zuhause bis FFM und andersherum. Aber der Ausflug ins Nachbarland war wirklich alles an Reisestrapazen wert. Ein neues Land! Wie aufregend. Ich habe meinen Ohrwurm von Zea Mays‘ Negua joan da ta aus Deutschland mit dorthin verschleppt (und JO im Übrigen gestern halb unbeabsichtigt auch noch davon begeistern können), zusammen mit dem hastig vor der Hinfahrt ausgedruckten Text, um es am Wochenende fertig lernen zu können. Es hat funktioniert. Die ganze Stadt hat dieses Lied als Soundtrack, und dabei war unser Aufenthalt nicht gerade unmusikalischer Natur. Dazu später mehr. Wir haben die Stadt durchkämmt und den Bockfelsen beklettert und die dramatischen Schluchten bestaunt und sind diversen City Sightseeing-Bussen begegnet, deren Touren ich dank meiner Arbeit ja mittlerweile sehr gut kenne. Wir haben herausgefunden, dass das Benutzen öffentlicher Toiletten in Luxembourg doppelt so viel kostet wie im Rest der Welt, und dass über 40% seiner Einwohner aus dem Ausland kommen. Wir sind vor Hitze halb geschmolzen, während wir uns die Berge rauf- und wieder runtergekämpft haben. Ich habe schon wieder vergessen, wie diese Dinger heißen, auf die man sich stellen kann und die einen dann einfach tragen – ein Brett mit Rädern und einer Stange vorne zum Festhalten. Nein, kein City-Roller – es hört mit „way“ auf und ich habe JO bestimmt viermal nach dem Wort gefragt, weil es sich in meinem mentalen Lexikon einfach nicht manifestieren will. Die Sprachen an sich sind in Luxembourg ja auch ein Erlebnis. Oder sollte man „Lëtzebuerg“ sagen… Was für ein interessantes Verständnis diese Menschen von „Deutsch“ haben.
Sie haben aber allgemein interessantes Verständnis von vielen Dingen. In meinen zwei Tagen dort wurde mir zwei Mal hochenthusiastisch verkündet, wie grandios mein Stil wäre – davon zehre ich dann jetzt wohl die nächsten zehn Jahre. Trust my home country to be the one I get ignored in most of the time – die Menschen, denen ich beachtenswert erscheine, halten sich offenbar als geschlossene Front im Ausland auf. Eine Verschwörungstheorie? Wer oder was will mich zum Auswandern bewegen?

3. Musik.

Das Konzert – der eigentliche Grund unseres Zusammenfindens – war definitiv in vielen Hinsichten ein besonderes. Ich nominiere es für Awards in den Kategorien „beste Vorband“ (die Luxembourger „All The Way Down“ allein waren es wert, den Ausflug durch ein halbes Land hin zu diesem Konzert zu unternehmen), „Weirdest Vocalist“ (die Sängerin von Against Me! war irgendwann mal ein Mann und hat ihre Stimme keinerlei Operationen unterzogen, was zwar bei den Risiken, die das mit sich bringt, absolut verständlich ist, aber trotzdem dem Ganzen ein einfach unvereinbares Wesen verleiht – immerhin war der Sound so schlecht eingestellt, dass man sie kaum gehört hat), „most crowdsurfers“ (es waren mehrere pro Song, es waren viele Songs und natürlich mussten sie alle, allesamt – unserer erstreihigen, mittig gelegenen Position sei Dank – über meinen Kopf hinweg hinter die Security-Barriere den dafür angestellten Sicherheitsmenschen in die Arme fallen. Wurdest du je von einem herabfallenden Crowdsurfer erschlagen? Lass dir gesagt sein – ein-zweimal pro Konzert reicht. Du willst das nicht drei Mal pro Song verkraften. Ich hatte Todesangst wie nichts Gutes, war aber natürlich selbst schuld, weil mein Schädel, obschon malträtiert von den massiven Schuhen, Körpern und Gliedmaßen unzähliger Fallender, immer noch zu dick ist, um mir zu erlauben, meinen Platz aufzugeben und mich damit für defeated zu erklären. I’m not a quitter, dachte ich mir und versuchte weiter Taktiken zu entwerfen, wie dem von oben kommenden Unheil noch halbwegs schadensbegrenzend zu entgehen war – und hatte Erfolg, was du daran siehst, dass ich hier sitze und dieses Romänchen tippe) und „most deafening“ (der Tinnitus scheint sich in meinem linken Ohr häuslich eingerichtet zu haben, und als wir vorletzte Nacht ins Hostel kamen, konnten wir beide kaum schlafen, weil unsere Ohren der nächtlichen Stille zum Trotz ihr eigenes Konzert inklusive Rauschen veranstalteten. Es wird langsam wieder besser, aber es ist ganz eindeutig noch da). All in all, ein gelungenes Konzert, ich stand nur leider am falschen Ort. Mir wurde mal wieder bewusst, was es eigentlich ausmacht, die Band, die spielt, nicht zu kennen. Das ganze Adrenalin hat mir gefehlt, das einen diese ganzen an sich unmenschlichen Bedingungen nicht nur aushalten, sondern sogar als exhilerierend ansehen lässt. JO neben mir war völlig aus dem Häuschen und sprang herum wie nichts Gutes. Ich ebenso, mehr aus schierer Notwendigkeit als alles Andere. Du kannst nicht einfach nicht springen, wenn um dich herum die Menge wie ein brutales Meer in ihrem eigenen Rhythmus wogt. Das lernt man schnell auf Konzerten, das weiß ich nicht erst seit vorgestern.

3.1. Play Me I’m Yours.

Überall in der Stadt stehen Klaviere. Wunderschöne. Man kann darauf spielen; natürlich habe ich JO an beiden Tagen in den Bahnhof gezogen, um mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen und die von dem dort befindlichen Exemplar ausgehende magnetische Anziehungskraft auf mich wirken zu lassen. Das resultierte letztendlich darin, dass ich auf Tausenden von Touristenvideos zu sehen und hören bin, sowie in einer Bekanntschaft mit einem Typen, der irgendwie fand, dass ich toll bin, und meinte, ob ich nicht Lust hätte, ein Konzert zu spielen – er hat Connections. Ich hab‘ Sarah alarmiert, dass sie sich mal Anfang August oder Ende September freihalten soll für unseren Gig in Luxembourg. Jetzt brauchen wir nur noch Equipment, einen Namen und einen Tourbus. Ich war sehr, sehr kurz vorm Hyperventilieren, als wir da weggefahren sind, ich sag‘ es dir.

4. Ich überspringe ein paar Punkte, weil ich langsam müde werde und nachher um halb elf in der Arbeit sein will.

5. Wohnung.

Es sieht so aus, als könnte es diesmal etwas werden. Man wird sehen – heute. Wenn das klappt, liebe ich Trudi. SEHR.

6. Medis.

Heute 4. mediloser Tag; es ist okay, ich muss viel machen und wenig allein sein. Busfahren gestern war grenzwertig, aber alles vollkommen im erträglichen Bereich. Ich arbeite dran.

7. Haare.

Es saß vor mir auf der Fahrt von FFM nach Stuttgart ein Mensch mit so unwahrscheinlich wunderbaren Haaren, dass es eine Qual war, hinter ihm zu sitzen. Ich habe zweieinhalb Stunden lang mit dem Verlangen kämpfen müssen, ihm auf den Kopf zu grabschen. So eine Hülle und Fülle wunderbarer dunkler, fingerlanger, weich aussehender, leicht gelockter Haare. Ich wollte ihn fast schon fragen, ob er sich kurz umdrehen könnte, um herauszufinden, ob der Rest von seinem Kopf so schön war wie die Hinterseite. Aber ich habe es gelassen – immerhin bestand das Risiko, dass sein Gesicht nicht mit seiner Haarpracht hätte mithalten können, und was hätte ich ihm dann sagen sollen? „Nee, schon in Ordnung, dreh dich wieder um“? Maybe not. Langsam muss ich wirklich einsam und verzweifelt sein, diesem Geschehnis nach zu urteilen.

8. Mehr Klempnerei.

Dafür spricht auch (und das spricht andersherum auch dafür), worüber ich wieder verstärkt nachdenke, nämlich dass ich einfach mal eine Therapie anfangen sollte, mit deren Hilfe ich mich vielleicht von diversen meiner Issues (Sexualität, Fallenlassangst, Selbstwahrnehmung, diese Geschichten) befreien könnte, statt mich in der Hinsicht einfach wie bisher als hoffnungslos abzustempeln und sie auf immer mein Denken und Dasein so überaus unvorteilhaft kontrollieren zu lassen. Ich glaub‘ nämlich fast, die Menschen sind einfach nicht so, wie ich sie bräuchte (und wie sie vermutlich noch einige andere Exemplare der menschlichen und nichtmenschlichen Spezies bräuchten) – niemand wird mich, auch jetzt nicht, wo es wirklich nicht schaden könnte, wie ein rohes Ei behandeln, also muss ich weiter und weiter daran arbeiten, mich einfach selbst nicht wie ein rohes Ei zu sehen und – um alles in der Welt – auch keins zu sein. Damit ich lerne, wie man das macht, wenn man nicht gerade auf Medikamenten ist, hätte ich gern ein neues mentales Framework.

9. Schlafen.

Jetzt wird geschlafen.

Das Konzept von schlechter Laune

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Es scheint sich ein Pattern herauszukristallisieren.

Ich finde eine Wohnung.
Ich organisiere einen Besichtigungstermin.
Trudi und ich gehen hin.
Ich bin begeistert und will einziehen.
Trudi fängt an zu jammern und zu meckern und sich an dem einen scheißunwichtigen Mangel der Wohnung aufzuhängen.
Wir gehen nach Hause und ich habe für den Rest des Abends so katastrophale Laune, wie ich sie fast schon gar nicht mehr kannte.

Wirklich, ich bin schlechte Laune nicht mehr gewohnt. Sowas hatte ich einfach nicht zu haben, seitdem ich positiv war.

Wie es mich abfuckt. Ich bin zwar immer noch positiver, als ich es früher je hätte sein können, und bilde mir immerhin noch ein Stück weit Kontrolle über meine Stimmungen ein, aber leicht ist es nicht, das Kontrollieren. Ich war so privilegiert das letzte Jahr. Warum nur, warum nur muss das aufhören? Kann ich nicht weiter dieser sonnige Strahlemensch sein, den nichts umhaut short of a tragedy of apocalyptical dimension? Was mache ich jetzt mit dem unmenschlich hohen Anspruch an meine Selbstbeherrschung, der von der rapide verblassenden kurzweiligen Fähigkeit herrührt, immer gelassen zu sein, niemals in Gegenswart Anderer auszurasten, niemals Frustration über Ungerechtigkeiten, die mir widerfahren sind, an jemandem auszulassen, der nichts dafür kann? Ich war so weltfremd auf Cipralex, ich war richtiggehend erstaunt, dass andere Menschen so etwas tun. Warum machen die das? Warum?

Ich bin nach wie vor jede Sekunde um meine positive Grundeinstellung bemüht. Ich lasse sie nicht aus den Augen, und wenn sie mir zu entgleiten droht, lese ich ihre Spuren, da, wo sie eigentlich hingehört. Das ist anders; das ist jetzt besser. Es ist gut, dass ich sekündlich arbeite, aber besorgniserregend, dass ich die Einzige zu sein scheine. Ich kann niemanden zwingen, positiv zu sein, bewusst zu sein, aber wie soll ich mit Trudi zusammenziehen, wenn sie einfach überhaupt nicht stark genug ist, zu einer nur ansatzweise in die richtige Richtung tendierenden Einstellung zu gelangen?

Anders als früher gebe ich mir jetzt Mühe, nicht zu viel Energie auf diesen entsetzlichen Zustand zu verschwenden. Ich habe drüber nachgedacht, Blossom geguckt und zwanzig Ferrero-Küsschen gefrustgessen, das muss jetzt reichen. Ich darf keine schlechte Laune haben. Wegen solcher Lappalien doch nicht. Vielleicht könnte ich mir Gedanken um meine Mutter machen, die mir letztens nach einer gefühlten Ewigkeit mal wieder eröffnet hat, dass ihr ach-so-tolles Leben in Wirklichkeit ein einziger Albtraum und sie selbst ein posttraumatisch gestörtes Wrack ist. Das wäre doch mal ein akzeptabler Grund für eine suboptimale Stimmung.

„Ich kann kein Buch lesen. Ich kann keinen Film gucken.
Ich kann meine Augen nicht zumachen.“

Wenn sie wegsei, würde es ihr gut gehen. Richtig, richtig gut.
„Aber das willst du doch nicht, oder?“, sagte ich, nachdem die Attacke halbwegs vorüberwar.
„Nein“, sagte sie.

„Dann müssen wir – musst du; ich helf dir, aber du musst es eigentlich allein machen – einen Weg finden, wie wir – oder du, wie du es schaffst, dass du dich in der echten Welt gut fühlst. Du weißt, was ich will, das du tust. Du weißt es ja, und du weigerst dich, also musst du es alleine schaffen.“

Mir ging’s nicht gut an dem Tag. Ihr auch nicht, offenbar.

Wenn doch nur alles weniger schlimm wäre.