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¡Estamos a salvo!

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Noch nie war ich so erleichtert im Angesicht eines Wahlergebnisses. Als es in Österreich knapp war, nicht; als es in Frankreich knapp war, nicht, und wenn im eigenen Land was los war, erst recht nicht; hierzulande ist das meines Erachtens eh alles ein Brei und die beachtenswerte Bedrohung erfolgt in dem Moment, in dem die AfD noch einen Tick salonfähiger wird, aber das kommt schleichend, da fällt man nicht so aus allen Wolken.

Anders das Szenario Costa Ricas. Seit Februar war ich am Bangen, ob Fabricio oder Carlos, ob Hass oder Fortschritt, Elend oder Würde. Mein Erstaunen über Fabricios Wahlsieg in der ersten Runde hielt sich trotz des damit einhergehenden Entsetzens in Grenzen, was auf meine Erfahrungen zurückzuführen ist, die ich einst dort gemacht habe, und die Art von Menschen, mit denen ich damals zusammengetroffen bin. Aber mit dem Entstehen der parteienübergreifenden Coalición Costa Rica als unmittelbare Reaktion auf Fabricios knappen Sieg und all das gewaltige aufbrausende Engagement des sonst so politikverdrossenen Costa Rica haben sich mir Seiten an der Bevölkerung dieses Landes eröffnet, die mir all die Jahre praktisch völlig verborgen waren. Ich habe ein Stück meines Glaubens an die Menschheit in diesen paar Monaten wiedererlangt, falls der zuvor je vorhanden war. Und heute das Ergebnis der gestrigen Stichwahlen; die Menschlichkeit hat triumphiert, Carlos bekam knapp über sechzig Prozent der Stimmen. Das ist, als hätte Sanders direkt gegen Trump kandidiert und in zweiten Anlauf gewonnen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung. Das ist ein Grund zu unsagbarer Erleichterung. Und das bedeutet, dass innerhalb der nächsten vier Jahre nichts weiter mich davon abhält, costarricanischen Boden zu betreten, als meine eigene zeitliche und finanzielle Situation. Wäre es Fabricio geworden, sähe das anders aus. Da hätte man dann auch gleich in die Türkei fliegen können.

Dass ein Großteil meiner Bekannten und Freunde dort heute vermutlich im Gegensatz zu mir und allen mit Hirn gesegneten Costarricanern keine Freudentänze aufführt, ist ein Wermutstropfen, aber im Moment überwiegt die Erleichterung. Nicht nur hat Carlos nun die Chance, seine Sache so gut zu machen, dass es weder den Hirnbesitzern noch den Fabri-Lovers des Landes in den nächsten Jahren schlechter geht als zuvor; er kann auch den hart geschädigten Ruf seiner Partei wieder verbessern und Debakel wie dieses so für die Zukunft verhindern. Sie wären dem Fabri nicht alle derart blind in die Arme gelaufen, hätte sich die PAC nicht zuvor über eine Dekade durch grottige Regierungen und Korruptionsskandale mit viel Erfolg zum allerersten Sündenbock der Nation hochgearbeitet.

Aber genug davon. Es ist ein kleines Land, aber ein großes Beispiel für die Menschheit. Ich bin überzeugt, dass Carlos den offenkundigen Baustellen, die eine 40-Prozent-Rate für zurückgebliebene, heuchlerische, Hass schürende Prediger wie Fabricio erst ermöglichen, mit offenem Auge begegnet und alles in seiner Kraft Stehende unternimmt, um diese eiternden Wunden zu säubern.

Ich, währenddessen, bin noch aus anderen Gründen glücklich: es wird endlich wärmer hier, und ich bereite voll Vorfreude immer weitere Töpfchen mit Saatgut vor, um, wenn es soweit ist, die Terrasse so pflanzenbefüllt als möglich erleben zu können. Aus dem FairTeiler habe ich Topinambur mitgebracht und ein paar Knollen davon eingepflanzt; ein neues Basilikumtöpfchen ist angerichtet, um jene Pflanze zu ersetzen, die ich um ein Haar durch den Winter gekriegt hätte, wäre nicht meine fatale zweiwöchige Abwesenheit vor ein paar Wochen dazwischengekommen. R hat’s nicht so mit Pflanzengießen. Aber dafür bin ich ja jetzt wieder da, und in Zukunft überlasse ich meine Schätzchen definitiv jemand anderem.

Scheiße

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Murat hat Berufung eingelegt. Ich könnte kotzen. Nichtmal so sehr, weil ich Angst hätte, dass das Urteil beim nächsten Mal großartig anders ausfallen würde. Aber der Stress, den das für R bedeutet. Ich habe so einen Hass auf diesen Menschen. Oder was Murat auch immer ist. Wahrscheinlich ein Reptiloid oder Derartiges. Man sollte mal ausprobieren, ob er auf den Anblick von Alufolie allergisch reagiert.

Roberto postet Scheiße bei Facebook und lässt sich nicht überzeugen. Sein Hirn kann Argumente nicht verarbeiten. Die Mehrheit meiner costarricanischen Bekannten unterstützt einen fundamentalistisch religiösen Präsidentschaftskandidaten, der offen zur Diskriminierung Homosexueller und der Verteufelung sexueller Aufklärung an Schulen sowie einer unbedingten Vereinigung von Kirche und Staat aufruft. Ich bin frustriert.

Ich bin so frustriert im Angesicht von so viel menschlicher Dummdreistigkeit, dass ich schon bald Mordgelüste bekomme. Oder alternativ Lust darauf, Murat den Deutschtürken mit Fabricio dem christlichen Fanatiker auf Lebenszeit in eine Gummizelle zu sperren.

Paniklos at work, wheeey.

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Uni und Arbeit heute unfassbar gut überstanden. Dadurch, dass ich schnell arbeite, kann ich mir zwischendurch immer ein bisschen Facebook erlauben. Das hat sehr geholfen. Kepa ist mit seiner gesamten juristischen Ausbildung jetzt fertig und macht sich innerhalb der nächsten Tage auf in Richtung Euskadi. Bis zum ersten Juli hat er Zeit und will bis dahin eine halbe Weltreise unternehmen. Direkt fahren wäre ja öde. Und das Autoli (welches schon bessere Tage gesehen hat) wird nach der großen Reise dann wohl verschrottet.

Ronny hat mir geschrieben. Wohl der dümmste Mensch, mit dem ich freiwillig bei Facebook befreundet bin. Ich mochte ihn nie sonderlich, aber rechne ihm trotzdem an, dass er einer der Wenigen war, die im CRLP damals überhaupt mit mir geredet haben. Ich hatte wirklich nicht viel Auswahl.

Jetzt holt mich die Müdigkeit ein, rapide at that. Es ist wirklich erstaunlich, wie gut ich heute Früh aus dem Bett kam. Ich bin mitten in der Nacht unter dem strömendsten Regen ever von Basti nach Hause gefahren; ich hatte mit ihm zusammen gegessen und Monopoly gespielt, während R anderweitig beschäftigt war. Der kam dafür dann um halb vier morgens an und klopfte an mein Fenster, weil er nicht in der Lage gewesen war zu bemerken, dass ich ihm vorne an der Haustür den Schlüssel rausgelegt hatte. Also aufstehen und aufwachen. Er fiel ins Bett und war weg; ich lag ewig und drei Tage herum und konnte nicht mehr einschlafen. Optimal gelaufen. Dafür half mir seine noch immer anhaltende Komatosität vier Stunden später beim Aufstehen. Um meine Disziplin ist es nicht sonderlich gut bestellt (oh welch eine Feststellung, denkst du dir jetzt), und es fällt mir wesentlich leichter, aus dem Bett zu kommen, wenn anstelle eines Lebendkuscheltieres eine reglose Katerleiche da liegt.

In der Uni war ich heute insofern ungemein und ungewohnt erfolgreich, als ich gefühlt zum allerersten Mal in meiner nunmehr bald achtsemestrigen Laufbahn etwas wirklich Nützliches zu einer Vorlesung beigetragen habe (Vorlesung, wohlgemerkt, kein Seminar, nein, eine Vorlesung), was umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, dass es Neurolinguistik war und ich nicht den leisesten Schimmer habe, was der Mensch von uns eigentlich will, aber aus irgendeinem Grund beschloss mein Leben, dass heute der Tag gekommen war, an dem ich mich in einer Vorlesung zu Wort melde und sage: „Ich habe mir überlegt, dass man Nullderivate untersuchen könnte. Dann fällt dieser Unterschied in der Wortlänge und so weiter schonmal weg.“

Alter, wie er reagiert hat. „Nullderivate, ja, das ist clever. Damit kann man ordentlich was machen, das seh‘ ich.“ Und dann in die Runde: „Was Nullderivate sind, wissen alle? Ja? Ja? Nein? Ja… Ja. Hat noch jemand was? Okay, ich würde auch sagen, wir bleiben bei den Nullderivaten.“

Oh. Mein. Gowai. Das erste Mal in meinem Leben habe ich mit Fachterminologie kommuniziert und den Verdacht erweckt, irgendjemand unter den Kommilitonen könnte eventuell nicht wissen, was damit gemeint ist. Ja, sicher, Neuro ist ein Seminar aus einem niedrigen Modul, das für gewöhnlich von Zweit- bis Viertsemestlern besucht wird, aber hey, ich bitte um galantes Ignorieren dieser Tatsache. Irgendwo muss man doch anfangen. Vor allem bleibt zu bedenken, dass ich die ersten sieben Semester eher gestorben wäre, als in einer Vorlesung in einem Hörsaal aus freiem Willen meinen Senf dazuzugeben. Das habe ich heute gefeiert und fand Neuro für den Rest der VL gleich viel erträglicher.

Arbeit, wie gesagt, lief sehr gut. Paniklos heute. Keine Ahnung, wieso nun genau, aber mir ging’s besser als sonst. Zwischendrin habe ich noch versucht, für Laura bei dem Therapeuten anzurufen – ich habe mir extra von R nochmal ihren Terminplan durchgeben lassen, den ich mir zu Hause auf einem Zettel notiert hatte, nur um festzustellen, dass der Mensch bis zum 3. Juli nicht zu erreichen ist. Dafür habe ich den neuen Auftrag bekommen, morgen mit seiner Vertretung zu reden. Ich bin’s ihr schuldig, immerhin habe ich jetzt einen Termin zum EKG und Routinelabor. Bei welchem Arzt, muss ich zwar noch herausfinden, da ich versäumt hatte, Laura zu erklären, dass sie den Termin bei meiner Hausärztin machen sollte, aber das wird schon. Sprechstundenhilfe wird es mir schon sagen. Oh je.

Nach der Arbeit habe ich mit Basti hier zu Hause gehangen, beim Pilzehäuten Ugly Americans geguckt und danach bei einer Folge Fringe ein paar Brötchen und Chips gegessen. Herrliches Leben. R ist wahrscheinlich gerade erst mit der Arbeit fertig und trifft sich jetzt erstmal noch mit einem Kumpel, den es von Suizidgedanken abzuhalten gilt. So leid es mir tut, ich schlaf‘ jetzt. Ich falle langsam, aber sicher zusammen. Man darf auch nicht die Anstrengung unterschätzen, die das Containern von unseren Grillzutaten für Donnerstag dargestellt hat; etliche Kilo Gemüse durch die Gegend zu karren und wieder zurück (wenn der Spot nunmal auf dem Weg zur Arbeit liegt..) schlaucht irgendwie.

Ade.

Den Klappstuhl ausgraben

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Schon wieder ein 15. September. Während ich vor drei Jahren an diesem Tag in einem Ländchen auf einem fast vor Hitze berstenden staubigen Bordstein gesessen habe, das sich 1821 um die Zeit von seiner Kolonialmacht independisiert hat, ist dies nun schon das zweite Jahr in Folge, in dem ich ihn auf der anderen Seite der Unabhängigkeit verbringe, in Spanien nämlich.

Was für ein Satz. Würde ich mich nicht besser kennen, wäre ich erstaunt beim Gedanken daran, dass ich vor ein paar Stunden noch völlig hinüber war, wie auch immer ich das mit zweieinhalb Bechern Cola-Rum und einem ordentlichen Abendessen vorher hinbekommen habe. Am Ende wäre ich um ein Haar auf dem Klo eingeschlafen – oder bin ich? Pedro und Enara haben mich von draußen gerufen, wer weiß, wie lange ich sonst noch dadringesessen hätte. Ich schieb’s auf Cipralex.

Aber es war schön! Enaras Pläne waren mit meinen Präferenzen völlig kompatibel und meine Befürchtungen, was laute Clubs angeht, somit umsonst. Irgendwann wurden wir von unserem gemütlichen Plätzchen unter den Arkaden zwar polizeilich verscheucht, aber was soll’s. Ich bin dann meinem Zustand entsprechend irgendwann bald nach Hause gegangen – hab’s ja zum Glück nicht weit mit meiner episch zentral gelegenen Wohnung – und ins Bett gefallen und habe mir den schönsten Schwachsinn seit Langem zusammengeträumt.

Hach ja. Wie Sarah so treffend sagte letztens, es wäre ja todlangweilig, wenn einfach mal irgendwas klappen würde. Das nur so halb auf den Traum und so halb auf den ganzen Rest bezogen. Aber ich freu mich ja schon, dass so viel immerhin fast klappt.
Und ich merke gerade, dass ich so ganz wiederhergestellt noch nicht sein kann, weil ich merkwürdiges Zeug schreibe.

Hunger.

Ei-Ei-Ei-Ei.

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Und schon ist es wieder soweit: Mustafas Eier sind einmal mehr in Gefahr, von sammelbesessenen deutschen Kleinkindern in Beschlag genommen zu werden. (Wer bis jetzt noch nicht Kaya Yanars Made in Germany gesehen hat, sollte es schleunigst nachholen.)
Ich werde tatsächlich dieses Jahr keine Eier suchen. Auch wenn meine Eltern und ich bisher allen Widrigkeiten zum Trotz die Tradition aufrecht erhalten haben, diesmal wird der Spieß umgedreht. Ich habe bis gerade eben noch mit Papa unten gesessen und gefärbt und bemalt und beschriftet – wir haben dieses Mal Lebensmittelfilzstifte, mit denen man wunderbar Sachen auf Eier schreiben kann. Eine herrliche Abwechslung zu den (obschon natürlich ebenfalls tolle Ergebnisse erzielenden, dafür aber gelatinehaltigen – ich erwähnte) Färbestäbchen, die wir sonst immer verwendet haben – meine Mutter war am Schlafen, sie ist immer noch gejetlagged und wacht dafür bisher gegen halb vier Uhr morgens auf. Dafür werde ich morgen die Eier im Haus verstecken und Mama darf suchen.

Außerdem hatten wir heute eh einen nicht so unanstrengenden, wenngleich sehr schönen Tag; wir waren stressfrei in Hamburg und haben alle möglichen Asien-Läden nach sri-lankesischem Essen durchstöbert – oder Sachen, die man dafür braucht – das erste Mal seit Längerem ist ein Familienmitglied aus einer anderen Kulturzone zurückgekehrt und wünscht sich nun, diese in sein Leben hier zu integrieren. Meine Versuche damals, das Gleiche mit der costarricanischen Küche durchzuziehen, sind ja mehr oder weniger gescheitert. Ich kann mich ja bis heute kaum damit abfinden, dass es weder Natilla noch Salsa Lizano noch die richtigen roten Bohnen hier gibt – Don’t even get me started.

Ja. Und so schnell ist also wieder Ostern. Ich glaube es gar nicht.
Und wir funktionieren so viel besser zusammen. Ich bin seit geraumer Zeit dabei, eine riesige Lektion zu lernen, glaube ich, eine ganz wunderbare, fast nicht mehr vorstellbare Tatsache – dass nämlich auch Sachen wieder gut werden können. Selbst wenn man sie für verloren erklärt hatte. Selten hat mich etwas, das ich im Leben gelernt habe, so überrascht und überwältigt.

Da fällt mir ein. Liebe Monia, ich habe mich bis heute nicht für deinen unglaublich lieben Zuspruch und dein Interesse unter meinem Bericht im November über den Neuanfang mit Caro bedankt. Falls du es jemals liest – das tue ich hiermit, und ich mein’s wirklich so; in der Verwirrung damals war deine Reaktion mit eine der hilfreichsten und verständnisvollsten, die ich bekommen habe. Dass ich dir darauf nicht geantwortet habe, hat nur die Annahme zum Grund, dass deine Neugier so weit dann doch nicht reichen würde und ich statt der drei Seiten, die ich wahrscheinlich geschrieben hätte, lieber deine Toleranz für verwirrte Geisteszustände gewisser merkwürdiger Bloggerinnen nicht überfordern wollte.

Uff, jetzt fühl ich mich gleich noch besser. Das war mal überfällig.

Find Ourselves Again

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Wahnsinn, was ist mit meiner Familie passiert? Wir waren nun schon ein paar Stunden wieder komplett zusammen an einem Ort und haben uns alle zusammen wunderbar verstanden.
Ich hatte ausgezeichnete Laune und habe mich doch noch richtig gefreut, meine Mutter am Flughafen zu sehen, als sie rauskam.
Mit meinem Vater habe ich in den letzten beiden Tagen auch kein einziges böses Wort gewechselt, nichtmal das Bedürfnis danach hatte ich, und ich habe ihn richtiggehend gemocht, wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Ich war sogar bei ihm in der Arbeit heute; Simone und Julia und ich hatten uns ja vorher in der Stadt getroffen, ein bisschen bei McDonald’s gehangen und dann waren die beiden auch schon wieder weg; mir blieb eine Stunde, bis ich mich mit ihm vor der Bank verabredet hatte (um danach zum Flughafen zu fahren), also habe ich ihn angerufen, ob ich noch zu ihm reinkommen könnte solange. Es waren um die Zeit auch kaum noch Leute da, und die Begegnungen mit den paar Kollegen von ihm, die uns noch über den Weg liefen, habe ich auch gut überstanden. (Ich bin halt nie da, vielleicht so einmal in drei Jahren, durchschnittlich, und kenne daher praktisch niemanden von seinen Kollegen. Weshalb ich mich schon ein bisschen merkwürdig fühle, wenn ich dann doch mal im Büro herumlaufe.)

Jedenfalls hatte ich aber so gute Laune heute, Medis und einem schönen Tag und einer Tasse Kaffee aus der Büroküche sei Dank, dass ich mich selbst richtig überrascht habe mit meiner Umgänglichkeit und fast schon übersprudelnden Zuneigung gegenüber meiner Familie. Ich glaube fast.. -aber wenn ich es hinschreibe, jinxt das nicht alles? Egal. Es ist fast, als hätten wir noch Hoffnung, wieder richtig zusammenzufinden. -Und dass ich das wirklich denke, kann ich auch wieder kaum glauben. Sehr merkwürdig. Ich bezweifele, dass das lange anhält. Oder nein, ich bezweifele nichtmal, ich versuche nur, mich davon abzuhalten, es wirklich zu denken.

Mama hat Maracuyás aus Sri Lanka mitgebracht, zwei Kilo, und ich habe vorhin eine gegessen. Kann man sich das vorstellen, eine richtige Maracuyá, nach so langer Zeit wieder, wie ich mich gefreut habe.
Oh, und wo ich (so halb) dabeibin, mein Paket für meine familia tica ist angekommen, sie haben sich gefreut und eigentlich wollten wir heute reden, aber ausnahmsweise bin mal nicht ich diejenige, die die andere Seite versetzt, sondern es scheint, als wäre Keyla wirklich nicht bei Skype. Gut, wirklich schlimm finde ich es nicht, ich bin auch ganz froh, jetzt einfach noch ein bisschen im Bett zu hängen und dann zu schlafen.

Cuando por fin..

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Gerade höre ich eine verstümmelte Aufnahme von Down to Bogotá, die ich irgendwann mal gemacht hatte, als meine Gitarrenkenntnisse, gelinde gesagt, auch nicht besser waren als jetzt – wie auch, es war letzten Sommer irgendwann – und überlege, wie verrückt das alles war damals. Schreib einen einzigen Song und sei nach drei Monaten über den unerwarteten Verlust eines Menschen hinweg, den du eh kaum kanntest. Schreib zwanzig Songs und sei nach, äh – gesegneterweise zähle ich nicht mehr; vielleicht ist dieser glückliche Umstand auch meiner Aversion gegen große Zahlen zu verdanken – siebzehn Monaten über den unerwarteten Verlust eines Menschen hinweg, den du im Endeffekt auch nicht wirklich kanntest. Zumindest so weit, dass du nicht bei der erstbesten Gelegenheit, die sich dir bietet, wieder alle Vorsicht und Würde aus dem Fenster wirfst. Das ist doch schonmal ein guter Fortschritt, den ich da gemacht zu haben scheine.

Mich erinnert diese ganze Situation an einen Spruch bei Facebook, den ich vor einem guten Jahr gelesen habe – in der Nacht vor meinem Geburtstag, als ich hier am Computer hing und mir mit Nichtstun die Zeit um die Ohren geschlagen habe, ähnlich wie jetzt, nur aus anderen Motiven. „Y cuando por fin estás empezando a superarlo… te viene a hablar.“
Und ich dachte nur, na das werden wir ja sehen.

Und dann dachte ich eine ganze Zeit, der Spruch hat sich einfach nicht bewahrheitet.
Und dann war es plötzlich jetzt.
Hm.

Verdammt, ich sollte schlafen gehen, um nicht wieder den ganzen Tag zu verschlafen. Kurz vor vier bin ich aufgewacht gestern, schlimm sowas. Nicht dass mein restlicher Tag nicht noch sehr schön war; ich hatte eine unglaublich spezielle Zeit mit (Band-)Sarah in der Stadt, ein leckeres aus Lebkuchen bestehendes Abendessen und danach ein gutes Gespräch mit Caro, davor und danach noch ein paar Telefonate mit Robert und Janine und meinem Vater, und dann mit Keyla und Dylan. Endlich mal wieder. Key sagte mir, dass Yara (die vor ein paar Monaten aufgehört hat, mir zu antworten, wenn ich sie angeschrieben habe – ich habe mir, wie man gemerkt haben wird, nicht so den Kopf drum gemacht, aber irgendwo wurmt einen sowas ja immer ein bisschen) wohl meinte, sie hätte keine Ahnung, warum wir nicht mehr reden würden, und wüsste von nichts, und es kam mir alles sehr merkwürdig vor. Ich glaube ja nicht daran, dass die ganzen ignorierten Skype-Nachrichten ein Missverständnis gewesen sein können. Aber gut; das werde ich herausfinden, sobald Keyla das nächste Mal mit Yara redet.

Aber was das angeht, bin ich doch ziemlich stolz auf meine perfekte Whatever-Einstellung. Was kann mir das schon anhaben, da habe ich schon Ignoriert- und Verlassenwerden von ganz anderen Kalibern überlebt.

Und immer immer wieder..

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Ich kann nicht glauben, dass es schon so spät ist.

Habe heute viel gekocht – für drei Tage im Voraus -, wodurch wahrscheinlich die Zeit so verflogen ist, und außerdem drei Stunden lang mit Keyla und Roberto geredet – das erste Mal seit Monaten.
Und es ist genau wie jedes Mal. Ich denke mir schon wieder, dass ich es langsam doch begreifen müsste: Ich habe nichts zu befürchten – sie haben mich nicht vergessen – nichtmal Dylan macht Anstalten, mich zu vergessen – ich bin ihnen immer noch wichtig – es sind ganz tolle Menschen und Key ganz besonders – und ich kann mit ihnen reden. Auch wenn mein Spanisch nicht das Allerallerperfekteste ist – nie war und jetzt erst recht nicht mehr, ohne die ganze Übung, die ich haben könnte, würde ich nicht aus all den Befürchtungen und paranoiden Vorstellungen immer wieder monatelang vermeiden, mit ihnen in Kontakt zu treten.

Und jetzt mit den Tropfen schaffe ich es sogar langsam, selbst in der fremden Sprache mehr von dem nach außen hin zu kommunizieren, was ich so denke. Einfach mal sagen, was ich denke, nicht immer stundenlang darüber noch nachdenken. Selbst wenn ich mal Fehler mache. Das konnte ich nie. Ich habe ja bis zum Ende kaum einen wirklich ungezwungenen Satz mit irgendeinem meiner dortigen Familienmitglieder gewechselt, ausgenommen Dylan und Roberto, einfach weil ich immerzu noch am Rumformulieren war und am Wörtersuchen, und dabei geht so viel von der Menschlichkeit verloren, wirklich, ich wundere mich, dass sie mich überhaupt so gemocht haben, dass sie mich immer noch als Teil der Familie sehen und ich jetzt endlich noch die Chance bekomme, es besser zu machen.

Mein Türkischvokabellernpegel steigt momentan in den Himmel; morgen sind um die 80 Wortwiederholungen fällig und ich muss immer noch die Hälfte von dem Song übersetzen, den Sebi geschickt hat, damit ich ihn mir bis zur nächsten Probe anschaue. Es ist so eine „frenzy“ gerade bei mir. Ich mache ja sonst nichts, vernachlässige Unizeug generell zu Gunsten von Filmen und Skypen und Gammeln, aber Mangel an Motivation fürs Vokabelnlernen kann mir niemand vorwerfen.

Heute war ich eh so produktiv, mit dem ganzen Kochen und zwischendrin war ich noch Pfandsachen wegbringen und ich habe schon Geschenke eingepackt, und, ich meine, ich habe mich überredet, mit meinen Ticos zu reden, als Roberto mich angeschrieben hat. Und ich habe mir für morgen Nachmittag einen Zeckenimpfungstermin gemacht – telefonisch, worauf ich ganz stolz bin – und bin somit genau nach Plan jetzt im Dezember mit der letzten Impfung durch.

Jetzt rede ich schnell noch mit Simone, um unsere Pläne für nächsten Sommer zu besprechen.. Gut, dass ich so ein bisschen manisch bin heute, da hält die Tatkraft noch der Müdigkeit die Waage. Aber dann gehe ich schlafen, whoa, meine Augen tun weh und ich habe letzte Nacht wieder zu wenig geschlafen.

Basketbälle im Brustkorb, autsch.

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Zweiten Tag in Folge mit Panik aufgewacht, was wird das denn hier? Ich komm‘ mir ja schon vor wie Anfang des Jahres. So vegetiere ich am Rande einer Attacke hier vor mich hin. Jetzt schreibe ich mit Robert, was ein wenig hilft, aber nicht wirklich, weil ich schon wieder nicht das sagen kann, was drinnen im Kopf hämmert. Außerdem kann ich nicht aufhören, ihn auf etwaige Anzeichen von potenziell bösartiger Beschränktheit hin zu analysieren, dank dem Gespräch mit Laura gestern Abend. (Edit: Inzwischen bin ich aber noch mehr zu der Einsicht gekommen, dass keine dasind. Es hilft, das zu sagen, was im Kopf hämmert.)

Gerade höre ich mein NOTY und überlege mal wieder, ob es gut ist. Eigentlich bin ich sogar mit der Demo halbwegs zufrieden; besser geht’s halt momentan nicht.

Und ich mag den Text so. Den ersten Teil vom Chorus vor allem, der noch aus Costa Rica-Zeiten kommt (übrigens rede ich heute abend mit Keyla! Sie haben das Erdbeben alle gut überstanden; ich hatte erstmal allen geschrieben, ob’s ihnen gut geht, aber niemandem scheint was passiert zu sein) – und den (absurden) Rest aber auch.

Heute Abend kommt der Übermensch nochmal vorbei – der ist gerade übers Wochenende wieder in der Stadt und kam mich gestern auf dem Weg zum Waschraum mit seiner kleinen Schwester kurz besuchen. Sehr beängstigend das Ganze; ich dachte eigentlich, er hätte mich über die Ferien vergessen oder so.

Ich werd nochmal mein 2,000 Lights-Cover hören, vielleicht beruhigt das ja irgendwie?

Ich habe ein Leben und es überfordert mich.

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Gerade habe ich mal wieder ein Stündchen Zeit. Mein innerhalb der letzten Woche merkwürdig aufgeblühtes soziales Leben fängt an, mir Sorgen zu bereiten. Ich weiß nicht, was ich mit dem Mensch von oben-an machen soll. Es ist alles einfach nur so unheimlich und so viel. Gestern sind wir zum Hörnle gefahren – so kam ich tatsächlich auch mal hin; ich hatte es bis dahin den ganzen Sommer über nicht geschafft – er hat mir sein Fahrrad gegeben, weil ich ja kein eigenes hatte, und ist selber mit Inlinern gefahren. Wir haben den Nachmittag ganz OK mit Reden herumgekriegt, wenn auch nichts haarsträubend Interessantes dabei herauskam. Also keine unglaubliche Verbindung oder so etwas. Du weißt schon, wie wenn man das erste Mal richtig mit jemandem redet und dann nachher da sitzt und einfach nur denkt „ich mag die Person!“ Alles, was ich dachte, war „na so schlimm war es dann ja doch nicht.“

Ich habe dann seinem Noch-Mitbewohner, der Dienstag zurück in die USA geht, sein Fahrrad abgekauft – richtig, ich habe endlich wieder ein Fahrrad hier unten! Das letzte Mal ist wahrscheinlich an diesem Blog ganz spurlos vorbeigegangen, das war in der Zeit, wo ich nicht geschrieben habe, weil ich 1) zu viel Nebel im Kopf hatte und 2) paranoid war und dachte, Caro würde ihn aufspüren und durchlesen. Da jedenfalls hatte mir Lenas Mitbewohnerin Erika ihr altes Schrottrad geschenkt, welches mir zwei-drei Tage lang gute, wenn auch von leicht beunruhigenden Geräuschen begleitete Dienste leistete, bevor es mir direkt vor dem Haus weggeklaut wurde. Sowas braucht man, wenn man völlig am Ende ist, oh ja. Aber jetzt habe ich wieder eins, ein gutes noch dazu – mal sehen für wie lange diesmal.

Dann wollte der Obenüber-Mensch (sagen wir doch lieber Phillip, das klingt nicht so degradierend) wissen, ob ich heute nochmal was machen will. Meine berauschenden Fähigkeiten diesbezüglich sind ja bekannt, also fragte ich, ob er Lust hatte, mir seine Indien-Fotos zu zeigen (er ist sechs Wochen lang mit seinem Mitbewohner dort herumgereist und hatte mir davon ein bisschen was erzählt).

Gerade nachdem ich mich vollends kaputt von den Strapazen hier zu Hause niedergelassen hatte, rief Lena an, ob ich aufs Weinfest kommen wollte. Also fuhr ich hin – mit meinem neuen, noch unbezahlten Fahrrad – und schlug mir mit ihr, ihrem Freund und einer Person, die ich noch nie gesehen hatte, eine halbe Stunde in dem ekligsten Gedränge mit der abartigsten dröhnenden Musik für Besoffene um die Ohren, bevor wir gingen und uns an einem weniger vollgestopften, dröhnenden Ort sezten. Das war dann eigentlich auch noch ganz schön, es war herrlich warm dafür, dass es mitten in der Nacht war, und ich bin eh sehr gerne nachts draußen. Vor allem irgendwo, wo es ruhig ist.

Heute früh war ich dann kurz in der Stadt, Geld holen, um Phillips Mitbewohner zu bezahlen, und ging von da aus direkt zu ihnen hoch. Phillip hatte vorher noch geklingelt, ob ich indisches Essen mitessen wollte, und war noch am Linsenkochen. Es roch wie im indischen Restaurant, als ich da reinkam. Aber ist klar, mit original indischem Curry, da kommt man ja wahrscheinlich gar nicht dran hier. Und um mich irgendwie zu revanchieren, habe ich mir für Dienstag noch eine Verabredung eingehandelt, bei mir unten. Costa-Rica-Fotos und dementsprechend Reis mit Bohnen und Yuca und Plátanos. Ich würde ja wirklich liebend gern richtiges costarricanisches Essen machen, aber wie meinem gesamten Bekanntenkreis bekannt sein dürfte, ist es nunmal unmöglich, gewisse Zutaten (Natilla, tortillas tostadas, Salsa Lizano, Masa Rica, simpelste Nachos ohne Geschmack, Früchte, ja selbst die richtigen Bohnen) hier zu bekommen. Oh was gäbe ich alles für einen einfachen Pinto mit Natilla..

Ja. Gleich gehe ich dann zu Janas Antipasti-Essen. Morgen habe ich mal wieder absolute Ruhe, das wird herrlich.. und viel zu schnell vorbei sein. Mir ist das alles zu stressig. Vor allem weht mich einfach jedes kleinste Bisschen Stress auch immer so um, ich hab ungelogen heute morgen schon wieder fast im Bus geheult. Und was meinst du, was gestern bei mir los war, als ich festgestellt habe, dass der Hohwachter Brückenmoment ein Jahr her ist. Heute oder morgen oder so. Mir ist das nur eingefallen, weil wir, bevor ich nach Hause gefahren bin, noch auf der Fahrradbrücke standen und es so schön war. Ich finde es immer noch nicht sehr angenehm für die Seele, irgendwo nachts auf Brücken zu stehen.