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Richtiger Kaffee

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Oh, diese Phrasen, die man einmal hört und dann ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Jeden Morgen beim Kaffeemachen. „El agua tiene que estar hirviendo.“ Das war Marta aus dem CRLP, die mit den Kollegen über die Kunst des richtigen Kaffees redete, während der Chorreador seine tägliche Arbeit verrichtete.

Jedes Mal beim Ausleeren von Flüssigkeit aus einem Behältnis. „No puedes ordeñar a un cartón de leche.“ Araceli in Málaga, die mich dabei beobachtete, wie ich noch den letzten Rest Milch aus der Packung zu schütteln versuchte – eine Angewohnheit, die ich bis dato nicht abgelegt habe.

Jedes Mal beim Blick auf die letzten Herbst containerten Zierpflanzen auf meiner Terrasse. „Kann man Stacheldra essen?“ Yannick, während wir die leicht verstümmelte Aufschrift auf den Töpfchen zu entziffern versuchten.

So vieles entzieht sich mittlerweile meiner Erinnerung, über weiten Teilen meiner Vergangenheit liegt dichter Nebel, mein Gedächtnis hat sich irgendwann zum Streik entschlossen oder lässt mich einfach nicht mehr teilhaben an allem, das es aufbewahrt. Und dazwischen diese random Schnipsel, die sich einfach eingebrannt haben.

Ich ziehe immer häufiger in Erwägung, die Medis herunterzudosieren, auch wenn ich mich davor fürchte, was unter dem Schleier liegt, und davor, wie es sich auf meine Funktionalität auswirken könnte. Aber ich kann es nicht ab, wie alles vorbeizieht, ohne wirklich zu mir durchzudringen. Ich kann nur diese Woche nicht damit anfangen, weil mein Therapietermin heute ausfiel und ich den Beistand der Therapeutin benötige.

Ich habe neulich ein Interview mit Bert McCracken gelesen, in dem unter Anderem darüber berichtet wird, wie einer seiner besten Freunde sich umbrachte, nachdem er eine Woche lang seine Medikamente nicht genommen hatte. Davor habe ich auch Angst. Aber ich halte mich für fähig genug, das zu vermeiden. Ich muss einfach dafür sorgen, dass noch Medis im Haus sind, sodass man zur Not direkt wieder damit anfangen kann. Und mit Leuten reden, um die eigene Wahrnehmung geradezurücken. Das ist das Allerwichtigste. Dazu muss man sich auch zwingen, wenn man gar keinen Sinn darin sieht. Gerade dann.

Aber genug davon. Ich muss arbeiten und Becci ruft mich irgendwann an, um unseren Urlaub zu besprechen, bzw. ob dieser stattfindet. Ich hoffe so halb, dass wir uns dagegen entscheiden, denn die Aussicht auf eine Reise überfordert mich und ich würde im Grunde gern daheim bleiben, sehen, wie sich meine Keimlinge entwickeln und ob sich demnächst eventuell doch mal sowas wie Frühlingswetter hier einstellt. Die zwei-drei warmen Tage vor einer gefühlten Ewigkeit waren trügerisch und habe nur dazu geführt, dass ich einen Teil der Pflanzen zu früh rausgestellt habe, welche im darauffolgenden Regeninferno teils von umfallenden Obelisken erschlagen und teils überwässert wurden. Oh, meine arme Paprika. Oh, meine arme Kurkuma.

Aber ich ziehe neue Zinnien, Wunderblumen, blühende Sträucher aus Martinique und Tomaten sowie ein paar Chilis heran, nicht weil ich unbedingt Chilis brauche (mein Vorrat reicht schon bis in die Unendlichkeit), sondern weil sie einfach so hübsch sind und irgendjemandem bestimmt eine Freude bereiten, wenn ich sie dann ernte. Und wer weiß – falls ich tatsächlich mal in die glückliche Lage komme, ein Gewächshaus um meine Behausung herum bauen zu können, können all diese Pflanzen dort einziehen.

Es ist tatsächlich ein Ding, Häuser im Gewächshaus. Ich habe dies R gegenüber bereits als mein neues Lebensziel deklariert und – welch angenehme Überraschung – er sagte, er würde liebend gern mit mir in ein Gewächshaus ziehen. Natürlich sagte er dies auch damals über mein Selbstversorgerprojekt, was ich ihm sogleich vorhielt, aber er entgegnete, dies sei ein realistischeres Ziel. Plus, es kommt mit so vielen Vorteilen: Heizkostenminimierung, effiziente Ausschöpfung aller Ressourcen inklusive Regenwasser und sogar Komposttoilette, wenn man es richtig macht. Solch ein Ding zu planen wäre ein Traum, darin würde ich aufgehen.

Nun rede ich erstmal mit Becci.

Vierzig Grad

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Ein bisschen komme ich mir vor wie im Delirium. So, als hätte ich richtig hohes Fieber, so eines, in dem alles irgendwie vorbeizuziehen scheint, man nicht schläft und nicht wach ist und ab und an die Realität für einen Augenblick ganz deutlich wird, um einem im nächsten schon wieder in unerreichbare Ferne zu entgleiten.

So gestaltet sich mein Leben seit Jahren, vielleicht ist daher auch mein Detailgedächtnis so überaus grottig geworden. Vielleicht liegt darin auch die Tatsache begründet, dass ich nie weiß, was ich der Therapeutin erzählen soll, wenn sie wieder fragt, was dieses Mal dran ist. Ich vergesse alles und existiere nur im Moment. Nur die Sorge um die Zukunft bleibt verlässlich an meiner Seite und sorgt dafür, dass ich mir allzeit darüber im Klaren bin, dass dieser eine Moment, der mir erhalten bleibt, nicht ausreicht für alles, das noch kommt.

Und vielleicht habe ich auch einen Grund ausfindig gemacht, aus dem mir die Motivation zum Schreiben zu großen Teilen abhandengekommen ist (neben dem bedauerlichen Umstand, dass Motivation, egal für was, einfach Mangelware ist), dass nämlich dem, was eigentlich gesagt werden müsste, Wörter einfach nicht gerecht werden, so sorgfältig man sie auch wählen möge. Götz Widmann hat ein Wunder vollbracht, als er genau dies in Worte gefasst und eine der raren Gelegenheiten geschaffen hat, in denen es doch gelingt – indem er eine ganz grundsätzliche Wahrheit auf so vollkommene Weise verbalisiert hat, dass die Formulierung sich selbst durch ihre Existenz Lügen straft: Die Worte sind Hülsen für was, was nicht in Hülsen passt.

Mein Fieber ist die Lethargie, die Lähmung, wie man es auch nennen mag, die Taubheit, die völlige Abwesenheit von Willenskraft, Energie oder Motivation, die absolute Nichtteilhabe am Leben oder an dem, was ich mir unter Leben vorstelle. Meine klaren Momente sind die, in denen ich tätig bin, fühle, lerne oder entscheide, oder vielleicht auch einfach diejenigen, in denen ich mich zu alldem zumindest fähig wähne.

Demnach bin ich gerade wach. Ich habe leichte Panik, die wohl daraus resultiert, dass ich mir verschiedene Dinge für heute vorgenommen habe und diese erledigen muss, bevor Becci ankommt. Dazu zählt Duschen, Pfand wegbringen, Wäsche versorgen und staubsaugen, und wenn Becci dann da ist, bitte ich sie um Hilfe beim Handling meiner Essenssituation. (Die Situation gestaltet sich solcherart, dass ich bereits seit Längerem alles Essen, das ich anschleppe, einfach auf dem begehbaren Kühlschrank aka Terrasse fallen lasse und somit der Bereich hinter der Terrassentür über mehrere Quadratmeter mit Tüten und Taschen voll unsortiertem, ungewaschenem, generell unversorgtem Zeug steht und mich maßlos überfordert. Das kann so nicht weitergehen, aber um etwas daran zu ändern, brauche ich Hilfe. Die bekomme ich von R nicht, also muss Becci ran.)

Ein kleineres Drama mit R gestern Abend brachte mich zu der Erkenntnis, dass es um R’s Geisteszustand nicht besser bestellt ist als um meinen, was einerseits (im ersten Moment könnte dies paradox wirken) auf mich beruhigend wirkt (aber wenn man bedenkt, dass somit die Hoffnung besteht, dass er es schaffen könnte, sich irgendwann aktiv um mich zu kümmern, wenn es ihm besser geht, und ich von der ganzen emotionalen Arbeit einfach mal Pause hätte, wird deutlich, warum ich erleichtert bin zu erfahren, dass dies gerade nicht sein Top-Zustand ist), andererseits allerdings Grund zu großer Sorge darstellt, weil er den Eindruck machte, als seien seine Sicherungen permanent kurz vor dem Durchbrennen. Meines Erachtens braucht er Hilfe, die ich ihm nicht geben kann, weil er sie nicht möchte. Wie bekommt man jemanden dazu, sich professionellen Beistand beim eigenen Seelemanagement zu holen, wenn sein Problem gerade darin besteht, dass er sich aus Angst vor Überforderung weigert, sich mit sich selbst auf die dafür notwendige intensive Art auseinanderzusetzen? Vielleicht frage ich mal die Therapeutin.

Ja, ich frage sie definitiv mal.

Wach

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Hallo, Welt!

Ich bin zwar kein Computerprogramm, aber ich finde, man darf auch als Mensch mal die Welt begrüßen, wenn einem danach ist.

Dieses Aufwachen habe ich vermisst. Ich schätze auch, dass es nicht so lange halten wird; mittlerweile lebe ich eigentlich hauptsächlich im Sumpf, und das gar nicht mal so schlecht. Es ist halt nicht sehr viel los da unten, aber das gilt in alle Richtungen. Nichts Tolles, nichts Schreckliches; man vegetiert dahin und denkt ab und an darüber nach, dass alles Leben an einem vorbeizieht.

Heute aber bin ich wach und da. Ich habe gestern Abend eine To-Do-Liste erstellt, die so gigantisch ist, dass ich sie unmöglich dieses Wochenende abarbeiten kann. Das macht aber nichts. Hauptsache, ich tue überhaupt etwas.

Draußen liegt Schnee und der Himmel ist weiß-gräulich.

R ist auf der anderen Seite der Stadt, weil die Solid sich versammelt. Daher bin ich allein, was mich zum Handeln befähigt.

Ich hatte einen Impuls vorhin und habe nach Depressions-Selbsthilfegruppen in der Stadt gegooglet. Die Idee hat sich in meinem Kopf wirklich ziemlich gut angehört; eine der besseren in letzter Zeit. Natürlich habe ich nichts gefunden außer einer komischen EA-Gruppe, die mich nicht ganz überzeugt hat. Es klang einfach schon so dogmatisch und – ganz ehrlich, wenn ich „Hallo, ich bin Aspi und meinen Emotionen gegenüber machtlos“ nur denke, geschweige denn mir vorstelle, es laut auszusprechen, kriege ich das kalte Kotzen. Als Verfechterin des „Fake it ‚til you make it“-Prinzips habe ich etwas, nein, habe ich ganz viel dagegen, sich so plump in eine solche Opferrolle hineinzureden. Trotzdem fühle ich mich ganz gut, weil ich immerhin so eine gute Idee hatte und sie sogar in Ansätzen verfolgt habe.

Außerdem habe ich ein Gläschen meiner süßen Semmelknödel zum Frühstück gegessen. Warum das so eine Errungenschaft ist, kann man eigentlich nur verstehen, wenn man in meinem Kopf und zeitgleich in meinem Haushalt lebt. Suffice it to say, dass diese Knödelgläser schon länger existieren, als ich hier wohne, und ich froh über jedes Mal bin, dass es wieder eins weniger wird.

Mein Plan für den weiteren Tag ist es, zuerst mal mich selbst von Dreck und Gestank zu befreien. Ein Vorteil von tropischem Klima ist für mich in ganz wesentlichem Maße der, dass man sich nicht erst überwinden muss, bis man unter die Dusche geht. Klar, man schwitzt auch unentwegt und es sammelt sich Staub und klebriges Zeug auf der Haut, aber dafür kann man einfach jeden Tag duschen, auch wenn man eine Frostbeule ist. In meiner Wohnung ist es nicht tropisch. Meine Haare sind fettig und ich stinke bestialisch. Ich habe von Montag bis Donnerstag durchgezockt (nachdem ich am Sonntag R in einer epischen Reunion-Partie AOE fertiggemacht habe und daraufhin wieder der Sucht verfallen bin) und es die ganze Woche genau einen Tag aus meinem Schlafzeug heraus geschafft – das war Donnerstag, als ich zur Therapeutin musste. Aber auch davor reichte die Willenskraft nur zur Katzenwäsche. Was für ein Leben, möööh.

Egal, heute wird mal wieder ein Rundumschlag erfolgen. Ich werde geputzt, die Wohnung wird geputzt, Pfand weggebracht und alles Mögliche aufgeräumt. Das muss sein, bevor die nächste Lethargie-Etappe kommt.

Hier ist mal wieder mein All-Time Favorite Comic zum Thema. Jeder Mensch sollte diesen Comic in regelmäßigen Abständen sehen. Er ist so schön und wahr.

Blaue Katzen

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Himmels Willen, was ist denn hier passiert? Da ist man ein paar Wöchelchen nicht da und sie ändern im Backend einfach die Farben. Hat fast was von SchülerVZ, dieses Weiß-Rosa.

Nun gut, damit kann ich leben. Noch besser lebe ich allerdings, weil ich heute zum ersten Mal dieses Jahr, zwecks Therapeutentermin, das Haus verlassen habe und mir das gutgetan hat. Rauskommen ist generell immer ganz super, nur es bis dahin zu schaffen stellt eine enorme Hürde dar, der ich mich aktuell ganz gut entziehe. Aber ich hoffe, dass es bald wieder besser wird. Kann eigentlich nur.

Irgendeinen magischen Einfluss scheinen allerdings meine Therapiesitzungen auf das Finanzamt zu haben. Als ich heute wiederkam und den Briefkasten aufmachte, befand sich darin, man höre und staune – meine Umsatzsteueridentifikationsnummer. Genau wie das Schreiben mit der Aufforderung, mich beim Elster-Portal anzumelden, letztes Jahr auch an einem Donnerstag ins Haus geflattert kam, als ich schon ganz und gar überzeugt war, mich nochmal selbst beim Finanzamt melden zu müssen.

Somit kann ich nun also, vorausgesetzt, sie behalten mich bei Scribbr, das Geld, das ich mir dort erarbeite, auch tatsächlich ausgezahlt bekommen.

Mein Kalender kam auch heute an. Dies wird mein drittes Jahr als bekennende Paperblankssüchtige. Ein Glück fliegen diese kleinen Buchkalender bei Ebay nach Weihnachten überall herum. Ich habe dieses Mal einen mit blauen Katzen abgestaubt und würde mich nun daran freuen, wären denn meine Emotionen momentan für mich erreichbar.

Ich habe die Medis zurück auf 10 mg herunterdosiert, nachdem der erhoffte Motivationsschub auch auf der höheren Dosis ausblieb und mir dafür der klägliche Rest meiner Gefühlswelt auch noch abhandenkam. Dann doch lieber wieder nichts gebacken bekommen und dabei wenigstens ein schlechtes Gewissen haben, statt einfach nur stumpf vor mich hinzuexistieren und dabei, wenn überhaupt, höchstens noch weniger zu schaffen.

Gleich wird jedenfalls erstmal mit Caro geredet. R kommt spät wegen Solid. Donnerstags sollte die Pflege sozialer Kontakte zur Außenwelt ins Pflichtprogramm gehören – wenn ich denn eines hätte.

Episode Zigtausend: My Random Rumfass

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Vieles ist passiert. Ich war auf Martinique. Ich kam wieder zurück. Mike hat eine Woche hier gewohnt. Es wurde kalt. Ich habe meine beiden Scribbr-Probeaufträge geschafft. Ich war auf dem Konzert von Frank Turner in Wiesbaden. Ich hatte einen furchtbaren Durchhänger, der in einem kleineren Stimmungstief / Heulanfall kulminierte. Ich habe sehr viel Scrubs in sehr wenig Zeit geguckt. Ich habe mich zusammengerissen, geduscht und Staub gesaugt. Mir wurde von Seiten der Therapeutin geraten, die Medis etwas hochzudosieren. Ich habe eine Mail an das Finanzamt geschrieben.

Das war jetzt halbwegs chronologisch, die letzten beiden Punkte haben sich gerade erst ereignet.

Was noch? Bei mir im Wohnzimmer steht jetzt ganz random ein enormes halbes Holzfassregal. Die andere Hälfte hat Yannick, was hätte ich mit einem ganzen Fass auch anfangen sollen. Es gehörte wohl mal zur Inneneinrichtung eines unserer Containerspots, ist mit „Campo Viejo“ bedruckt und eignet sich allerbestens als Alkoholregal (worauf mich allerdings erst Becci bringen musste). Problem: es fehlt der Platz. Die Umräumaktion steht eh an, wenn wir endlich das Klavier von R’s Eltern bekommen, was hoffentlichst im Januar der Fall sein wird. Dann sollte sich auch für das Fass ein Platz finden. Bis dahin muss es wohl weiter random im Raum stehen.

Ich habe außerdem weiter fleißig auf dem Keyboard geübt, um für den Fall gewappnet zu sein, dass das Klavier tatsächlich mal auftauchen sollte. Damit habe ich in meiner letzten Down-Phase angefangen und es seither weitestgehend beibehalten. Ich habe mir bereits etliche Stücke wieder aufgewärmt und sogar schon eines „gelernt“, an das ich mich gar nicht mehr erinnern konnte, eine Prélude von Chopin. Mein letzter Neuzugang war das Wächterlied von Grieg. Nun arbeite ich am Titelsong von Forrest Gump.

Die beste Nachricht überhaupt aber kommt jetzt erst: Murat wird gepfändet. Seitdem er seinen Prozess gegen R verloren hat, hat er weder reagiert noch gezahlt, sodass nun sein Konto geplündert wird. Oh, wie ist das herrlich. So lange hat man sich gefragt, wie die Welt so gowaiverdammt ungerecht sein kann, dass Menschen wie Murat darin unbehelligt ihre krummen Dinger drehen können. Und nun, endlich, endlich. Justice.

Ich gehe mich mal um meine Pflanzen kümmern. Das können sie gut gebrauchen, nachdem ich die ganze letzte Woche nichts für sie getan habe. Ach, schön ist das, mal wieder etwas produktiv zu sein.

Talk to the hand

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Ohne mich noch großartig zu nötigen, wirklich etwas Inhaltsvolles von mir zu geben, möchte ich trotzdem schnell meine To-Dos für morgen manifestieren:

  • Nähzeug zurück in die Schränke befördern
  • Rausfinden, was mit meiner Nähmaschine los ist
  • Briefmarken runterladen und ausdrucken
  • Ebay-Sendung und Handytasche auf den Weg bringen (letztere gesetzt den Fall, dass der Mensch, der sie in Auftrag gegeben hat, bis dahin das Geld hat rüberwachsen lassen)
  • mindestens 50 Sachen aufräumen
  • Unbabel-Stunden ausrechnen und Camila schreiben
  • saubere Wäsche verstauen
  • staubsaugen
  • Bild vom Chrysler Building reparieren
  • Restliche Containerreste aus der Garage räumen (außer natürlich den Schrank)
  • Keyboard spielen
  • Keller für den Schrank präparieren
  • Chillen und Scrubs gucken

…und wenn ich das alles schaffe, kann ich stolz auf mich sein.

Und wenn ich nichts davon schaffe und nur gelähmt rumhänge, dann.. meine Güte, dann ist das halt so.

Ich wurde heute Früh von der Therapeutin dazu aufgefordert, die Lähmung zu konkretisieren. Beziehungsweise den Druck, den ich mir mache, der zu der Lähmung führt. Das Gewissen, das kaum einen Augenblick Ruhe gibt und gefühlt immer schlimmer wird, das mir nicht erlaubt, ein Leben in einem Zustand innerer Ruhe zu leben, bis ich es nicht „auf die Reihe bekomme“, bis ich keine „Arbeit“ habe und keinen „Beruf“.

Ich halte vom Konkretisieren wenig und vom Verbildlichen überhaupt nichts und habe dies auch die Therapeutin wissen lassen. Diese war heute allerdings sehr gefangen in ihrer Therapeutenwelt und wollte nicht davon ablassen, ich solle dem Ding einen Namen geben und mit ihm kommunizieren. Ich nannte es dann „die Hand“, einfach weil es sich wie ein Klammergriff um meinen Brustkorb schnürt oder mich von oben erdrückt oder wahlweise beides, you get the picture. Ich habe irgendwann stumpfsinnigerweise dazu noch einen Eiskaltes-Händchen-Witz gemacht, der daher stumpfsinnig war, weil die Therapeutin ganz offensichtlich in ihrem Leben keine Folge Addams Family gesehen hat.

Jedenfalls wollte sie dann, dass ich mit der Hand kommuniziere, und fragte mich, angetrieben von ihrem Symbolisierungs- und Konkretisierungsschub, ob ich eigentlich gerne male. Ich habe sie bei der Gelegenheit wissen lassen, dass ich seit sieben Jahren schon mal einen Quetzal malen wollte. Sie wusste nicht, was das ist. Ich bin dafür, dass jedem Menschen irgendwann beigebracht werden sollte, was ein Quetzal ist. Mission für die Therapeutin erfüllt.

Ich kann jedenfalls nicht mit der Hand reden. Ich wüsste nicht wie. Aber vielleicht erfahre ich es ja nächste Woche, wenn ich eine Hand und einen Vogel gemalt habe.

Heute, oder Getting Our Shit Together

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Geht doch. Ich kann mich gerade nicht mehr daran erinnern, was im letzten Beitrag gestanden haben mag, aber gut kann es nicht gewesen sein.

Heute war gut. Becci ist mit Migräne aufgewacht, aber die konnte mit Novalgin im Schach gehalten werden. Es gab sonnige Momente und wir waren draußen, sind ein paar Kilometer zur Küste gewandert, saßen an den Klippen, schauten auf das Meer – dahinter kommt erstmal nichts mehr, gar nichts, bis zur Antarktis, wie Becci feststellte – und trotzten Platzregen und orkanartigem Wind ebenso wie dem offenkundigen Nichtvorhandensein der in der Karte eingezeichneten Straße in der Realität dieser Azoreninsel. Was auch immer sich die Karte dabei dachte.

Heute geht es uns besser. Mir in erster Linie, weil es Becci besser geht. Das hilft ungemein. Ich bin unheimlich abhängig von meinem Gegenüber in meinen Stimmungen.

Und falls der Regen uns noch Striche durch unsere Rechnungen machen sollte, gibt es immer noch Lissabon und Caro. Hauptsache, wir nehmen uns zusammen.

Gammeln

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Oh, diese Episoden, wie ich sie liebe, in denen alles zu viel ist. Ich habe es soeben geschafft, mich zu duschen, und hallelujah, es wurde Zeit. Duschen bedeutet einen so unermesslich kolossalen Aufwand, weil es gleichbedeutend ist mit Konfrontation. Mit Wasser. Man muss sich überwinden. Dazu, von einem Moment auf den anderen nicht mehr von Luft und stinkendem Schlafzeug umgeben zu sein, wie man es gewohnt ist. Sondern mit Wasser. Wasser ist nicht der bisherige Zustand. Sondern Veränderung. Neues. Das macht es zum Feind.

Die Außenwelt ist auch ein Feind. Sie will immer neue Dinge von dir, denen du dich dann stellen sollst. Das überfordert mich und ich lese tagelang keine der Whatsappnachrichten, die ich erhalte. Das macht mir ein schlechtes Gewissen. Jeden Tag wird es ein bisschen schlechter. So wie die offene Kondensmilch im Kühlschrank. Man muss sie rechtzeitig entsorgen, bevor sie nicht mehr flüssig, sondern schimmlig-pudrig ist und dir beim Ausleeren der verhasste feine Schimmelsporenstaub um die Nase wirbelt. Das Gewissen schimmelt auch. Teile meines Gewissens schimmeln schon seit Jahren aufgrund meiner Unterlassungen während solcher Episoden.

R und meine Arbeit ermöglichen mir den Erhalt einer Grundstruktur. Ich konnte unmöglich noch einen Tag nicht duschen. Sophi ist immer so gepflegt. Und R verdient es, mit einem nicht widerlich müffelnden Menschen in einem Bett zu schlafen. Der wirkliche Grund, warum ich es heute geschafft habe, war aber die Tatsache, dass ich mein altes Schlafzeug heute Früh beim Ausziehen schon auf links gedreht hatte.

Schlecht geht es mir dabei nicht. Ich existiere einfach so vor mich hin.

Emokid, Emokid, does whatever an Emokid does.

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Uncool: Eine suboptimale Kombination aus Familienpsychodrama und griffbereitem (stumpfen) Tomatenmesser hat eben dafür gesorgt, dass sich affektanfälliges Aspi (oh!, eine Alliteration für Bauer sucht Frau) den linken Unterarm entlang der Pulsadern mit oberflächlichen Schnittwunden verziert hat. Glücklicherweise ist das Messer wirklich sehr stumpf und hat nur minimalen Schaden angerichtet. Aber oh, was für ein Gefühl. Sowas hab‘ ich ja seit Anfang des Jahrzehnts nicht mehr gemacht. Ich musste mich unfassbar anstrengen, wieder aufzuhören. Welch eine Befreiung, welche eine Dummheit. Willkommen zurück in der Pubertät.

Passend zu meinem jetzigen Durchdrehen habe ich es Ende letzter Woche endlich zu einem Konsiliargespräch gebracht, die Unterlagen direkt im Anschluss bei der Therapeutin eingeworfen und somit beste Aussichten auf Therapiebeginn im Januar. Die Ärztin war unfassbar goldig in ihrer Unbeholfenheit und machte den Eindruck, noch nie einen depressiven Menschen vor der Nase gehabt zu haben, versuchte alles von sozialem Rückzug bis hin zu Suizidgedanken für mich in liebe, verharmlosende Wattewörter zu packen und bot mir aus eigenen Stücken sowohl eine Krankschreibung (die ich logischerweise nicht brauche) als auch ein neues Rezept für meine Medis an, sodass ich wirklich sehr gut versorgt da rauskam.

Meine Exkommilitoninnen treffen sich gleich auf dem Weihnachtsmarkt, aber ich habe keine Lust hinzugehen. Irgendwann hört man doch auf, mit den Leuten Zeit zu vergeuden, denen man im Grunde genau so gestohlen bleiben kann wie sie einem selbst.

Meine To-Do-Liste für heute ist gar nicht mal so lang, aber ich werde sie trotzdem nicht gany abgearbeitet bekommen. (Und ich frage mich wirklich, woher um alles in der Welt meine Marotte kommt, nach insgesamt so vielen Jahren mit deutscher Tastatureinstellung manchmal trotz allem das Z und Y zu verwechseln.)

Ich muss morgen mal schauen, wie man mit dem Fahrrad zum Barfladen kommt, damit die Katze endlich mal wieder ordentliches Futter kriegt. Falls es sich nicht bewerkstelligen lässt, muss einer von uns morgen nochmal ein paar Dosen kaufen gehen.

Mein Arm nervt. Weder tut es richtig weh, noch ist er völlig unversehrt. Es juckt. Ich bin unzufrieden.

Der Große Krieg

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Es macht schon, habe ich mir gestern so überlegt, einen ganz unheimlich gewaltigen Unterschied, ob man gerade funktioniert oder nicht. Ich habe das mit dem Funktionieren in der letzten Zeit eher nicht so hinbekommen, zum Beispiel, und das hat sich radikal auf mein Dasein ausgewirkt, unmittelbar sogar.

Wenn ich nicht funktioniere, verändere ich mich nicht nur selbst, sondern es verändert sich mein Umfeld. Davon kann jeder ein Lied singen, der dazu neigt, ab und an kaputtzugehen. Da werden Aufgaben zu lauernden Monstern, Alltäglichkeiten zu Dramen, Konfrontation von Problemen (oder auch nur potenziellen Unannehmlichkeiten) ein Fremdwort und Kommunikation mit der Außenwelt zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Das ist natürlich alles nichts Neues. Trotzdem. Es verblüfft mich immer wieder.

Ich nehme mal an, dass das unter Depressiven allgemein so üblich und nicht weiter verwunderlich ist, aber am allerschlimmsten scheint mir immer noch dieser absurde Kreislauf aus Dingen, die getan werden müssen, der eigenen Unfähigkeit, diese in Angriff zu nehmen, und der sich daraus ergebenden inneren Misere, die es einem selbstredend noch unmöglicher macht, auch nur einen Finger zu rühren. Komm da mal aus eigenem Antrieb (falls du dich in dem Zustand tatsächlich noch erinnern kannst, was das ist) wieder raus.

Es sind natürlich auch ein paar Sachen vorgefallen und ich weiß diesmal ziemlich genau, welchen Umständen ich diese Horrorepisode zu verdanken hatte, aber nichtsdestotrotz würde ich mir wünschen, mit all diesen kein bisschen lebensbedrohlichen Dingen anders umgehen zu können. Ich werde es wohl wirklich nochmal mit einer Therapie versuchen. Mit einer Überweisung bin ich ja sogar bereits ausgestattet.

Ansonsten – August, hm? Furchtbar. Ich habe Semesterferien und prokrastiniere schon fleißig allerlei Unizeug, darunter Sachen, die ich noch während der Vorlesungszeit hätte einreichen sollen. Becci geht es noch weitaus grottiger als mir – zumindest hält es bei ihr schon länger an – und ich bin froh, verkünden zu können, dass sie erste Versuche, sich mal behandeln zu lassen, bereits unternommen hat. (Es musste natürlich daran scheitern, dass ihr Hausarzt im Urlaub ist, aber immerhin hat sie es auf dem Schirm, dann in zehn Tagen nochmal hinzugehen.) Ich dagegen zeige wieder Anzeichen von Funktionalität, seit ein paar Tagen schon, und sollte jetzt als Erstes daran arbeiten, wieder weniger zu schlafen, weniger zu zocken und überhaupt mal wieder mehr zu machen. Aber ich bin ganz gut dabei. R ist wegen seines stressinduzierten chronischen Tinnitus krankgeschrieben (bevor ich ihn zurück ins Callcenter lasse, muss er über meine Leiche gehen) und ich bin am Überlegen, ob ich mich unten im Edeka auf den 450-€-Job als Regalsklave bewerben soll – gebrauchen könnte ich das Geld jedenfalls. Den Muskelkater dagegen nicht. Hm, schwierig.

Meinem Vater haben sie nun gekündigt, eine ziemlich miese Nummer, aber wen wundert’s. Meine Mutter ist natürlich hellauf begeistert und wähnt sich schon innerhalb von zwei Jahren an der Armutsgrenze (wer vererbte mir wohl diese Veranlagung zum Durchdrehen?). Ich warte auf das Wochenende, dann kommt er bei mir vorbei und wir können uns hoffentlich ein bisschen unterhalten.