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Was beim Zerstörtsein alles so passiert

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Ich habe mit Simone geredet und von ihr bereits die vierte wahnsinnig liebe Einladung einer hilfsbereiten Person bekommen, sie doch zu besuchen.

Ich habe mir die durchweg schlüssigen Weisheiten dieses Typs bei Youtube angehört, der Caro aus ihrer Trennungszeit noch im Gedächtnis war, und mir auf den Kopf zusagen lassen, dass mein jetziges Mindset somit das Schlimmste ist, was ich mir und meiner Beziehung antun kann (duh).

Ich habe die Rezeptur aus Solitaire und Meditationsmusik so weit überreizt, dass sie nicht nur kaum noch wirkt, sondern im Gegenteil habe ich den Eindruck, dass mittlerweile eine Art pavlovsche Konditionierung eingetreten ist, der gemäß die Meditationsmusik nun mehr Panik hervorruft, als sie abbaut.

Ich habe schubweise jede Selbstbeherrschung verloren und mich, Schmerzenslaute von mir gebend, von Verzweiflung überrollen lassen, während ich mich zum wiederholten Male fragte, wie viel von dieser furchterregenden Geräuschkulisse bei den Nachbarn ankommt.

Ich zahle einen entsetzlichen Preis für die jahrelange unmenschliche Anstrengung, jemanden lieben zu lernen, der mich niemals hätte bekommen dürfen.

So viel zur Momentaufnahme. Nun muss ich noch etwas berichten, das sich gestern ereignet hat und für mich einen nicht unerheblichen Lichtblick darstellt: Ich habe mit Basti telefoniert. Das an sich war erstmal gar nicht als Lichtblick gedacht, sondern ich hatte am Samstag in einem Anfall von ‚Ich bekomme jetzt Dinge gebacken‘ mit Alina Kontakt aufgenommen, um über sie an Basti heranzukommen, welcher seit meiner Rückkehr aus der Schweiz und der überaus wütenden Nachricht, die ich während dieser Fahrt an ihn abgesetzt hatte, auf keine meiner Kontaktaufnahmen mehr reagiert hatte.

(Kurz zum Hintergrund: er schuldet mir einen Haufen Geld, das ich gefühlt seit Jahrzehnten versuche wiederzubekommen. Das Ganze geht mit der Tatsache einher, dass unsere ehemals außergewöhnliche Freundschaft aufgrund diverser seiner Lebensentscheidungen und meines Wegzugs seit mindestens ebensolanger Zeit am seidenen Faden hängt und eigentlich nur noch röchelnd am Boden lag, was umso mehr dazu führte, dass ich das Geld wiederhaben möchte.)

Nun hatte ich in dieser besagten Nachricht ihm verkündet, dass mir an seiner Person nichts mehr gelegen ist, was unter Anderem daher kam, dass er es wieder einmal nicht geschafft hatte, während meiner Zeit in der Schweiz für ein Treffen zur Verfügung zu stehen oder auch nur daran zu denken, mir dies mitzuteilen. Wir hatten uns seit über einem Jahr nicht gesehen und ich ging eigentlich auch nicht davon aus, dass dieses Treffen zustandekommen würde, habe ihn dafür aber an meinem letzten Abend in Winterthur nochmal an unsere Schuldensituation erinnert und bekräftigt, dass mir das zu doof wird. Er schrieb daraufhin (nachdem er sein Erstaunen ausdrückte, dass ich schon wieder fahre – ist ja nicht, als hätte ich ihm das Datum vorher genannt) eine Nachricht, die wörtlich besagte: „Ich mach des schon, aber nach und nach bitte“.

Und so kam meine Absägeaktion auf der letzten Sitzreihe eines Flixbusses irgendwo in Süddeutschland zustande, die mir bei allem (vielleicht gerechten) Zorn nicht leicht fiel, denn immerhin handelte es sich dabei um den Menschen, der einmal mein Seelenbruder gewesen war. Es war in jeder Hinsicht ein katastrophaler Kommunikationsakt, der, hätte ich denn auch nur eine Sekunde über mein verletztes Ego hinwegsehen können, völlig offensichtlich kein Deut dazu beitragen würde, dass ich mein Geld jemals wiedersehe. Auf den Kern reduziert lautete die Mitteilung: Du widerlicher, dreister Mensch, seit Jahren warte ich auf das Scheißgeld, während du gemütlich Auto fährst, Kinder machst und dir was weiß ich für Dinge kaufst. Das ist respektlos und unverschämt. Mit dir bin ich sowieso durch, aber gib gefälligst die Kohle wieder, damit ich nichts mehr mit dir zu tun haben muss.“ Nur eloquenter und ganz latent gewaltärmer verpackt.

Nachdem auf diese Nachricht keine Antwort kam, habe ich etwa eine Woche später noch hinterhergeschoben, er möge mir bitte bescheidgeben, wenn er die Überweisung getätigt hätte. Und noch einen Tag später (hauptsächlich um für den Fall, es würde eine Anwältin ins Spiel kommen, mir kein Mangel an gutem Willen und Kooperationsbereitschaft unterstellt werden könnte), er möge sich bitte mal melden, um zu Not einen Ratenplan auszuarbeiten.

All das blieb nicht nur unquittiert, sondern schien (Häkchen zufolge) nicht mal mehr bei ihm anzukommen – er hatte mich blockiert? Gelöscht? Sein ganzes Whatsapp deaktiviert, um nicht mit meiner Geldwut konfrontiert zu werden?

Ich beschloss – dies bereits nachdem meine Beziehung kollabiert war – ihn nicht damit davonkommen zu lassen, und rief ihn an. Mailbox. Tags drauf erneut. Mailbox. Tags drauf wieder. Gleiches Spiel. Tag 4 der Jagd war dann der Moment, in dem ich Alina kontaktiert habe. Ob sie Basti bitten könne, mich mal anzurufen, ganz unschuldig.

Das könne er grad nicht, sein Touchscreen sei kaputt und er würde nicht in die Pötte kommen, das Handy mal einzuschicken.

Oh, okay. Klingt leider glaubhaft, da ich Basti ja doch trotz allem noch ein bisschen kenne.

Da sie es nicht von allein vorschlug – hey, I know you kind of despise me simply for existing, but… really? – musste ich es selbst tun: Ob er denn vielleicht ihr Handy kurz benutzen könnte.

Während auf die erste Nachricht die Antwort Sekunden später erfolgte, ließ eine Reaktion nun auf sich warten. Etliche Stunden später, gegen Abend, schob ich noch hinterher, dass „irgendwann morgen“ perfekt wäre. Sie schrieb zurück, er würde nachher noch anrufen. Das tat er nicht. Ich ließ es erstmal gut sein und schrieb nicht nochmal hin.

Gestern Abend, während R in der Küche (was im Falle unserer Wohnung durchreichenbedingt Hör- und Sehweite impliziert) sein Abendessen machte (da ich momentan für Essen nur sporadisch zu haben bin, ist er diesbezüglich weitestgehend auf sich gestellt; ich profitiere ab und an von den Überresten seines Kochwerks) rief mich Basti von Alinas Handy an. Er zeigte sich (wie er selbst sagte, zum zehntausendsten Mal) bereitwillig, die Schulden zu begleichen. Die ganzen Nachrichten hatte er nicht gelesen, selbst die mit dem Absägen nicht in ihrer Gänze. Ich war davon emotional überfordert (to be fair, dafür braucht es grad nicht sonderlich viel).

Es tat unsagbar gut, Basti zu hören. Er fragte mich, wie es mir geht, aber da R in der Küche war, wollte ich ihm nicht antworten und brachte gar kein Wort heraus außer „schäbig“. Statt sich von meinem Schweigen entmutigen zu lassen, begann Basti – der mich halt auch kennt – nach und nach die Ursachen meines komischen Verhaltens zu eruieren. Es war mindblowing, wie er beharrlich dieses Ja-Nein-Spiel durchgezogen hat. Ob ich mich sammeln müsse; ich solle nicht wieder überdenken, wie ich etwas formulieren soll; ich könne ihm alles an den Kopf werfen; schließlich, ob jemand im Raum sei. Ob R im Raum sei. Warum R nichts davon hören sollte, er würde doch vermutlich über die Situation bescheid wissen.

An dem Punkt kam ich nicht mehr weiter, denn auf Warum-Fragen kann schlecht mit Ja oder Nein geantwortet werden. Glücklicherweise suchte sich R einen zeitnahen Moment aus, um nach hinten in die Wohnung zu verschwinden, sodass ich Basti über die Situation aufklären konnte sowie eben auch darüber, dass ich vermeiden wollte, in R’s Gegenwart weiter zusammenzuklappen, weshalb ich damit warten musste, bis dieser weg war.

Ihm das sagen zu können, in aller Zerstörtheit mich akzeptiert zu fühlen, wie er mich in jeder Lebenslage immer akzeptiert hat, damit hatte ich nicht gerechnet – das war ich der Überzeugung mir verbaut zu haben, als ich mich in meinem Leben noch sicher fühlte und mir dachte, es wäre eine gute Idee, meinen besten Freund aus dem Fenster zu schmeißen. Hätte er diese Nachricht gelesen, wäre mir vermutlich das Gefühl vorenthalten geblieben, mich gestern für diesen kurzen Moment fallen lassen zu können. Ich kann nur hoffen, dass er meiner Bitte nachkommt und nicht nachschaut, wenn sein Handy wieder funktioniert.

Er hat dann verkündet, er würde mich heute oder morgen nochmal anrufen. Das Fenster wäre jeweils zwischen 16 Uhr, wenn er Zeit hat, und 19 Uhr, wenn R nach Hause kommt. Ich bin nicht sicher, ob ich davon ausgehen soll, dass der Anruf wirklich kommt. Dafür hat er mich zu oft versetzt. Es wird sich zeigen.

I’m tired, so let me be broken.

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Wow, das wird heftig. Aus irgendeinem Grund meint meine Psyche genauso zusammenklappen zu müssen, wie sie es in einer entfernt ähnlichen Situation vor bald einer Dekade schon einmal getan hat, und ich kann nur hoffen, dass sie sich dieses Mal schneller und weniger mühsam wieder berappelt.

Ich stehe nunmehr vor der Herausforderung, den Totalschaden irgendwie zu minimieren und mich jedem Trauma-Trigger zum Trotz den aktuellen Tatsachen angemessen zu verhalten.

Tatsache 1: Ich wurde (noch) nicht verlassen.
Tatsache 2: I made this bed. I choose to lie in it. Live with my regret, sleep with what I said.
Tatsache 3: Was hier passiert, ist unumgänglich.
Tatsache 4: Ich habe mir schon immer mehr von R gewünscht, als er in der Lage war zu geben.
Tatsache 5: Mit Kollabieren ist mir nicht geholfen.
Tatsache 6: Ich brauche ein Leben, um mich über Wasser zu halten.

Es gestaltet sich denkbar schwierig.

Solange R hier wohnt, ist damit zu rechnen, dass weiterhin jede Interaktion mit ihm von unkontrollierbaren Heulattacken meinerseits begleitet ist. Das ist mir nicht nur hochgradig unangenehm, sondern leider unvermeidlich.

Heulend einzuschlafen und mit Panik aufzuwachen ist mir zwar zur Genüge bekannt, aber dadurch nicht leichter zu ertragen. Ich habe letzte Nacht besser geschlafen, indem ich mich einerseits in dieser zweiten Nacht etwas an die harte Matratze im kleinen Zimmer gewöhnt und andererseits die Baldrian-Tabletten für mich entdeckt habe, die ich irgendwann mal für R geholt, welche er jedoch verschmäht hatte.

Immense Konzentrationsschwierigkeiten sowie gelegentliche Episoden überwältigender Verzweiflung verhindern, dass ich arbeiten oder lesen könnte. Jedoch habe ich mit Caro und mit Becci telefoniert und dabei erneut festgestellt, dass es wahnsinnig gut tat, sie um mich zu haben. Das kennt man ja schon.

I’m a mess, that’s the best way to describe it; having no time to myself’s the only way I can fight it
When I’m alone, it’s like I’m staring into a mirror; don’t know the person inside and that’s never been any clearer.

Aber ich habe auch gemerkt, dass mir alles leichter fällt, wenn ich funktionieren muss. Mich hat jemand von Foodsharing angerufen, die ich nicht kenne, und wie das so ist, fake it ‚til you make it, habe ich mein Heuldrama unterbrochen, um den Anruf entgegenzunehmen, und geschlagene neunzehn Minuten mit dieser Anette telefoniert, als wäre es der sonnigste Nachmittag, den die Welt je gesehen hat.

Was mich in der Annahme bestätigt, dass ich mich unter Menschen zwingen muss, so viel wie möglich, um einfach nicht zusammenbrechen zu können und dabei im besten Fall an sozialen Kontakten zu gewinnen, die die Bezeichnung auch verdienen.

Siehst du mal. Telefonieren hat geholfen, Schreiben hat geholfen, sogar dieses überaus deprimierende Lied hat geholfen. So sehr, dass ich in der vergangenen Stunde vollends von dem Gefühl verschont blieb, an unerträglichen Schmerzen zu verrecken.

4-Uhr-Krise

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Es wird mal wieder spannend.

Meine aktuelle Lage sieht aus wie folgt.

(Das gestaltet sich jetzt schwierig, weil mein Hirn voller Matsche ist. Andererseits ist das Teil der Lage, also warum nicht damit anfangen.)

Mein Hirn ist voller Matsche.

Okay, ich muss aufhören, das so platt auszudrücken.

Eigentlich ist mein Hirn randvoll mit Gedankenfetzen, die sich allesamt nicht richtig greifen lassen. Ich wurde um vier Uhr wach, als Simone aufs Klo ging, und habe es in der darauf folgenden Periode von zweieinhalb Stunden irgendwie geschafft, mich selbst in einen schätzungsweise präsuizidalen Zustand zu versetzen und R in völliger Ungewissheit zur Arbeit gehen lassen, weil es mir auf sein Nachfragen hin partout nicht gelingen wollte, auch nur ein Wort zu äußern.

Aber versuchen wir das von vorne. Naja, zumindest so weit von vorne, dass halbwegs nachzuvollziehen ist, wie wir hier gelandet sind.

Dass ich auf Medi-Entzug bin und mental am Rad drehe, ist bekannt.

Den Rest kann man ungefähr so zusammenfassen, dass wir beim Abendessen die Doku über Ginger Baker (begnadeter Musiker, krankhaft selbstzentriert, viermal verheiratet – Beware of Mr. Baker, sehr zu empfehlen) angesehen haben und sich währenddessen bei mir die Gewissheit manifestierte, dass R charakterliche Parallelen zu ihm aufweist, was ernsthafte Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines Fortbestehens unserer Beziehung auslöste bzw. verstärkte. Diese an sich nicht unbekannte Anwandlung wiederum intensivierte sich, als 1) R auf der Hälfte aufstand, um weiter programmieren zu gehen, 2) Simone und ich uns im Anschluss darüber unterhielten, dass sich Menschen dieser Art niemals der vollständigen Tragweite ihres Arschlochtums bewusst werden, da es zeit ihres Lebens immer Leute geben wird, die – von ihrem Charisma geblendet – sie zu ertragen versuchen und damit in ihrem Verhalten bestätigen, und 3) R, als ich ins Bett ging, ins Wohnzimmer umzog, um dort weiter zu programmieren, nachdem wir den Tag über praktisch noch kein Wort gewechselt hatten. Ich habe dann tatsächlich zu ihm gesagt, „ich glaube, wir müssen uns morgen mal unterhalten“, bin aber schlafen gegangen, ohne das weiter auszuführen. Nicht dass es ihn wahnsinnig gejuckt hätte.

Fast forward to 4 am: ich werde wach und fange an, darüber nachzudenken, was ich überhaupt genau möchte, was mir fehlt und wie ich dies R begreiflich machen soll. Sogar ein halbes Lied habe ich geschrieben, das leider zusammen mit allen anderen etwaigen Erkenntnissen im Nebel verschwunden ist. Ich habe dann aus irgendeinem unerfindlichen Grund mein Handy genommen und in meinen Facebook-Nachrichten nach Şahins Verlauf gekramt, mir diesen in (zum Glück überschaubarer, da andere Kommunikationswege bei uns gebräuchlicher waren) Gänze zu Gemüte geführt und mir dabei gedacht, dass ich es ihm in der Tat nicht sonderlich verübeln kann – retrospektiv – , dass er am Ende nach dem Drama keinen Bock mehr hatte, sich mit mir weiter abzugeben. Dann dachte ich mir, dass dafür, dass mir emotionale Verbindungen so wichtig sind, mein Leben eine ziemlich lückenlose Reihe an Fails darstellt. Dann dachte ich noch, „ich kann nicht schon wieder versagt haben“. Ich war mir mit einem Mal gewiss, auf der Welt ganz und gar alleine zu sein. Wie gern hätte ich jede Selbstbeherrschung in den Wind geschossen, angefangen, laut zu heulen, und zu R neben mir gesagt, „bitte hilf mir“. Dabei hätte ich ihm nicht mal erklären können, wobei.

Irgendwann ging Simone aus dem Haus; ihr Bus fuhr um zwanzig nach sechs. Ich musste aufs Klo. Als ich wiederkam, fragte mich R, dessen leichter Schlaf vermutlich zuerst durch mein ständiges Bewegen und dann Simones Rausgehen gestört worden war, ob alles okay ist. Zu dem Zeitpunkt war mein Kopf ein einziger Brei. Alles darin schrie und hämmerte durcheinander. Und alles darin wollte nichts weiter als raus. Aber wie das so ist in einer Paniksituation, am Ende schafft es niemand, weil die Fluchtwege verstopfen. In meiner Unfähigkeit, irgendetwas zu äußern, konnte ich zunächst gar nicht reagieren. Die letzte verbleibende vernünftige Stimme in meinem Kopf wies mich jedoch darauf hin, dass ich gefälligst zu antworten hätte. Also artikulierte ich: „Nicht wirklich, aber wollen wir das heute Abend besprechen? Du willst lieber noch ein bisschen schlafen.“

Okay, das war nun nicht, was ich eigentlich sagen wollte. Keine Stunde zuvor hatte ich so viele konstruktive, strukturierte Dinge mitzuteilen, dass ich am liebsten sofort damit angefangen hätte, ungeachtet der Uhrzeit und des sich zu dem Zeitpunkt noch in der Wohnung befindlichen Besuchs.

Hätte ich nur. Nun dagegen hing ich stumpf am Handy und beschäftigte mich mit Wordscapes, bis R irgendwann fragte, was los sei. Und, es ist zu absurd, ich konnte nichts sagen. Kennst du das, wenn du innerlich am Sterben bist und dir nichts sehnlicher wünschst, als dass dich jemand fragt, was los ist, und dann geschieht genau das und du kannst einfach nichts sagen. Zum einen sind keine Wörter mehr da. Auf einmal ist alles einfach weg. Und zum anderen sind selbst die vagen Vorstellungen von dem Chaos, das eben noch allgegenwärtig dein Denken terrorisiert hat, ganz und gar ungreifbar. Ich war vollkommen in mir selbst eingesperrt. Ich war nicht in der Lage, zwischen Innen und Außen auch nur die geringste Verbindung herzustellen, als wäre einfach die Ausfahrt blockiert. Nichtmal blockiert, einfach weg. Als wäre ich nicht nur von außen verschlossen, sondern als wäre mit einem Mal das Schloss einer glatten, undurchlässigen Wand gewichen.

Und noch dazu, selbst wenn ich hätte reden können, hätte ich vor der Aufgabe gestanden, zu selektieren, was von dem Salat dafür qualifiziert gewesen wäre, ausgesprochen zu werden. Ein Ding der Unmöglichkeit, denn ich hatte keine Ahnung mehr, was von dem Spuk echt war und was Produkt meiner überquellenden Paranoia.

Nach einer Weile gelang es mir, R zu sagen, dass ich Salat im Kopf hatte. Ich sagte, ich würde sehr gern kommunizieren, aber es sei schwierig. Es war mir unwahrscheinlich wichtig, zumindest insoweit ihm entgegenzukommen, dass er das erfuhr. In dem Moment klingelte sein Wecker und übertönte vermutlich Teile meiner Äußerung, aber ich hatte meine gesammelten Reserven dafür verbraucht und konnte nun nichts weiter tun als regungslos dazuliegen und mich selbst zu verachten, während er aufstand und dabei feststellte, dann würde er es eben nicht vor 21 Uhr erfahren.

Während er sich fertigmachte, erwog ich meine Optionen. Darunter: Becci anrufen, um von ihr Input irgendeiner Art zu erhalten, der dafür sorgt, dass ich den Tag überstehe. Genau genommen sah ich dies als einzige Option. Mir wurde bewusst, dass ich außer Becci niemanden anrufen könnte. Statt Becci zu belästigen, habe ich dann allerdings mein Handy dafür genutzt, mir Marketa Irglovas The Hill anzuhören, was mich komischerweise etwas beruhigte. Dann stand ich auf. Sieben Uhr. Nun bin ich hier.

Heute ist Lauras Geburtstag. Hätten wir noch Kontakt, würde sie vermutlich den vorliegenden Eintrag als wunderbares Zeichen meiner wiederaufflammenden Abgefucktheit und großartiges Geschenk betrachten, das meiner lahmen Existenz mal wieder etwas Pep verleiht. Aber ehrlich gesagt, so weit davon entfernt bin ich meistens gar nicht. Es hängt alles daran, was man ausspricht und was nicht.

Eigentlich ist mein Hirn ziemlich klug, im Angesicht der schwerwiegenden Konsequenzen von einmal Gedachtem (und erst recht einmal Gesagtem) die Grenzen so überaus gründlich zu bewachen.

Halt mal kurz (meine Verantwortung)

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Oh, es ist gar nicht so einfach, bei Verstand zu bleiben. Ich halte Malte nicht mehr aus. Ich halte mich selbst nicht aus, wie ich gerade bin. Eigentlich halte ich niemanden über längere Zeit aus (und mich selbst in ihrer Gegenwart), außer R und Becci.

Ich habe gestern Abend schon gedacht, dass es zu lange war, und wäre vielleicht sogar schon gefahren, hätten wir nicht das The-Used-Konzert morgen, das überhaupt der Grund für mein Hiersein ist.

Ich brauche einfach nur Ruhe, ganz viel davon. Aber ich bekomme sie nicht; Mike hat mich schon wieder für Donnerstag eingespannt und will sich mit mir am Fluss treffen und nachmittags ist dieses komische Wieholeichmirmeinestudienkostenvomstaatzurückseminar, zu dem ich mich angemeldet habe. Nebenher hänge ich jeden Tag entnervt und gestresst am Handy und bemühe mich verzweifelt darum, Abholer für die Bäckerei zu organisieren, deren Foodsharing-Betriebsverantwortung ich vertretungs- und irrsinnigerweise für diesen Monat übernommen habe. Und ich muss, wie es aussieht, meinen ersten Therapietermin nach der dreiwöchigen Abwesenheit der Therapeutin absagen, weil ich zugesagt habe, R auf seinem Familienbesuch zu begleiten.

Ich will nicht mehr. Kopf unters Kissen und gar nichts mitbekommen, wie schön es nur wäre.

…comes without warning

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So. Nachdem in letzter Zeit genug passiert ist – Besuch von der belgischen Sarah und Onno, Ostern in Konstanz, einwöchiges Asyl für Barbara aufgrund ihrer akuten Wasserlosigkeit, um nur einige interessante Stichworte zu nennen – ist das wohl interessanteste Ereignis eines gewesen, das sich in den späten Stunden des 19. April zutrug.

Ich habe mich nämlich aus einem nicht näher definierbaren Grunde dazu entschlossen, R die Öffnung unserer Beziehung anzubieten. Der Auslöser dafür war ziemlich sicher mein Wochenende in Konstanz – ich habe mich im Contrast herumgetrieben, während Basti dort Schicht hatte, wurde von Menschen angesprochen, habe betrunken Kontakte geknüpft und interagiert, es ging mir gut, und auf der Zugfahrt zurück dachte ich mir irgendwann, vielleicht bist du ja inzwischen jemand geworden, der so etwas tatsächlich könnte. Txoria txori fing an, in meinem Kopf zu spielen. Hegoak ebaki banizkio…

Und natürlich war mir klar, dass, sollte diese Möglichkeit bestehen, es praktisch unumgänglich sein würde, die logische Konsequenz daraus zu ziehen – meinem aus eigenem Willen verstümmelten Vogel seine Flügel zurückzugeben.

Ich schlug es ihm also vor und dachte für einen Moment, es würde wirklich funktionieren. Er war verwirrt und sehr glücklich. Ich war relativ gefasst. Ich war auch ein wenig beschwipst, das dürfte geholfen haben.

Wir haben dann gestern über die Konventionen gesprochen und über alles Mögliche drumherum. Während ich die Offenheit und die Intensität dieses Gespräches sehr geschätzt habe, hat es trotzdem enorme Zweifel bei mir hervorgerufen. Es kamen auch Dinge zutage wie die Tatsache, dass er gleich schon jemanden in Aussicht hätte, mit der er wohl mal fast etwas gehabt hätte, bevor wir zusammenkamen, „und danach stand es im Raum“. Natürlich sind wir auch dieses Wochenende gleich wieder in KN, dann kann er sie sehen und ihr die freudige Nachricht überbringen. Typisch mein Timing.

Weiterhin habe ich meine Haltung währenddessen nochmal analysiert und ihm das Ergebnis gleich mitteilen können, dass ich mich nämlich vor meinen eigenen Reaktionen mit am meisten fürchte. Meiner ziemlich pecherfüllten Vergangenheit (dir muss ich das nicht sagen, aber er wollte bis heute noch nie etwas darüber wissen) ist es zu verdanken, dass ich heute befürchte, schnell mal einen Kurzschluss-Radikalschlag zu Selbstschutzzwecken zu veranstalten. Ich möchte niemals wieder so leiden.

Ich bin dann abends containern gefahren mit dem fürchterlichsten Gefühl im Bauch. Genauer gesagt habe ich mich nicht mehr so elend gefühlt, seitdem vor ziemlich genau zwei Jahren mir die Last einer potenziell offenen Beziehung durch R von den Schultern genommen wurde. Zugegebenermaßen hätte ich nicht gedacht, dass mich exakt das gleiche Elend wieder in gleichem Maße heimsuchen würde. Das richtige Elend kam eigentlich heute Früh in Form eines „Ich kann das nicht, wir sind nicht kompatibel, ich kann das nicht, ich bin nicht stark genug“-Heulanfalls, als mich um sieben Uhr nach R’s Weggang zur Arbeit auf einmal eine Panik überfiel, die mal Teil meines Alltags war, aber schon zwei Jahre lang kaum mehr zu Besuch kam. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht packe. Ich kann es allerdings nicht rückgängig machen: er sagte gestern noch, dass diese Aktion unsagbar viel für seine Bindung an mich getan hätte, ich kann jetzt nicht die Bindung wieder zunichte machen und ihn schon wieder verstümmeln. Auch wenn er (und das unterscheidet ihn von dem Menschen von vor zwei Jahren) mir deutlich zu verstehen gab, dass er „zwar hart daran zu kauen hätte“, aber es durchaus respektieren würde, wenn mir „morgen oder in zwei Jahren“ etwas Anderes wieder lieber wäre.

Also laufe ich herum und die Panik schnürt mir die Luft ab und das Bedürfnis zu heulen ist wieder da, als wäre es nie verschwunden gewesen, und ich schreibe Songtexte in meinem Kopf wie seit Jahren nicht mehr, und während ich es so sehr vermisst habe, dass Texte in meinem Kopf erscheinen, so ist es mir doch das offenbar dafür essenzielle Elend nicht wert.

Ich werde berichten.

Distantzi denak lehertu hitz neurtuekin

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Also, erstmal: Yours truly hat es geschafft, sich ihre BA-Thesis um 0.2 Notenpunkte schlechter zu lesen, als sie tatsächlich ist – was sagt es über die Fachkompetenz einer Linguistin aus, wenn diese eine 1.1er-BA-Thesis schreibt, dies aber erst mehrere Tage verspätet in der Lage ist zu erkennen?

Also, Correction: Thesis-Ergebnis: eins Komma eins. Es wird nur immer absurder.

Ich hänge auf R’s Bett, während er ein paar Schritte von mir entfernt am Schreibtisch arbeitet, übertöne seine Musik, die er dabei hört, und sein gelegentliches Fluchen mit Argiak, höre dementsprechend gerade ein ohrenbetäubendes Itxaropena und fühle mich erstaunlicherweise weniger sinnlos-suizidal als vor ein paar Minuten. Es hat geholfen, Kepa meinen Lesekompetenz-Fail mitzuteilen und endlich die Soundfunktion dieses merkwürdig eingestellten Windows-PCs ausfindigzumachen, an dem ich gerade sitze.

Wie ich das sehe, gestaltet sich die Situation folgendermaßen: Ich habe keinen Nachmieter für Frau Personifizierte Erbärmlichkeit, da der Verwalter nach dieser unerfreulichen Erfahrug niemanden mehr ohne Bürgschaft in die Wohnung lässt und Basti somit keine Chance hat. R wiederum will ja ums Verrecken nach Heidelberg ziehen und entscheidet sich alle drei Minuten zwischen „Würde gerne mit dir zusammen wohnen“ (und somit „schere mich irgendwo doch auch im Hinblick auf meine Zukunft einen Dreck um dich“) und „Lohnt sich nicht, ich bin eh bald hier weg vom Fenster“ („um dich, wie von dir zu Recht befürchtet, meinen politischen Ambitionen zu opfern“).

Leider kann ich ihn verstehen, denn in dem Punkt sind wir gleich. Augenscheinlich haben wir uns beide bereits früher in einer Situation befunden, in der wir unser Seelenheil auf die ein oder andere Weise dem Wohlbefinden anderer Personen untergeordnet haben, und daufhin beschlossen, dass, bei aller Liebe, man sich selbst immer noch am Nächsten stehen sollte. Während ich Probleme mit der Umsetzung dieser Erkenntnis habe, scheint er sie bis zur Perfektion verinnerlicht zu haben, wie sich allein darin zeigt, dass er Arnes und sein Projekt über alles Andere stellt und dabei statt der von mir dieser Stelle an den Tag gelegten „Ich schmeiß alles um, wenn du willst, solang es für mich irgendwie noch vertretbar ist“-Mentalität eben doch eher ein „Ich mach das jetzt; was du daraus machst, ist dir überlassen“-Verhalten zeigt. Keine Ahnung, ob das gut gemeint ist, nach dem Motto, „ich will dir ja nicht dein Leben vorschreiben“. Knowing me, wirst du dich in jedem Fall nicht wundern, dass mir das in erster Linie ein Gefühl von „ist mir im Grunde egal, ich brauch dich jedenfalls nicht unbedingt um mich rum“ vermittelt, was wiederum in Anbetracht der Gesamtsituation in einer dramatischen Überreaktion à la „ich klimper einmal mit den Augen und bin von meinem kompletten Umfeld verlassen“ bzw. dem üblichen „Scheiße, ich hab nichts und niemanden und bin allen und jedem egal“ kulminiert.

Nunja. Noch ne Stunde, dann zur Tafel.

Let’s play a game of Monopoly. (Oder: Details.)

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Also, Moment mal.

Nun ist also der Zeitpunkt gekommen, an dem mir vorgehalten wird, was für ein Opfer die Aufgabe der Polyamorie für ihn darstellt. Hab‘ ich’s nicht gewusst, hab‘ ich’s nicht gesagt, es kommt so weit. Wie gut, dass ich mich in einer Gesamtsumme von definitiv zu vielen ‚zig Stunden Kopfmalträtierung darauf vorbereiten konnte, voll und ganz hinter meiner Überzeugung zu stehen, dass ich jedes Recht habe, mir so ein widerwärtiges Druckmittel nicht unter die Nase reiben zu lassen.

Gut – zwei Mal in einer Woche den Mund aufmachen ist demnach zu viel. Registriert.

Das kann er grad echt nicht gebrauchen. Er hat ja Stress. Er muss schließlich sein Leben auf die Reihe kriegen. Das Problem: Der Moment, in dem er nicht gestresst ist und/oder sein Leben auf die Reihe bekommen hat, kommt am gleichen Tag wie der, in dem es Trudi super geht, sie ihr Leben auf die Reihe bekommen hat und ich ein Mal im Leben ohne schlechtes Gewissen sie darauf hinweisen könnte, dass sie gefälligst irgendeiner Haushaltspflicht nachkommen soll, die sie seit Wochen vernachlässigt. Richtig, das nennt man Sankt-Nimmerleins-Tag. Und so lange warte ich nicht.

Nun denn. Ich bin nicht polyamor, ich verabscheue das Prinzip aus so beispiellos tiefster Seele, dass man sich fragen muss, ob meine Seele so etwas wie einen Boden überhaupt besitzt; ich finde es feige und rücksichtslos und charakterlich mehr als bedenklich und werde den Teufel tun, von dieser Ansicht auch nur ein Milimeterchen zurückzutreten, und damn it, ich beleidige the hell out of dieser Idelogie, an die der bloße Gedanke mir die Eingeweide zerfetzt, aus reinstem Selbstschutz, and I’ll keep on doing that until I feel I don’t need to anymore,  and that’s going to be the day I feel safe with him, which is going to be the day I’m able to feel I’m enough for him, and that’s going to be the day hell freezes over. Cause he won’t let it go.

Das sind dann die Momente, in denen ich denke, nope, das wird nichts. Nicht in dreihundert Jahren. Ich verschwende jeden verfickten Moment meiner Zeit mit jemandem, der nie die Absicht gehegt hat, mir genug zu sein. Du bist glücklicher, wenn man sich noch jemanden dazuholt, dann geh und such dir jemanden, der mitspielt. Sorry, not sorry. Wer das braucht, hat nicht mein Verständnis von Liebe, von Liebe und dedication, von Liebe und dedication und commitment. Ich packe in meinen Wertekoffer. Ha, du bildest dir ein, besser zu sein als Andere. Du meinst, du bist der üble Committer. Du denkst, du hast die ultimative Einsicht in die Polyamorie. Leuten, die sie anders verstehen als du, sprichst du jegliches Recht ab, sich in die Schublade auch nur einzuordnen. Du beschwerst dich über Bindungsprobleme in der Poly-Szene, du Möchtegernheiliger, du Heuchler, du, der du genau so wenig willens bist, die volle Verantwortung zu übernehmen, wie jeder andere verdammte Poly-Mensch auf dieser Welt. Du Wichser, du verdammter Feigling hast doch nur Angst, dass dich jemand auf Dauer nicht erträgt. Damit eines Tages, wenn mir dein Oh-ich-bin-eigentlich-poly-was-habe-ich-nicht-alles-geopfert-für-dich-Gehabe, mit dem du jetzt ankommst, zu dumm wird, du mir sagen kannst, du hättest mich ja von jeher ermutigt, mir nebenher noch jemanden zuzulegen, der mich in meinen schwierigen Zeiten besser handlen kann. Damit entziehst du dich jeder Verantwortung; du willst einfach nicht selbst dran arbeiten, du willst einfach nicht die Gewissheit haben, dass ein einzelner (aber ganzer) Mensch sich in deine Hände legt, du willst Stücke von hier und Stücke von da, und unangenehme Situationen kommen gar nicht auf, denn man hat ja noch jemanden, der einen auch nur zur Hälfte kennt und natürlich auch nur zur Hälfte ertragen muss, das ist es doch und nichts Anderes. Kaum vorstellbar, dass ich diese Art zu leben befürwortet habe, bevor ich tatsächlich damit konfrontiert wurde. Und wenig verwunderlich, meines Erachtens, dass es mir wenig Freude bereitet, zu wissen, dass es das ist, was du eigentlich gern hättest. Das schnürt mir die Luft ab, das schnürt mir die Lebenskraft ab und die ganze riesige Selbstsicherheit, die du mir an anderer Stelle geschenkt hast.

„Wir müssen dringend an deinem Selbstbewusstsein arbeiten… und es wird mir ein Vergnügen sein.“

Hörte ich dich im Januar sagen und wundere mich im Dezember noch immer, wie du es fertigbekommst, mich des erstaunlichen Produkts unserer Arbeit immer wieder in Sekundenschnelle zu berauben, indem du mich wissen lässt, dass ich eigentlich ganz verkehrt bin, und meine Ansichten mit dem ekelhaften, intoleranten Drogenbild deiner Eltern vergleichst. Gowai, ich will das nicht mehr. Ich will raus hier.

Natürlich will ich nicht raus hier. Ich will alles, nur nicht raus hier. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ich will geliebt werden, umsorgt werden, beschützt werden, gekannt werden, erkannt werden, durchleuchtet werden bis in die allerletzte Ecke, wenn ich es doch schonmal geschafft habe, Mauern ab- und Vertrauen aufzubauen. So ein unmögliches Stück Arbeit. Ich will alles von mir herausholen können, teilen mit jemandem, der mich sehen will, in meiner Gesamtheit, um meine Wertigkeit zu erhalten, an die ich anders nicht gelangen kann. Das will ich eigentlich, und davon könnte „raus hier“ entfernter nicht sein. Verdammt, ich würd‘ nur so gerne haben, dass diese Eigenschaft „Monoamorie“, für die mich so unermesslich viele Menschen so lieben würden, bewundern würden, schätzen würden, von dem einen (aber ganzen), dem ich sie angedeihen lasse, zumindest nicht als dieser furchtbare Mangel angesehen wird, nach dem sich zu richten ein ungemein schweres Opfer darstellt.

Gefragt werden. Ein Wunschtraum.

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Ich überlege mir relativ häufig, ob ich nicht einfach zu viel verlange. Ob es nicht also an mir liegt, wenn ich mit gewissen Situationen nicht zufrieden bin, während in so vielen anderen einfach nur reinste Dankbarkeit vorherrscht, darüber, dass mein Freund so ist, wie er ist.

Ich glaube allerdings in diesem Moment, dass ich nicht zu viel verlange. Ich glaube nämlich, dass es oft nicht die Sachen an sich sind, die mich aus der Bahn werfen, sondern vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der sie passieren (oder eben nicht). Das Gar-nicht-erst-gefragt-werden, wie das denn eigentlich genau vor sich gehen soll, falls ein Umzug ansteht. Die Tatsache, dass sein Kollege hier untergebracht wird, mit dem man sich früh morgens aus dem Staub macht, ohne sich zu verabschieden (now that’s a first), um irgendwann im Laufe des Abends wieder einzutrudeln, mich kaum eines Blickes zu würdigen, den Rest des vor Stunden zubereiteten Essens in sich reinzustopfen, dann das Bedürfnis nach einer Umarmung zu äußern und sich, nachdem man diese gewährt bekam, zum Unwinden erstmal ans Keyboard und dann ohne viel Gefackel mit Arne zum Zocken in die Küche zu pflanzen, nachdem ich gerade verkündet hatte, es wäre schön, irgendetwas zusammen zu machen. Nicht ohne zwischendurch noch die ein oder andere vollkommen überflüssige Bemerkung abzugeben, die wieder mal in den Raum wirft, dass man eigentlich ja von seiner zweiwöchigen Möchtegernbeziehung letztes Jahr noch vollkommen zerstört und traumatisiert ist und gleich in Panikattacken ausbricht, wenn jemand Game of Thrones erwähnt. Deutlicher kann mir meine Unfähigkeit nicht signalisiert werden. Weder bin ich in der Lage, eine von diesen widerlichen Traumgestalten aus der Vergangenheit zu ersetzen (wie auch – ich bin ein Mensch, kein Mysterium), gegen die man schon aus dem einfachen Grund keine Chance hat, dass die Leute dazu neigen, Personen erst dann zu glorifizieren, wenn sie einen in Grund und Boden gestampft und zurückgelassen haben, ohne sich nochmal umzudrehen, noch werde ich diese Art von Wertschätzung je bekommen, solange ich einfach da bin, ohne dass er dafür arbeiten muss. Mein Problem, dass es in meiner Natur liegt, einfach da zu sein, weil das ganze Personen-in-den-Boden-stampfen mir nicht so liegt.

Es ist die Tatsache, dass keine Rücksicht genommen wird, die mich zu Tode zerdeppert. Basti kam extra wieder übers Wochenende aus Ulm runter und durfte sich stundenlang mit der mies gelaunten Version von mir abgeben, die er zu oft abbekommt, während ihr Verursacher sich gemütlich dahin verzogen hat, wo’s ihm gerade genehm ist. Was an „Es ist irritierend, wenn du da bist, aber auch nicht“ kann man nicht verstehen? Der Mensch kann mit Arne zocken, bis er schwarz wird, und ich habe kein Problem damit, bis zu genau dem Zeitpunkt, an dem das Ganze in meiner Küche stattfindet, nachdem man sich mein Essen in den Rachen gesteckt hat, ohne die Person Aspi auch nur für eine Sekunde bewusst wahrgenommen zu haben.

Äußern kann ich das natürlich mal wieder nicht, schließlich ist Besuch da. Und da ich Arne mit jedem Mal, das ich mit ihm zu tun habe, weniger ausstehen kann, habe ich nicht vor, mir vor dessen Augen eine derartige Blöße zu geben. Das kann sie beide freuen, andernfalls wäre nämlich R heute hochkant rausgeflogen und der schmierige Charakter, den er mir wieder eingeschleppt hat, gleich mit.

Ich werde mich jetzt mit der Fertigstellung des Eintrags beeilen und das Licht ausmachen; auf die Weise besteht eine Chance, dass ich mich genug beruhigt habe, bis die beiden ins Zimmer reinkommen, und dementsprechend auf ein Vermeiden von Heuldisastern jeglicher Art.

Ich kann Laura verstehen. Es ist wirklich verlockend, anzunehmen, dass mein Kopf der einzige Problemfaktor ist, bloß sollte man vermutlich als Opfer zwischen der ganzen Schuldübernahme noch ab und an mal nach draußen gucken.

So what if I can’t tolerate intolerance. Hey, after all, I was MADE that way.

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Alle Abgründe der Menschheit, die man eigentlich so gern verdrängen würde… tun sich bei Facebook vor meinem fassungslosen Auge auf, schonungslos, bodenlos. Caro fasst es ganz gut in Worte, denk ich:

„oh my- beweis wie sehr religion leute beschränkt“.

„Wenn Gott dich als Mädchen schuf, dann, weil du ein Mädchen bist. Wenn Gott dich als Junge schuf, dann, weil du ein Junge bist. Gott irrt nicht und macht auch keine Fehler. Er macht alles perfekt.“

verstörendster Facebookpost des Tages - comments

Epic battle zwischen Atheistin und Kreationisten. Beste Kombi. Nicht.

Und wieder einmal der frustrierende Beweis dafür, dass ich von R’s Unfähigkeit, Idioten unkommentiert Idioten sein zu lassen und einfach sein eigenes Leben so gut zu machen, wie es sein könnte, wenn man es (sich) nicht permanent mit Idioten-Bashing vertreiben würde, unwiderbringlich kontaminiert wurde. Das hätte ich mir früher verkniffen, da bin ich mir ziemlich sicher.

Hannes aufs Herz

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Hach, Foodsharing macht gute Laune. Ich habe wieder einmal Salat ohne Ende, Lauchzwiebeln und Brot vor meiner Haustür deponiert und hoffe sehr, dass bis zum Abend davon einiges wegkommt. Jetzt, wo ich bis Ende des Jahres zwei Mal die Woche zur Tafel gehe, und dann auch noch an direkt aufeinander folgenden Tagen, kann ich es unmöglich mehr alles selbst verwerten oder privat weitergeben, so wie ich es bisher immer betrieben habe. Und da unser Haupt-FairTeiler gerade abgebaut wurde, landet das Zeug eben doch mal wieder fotografisch dokumentiert in der Foodsharing-Facebook-Gruppe und in Kisten gestapelt vor meiner Tür.

Nun geht’s gleich weiter zu Elli, mit der ich heute Bio mache – ich freu mich drauf, sie nimmt Erbgänge durch und wird Stammbäume zeichnen müssen und so Zeug, das hat mir immer Spaß gemacht. Außerdem muss ich ihr den Subjuntivo nochmal vergegenwärtigen, da sich ihre Spanischlehrerin überlegt hat, am Freitag einen Test über alle Zeiten und Modi zu schreiben, die die Sprache so aufweist. Danke.

Hannes‘ hektisches Gerede in der Küche macht mich wahnsinnig. Warum nur habe ich meine Tür aufgelassen. Schlimm genug, dass sich R genauso anhört, wenn er mal wieder in politisch motivierte Rage gerät, aber von Hannes muss ich mir das wirklich nicht auch noch geben.

Oh, wie ich ihn einfach nicht aushalte.

R meinte neulich, ich würde die WG-Situation an ihm auslassen, als ich durchgedreht bin, weil er sich geweigert hatte, seinen Teil des Putzplans rechtzeitig zu erfüllen. Ich hoffe einfach mal, dass meine Erwiderung, ich würde nur seinen Teil des WG-Zustandes an ihm auslassen, der Wahrheit entsprach und die Frustration über den Rest der Bewohner da nicht noch mit reinspielte. Tat sie natürlich, wie auch nicht. Das Gefühl ging eben schon in die Richtung „Sie treiben mich alle in den Wahnsinn, musst du mir wirklich auch noch in den Rücken fallen?“

Ich muss meine Semmelknödel fertigmachen, wenn ich von Elli komme. Und mein Regal aufräumen und meinen Drucker analysieren, um endlich herauszufinden, ob er wirklich kaputt ist oder einfach mit meinem Computer nicht klarkommt oder aber es doch am Kabel liegen könnte. Was ich aber nicht annehme, weil mir R vor Urzeiten eins von sich gegeben hat und es damit auch nicht funktionierte.

Was ich heute bereits geschafft habe:

– vor 12 Uhr aufstehen
– Beine epilieren
– Oil Pulling
– frühstücken
– erstmals ein Absätzchen meiner BA schreiben – es geht los.
– Tafel

Das ist ziemlich gut eigentlich.

Es kann nur noch mehr werden. Sarah kommt heute Abend zum Proben; ich habe zwar nicht die geringste Lust gerade, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Worauf ich ganz bestimmt keine Lust mehr bekommen werde, ist das Arbeiten morgen. Ägh.

Das alles untermalt von Trudis und Hannes‘ Computer, der ihnen in der Küche eine Rede über Gender ausspuckt (Hilfe, sie beschäftigen sich jetzt auch noch mit Feminismus?!), und Hannes‘ hektischen Kommentaren dazu – „ehrlich, das ist voll rassistisch! Das ist mega-rassistisch gegenüber der Frau, sie wollen jetzt…“ und Trudis leisem, bedächtigem Einwurf: „Du, ich glaub, das nennt man ’sexistisch’“.
Und er: „Sexistisch, ja, mein ich ja, sexistisch. Das ist voll sexistisch, die wollen jetzt…“

Ach Hannes. Warum. WARUM.