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Halt mal kurz (meine Verantwortung)

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Oh, es ist gar nicht so einfach, bei Verstand zu bleiben. Ich halte Malte nicht mehr aus. Ich halte mich selbst nicht aus, wie ich gerade bin. Eigentlich halte ich niemanden über längere Zeit aus (und mich selbst in ihrer Gegenwart), außer R und Becci.

Ich habe gestern Abend schon gedacht, dass es zu lange war, und wäre vielleicht sogar schon gefahren, hätten wir nicht das The-Used-Konzert morgen, das überhaupt der Grund für mein Hiersein ist.

Ich brauche einfach nur Ruhe, ganz viel davon. Aber ich bekomme sie nicht; Mike hat mich schon wieder für Donnerstag eingespannt und will sich mit mir am Fluss treffen und nachmittags ist dieses komische Wieholeichmirmeinestudienkostenvomstaatzurückseminar, zu dem ich mich angemeldet habe. Nebenher hänge ich jeden Tag entnervt und gestresst am Handy und bemühe mich verzweifelt darum, Abholer für die Bäckerei zu organisieren, deren Foodsharing-Betriebsverantwortung ich vertretungs- und irrsinnigerweise für diesen Monat übernommen habe. Und ich muss, wie es aussieht, meinen ersten Therapietermin nach der dreiwöchigen Abwesenheit der Therapeutin absagen, weil ich zugesagt habe, R auf seinem Familienbesuch zu begleiten.

Ich will nicht mehr. Kopf unters Kissen und gar nichts mitbekommen, wie schön es nur wäre.

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…comes without warning

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So. Nachdem in letzter Zeit genug passiert ist – Besuch von der belgischen Sarah und Onno, Ostern in Konstanz, einwöchiges Asyl für Barbara aufgrund ihrer akuten Wasserlosigkeit, um nur einige interessante Stichworte zu nennen – ist das wohl interessanteste Ereignis eines gewesen, das sich in den späten Stunden des 19. April zutrug.

Ich habe mich nämlich aus einem nicht näher definierbaren Grunde dazu entschlossen, R die Öffnung unserer Beziehung anzubieten. Der Auslöser dafür war ziemlich sicher mein Wochenende in Konstanz – ich habe mich im Contrast herumgetrieben, während Basti dort Schicht hatte, wurde von Menschen angesprochen, habe betrunken Kontakte geknüpft und interagiert, es ging mir gut, und auf der Zugfahrt zurück dachte ich mir irgendwann, vielleicht bist du ja inzwischen jemand geworden, der so etwas tatsächlich könnte. Txoria txori fing an, in meinem Kopf zu spielen. Hegoak ebaki banizkio…

Und natürlich war mir klar, dass, sollte diese Möglichkeit bestehen, es praktisch unumgänglich sein würde, die logische Konsequenz daraus zu ziehen – meinem aus eigenem Willen verstümmelten Vogel seine Flügel zurückzugeben.

Ich schlug es ihm also vor und dachte für einen Moment, es würde wirklich funktionieren. Er war verwirrt und sehr glücklich. Ich war relativ gefasst. Ich war auch ein wenig beschwipst, das dürfte geholfen haben.

Wir haben dann gestern über die Konventionen gesprochen und über alles Mögliche drumherum. Während ich die Offenheit und die Intensität dieses Gespräches sehr geschätzt habe, hat es trotzdem enorme Zweifel bei mir hervorgerufen. Es kamen auch Dinge zutage wie die Tatsache, dass er gleich schon jemanden in Aussicht hätte, mit der er wohl mal fast etwas gehabt hätte, bevor wir zusammenkamen, „und danach stand es im Raum“. Natürlich sind wir auch dieses Wochenende gleich wieder in KN, dann kann er sie sehen und ihr die freudige Nachricht überbringen. Typisch mein Timing.

Weiterhin habe ich meine Haltung währenddessen nochmal analysiert und ihm das Ergebnis gleich mitteilen können, dass ich mich nämlich vor meinen eigenen Reaktionen mit am meisten fürchte. Meiner ziemlich pecherfüllten Vergangenheit (dir muss ich das nicht sagen, aber er wollte bis heute noch nie etwas darüber wissen) ist es zu verdanken, dass ich heute befürchte, schnell mal einen Kurzschluss-Radikalschlag zu Selbstschutzzwecken zu veranstalten. Ich möchte niemals wieder so leiden.

Ich bin dann abends containern gefahren mit dem fürchterlichsten Gefühl im Bauch. Genauer gesagt habe ich mich nicht mehr so elend gefühlt, seitdem vor ziemlich genau zwei Jahren mir die Last einer potenziell offenen Beziehung durch R von den Schultern genommen wurde. Zugegebenermaßen hätte ich nicht gedacht, dass mich exakt das gleiche Elend wieder in gleichem Maße heimsuchen würde. Das richtige Elend kam eigentlich heute Früh in Form eines „Ich kann das nicht, wir sind nicht kompatibel, ich kann das nicht, ich bin nicht stark genug“-Heulanfalls, als mich um sieben Uhr nach R’s Weggang zur Arbeit auf einmal eine Panik überfiel, die mal Teil meines Alltags war, aber schon zwei Jahre lang kaum mehr zu Besuch kam. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht packe. Ich kann es allerdings nicht rückgängig machen: er sagte gestern noch, dass diese Aktion unsagbar viel für seine Bindung an mich getan hätte, ich kann jetzt nicht die Bindung wieder zunichte machen und ihn schon wieder verstümmeln. Auch wenn er (und das unterscheidet ihn von dem Menschen von vor zwei Jahren) mir deutlich zu verstehen gab, dass er „zwar hart daran zu kauen hätte“, aber es durchaus respektieren würde, wenn mir „morgen oder in zwei Jahren“ etwas Anderes wieder lieber wäre.

Also laufe ich herum und die Panik schnürt mir die Luft ab und das Bedürfnis zu heulen ist wieder da, als wäre es nie verschwunden gewesen, und ich schreibe Songtexte in meinem Kopf wie seit Jahren nicht mehr, und während ich es so sehr vermisst habe, dass Texte in meinem Kopf erscheinen, so ist es mir doch das offenbar dafür essenzielle Elend nicht wert.

Ich werde berichten.

Distantzi denak lehertu hitz neurtuekin

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Also, erstmal: Yours truly hat es geschafft, sich ihre BA-Thesis um 0.2 Notenpunkte schlechter zu lesen, als sie tatsächlich ist – was sagt es über die Fachkompetenz einer Linguistin aus, wenn diese eine 1.1er-BA-Thesis schreibt, dies aber erst mehrere Tage verspätet in der Lage ist zu erkennen?

Also, Correction: Thesis-Ergebnis: eins Komma eins. Es wird nur immer absurder.

Ich hänge auf R’s Bett, während er ein paar Schritte von mir entfernt am Schreibtisch arbeitet, übertöne seine Musik, die er dabei hört, und sein gelegentliches Fluchen mit Argiak, höre dementsprechend gerade ein ohrenbetäubendes Itxaropena und fühle mich erstaunlicherweise weniger sinnlos-suizidal als vor ein paar Minuten. Es hat geholfen, Kepa meinen Lesekompetenz-Fail mitzuteilen und endlich die Soundfunktion dieses merkwürdig eingestellten Windows-PCs ausfindigzumachen, an dem ich gerade sitze.

Wie ich das sehe, gestaltet sich die Situation folgendermaßen: Ich habe keinen Nachmieter für Frau Personifizierte Erbärmlichkeit, da der Verwalter nach dieser unerfreulichen Erfahrug niemanden mehr ohne Bürgschaft in die Wohnung lässt und Basti somit keine Chance hat. R wiederum will ja ums Verrecken nach Heidelberg ziehen und entscheidet sich alle drei Minuten zwischen „Würde gerne mit dir zusammen wohnen“ (und somit „schere mich irgendwo doch auch im Hinblick auf meine Zukunft einen Dreck um dich“) und „Lohnt sich nicht, ich bin eh bald hier weg vom Fenster“ („um dich, wie von dir zu Recht befürchtet, meinen politischen Ambitionen zu opfern“).

Leider kann ich ihn verstehen, denn in dem Punkt sind wir gleich. Augenscheinlich haben wir uns beide bereits früher in einer Situation befunden, in der wir unser Seelenheil auf die ein oder andere Weise dem Wohlbefinden anderer Personen untergeordnet haben, und daufhin beschlossen, dass, bei aller Liebe, man sich selbst immer noch am Nächsten stehen sollte. Während ich Probleme mit der Umsetzung dieser Erkenntnis habe, scheint er sie bis zur Perfektion verinnerlicht zu haben, wie sich allein darin zeigt, dass er Arnes und sein Projekt über alles Andere stellt und dabei statt der von mir dieser Stelle an den Tag gelegten „Ich schmeiß alles um, wenn du willst, solang es für mich irgendwie noch vertretbar ist“-Mentalität eben doch eher ein „Ich mach das jetzt; was du daraus machst, ist dir überlassen“-Verhalten zeigt. Keine Ahnung, ob das gut gemeint ist, nach dem Motto, „ich will dir ja nicht dein Leben vorschreiben“. Knowing me, wirst du dich in jedem Fall nicht wundern, dass mir das in erster Linie ein Gefühl von „ist mir im Grunde egal, ich brauch dich jedenfalls nicht unbedingt um mich rum“ vermittelt, was wiederum in Anbetracht der Gesamtsituation in einer dramatischen Überreaktion à la „ich klimper einmal mit den Augen und bin von meinem kompletten Umfeld verlassen“ bzw. dem üblichen „Scheiße, ich hab nichts und niemanden und bin allen und jedem egal“ kulminiert.

Nunja. Noch ne Stunde, dann zur Tafel.

Let’s play a game of Monopoly. (Oder: Details.)

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Also, Moment mal.

Nun ist also der Zeitpunkt gekommen, an dem mir vorgehalten wird, was für ein Opfer die Aufgabe der Polyamorie für ihn darstellt. Hab‘ ich’s nicht gewusst, hab‘ ich’s nicht gesagt, es kommt so weit. Wie gut, dass ich mich in einer Gesamtsumme von definitiv zu vielen ‚zig Stunden Kopfmalträtierung darauf vorbereiten konnte, voll und ganz hinter meiner Überzeugung zu stehen, dass ich jedes Recht habe, mir so ein widerwärtiges Druckmittel nicht unter die Nase reiben zu lassen.

Gut – zwei Mal in einer Woche den Mund aufmachen ist demnach zu viel. Registriert.

Das kann er grad echt nicht gebrauchen. Er hat ja Stress. Er muss schließlich sein Leben auf die Reihe kriegen. Das Problem: Der Moment, in dem er nicht gestresst ist und/oder sein Leben auf die Reihe bekommen hat, kommt am gleichen Tag wie der, in dem es Trudi super geht, sie ihr Leben auf die Reihe bekommen hat und ich ein Mal im Leben ohne schlechtes Gewissen sie darauf hinweisen könnte, dass sie gefälligst irgendeiner Haushaltspflicht nachkommen soll, die sie seit Wochen vernachlässigt. Richtig, das nennt man Sankt-Nimmerleins-Tag. Und so lange warte ich nicht.

Nun denn. Ich bin nicht polyamor, ich verabscheue das Prinzip aus so beispiellos tiefster Seele, dass man sich fragen muss, ob meine Seele so etwas wie einen Boden überhaupt besitzt; ich finde es feige und rücksichtslos und charakterlich mehr als bedenklich und werde den Teufel tun, von dieser Ansicht auch nur ein Milimeterchen zurückzutreten, und damn it, ich beleidige the hell out of dieser Idelogie, an die der bloße Gedanke mir die Eingeweide zerfetzt, aus reinstem Selbstschutz, and I’ll keep on doing that until I feel I don’t need to anymore,  and that’s going to be the day I feel safe with him, which is going to be the day I’m able to feel I’m enough for him, and that’s going to be the day hell freezes over. Cause he won’t let it go.

Das sind dann die Momente, in denen ich denke, nope, das wird nichts. Nicht in dreihundert Jahren. Ich verschwende jeden verfickten Moment meiner Zeit mit jemandem, der nie die Absicht gehegt hat, mir genug zu sein. Du bist glücklicher, wenn man sich noch jemanden dazuholt, dann geh und such dir jemanden, der mitspielt. Sorry, not sorry. Wer das braucht, hat nicht mein Verständnis von Liebe, von Liebe und dedication, von Liebe und dedication und commitment. Ich packe in meinen Wertekoffer. Ha, du bildest dir ein, besser zu sein als Andere. Du meinst, du bist der üble Committer. Du denkst, du hast die ultimative Einsicht in die Polyamorie. Leuten, die sie anders verstehen als du, sprichst du jegliches Recht ab, sich in die Schublade auch nur einzuordnen. Du beschwerst dich über Bindungsprobleme in der Poly-Szene, du Möchtegernheiliger, du Heuchler, du, der du genau so wenig willens bist, die volle Verantwortung zu übernehmen, wie jeder andere verdammte Poly-Mensch auf dieser Welt. Du Wichser, du verdammter Feigling hast doch nur Angst, dass dich jemand auf Dauer nicht erträgt. Damit eines Tages, wenn mir dein Oh-ich-bin-eigentlich-poly-was-habe-ich-nicht-alles-geopfert-für-dich-Gehabe, mit dem du jetzt ankommst, zu dumm wird, du mir sagen kannst, du hättest mich ja von jeher ermutigt, mir nebenher noch jemanden zuzulegen, der mich in meinen schwierigen Zeiten besser handlen kann. Damit entziehst du dich jeder Verantwortung; du willst einfach nicht selbst dran arbeiten, du willst einfach nicht die Gewissheit haben, dass ein einzelner (aber ganzer) Mensch sich in deine Hände legt, du willst Stücke von hier und Stücke von da, und unangenehme Situationen kommen gar nicht auf, denn man hat ja noch jemanden, der einen auch nur zur Hälfte kennt und natürlich auch nur zur Hälfte ertragen muss, das ist es doch und nichts Anderes. Kaum vorstellbar, dass ich diese Art zu leben befürwortet habe, bevor ich tatsächlich damit konfrontiert wurde. Und wenig verwunderlich, meines Erachtens, dass es mir wenig Freude bereitet, zu wissen, dass es das ist, was du eigentlich gern hättest. Das schnürt mir die Luft ab, das schnürt mir die Lebenskraft ab und die ganze riesige Selbstsicherheit, die du mir an anderer Stelle geschenkt hast.

„Wir müssen dringend an deinem Selbstbewusstsein arbeiten… und es wird mir ein Vergnügen sein.“

Hörte ich dich im Januar sagen und wundere mich im Dezember noch immer, wie du es fertigbekommst, mich des erstaunlichen Produkts unserer Arbeit immer wieder in Sekundenschnelle zu berauben, indem du mich wissen lässt, dass ich eigentlich ganz verkehrt bin, und meine Ansichten mit dem ekelhaften, intoleranten Drogenbild deiner Eltern vergleichst. Gowai, ich will das nicht mehr. Ich will raus hier.

Natürlich will ich nicht raus hier. Ich will alles, nur nicht raus hier. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ich will geliebt werden, umsorgt werden, beschützt werden, gekannt werden, erkannt werden, durchleuchtet werden bis in die allerletzte Ecke, wenn ich es doch schonmal geschafft habe, Mauern ab- und Vertrauen aufzubauen. So ein unmögliches Stück Arbeit. Ich will alles von mir herausholen können, teilen mit jemandem, der mich sehen will, in meiner Gesamtheit, um meine Wertigkeit zu erhalten, an die ich anders nicht gelangen kann. Das will ich eigentlich, und davon könnte „raus hier“ entfernter nicht sein. Verdammt, ich würd‘ nur so gerne haben, dass diese Eigenschaft „Monoamorie“, für die mich so unermesslich viele Menschen so lieben würden, bewundern würden, schätzen würden, von dem einen (aber ganzen), dem ich sie angedeihen lasse, zumindest nicht als dieser furchtbare Mangel angesehen wird, nach dem sich zu richten ein ungemein schweres Opfer darstellt.

Gefragt werden. Ein Wunschtraum.

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Ich überlege mir relativ häufig, ob ich nicht einfach zu viel verlange. Ob es nicht also an mir liegt, wenn ich mit gewissen Situationen nicht zufrieden bin, während in so vielen anderen einfach nur reinste Dankbarkeit vorherrscht, darüber, dass mein Freund so ist, wie er ist.

Ich glaube allerdings in diesem Moment, dass ich nicht zu viel verlange. Ich glaube nämlich, dass es oft nicht die Sachen an sich sind, die mich aus der Bahn werfen, sondern vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der sie passieren (oder eben nicht). Das Gar-nicht-erst-gefragt-werden, wie das denn eigentlich genau vor sich gehen soll, falls ein Umzug ansteht. Die Tatsache, dass sein Kollege hier untergebracht wird, mit dem man sich früh morgens aus dem Staub macht, ohne sich zu verabschieden (now that’s a first), um irgendwann im Laufe des Abends wieder einzutrudeln, mich kaum eines Blickes zu würdigen, den Rest des vor Stunden zubereiteten Essens in sich reinzustopfen, dann das Bedürfnis nach einer Umarmung zu äußern und sich, nachdem man diese gewährt bekam, zum Unwinden erstmal ans Keyboard und dann ohne viel Gefackel mit Arne zum Zocken in die Küche zu pflanzen, nachdem ich gerade verkündet hatte, es wäre schön, irgendetwas zusammen zu machen. Nicht ohne zwischendurch noch die ein oder andere vollkommen überflüssige Bemerkung abzugeben, die wieder mal in den Raum wirft, dass man eigentlich ja von seiner zweiwöchigen Möchtegernbeziehung letztes Jahr noch vollkommen zerstört und traumatisiert ist und gleich in Panikattacken ausbricht, wenn jemand Game of Thrones erwähnt. Deutlicher kann mir meine Unfähigkeit nicht signalisiert werden. Weder bin ich in der Lage, eine von diesen widerlichen Traumgestalten aus der Vergangenheit zu ersetzen (wie auch – ich bin ein Mensch, kein Mysterium), gegen die man schon aus dem einfachen Grund keine Chance hat, dass die Leute dazu neigen, Personen erst dann zu glorifizieren, wenn sie einen in Grund und Boden gestampft und zurückgelassen haben, ohne sich nochmal umzudrehen, noch werde ich diese Art von Wertschätzung je bekommen, solange ich einfach da bin, ohne dass er dafür arbeiten muss. Mein Problem, dass es in meiner Natur liegt, einfach da zu sein, weil das ganze Personen-in-den-Boden-stampfen mir nicht so liegt.

Es ist die Tatsache, dass keine Rücksicht genommen wird, die mich zu Tode zerdeppert. Basti kam extra wieder übers Wochenende aus Ulm runter und durfte sich stundenlang mit der mies gelaunten Version von mir abgeben, die er zu oft abbekommt, während ihr Verursacher sich gemütlich dahin verzogen hat, wo’s ihm gerade genehm ist. Was an „Es ist irritierend, wenn du da bist, aber auch nicht“ kann man nicht verstehen? Der Mensch kann mit Arne zocken, bis er schwarz wird, und ich habe kein Problem damit, bis zu genau dem Zeitpunkt, an dem das Ganze in meiner Küche stattfindet, nachdem man sich mein Essen in den Rachen gesteckt hat, ohne die Person Aspi auch nur für eine Sekunde bewusst wahrgenommen zu haben.

Äußern kann ich das natürlich mal wieder nicht, schließlich ist Besuch da. Und da ich Arne mit jedem Mal, das ich mit ihm zu tun habe, weniger ausstehen kann, habe ich nicht vor, mir vor dessen Augen eine derartige Blöße zu geben. Das kann sie beide freuen, andernfalls wäre nämlich R heute hochkant rausgeflogen und der schmierige Charakter, den er mir wieder eingeschleppt hat, gleich mit.

Ich werde mich jetzt mit der Fertigstellung des Eintrags beeilen und das Licht ausmachen; auf die Weise besteht eine Chance, dass ich mich genug beruhigt habe, bis die beiden ins Zimmer reinkommen, und dementsprechend auf ein Vermeiden von Heuldisastern jeglicher Art.

Ich kann Laura verstehen. Es ist wirklich verlockend, anzunehmen, dass mein Kopf der einzige Problemfaktor ist, bloß sollte man vermutlich als Opfer zwischen der ganzen Schuldübernahme noch ab und an mal nach draußen gucken.

So what if I can’t tolerate intolerance. Hey, after all, I was MADE that way.

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Alle Abgründe der Menschheit, die man eigentlich so gern verdrängen würde… tun sich bei Facebook vor meinem fassungslosen Auge auf, schonungslos, bodenlos. Caro fasst es ganz gut in Worte, denk ich:

„oh my- beweis wie sehr religion leute beschränkt“.

„Wenn Gott dich als Mädchen schuf, dann, weil du ein Mädchen bist. Wenn Gott dich als Junge schuf, dann, weil du ein Junge bist. Gott irrt nicht und macht auch keine Fehler. Er macht alles perfekt.“

verstörendster Facebookpost des Tages - comments

Epic battle zwischen Atheistin und Kreationisten. Beste Kombi. Nicht.

Und wieder einmal der frustrierende Beweis dafür, dass ich von R’s Unfähigkeit, Idioten unkommentiert Idioten sein zu lassen und einfach sein eigenes Leben so gut zu machen, wie es sein könnte, wenn man es (sich) nicht permanent mit Idioten-Bashing vertreiben würde, unwiderbringlich kontaminiert wurde. Das hätte ich mir früher verkniffen, da bin ich mir ziemlich sicher.

Hannes aufs Herz

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Hach, Foodsharing macht gute Laune. Ich habe wieder einmal Salat ohne Ende, Lauchzwiebeln und Brot vor meiner Haustür deponiert und hoffe sehr, dass bis zum Abend davon einiges wegkommt. Jetzt, wo ich bis Ende des Jahres zwei Mal die Woche zur Tafel gehe, und dann auch noch an direkt aufeinander folgenden Tagen, kann ich es unmöglich mehr alles selbst verwerten oder privat weitergeben, so wie ich es bisher immer betrieben habe. Und da unser Haupt-FairTeiler gerade abgebaut wurde, landet das Zeug eben doch mal wieder fotografisch dokumentiert in der Foodsharing-Facebook-Gruppe und in Kisten gestapelt vor meiner Tür.

Nun geht’s gleich weiter zu Elli, mit der ich heute Bio mache – ich freu mich drauf, sie nimmt Erbgänge durch und wird Stammbäume zeichnen müssen und so Zeug, das hat mir immer Spaß gemacht. Außerdem muss ich ihr den Subjuntivo nochmal vergegenwärtigen, da sich ihre Spanischlehrerin überlegt hat, am Freitag einen Test über alle Zeiten und Modi zu schreiben, die die Sprache so aufweist. Danke.

Hannes‘ hektisches Gerede in der Küche macht mich wahnsinnig. Warum nur habe ich meine Tür aufgelassen. Schlimm genug, dass sich R genauso anhört, wenn er mal wieder in politisch motivierte Rage gerät, aber von Hannes muss ich mir das wirklich nicht auch noch geben.

Oh, wie ich ihn einfach nicht aushalte.

R meinte neulich, ich würde die WG-Situation an ihm auslassen, als ich durchgedreht bin, weil er sich geweigert hatte, seinen Teil des Putzplans rechtzeitig zu erfüllen. Ich hoffe einfach mal, dass meine Erwiderung, ich würde nur seinen Teil des WG-Zustandes an ihm auslassen, der Wahrheit entsprach und die Frustration über den Rest der Bewohner da nicht noch mit reinspielte. Tat sie natürlich, wie auch nicht. Das Gefühl ging eben schon in die Richtung „Sie treiben mich alle in den Wahnsinn, musst du mir wirklich auch noch in den Rücken fallen?“

Ich muss meine Semmelknödel fertigmachen, wenn ich von Elli komme. Und mein Regal aufräumen und meinen Drucker analysieren, um endlich herauszufinden, ob er wirklich kaputt ist oder einfach mit meinem Computer nicht klarkommt oder aber es doch am Kabel liegen könnte. Was ich aber nicht annehme, weil mir R vor Urzeiten eins von sich gegeben hat und es damit auch nicht funktionierte.

Was ich heute bereits geschafft habe:

– vor 12 Uhr aufstehen
– Beine epilieren
– Oil Pulling
– frühstücken
– erstmals ein Absätzchen meiner BA schreiben – es geht los.
– Tafel

Das ist ziemlich gut eigentlich.

Es kann nur noch mehr werden. Sarah kommt heute Abend zum Proben; ich habe zwar nicht die geringste Lust gerade, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Worauf ich ganz bestimmt keine Lust mehr bekommen werde, ist das Arbeiten morgen. Ägh.

Das alles untermalt von Trudis und Hannes‘ Computer, der ihnen in der Küche eine Rede über Gender ausspuckt (Hilfe, sie beschäftigen sich jetzt auch noch mit Feminismus?!), und Hannes‘ hektischen Kommentaren dazu – „ehrlich, das ist voll rassistisch! Das ist mega-rassistisch gegenüber der Frau, sie wollen jetzt…“ und Trudis leisem, bedächtigem Einwurf: „Du, ich glaub, das nennt man ’sexistisch’“.
Und er: „Sexistisch, ja, mein ich ja, sexistisch. Das ist voll sexistisch, die wollen jetzt…“

Ach Hannes. Warum. WARUM.

"Vielleicht, wenn ich morgen schnell durchkomme."

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Also, mein Wochenende war super (wenn auch etwas anstrengend), und die Woche davor ebenso. Mehr schön als anstrengend.

Ich bin trotzdem mal wieder kurz vorm Durchdrehen. R bekommt das Zimmer nicht, das er in Aussicht hatte, und in Anbetracht seiner Lage (und der so vielversprechenden Aussicht) geht mir das gerade wahrscheinlich bald näher als ihm selbst. Wobei, natürlich nicht, höchstens auf eine andere, weniger agg- und mehr depressive Art. Weiterhin wurde ich heute sogar von Seiten meiner Mutter darauf hingewiesen, dass die Konstellation Basti-Aspi-R leicht skurrile Züge an sich hat, und da ich mir dessen natürlich vorher schon bestens bewusst war, sorgte das einfach nur dafür, dass ich mich jetzt noch mehr gedanklich um das Thema wickele und mir aber keine wirklich gute Weise einfällt, diesen Konfliktherd auszuschalten. Es gibt ja momentan gar keinen Konflikt. Der Konflikt ist in meinem Kopf.

So wie der Konflikt, der sich daraus ergab, dass ich einmal schnell wieder vergessen hatte, dass die Transparenz bei aller Liebe, die ich ihr entgegenbringe, auch ihre bösartigen Tücken hat. Nachdem sich Caro von meinen Kommunikationsabsichten gegenüber der Sackratte als noch weitaus weniger als „not amused“ erwies, war ich eben schon der Annahme, gerade wegen des gleichen Vollzeitarschs zum zweiten Mal in meinem Leben einen Kontaktabbruch seitens meiner besten Freundin provoziert zu haben; unangenehm war’s. Der Machtstatus meiner Paranoia ist unverändert. Macht mich wieder mal nachdenklich, weil ich mir so überhaupt nicht sicher sein kann, was an meiner Wahrnehmung überhaupt Realität ist und wie viel Prozent ein Produkt meiner Einbildung.

Also schon wieder so ein Anflug. So spiralisiert man sich in Grund und Boden. Snapping out of my usual self, I’m once again becoming – albeit temporarily – the familiar unstable creature, weary and untrusting, convinced of my complete and utter failiure as a human being. Das geht rasend schnell, a matter of mere minutes, ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt. Ich merke, dass es da ist, allerspätestens an den Vorwürfen, die ich mir mache, wenn ich anfange, mich zu beklagen. Ich habe mir schon Vorwürfe gemacht, da hatte ich nichtmal angefangen zu tippen, „erbärmlich und selbstmitleidig“ being the main expressions used. Daran erkenne ich ohne jeden Zweifel, dass der Zustand wieder zugeschlagen hat und meiner Wahrnehmung in keinster Weise zu trauen ist.

Passt; geht vorbei. Grad rief mich R an; es beruhigt, seinem Monolog über seine Arbeit mit einem halben Ohr zuzuhören, während ich tippe. Ein paar Minuten werd‘ ich noch haben bis zum obligatorischen, auf den ersten Redeschwall folgenden „Und bei dir?“

Nicht wirklich. Ich sollte mal aufhören zu tippen.

Kapital fürs Geldlos-Leben (oder: So schonmal nicht.)

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Ich war gerade dabei, mit mir selbst zu reden. Also, eigentlich war ich dabei, mir eine Unterlage aus der Schublade zu holen, auf die ich die Lernzettel-to-be für Neurolinguistik legen kann, aber dabei redete ich mit mir selbst und es äußerte sich spontan ein erschreckender Gedanke zum Nach-Hinten-Verschieben meiner Selbstversorgerpläne und der Recherche, die ich dafür betreiben muss. (Das Beratungsgespräch mit meinen Eltern am Wochenende war unerwartet konstruktiv und angenehm distanziert und führte uns zu der Einsicht, dass wir Idioten sind, wenn wir annehmen, es innerhalb von fünf Jahren so weit zu bringen, dass wir unser Projekt finanzieren können.)

„Umso mehr Zeit habe ich. Ich muss nur trotzdem jetzt anfangen, jetzt anfangen, jetzt anfangen, jetzt anfangen. Ich kann nicht mehr einfach die ganze Zeit nichts tun. Momentan bin ich von Beruf Tochter.“

Das ist ja nun wirklich widerlich. Meine Mutter würde dazu jetzt wieder sagen, das wäre meiner momentanen Lebensphase auch vollkommen angemessen. Ich bin allerdings der Meinung, dass, wenn ich schon Geld scheffeln muss, um am Ende meine Vision zu realisieren, ich genausogut schonmal damit anfangen kann. Ich werde also mehr arbeiten. Mindestens die 450€ im Monat bei Travelcoup ausschöpfen, allermindestens. R informierte mich neulich, dass ich zweimal im Jahr sogar auf das Doppelte kommen darf, das war mir zum Beispiel überhaupt nicht bekannt.

Meine Ausbildung muss ich dann jetzt auch zum ersten Mal im Leben danach ausrichten, dass sie mich für einen Beruf qualifiziert, der mir Geld einbringt. Literarische Übersetzerin sollte ich demnach zu werden nicht anstreben, wenn ich mein Grundstück noch in diesem Leben erwerben möchte.

Schrieb’s und driftete erstmal eine halbe Stunde in die Tiefen des Internets ab, um sich über so abschreckende Dinge wie Translatologie in Leipzig oder Fachübersetzen und mehrsprachige Kommunikation in Würzburg zu informieren. Es ist doch zu absurd, was sich da schon wieder für eine Fülle an Möglichkeiten auftut. Aber mir gefällt schon wieder beides. Leipzig wegen der Stadt – ich war bisher genau ein Mal da, für eine halbe Stunde in etwa, aber es hat einen wunderbaren Eindruck auf mich gemacht. R wäre begeistert und würde mir vermutlich den Hals umdrehen, aber was kann ich dafür, dass seine Eltern einen Steinwurf weit von Leipzig weg wohnen und er am liebsten seine sächsische Herkunft für immer verdrängen würde. Und in Würzburg lernt man nicht nur eine dritte Fremdsprache während des Masterstudiums, sondern hat zusätzlich Seminare zur Fremdsprachendidaktik, was meinen Neigungen sehr entgegenkommt.

Eieieieiei, was für ein furchtbares Dasein. Da werde ich auch nicht wirklich das Monstervermögen anhäufen, da kann ich mir die Seele aus dem Leib übersetzen und werde trotzdem nicht genug verdienen. Verdammt, ich bin einfach nicht der richtige Mensch zum Geldanhäufen. Wenn erstmal welches reinkäme, hätte ich kein Problem mehr. (Wenn ich nur alles so gut könnte wie sparen.) Aber das ist es nicht, ich bekomme erst gar keins. Scheiße, wieso braucht man denn aber auch so verdammt viel Geld, um am Ende geldlos zu leben.

Menschen, oh, Menschen.

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Basti sagt, Bektaş würde R nicht mögen, was schade wäre, weil ich Bektaş mag und R aber auch, weil nämlich R ein ganz über alle Maßen wunderbarer Mensch ist, den man mögen sollte. Natürlich ist mir klar, dass es nicht das Einfachste der Welt ist, R zu mögen, aber man sollte es zumindest einmal versucht haben.

Ich hab‘ ihm „ich liebe dich“ gesagt, irgendwann zwischen Donnerstag und Freitag gegen halb fünf, als er vom Contrast zurückkam, beziehungsweise von Emma, beziehungsweise vom Asylbewerberheim, weil ein Asylbewerber angeblich von einem Nazi auf die Fresse bekommen hatte und natürlich, R’s Leben eben, er irgendwie darin verwickelt worden war und am Ende eben um vier Uhr zurückkam, benebelt ohne Ende und mit einem monstermäßig schlechten Gewissen, dass es so spät geworden war. Das ist deshalb von Bedeutung, weil es tatsächlich das erste Mal war, dass ich es geschafft habe, diese Äußerung einem Menschen gegenüber zu machen. Andererseits, weil ich es in dem Moment, Selbstschutz hin oder her, wirklich so meinte. Wie dankbar ich dafür bin, dass ich diese Dimension des Lebens noch wachen Auges erblicken darf.

Nunja, wach ist relativ. Ich koche gerade noch Spargel ein, weshalb ich frühestens in acht Minuten das Licht ausmachen und schlafen kann, aber glaub mir, ich würde schon jetzt nichts lieber tun. Basti hängt da unten auf dem Boden an seinem Handy. Vorhin habe ich mit Simone geredet, was unglaublich guttat. Basti hat Wein geschenkt bekommen und mich, während Simone und ich am Reden waren, zuverlässig mit Nachschub providet. Und meine Gemütslage hat sich während des Wochenendes zunehmend erholt und ist wieder stabil, zum Glück auch. So schnell kann ich doch nicht den Ánimo verlieren, ezinezkoa da. Die belgische Sarah hat mir mit so erstaunlichen wie erfreulichen Berichten in Erinnerung gerufen, warum die Zeit mit ihr und Susmita eine meiner besten Erfahrungen war, die ich in dieser Stadt das Glück hatte machen zu dürfen. Und mein Spargel ist in drei Minuten fertig, was ziemlich gut ist, denn ich bin komatös und will einfach nur schlafen. Ade.