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Superglue (I Did It.)

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Okay. For the record: es hat unter eine Minute gedauert, meine Flipflops zu reparieren. So kann’s gehen… muss aber nicht.

Spulen wir zurück an den einen Mittwochnachmittag in Cochabamba, an dem ich dieses Unterfangen zum ersten Mal gestartet habe. Es war Markt im Barrio, aber die Schuhe reparierende Frau war nicht da. Das erfuhr ich sogar ohne selbst suchen zu müssen, denn Tyler, ein anderer Quechua-Schüler, hatte ebenfalls kaputte Sandalen und kam von seinem Erkundungsgang mit ebendieser traurigen Nachricht zurück: Sie ist nicht da.

Ein paar Stunden später: während ich mit Kepa – bereits auf dem Nachhauseweg und mit Plastiktüten voll Obst von der Cancha behangen – durchs Zentrum tingelte, kamen wir an einem der allgegenwärtigen Straßenstände mit Krimskrams vorbei und mir leuchteten tatsächlich Tuben mit Superglue entgegen. Ich also hin, den Preis einer Tube erfragt. 5 Bolivianos, kann man mal machen. Kepa brauchte Taschentücher und kaufte sich welche. Ich zahlte und nahm mir eine Tube vom Hänger, zeigte sie nochmal der Verkäuferin und steckte sie ein. Wir machten uns wieder auf den Weg. Keine drei Schritte waren wir gekommen, da rief uns die Verkäuferin hinterher, sie hätte uns schon eine Tube Kleber gegeben. Wir verdutzt zurück; niemand von uns konnte sich entsinnen, Kleber entgegengenommen zu haben. Ich fing an, meinen Beutel Teil („mío…“) für Teil („…mío…“ für Teil („…mío…“) auszuleeren und Kepa das ganze Zeug in die Hand zu drücken. Der indes durchsuchte wiederum seine Taschen und fand, erstaunlicherweise, eine Tube Superglue. Ups.

Fast forward noch ein paar Stunden. Ich sitze im Zimmer, Flipflops auf den Beinen, Tube in der Hand. Öffne die Tube. Leider beschließt diese, dass es ihr wohl den Tag über auf der Straße zu warm war, und speit Superglue über alle möglichen Teile meines Körpers (Finger) und meiner Bekleidung (Hose), welche daraufhin – brav, genau so war das geplant – natürlich seemingly irremovabel an allem festklebten, mit dem sie in Berührung kamen. Im Falle meiner Hose war dies mein Oberschenkel, im Falle meiner Finger waren es… andere Finger. Da half nur Fluchen und Ziehen.

Ich hatte noch nie so einen glatten Fleck auf dem Oberschenkel. Dafür war der faustgroße Klebefleck in die Hose eingewachsen und hatte sich in Sekundenschnelle erhärtet. (Fun fact: nachdem am Tag danach ersichtlich war, dass das durch nichts in der Welt wieder rauszubekommen ist, und ich wirklich keine Lust auf diesen nach außen vermutlich ominös wirkenden weißen Fleck auf meiner Hose hatte, habe ich ihn kurzerhand rausgeschnitten. Zum Glück ist es eine Schlabberhose, genauer gesagt: meine geliebte türkische Schlabberhose, welche schon diverse Operationen hinter sich hat, unter Anderem eine Kürzung auf Drei Viertel, nachdem der Wohnheimstrockner ihr übel mitgespielt hatte und ein Bein bedeutend kürzer wieder herauskam als das andere. Sie wird also auch dies überleben… und die Narben machen ein Kleidungsstück doch erst interessant.)

Die Sohle des einen Flipflops, an dem ich hatte ansetzen wollen, war ebenfalls vollgeklebt. Ich drückte die letzten verbleibenden Tropfen aus der Tube an die eine Stelle, die von der Explosion verschont geblieben war und welche ich eigentlich hatte erreichen wollen, aber die Flüssigkeit ging darin unter, als hätte ich eine Handvoll Wasser in eine Sanddüne geschüttet. Fazit: Kleber überall, nur meine Flipflops waren nach wie vor unbrauchbar und blieben es auch während der restlichen Reise.

Dann lagen die (übrigens in einer haarsträubenden Last-Minute-Aktion extra für diese Reise bestellten) guten Stücke erstmal ein paar Wochen am gleichen Fleck hier in der Wohnung, weil ich – vielleicht trauma-, vielleicht lethargiebedingt – mich nicht überwinden konnte, diese Aufgabe erneut zu konfrontieren. (Ich glaube, ein großer Teil dieses Unwillens rührte daher, dass ich nicht genau wusste, wo der Sekundenkleber ist. Taurig, aber wahr – sowas kann durchaus mal dazu führen, dass ich Aufgaben ein paar Jahrhunderte lang unangetastet lasse.)

Bis jetzt. Todesmutig habe ich mich der Herausforderung gestellt und an ganzen zwei verschiedenen Orten in der Wohnung nach dem Superglue gesucht, ihn am zweiten der besagten Orte dann gefunden (es war, wie du siehst, nicht sehr schwierig), Flipflops aufgeklappt, Kleber rein, Flipflops zugeklappt, reingeschlüpft, draufgetreten, festgedrückt. Fertig.

It is finished.

Sunshine, my old friend.

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Und schwupps, auf einmal ist es Sommer. Ich sitze in Top und kurzem Rock auf der Terrasse und schwelge in der Wiedervereinigung mit meiner Lebensspenderin Sonne. Schwer vorzustellen, dass vor so Kurzem die Welt noch kalt und finster war.

Die Terrasse ist präpariert für den Einzug der Pflanzen, obschon der natürlich noch einen guten Monat hin ist. Die Komposteimer sind wieder in Betrieb genommen, Kübel teilweise mit Erde befüllt, die Überlebenden des Winters ausgemacht und versorgt. Die Pfefferminze sprießt schon fröhlich; der Schnittlauch macht den Eindruck, nie weggewesen zu sein; Petersilie habe ich aus dem Kasten in ein Töpfchen und Rucola zum Topinambur in den Eimer verfrachtet. Hallelujah, ich kann wieder leben.

R ist arbeiten und wird sich nachher das Qualifying ansehen; ich könnte zum Großhandel fahren oder es bleiben lassen. Man wird sehen. Vielleicht fahre ich nachher zum neuen Spot und schaue beim Großmarkt auf dem Rückweg vorbei. Oder nicht. Zuerst einmal lasse ich es mir gut gehen, trinke mein Bier, solange es kalt ist, lese mein Buch und sauge den Sommer auf.

Franzbrötchen, ich komme.

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Das Eine, worauf ich mich bezüglich des morgigen Tages am meisten freue: Franzbrötchen. Mir war nie klar, was die norddeutsche Kultur eigentlich an bemerkenswerten Dingen hervorgebracht hat, bis ich dann weg war und feststellen musste, dass so etwas wie Franzbrötchen hier unten einfach mal nicht existiert.

Es wird meine erste Aktion nach der Ankunft sein: vom ZOB zum Hauptbahnhof zockeln und mich bei Franz & Friends mit Frühstück in Form einer großzügigen Menge köstlicher Exemplare ausstatten. Oh Himmel, ich kann es kaum erwarten. Allein dafür lohnt sich dieser Ausflug.

Halbe Stunde, dann sollte ich mich aufmachen. Der Bus fährt zwar erst um halb elf, aber zum Hbf muss man ja auch noch irgendwie hinkommen.

Um es nur kurz noch zu erwähnen: Meine Wohnung hat heute ein gutes Stück Vollendung erfahren. Im rosa Zimmer hängen jetzt die letzten zwei Regalbretter und mehrere Ansammlungen von Bildern, der Ohrhänger-Fensterrahmen und der Spiegel sowie die zweite der Bambusmatten, die ich damals vom Sperrmüll gerettet hatte. Im Flur hängen die anderen beiden Spiegel. Nur zum Saugen bin ich schon wieder nicht gekommen.

Aber dafür habe ich nach einem unerträglichen und zeitintensiven Kampf mit meinem Computer endlich die Wireless-Funktion meines neuen Multifunktionsgerätes konfigurieren können und habe sämtliche Materialien, die ich für Stewart am Montag lernen muss, als stolzen Beweis meines Erfolges ausgedruckt in meiner Tasche dabei. Ich hoffe einfach, dass ich dazu komme, sie auch zu lesen. Ich spekuliere auf die Rückfahrt morgen mit Kepa im Transporter, bis er mich irgendwo absetzt, und die darauffolgende Zugfahrt nach Hause. Weil, jetzt im Nachtbus werde ich kaum andere Dinge tun als Schlafen. Das ist ja gerade das Wunderbare.

Das Imperium wächst

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Heute – nein, gestern, aber du weißt, was ich meine – habe ich mir den zweiten Spot erarbeitet. Man kann wirklich von Arbeit sprechen, zumindest wenn die halbe Weltreise dorthin als Arbeit zählt und die grandiose Leistung, im pechschwarzen Nirgendwo zwischen Industriegebiet und Bundesstraße diese Stelle überhaupt zu finden.

Nun aber habe ich es geschafft: Ich habe einen Großmarkt aufgetan. Die Anreise dorthin dauerte heute noch zwanzig Minuten länger, da die erste Bahn, die ich nehmen wollte, so überfüllt war, dass ich mich unmöglich mit dem Fahrrad hineinquetschen konnte. Ich hatte sogar schon in Erwägung gezogen, das Rad gleich dazulassen und am Zielort zu Fuß zu gehen, laut Google Maps wären es ja auch nur 12 Minuten gewesen. Aber ein Glück, dass die nächste Bahn leerer war, so wie ich da erstmal herumgegurkt bin, bevor sich vor meinen erleichterten Augen dann endlich das Ziel erahnen ließ. Wirklich, ich komme mir selten merkwürdig vor, bei allen skurrilen Dingen, die ich gelegentlich so tue, aber dieses Herumfahren auf gut Glück nach einem halb, aber auch nur allerhöchstens halb memorisierten Google-Plan in nachtschwarzer Umgebung ohne die geringste Ahnung, ob das gerade der richtige Weg ist – an einem völlig unbekannten Ort, an dem ich weit und breit nichts, aber auch gar nichts zu suchen hatte außer Mülltonnen irgendwo vor, hinter oder neben einem ominösen Großhandel – das war selbst für mich ein paar Momente lang einfach nur absurd.

Und dann fand ich den Großhandel, und nach gründlicher Umrundung fast bequem zugängliche Mülltonnen. Dann fand ich Tomaten und abgepacktes Brot und ein enormes Glas Senfgurken und Thousand-Islands-Dressing, Salat und noch mehr Salat. Ich habe keinen mehr mitgenommen, schließlich hatte ich gestern schon das Glück, welchen zu finden. Aber der Rest der Schätze, mit Ausnahme des leckenden Glases Senfgurken, welches jetzt (vielleicht noch) im FairTeiler steht, dem ich auf dem Rückweg einen Besuch abgestattet habe, steht jetzt sicher verstaut in meiner Küche. Wie sich das gehört.

Beim FairTeiler war der Erfolg auch größer als sonst. Es gab eine Kiste Kartoffeln, von denen ich mir den Großteil eingetütet habe, eine Packung Paprika-Sticks, welche gerade mein Abendessen darstellten, zwei Liter Schokomilch, Industriekartoffelsalat und irgendwelche Käse-Bällchen-Dinger, die ich für R mitnahm. Meine Existenz ist gesichert.

Im Anschluss vollendete ich erstmal die Pilgerfahrt nach Hause – erstaunlicherweise habe ich für die ganze Aktion samt Pendeln nur drei Stunden gebraucht. Daheim war dann gerade genug Zeit, um die Lebensmittel artgerecht zu versorgen, bevor der letzte Bus in Richtung meines zuerst gefundenen Spots erwischt werden musste. Natürlich muss ich gleich wieder hin, das ist doch wohl verständlich.

Die insgesamt ebenfalls um die dreistündige Reise (Umsteige-Aufenthalt betrug 24 Minuten, ein Glück hatte ich mein Buch dabei und war warm angezogen bei den Temperaturen) hat sich allerdings nicht wirklich gelohnt; es war nichts Neues in den Tonnen und alles, was mir blieb, war, mich – nunmehr mit Licht und Tüten ausgestattet – mit dem Inhalt der Biotonne nochmal genauer auseinanderzusetzen. Siehe da, es kam ein Blumenkohl unter dem Berg von losen Salatblättern und Lauchschichten zu Tage. Den habe ich mir (oder eher meinem Rucksack) einverleibt und mich auf den Rückweg gemacht, nach wie vor guter Dinge. Es war ja nicht zu erwarten, dass ich gleich mit Reichtümern überschwemmt werde. Sowas kommt vielleicht, wenn man Glück hat, mit der Zeit (und Perseverance). Die wichtigsten Schritte sind getan. Eigentlich war es genau ein Schritt, den ich tun musste, nämlich die Überwindung zum (etwas) systematsichen Suchen. Und den bin ich gegangen. Erfolgreich!

Grießpudding und Salat

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Obwohl ich dringend ins Bett muss, wenn das nachher nicht wieder so enden soll wie gestern (aufgewacht um 2.35pm und mich gewundert, dass ich mich so ausgeschlafen fühle, bis ich die Uhrzeit erblickte und es einfach nicht glauben konnte – ich dachte, die Zeiten wären fürs Erste vorbei?!): Mir geht’s blendend.

Warum?

  1. Ich habe einen Container-Spot. Nach einem halben Jahr Entzug endlich wieder einen Spot. Das habe ich Becci zu verdanken und meiner endlich zurückgekehrten Motivation.
  2. Ich habe die sensationellsten Freunde ever.
  3. Possibly sogar den sensationellsten Freund ever.
  4. Den sensationellsten besten Kumpel, um nicht zu sagen: nebatxo, ever.
  5. Eine ganze Familie, mit der ich Weihnachten feiern werde.
  6. Unendliche weitere Privilegien.
  7. Zusammenzufassen ist das alles vermutlich mit „verdammt viel Glück“.

Ade, ich gehe schlafen.

Irgendwie essbar bleiben

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Diese abstruse Wohnsituation hat so viel Gutes. In einem Meer aus Umzugskartons (in erster Linie die von R, die er nach seiner Wiederankunft hier nie ausgepackt hatte), Tüten mit dreckiger Wäsche und ein paar random Lebensmitteln zu leben, denen es nicht mehr vergönnt war, im doch an sich schon überfüllten Stauraum der überschaubaren Küche zwischen Leos Zeugs untergebracht zu werden. Mit diesem Computer als Ersatz für meine Bernadette (deren Festplatte sich noch bei irgendeinem Menschen aus dem Contrast befindet, der sie nicht retten konnte) – einem so unvergleichlich lahmen Computer, dass einem jede Motivation vergeht, sich dahinterzuklemmen, wenn man weiß, man hat an diesem Tag noch etwas Anderes vor. Mit (bis vorgestern) so vielen Aufgaben jeden Tag, dass du gar nicht auf die Idee kommst, dich dahinterklemmen zu wollen.

Und Basti, der mich besucht, obwohl damit ein zusätzlicher Fußweg von ein paar hundert Metern verbunden ist. Vielleicht sogar ein ganzer Kilometer, man weiß es nicht. Der seine Wäsche abholt und sich von mir ein Abendessen machen lässt und mit mir über Lieder von 2005 redet. Der versucht, mir Pastinaken von der Wegwarte anzudrehen, während ich noch eine Riesenpackung gewürfelte Pastinaken im Kühlschrank habe, und sich mit zwei Bier aus Leos Kiste begnügt, während ich mich mit meinem langersehnten Liter Glühwein betrinke.

Und Becci, die mich anruft und vom Stand der Dinge berichtet, nachdem ich offenbar dann doch maßgeblich Einfluss auf ihren Nichtbeziehungsstatus genommen habe. Becci, mit der ich seit Ewigkeiten diese bescheuerte Verbindung gespürt habe, die wir haben könnten, aber nie hatten. Jetzt nähert es sich; es nähert sich der Ist-Zustand dem Sollte-schon-immer-Zustand.

Und die Einsicht, diese verdammte Einsicht, dass R kein Deckel ist, sondern Frischhaltefolie.