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Irrtümer

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Also gut – wie kaum anders zu erwarten, habe ich keine Woche gebraucht, um festzustellen, wie sehr sich ein Mensch doch in sich selbst irren kann. Ich habe mich mit dem Beziehungsöffnungsversuch um Welten überschätzt; es war blanker Selbstbetrug.

Zu meinen großen Glück konnte ich mich zeitnah dazu durchringen, diese Erkenntnis R zu kommunizieren. Vielleicht hätte ich es nicht so schnell über mich gebracht, wäre mir nicht Samstag anhand von Simons und Franzis Hochzeitsversprechen überdeutlich vor Augen geführt worden, wie sehr ich mir eigentlich genau das für mein Leben wünsche. Nicht das Heiraten; ich kann ohne Heiraten leben. Ich hätte nun wirklich nichts dagegen, falls es sich so ergeben sollte, aber solche Kompromisse gehe ich mit Leichtigkeit ein, wenn es mein Partner eben nicht möchte. Aber Priorität zu haben, die allerallererste; ihm so wichtig zu sein, dass nichts Anderes und vor allem niemand Anderes – wie es Simon formulierte – je dazwischenkommen könnte, das brauche ich, einfach, weil ich exakt so funktioniere und weniger zu geben wie auch zu bekommen nicht in der Lage bin.

Erstaunlicherweise sollte ich, unmittelbar nachdem mir dies bewusst wurde, zu der Erkenntnis gelangen, dass mein Wunsch Realität ist. Wir haben uns nach der Trauung relativ zügig auf einen Waldspaziergang (!) von der lächerlich perfekten Location und der zum Brüllen perfekten Gesellschaft in die (wer hätte es vermutet) aufs Höchste idyllische Umgebung abgesetzt und natürlich waren wir kaum drei Schritte weit gekommen, bis ich damit herausplatzen musste, dass ich bei allem guten Willen eine Polybeziehung nicht überleben würde. Man stelle sich diesen Schwall aus Wasser und Wörtern vor, der aus meinem verheulten Gesicht auf seine Schultern fiel: Es tut mir leid, ich will dich nicht verstümmeln, ich will nicht, dass deine Bindung zu mir im Arsch ist, ich wollte es nicht zurücknehmen… Und dann stelle man sich das Opfer meiner Umentscheidung vor, man sehe es mich anschauen und höre es sagen: Es ist vollkommen in Ordnung. Und: Ich möchte dich nicht verletzen.

Ich habe so viel aus diesem Gespräch und dem ganzen Versuch gezogen, dass es die ganze Panik und den körperlich spürbaren Stress völlig aufwiegt. Weder habe ich mich je so geliebt gefühlt, noch hatte ich je weniger Bedenken dabei, meine Gefühle offen darzulegen. Dieser Tag, ich sage es dir. Ich kann es nicht sagen. Mir fehlen die Worte.

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Schon halb neun und nichts getan.

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Es ist schwer, zu entscheiden, was ich tun soll – bloggen, aufs Klo gehen, Caro anschreiben, ob sie Zeit hat zu reden, Abendessen machen. Irgendwann sollte alles noch untergebracht werden heute, in diesem meinem ersten arbeitsfreien Tag seit Wochen.

Ich kann gar nicht glauben, wie vollkommen meine Untätigkeit heute war. Hier hänge ich also auf R’s Bett, im Schlafzeug, aus dem ich den ganzen Tag nicht rauskam, nachdem ich dessen erste Hälfte eh verschlafen hatte. Um zwölf schlafen hat dann doch nicht so hingehauen. Ich war so froh, es endlich wieder fertiggebracht zu haben, mich an den Computer zu schwingen und dann noch mein Blögchen aufzurufen, dass ich bestimmt drei Stunden lang mich nicht dazu durchringen konnte, die Seite wieder zu verlassen. Ich habe wieder mal mein halbes Leben durchgelesen gestern Nacht.

Oh, wie mir das gefehlt hat. Ich kann gar nicht glauben, dass es nur ein Monat war, den ich bloglos verbringen musste. Andererseits, was soll man machen, wenn man nicht riskieren will, dass Trudi, die dieses schöne Plätzchen des Internets irgendwann mal erstalkt hat, sich an meinem Umziehchaos erfreut und trotz konsequenter Abwesenheit alles mitbekommt, das im trauten Heim so vor sich geht. Nun, da sie eh im Bilde ist, kann mir das natürlich auch wieder egal sein. Zum Glück auch. Nach dem Treffen mit dem Verwalter gestern meinte sie dann, nochmal mit einem unvergleichlichen Aufgebot an Dreistigkeit beweisen zu müssen, dass sie auch wirklich genau der erbärmliche Mensch ist, als den ich sie letztendlich kennenlernen durfte, wenn nicht nochmal ein Stück erbärmlicher, aber wen wundert’s. Dieses Fass hat ganz offensichtlich bei der Frau keinen Boden. Wie sagte R so zutreffend zu ihrem Auftritt gestern: „In einem Punkt hat sie Recht. Du kannst ein ziemlicher Dickkopf sein.“ Und über meine halbherzigen Proteste hinweg: „Aber andererseits muss man sich schon verdammt viel rausnehmen, um dich gegen sich aufzubringen.“

Nunja. Ihr scheint es noch nicht genug zu sein, mich aus meiner Wohnung herausgeekelt zu haben; da müssen schon noch ein paar mehr verzweifelte Schikaneversuche herhalten – wenn das nicht mal von Charakter zeugt. Oh well.

Dieser eine faule Tag war mir jetzt aber auch wieder genug. R verkündete mir heute aus Heidelberg die frohe Botschaft, einen Lagerraum für unsere (größtenteils meine) Besitztümer klargemacht zu haben; dafür misten er und Arne zeitnah noch einen Keller aus. Schande, dass ich nicht dabei sein kann – als gäbe es etwas Schöneres, als im Gegenzug für ein bisschen Lagerfläche anderer Leute Gerümpel organisieren zu dürfen. (Das Schlimme an dieser Aussage ist wohl, wenn ich das von außen mal so betrachte, das absolute Fehlen jeglicher Ironie.) Ich werde derweil dafür sorgen, dass in der Wohnung schonmal alles zum Streichen fertig ist und der Kleiderschrank abgebaut und in Bastis Wohnung verschleppt werden kann. Außerdem wird das Band-Equipment, das noch bei mir im Keller steht, auf irgendeine Art und Weise da herausgeschafft werden müssen, und auch wenn ich jetzt in Heidelberg schonmal einen Platz für mein Zeug haben sollte, bin ich mir nicht ganz schlüssig, ob die riesigen Boxen und das monströse Mischpult wirklich darunter sein sollten. Uff. Entscheidungen.

Nervenenden (und was sonst noch so bei mir kaputt ist)

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Es ist unglaublich, wie kaputt meine Zunge noch ist. Ich konnte jetzt über Tage eigentlich kaum was schmecken, aber alles Heiße und Scharfe war dafür dreimal so intensiv wie gewöhnlich. Zuerst dachte ich noch, der Luxmensch hätte einfach extrem viel Pikant-Würzmischung in die Nudeln gekippt, aber nein, das waren davon schon die Anfänge. Heute war es schon besser – zumindest ist jetzt der Rest der Geschmacksnerven auch wieder aktiviert, aber meine eben geöffnete Tüte Peperoni-Chips werde ich ganz bestimmt heute nicht mehr leeressen. Das ist ja die reinste Folter. Sogar meine Supirivicky-Zahnpasta war bis gestern fast unerträglich.

Aber immerhin kann ich überhaupt wieder alles Mögliche essen, ohne dass meine Zunge bald kollabiert vor Schmerzen. Das war Dienstag Abend noch anders.

Ich bin dramatisch gelaunt. Kepa sei Dank; ich denk zu viel darüber nach. Lange kann ich das nicht mitmachen so. Meine Lebensqualität leidet darunter, ganz beträchtlich sogar. Das geht doch nicht.

Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht. Was will ich mir damit schon wieder antun, mich der Unentschlossenheit von jemandem unterzuordnen, der so planlos ist, dass er zwischen „ich hab keine Ahnung“, „ich mag dich einfach“, „Wo willst du hin mit mir?“, „es ist noch nichts beschlossen“ und den Bedenken, man wäre ja doch immer weniger tolerant, als man denkt, und wenn man für immer mit jemandem zusammensein möchte, stößt man ja unweigerlich auf alles Mögliche, mit dem klarzukommen nicht einfach ist, und ich würde am Ende vielleicht nicht damit klarkommen, dass er irgendwann in der Firma seines Vaters Leute entlassen müsste und auf den Waldgrundstücken seiner Eltern Jäger herumlaufen, die die Tiere abknallen, innerhalb einer einzigen Stunde hin- und herschaltet und mir, solange er mich nicht gerade so fest drückt, dass ich „Luft“ japsend ihm Einhalt gebieten muss, sobald wir von Tageslicht bestrahlt werden oder die Entfernung wieder ihre Schatten wirft, in keinster Weise zu verstehen gibt, dass ihm irgendetwas über unsere vorherige Freundschaft Hinausgehendes an mir liegt?

Lies das nochmal gründlich durch und sag mir irgendetwas, das mir hilft. Oder zumindest dass meine Verwirrung legitim ist. Am liebsten aber hätte ich Rat. Ich brauche Rat. Ich bin mal wieder mit meinem Latein am Ende. (Nicht dass ich Latein könnte, vieleicht bin ich deshalb immer so schnell mit meinem am Ende. Ich bin allerdings mit allem Anderen auch am Ende, nicht zuletzt mit meinen armen Nerven.)

Jetzt (oder früher oder später) oder nie?

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Irgendwie ist es nie der richtige Moment. Sobald man darauf wartet, kann man es einfach vergessen. Langsam verstehe ich, warum manche Leute sich Dinge vornehmen, unbedingt mit etwas anfangen oder aufhören wollen und es aber doch nie tun.

Mein Halbjahresvorrat an Medis neigt sich dem bitteren Ende zu; mir verbleiben aktuell 7 Tabletten, sprich, in spätestens einer Woche brauche ich einen Termin beim Psychiater. Ich hatte eh grob ins Auge gefasst, sie demnächst abzusetzen, wollte aber – oh Wunder – auf den richtigen Moment warten. Zu ungefähr der Zeit habe ich dann auch gemerkt, dass sowas wie der richtige Moment ein Mythos ist. Hier was, da was – das macht das Leben doch gerade aus, das ewige Ab und Auf und Ab und das absolute Fehlen von Stillstand. Ich fühle mich nicht fähig für so eine Unternehmung. Ich merke doch, wie die ganzen dramatischen, verängstigten, gelähmten, unsicheren, überemotionalen Schichten von mir unter der Oberfläche lauern. Wenn ich das Medi absetze, besteht die Gefahr, dass das gefestigte Äußere langsam an den Seiten herunterrutscht und meine ganze verdammichte Lebensunfähigkeit wieder unverdeckt und unzensiert ans Licht kommt. Möp, was für Aussichten.

Aber natürlich könnten die Umstände um so Vieles ungünstiger sein. Ich bin zu Hause. Ich habe ein ganzes Jahr lang lernen können, wie man als serotonintechnisch gescheit eingestellter Mensch so lebt. Es wird Frühling; ich werde in der nächsten Zeit viel Sonne abbekommen. Ich habe keine Infatuationen zu bekämpfen; dankenswerterweise sind mir Bekanntschaften mit neuen intelligenten, kaputten, musikalischen oder sonstwie attraktiven Menschen in den letzten Monaten erspart geblieben. Familientechnisch ist es auch relativ ruhig. Es gibt Leute hier und an erstaunlich vielen anderen Orten, denen ich wichtig genug bin, dass sie zur Not wohl auch die ein oder andere Durchhängperiode mit mir durchstehen würden. Und wenn alle Stricke reißen, hol ich mir eben wieder das Zeug und nehm‘ es ein Leben lang weiter. Würde mich auch nicht sonderlich jucken, aber zuerst will ich natürlich versuchen, als eigenständiger Mensch mein Leben, wie es jetzt ist oder sein könnte, aufrecht zu erhalten.

Ich identifiziere mich mehr als je zuvor mit meinem Lebensbäumchen. Es hat sich in den drei Wochen, in denen ich wegwar, ziemlich stark in Richtung des Fensters geneigt und schien nun ein wenig verwundert, als ich wieder dawar und es endlich gedreht habe. Aktuell neigt es sich Richtung Zimmer; es braucht wohl noch ein bisschen Zeit für die Umstellung. Vor allem aber ist es im vergangenen Jahr so groß und prächtig geworden. Und es wächst immer weiter, immer weiter. Ironisch genug, dass ich mich kaum traue, es zu bewegen, weil es so instabil hin- und herwankt und beim kleinsten Anstupsen einen eleganten Umfall hinlegen würde, inklusive des Verlustes einiger riesiger, glänzender Blätter. Genau das Gefühl habe ich bezüglich meines Lebens. Es ist unfassbar bunt und wunderschön, seitdem es gerettet wurde, aber letzten Endes braucht es nicht viel, um es zum Einsturz zu bringen. Deshalb ist die Stabilität so wichtig – denn anders als das Bäumchen kann ich nicht erwarten, dass jemand alles an Gefahren von mir fernhält. Ich hoffe einfach mal, dass das Medi nicht die ganze, lebenswichtige Stütze ausmacht. Vielleicht tut es das ja nicht. Deshalb werd‘ ich es absetzen, auch wenn ich Angst habe.

As I say, not as I do.

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Sprach’s und fährt einen halben Tag später unbeirrt fort, mit der gleichen Person Diskussionen auszutragen, ob es sich lohnt, in Ludwigsburg einen Tag länger zu bleiben, um sich nochmal kurz zu treffen.

Argh.

Aber es erscheint mir schon wieder so unvorstellbar – was genau fährt in solchen Momenten eigentlich in mich? Wo kommt diese ganze Verzweiflung auf einmal her, die mich zu den unfassbarsten Aktionen (fast) befähigt? Während ich jetzt hier sitze und beim allerbesten Willen nicht in der Lage bin, mich in dieses Häufchen Elend von vor achtzehn Stunden hineinzuversetzen – gerade sieht alles so anders aus, alles sieht so machbar aus, alles sieht so einfach aus – jetzt gerade ist ja auch meine ganze Distanz wieder da. Was ist in diesen Momenten eigentlich mit mir los, das würde ich doch gerne mal verstehen.

Ich erkenne es aber wieder – diese Anwandlungen waren früher fester Bestandteil meines Lebens. Wenn du plötzlich Sachen komplett außerhalb jeder Relation siehst, von der momentanen Situation ausgehend, und daran das gesamte verbleibende Leben festmachst. Natürlich drehst du dann durch, wenn du dich gerade mit deiner Mutter zerstritten hast; natürlich fällt dir die Welt überm Kopf zusammen, wenn jemand ein einziges böses Wort gegen dich richtet. Mir hat immer die Perspektive gefehlt. Teilweise kommt das noch durch, in Situationen wie gestern nacht.

Aber ich denke dann auch jedes Mal wirklich, diese düsteren Ahnungen wären nicht von der Hand zu weisende Gewissheiten. Ich kann dir lustige Geschichten aus meiner Zeit als depressives Wrack erzählen, da fallen mir selber beim Zurückblicken ja halb die Augen aus dem Kopf.

Jedenfalls muss ich aufpassen, was ich mit Caro anstelle. Wenn das Gefühl von letzter Nacht wiederkommt, wäre ein wenig Abstand vermutlich keine so schlechte Idee. Für mich, nicht gegen sie, wie Monia richtig feststellte. Ein Wort von mir und es ist beschlossene Sache, das weiß ich. Sie würde es voll und ganz respektieren.

Dann werde ich nun also tun, was ich immer tue. Abwarten nämlich, bis ich noch einmal durchdrehe. Genau wie ich bisher den Frieden in dieser Wohnung gewahrt habe. Noch einmal lass‘ ich sie über die Stränge schlagen, dann gibt’s Krieg, habe ich Susmita (und meinem kampflustigen Inneren) versprochen und Sama weiter machen lassen. Und jetzt zieht sie Anfang August hier aus und ich scheine es geschafft zu haben, dass es alles nicht ein einziges Mal eskaliert ist. Fragt sich nur, ob im Bezug auf mein persönliches Leiden unter Brücken, wo keine sein sollten, mit der gleichen Vor- und Umsicht gehandelt werden sollte, oder es nicht doch nach drastischeren Maßnahmen schreit. Immerhin weiß ich, was theoretisch richtig wäre. Aber bring du dich mal dazu, deinem Verstand zu folgen, wenn es das Letzte ist, was du tun willst.

Abschicken?

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Kurz vorab, ich heule seit Ewigkeiten Rotz und Wasser und war eigentlich höchst entschlossen, es durchzuziehen. Aber wie nicht anders zu erwarten.. schiebe ich es wieder auf. Ein Stück Ehrlichkeit von meiner Seite. Aber ich bin doch zu feige, ich schaffe es doch nicht.

Ich kann das so nicht, ich bin schon wieder total am Auseinanderfallen. Immerzu, wenn ich schon wieder so tue, als wäre alles in Ordnung. Kann gut sein, dass gerade wieder nur eine Zeit ist, in der ich etwas zu Übertreibung neige, aber ich hab das Gefühl, wenn ich weiter erlaube, dass zwischen mir und euch eine Verbindung ist, kann ich niemals ein ordentliches eigenes Leben haben. Es hat mir unglaublich gut getan, mit dir über alles reden zu können. Ich weiß nicht, was sonst aus mir geworden wäre. Ich würde dir vorschlagen, dass ich mich irgendwann melde, wenn ich den Rest Arbeit geschafft habe, den ich noch vor mir habe. Oh wenn du ahnen könntest, wie es mich zerreißt. Ich bin so dankbar, dass ich so viel Klarheit über alles im Nachhinein durch dich noch bekommen habe. Ich an deiner Stelle hätte nie so viel reinen Gutwillen mir gegenüber aufgebracht. Ich will erst wieder mit euch reden, wenn ich das Gleiche euch beiden gegenüber auch schaffe. Sag nichts mehr, bitte, sonst schaff‘ ich’s wieder nicht. Das ist wie Selbstmord. Das fühlt sich so sehr wie Selbstmord an. Wie als ich euch damals gelöscht habe, jetzt bin ich wieder genau an dem gleichen Punkt. Diesmal werd‘ ich aber nicht einen Abend später Şahin anrufen, um Ritual zu machen und alles wieder einzurenken. Ich muss das jetzt schaffen. Sag allen schöne Grüße. Ich bin jederzeit für chillige Gespräche offen, aber nicht, wenn von mir erwartet wird, aus einem Trauma kein großes Ding zu machen. Jeder kann mit mir reden, immerzu, jederzeit, aber irgendwo muss ich auch verstanden und respektiert und geliebt werden und nicht dazu dasein, jemandem den Komfort einer unkomplizierten Freundschaft zu bieten, in der man sich Zuneigung holen kann, wenn die an anderer Stelle gerade knapp ausfällt. Ich bin so kaputt, ich brauch‘ selber manchmal wieder ein bisschen, um zu merken, wie schlimm. Wenn ich jemals jemanden finde, der mir kleinem harmlosen ahnungslosen Menschen Liebe gibt, vielleicht werd‘ ich ja dann wieder ganz. I’m rambling. Sorry. Ich hab dich lieb. Ich werd‘ es aushalten, durch die ganzen Käffer durchzufahren, nicht wie vor so Kurzem noch, und dass unser Mineralwasser aus Bruchsal kommt, ist auch okay, und überhaupt, alles ist gut, ich werde ja nicht vergessen. 🙂 Ich kann’s immer noch nicht glauben, dass ich nicht vergessen worden bin, das bedeutet mir unermesslich viel. Danke, dass du es das letzte Dreivierteljahr lang mit mir ausgehalten und mir nie wieder das Gefühl gegeben hast, wertlos zu sein. Ich werd‘ das für immer behalten.

Leben, Leben, nichts als Leben. Besser als nur festzukleben.

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Was soll ich sagen. Ich hatte einen der schönsten Tage seit Langem (was schon etwas heißen will, denn ich hatte sehr, sehr, sehr viele davon in letzter Zeit), bin mit meinem Leben äußerst zufrieden, habe meine mentalen Schlachtfelder im Griff und oh, nächstes Wochenende besucht mich Caro. (Sie hat mich ein paarmal gefragt, ob ich wirklich damit in Ordnung bin, aber ich habe ihr gesagt, dass sie aufhören soll zu fragen. Als ob ich sie sonst herkommen lassen würde.)

Ich befinde mich nämlich je nach Moment in zwei komplett unterschiedlichen Entwicklungsstufen, „normal“ und „übermenschlich“. Jetzt bin ich übermenschlich, komme mir so vor, als würde meine Persönlichkeit in vollkommen anderen Sphären über allem normal Menschlichen schweben, und bin bis zum Rand angefüllt mit spirituell anmutender Gelassenheit. Und habe etliche Stunden mit ihr geredet und es ging wunderbar. Ich glaube wirklich, ich kann das.

Dafür hat mich Robert heute Abend aufgeregt, indem er mir dumme Ausreden erzählt hat, warum er nicht mit zum Greenfield-Festival kommt. (Was bedeutet, dass ich auch nicht hinkann – so ein ganzes Festival, alleine? Äh, nein. Und es ist ja wirklich wie verhext, niemand sonst hat Zeit, niemand. Und dann wäre da noch das Problem, dass niemand meinen Musikgeschmack teilt, nichtmal meine eigene Band. Kacke sowas.)

Er hat mich so sehr aufgeregt (zu dem Zeitpunkt war der Stimmungsstand noch „normal“, leider), dass ich ihn irgendwann am liebsten zum Teufel gejagt hätte. Aber letztendlich habe ich eingesehen, dass es am sinnvollsten war, einfach meine Erwartungen noch mehr zu senken. Trotzdem kann ich nur jedem empfehlen, der vorhat, mir irgendwann Entscheidungen mit für mich unangenehmen Konsequenzen beizubringen, es bitte so direkt wie möglich zu tun und nicht stattdessen 1) in Ausreden unter Grundschulniveau zu flüchten oder 2) auf ewig vom Erdboden zu verschwinden. Danke vielmals.

man lebt

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Und schon bin ich zurück. Morgen fängt die Uni wieder an. Ich werde panisch beim Gedanken an all die Sachen, die ich dringendst für die Uni machen müsste und mich mal wieder nicht aufraffen kann anzufangen. Ob man so Prokrastinationsprobleme auch behandeln lassen kann? Dann wäre jetzt ja meine Chance. Morgen muss ich mich erstmal irgendwie zwingen, in der Arztpraxis anzurufen für eine Konsiliaruntersuchung. Wie ich das machen soll, ist mir auch noch ein Rätsel, aber machen muss ich es.

Ein frohes neues Jahr wünsche ich dir übrigens. Mein Silvester war sehr angenehm, jedenfalls angenehmer als ich befürchtet hatte. Vorher war ich noch bei Simone, die ja Geburtstag hatte. Von dort kam Julia dann gleich mit zu mir, die hatte sich für Silvester angekündigt, und unterwegs haben wir JO vom ZOB aufgegabelt, die dort 40 Minuten gewartet hatte, weil ihr Bus zu früh dagewesen war. Hat man sowas denn schonmal gehört. Oh welch schlechtes Gewissen. Aber ich war so schon unfähig genug gewesen, um sieben Uhr aufzustehen. Eine Stunde früher und ich wäre überhaupt nicht zurechnungsfähig gewesen.

Am Mittag haben wir dann Laura vom Bahnhof abgeholt – ich bin den ganzen Tag lang Auto gefahren, das Wunder hast du ja auch noch nicht gehört, ich kann plötzlich seelenruhig Auto fahren! Nur alleine bekomme ich es immer noch nicht, es hat was mit der Versicherung des Firmenwagens zu tun und außerdem glaube ich, mein Vater traut mir doch nicht so ganz, nachdem ich an dem Tag zweimal an den unmöglichsten Stellen die Vorfahrt illegal an mich reißen wollte.

Und abends kam dann Lena noch dazu. Ich war zuerst ja dieser Idee gegenüber etwas misstrauisch, Julia und Lena noch dabeizuhaben, vor allem weil ich nicht mehr dazu gekommen war, das mit meinem offiziellen Besuch zu besprechen, und es mir unmöglich vorkam, einfach unangekündigt die beiden noch dazuhaben. Aber es wurde alles gut und sie haben sich alle gut verstanden. Zumindest JO kannte ja auch Julia schon von Silvester 2009/10. Und Lena hat eh nie Probleme, sich mit unbekannten Menschen zu integrieren.

Der nicht so schöne Teil von Silvester bestand daraus, um kurz vor zwölf Uhr noch gewisse Menschen bei Facebook zu unfrienden; ich war dadurch kurz aus der Bahn geworfen und lief für ein paar Minuten heulend und wie ferngesteuert durch die Gegend. Immer wenn jemand an mir vorbeikam, wurde ich kurz getätschelt oder umarmt. Ich bin so dankbar für den moralischen Support meiner Freunde. Ich habe mich dann aber sehr zusammengerissen, literweise Rescue-Tropfen konsumiert und war zum Anfang des neuen Jahres wieder normalisiert. Das war ja auch der Sinn der Sache.

Die restlichen Tage mit Laura&JO waren auch sehr schön und alles ging wahnsinnig schnell vorbei. Nachdem sie dann wieder wegwaren, wurde mein letzter Tag nochmal etwas anders als geplant, aber anscheinend war er wider Erwarten doch zu überleben – tada, hier bin ich. Und meine Eltern leben auch noch. (Ich hoffe. Sind vermutlich nach Hohwacht gefahren, sonst hätte ich doch bestimmt gestern Abend von ihnen gehört.)

Dann die Heimreise mit Lena, ihrer Holy Lamp aus dem Le Marrakech, meiner Gitarre und unseren beiden Riesentrolleys – los um acht Uhr morgens und zu Hause um acht Uhr abends, welch eine Weltreise. Ich habe auf meiner geliebten Strecke zwischen Heidelberg und Karlsruhe meine letzten Rescuetropfen verbraucht. (Der Zug hielt ewig und drei Tage lang in Bruchsal, ich weiß ja nicht, vielleicht hatte der Zugführer etwas gegen mich und wollte versuchen, mich auf hundsgemeinste Weise zu beseitigen) Am Ende musste ich aus der Flasche trinken, weil die Pipette nicht lang genug war. Ich kam mir vor wie ein verzweifelter Suchti.

Dann waren wir tatsächlich zu Hause. Im Bus war ein freundlicher spanischer Musiker, der uns mit unserem Gepäck half und mich für eine Südamerikanerin hielt. („México? Chile?“) Wenn du dir vorstellen könntest, wie ich gestrahlt habe, nur weil ich mit einem wildfremden Mensch Spanisch reden konnte. Lena fand das alles sehr lustig.

Empfangen wurde ich hier von einer bestialisch nach Rauch stinkenden Wohnung, und einem üüüübelst verdreckten Bad (wie man es von Iva ja nicht anders kennt), vieras was für ein Entsetzen! Heute Morgen ist es schon besser, aber trotzdem noch abartig. Mein Zimmer sieht aus wie sonstwas, mit dem offenen, unausgepackten Koffer und dem ganzen anderen Gepäck auf dem Boden verstreut und allen möglichen auseinandergeräumten Sachen, es ist die reinste Katastrophe. Oh, es muss mal irgendwas passieren, das ist ja nicht zum Aushalten.

So, da ich jetzt bestimmt eine halbe Stunde lang nichts Besseres zu tun hatte als mich zu beschweren, möchte ich kurz erwähnen, dass ich bei guter körperlicher Gesundheit bin, mir keinerlei Gliedmaßen fehlen, ich genug zu Essen im Schrank habe (und leckere Sachen noch dazu) und ein Dach über dem Kopf, und so viele Besitztümer, dass sie ausreichen, um ernste Unordnung über mein Zimmer zu bringen; das ist eigentlich genug Grund, um sich mal ein bisschen zu freuen, oder? Verdammtes Wohlstandsproblem.

alles in der Schwebe

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Ich weiß zwar, dass es nichts mehr werden kann, aber noch ist alles möglich. Von meiner Seite aus. Vielleicht die letzte Nacht. Das kommt darauf an, ob er noch reagiert. Die Korrespondenz wurde eh immer abstruser. Ich habe meiner letzten Nachricht, nachdem dann erstmal wieder sechs Stunden keine Antwort mehr kam, noch eine hinzugefügt, die besagt, dass ich morgen gerne mal reden würde, bevor ich zu meinen Eltern fahre. Um diese Sachen, die ich erledigen möchte, noch in diesem Jahr zu beenden.

Das heißt, vorausgesetzt den Fall, darauf reagiert er noch – ich glaube es nicht, aber gut, alles ist möglich & nothing happens the way you plan it – eventuell jetzt meine letzte Nacht auf ZMA.

Das heißt dann wohl AFL ab morgen. Ich sehe da wirklich keine andere Möglichkeit mehr. Ich sehe da keine andere Entwicklung. Ich sehe da bei ihm keine Kooperationsbereitschaft. Ich sehe da bei ihm gar nichts. Keine Menschlichkeit. Die Psychotherapeutin hatte Recht. Wie mich das betrübt. Ich komme mir vor, als würde mein Brustkorb von innen zerfressen.

Dann AFL? Vielleicht ist das für mich besser. Bis ich das akzeptiere, dauert es dann nochmal ein Weilchen. Mir wird so schlecht, wenn ich mich den Erinnerungen aussetze. Und dann immer die Frage, war das überhaupt echt? Und jetzt immer wieder die Suche nach der Menschlichkeit, und ich kann sie gar nirgendwo sehen. Ich habe jetzt anscheinend auch mal am eigenen Leibe erfahren, wie es ist, verblendet zu sein. Nur wie weh das tut, weißt du, diese ganzen Stunden, wenn ich zurücksehe, ist da keine Menschlichkeit; da ist einfach nur dieser unfassbar unreife kleine Bengel, der immerzu das macht, was er will. 100 Prozent. Ohne Rücksicht auf Verluste. Er hat das alles nie getan, weil er geben wollte. Wie mir einfach das alles jetzt erst klarwird. Er hat sich ja nur genommen, ich meine, ich bin selbst schuld, ich habe ja bereitwillig genug alles von mir vor ihm ausgebreitet, die ganze Innenwelt nach außen gestülpt, meine ganze verdammte Innenwelt, immer zu dem Grad, zu dem ich dachte, ich würde seine eigene sehen.

Was war das dann, das er mir gezeigt hat? Wovon jetzt nichts mehr übrig ist? Weil er sich in ein kaltes unbekanntes Wesen verwandelt hat, das mich vergessen hat und dafür gerade mal ne Woche brauchte – was war vorher in dem Wesen, und vorallem was habe ich darin gesehen? Wenn ich mich wenigstens erinnern könnte. Ich weiß aber nichts mehr; ich weiß nur noch, dass ich mein halbes Leben dafür geopfert hätte, noch ein paar Stunden länger halb betrunken auf diesem Sofa zu liegen. Und vermutlich mein gesamtes Leben für noch ein bisschen Zeit an diesem Morgen des 2. Oktobers in der Kälte. Könnte man nur zurück. Oh könnte man nur irgendwie zurück. Zurück und dann die Zeit anhalten.

Ich werd wohl auch nie erfahren, was er eigentlich gedacht hat in den ganzen Stunden. Und wo ich mir dieses Verbundenheitsgefühl hererfunden habe. Ich werde dann vermutlich auch nie erfahren, welcher merkwürdige Prozess in seinem Hirn ihn dazu bewegt, Sachen zu sagen, Sachen wie „sowas vergisst man nicht“.

„Ich hoffe inständig, dass wir so lange es geht beste Freunde bleiben.“

Sehr lange ging es dann ja jezt nicht mehr, wie´s aussieht. Und wie du gekämpft hast für die ach so tolle, besondere, großartige Freundschaft, es ist beeindruckend. Auf ZMA wird man geschoben, unbefristet. Dann bekommt man zwei Ladungen mit Facebook-Nachrichten, die „wie geht es dir? Was macht die Musik?“ zum Inhalt haben, und das alles nachdem einem schriftlich bestätigt wurde, „also ich jedenfalls habe ihr klargemacht, dass unsere Freundschaft trotzdem bestehen bleibt.“

Ich hasse Lügner. Ich hasse sie so sehr; sie machen die Welt zu der unverlässlichen Hölle, die sie ist. WIE KONNTEST DU?

Wie er Ritual abgesetzt hat. Vor Monaten – keine halbe Woche nachdem er es Ritu genannt hat in einer Nachricht, so wie ich es immer gemacht habe – Wie kann man so grausam sein? Mir auf die letzte Minute noch mein Wort stehlen? Und Gowai hat er geschrieben in einer dieser letzten Nachrichten, „ach Gowai“ – schön, was genau willst du damit bezwecken? Das ist ebenfalls mein Wort, und du bist der Mensch, der mich komplett zerstört hat, du hast nicht noch mein Wort zu verwenden, als würdest du mich noch im Entferntesten kennen.

Er weiß nichts von mir. Er ist eine fremde Person ohne Menschlichkeit. Oder stell dir vor, er wüsste doch etwas; stell dir vor, er weiß tatsächlich, wie es mir geht. (Wie? Wenn nichtmal die Menschen, mit denen ich darüber rede, es auch nur erahnen.) Dann sag mir, wie ich aushalten soll, dass es ihm egal ist.

Aber wie soll ich es überhaupt aushalten. Wenn ich endlich verstehen könnte, wie es mir egal sein soll, dass ich ihm egal bin. Wenn ich halt einfach den Zer-, den Wegfall der Freundschaft nachvollziehen könnte. Ich hoffe, falls es nachher ein Gespräch gibt, hilft mir dieses dabei. Aber ich bezweifele es stark. Ich hasse es, ihm schon wieder die Kontrolle zu überlassen. Nur anders geht es gerade nicht. Denn ich bin immer noch diejenige, die gesprungen kommt. Wie immer.

Trauriges Fazit: Es ist alles ohne Hoffnung. Und es ist 2.17 Uhr und ich hoffe, diese Nacht kann ich vor 4 einschlafen.