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Schlimme Verluste

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Gestern war’s der Capo, heute bin ich mein Handy los – das habe ich gestern nach der Einkaufstour beim Aussteigen aus Wolfgangs Auto unter dem Sitz fallen lassen. Erinnert mich an damals, als mir das Gleiche bei einer Mitfahrgelegenheit passiert ist, ich mich in der Folge spät abends handylos am Heidelberger, später am Bruchsaler Bahnhof herumgetrieben habe und es eine Zugfahrt ins Ruhrgebiet mit einem Menschen zu koordinieren gab, auf dessen Festnetz von der Telefonsäule aus anzurufen mir nicht sehr angenehm erschien, weil seine Freundin zu dem Zeitpunkt nicht gut auf mich zu sprechen war. (Hi, Caro – lang ist’s her. :D)

Zwar bin ich heutzutage um ein Vielfaches handyabhängiger als damals, aber zum Glück sitze ich zu Hause, muss mich mit niemandem absprechen und bekomme das gute Stück auch vermutlich im Laufe des Tages noch wieder. Und jeder, dem ich noch Antworten schuldig bin, wird sich entweder gedulden müssen oder eine Facebooknachricht bekommen.

Es hat sich trotzdem gelohnt, gestern Abend loszuziehen. Ich habe endlich wieder Essen im Haus! Besonders glücklich bin ich auch darüber, dass ich vier Packungen Putenherzen bekommen habe, von denen das erste bereits vorhin enthusiastisch von der Katze vertilgt wurde. Score!

Die Ernährung der Katze wird sowieso immer cooler. Eine Arbeitskollegin von R, die Hobbyfalknerin ist, hat ihm neulich angeboten, uns relativ günstig Küken zu verkaufen (tote, wohlgemerkt). Ich habe ihn dann gebeten, sich mal probeweise ein paar mitgeben zu lassen, und siehe da, nach einem Lernpozess von einem halben Tag hatte selbst unser unterbelichtetes Haustier, das von seiner Beute zeit seines Lebens nur das Innere zu Gesicht bekommen hatte, verstanden, dass man diese Viecher mit der Verpackung essen kann. Jetzt bekommt sie bald Küken in regelmäßigen Abständen. Und nun, da sie weiß, wie man damit umgeht, bleibt es mir auch erspart, Küken am Fuß von meiner Hand baumelnd vor ihr zappeln zu lassen, um ihren Jagdinstinkt zu wecken. Sagen wir so: R war dankbar, dass ich das übernommen habe. Ich glaube, er ist da ein kleines bisschen empfindlicher als ich. Was eigentlich ironisch ist, wen man bedenkt, dass er für lebendige Tiere weitaus weniger übrig hat als ich.

Nun hat mir Wolfgang gerade geschrieben, dass er mein Handy gefunden hat. Yes! Und er bringt es mir sogar nachher vorbei.

Gut, dann kann ich mich jetzt ja beruhigt der Versorgung der restlichen Schätze widmen, die ich gestern ergattert habe. Wobei ich vorbildlich schon einen Großteil davon verstaut habe und nur noch der letzte Rest auf mich wartet.

Ach, ich mag mein Leben. Die Sonne scheint. In einer Woche fahr ich schon wieder in den Urlaub. Und irgendwann hab ich einen Garten und eine Wohnung mit mehr Licht.

Richtiger Kaffee

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Oh, diese Phrasen, die man einmal hört und dann ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Jeden Morgen beim Kaffeemachen. „El agua tiene que estar hirviendo.“ Das war Marta aus dem CRLP, die mit den Kollegen über die Kunst des richtigen Kaffees redete, während der Chorreador seine tägliche Arbeit verrichtete.

Jedes Mal beim Ausleeren von Flüssigkeit aus einem Behältnis. „No puedes ordeñar a un cartón de leche.“ Araceli in Málaga, die mich dabei beobachtete, wie ich noch den letzten Rest Milch aus der Packung zu schütteln versuchte – eine Angewohnheit, die ich bis dato nicht abgelegt habe.

Jedes Mal beim Blick auf die letzten Herbst containerten Zierpflanzen auf meiner Terrasse. „Kann man Stacheldra essen?“ Yannick, während wir die leicht verstümmelte Aufschrift auf den Töpfchen zu entziffern versuchten.

So vieles entzieht sich mittlerweile meiner Erinnerung, über weiten Teilen meiner Vergangenheit liegt dichter Nebel, mein Gedächtnis hat sich irgendwann zum Streik entschlossen oder lässt mich einfach nicht mehr teilhaben an allem, das es aufbewahrt. Und dazwischen diese random Schnipsel, die sich einfach eingebrannt haben.

Ich ziehe immer häufiger in Erwägung, die Medis herunterzudosieren, auch wenn ich mich davor fürchte, was unter dem Schleier liegt, und davor, wie es sich auf meine Funktionalität auswirken könnte. Aber ich kann es nicht ab, wie alles vorbeizieht, ohne wirklich zu mir durchzudringen. Ich kann nur diese Woche nicht damit anfangen, weil mein Therapietermin heute ausfiel und ich den Beistand der Therapeutin benötige.

Ich habe neulich ein Interview mit Bert McCracken gelesen, in dem unter Anderem darüber berichtet wird, wie einer seiner besten Freunde sich umbrachte, nachdem er eine Woche lang seine Medikamente nicht genommen hatte. Davor habe ich auch Angst. Aber ich halte mich für fähig genug, das zu vermeiden. Ich muss einfach dafür sorgen, dass noch Medis im Haus sind, sodass man zur Not direkt wieder damit anfangen kann. Und mit Leuten reden, um die eigene Wahrnehmung geradezurücken. Das ist das Allerwichtigste. Dazu muss man sich auch zwingen, wenn man gar keinen Sinn darin sieht. Gerade dann.

Aber genug davon. Ich muss arbeiten und Becci ruft mich irgendwann an, um unseren Urlaub zu besprechen, bzw. ob dieser stattfindet. Ich hoffe so halb, dass wir uns dagegen entscheiden, denn die Aussicht auf eine Reise überfordert mich und ich würde im Grunde gern daheim bleiben, sehen, wie sich meine Keimlinge entwickeln und ob sich demnächst eventuell doch mal sowas wie Frühlingswetter hier einstellt. Die zwei-drei warmen Tage vor einer gefühlten Ewigkeit waren trügerisch und habe nur dazu geführt, dass ich einen Teil der Pflanzen zu früh rausgestellt habe, welche im darauffolgenden Regeninferno teils von umfallenden Obelisken erschlagen und teils überwässert wurden. Oh, meine arme Paprika. Oh, meine arme Kurkuma.

Aber ich ziehe neue Zinnien, Wunderblumen, blühende Sträucher aus Martinique und Tomaten sowie ein paar Chilis heran, nicht weil ich unbedingt Chilis brauche (mein Vorrat reicht schon bis in die Unendlichkeit), sondern weil sie einfach so hübsch sind und irgendjemandem bestimmt eine Freude bereiten, wenn ich sie dann ernte. Und wer weiß – falls ich tatsächlich mal in die glückliche Lage komme, ein Gewächshaus um meine Behausung herum bauen zu können, können all diese Pflanzen dort einziehen.

Es ist tatsächlich ein Ding, Häuser im Gewächshaus. Ich habe dies R gegenüber bereits als mein neues Lebensziel deklariert und – welch angenehme Überraschung – er sagte, er würde liebend gern mit mir in ein Gewächshaus ziehen. Natürlich sagte er dies auch damals über mein Selbstversorgerprojekt, was ich ihm sogleich vorhielt, aber er entgegnete, dies sei ein realistischeres Ziel. Plus, es kommt mit so vielen Vorteilen: Heizkostenminimierung, effiziente Ausschöpfung aller Ressourcen inklusive Regenwasser und sogar Komposttoilette, wenn man es richtig macht. Solch ein Ding zu planen wäre ein Traum, darin würde ich aufgehen.

Nun rede ich erstmal mit Becci.

Unfocused

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Ich habe mir Jason Mraz angemacht – We sing. We dance. We steal things. – , um beim Spülmaschineausräumen Gesellschaft zu haben. Ich hätte das nicht tun sollen; die Spülmaschine war in zehn Minuten erledigt und ich kann nun nichts machen, das auch nur ansatzweise Konzentration erfordert. Selbst für mein Wortfindungs-Handyspiel nimmt das Album zu viel Aufmerksamkeit in Anspruch.

R kommt früher zurück als erwartet; ich hätte nicht vor heute Abend mit ihm gerechnet, aber er rief vorhin an und kündigte sich schon für den frühen Nachmittag an. Er war das Wochenende in Konstanz; ein Freund von ihm ist vor Kurzen gestorben und die Beerdigung fand gestern statt. Ich kannte ihn kaum, aber für R war es schon ein schwerer Schlag. Wie ich ihn und den Rest seines Konstanzer Umfeldes kenne, werden sie sich allerdings, ganz im Sinne des Verstorbenen, über die Trauer mit einer Überdosis Party hinweggeholfen haben.

Ich für meinen Teil habe das Wochenende damit verbracht, meinen 50-Seiten-Auftrag (Deadline Mittwoch) größtenteils erfolgreich vor mir herzuschieben. Davon abgesehen war ich so semiproduktiv, habe es zwar geschafft, nicht komplett zu versacken und ein paar Wäschen zu waschen, aber ansonsten zu viel gezockt und die nächste Serie angefangen – Orange is the new black. Damit bin ich dann auch erstmal gut versorgt; nachdem Narcos México und Mindhunters bislang jeweils nur eine Staffel umfassen, freue ich mich über etwas mit ein wenig mehr Volumen.

Jetzt transportiert mich ‚If It Kills Me‘ selbst in ein winterliches Konstanz zurück, in eine ganz merkwürdige Mischung aus hoffnungslos verlorenem und neu gewonnenem Leben.

Kleines Gerede

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Es ist jedes Mal ein Abenteuer, zu Marthe zu gehen. Marthe ist meine aktuelle Englisch-Konversationsschülerin und das Abenteuer besteht darin, dass wir auch nach etlichen Treffen noch immer nicht ganz den Draht zueinander gefunden haben, sodass es stets eine Herausforderung darstellt, die Unterhaltung am Laufen zu halten.

Das kannte ich so noch gar nicht. Reine Konversation habe ich bisher nur mit Ulrike betrieben, und die war ein so überaus grandioser Mensch, dass man nun wirklich nicht darüber nachdenken musste, was man mit ihr reden könnte. (Ich skype dieses Wochenende mit ihr. Freiwillig.) Marthe dagegen ist zweifellos sehr nett, aber ziemlich zurückhaltend, und wenn mir irgendetwas Schwierigkeiten bereitet, ist es nunmal, Menschen zum Reden zu bringen. Dafür bin ich selbst zu input-abhängig und respektiere vielleicht auch die Entscheidung meines Gegenübers zu sehr, mir Dinge eben nicht mitzuteilen.

Aber es wird langsam. Mittwoch haben wir angefangen, über Bücher zu reden. Ein dankbares Thema, das ich ebenso dankbar aufgegriffen und so weit wie möglich ausgeschöpft habe, den es galt noch zehn Minuten vom leicht verkürzten vorherigen Termin nachzuholen. Nun bin ich heute schon wieder bei ihr und wie immer gespannt, wie wir uns heute schlagen. Ich möchte im Anschluss an die Unterrichtsstunde zum Friseur gehen, vielleicht können wir ja über Haare reden.

R erzählte mir neulich, dass Yannick (sein Kumpel, mit dem ich containern fahre) geäußert hat, er wüsste nicht, worüber er mit mir sprechen sollte – er habe halt keine Smalltalk-Fähigkeiten. Da haben sich ja zwei gesucht und gefunden. Aber ich habe mich dran gewöhnt, dass wir auch mal eine Weile nicht reden, während wir im Auto sitzen. Sicher ist das etwas, was man erst lernen muss – die Stille zu ertragen – , weil wir darauf konditioniert werden, immer zu reden, auch wenn wir nichts zu sagen haben. Während ich das Konzept von Smalltalk schon immer dubios fand (gerade bevor ich es selbst halbwegs durchdrungen hatte, was immerhin einen Großteil meiner bisherigen Existenz ausmacht), habe ich trotzdem zeit meines Lebens zu den Menschen gehört, die für diese Art Stille zu unsicher sind.

Ich musste vorhin daran denken, wie mich Şahin mal vom Bruchsaler Bahnhof abholte. Nachdem vielleicht eine halbe Minute lang niemand von uns etwas gesagt hatte, verkündete er: „Fuck small talk, let’s listen music.“ (woraufhin ich innerlich zusammenzuckte, aber natürlich nichts erwiderte – ich kann mich ganz gut zurücknehmen und lasse den inneren Sprachnazi nur in ausgewählten Situationen von der Leine) – und dann wurde es warm und laut und wir konnten uns voll und ganz darauf konzentrieren, in atemberaubendem Tempo über die Landstraße zu brausen.

So now you know – exactly what it feels like…

 

Borondate, borondate, zure zain nago oraindik.

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Wieso um Himmels Willen erschließt sich mir erst jetzt die vollständige Awesomeness von setlist.fm?

Wie konnte das passieren? Ich lebe doch nicht erst seit gestern, und – noch schlimmer – habe schon häufiger auf die Seite zurückgegriffen, aber… erst gestern kam ich darauf, mir einen Account dort zu machen und alle gesammelten Bands und Konzerte, die ich je besucht habe, darin aufzulisten.

Es sind nicht wirklich alle. Erstens hat mein Gedächtnis erschreckende Lücken, die da nicht sein sollten. Zweitens habe ich zwar etliche Termine, die noch nicht aufgeführt waren, vervollständigen können. Drittens kann ich aber nur neue Termine hinzufügen, deren genaues Datum ich auch kenne. Und viertens ist es zwar cool, dass ich mal im Sommer 2009 Estopa am Stadtstrand von Málaga gesehen habe, aber den Interpreten dafür extra zu importieren ist mir dann doch zu aufwändig. Plus, ich bin mir relativ sicher, dass setlist.fm die Malagueta nicht als Location durchgehen lässt.

Es war trotzdem, verteilt über den gestrigen und den heutigen Nachmittag, eine wunderbare Reise durch mein Konzertuniversum. Nicht nur fallen einem auf einmal die lustigsten Zufälle auf, was die Daten betrifft (niemals hätte ich herausgefunden, dass mein zweites The-Used-Konzert genau wie das zwei Jahre später stattgefundene Rise-Against-Konzert (beide in Frankfurt!) am 16.11. war, was wiederum Roberts Geburtstag ist, was mir wiederum eigentlich egal sein kann, da ich mit Robert nichts mehr zu tun habe und es awkward genug war, ihm neulich mit Becci beim Frank-Turner-Konzert in Wiesbaden nicht nur über den Weg zu laufen, sondern ihn und seine Freundin praktisch das gesamte Konzert über auch nicht mehr loszuwerden. Trotzdem. Es wäre mir auf ewig entgangen.

Mein Gewissen killt mich. Wir haben inzwischen zwar unser Visum für Indien beantragt und ich habe gestern über den Tag verteilt ganz viel mit Sarah und Susmita geschrieben, um alles Mögliche abzuklären, aber abgesehen davon schiebe ich alles, alles vor mir her und bekomme mich auf Teufel komm raus nicht dazu bewegt. Heute habe ich es immerhin über mich gebracht, zu duschen und mich anzuziehen. Richtig schön, mit Desigual-Oberteil und passendem Lippenstift. Zum Rausgehen hat es dann allerdings nicht mehr gereicht, da ich mir kurz vor knapp eingeredet habe, die Medis könnte ich auch morgen holen, wenn ich den ganzen Rest erledige. (Der ganze Rest = Finanzamt, Katzenfutter.) Hoffentlich ist das Rezept nicht schon wieder abgelaufen.

Ich war neulich wirklich unten, als ich mir das Medis-Holen zum ersten Mal vorgenommen hatte. Leider musste ich (nicht zum ersten Mal) feststellen, dass die Apotheken hier im Kaff sage und schreibe zwei Stunden Mittagspause machen und ich um halb zwei Uhr mittags bei allen dreien davon vor verschlossenen Türen stehe. Dass die sich auch noch aufeinander abgestimmt haben, es ist zum Mäusemelken. So fuhr ich unverrichteter Dinge wieder hoch und freute mich dennoch, weil ich immerhin auf dem Weg eine Ladung Altglas weggebracht hatte und der dafür vorgesehene Eimer somit nur noch anderthalbmal geleert werden muss, bis nichts mehr übrig ist.

Heute habe ich, um dem schlechten Gewissen wenigstens irgendetwas entgegenzusetzen, zweiundzwanzig Unbabel-Jobs bearbeitet (schlägt sich gleich angenehm auf der Verdienstanzeige wieder, wenn man nicht alle zwei Minuten auf die Uhr guckt und nach einer Viertelstunde entscheidet, dass man es nicht länger aushält) sowie zwei Maschinen Wäsche gewaschen (und bislang eine Ladung davon durch den Trockner gejagt). Gestern bestand meine selbstgewählte sinnvolle Aufgabe darin, das Frank-Konzert auseinanderzupflücken, um die Aufnahmen bald Becci und Cornelia zukommen lassen zu können. Ich komme bald nicht mehr darauf klar, wie sehr ich mich selbst für das Prokrastinieren verabscheue. Wahrscheinlich gehe ich daran eher kaputt, als mich die tatsächlichen Folgen meiner Prokrastination überhaupt einholen können.

R sagte gestern zu mir, ich solle mich nicht so verrückt machen. „Du tust was. Und ob du es nun zwei oder acht Stunden am Tag machst, ist völlig egal.“ Unbändige Erleichterung ob dieser Zusicherung mischte sich in dem Moment mit den Protestschreien meines Gewissens sowie dem Bewusstsein, dass ich in den vergangenen Tagen nicht einmal eine einzige Stunde lang Geld verdient hatte.

Ich muss einfach irgendwie aus dieser Lähmung raus. Ich brauche von irgendwoher die Willenskraft. Wo kann ich Willenskraft bestellen?

Memories

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Irgendwie war mein Leben ergreifender, als ich mich noch mehr mit Dingen konfrontiert habe. Ich sollte damit wieder anfangen. Selbiges erzählte ich gestern Abend auch R und kam aus heiterem Himmel darauf, mir mal Holzrosensamen zuzulegen. Die sollten doch helfen. Ich komme mit dieser Konfrontationsunwilligkeit und dem damit verbunden sinnlosen Vormichhinexistieren nicht mehr klar. So ändert sich ja nie was bei mir.

Es schüttet aus Kübeln draußen, den Großteil des Tages schon, mit einer Stunde Pause gegen fünf. Außerdem schüttet es in Kübel; ich war eben nochmal draußen, um die Eimer umzuverteilen, während ich mit R telefonierte, der mich fragte, ob es klüger sei, das Fahrrad in der Arbeit stehen zu lassen und den Bus zu nehmen. Bei ihnen unten würde es nur ein bisschen tröpfeln, aber er würde ja den Horizont in unserer Richtung sehen. Gut, dass er anrief; ich wäre nichtmal darauf gekommen, ihm bescheidzusagen, weil ich dadurch, dass ich kein Semesterticket mehr besitze, diese Möglichkeit des Trockenbleibens immer ganz vergesse.

Aber was bin ich froh über diese Sintflut. Eine meiner Azorenpflanzen ist seit gestern am Blühen, die zweite kurz davor, und es sieht so wunderbar aus, wie das tropisch herabprasselnde Wasser von ihren Blättern abperlt. Sie fühlen sich hoffentlich richtig zu Hause.

Ich habe heute, wie schon ganz lange nicht mehr, damit verbracht, einen Teil meiner hier dokumentierten Vergangenheit durchzulesen. Es war gut, dass ich das getan habe; auf diese Art konnte ich feststellen, dass ich zwischen 2010 und heute in der Tat ein paar elementare Entwicklungsschritte vollziehen konnte.

Weiterhin habe ich, dem Vorhaben eines 2012er Eintrags gemäß, mich motiviert gefühlt, tatsächlich mal „Eberybody“s Changing“ von Keane auf der Gitarre durchzuspielen. Nun kann ich das also auch mal. Und ich habe mich an den Moment erinnert, in dem ich in Costa Rica vor dem Computer saß und „You Be Tails, I’ll Be Sonic“ zum ersten Mal gehört habe. Und an ganz viele andere Momente auch.

Nun erfordert aber das nahende Ende des Tages meine Rückkehr in die Gegenwart. Ich habe mir vorgenommen, die Putenkeule zuzubereiten, die ich letzte Woche mit Yannick containert habe. Ich habe so etwas noch nie getan und hoffe nur, dass es nicht so lange dauert, wie ich es gerade befürchte. Nachher fahre ich nämlich schon wieder los, weil Yannick danach über eine Woche im Urlaub ist (schon wieder – oh, gesegnetes Informatikerdasein; irgendwann wird es R auch mal so ergehen) und er mich für heute Abend nochmal auf eine Schatzsuche eingeladen hat.

Von demher: bis bald.

Y tuyo será.

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Unglaublich – der Himmel ist bedeckt; der Sonnenschirm, der seit Tagen unentwegt geöffnet auf der Terrasse steht, wirkt zum ersten Mal seit Langem überflüssig.

Ich denke in der Hitze dieses Monats ständig an Costa Rica, als würde ich nicht eh schon oft genug daran denken – und ich denke mir immer wieder, ich würde dieses Klima mehr schätzen, wenn nicht gleichzeitig der Gedanke an Regionen so hartnäckig nagen würde, die durch das, was für mich einen Segen bedeuten würde (hätte ich denn, wie es in Costa Rica der Fall war, einen Standventilator in meinem Schlafzimmer), gerade unendliches Leid erfahren. Wie immer; wir jammern und ächzen und stöhnen, aber wirklich ausbaden müssen es die Anderen.

Ich habe so viel zu sagen und schaffe es doch nicht. Ich arbeite vormittags meine Unbabel-Schicht für das Projekt, das noch bis zum 12. August läuft; danach fällt der Standby-Bonus von 6 respektive 3 Dollar die Stunde dann halt wieder weg und ich muss mir was Anderes suchen, denn auf Dauer habe ich nicht die Frustrationsgrenze, die es bräuchte, um mich für diesen Hungerlohn täglich mit diesen seelentötenden, monotonen Texten abzuplagen. Ich danke mir selbst und Gowai im Howai dafür, dass ich mich gegen ein Dasein als Übersetzerin entschieden habe, bevor es zu spät war.

Ich halte mich, um den Verstand zu behalten, von allem ab, das Nachdenken erfordert oder Emotionen hervorruft. Gelingt mir das nicht, wird alles ganz komisch. Meine ganze Wahrnehmung verändert sich, und jedes Ding, auf das mein Blick fällt, und es fällt mir gerade wirklich unheimlich schwer zu beschreiben, enthüllt seine wahre Bedeutung, und ich sehe die Welt so, wie sie wirklich ist, so, als säße man im 3-D-Film und es würde einem mitten im Film von irgendwoher die passende Brille aufs Gesicht gesetzt. Aber das passt nicht wirklich; ich sehe ja alles immer klar, nur eben zweidimensional, und es ist vielleicht eher wie Trudi sagte, als sie auf LSD zu mir ins Zimmer kam und sagte, sie hätte im Wald die Bäume leuchten sehen, die gesunden Blätter hätten alle geleuchtet, die verdorrten dagegen nicht.

Und das ist mir zu viel; ich bin heute aufgewacht und hatte den Titelsong von Narcos in Kopf und das allein war irgendwie schon zu heftig, aber mir kam dann die Szene in den Sinn, die mich von all den Entsetzlichkeiten in dieser Serie am meisten mitgenommen hat, nämlich [Spoiler Alert, bitte nur lesen, wenn du nie beabsichtigst, Narcos zu gucken, oder dies bereits getan hast!] als er diesen unfassbar lieben, naiven Jungen beauftragt, in dem Flugzeug ein Gespräch aufzunehmen, und er und seine Frau so dankbar sind für diese Möglichkeit und die reichhaltige Bezahlung, und er ihr sagt, schau, Liebling, vamos a seguir adelante, und sich so sehr freut und sich in das Flugzeug setzt hinter die beiden Männer, und natürlich ist der Knopf, auf den er drückt, nicht dazu da, ein Gespräch aufzunehmen, sondern dazu, das Flugzeug zu sprengen.

Das fand ich mit Abstand die schrecklichste Szene, und als wäre das nicht genug, hatte ich plötzlich das merkwürdigste Szenario im Kopf, und zwar war es so, ich hatte nämlich mit dem Gedanken gespielt, mich aus dem Bett herüber zum Regal zu lehnen und das Baskisch-Wörterbuch herauszuholen, um das Wort ardi nachzuschlagen, das mir Kepa vor Tagen in einer Nachricht geschrieben hatte und ich seitdem in den Winkeln meines verschrumpelten Euskera-Gedächtnisses versucht hatte aufzutreiben, und ich habe mir auf einmal gedacht, dass, würde ich bei der Aktion vom Bett fallen und mir auf dem Weg den Kopf aufschlagen und sterben, R am Abend, wenn er mich fände, keine Möglichkeit haben würde zu wissen, dass ich gerade den Narcos-Titelsong im Kopf hatte, und das wiederum brachte mich auf die endlos entsetzlich traurige Szene in… diesem orangenen Buch mit den zwei Silhouetten von Gesichtern vorne drauf, das mich so fertiggemacht hat, dass ich sogar seinen Namen verdrängt habe, wo [Spoiler Alert; bitte nur weiterlesen, wenn du nicht vorhast, das ominöse orangene Buch mit den zwei Gesichtern vorne drauf je zu lesen, oder dies bereits getan hast!] die Protagonistin am Ende von einem Auto angefahren wird und stirbt, und der Satz, mit dem das Ganze beschrieben wird, war einfach (zumindest ist er so bei mir im Kopf hängengeblieben; keine Garantie): Then Emma [ich hab den Nachnamen des dazugehörigen Menschen vergessen und kam erst nach intensivem Nachdenken überhaupt auf ihren eigenen] died, and everything she had ever said or known was gone forever.

Und das war dann wirklich zu viel, und ich musste mich krampfhaft davon abhalten, weiter mein Hirn nach ihrem Nachnamen oder dem Vornamen ihres Co-Protagonisten zu durchforsten; leider ist mir dieser gerade eben beim Schreiben zumindest wieder eingefallen, Dexter nämlich, und ich suche weiter nach seinem Nachnamen, obwohl ich ihn eigentlich gar nicht wissen möchte.

Dann konnte ich nicht mehr schlafen, obwohl ich noch todmüde gewesen war, als der Wecker geklingelt hatte.

Jetzt bin ich am Arbeiten, aber da es heute mit den Aufgaben schleppend läuft, kann ich der Welt und allen Bots zwischendrin mitteilen, dass mein Hirn merkwürdig ist. Das wusstet ihr alle bestimmt noch gar nicht.

Nichtmehrheimatbesuch

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Es zerreißt mir das Herz. In Konstanz zu sein und zu sehen, wie sich die Stadt ohne mich verändert. Wie sie ohne mich gleich bleibt. Wie der Fluss dieses unwirklichste bodenlose Blaugrün, das er im Sommer manchmal anzunehmen pflegt, mit einer so schamlosen Selbstverständlichkeit daherträgt, gewaltige Massen dieser unwirklichen Farbe, die mich nach Hause ruft.

Es ist wie jedes Mal, wenn ich herkomme. So muss es sein, einen Expartner zu besuchen, mit dem man im Guten auseinandergegangen ist. Diese Vertrautheit. Dieses Nachhausekommen. Dieses Gefühl, hierherzugehören. Die Erinnerungen, die furchtbare Gewissheit, etwas Einmaliges verloren zu haben.

Ich erinnere mich natürlich daran, dass es nicht anders ging; ich musste weg, R musste weg. Und das Gefühl von Zuhause war dem Verdacht gewichen, aus diesem Ort alles herausgezogen zu haben, das er mir geben konnte, und langsam nicht mehr daran wachsen zu können.

Ich musste weg, sicher, und die Umstände haben es mir leicht gemacht. Trudi, Stromlosigkeit, Wohnen mit R auf 13 Quadratmetern und die aus alldem resultierende depressive Monsterwelle, die immer unmöglicher zu ertragende stupide Arbeit, das Dahinschwinden meiner Freundschaft mit Sarah, der Wegfall der Band, das Beenden meines Studiums.

Aber ich bin in Heidelberg nie richtig angekommen. Mein Zuhause dort beschränkt sich auf unsere Wohnung, eine Insel von Heimat in unbekannten Gefilden, meiner Therapeutin und ein paar Foodsharing-Abholungen, ein paar Besuchen von Becci, einer Arbeit, die ich nicht mehr habe, und Menschen, die nicht mehr dort sind oder mit denen ich keinen Kontakt mehr habe. Wir wohnen zu weit außerhalb, als dass ich andere Verbindungen knüpfen könnte. Meine Energie reicht dafür nicht, für jede Unternehmung erstmal eine halbe Stunde schwarz mit dem Bus in die Stadt reinzufahren.

Selbst gewählte Isolation. Ich habe auch keine Lust auf Kontakt mit Leuten. Neunzig Prozent der Zeit. Zumindest wenn ich dafür meinen Hintern von der Couch wegbewegen müsste. Mein Mitt-Konstanzer Ich wäre, ironischerweise, von einer Lappalie wie räumlicher Distanz nicht davon abzuhalten gewesen, in der Stadt zu Hause zu sein. Selbst wenn sie sich so weit erstreckt wie Heidelberg.

Was will ich damit sagen? Ich habe keine Ahnung. Ich habe kein Zuhause. Mal wieder nicht.

Ausflug nach Hause

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Ach, ich freue mich auf Hamburg. Auch wenn es sich offenbar bei mir so eingebürgert hat, dass ich bloß einmal im Jahr auf eine Eintagesvisite vorbeischneie (siehe Kepas Umzug von Hamburg nach Kempten letztes Jahr, wobei das mit einem knappen halben Tag wohl ungeschlagen der kürzeste Besuch sein wird, den ich meiner alten Heimat je abgestattet habe).

Simone wird in einem relativ kleinen Café feiern; dort war ich auch schonmal und habe es geliebt, direkt an der Elbe, man sieht die riesigen Frachter vorbeifahren und es hat einfach Flair. Nebenan gibt es eine Art Empfangspunkt für Schiffe, wo ein Mensch in einer Kabine sitzt und die Nationalhymnen der ankommenden Mannschaften abspielt. Das letzte Mal war ich mit meinen Eltern und Großeltern dort, als uns diese in Oldesloe besuchten. Mein Opa ist sehr gesprächig und quatscht unheimlich gerne mit Menschen, die ihm über den Weg laufen, und so erzählte ihm der Kabinenmensch die Anekdote (welche mir, wie man merkt, bis heute im Gedächtnis blieb), dass einmal, als ein südkoreanisches Schiff vorbeifuhr, er versehentlich die nordkoreanische Hymne abgespielt habe. Die Menschen an Bord des südkoreanischen Frachters haben es wohl mit Humor genommen.

Gerade bedrückt es mich unheimlich, dass meine Großeltern nicht mehr so mobil sind. Gerade meinen Opa bedauere ich, denn er ist seinem Alter zum Trotz wirklich nicht gebrechlich und könnte gut und gerne noch durch die Weltgeschichte ziehen. Meiner Oma geht es nicht ganz so gut, sie hat Probleme mit dem Rücken und ist nicht mehr bereit, die Strapazen einer längeren Bahnfahrt auf sich zu nehmen. Mein Opa war sein Leben lang unfassbar wissbegierig, was fremde Orte anging. Er hat wenige weite Reisen unternommen, das haben seine Lebensumstände nicht erlaubt – mit Ausnahme des Besuchs bei meinen Eltern in New York und dem damit verbundenen Karibikurlaub, bevor ich geboren wurde, sind sie, glaube ich, beide nie aus Europa hinausgekommen. Aber ich schwöre dir, du kannst dir eine Deutschlandkarte nehmen und auf ein x-beliebiges Drei-Leute-Kaff blind mit dem Finger tippen, und er wird dir alles an Geschichte runterrattern, das dieses Nest je erlebt hat, und die der umliegenden Gegenden gleich dazu. Er ist wahnsinnig gebildet, obwohl er sein Leben lang ein einfacher Arbeiter war.

Aber ich schweife ab. Ich war ja gerade noch in Hamburg, und zwar bei dem Moment, in dem wir in den ZOB einfahren und ich, vor Müdigkeit wahrscheinlich komplett überdreht, mich wieder zu Hause fühlen werde an einem Ort, mit dem ich nichts mehr zu tun habe, den ich eigentlich nie auch nur angefangen habe zu durchdringen, und den ich kaum je wieder sehen werde.

Mir ist sogar eine wunderbare Lösung für das Makeup-Problem eingefallen (namely, wie schafft man es, nach achteinhalbstündiger Busfahrt und fünf Stunden Stadt für eine Hochzeit präsentabel auszusehen?), nämlich der Rossmann im Hauptbahnhof, von wo sowieso mehr als die Hälfte meiner Kosmetiksammlung stammt. (Da ich ja im normalen Leben nicht unbedingt übermäßig davon verwende, wird mir dieser Vorrat noch bis an mein Lebensende erhalten bleiben. Aber ich war früher süchtig danach, Lipgloss und Lidschatten zu kaufen, einfach wegen der Farben.) Dort kann ich dann doch problemlos bei den Testern einmal die Runde machen und tada, ich spare mir sogar noch die Mühe, mein eigenes Zeug mitzunehmen. Dann hoffe ich nur noch, dass das Wetter gut ist, weil ich wirklich nicht weiß, was ich über mein buntes Kleid für eine Jacke ziehen sollte. Oh, diese Probleme. Man könnte wirklich meinen, ich hätte keine.

So lange her.

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Ich habe, glaube ich, gerade verstanden, wieso mein Emotionsspektrum gefühlt so wahnsinnig breit ist. Und zwar habe ich mir eben gedacht: Das liegt daran, dass mein emotionales Kurzzeitgedächtnis wie das eines Goldfisches ist.

Mir geht es gut. Und zwar wirklich, als hätte ich nicht vor zwei Wochen auf einem Balkon in Mailand gesessen mit dem überwältigenden Bedürfnis, die vor mir auf der Balkonmauer stehende Weinflasche daran zu zerschmettern und mit dem so entstandenen Instrument meinen Körper in der Mitte aufzuschneiden, die Arme und die Brust und das Gesicht, und noch viel schlimmer, meine Mutter damit anzugreifen, die Liebe und das Vertrauen und das Verständnis, alles, was sie mir entzogen hatte, auf diese Weise aus ihr herausströmen zu lassen; all diese Dinge mussten doch irgendwo sein. Was für eine unmenschliche Anstrengung es gekostet hat in diesem Moment, nicht die Weinflasche auf der Mauer zu zertrümmern und ein, wahrscheinlich zwei Leben aufs Entsetzlichste zu verändern. Ich bin noch immer nicht sicher, ob es allein die Tatsache war, dass sich noch Wein in der Flasche befand, die mir die Kraft verliehen hat, dem Bedürfnis nicht nachzugeben. Wein verschwenden, dafür bin ich nicht programmiert. Und die Gläser daneben gehörten der Air-B&B-Frau. Manchmal sind es die Kleinigkeiten.

Aber das ist schon so lange her, und ich verdränge es. Die Therapeutin hat meine Verdrängungskunst gelobt. Das sei wirklich eine gute Sache. Das ist Teil ihrer Herangehensweise; alles, was man macht, wird irgendwie erstmal ins Positive gedreht. Aber natürlich hat sie Recht, denn ich kann wirklich sehr gut verdrängen. Allerdings bedeutet das auch, dass einen alles, was passiert, immer wesentlich mehr beeindruckt, als hätte man den Fundus an vorangegangenen Erfahrungen immer gleich parat. Ich stehe auf und fange jedes Mal bei Null an. Du warst gestern richtig mies zu mir? Macht nichts, solange du heute lieb bist. Draußen blühen die Tomaten? Heftig, das muss eine halbe Stunde lang zelebriert werden, denn es ist schon so lange her, dass ich gestern um die Zeit davorstand und genau so begeistert war. Du bist morgen wieder gemein zu mir? Das wird mich unendlich mitnehmen, weil es doch heute so schön war. Und gestern ist halt… schon so lange her.