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Kausalitätsketten

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This is the story of how a person got from point A to point Z.
Some call it fate, others, chance. But whatever you call it,
it sure is an interesting thing to ponder, don't you think?
The twisted paths our lives follow. How did you get here?
The place where you are right now at this very moment.
What series of events brought you to this place?
At this specific point in time? Where are you in life?
Are things turning out the way you'd planned?
And by the way, when was the last time you spoke with your parents?
Don't you think you ought to give them a call?
To thank them for the set of circumstances that brought them together,
at a certain place, at a certain moment in time, when you were created.

In der Tat sind dies interessante Dinge, über die es sich nachzudenken lohnt, da hat Roscoe Lee Browne im Auftakt von Smiley Face schon Recht. Mein Point A des heutigen Tages war wohl die (somewhat verstörende) Whatsapp-Nachricht meiner Mutter, sie habe meinen Blog gelesen. (Nachdem ich ihr darauf ‚Oh‘ antwortete und sie daraufhin ‚Genau‘ erwiderte, fand keine weitere Kommunikation diesbezüglich oder anderweitig statt, sodass die Konsequenzen dieser Eröffnung mir aktuell noch nicht in ihrem vollen Ausmaße bekannt sind.)

Ich machte mich auf, zu tun, was ich immer tue, wenn diese Situation eintritt: Blog scannen, um zu ermitteln, welche Unsäglichkeiten ich im Laufe meiner mittlerweile zehnjährigen Seelenausschüttungskarriere produziert habe, die der nunmehr darüber in Kenntnis befindlichen Person nicht gefallen könnten. Nach diesem ersten Schritt gehe ich üblicherweise dazu über, zugunsten der Authentizität und meines Seelenheils die Tatsache, dass ich gefunden wurde, schnellstmöglich wieder vollständig zu verdrängen.

Beim Scannen lief mir dann aber folgender Satz über den Weg: „Basti hat so Recht, wie er immer sagt, Kommunikation ist das Allerwichtigste.“ Das war Point B.

Ich nahm dies zum Anlass, mir zu denken, screw this, und Basti eine Nachricht zu schreiben, in der ich auf diese Aussage Bezug nahm. Auf diese Weise kam kurz danach tatsächlich ein Gespräch zustande, in dessen Verlauf mir zwar nicht unbedingt wie Schuppen von den Augen fiel, dass ich in der Unterhaltung mit Niklas absolutem Blödsinn auf den Leim gegangen war, aber zumindest bin ich nicht mehr überzeugt, ein absolutes Monstrum als besten Freund gehabt zu haben. Es wird nicht mehr so wie früher, aber ich sehe keine Notwendigkeit mehr, ihn aus dem Fenster zu schmeißen.

Da wir nicht ganz so lange telefoniert haben, wie es eigentlich hätte dauern können, weil er zurück an die Arbeit musste, versuchen wir das Gespräch heute Abend fortzusetzen. Point Z ist also fürs Erste aufgeschoben. Dahin gelange ich wohl über einen weitaus weniger manischen Donnerstag, als geplant war – die manischen Donnerstage habe ich zusammen mit dem Anti-Versackungs-Plan vor ein paar Monaten eingeführt, bin aber zunehmend inkonsequent damit und nutze jede Kleinigkeit, um mich davor zu drücken. Aktuell ist es die jahreszeitbedingte Dunkelheit, die mir als Vorwand zum Nichtstun dient. Staubsaugen bei diesen Lichtverhältnissen wäre ineffizient. Beim Aufräumen möchte ich auch sehen, was ich tue. Den Tisch mag ich auch nicht im Dunkeln putzen. Die Küche kann man zwar hell erleuchten, aber die Spülmaschine läuft bereits. Den Flur blockieren Taschen mit Pfandflaschen. Für ein Semesterticket bin ich zu geizig, aber die Semesterticketlosigkeit hält mich davon ab, das Haus zu verlassen und die Flaschen wegzubringen. Ich habe zwar von Susmitas und Sarahs Besuch neulich noch ein paar Einzeltickets übrig, möchte diese aber nicht ohne Not verschwenden. Wäsche sollte ich waschen, aber im Keller ist es so kalt. Warm anziehen könnte ich mich, aber da es so dunkel ist, bin ich nicht motiviert dazu. Winter nervt.

Das Gute: In drei Wochen wird es bereits wieder heller. Und in drei Monaten kann ich schon fast wieder richtig normal leben. Und ich habe zwar vorhin mit Basti darüber gesprochen, dass wir in Konstanz wirklich ein schönes Leben hatten, aber vielleicht strenge ich mich einfach mal ein bisschen an und schaffe das Gleiche hier auch.

¡Estamos a salvo!

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Noch nie war ich so erleichtert im Angesicht eines Wahlergebnisses. Als es in Österreich knapp war, nicht; als es in Frankreich knapp war, nicht, und wenn im eigenen Land was los war, erst recht nicht; hierzulande ist das meines Erachtens eh alles ein Brei und die beachtenswerte Bedrohung erfolgt in dem Moment, in dem die AfD noch einen Tick salonfähiger wird, aber das kommt schleichend, da fällt man nicht so aus allen Wolken.

Anders das Szenario Costa Ricas. Seit Februar war ich am Bangen, ob Fabricio oder Carlos, ob Hass oder Fortschritt, Elend oder Würde. Mein Erstaunen über Fabricios Wahlsieg in der ersten Runde hielt sich trotz des damit einhergehenden Entsetzens in Grenzen, was auf meine Erfahrungen zurückzuführen ist, die ich einst dort gemacht habe, und die Art von Menschen, mit denen ich damals zusammengetroffen bin. Aber mit dem Entstehen der parteienübergreifenden Coalición Costa Rica als unmittelbare Reaktion auf Fabricios knappen Sieg und all das gewaltige aufbrausende Engagement des sonst so politikverdrossenen Costa Rica haben sich mir Seiten an der Bevölkerung dieses Landes eröffnet, die mir all die Jahre praktisch völlig verborgen waren. Ich habe ein Stück meines Glaubens an die Menschheit in diesen paar Monaten wiedererlangt, falls der zuvor je vorhanden war. Und heute das Ergebnis der gestrigen Stichwahlen; die Menschlichkeit hat triumphiert, Carlos bekam knapp über sechzig Prozent der Stimmen. Das ist, als hätte Sanders direkt gegen Trump kandidiert und in zweiten Anlauf gewonnen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung. Das ist ein Grund zu unsagbarer Erleichterung. Und das bedeutet, dass innerhalb der nächsten vier Jahre nichts weiter mich davon abhält, costarricanischen Boden zu betreten, als meine eigene zeitliche und finanzielle Situation. Wäre es Fabricio geworden, sähe das anders aus. Da hätte man dann auch gleich in die Türkei fliegen können.

Dass ein Großteil meiner Bekannten und Freunde dort heute vermutlich im Gegensatz zu mir und allen mit Hirn gesegneten Costarricanern keine Freudentänze aufführt, ist ein Wermutstropfen, aber im Moment überwiegt die Erleichterung. Nicht nur hat Carlos nun die Chance, seine Sache so gut zu machen, dass es weder den Hirnbesitzern noch den Fabri-Lovers des Landes in den nächsten Jahren schlechter geht als zuvor; er kann auch den hart geschädigten Ruf seiner Partei wieder verbessern und Debakel wie dieses so für die Zukunft verhindern. Sie wären dem Fabri nicht alle derart blind in die Arme gelaufen, hätte sich die PAC nicht zuvor über eine Dekade durch grottige Regierungen und Korruptionsskandale mit viel Erfolg zum allerersten Sündenbock der Nation hochgearbeitet.

Aber genug davon. Es ist ein kleines Land, aber ein großes Beispiel für die Menschheit. Ich bin überzeugt, dass Carlos den offenkundigen Baustellen, die eine 40-Prozent-Rate für zurückgebliebene, heuchlerische, Hass schürende Prediger wie Fabricio erst ermöglichen, mit offenem Auge begegnet und alles in seiner Kraft Stehende unternimmt, um diese eiternden Wunden zu säubern.

Ich, währenddessen, bin noch aus anderen Gründen glücklich: es wird endlich wärmer hier, und ich bereite voll Vorfreude immer weitere Töpfchen mit Saatgut vor, um, wenn es soweit ist, die Terrasse so pflanzenbefüllt als möglich erleben zu können. Aus dem FairTeiler habe ich Topinambur mitgebracht und ein paar Knollen davon eingepflanzt; ein neues Basilikumtöpfchen ist angerichtet, um jene Pflanze zu ersetzen, die ich um ein Haar durch den Winter gekriegt hätte, wäre nicht meine fatale zweiwöchige Abwesenheit vor ein paar Wochen dazwischengekommen. R hat’s nicht so mit Pflanzengießen. Aber dafür bin ich ja jetzt wieder da, und in Zukunft überlasse ich meine Schätzchen definitiv jemand anderem.

Heute, oder Getting Our Shit Together

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Geht doch. Ich kann mich gerade nicht mehr daran erinnern, was im letzten Beitrag gestanden haben mag, aber gut kann es nicht gewesen sein.

Heute war gut. Becci ist mit Migräne aufgewacht, aber die konnte mit Novalgin im Schach gehalten werden. Es gab sonnige Momente und wir waren draußen, sind ein paar Kilometer zur Küste gewandert, saßen an den Klippen, schauten auf das Meer – dahinter kommt erstmal nichts mehr, gar nichts, bis zur Antarktis, wie Becci feststellte – und trotzten Platzregen und orkanartigem Wind ebenso wie dem offenkundigen Nichtvorhandensein der in der Karte eingezeichneten Straße in der Realität dieser Azoreninsel. Was auch immer sich die Karte dabei dachte.

Heute geht es uns besser. Mir in erster Linie, weil es Becci besser geht. Das hilft ungemein. Ich bin unheimlich abhängig von meinem Gegenüber in meinen Stimmungen.

Und falls der Regen uns noch Striche durch unsere Rechnungen machen sollte, gibt es immer noch Lissabon und Caro. Hauptsache, wir nehmen uns zusammen.

Es wird.

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Also. Der Stand der Dinge:

  • Es gibt wieder etwas Sonne. Ich tue wieder Dinge. Manchmal.
  • Ich hatte Geburtstag. Es war herrlich. Becci war hier. R hat mir unter Mitwirken unzähliger Verrückter einen riesigen Kühl- und Gefrierschrank in den Keller geschafft. Ich habe mich hardcore geliebt gefühlt.
  • Die Woche vor meinem Geburtstag war Barbara hier. Das hat einen Grund, nämlich folgenden:
  • Barbara weilt nicht mehr unter den geistig Gesunden. Sie hasst das Kind ihres Freundes, verlangt, er solle den Kleinen weggeben und zu ihr ziehen, und droht seit Wochen mit Selbstmord. Chris und sein bester Kumpel haben mich in ihrer Verzweiflung gebeten, Barbara unter einem Vorwand zu mir zu holen, damit Chris ihr verkünden könnte, dass er ihrem Wunsch nicht nachkommen wird. Gesagt, getan. Am nächsten Tag reden die beiden wie normal miteinander, verabschieden sich mit „ich hab dich lieb“ und Knutschgeräuschen. Fast forward zum gerade vergangenen Wochenende: Chris will mit Barbara Schluss machen und in psychologische Notbetreuung einweisen. Zieht es nicht durch. Wochenende umsonst zu viert mit Malte und Jacqueline plottender- und unterstützenderweise um die Ohren geschlagen. Die beiden haben nach wie vor Kontakt. Niemand hat mehr großartig Bock, sich mit dem kranken Wahnsinn weiter auseinanderzusetzen.
  • Ich habe innerhalb der paar Tage einen Mini-Crush auf Malte entwickelt, weil er der einzig Vernünftige in diesem ganzen Haufen Irrer zu sein scheint und sich während des Dramas gerne mit mir unterhalten hat, besonders nachdem Chris dann von Barbara zurückkam und ihm eins in die Tasche lügen wollte, von wegen, er hätte jetzt keinen Kontakt mehr zu ihr und das pausenlose Vibrieren seines Handys wären Whatsapp-Nachrichten aus einer Gruppe. Natürlich kenne ich den Typ nicht und hatte bis vor zwei Wochen noch nie mit ihm gesprochen. Aber er ist super. Gesprächig, megalieb, intelligent, reflektiert, hat Barbara und seinem gestörten Kumpel Chris emotional so ungefähr die Welt voraus, hasst das ganze Drama genau so sehr wie ich und telefoniert gerne. Ich werd mit ihm natürlich nur noch zu tun haben, wenn das Drama neue Wellen schlägt. Trotzdem kann ich Barbara dankbar sein, dass ihre Gestörtheit zumindest dafür gesorgt hat, dass ich mich mit Malte und Jacqueline intensiv und gut unterhalten habe.
  • Murats Klage wurde abgewiesen. Wir sind den Quälgeist los (fürs Erste).
  • R hat einen neuen Job angetreten. Diesmal einen um einiges vielversprechenderen und besser bezahlten. Es wird.
  • Becci arbeitet wieder. Ich hoffe so sehr, dass es gut klappt und sie wieder gut reinkommt. Sie war seit November krankgeschrieben, und eigentlich geht es ihr auch jetzt noch nicht sonderlich gut, aber ich glaube, dass es für sie besser ist, nicht noch länger zu Hause dahinzuvegetieren. Einen Therapieplatz hat sie immer noch nicht gefunden. Ich habe mich angeboten, ihr damit zu helfen, aber sie tut sich schwer damit, mir die Liste mit potenziellen Kandidaten zukommen zu lassen. Ich kann es ihr nicht verdenken. So ähnlich geht es mir ja selbst.
  • Der Großhandel droht als Containerspot zu versiegen. Aber ich habe mit Becci gleich Abhilfe geschaffen und einen neuen Spot aufgetan, den ich mit der Bahn zwar kaum erreiche, aber dafür hat R mich so halb gezwungen, die Nachbarn um Kollaboration zu bitten. Ich war also letztes Wochenende erstmalig mit Undine und Lukas containern und es hat tadellos funktioniert. Auch wenn mir die Geräusche, die Undines Auto so von sich gibt, sowie die pochenden Herzschläge eines undefinierten Bestandteiles im Unterbau des Fahrzeugs zugegebenermaßen schon Respekt einflößen. Aber ich habe die Regel beispielhaft befolgt, die da lautet, die Geräusche des Autos werden nicht kommentiert (wie Undine mir gleich nach dem Einsteigen einbläute).
  • Ich bin größtenteils noch nicht motiviert genug für Blogeinträge oder solche Spirenzchen (wie man gemerkt haben dürfte), aber ich vertraue auf die heilende Kraft der Sonne und harre der Wochen, die da kommen, voller Zuversicht.
  • Ich habe ein Verstärkerprogramm ausgearbeitet, das mich zum Lesen meiner Lerntherapieseminarunterlagen bewegen soll. Es involviert R’s Mithilfe. Ich glaube, es wird klappen. Es wird.

Gewissensfrei

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Mir geht es wesentlich besser, seitdem ich diese Praktikumsbewerbung abgeschickt habe. Ich tue jeden Tag etwas Schönes. Gestern und vorgestern habe ich neue Ohrhänger produziert, stundenlang, und dabei in der Sonne gesessen und (im Falle der ersten Session) später dann in der Dämmerung und mich von Mosquitos attackieren lassen, während ich fluchtartig meine Perlen- und Werkzeughaufen zusammensammelte und nach drinnen verschwand.

Außerdem ermöglicht mir die Abwesenheit (fast) jedes schlechten Gewissens bezüglich anderer Dinge, die ich prokrastiniere, überhaupt erst wieder so viel mehr Tätigkeiten wirklich auszuführen. Es ist tatsächlich der Fall: Ich bin beim Prokrastinieren immerzu von meinem Gewissen geplagt. Helfen tut da nichts als die Flucht in die Gegenrichtung: Verdrängung durch Zocken oder Schlafen. Wirklich etwas Anderes zu tun kann ich mir nicht erlauben, solange noch irgendetwas Anderes ansteht, und sei es die absurdeste Kleinigkeit. Dinge, die mir guttun, dürfen natürlich nicht auch nur im Ansatz vollzogen werden, bevor die zu erledigende Aufgabe abgehakt ist. Diese wiederum zeigt sich störrisch und wird immer unerledigbarer. Ich fühle mich schlecht und muss verdrängen.

Jetzt mache ich Sachen. So gewissensfrei war ich zuletzt nach dem Bachelor, als ich wohl zum ersten Mal im Leben wirklich nichts, aber auch gar nichts zu tun gezwungen war. Nichts lag vor mir, auf das ich mich hätte vorbereiten müssen. Nichts lag hinter mir, das ich noch hätte nachbereiten müssen. Es war ein Segen. Schade nur, dass das Ganze genau zwei Wochen anhielt, bis auch schon das Trudi-induzierte Stromdesaster hereinbrach und das mehrmonatige Dauertief des Grauens mit sich brachte. Auf einmal war da gar nichts mehr zu tun außer Warten. Das ist immer das Beste. Wissen, dass du zwar so ungefähr die Welt verbockt hast, aber nichts geraderücken kannst, weil das traurige Endresultat deines Verbockens eben in vergangenen Fehleinschätzungen begründet ist und du mit den dadurch in Effekt getretenen Faktoren nichts, aber auch gar nichts zu tun hast und somit nichts, aber auch gar nichts dafür tun kannst, dass das solcherart Verbockte wieder geradegerückt wird. Also Warten. Da hatte Laura schon Recht, Warten ist furchtbar. Da griffen dann auch die altbewährten Methoden der Verdrängung. Zocken und Schlafen. Vor allem Letzteres.

Jetzt also, jetzt tue ich Dinge. Alles, was ich will. Ich lese über Pflanzen und schaue Filme mit R und verbringe Stunden auf der Terrasse und kenne jede Kellerassel da draußen beim Namen und bewerbe mich bei Nachhilfeorganisationen und mache mir nichtmal mehr Sorgen um meine Finanzen, weil (auch, wenn es nett gewesen wäre, am Ende noch ein bisschen von dem Angesparten übrig zu haben) ich auf jeden Fall genug habe, um über dieses nächste Jahr noch zu kommen, und dann, im Falle, ich kann mit der Ausbildung beginnen, auf jeden Fall wieder regelmäßig (und bei Weitem) genug zum Leben bekomme. Ich nutze meine Kamera (was auch darin begründet sein mag, dass mein Handy wahrscheinlich immer noch bei Basti liegt) und mache Musik und habe zum ersten Mal seit über zwei Jahren Impulse für neue Melodien, die ich verwirklichen kann. Bevor ich schlafen gehe, lese ich noch ein paar Seiten – jetzt, wo ich so selten aus dem Haus komme momentan (und wenn, dann meistens in Begleitung), habe ich ja nicht die Möglichkeit, im Bus zu lesen.

Ich habe mal wieder etwas über Facebook verschenkt – einen Bund Estragon und die dazugehörige Pflanze nämlich – und damit zwei netten Leuten eine Freude machen können. Ich habe mich dazu durchgerungen, den Karton mit faulen Eiern aus dem Keller zu entfernen (und glaub mir, es war nötig). Ich nehme kaum Alkohol zu mir, außer der halben Flasche von Beccis Bratapfellikör über die letzten Abende verteilt. Das freut mich immens, vor allem aber auch, dass ich es der generellen Abwesenheit von Bier in unserem Haushalt zu verdanken habe, seitdem sich R eines Tages entschlossen hat, sein täglich Bier durch alkoholfreies zu ersetzen.

Patrick geht demnächst an seinen alten Wohnort zurück und lässt uns somit in absehbarer Zeit wieder zu unserem eingespielten Zweieinhalb-Personen-Haushalt zusammenschrumpfen. Ich kann es kaum erwarten. Auch wenn Patrick nicht ganz so schlimm ist wie Arne letztes Jahr, werde ich ungeheuer erleichtert sein, wenn ich das rosa Zimmer wieder uneingeschränkt nutzen kann. Immerhin steht mein Kleiderschrank dadrin und noch ein paar andere lebenswichtige Dinge. Und da es mir höchst zuwider ist, in das Zimmer reinzugehen, solange jemand darin schläft, zockt oder sich sonstwie aufhält, fühle ich mich von Teilen meines Zuhauses auf fast so unangenehme Weise abgeschnitten wie damals durch Trudis Stromfail. (Kleiner Unterschied: Mehrmals am Tag verlässt Patrick das Zimmer, wenn auch nicht gerade so häufig, wie es mir lieb wäre, und ich kann schnell reinhuschen und mir Sachen holen und andere Dinge hineinbringen. So halte ich in meinen Klamotten eine ganz akzeptable Ordnung und komme immerhin irgendwann am Tag dazu, mich umzuziehen.)

Being Myself

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Heute war ich, um nicht den ganzen Tag zu verzocken, kurz draußen. Freiwillig. Ich habe geduscht und mich in den Bus gesetzt, bin den Berg runter gefahren und habe geschaut, ob schon Kastanien gefallen sind, die man zu Waschmittel verarbeiten könnte. Waren sie nicht, es wäre ja auch etwas sehr früh gewesen, aber bei Facebook hatte jemand behauptet, die ersten würden schon unten liegen.

Macht ja nichts, ich hatte es eh mehr darauf abgesehen, mal wieder die Wohnung zu verlassen, und begab mich kurzerhand auf einen ganz kleinen Ausflug den nahgelegenen Hügel hoch, auf dem ein Kloster steht. Das Kloster interessierte mich nicht sonderlich; ich wollte nachsehen, ob man dort irgendwie in den Wald rein oder zumindest auf eine Wiese kommt, um nach Pilzen zu gucken. Ich war neulich schon bei besten Voraussetzungen im Wald und habe praktisch nichts als Kartoffelboviste vorgefunden. Nach Hause brachte ich letztendlich ein höchst überschaubares Sammelsurium aus drei Grüngefelderten Täublingen von beachtlicher Größe, einem niedlichen Violetten Rötelritterling, einer hübschen Krausen Glucke und drei winzigen klassischen Röhrlingen, die ich auf dem Rückweg noch fand und bei denen ich mich nicht wirklich entscheiden konnte, was sie genau waren. Immerhin hatte ich die ganze Ausbeute für mich allein, da weder R noch Patrick meinen Pilzbestimmungsfähigkeiten solcherart vertrauten, dass sie sich an der Mahlzeit mitessenderweise beteiligen wollten. Die äußere Erscheinung von Täublingen und die lilane Färbung des Ritterlings haben sie abgeschreckt. Schade für sie, gut für mich – ich habe sie angebraten und auf Brote gelegt und es war köstlich.

Jedenfalls – große Überraschung – war ich heute nicht erfolgreicher als letztens, ganz im Gegenteil. Ich kam zwar auf eine Wiese, aber es wuchsen überhaupt keine Pilze dort. Und in den Wald schien der Weg nicht zu führen, sodass ich wieder umkehrte. Es war auch ziemlich warm und es ging bergauf. Ohne Aussicht auf Erfolg musste ich mir das nicht antun.

Den Rest des Tages habe ich natürlich doch verzockt. Einzige gute und sinnvolle Tat heute war es, der TV-Frau zu schreiben, dass ich bei ihrer Sendung nicht mitmachen werde. Was ich Montag durchgemacht habe, war die reinste Selbstverleugnung. Für kein Geld der Welt würde ich riskieren, dass meine Foodsharing-Kollegen oder irgendjemand sonst mich behaupten hören, ich würde Essen retten, um Geld zu sparen. Absurder geht es nicht. Das Geldsparen ist der willkommene Nebeneffekt eines nachhaltigen Lebensstils, und ich rede gern jederzeit darüber – aber um Himmels Willen werde ich es nicht über mich bringen, meine Prioritäten und Überzeugungen in aller Öffentlichkeit mit Füßen zu treten. Pfui Deiwel.

R ist auch froh drum; er war in etwa so begeistert wie ich davon, wie das am Montag ablief, und sagte mir heute Früh: „Du bist halt mit so’nem Weltverbesserergedanken da rangegangen. Wie an alles.“ Wo er wohl Recht hat, weshalb es mir wesentlich besser damit geht, das Projekt noch rechtzeitig als das Himmelfahrtskommando abzublasen, das es nunmal geworden wäre.

Wenn jetzt noch unsere Druckerpatronen kämen und ich mich endlich um das Praktikum kümmern könnte. Goddamnit, da muss man einmal im Leben was ausdrucken.

Update

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Was für ein Wetterchen. Von einem Moment auf den anderen kam der Regen; orkanartige Böen schleuderten ihn meinen armen Pflänzchen entgegen wie wütende Rächer (vielleicht hatte ich die Wolken ihretwegen in den letzten Tagen ein bisschen zu sehnlich herbeigewünscht), und der dicke Strahl aus dem Balkonabfluss der Über-Nachbarn machte beileibe keine Anstalten, in das darunter aufgestellte Arsenal an Eimern zu zielen (als würde man von einem Stockbesoffenen erwarten, die Kloschüssel zu treffen, so hoffnungslos sah es aus von meinem Standort hinter der Tür).

Und jetzt, zehn Minuten später, ist es vorbei. Das Regenrohr ist vollständig ausgenüchtert und entlädt sich brav in einer geraden Linie, sodass sich mein Gießwasservorrat mit einem Mal wieder richtig sehen lassen kann. Sonst ist alles ruhig, kein Donner mehr, nur die Terrasse steht unter Wasser – ich kann ja schlecht überall Eimer aufstellen.

Meine letzten Wochen waren ereignisreicher, als die hier an deren Stelle befindliche gähnende Leere vermuten ließe. Ich habe eine Abtreibung und dementsprechend Teile einer Schwangerschaft hinter mir, wozu ich gern im Laufe der Zeit so viel und gründlich es geht berichten würde, aber lass mich schauen, wie ich das geregelt bekomme. Am allerwichtigsten, und das sei sofort verkündet: es geht uns wieder gut, in erster Linie mir, und das ist unfassbar wertvoll. Ich war (natürlich, immerhin lag die Wahrscheinlichkeit bei 5:1000) einer der glücklichen Fälle von Hyperemesis, demnach durfte ich zwischen der Feststellung der Schwangerschaft und dem durch verschiedenste Schikanen der Gesetzgebung völlig unnötigerweise hinausgezögerten Zeitpunkt der Abtreibung eine neue Dimension von Hölle auf Erden erleben; R ging auf dem Zahnfleisch mit seiner sehr begrenzten Kapazität an Aufopferungsgabe und bemühte sich nach seinen Maßstäben zwar rührend, mir alles nicht noch schwerer zu machen, war allerdings gleichzeitig hoffnungslos überfordert und zudem (wie ich später erfuhr) außer sich vor Angst, ich könnte mich umentscheiden und das Kind tatsächlich zur Welt bringen wollen.

Ich habe diverse Anekdoten zu erzählen aus dieser jungen Vergangenheit; auf keinen Fall dürfen diese hier unerwähnt bleiben. Allerdings quetsche ich das bestimmt nicht alles in einen Monsterpost, daher später.

Unsere Nachbarn haben sich mittlerweile dann wirklich getrennt (da knackste es schon seit Längerem, aber sie haben es immer noch versucht). Ich erfuhr davon, als ich gerade ein paar Tage befürchtete, ich könnte schwanger sein. (Im Grunde war es R, der meinen Verdrängungsmodus immer wieder mit dieser Vermutung durchbohrte, was skurril ist in Anbetracht des noch viel größeren Horrors, den die Vorstellung bei ihm auslöste. Ich habe es dann bereitwillig akzeptiert, lustigerweise, während er noch ewig gebraucht hat, um es wirklich einsickern zu lassen.) Jedenfalls habe ich dann mit Jassi im Bus gesessen und die Details über ihre Trennung, Wohnungssuche etc. erfahren und kam so nicht einmal dazu, ihr von meinem Verdacht zu erzählen. R hat es Felix später erzählt – spätestens, als ich in Form eines todgeweihten Bündels Elend im Bett lag und er rüberging, um für mich von Felix eine Wärmflasche auszuleihen. (Felix‘ Wärmflasche, habe ich bei der Gelegenheit feststellen dürfen, hat den flauschigsten Überzug aller Zeiten. Es war Himmel. Sofern irgendetwas bei diesem Zustand eben Himmel sein konnte.)

Nun zieht Jassi wohl morgen aus, Felix demnächst ebenso, und wir dürfen uns ein Mal mehr auf neue Nachbarn freuen. Ich bin skeptisch, weil ich stark vermute, dass wir nicht ein drittes Mal hintereinander solches Glück haben können. Janna und Kobi waren auch schon sehr nett gewesen, obschon mir die Tatsache suspekt war, dass sie beide Theologie studierten. Sie mussten dann ja auch unbedingt weggehen, um zusammen in Israel ein paar Auslandssemester einzulegen. Wie viele Pärchen werden wir hier wohl noch überleben? Nicht dass ich mich beschweren würde; solange wir uns unser eigenes Glück in diesem Maße erhalten, können die Nachbarn meinetwegen monatsweise wechseln. Ich liebe ihn so sehr, meinen Menschen, und mein Vertrauen in die Stabilität unserer Beziehung ist an diesem Punkt mindestens so enorm wie die Arbeit, die beide von uns da hinein investiert haben. Das unaussprechliche Entsetzen einer ungeplanten Schwangerschaft hat, ob man’s glaubt oder nicht, ein Übriges dazu beigetragen. Er hätte besser kaum damit umgehen können.

Hear whatever you want to hear…

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Das funktionierte ja mal wieder blendend.

Ich versuchte, wie ich das in Abständen so tue, aus meiner Mutter herauszuquetschen, was eigentlich mein Vater so verdient. Meine Eltern haben sich von jeher geweigert, mit mir über ihre Finanzen zu sprechen; ich finde es affig und zu einem gewissen Grad, vor allem rückblickend betrachtet, auch schädigend und war einmal mehr dabei, meiner Mutter dies zu erklären. Wir hatten es durch die „Frag zehn deiner Freunde, ob die wissen, was ihre Eltern verdienen“-Phase geschafft, die „Weiß R, was sein Vater verdient?“-Frage war auch geklärt („natürlich, soll ich ihn fragen?“), das typische „Über Geld spricht man nicht“-Argument war entkräftet (Mama, das ist in deinem Kopf so, Himmelherrgowai nochmal, du hast in den USA gelebt, es muss dir doch begreiflich gemacht werden können, dass das keine universell gültige Norm ist, es ist nur in deinem Kopf so) und erst, als die „Was hast du überhaupt von dem Wissen“-Phase erreicht war, sind die Dinge unverhofft zu einem Gespräch der Sorte Gefühlt jedes zweite Gespräch zwischen mir und meiner Mutter eskaliert.

Mama: „Was hast du überhaupt von dem Wissen? Was bringt dir das?“

Ich: „Was bringt mir das? Was bringt es mir, zu wissen, was für ein Wetter bei euch ist; was bringt es mir, zu wissen, welche Scheißpflanzen auf deinem Balkon wachsen – es bringt mir gar nichts, es interessiert mich, ganz einfach!“

Mama: „…Okay, das wurde gerade abgespeichert unter „In Zukunft keine Informationen mehr geben.“

Ich: „Weil du bis zu „es interessiert mich“ nicht gekommen bist, sondern schon vorher entschieden hast, dich beleidigt in die Ecke zu verziehen. Ich habe gesagt…“

Mama: „Du hast Scheißpflanzen gesagt, das reicht mir schon.“

Ich: „Ich habe gesagt, was bringt es mir, zu wissen, welche Scheißpflanzen…“

Mama: „Du hast gesagt…“

Ich: „Hör mir doch einfach ZU! Ich habe gesagt: „Es bringt mir nichts, zu wissen, welche Scheißpflanzen…“

Mama: „Ich hör dir gerne zu, wenn du…“

Ich (Nachbarschaft durch die offene Balkontür zusammenschreiend): „VERDAMMT NOCHMAL, HALT DIE KLAPPE! ICH HABE GESAGT…“

Handy: *Auflegegeräusch*

Weder habe ich erfahren, was mein Vater so verdient – solange er denn den Job noch hat, das sieht ja eh ganz hervorragend aus momentan bei ihm – , noch kam ich dazu, meiner Mutter mitzuteilen, dass ich R’s Oma zugesagt habe, auf ihrem Geburtstag zu erscheinen, was mich vor das Problem stellt, dass ich ihr nicht auf dem Konstanzer Flohmarkt helfen kommen kann. Der ist nämlich nicht, wie bis vor sehr Kurzem angenommen, am 28., sondern am 24. Juni, also genau am Tag nach dem Geburtstag von R’s Oma. Also kann ich mir aussuchen, ob ich mir einen riesigen, absurden Stress mache und von Sachsen nach Konstanz an einem Wochenende tingele, meine Mutter ein weiteres Mal dazu bringe, mich in Grund und Boden zu beleidigen, oder R’s Mutter es tatsächlich antue, die Essensbestellung für die Feier nochmal umorganisieren zu müssen, und R’s Oma absage. Dabei habe ich eigentlich Lust auf ein Waldheim-Wochenende. Es gibt Alkohol, das Wetter wird wunderbar sein und wir können mit den lustigen Nachbarn und deren Krüppelhund Dapsi im Garten sitzen. Dagegen spricht nur, dass ich meiner Mutter mein Wort gegeben hatte, ihr beim stressigsten Wochenende des Jahres etwas Arbeit abzunehmen, um nicht zu sagen, einen ganzen Haufen Arbeit. Statt dass ich dies mit ihr nun hätte diskutieren können, musste sie natürlich ihre Kunst, mich absichtlich falsch zu verstehen, wieder zur Perfektion ausüben und ich bin nicht schlauer als vorher und noch dazu etwas geknickt. Denn trotz allem hatten Gespräche zwischen uns in letzter Zeit seltener ein Ende dieser Art gefunden und ich hatte mich leider Gowais an den trügerischen Frieden gewöhnt.

Whatever. Ich habe das eklige Gefühl aktiv bekämpft und so lange für morgen an dem neuen Text herumübersetzt, bis es fast verflogen war. Ich bin nämlich jetzt diszipliniert und mache Dinge. Sogar mit dem Terminologieprojekt bin ich auf dem neuesten Stand und habe Juan vorhin alle drei meiner fertigen Einträge geschickt. Das ist ein verdammt gutes Gefühl.

Und in einer Stunde gehe ich zum zweiten Mal beim Riesen-Rewe Essen abholen und freue mich extrem darauf. Diesmal werde ich nicht zwanzig Minuten lang in brütender Hitze um den Häuserblock hecheln und den verdammten Lieferanteneingang suchen und fast verzweifeln, oh nein, diesmal weiß ich bescheid. Herrlich.

Irrtümer

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Also gut – wie kaum anders zu erwarten, habe ich keine Woche gebraucht, um festzustellen, wie sehr sich ein Mensch doch in sich selbst irren kann. Ich habe mich mit dem Beziehungsöffnungsversuch um Welten überschätzt; es war blanker Selbstbetrug.

Zu meinen großen Glück konnte ich mich zeitnah dazu durchringen, diese Erkenntnis R zu kommunizieren. Vielleicht hätte ich es nicht so schnell über mich gebracht, wäre mir nicht Samstag anhand von Simons und Franzis Hochzeitsversprechen überdeutlich vor Augen geführt worden, wie sehr ich mir eigentlich genau das für mein Leben wünsche. Nicht das Heiraten; ich kann ohne Heiraten leben. Ich hätte nun wirklich nichts dagegen, falls es sich so ergeben sollte, aber solche Kompromisse gehe ich mit Leichtigkeit ein, wenn es mein Partner eben nicht möchte. Aber Priorität zu haben, die allerallererste; ihm so wichtig zu sein, dass nichts Anderes und vor allem niemand Anderes – wie es Simon formulierte – je dazwischenkommen könnte, das brauche ich, einfach, weil ich exakt so funktioniere und weniger zu geben wie auch zu bekommen nicht in der Lage bin.

Erstaunlicherweise sollte ich, unmittelbar nachdem mir dies bewusst wurde, zu der Erkenntnis gelangen, dass mein Wunsch Realität ist. Wir haben uns nach der Trauung relativ zügig auf einen Waldspaziergang (!) von der lächerlich perfekten Location und der zum Brüllen perfekten Gesellschaft in die (wer hätte es vermutet) aufs Höchste idyllische Umgebung abgesetzt und natürlich waren wir kaum drei Schritte weit gekommen, bis ich damit herausplatzen musste, dass ich bei allem guten Willen eine Polybeziehung nicht überleben würde. Man stelle sich diesen Schwall aus Wasser und Wörtern vor, der aus meinem verheulten Gesicht auf seine Schultern fiel: Es tut mir leid, ich will dich nicht verstümmeln, ich will nicht, dass deine Bindung zu mir im Arsch ist, ich wollte es nicht zurücknehmen… Und dann stelle man sich das Opfer meiner Umentscheidung vor, man sehe es mich anschauen und höre es sagen: Es ist vollkommen in Ordnung. Und: Ich möchte dich nicht verletzen.

Ich habe so viel aus diesem Gespräch und dem ganzen Versuch gezogen, dass es die ganze Panik und den körperlich spürbaren Stress völlig aufwiegt. Weder habe ich mich je so geliebt gefühlt, noch hatte ich je weniger Bedenken dabei, meine Gefühle offen darzulegen. Dieser Tag, ich sage es dir. Ich kann es nicht sagen. Mir fehlen die Worte.

New Day Dawning

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Ich habe also gerade diese wirklich nicht einmal halbwegs meinen Ansprüchen genügende Hausarbeit abgeschickt, nach einer blockierenderweise durchgemachten Nacht, in der ich mehr auf den Handy- als auf den Computerbildschirm gestarrt und zwischendrin – so um die halb fünf rum – mal einen verzweifelten Versuch habe, mein zerstörtes Gehirn durch Schlafen zu resetten – natürlich vergeblich, nachdem mir R, der seinen Zug nach der Arbeit verpasst hatte, die dadurch verlorene Zeit nutzend noch Chips und Energy mitgebracht hatte…

Ich habe alles an Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins durchgemacht in den letzten zwanzig Stunden. Mehr Tiefen eigentlich, die Höhe wäre dann… jetzt. Aber natürlich funktioniert mein Hirn nicht und ich kann die ungeheure Erleichterung, die mich eben für ein paar Sekunden überschwemmt hat, schon nicht mehr greifen, mein Kopf sagt mir SCHLAFEN und mein Magen sagt mir ESSEN und ich sage mir DUSCHEN, denn seitdem mich dann doch noch der Ehrgeiz gepackt hat, dieses Monster fertigzuschreiben, habe ich mir das Duschen zu Selbstantriebszwecken verwehrt. Ich habe die letzten drei Nächte gestunken wie… einmal kurz unter den Achseln riechen, um Inspiration für den passenden Vergleich zu erlangen…

Ach, was auch immer. Ich muss nicht mehr nach Wörtern suchen in meinem schlafentzogenen Hirn, ich muss gar nichts mehr suchen. Ich will nicht einmal schlafen, denn jetzt ist es hell draußen und ich muss doch Katzenfutter holen und R sagte, der Laden hat samstags nur bis mittags auf – bloß war ich um halb fünf schon zu keinem Gedanken mehr fähig (ich sage bewusst nicht „zu keinem klaren Gedanken“) und erahne, dass, sollte ich in diesem Zustand auf die Idee kommen, das Haus zu verlassen, nichts, aber auch gar nichts Gescheites das Resultat sein kann.

Noch nie war mir etwas so scheißegal wie diese Hausarbeit, als ich sie abgeschickt habe. Nichtmal mehr in der Lage war ich, nochmal drüberzuschauen, ob die Formatierungen in Ordnung sind, nicht einmal das.

Hey, jetzt kann ich mit dem Leben nach der Hausarbeit anfangen. Das Päckchen von Becci öffnen, wo meine Perlen aus Barcelona drin sind. Containern gehen. Katzenfutter holen. Duschen. Schlafen.

R ist in der Arbeit. Ich glaube, er kam vorhin zu mir ins Wohnzimmer, bevor er ging – gegen sieben – und wünschte mir viel Erfolg. Ich hatte keinen Schimmer, was man auf diese Aussage normalerweise so antwortet, also entgegnete ich: „Äh… ja“ und zählte weiter meine adversativen Konjugationen und beschloss in einer Monstersupergau-Aktion, die Trennung zwischen Konjunktion und adverbialer Konjunktion doch noch über den Haufen zu schmeißen. Allein davon werden noch ‚zig Überreste irgendwo in den ersten Seiten rumschwirren, die ich mir nicht einmal die Mühe  gemacht habe ausfindig zu machen, geschweige denn durch etwas zu ersetzen, das sich mit dem Rest der Analyse deckt. Und ich kann nur hoffen, dass ich nicht (wie eben schon wieder zweimal) statt Konjunktion andauernd Konjugation geschrieben habe. Oh, wie habe ich das Wort Konjunktion verunstaltet in dieser Arbeit. Vorgestern Nacht habe ich beschlossen, es erstmal sein zu lassen, als auf einmal irgendwas so Abstruses da stand wie „Konkuintion“ und ich mir gar nicht mehr ausmalen wollte, was ich davor schon alles verhunzt hatte.

Prokrastination treibt einen dann irgendwann eben an seine Grenzen. So ist das nämlich.