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Cold Turkey

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Mit einer immensen Erleichterung darf ich festhalten, dass mein Verstand zurückzukehren scheint. Nachdem der Mensch gestern mit Zaunbauen und Umziehen beschäftigt war und ich, wie immer mit zu viel Zeit gesegnet, wie eine Bekloppte dem Drang entgegenwirken durfte, ihm zu schreiben oder alle zwei Minuten mein Facebook zu checken (Letzteres praktisch ohne Erfolg), habe ich den heutigen Tag (den er ebenfalls mit Umzugstätigkeiten verbrachte) wesentlich entspannter überstanden.

Dabei dürfte geholfen haben, dass gleich zwei Telefonate der besonderen Art sich dazwischengeschoben haben: zuerst rief mich Becci an, die sich seit zwei Monaten erschütternd rar gemacht hatte, und später auch noch William, dem ich eigentlich ja weiter beim Transkribieren helfen wollte, was ich dann aber nur endlos prokrastiniert hatte. Nachdem ich seine letzte E-Mail eine Woche lang ignoriert hatte, hakte er heute nochmal nach, woraufhin ich nicht mehr anders konnte, als ihm zu antworten. Meine Mail mit der Entschuldigung und einer kurzen Schilderung meiner psychischen Situation nahm er zum Anlass, mich einfach mal so über Facebook anzurufen.

Ich hatte noch nie mit William telefoniert, aber es war umwerfend. Auf seine einzigartige Weise hat er mir grundehrlich Verständnis und Respekt vermittelt. Ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt so verstanden gefühlt habe. Als gelernter Sozialarbeiter mit drei Suizidversuchen, 18 Jahren auf Medikamenten und einer turbulenten Vergangenheit auf der Kappe weiß er nicht nur, wovon er spricht, sondern offenbar auch, wie man mit jemandem spricht, der Ähnliches durchläuft.

Und dann schrieb er mir noch im Anschluss:

I LOVED talking with you, as usual. I am here if you need anything, even just an ear or someone to bear witness to your feelings.  And I’ll say it again, you can call me and tell me you want to kill yourself and I will listen to you and respect you, and talk to you about it, but I will never disrespect those feelings.

HUGS from this world where we don’t fit so easily, William

 

Ich weine schon wieder fast vor Dankbarkeit darüber, was für wunderbare Menschen ich kenne.

Zumindest dafür war Vitoria also gut.

In Vitoria habe ich William kennengelernt und mir den Ukumenschen amputiert. Vielleicht trägt auch dieser Teil meiner Vitoria-Erfahrung nun ihre Früchte, falls ich mich zeitnah gezwungen sehe, mit meiner neuesten Bekanntschaft ebenso zu verfahren. Aber wie gesagt, heute war wesentlich entspannter. Ich habe die komische Verbindung gar nicht mehr wahrgenommen, auch nicht, als wir gerade noch kurz geschrieben haben. Das betrübt und beruhigt mich gleichermaßen. Mein Kopf ist allerdings zu hundert Prozent beruhigt.

Gelaneuria, zeruneuria

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Es regnet. Na endlich. Nachdem ich schon seit Wochen kein Regenwasser mehr übrig hatte und seither aufs Penibelste jeden Tropfen potenzielles Pflanzenfutter aufgefangen habe, der tagsüber im Haushalt so anfiel – womit mein Terrassendschungel auch nur mehr schlecht als recht über die Runden kam – ist diese Flut die reinste Wohltat. Sobald die Regentonne und andere Sammelbehältnisse voll sind, darf es dann natürlich auch gern wieder aufhören.

Bei mir drinnen regnet es auch; im Wechsel mit der stückweisen Begradigung von Diptis Doktorarbeit habe ich mich daran gemacht, mir die Akkorde von diesem (zumindest durch mich bislang) zutiefst unterbewerteten Juwel von einem Lied herauszuhören – während zuvor das Album Jaio. Musika. Hil wenig mehr als um Bueltatzen gestricktes Füllmaterial dargestellt hatte, haben die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit mich glücklicherweise (wenngleich unnötig unsanft) dann doch mit der Nase darauf gestoßen.

(Ich sage deshalb, dass es drinnen regnet, weil das Lied ‚Gelaneuria‘ heißt. Der Titel ist doppeldeutig , es werden hier durch das Zusammenhängen zweier Wörter unterschiedliche Lesarten geschaffen. Eine davon – wenn man sich dafür entscheidet, die Trennung zwischen ‚gelan‘ und ‚euria‘ zu setzen – bedeutet ‚der Regen im Raum‘. Die alternative Trennungsmöglichkeit wäre zwischen ‚gela‘ und ’neuria‘, sprich: ‚mein (eigenes) Zimmer‘.)

Oh, Euskera ist so wunderschön. Beri Txarraks Kreationen sind es ebenfalls.

Ta zaila da esplikatzen
guztia eman ondoren
geratzen den sentimendu hori

And it’s hard to explain
that feeling that stays behind
after having given it all.

Cause everybody needs some company.

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Jana sitzt neben mir an ihrem Computer und tut irgendetwas zwischen Diplomarbeit schreiben, Salzburger Nockerln recherchieren und sich die aktuellen Corona-Zahlen zu Gemüte führen. Sie hat sich bei mir mehr oder weniger häuslich eingerichtet, nachdem sie festgestellt hat, dass es ihr in diesem Umfeld leichter fällt, produktiv zu sein (ich wünschte, dieser magische Effekt meiner Wohnung würde bei mir ebenfalls Wirkung zeigen), und mit ihr haben große Teile ihres Essensvorrats (der sich mit meinem sinnvoll ergänzt, zum Beispiel um in meiner Welt so rare wie elementare Dinge wie Kokosmilch, Kichererbsen, Couscous oder Tahini) und ein ganz anderer Lebensgeist bei mir Einzug gehalten.

Ich bin überaus zufrieden mit dieser Entwicklung. Ich bin so viel funktionsfähiger, wenn ich Gesellschaft habe. Und ich habe den Eindruck, in dieser Situation auch mich selbst und meine Identität ein Stückweit wiederzufinden, gerade durch die neu entstandene Möglichkeit oder Notwendigkeit der Abgrenzung.

Und so kam ich als vermutlich einziger Mensch auf Erden in diesen einsamen Zeiten zu einer zeitweisen Mitbewohnerin. Gut. Sehr gut. Ich komme mir fast unwirklich weit weg von allem vor, was gerade in meinem Leben vorgeht. Nutzen wir diesen Zustand doch dazu, uns vielleicht tatsächlich etwas weiter davon zu entfernen.

For now I am alone.

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Nun ist er weg. Zur Arbeit gefahren mit seiner Decke hinter den Rucksack geklemmt, als würde er wirklich auf Reisen gehen. Kommt die Tage noch ein-zwei Mal, um die letzten Sachen zu holen und das Paket mit Essen, das ich ihm noch zusammenstelle. (Nicht unbedingt uneigennützig, da ich unter anderem schon recht froh bin, von den Unmengen an Vorräten zumindest die Dinge loszuwerden, die ich selbst nie essen würde.)

Bis zum Wochenende habe ich Zeit, es zu packen. Dann kommt er mit Yannick und transportiert alles ab, was er bislang zurückgelassen hat beziehungsweise ich bis dahin noch in der Wohnung als seins identifiziere. Vom Klavier mal abgesehen. Das hätte er auch mitgenommen, würde es denn in sein Zimmer passen.

Der Beta-Blocker hat vorzüglich angeschlagen, sodass es mir nach seinem Weggang um halb acht vergönnt war, noch einige Male einzuschlafen und schließlich halbwegs bei Verstand und ohne stärkere Paniksymptome aufzuwachen. Am liebsten würde ich mir direkt dieses Beruhigungszeug von gestern wieder einflößen, denn das hat wirklich Wunder gewirkt, allerdings soll es zum Abend genommen werden.

Nun habe ich aber immer noch nicht von Montag Abend berichtet.

Becci leistete mir noch eine halbe Stunde Beistand, bevor sie den Nachhauseweg antrat, beseitigte das gröbste Chaos in der geschundenen Küche – einfach weil sie es nicht aushielt – und machte mir eine Kanne Tee. Nachdem sie gegangen war, bediente ich mich nochmals großzügig am Baldrian und verdingte mich mehr oder weniger erfolgreich mit Zocken, während ich auf R’s Ankunft wartete.

Diese schien sich zu verzögern, und als mein zunehmend nervöses Hirn es um zehn nach sieben nicht mehr aushielt, klopfte ich vorsichtig über Whatsapp bei Becci an, die jedoch nicht reagierte – woraus ich schloss, dass sie noch mit R am Reden war.

Als er schließlich reinkam, wurde schnell ersichtlich, dass Becci ganze Arbeit geleistet hatte. Nicht nur reagierte er nicht ablehnend auf meinen eher verschlechterten Zustand, sondern verhielt sich unverhältnismäßig sanft und sensibel, nahm mich in den Arm und zeigte Verständnis. Er hat es tatsächlich gesagt: „Becci hat mir gesagt, wie es um dich bestellt ist, und ich verstehe es.“ Er hat mich geduldig angehört und spüren lassen, dass ich nicht die Einzige bin, die unter der Situation leidet. Er hat die Gewissheit verweht, ihm egal zu sein, die sich in den Tagen zuvor bei mir manifestiert hatte.

Alles wurde erträglicher in diesem Moment. Er hat mir den Glauben daran wiedergegeben, dass ich die kommende Zeit überstehen kann – dass es einen Sinn hat, zumindest nicht gleich aufzugeben.

Leider war dieser Augenblick, so notwendig er auch war, meiner Gesamtlage nur bedingt zuträglich. Ich habe entsetzlich geschlafen und wurde, als er schließlich aufstand und zur Arbeit ging, von einer so ekelhaften Panikflut überschwemmt, dass ich bald nicht mehr wusste, wo oben und unten ist. Mein Termin bei der Therapeutin war ja aufgrund der ursprünglichen Planung, der zufolge ich bis Dienstag Früh bei Becci hätte bleiben sollen, auf Mittag verschoben. So viele Stunden, die es noch zu überleben galt – aber ich habe es geschafft. Basti (der mich natürlich letzte Woche nicht angerufen hatte) hat mir geschrieben und, nachdem er die Dringlichkeit der Lage begriffen hatte, vorgeschlagen, später zu telefonieren. Ich akzeptierte, wenn auch ohne viel Hoffnung, dass das Gespräch tatsächlich zustande kommen würde.

Der Therapeutin gegenüber bin ich dann auch erstmals beinahe unkontrolliert zusammengeklappt, während ich ihr von dem unheilsamen Eigenleben ohne erkennbaren Realitätsbezug berichtete, das meine Psyche entwickelt hatte. Sie war extrem hilfreich und nahm mich ernst, ordnete an, ich solle mir Beruhigungsmittel verschreiben lassen, und zeigte sogar die Möglichkeit auf, bei der psychosomatischen Klinik anzufragen, ob ich kurzzeitig dort unterkommen könnte. Ihr sei es wichtig, dass jemand für mich da sei. Ob niemand zu mir kommen könne. Und auf meine Erklärung hin, es würden mich bald meine Mutter und später dann Becci besuchen kommen, gerade würde ich jedoch etwas Zeit allein überbrücken müssen: alles sei in Ordnung, um mich über Wasser zu halten, ob das nun Zocken oder Telefonieren sei.

Gesagt, getan: ich kam nach Hause, meldete mich bei Basti zurück, erhielt keine Antwort von ihm und freute mich umso mehr, als stattdessen Simone anrief. Redete mit Simone (und erklärte so diplomatisch wie möglich, dass ich es, so dankbar ich auch bin, im März nicht zu ihr nach Wismar schaffe) und praktisch direkt im Anschluss mit meiner Oma, die darauf bestand, trotz meiner Befürchtung, sie damit zu belasten, in mein Drama eingeweiht zu werden. Noch eine Stunde überlebt. Irgendwann meldete sich dann auch Basti wieder; mit ihm habe ich geredet, bis ich los zum zweiten Arzttermin des Tages musste.

Die Ärztin hörte sich meinen Bericht an, fackelte nicht lange und verschrieb mir neues Escitalopram – 15 mg diesmal – sowie Tropfen zur Beruhigung und Tabletten gegen die körperlichen Panikerscheinungen.

Die Tropfen haben’s drauf. Ich habe überlebt:

  • Auflösungsvertrag für R’s Untermietverhältnis vorgelegt bekommen und unterschreiben
  • Mit R durch die Wohnung tingeln und ihm zeigen, was er alles vergessen hat zu packen
  • Gesagt bekommen, dass er heute auszieht
  • Diverse schwer erträgliche Einzelheiten: Absprachen bezüglich Katze, Kontakt etc.

…das ist doch schonmal Einiges.

Und da wären wir. Wie ich gerade zu Becci sagte, nun gilt es einfach nicht wieder durchzudrehen.

Schroedinger’s Relationship

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Weg zu sein ist ein Segen. Ich komme um die Panik beim Aufwachen nicht rum, ebensowenig wie mir (und Becci) der ein oder andere Heulanfall erspart bleibt, und weit entfernt bin ich davon, dem ewigen Rotieren der Gedanken zu entkommen, aber dazwischen gibt es ruhige Momente, Pausen, wenn die Baldriantabletten anschlagen. Dann kann ich bis zum Anschlag einatmen und Dinge denken wie „Es ist so schön zu sehen, dass ich Menschen habe, die für mich da sind.“

Jetzt bin ich bei Becci, erste Anlaufstelle für so ziemlich alles. Mama kommt im März zu mir, und Simone hat mich auch eingeladen. Selbst Alina hat mir geschrieben, dass ich gern zu ihnen kommen kann, auch länger. Ganz ohne Seitenhieb in Bezug auf mein bisherigs Absehen davon, das Kind zu besuchen, hat sie es nicht geschafft, aber es kann auch sein, dass ich meiner Verfassung geschuldet zu viel da hereininterpretiere.

Gerade, als ich ganz ruhig war, dachte ich mir, ich könnte dies als Gelegenheit zur Dankbarkeit wahrnehmen, dass ich viel weniger alleine bin, als ich immer denke.

Auf der anderen Seite hört es eben kaum auf zu rotieren. Vor ein paar Stunden überwältigte mich der Gedanke, dass ich nicht weiß, worauf ich mich einstellen kann, und das eine entsetzliche Sache ist. Bis R sich entscheidet, ist die Beziehung praktisch gleichzeitig tot und lebendig, und damit kann ich schlecht umgehen. Weder möchte ich mir durch positives Denken Hoffnung machen, wo keine sein sollte, noch sollte ich meine Wahrnehmung durch meinen Pessimismus verzerren lassen. Die Therapeutin sagte, dass meine Wahrnehmung von R’s erschütternd unbeeindrucktem Verhalten und die Befürchtungen, die ich daraus ableite, meiner Projektion entspringen könnten. Wie aber schaffe ich es, Dinge nicht durch meinen von durchweg schlechten Erfahrungen geprägten Filter laufen zu lassen, wenn nichts Gegenteiliges mir gezeigt wird – wenn im Grunde die Situation nur Gleichgültigkeit und meine Reaktion darauf nur Unverständnis hervorzurufen scheinen?

Tot oder lebendig. Ich sollte mich nicht so fühlen, als hätte es sich schon entschieden.

Lesson learned

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Da ich in meiner Vorstellung davon, wie ich das, was ich gestern getan habe, bewerten soll, äußerst zwiegespalten bin, berichte ich zuerst einmal ohne jede Wertung.

Nachdem ich festgestellt hatte, dass die Baldriantabletten nicht nur beim Schlafen helfen, sondern auch ganz wunderbar beruhigend wirken, habe ich mir abends eine davon eingeworfen. Ich hatte mir verschiedene stumpfsinnige Handyspiele heruntergeladen und eins nach dem anderen ausprobiert, ob sie zur Ablenkung taugen, und bin, nachdem mir weder Doodle Jump noch Mahjong entspannend genug waren, an einer Kombination aus Solitaire und Meditationsmusik hängen geblieben. Alle drei Beruhigungsmaßnahmen auf einmal wirkten tatsächlich zumindest insoweit, dass ich mit Heulen aufhören und teilweise richtig befreit einatmen konnte.

Ich habe dann, zunehmend schläfrig, auf R gewartet, der gegen elf Uhr von der Solid kam und mir berichtete, dass er sich in der Zwischenzeit um ein Zimmer in einer von seiner Arbeit nicht allzu weit entfernt gelegenen Zweier-WG bemüht hatte und, falls er denn genommen würde, zum Ende des Monats einziehen könnte.

Nach ein paar Minuten, in denen er in der Küche werkelte und dabei, von der Gesamtsituation scheinbar unbeeindruckt, von seinem Arbeitstag erzählte und mich beiläufig fragte, was bei mir so passiert sei, habe ich ihm Folgendes geradeheraus mitgeteilt:

Das Nichtzusammensein im selben Haushalt fühlt sich wie Verlassenwerden an. In Anbetracht der Tatsache, dass, supposedly, wir uns nach wie vor genauso lieben, erscheint es mir wie eine absurde Verschwendung. Falls einer von uns in zwei Monaten stirbt, wäre es mir lieber gewesen, wir hätten bis zu seinem Auszug nicht in getrennten Betten geschlafen. Die Idee war doch, meines Erachtens, sich nicht entfremdet oder im Bösen zu trennen.

Er erwiderte, das hätte von vornherein bei mir gelegen. (Das war mir nicht klar.) Er würde mich gern in die Arme schließen und alles. Dass er sich aber fragen würde, ob es mir nicht im Endeffekt zum Zeitpunkt seines Auszugs noch schlechter damit gehen würde.

Ich verneinte. Ich hatte mir gedacht, man könnte diese Auszeit so betrachten, als würde einer von uns für ein halbes Jahr ins Ausland gehen. Das erscheint mir passend, weil in diesem Szenario eben auch die Zuneigung füreinander unverändert ist, man aber dennoch einfach in dieser Zeit etwas Anderes zu erledigen hat. Wer aber würde auf die Idee kommen, sich vor dem Weggang eines der Partner auf eine Halbjahresreise schonmal vorsorglich zu trennen? Und weil mir das so überhaupt nicht einleuchtet, kann ich auch mit dieser Situation so gar nicht umgehen.

Er hat dies verstanden, und je weniger distanziert er sich verhielt, desto besser fühlte ich mich. Es fiel mir richtiggehend leicht, Details zur Organisation seines Untermietverhältnisses und seines Umzugs zu besprechen. Ob die Wohnung möbliert ist. Was er mitnimmt. Es hat sich das Gefühl des Verlassenwordenseins einfach schlagartig in Luft aufgelöst, und schlagartig konnte ich wieder leben.

Was mir davon ab massiv geholfen hat, war, dass er im Laufe dieses Gesprächs erklärte, es wäre unwahrscheinlich, dass er sich andere Partnerinnen anlacht, während er weg ist. Was nichts daran ändert, dass die Möglichkeit besteht (natürlich gilt: We were on a break!!!), aber da ich insgeheim davon ausging, dass er bereits konkrete Menschen im Auge hat, mit denen er vorhat längerfristig anzubandeln, sobald der Umzug vollzogen ist, um seine Freiheit in vollen Zügen zu nutzen – du kannst dir vorstellen, was das mit meinem Kopf gemacht hat.

Während ich gestern mit einem Gefühl ins Bett ging, als wäre mir das Gewicht der Welt von den Schultern genommen worden, war mir schon mehr oder weniger klar, dass ich trotzdem mit Panik aufwachen würde. Ein Zusammenbruch dieser Größenordnung ist nicht von einem Moment auf den anderen vorbei. Und in der Tat war sie überdimensional, die Panik, und geruhte (Meditationsmusik zum Trotz) erst allmählich abzuflauen, während die vorherigen beiden Absätze Gestalt annahmen.

Und allmählich traue ich mich auch, meine Wertung auszusprechen, und mit ihr meine Fassungslosigkeit – ich sage es mal so:

Die letzten Jahre neigte ich dazu, mir vorzukommen, als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen durch alles, was ich mit Einsetzen der Medis und meiner diesen geschuldeten persönlichen Entfaltung gelernt hatte. Aber, oh, wie war ich dumm, wie bin ich dumm, wie werde ich immer dumm sein. Überheblich habe ich mein Lebtag auf jene herabgesehen, die sich an wenig erfüllende oder toxische Beziehungen klammern, und insbesondere auf jene, die wider besseres Wissen die einmal beendete Beziehung aus Verzweiflung wieder aufnehmen, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Aber möchte ich behaupten, dass meine Beziehung wenig erfüllend ist oder war? Seit ihrem Anfang plagt mich die Ungewissheit, ob es teils unrealistische Erwartungen sind, die meine Sicht auf die Dinge verzerren. Gerade letzte Woche hatte ich mir vorgenommen, eine Liste zu machen mit all den Dingen, die ich an R liebe und die unsere Partnerschaft so ungemein wertvoll machen. Dinge wie den Umstand, dass ich mich ausnahmslos jedes Mal freue, sein Gesicht zu sehen oder seine Stimme zu hören, sei es, wenn wir uns tagelang nicht gesehen haben, oder wenn er nach fünfminütiger Abwesenheit den Raum betritt. Dinge wie seine nicht endende Begeisterung für Boggle oder seine Art, sich mit der Katze zu unterhalten, bevor er sie füttert, oder seine vollkommene Akzeptanz all meiner Neurosen oder seine Wortspiele oder die Abneigung gegen synchronisierte Filme, die er mit mir teilt.

Na herzlichen Glückwunsch, und schon heulen wir wieder.

I need to be more appreciative of what I have.

Fateful Friday

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Mike hat mir abgesagt. Allerdings erst eine halbe Stunde bevor wir uns treffen wollten, sodass ich trotzdem geduscht und angezogen dem restlichen Tag ins Auge sehen konnte – etwas, das niemals passiert wäre, hätte ich von vornherein gewusst, dass die Notwendigkeit nicht besteht. Wir haben das Treffen auf Dienstag verschoben. Mein antisozialer Anteil war heilfroh, heute so knapp nochmal davonzukommen, und beißt sich im Angesicht der Aussicht in den Bauch, am Dienstag gleich zweimal das Haus verlassen zu müssen, aber gerade deshalb sollte ich mich als Gesamtperson über genau dieses Herausgerissenwerden doch wirklich freuen.

In etwa einer Stunde müsste R zu Hause sein und bekanntgeben, wie es um seine Ausbildung bestellt ist. Nachdem das Praktikum sich als relativ harter Brocken erwiesen hat, aus dem er zwar das Beste gemacht hat, aber zumindest zwischenzeitlich nicht unbedingt zu hundert Prozent zuversichtlich hervorging, dürfte dieser letzte Tag, mehr noch als für die Entscheidung der Firma, für seine eigene Einschätzung der Dinge maßgeblich gewesen sein. In jedem Fall darf ich gespannt darauf sein, was er berichtet, wenn er ankommt.

Ähnlich neugierig, auch wenn es in keinem Verhältnis zueinander steht, bin ich, was der morgige Tag wohl bringt. Meinem exorbitanten Spoilerhass entgegenkommend hat R bislang nur verlauten lassen, dass wir unsere Pedelecs dafür brauchen und Yannick mit von der Partie sein sollte – und dass wir rechtzeitig wieder zu Hause sein werden, um uns abends mit den Nachbarn zu treffen. Was ich davon halten soll, ist mir (zum Glück) unbegreiflich. Fahrradfahren bei diesen klimatischen Verhältnissen versuche ich unter normalen Umständen so gut es geht zu vermeiden. Yannicks Rolle in dem Unterfangen ist ebenso ein Mysterium, zumal es (so viel weiß ich dann doch schon) nichts mit dem als mein Weihnachtsgeschenk noch ausstehenden Flohmarktbesuch zu tun hat und Yannicks Gegenwart als Autobesitzer jedes Fahrrad eigentlich obsolet macht.

Aber ich werde es früh genug erfahren. Heute Abend hoffe ich erst einmal, dass R mit guten Neuigkeiten heimkommt, damit wir den Sekt, der auf der Terrasse darauf wartet, zum Zwecke des Geburtstagsnachfeierns von uns geköpft zu werden, in blendender Laune vernichten können.

A Dilemma Quickly Resolved

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Ich bin überfordert. R möchte mit mir bogglen, und da er sich über alle Maßen wegen seines morgen beginnenden Praktikums stresst und die Ablenkung zum Runterkommen dringend benötigt, möchte ich ihm den Wunsch nicht ausschlagen. Gleichzeitig muss ich mit Caro reden, um herauszufinden, was sie um Himmels Willen dazu bewegen könnte, sich eine Wohnung zu kaufen, obwohl sie das offenbar nicht möchte. Nichts davon lässt sich verschieben.

Fast forward fünf Minuten: beide Menschen haben in der Zwischenzeit beschlossen, dass ihre Anliegen bis morgen warten können. R ist es jetzt zu spät zum Bogglen und Caro hat sich mit ihrer Investition laut eigener Aussage mittlerweile auch anfreunden können.

Das heißt dann wohl, dass ich jetzt ins Bett gehe und alles Weitere morgen erledigt wird.

Kausalitätsketten

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This is the story of how a person got from point A to point Z.
Some call it fate, others, chance. But whatever you call it,
it sure is an interesting thing to ponder, don't you think?
The twisted paths our lives follow. How did you get here?
The place where you are right now at this very moment.
What series of events brought you to this place?
At this specific point in time? Where are you in life?
Are things turning out the way you'd planned?
And by the way, when was the last time you spoke with your parents?
Don't you think you ought to give them a call?
To thank them for the set of circumstances that brought them together,
at a certain place, at a certain moment in time, when you were created.

In der Tat sind dies interessante Dinge, über die es sich nachzudenken lohnt, da hat Roscoe Lee Browne im Auftakt von Smiley Face schon Recht. Mein Point A des heutigen Tages war wohl die (somewhat verstörende) Whatsapp-Nachricht meiner Mutter, sie habe meinen Blog gelesen. (Nachdem ich ihr darauf ‚Oh‘ antwortete und sie daraufhin ‚Genau‘ erwiderte, fand keine weitere Kommunikation diesbezüglich oder anderweitig statt, sodass die Konsequenzen dieser Eröffnung mir aktuell noch nicht in ihrem vollen Ausmaße bekannt sind.)

Ich machte mich auf, zu tun, was ich immer tue, wenn diese Situation eintritt: Blog scannen, um zu ermitteln, welche Unsäglichkeiten ich im Laufe meiner mittlerweile zehnjährigen Seelenausschüttungskarriere produziert habe, die der nunmehr darüber in Kenntnis befindlichen Person nicht gefallen könnten. Nach diesem ersten Schritt gehe ich üblicherweise dazu über, zugunsten der Authentizität und meines Seelenheils die Tatsache, dass ich gefunden wurde, schnellstmöglich wieder vollständig zu verdrängen.

Beim Scannen lief mir dann aber folgender Satz über den Weg: „Basti hat so Recht, wie er immer sagt, Kommunikation ist das Allerwichtigste.“ Das war Point B.

Ich nahm dies zum Anlass, mir zu denken, screw this, und Basti eine Nachricht zu schreiben, in der ich auf diese Aussage Bezug nahm. Auf diese Weise kam kurz danach tatsächlich ein Gespräch zustande, in dessen Verlauf mir zwar nicht unbedingt wie Schuppen von den Augen fiel, dass ich in der Unterhaltung mit Niklas absolutem Blödsinn auf den Leim gegangen war, aber zumindest bin ich nicht mehr überzeugt, ein absolutes Monstrum als besten Freund gehabt zu haben. Es wird nicht mehr so wie früher, aber ich sehe keine Notwendigkeit mehr, ihn aus dem Fenster zu schmeißen.

Da wir nicht ganz so lange telefoniert haben, wie es eigentlich hätte dauern können, weil er zurück an die Arbeit musste, versuchen wir das Gespräch heute Abend fortzusetzen. Point Z ist also fürs Erste aufgeschoben. Dahin gelange ich wohl über einen weitaus weniger manischen Donnerstag, als geplant war – die manischen Donnerstage habe ich zusammen mit dem Anti-Versackungs-Plan vor ein paar Monaten eingeführt, bin aber zunehmend inkonsequent damit und nutze jede Kleinigkeit, um mich davor zu drücken. Aktuell ist es die jahreszeitbedingte Dunkelheit, die mir als Vorwand zum Nichtstun dient. Staubsaugen bei diesen Lichtverhältnissen wäre ineffizient. Beim Aufräumen möchte ich auch sehen, was ich tue. Den Tisch mag ich auch nicht im Dunkeln putzen. Die Küche kann man zwar hell erleuchten, aber die Spülmaschine läuft bereits. Den Flur blockieren Taschen mit Pfandflaschen. Für ein Semesterticket bin ich zu geizig, aber die Semesterticketlosigkeit hält mich davon ab, das Haus zu verlassen und die Flaschen wegzubringen. Ich habe zwar von Susmitas und Sarahs Besuch neulich noch ein paar Einzeltickets übrig, möchte diese aber nicht ohne Not verschwenden. Wäsche sollte ich waschen, aber im Keller ist es so kalt. Warm anziehen könnte ich mich, aber da es so dunkel ist, bin ich nicht motiviert dazu. Winter nervt.

Das Gute: In drei Wochen wird es bereits wieder heller. Und in drei Monaten kann ich schon fast wieder richtig normal leben. Und ich habe zwar vorhin mit Basti darüber gesprochen, dass wir in Konstanz wirklich ein schönes Leben hatten, aber vielleicht strenge ich mich einfach mal ein bisschen an und schaffe das Gleiche hier auch.

¡Estamos a salvo!

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Noch nie war ich so erleichtert im Angesicht eines Wahlergebnisses. Als es in Österreich knapp war, nicht; als es in Frankreich knapp war, nicht, und wenn im eigenen Land was los war, erst recht nicht; hierzulande ist das meines Erachtens eh alles ein Brei und die beachtenswerte Bedrohung erfolgt in dem Moment, in dem die AfD noch einen Tick salonfähiger wird, aber das kommt schleichend, da fällt man nicht so aus allen Wolken.

Anders das Szenario Costa Ricas. Seit Februar war ich am Bangen, ob Fabricio oder Carlos, ob Hass oder Fortschritt, Elend oder Würde. Mein Erstaunen über Fabricios Wahlsieg in der ersten Runde hielt sich trotz des damit einhergehenden Entsetzens in Grenzen, was auf meine Erfahrungen zurückzuführen ist, die ich einst dort gemacht habe, und die Art von Menschen, mit denen ich damals zusammengetroffen bin. Aber mit dem Entstehen der parteienübergreifenden Coalición Costa Rica als unmittelbare Reaktion auf Fabricios knappen Sieg und all das gewaltige aufbrausende Engagement des sonst so politikverdrossenen Costa Rica haben sich mir Seiten an der Bevölkerung dieses Landes eröffnet, die mir all die Jahre praktisch völlig verborgen waren. Ich habe ein Stück meines Glaubens an die Menschheit in diesen paar Monaten wiedererlangt, falls der zuvor je vorhanden war. Und heute das Ergebnis der gestrigen Stichwahlen; die Menschlichkeit hat triumphiert, Carlos bekam knapp über sechzig Prozent der Stimmen. Das ist, als hätte Sanders direkt gegen Trump kandidiert und in zweiten Anlauf gewonnen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung. Das ist ein Grund zu unsagbarer Erleichterung. Und das bedeutet, dass innerhalb der nächsten vier Jahre nichts weiter mich davon abhält, costarricanischen Boden zu betreten, als meine eigene zeitliche und finanzielle Situation. Wäre es Fabricio geworden, sähe das anders aus. Da hätte man dann auch gleich in die Türkei fliegen können.

Dass ein Großteil meiner Bekannten und Freunde dort heute vermutlich im Gegensatz zu mir und allen mit Hirn gesegneten Costarricanern keine Freudentänze aufführt, ist ein Wermutstropfen, aber im Moment überwiegt die Erleichterung. Nicht nur hat Carlos nun die Chance, seine Sache so gut zu machen, dass es weder den Hirnbesitzern noch den Fabri-Lovers des Landes in den nächsten Jahren schlechter geht als zuvor; er kann auch den hart geschädigten Ruf seiner Partei wieder verbessern und Debakel wie dieses so für die Zukunft verhindern. Sie wären dem Fabri nicht alle derart blind in die Arme gelaufen, hätte sich die PAC nicht zuvor über eine Dekade durch grottige Regierungen und Korruptionsskandale mit viel Erfolg zum allerersten Sündenbock der Nation hochgearbeitet.

Aber genug davon. Es ist ein kleines Land, aber ein großes Beispiel für die Menschheit. Ich bin überzeugt, dass Carlos den offenkundigen Baustellen, die eine 40-Prozent-Rate für zurückgebliebene, heuchlerische, Hass schürende Prediger wie Fabricio erst ermöglichen, mit offenem Auge begegnet und alles in seiner Kraft Stehende unternimmt, um diese eiternden Wunden zu säubern.

Ich, währenddessen, bin noch aus anderen Gründen glücklich: es wird endlich wärmer hier, und ich bereite voll Vorfreude immer weitere Töpfchen mit Saatgut vor, um, wenn es soweit ist, die Terrasse so pflanzenbefüllt als möglich erleben zu können. Aus dem FairTeiler habe ich Topinambur mitgebracht und ein paar Knollen davon eingepflanzt; ein neues Basilikumtöpfchen ist angerichtet, um jene Pflanze zu ersetzen, die ich um ein Haar durch den Winter gekriegt hätte, wäre nicht meine fatale zweiwöchige Abwesenheit vor ein paar Wochen dazwischengekommen. R hat’s nicht so mit Pflanzengießen. Aber dafür bin ich ja jetzt wieder da, und in Zukunft überlasse ich meine Schätzchen definitiv jemand anderem.