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Roger

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Wow. So verkatert habe ich ungelogen noch nie bei der Therapeutin gesessen. Falls das überhaupt schon verkatert war und nicht einfach immer noch stockbesoffen. Es war trotzdem gut, dass ich da war, denn so konnte ich wertvolle Erkenntnisse über mein verkorkstes Anger-Management gewinnen.

Mein restlicher Tag bestand im Wesentlichen darin, den Rausch auszuschlafen. Damit war ich bis nachmittags beschäftigt; anschließend habe ich mit Simone telefoniert und war irgendwann in der zweiten Gesprächshälfte sogar soweit, mich aktiv daran beteiligen zu können. Wenig später rief mich Jana an und verkündete, sie würde morgen wieder vorbeikommen. (Im Angesicht ihrer vorbildlichen kontaktlosen Corona-Mentalität sah ich mich gezwungen, ihr wahrheitsgemäß von meiner gestrigen, Körperkontakt involvierenden Eskapade zu berichten. Dass mir meine mich selbst anbelangenden Prinzipien mittlerweile völlig wumpe zu sein scheinen, tut der Funktionalität meines Gewissens keinen Abbruch. Sie war, wenngleich nicht begeistert, dankbar für die Ehrlichkeit und möchte trotzdem noch zu mir kommen.) Dann ging ich mir Chili con Weißwurst machen. Dann meldete sich Andi, der anbot, mich morgen vom Bahnhof holen zu kommen (ja, bitte! Alles, was die Zwei-Stunden-Reise verkürzt, sei mir willkommen), und dann sogar meinte, ich könne auch bei ihm übernachten (whoa. Aber okay, bequem wär’s, und falls Jana morgen wieder da ist, kommt auch die Katze in dem Szenario nicht zu kurz). Dann vertilgte ich mit einer Begeisterung, die nur jemand aufbringen kann, der seit Tagen nichts Warmes mehr gegessen hat, eine Schüssel Chili. Und jetzt ist jetzt.

Nun hole ich die letzten beiden Tagesschauen nach, korrigiere noch ein Motivationsschreiben für die Freundin von Simones Bruder und hoffe einfach mal, dass ich dann irgendwann auch schon wieder schlafen kann. Und, falls das nicht zu viel verlangt ist, dass sich mein Leben in absehbarer Zeit auf eine Art einpendelt, die es mir erlaubt, mir ein gewisses Maß an Normalität wenigstens wieder irgendwie einzubilden.

Zukunft streichen, Gegenwart vertreiben.

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Gestern Abend erstmal meinen Kalender aktualisiert. In dem Sinne, dass alles R-Relatede unkenntlich gemacht wurde. Viel war es nicht, aber gleichzeitig praktisch alles, was ich bisher eingetragen hatte. Sein Geburtstag, meine Alpakawanderung, die Hochzeit seines Bruders, das Pet-Shop-Boys-Konzert, auf das ich zum Zeichen meiner Horizonterweiterungswilligkeit hatte mitgehen wollen. Von der Geburtstagsfeier seiner Großtante, die demnächst stattfindet, wusste ich zum Glück das genaue Datum noch nicht, sonst hätte ich noch einen Eintrag mehr durchkritzeln müssen.

Es war eklig.

Überhaupt überkommt mich, sobald ich mich einer Konfrontation mit diesem Aspekt meiner Wirklichkeit nicht erwehren kann, zuverlässig das Gefühl, vor Schmerz zu zerfallen. So wie jetzt. So wie beim Aufwachen. So wie gegen Nachmittag, wenn die Phase erzwungener Aktivität am Auslaufen ist und ich wieder auf dem Sofa lande, wo mich die Leere verschlingt.

Es ist einerseits weniger hartnäckig als damals, vermutlich weil mich die Medis auffangen und ich, davon ab, nicht davon überzeugt bin, einen Seelenverwandten verloren zu haben. Auf der anderen Seite ist es so viel mehr, das ich verliere. Am härtesten, das will ich offen zugeben, trifft mich neben der augenscheinlichen Tatsache, dass mein Leben auseinandergefallen ist, der schlagartige Verlust des Geliebtwerdens. Härter als das Nichtgenugsein, die verlorenen Jahre, die vollkommene Perspektivlosigkeit; mehr als die Person an sich, die fünf Jahre lang ein Teil von mir war und die an meiner Seite zu haben ich schätzen und offensichtlich, leider, auch brauchen gelernt habe.

Ich habe viel Arbeit vor mir, wenn ich das überstehen möchte.

Umso stolzer bin ich, berichte zu können, dass ich mich aufgerafft und mir ein (hoffentlich) köstliches Abendessen aus der letzten Semmelknödelwurst von Beccis und meiner Aktion letzte Woche, Spargel und Pilzsauce zubereitet habe. Verblüffend, wie ich in dieser Ausnahmesituation Energie für Dinge aufbringe, die ich über weite Strecken der letzten Jahre für undenkbar befunden hätte.

Also wird nun gegessen. Gegessen und dabei die nächste Netflix-Dokuserie angefangen, sodass Ablenkung einziehen und sich der Klammergriff um meinen Brustkorb wieder lockern kann.

Zurückbleibend

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R kam gestern schon das restliche Zeug holen. Wir haben einen Tee zusammen getrunken und dabei nebeneinander gesessen. Er hat geredet, ich weniger. Der Schmerz machte mich smalltalkuntauglich. Er war nonchalant und zeigte keinerlei Betroffenheit, nahm allerdings meine Hand, als ich zwischenzeitlich wieder am Heulen war. Nach einer Weile kam Yannick in seiner Funktion als Umzugshelfer, und die beiden machten sich ans Verräumen.

Er hat mir seine Schlüssel gegeben, mich umarmt, gesagt, ich solle mich melden, wenn es mir ganz dreckig geht (worauf ich „du auch“ erwiderte, auch wenn offensichtlich ist, dass keiner von uns es tun wird), und ist mit Yannick zusammen zur Tür raus.

In absehbarer Zeit wird er nochmal kommen, um Küken für die Katze zu bringen, die er von seiner Kollegin bekommt. Da ich schon wieder einen Haufen Kram bemerkt habe, den er vergessen hat und bei der Gelegenheit dann mitnehmen kann, ist das okay. Danach muss es aber auch gut sein; ich möchte mich nicht mehr mit Beruhigungsmitteln zuschütten als unbedingt nötig. Immerhin habe ich heute weder vom Beta-Blocker noch von den Tropfen Gebrauch machen müssen.

Was langsam akut wird, ist die Ernährungsfrage. Das letzte in der Wohnung befindliche Ganz-und-gar-Fertigessen habe ich mir in Form der übrigen Dosenravioli heute einverleibt. Was nun? Kochen? Woher die Energie nehmen? Vielleicht lasse ich es langsam angehen und probiere es mit einer Tütensuppe. Das hat schonmal gut geklappt, als das Drama ganz frisch war. So hatte es eben doch einen Sinn, das Zeug so lange aufzubewahren, ohne es je zu benutzen. Auch der Kamillentee, den ich 2015 in absurden Mengen beim Konstanzer Bioladen containert hatte, erfreut sich gerade einer nie zuvor erfahrenen Beliebtheit. Gefährliche Bestätigung für meine Hamsterpersönlichkeit.

Ja, komm. Ich mach mir eine Tomatensuppe, und während die abkühlt, gehe ich in den Keller und hole Katzenfutter. Die arme Kreatur hat bis jetzt noch nichts zu fressen bekommen. Traurigerweise war es den Tag über leichter, den dadurch hervorgerufenen Amoklauf meines Gewissens zu ertragen, als die zwei Stockwerke lange Reise zu unternehmen.

Ein Tropfen.

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Ich habe vier Stunden mit Becci telefoniert. Das war wirklich notwendig, denn es standen einige Sachen aus und wir haben sie alle abgedeckt. Und dann noch ein paar Dutzend Sachen, die sich gerade so anboten. Und dann Sachen vom Anfang des Gesprächs, weil man vergessen hatte, dass die bereits erzählt waren.

Wie notwendig das war, wird ersichtlich, wenn man sich überlegt, dass die ersten Schritte im Entsumpfungsprozess dort (hin) verrichtet werden sollten, wo man am ehesten den festen Boden erkennen kann. Heute mit Becci zu reden, mich dabei zu vergewissern, dass es sie tatsächlich gibt, und dazu noch überhaupt erstmal konkret zu benennen, wie ich meine Situation gerade wahrnehme, war abgesehen von einfachsten Disziplinübungen, wie man sie alleine im Haushalt durchführen kann, zwingend der erste naheliegende Schritt.

Anschließend an das Telefonat konnte ich gleich noch einmal so etwas wie Disziplin aufbringen, indem ich mir die Mühe gemacht habe, mit Süßkartoffeln, Linsen und Aubergine ein Curry zuzubereiten, statt (wie eigentlich noch beim Gang in die Küche angedacht, und diese ist, Wohnküche sei Dank, vom Sofa ganze zwei Meter entfernt) den Tiefkühlpizza-Joker zu spielen. Das Curry blubbert nun im Topf vor sich hin und ich freue mich sehr darauf, es in Bälde zu konsumieren, weil ich schon länger einen tierischen Hunger habe.

Ich gehe mal schauen, wie es um die Linsen bestellt ist.

Schlimme Verluste

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Gestern war’s der Capo, heute bin ich mein Handy los – das habe ich gestern nach der Einkaufstour beim Aussteigen aus Wolfgangs Auto unter dem Sitz fallen lassen. Erinnert mich an damals, als mir das Gleiche bei einer Mitfahrgelegenheit passiert ist, ich mich in der Folge spät abends handylos am Heidelberger, später am Bruchsaler Bahnhof herumgetrieben habe und es eine Zugfahrt ins Ruhrgebiet mit einem Menschen zu koordinieren gab, auf dessen Festnetz von der Telefonsäule aus anzurufen mir nicht sehr angenehm erschien, weil seine Freundin zu dem Zeitpunkt nicht gut auf mich zu sprechen war. (Hi, Caro – lang ist’s her. :D)

Zwar bin ich heutzutage um ein Vielfaches handyabhängiger als damals, aber zum Glück sitze ich zu Hause, muss mich mit niemandem absprechen und bekomme das gute Stück auch vermutlich im Laufe des Tages noch wieder. Und jeder, dem ich noch Antworten schuldig bin, wird sich entweder gedulden müssen oder eine Facebooknachricht bekommen.

Es hat sich trotzdem gelohnt, gestern Abend loszuziehen. Ich habe endlich wieder Essen im Haus! Besonders glücklich bin ich auch darüber, dass ich vier Packungen Putenherzen bekommen habe, von denen das erste bereits vorhin enthusiastisch von der Katze vertilgt wurde. Score!

Die Ernährung der Katze wird sowieso immer cooler. Eine Arbeitskollegin von R, die Hobbyfalknerin ist, hat ihm neulich angeboten, uns relativ günstig Küken zu verkaufen (tote, wohlgemerkt). Ich habe ihn dann gebeten, sich mal probeweise ein paar mitgeben zu lassen, und siehe da, nach einem Lernpozess von einem halben Tag hatte selbst unser unterbelichtetes Haustier, das von seiner Beute zeit seines Lebens nur das Innere zu Gesicht bekommen hatte, verstanden, dass man diese Viecher mit der Verpackung essen kann. Jetzt bekommt sie bald Küken in regelmäßigen Abständen. Und nun, da sie weiß, wie man damit umgeht, bleibt es mir auch erspart, Küken am Fuß von meiner Hand baumelnd vor ihr zappeln zu lassen, um ihren Jagdinstinkt zu wecken. Sagen wir so: R war dankbar, dass ich das übernommen habe. Ich glaube, er ist da ein kleines bisschen empfindlicher als ich. Was eigentlich ironisch ist, wen man bedenkt, dass er für lebendige Tiere weitaus weniger übrig hat als ich.

Nun hat mir Wolfgang gerade geschrieben, dass er mein Handy gefunden hat. Yes! Und er bringt es mir sogar nachher vorbei.

Gut, dann kann ich mich jetzt ja beruhigt der Versorgung der restlichen Schätze widmen, die ich gestern ergattert habe. Wobei ich vorbildlich schon einen Großteil davon verstaut habe und nur noch der letzte Rest auf mich wartet.

Ach, ich mag mein Leben. Die Sonne scheint. In einer Woche fahr ich schon wieder in den Urlaub. Und irgendwann hab ich einen Garten und eine Wohnung mit mehr Licht.

Cerveza con carne

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Ich war lange nicht mehr so betrunken. Nach drei Bier, wohlgemerkt. Wow. Das ist beachtlich.

Ich habe gerade Mike angeboten, für eine Woche hier zu wohnen. Das ist auch okay, Mike ist schließlich angenehmer als Barbara. Wow, ich bin so durch.

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Das war gestern Abend, als ich nach Hause kam, und ich kann bis jetzt nicht glauben, wie unfassbar das reingehauen hat. Ich habe, wie man sieht, den Eintrag nicht mehr weitergeschrieben, sondern mich lieber einfach auf der Couch zusammengerollt und versucht, den Rausch auszuschlafen, bis R nach Hause kam. Das hat so mäßig funktioniert; ich war gerade aufgewacht, hatte einen Topf Spaghetti gemacht und meine Portion gierig verspeist, als er kam, aber ich war immer noch wie umgehauen. Ich hätte vielleicht einfach doch zwischen dem mickerigen Frühstück, bestehend aus einem Zimtmuffin und einer Quarktasche, und dem spontanen Treffen mit Mike noch was essen sollen.

Oh well, jetzt war es halt so. Dafür bin ich dann heute um kurz vor zwölf aufgestanden und war bis jetzt produktiv, größtenteils durch Unbabeln und dem Korrekturlesen der ersten Seite von Timos Doktorarbeit, welche in einem entsetzlichen Kauderwelsch aus Denglisch und Fachlatein geschrieben ist und bisher sowohl Simone als auch Timos Vater zur Verzweiflung gebracht hat. Aber nicht mich, oh nein. Ich werde mich dieser Herausforderung stellen und muss nur noch ausloten, was für einen Stundenlohn ich dem Guten dafür jetzt abnehme. Wenn ich bedenke, dass mich Seite 1 bereits eine Stunde Lebenszeit gekostet hat, kann ich davon ausgehen, dass selbst bei Niedrigstlohn mir diese Arbeit ein halbes Vermögen einbringt.

Für den Rest des Abends habe ich geplant, mit Malte zu skypen und dabei Chili con Carne für R’s und mein Abendessen zuzubereiten. Es liegen nämlich Geflügelwürstchen von einem meiner und Beccis letzten gemeinsamen Beutezüge in unserem Kühlschrank, Kidneybohnen warten seit Urzeiten in ihrer verdellten Dose auf ihren epischen Einsatz, Zwiebeln und Knoblauch sind zur Genüge vorhanden und die obligatorischen zwei Dosen Mais habe ich in weisester Voraussicht schon letzte Woche beim Pfandwegbringen besorgt. Oh, das wird gut.

Fange ich doch gleich damit an.

Mystery Food und ganz viele freie Tage

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Jetzt regnet es ja schon wieder. Ich sitze an der einzigen überdachten Bushaltestelle des ganzen Berges und warte auf das Fahrzeug, das mich nach Hause bringt. Trotz Überdachung ist es nicht ganz einfach, wirklich trocken zu bleiben; der leichte Wind macht seine Arbeit gut.

Ich habe meine letzte Arbeitssession für die nächste Zeit hinter mir. Sophi hat nach ihrer Englisch-Kommunikationsprüfung zwei wohlverdiente Wochen Ferien und braucht seit Langem nichts mehr für die Schule machen – es ist so gut wie überstanden. Wir sind uns beide einig, dass sich die zwei Wochen sehr, sehr lang anfühlen werden.

Vor meinen Stunden bei Sophi war ich in meinem neuen Foodsharing-Betrieb Essen holen. Es ist die Kantinenküche einer Privatschule mit Internat (lustigerweise genau diejenige, die Sophi besucht); alles hat reibungslos geklappt, obwohl ich meiner Natur gemäß vor der Abholung die fürchterlichste Panik verspürt hatte, und ich befinde mich nunmehr im Besitz eines halben 5-l-Eimers voll qualitativ hochwertigem Essen. Ich weiß nur immer noch nicht, um was es sich dabei genau handelt, weil ich, wie gesagt, von der Abholung direkt zur Arbeit musste.

Nun sollte gleich aber auch mal der Bus kommen. Ich sterbe vor Hunger und kann es nicht erwarten, zu Hause mit Malte den Mystery-Eimer zu öffnen.

Essen. Leben. Zukunft.

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Ich bin gerade heilfroh, hier zu sein. Ich hätte auch mit R auf die WG-Einweihungsparty seines Bekannten gehen können oder zu den Nachbarn rüber, die mit ihren Freunden auf der Terrasse grillen. Aber bei Marco im Haus wird geraucht und die Nachbarn amüsieren sich da, soweit ich das überblicke, ganz gut alleine.

Also habe ich mich stattdessen mit Wein auf dem Sofa eingerichtet und mir gerade noch schnell aus dem übrigen Reis von vorgestern, Pilzen und Lauch sowie etwas Blumenkohl ein Abendessen zusammengezimmert, das mich glücklich macht, nicht nur weil ich einen irrsinnigen Hunger habe, sondern einfach durch den Umgang mit den ganzen geretteten Zutaten. Ich mache das mittlerweile seit fünf Jahren, das Essenretten, aber es hört nicht auf, mich zu begeistern. For today’s dinner I used the following ingredients (bold print marks store- or otherwise purchased): Rice, tap water, leek, mushrooms, cauliflour, newborns‘ formula, herbal salt, paprika powder, ground white pepper / caraway / coriander mix, garlic powder, dried oregano, turmeric powder. Das wäre ohne Verwendung der nicht gekauften Zutaten ein ziemlich dulles Dinner geworden. Und das liebe ich so sehr, mir das immer wieder vor Augen zu führen.

Ich hatte heute frei, unerwartet, weil Sophi fast vergessen hätte, dass sie heute keine Zeit hat. Dafür sehe ich sie morgen und Montag und lerne mit ihr für ihre letzte Klausur, Bio, am Dienstag. Ich überlege, die Abi-Vorbereitung zu meinem Hauptstandbein zu machen. Ich mag Abiturstoff. Und ich kann mir keine angenehmeren Schüler vorstellen als Abiturienten. Und die Therapeutin hat Mittwoch gesagt, ich könne so leben, wie ich möchte. (Das fand ich abstrus und ich habe angefangen zu heulen, was mit im Laufe dieser inzwischen ja auch schon wieder halbjährigen Therapie insgesamt genau zweimal passiert ist.) Und sie hat gesagt, ich könnte vermutlich problemlos von Ohrhängern leben, würde ich mich nicht selbst blockieren. Ich muss das nächste Sitzung nochmal abklären, weil ich mich wirklich frage, ob sie als wohlverdienende Eigenheimsbesitzerin (zumindest gehe ich stark davon aus) sich eine Vorstellung von der Situation macht, die Menschen des Bildungspräkariats, die es trotz vorhandener – sogar bescheinigter – Qualifikation nicht gebacken kriegen, einfach arbeiten zu gehen, irgendwann im Alter erwartet. Ich muss sie wirklich mal fragen.

Völler-Ei.

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Selten, äußerst selten kommt es vor, dass ich mich wirklich, wirklich heftig überfresse. Heute ist es passiert: Es war Eiersalat. Ich hatte unendlich Hunger und unendlich Eier. Da passiert so etwas. Ich habe den köstlichsten Eiersalat aller Zeiten gemacht, mit zwei riesigen Knoblauchzehen und so viel Mayo, dass man darin hätte ertrinken können.

Jetzt plagen mich Bauchschmerzen und Schweißausbrüche und die Gewissheit, dass ich in Ohnmacht falle, wenn ich heute noch ein Mal Knoblauch rieche.

Abgesehen davon habe ich keine nennenswerten Probleme, nein.

Im Gegenteil. Morgen und übermorgen werde ich nicht zu Sophi gehen und habe somit seit Ende März erstmals wieder freie Tage. Wirklich, ich habe jeden einzelnen Tag seit Beginn der Osterferien gearbeitet. Zwei Stunden Arbeiten am Tag lässt sich extrem gut aushalten, auch ohne freies Wochenende.

Es hat sich gelohnt; jede der drei Abiklausuren, für die ich verantwortlich war, hat sie mit einem guten Gefühl hinter sich gebracht. Deutsch, Englisch, Spanisch, ich hätte ihr Abi am liebsten selbst mitgeschrieben. Bloß die Matheklausur darf sie übermorgen gern selbst machen.

Ich hätte nicht anfangen sollen zu schreiben in diesem Zustand. Ich kann mich nicht konzentrieren, solange mein ganzes Inneres aus Eiersalat besteht.

Ich versuche es demnächst nochmal.

Pendlerträume

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Uff. Ich hänge mitten in einem Containerbeutezug der uneleganteren Sorte – Bus in die Stadt hatte Verspätung, Anschlussbahn verpasst, in der Zeit FairTeiler abgeklappert, dann Großhandel (mäßiger Erfolg) und kleiner Edeka (gar nichts), daraufhin eine knappe halbe Stunde Warten auf die Bahn zum neuen Spot, relativ erfolgreich (nicht quantitativ, aber dafür Konserven!). Dann die Bahn zurück um Sekunden verpasst trotz seitenzerstechendem Sprint mit der Ausbeute auf den Schultern. Halbe Stunde warten. Da bin ich gerade noch bei. Alles, was dem Ganzen jetzt noch einen draufsetzen könnte, wäre, den Bus nach Hause auch noch zu verpassen. Selten so ein vereintes Pech gehabt. Kurz vor dem Nervenkasper.

Habe R angerufen, um mich zumindest zu vergewissern, dass ich nicht schmerzlich vermisst werde, sondern er sowieso noch am Lernen ist. Dem war tatsächlich so. Ich habe unser geplantes Käsefondue auf morgen verschoben, denn das muss zelebriert werden und taugt nicht für einen Abend wie diesen, der zum Zeitpunkt meiner Rückkehr faktisch bereits vorbei ist. Zudem sind Wunden in meinem Mund, weil ich mir gestern im betrunkenen Zustand einmal links, einmal rechts auf die Lippe gebissen habe. Das hätte meine Fonduefreude heute zusätzlich gehemmt. Stattdessen habe ich R mit der Vorbereitung einer Topinambur-Möhren-Suppe beauftragt, die ich dann gleich nur noch pürieren und würzen müssen werde. Er rief vorhersehbarerweise ein paar Minuten später nochmal an, um sicherzugehen, dass der Topinambur auch wirklich die braunen Knollen waren, die er dafür hielt – ich wusste, wer mich anruft und warum, in dem Moment, als mein Handy klingelte. Das hat mich glücklich gemacht. Ich mag es, jemanden so gut zu kennen.

Gut. Die Zeit, bis die Bahn kommt, habe ich mir also schonmal erfolgreich verschrieben. Wenn ich gleich den Bus nach Hause bekomme, bin ich bereit, mich mit meinem Schicksal nochmal zu versöhnen.