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Yeah, right.

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Oder so ähnlich.

Fuuuuck. Ich meine, ich war mir bewusst, dass ich auf gewisse Weise in der Beziehung mit R emotional verhungert bin und viel zu viele Mängel durch kognitive Dissonanz wettmachen musste, aber dass ich mich offenbar derartig nach Aufmerksamkeit, Bestätigung, Anerkennung, Gesehenwerden verzehrt habe, dass ich es nun nicht gebacken bekomme, diesem absolut fatalsten aller Verläufe Einhalt zu gebieten, bestürzt mich ungemein.

Ich bin unfähig.

Caro ist unfassbar genervt von mir, zu Recht. Ich verliere auch vor mir selbst gerade jede Glaubwürdigkeit.

Gowai, bitte mach, dass das eine Phase ist. Hilfe, ich verstehe gerade, warum Leute beten.

Nicht mit mir.

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Whew. Ein paar Tage zu spät ist mir geglückt, was mir im dem Moment hätte glücken sollen, als mir der faszinierende Mensch nähere Informationen über seinen (nicht ganz unverheirateten) Familienstand mitteilte. Was blieb mir für eine Wahl, außer ihn in die Wüste zu schicken? Ich habe nicht gerade meine Beziehung beendet, weil ich nicht bereit war, meinen Freund wissentlich mit Anderen zu teilen, um nun der Dödel zu sein, der sich auf eine Affäre einlässt, und sei der Mensch noch so erschreckend anziehend. Nope, not me, not I.

Das zieht sich jetzt vielleicht nochmal ein paar Nachrichten lang, weil niemand von uns wirklich Lust hat, den Kontakt abzubrechen, aber dann wird es das gewesen sein. Ne Erfahrung war’s jedenfalls, ich war noch nie mit jemandem so ehrlich und direkt. Wieder was gelernt. Wenn mir so etwas in sieben Jahren dann zum nächsten Mal passiert (was der Turnus zu sein scheint, wenn man zu dem Zeitpunkt zurückrechnet, an dem ich den Ukumenschen kennenlernte, welcher damals einen ähnlichen Effekt hervorrief, und davon ausgeht, dass die Abstände gleich bleiben), behalte ich diese Offenheit hoffentlich bei und gerate dann vielleicht ja sogar an jemand physisch wie emotional voll Verfügbares.

Izena, izana, ezina

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Ich bin schon dumm. Ich hätte mich nicht überfordern sollen. Jetzt geht es mir beschissen, weil ich mir Gedanken darüber gemacht habe, wie ich R dazu bekomme, die Dinge zu erledigen, die noch fehlen, damit es alles vorbei ist (sprich: mir endlich die Katze zu überschreiben; mir mein Buch mit Hika-Tabellen wiederzugeben, das er bei seinem Auszug versehentlich entwendet hat; sein Schrottfahrrad aus meiner Tiefgarage entfernen; sein Klavier aus meiner Wohnung entfernen; die elendige Werbung für Online-Hochschulen abbestellen, die nach wie vor bei mir ins Haus flattert, obwohl sein Name längst nicht mehr am Briefkasten steht). In diesem Rahmen zog ich in Erwägung, ihn anzurufen, um effektiver kommunizieren zu können. Leider hat die Visualisierung dieses Telefonats mir bereits in dem Moment den Garaus gemacht, als der fiktive R den Anruf entgegennahm: „Aspi?“, sagte er, seiner durch das Wunder der Caller-ID ermöglichten Gewohnheit entsprechend, die anrufende Person mit ihrem Namen anzusprechen, statt sich mit dem seinen zu melden. Und es hat mich völlig aus der Bahn geworfen, weil ich mir nicht darüber im Klaren war, wie fürchterlich mir seine Stimme fehlt, noch dazu gepaart mit der vertrauten Art, von ihm auf diese Weise angesprochen zu werden.

Also begann ich wie bekloppt zu heulen, entschuldigte mich beim fiktiven R und sagte ihm, ich würde ihn in einem halben Jahr nochmal anrufen, legte das fiktive Handy auf und widmete mich meinem sehr realen Selbstmitleid. And here we are.

Vielleicht würde er auch „Sabrina?“ sagen und mir so aufs Deutlichste vermitteln, dass nichts Vertrautes mehr da ist. Ich war immer verwirrt, wenn er meinen Geburtsnamen verwendet hat, so, wie es mich immer verwirrt, wenn Menschen das tun, bei denen ich Aspi-Status habe. Ist man sauer auf mich? Warum siezt man mich auf einmal? So irritierend ist es, dass ich eine bewusste Anstrengung unternehmen muss, mich nicht davon verletzt zu fühlen.

Ich sollte überhaupt niemandem mehr das Aspi-Privileg zugestehen. Es tut zu sehr weh, wenn sie einen verlassen. Ist wirklich wahr. Es tut so weh, von jemandem verlassen zu werden, der dich bei deinem echten Namen genannt hat. Es ist so grausam, von jemandem verlassen zu werden, der mit dir im Hika geredet hat.

Ist der Ruf erst ruiniert…

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…muss man auch nicht mehr jeden Tag Blog schreiben.

Wäre ja auch zu merkwürdig gewesen, wenn ich das geschafft hätte.

Jetzt weiß ich nicht mal mehr, was der Stand war, als ich zuletzt berichtete. Aber ich kann es mir ungefähr denken.

Seither wohnt Jana bei mir; ja, ich schätze, dass der Abend, an dem sie hierblieb, derjenige gewesen sein dürfte, an dem ich zu berichten aufgehört habe. Dienstag war’s, glaube ich, genau der Tag meiner letzten Therapiesitzung, bevor die Therapeutin Osterpause machte.

Ich habe wieder mit Arbeiten angefangen. Ironischerweise war es R, der mir den Auftrag vermittelte, welcher dazu führte (er wandte sich dafür an Jana, nicht etwa an mich); es handelt sich um die Doktorarbeit von Vidulas bester Freundin, die ich nun (in direkter Kommunikation mit dieser) kapitelweise durchgehe. Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können, denn nicht nur ist meine Auftraggeberin eine äußerst liebe Kundin, sondern die persönliche Natur des Auftrags macht mir das Herangehen an die Arbeit um einiges leichter, als dies ein Scribbr-Auftrag täte.

Zudem hat William über Facebook nach Hilfe beim Transkribieren von Interviews für seinen Podcast gefragt, wofür ich mich auch einfach mal gemeldet habe. Er ist sehr dankbar und hat mir zudem angeboten, mit mir zu reden, wenn ich das möchte.

Ostern haben wir mit Yannick und Fredi Hasen gegessen. Den, der seit Ewigkeiten eine ganze Gefrierschrankschublade blockiert hatte und den R und ich eigentlich schon zu diversen Gelegenheiten gemacht haben wollten, wozu es dann allerdings nie kam, und den, der aufgrund von Platzmangel noch bei Yannick für uns (beziehungsweise dann mich) zwischengelagert gewesen war. Zudem fahren wir regelmäßig auf Essenssuche – ich scheine die für Hamstern und Nachhaltigkeit nicht unempfängliche Jana zumindest für die Dauer ihres Hierseins erfolgreich angefixt zu haben.

Den Rest der Zeit verbringe ich auf der Terrasse (welche mittlerweile beinahe vollständig hergerichtet und mit zum Teil bereits in Blütenpracht erstrahlenden Gewächsen bestückt ist), auf dem Sofa oder im Bett. Die 15-mg-Dosis Medis hat nicht nur mein unmittelbares Fortbestehen gewährleistet und mein Gefühlsspektrum verlässlich abgestumpft, sondern auch mein Schlafbedürfnis wieder auf unvermeidliche 11 Stunden ausgeweitet. Ich bin schon wieder dabei, auf 10 mg herunterzustufen. Wobei ich nicht sicher bin, inwieweit ich dahingehend alles richtig mache, da ich mich über den Tag hinweg meistens zwar verhältnismäßig sicher fühle, abends jedoch seit mindestens einer Woche regelmäßig so krasse suizidale Anwandlungen erlebe, dass (ich bin mir relativ sicher) allein die Tatsache, dass ich genug Anstand besitze, um nicht Jana, die – wie es gestern der Fall war und heute wieder ist – zum Arbeiten nach Hause gefahren ist und zum Schlafen wiederkommt, mit dem unschönen Anblick einer (vermutlich vollgekotzten) Trimipraminleiche zu konfrontieren, mich davon abhielt, diesen nachzugeben. Jana kann ich das nicht antun; niemandem, der eben erst seine Mutter an Krankheit und seinen Bruder an Selbstmord verloren hat und in drei Wochen mit seiner Doktorarbeit fertig sein muss, kann man das zumuten. So viel Anstand habe ich.

Aber ich habe mich schon geärgert, ich war genervt, richtig wütend, wenn man’s genau nimmt, darüber, dass mir das verwehrt blieb, und ich kann nicht behaupten, im Nachhinein sonderlich dankbar dafür zu sein, auch wenn die Zeitspannen, in denen ich wohl tatsächlich akut gefährdet wäre, völlig am Rad zu drehen und etwas Derartiges durchzuziehen, immer recht kurz sind. Aber wirklich Sinn macht meine Existenz halt auch in den übrigen Momenten nicht. Von einem Tag zum nächsten leben kann ich noch (oder eher wieder), ich mache genug schöne Dinge jeden Tag, Pflanzen pflegen, Euskera lernen, containern, Katze bedienen, tolle Sachen essen, mit Menschen reden, Nägel lackieren, so Sachen, aber eine Zukunft sehe ich nicht, das nicht, zumindest keine, in der ich gerne sein möchte.

Fuuuuuuuuu…

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Und es ist soweit: nach ganzen zwei Monaten und dreißig Tagen habe ich es gestern erstmalig dieses Jahr verpasst, meiner Challenge gemäß den obligatorischen Eintrag zu verfassen. Alles, weil ich mit Caro am Telefonieren war und absolut nicht auf dem Schirm hatte, wie spät es schon war. Ich könnte die Zeitumstellung dafür verantwortlich machen, aber wenn ich ganz ehrlich bin – eine Stunde früher aufgelegt zu haben hätte um 1.01 Uhr eben auch nicht mehr geholfen.

Aber natürlich war es das wert. Sowieso erleben viele meiner Neurosen, die ja letztendlich auch nur selbst auferlegte Regeln sind, momentan einen Einbruch unvergleichlicher Ausmaße. Da ertrage ich es gleich gelassener, an diesem Punkt nun einmal gefailt zu haben.

Und die Müdigkeit dürfte auch ihren Teil beisteuern. Ich bin völlig im Eimer, was daran liegen dürfte, dass ich natürlich gestern Früh mein Therapeutentelefonat wahrnehmen musste. Aus diesem kam ich bestärkt und mit einem Haufen hilfreicher Bilder zurück in meinen Gammeltagesablauf und sah mich wenig später sogar in der Verfassung, paniklos einen Instant-Cappuchino zu konsumieren.

Also. Es wird.

Noch alleiner

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Jetzt ist Wolfgang weg. Ich war soeben als (wenn auch unnütze, da ich mal wieder nicht auf dem Schirm hatte, dass man da draußen ohne seinen Perso kein ganzer Mensch ist) Zeugin bei seiner Wohnungsübergabe zugegen, nachdem ich ihn heute Morgen trotz massivem Schlafmangel und unverhältnismäßiger Panik gefragt hatte, ob es noch ein Zeitfenster gibt, in dem ich zwecks Verabschieden bei ihm vorbeikommen könnte, bevor sein Taxi kommt.

Er scheint sich darüber gefreut zu haben, sicherlich aber nicht so sehr, wie ich seinen Weggang betrauere. Bereits unter normalen Umständen hätte mich das hart getroffen. So bröckelt mir mal eben mein letzter Vertrauter und dazu halbwegs regelmäßiger menschlicher Kontakt der Stadt unter den Füßen weg.

Ich bin glücklich, dass ich es geschafft habe, heute noch zu ihm zu fahren. Mein Tee-Treffen mit Jana ist gestern (und heute) ein wenig eskaliert; statt um drei kam sie um acht und blieb bis kurz vor vier. Es tat schon gut, sie dazuhaben, aber relativ bald wurde es auch anstrengend, sodass ich von der Aussicht, häufiger von ihr besucht zu werden, nun weniger begeistert bin als zuvor. Aber auch wenn es nicht ganz klickt – sie ist nett und dazu hochintelligent. Und sie vernichtet die gelben und orangenen sauren Weingummis, die ich nicht mag. Grund genug, sich über die Entwicklung zu freuen.

Aufgewacht bin ich jedenfalls um kurz vor elf, irgendwo zwischen komatös und panikdurchflutet, wie es nach zu wenig Schlaf zu erwarten war. Nachdem ich zu Wolfgang losgefahren bin, ist die Panik zurückgegangen und schließlich ganz verschwunden (obschon mich zwischendurch Wellen von Traurigkeit überwältigt haben, sobald ich daran dachte, dass R sich gestern den ganzen Tag in dieser Wohnung aufgehalten und beim Streichen geholfen hatte), und als ich vorhin zurückkam, konnte ich in aller Seelenruhe einen Nachschub an Schraubgläsern aus dem Keller holen, die Wäsche von gestern versorgen, Pflanzen mit den Trocknerwasser gießen und ein paar Teile in die Spülmaschine räumen.

And this is how I got here. Was ich als Nächstes tue, weiß ich nicht. Aber ich fühle mich recht stabil und werde bestimmt mit Zocken, Netflix oder Telefonieren nichts verkehrt machen.

Paranoia, Panik, Produktivität

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Das war ja knapp gestern. Wäre ich nicht zwischendurch aufs Klo gegangen, wäre es mir wahrscheinlich komplett entfallen, mir mal Gedanken über die Uhrzeit zu machen.

Mike kam gegen neun Uhr und blieb bis halb eins. Und kam zehn Minuten später wieder, weil er sich im Busfahrplan verlesen hatte, sodass ich alle in dieser Zeit getroffenen Vorkehrungen zum Schlafengehen abbrach oder rückgängig machte, um eine weitere gute halbe Stunde mit Mike im Wohnzimmer zu sitzen.

Es war anstrengend, weil ich müde war, aber ansonsten wirklich okay.

Becci ist nicht gekommen. Da sie sich für den Vormittag angekündigt hatte, nutzte ich die Zeit nach dem Aufstehen für Erledigungen von Staubsaugen bis hin zu meiner allerersten selbst ausgeführten Grundreinigung des Katzenklos, welches immer R’s Domäne gewesen war.

Während ich zuerst noch froh war, all diese Geschichten in Ruhe hinter mich bringen zu können, fing ich später dann doch an, mir Gedanken über Beccis Verbleib zu machen. Meine den momentanen Umständen geschuldet unverhältnismäßig ausgeprägte Verlustangst bewog mich zunächst zu der Befürchtung, sie könnte sauer auf mich sein, weil ich am Abend zuvor auf ihre liebe und ausführliche Nachricht, in der sie sich erkundigte, was sie alles mitbringen sollte und ob sie mir (wie zwischendurch angedacht) riesige Vorräte an Essen kochen sollte, um mein Überleben zu sichern, aufgrund von Mikes Anwesenheit nur ganz knapp geantwortet hatte – obgleich so eine Reaktion wirklich das Aller- allerletzte ist, was Becci in den Sinn käme.

Ein paar Stunden, eine ungesehene Nachricht und einen nicht entgegengenommenen Anruf später ging ich dazu über, mich zu sorgen, sie könnte mit dem Auto irgendwo auf der Strecke verunglückt sein. Um mir nicht weiter unnötig den Kopf zu zerbrechen, ging ich und fabrizierte aus zwei Rollen Fertighefeteig einen blitzschnelles Zimt-Zucker-Zupfkuchen, der bis jetzt noch unangetastet im Ofen verweilt. Das liegt vor allem daran, dass um halb fünf tatsächlich Becci anrief, die soeben aufgewacht war und sich aus dem Bett gequält hatte, um ihr Ladekabel zu organisieren und mir zu berichten, dass sie letzte Nacht von teuflischen Ohrenschmerzen heimgesucht wurde, die noch immer andauerten und sie den gesamten Tag lang außer Gefecht gesetzt hatten. (Sie begann ihren Bericht mit „Ich bin der neue Basti!“).

Sie schaut, ob sie morgen fahrtüchtig ist. Bis dahin wartet auch der Kuchen auf sie; nur wenn es morgen auch nichts wird, kann ich für nichts mehr garantieren.

Der Vollständigkeit halber sollte ich anmerken, dass die Panik beim Aufwachen in den letzten Tagen deutlich weniger wurde. Ich war schon bald der Annahme, aus dem Gröbsten raus zu sein, bis das Elend vorhin in Form einer Nachricht von Fredi, die in der Signal-Gruppe zu ihrer Einweihungsparty einlud, erneut zuschlug. Wolfgang hat begeistert zugesagt. R wird da sein. Er hat in die Gruppe geschrieben, über Pläne und Uhrzeiten, von denen ich nichts weiß. Das Ausmaß an Schmerz, den es mir bereitete, das zu verfolgen, und die Spirale, die mich dabei aufsaugte, hat mir mehr als deutlich gemacht, dass ich nicht hingehen kann. So viel Schmerz.

Das wird noch richtig lustig, ich sag’s dir.

Beistand von innen und außen

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Mit Johanna reden: hervorragende Idee. Ich bin stolz auf mich, weil ich neulich wieder mal meine heilige Anti-Spam-Regel außer Kraft gesetzt und sie kontaktiert hatte, was dazu führte, dass wir uns für heute zum Skypen verabredet haben. Verstehe mich nicht falsch; ich bin durchaus der Meinung, dass die heilige Anti-Spam-Regel (sprich, nicht mehr als zwei Nachrichten hintereinander schicken, solange vom Gegenüber keine Reaktion erfolgt) oftmals Sinn macht, und mir ist auch klar, dass mein Zentrum für Selbstdisziplin bei ihrer Inkraftsetzung nur den Erhalt meiner Würde im Sinn hatte, aber es ist halt einfach bescheuert, als Mensch, der jede fremdauferlegte Regel fünfmal hinterfragt und bei Nichtanerkennen dieser sie auch gerne mal ignoriert, die eigenen Schutzmaßnahmen nicht ab und an mal auf ihre Wirksam- und Sinnhaftigkeit hin zu kontrollieren.

Auf diese Weise habe ich herausgefunden, dass sie meine SMS von Anfang des Jahres, in der ich sie darauf hinwies, dass es ewig her ist und wir mal schleunigst ein Catching-up betreiben sollten, durch Handywechsel nicht hatte zuordnen können. Somit war es wirklich nur vorteilhaft, dass ich es vor ein paar Tagen nochmal versucht habe.

Ähnlich wie während der Ausläufer des Şahin-Dramas kam mir auch jetzt der Umstand zugute, dass JO ein Mensch ist, bei dem emotionale und rationale Intelligenz sich in einem außergewöhnlichen Maße die Waage halten. Da ich so sehr darauf bedacht bin, ihrer Rationalität nicht (und schon gar nicht zum zweiten Mal) als unkontrolliertes, panisches Nervenbündel gegenüberzutreten und mir dadurch massiv unterlegen vorzukommen, habe ich in dem Gespräch meine momentane Situation nur gestreift und stattdessen mit ihr über andere Dinge gesprochen. Und siehe da, es hat ganz wunderbar funktioniert. Fake it ‚til you make it. Eine der Phrasen mit dem höchsten Wahrheitsgehalt, den die menschliche Sprache zu bieten hat. (Ich kann übrigens auf Teufel komm raus nichts dagegen tun, dass es das Apostroph am Wortanfang nach unten zieht. Meine Hoffnung ist, dass dieser Bug von WordPress irgendwann behoben wird.)

Tatsächlich konnte ich schon vor dem Telefonat mit JO Errungenschaften verzeichnen. So habe ich mir nach dem Aufstehen, Panik hin oder her, zum ersten Mal seit Dienstag wieder richtige Anziehsachen angezogen und bin raus zum Briefkasten gegangen, um den zwei Tage überfälligen Brief mit Samen für einen Ebay-Kunden abzuwerfen, den es mir gestern bereits gelungen war fertigzustellen. Marketa, der ich dabei begegnete, habe ich weit gefestigter entgegengeblickt als bei unserem letzten Run-in. Dieses ereignete sich am Mittwoch, als ich ihr im glamourösesten Zombie-Modus die Tür öffnete, um ihr das Päckchen zu übergeben, das tags zuvor bei uns abgegeben worden war, ihr anschließend in Pantoffeln und rutschender Pyjamahose ihre Einkaufstaschen nach oben trug (weil ich es nicht mit ansehen konnte, wie sie mit Kleinkind auf dem Arm, Wäschekorb und zwei schweren Taschen allein hantierte) und auf ihre Frage nach meinem Befinden hin (oh Wunder) in Tränen ausbrach. Souverän sieht anders aus.

Sie hat mir dann gesagt (ohne dass ich auf die Umstände konkret eingegangen wäre), wenn es etwas gibt, das sie tun könnte, sollte ich mich melden. Ich habe seither ein paarmal mit dem Gedanken gespielt, ob es furchtbar unangemessen wäre, sie zu fragen, ob ich ab un an bei ihr in der Wohnung rumhängen darf, wenn’s hart auf hart kommt und mir alleine die Welt auf dem Kopf zusammenbricht. Oder ob es in Anbetracht der Tatsache, dass wir zwar eine sehr gute nachbarschaftliche, nicht dagegen eine wirklich freundschaftliche Beziehung pflegen, nicht völlig erbärmlich wäre. Ich habe mir nur gedacht, dass Marketa jemand ist, der verstehen dürfte, was es bedeutet, mit Depression in einer Stadt zu hängen, in der man niemanden kennt und niemanden hat. Sie ist zwar glücklich verheiratet, aber sie ist oft umgezogen und depressiv veranlagt.

Man wird sehen, wie verzweifelt ich noch werde; davon wird es abhängen, ob ich sie frage oder nicht.

In einer Stunde kommt R aus der Arbeit und wird mir hoffentlich erklären, was ihn dazu veranlasst hat, anstatt seines eigenen Essens mein Grillkäse-Sandwich ins Büro mitzunehmen, das ich mir gestern vorbereitet hatte und wirklich sehr gut gerade gebrauchen könnte. Sicher, ich könnte meine Leistungsfähigkeit ausreizen und mir ein neues machen, aber ich habe schon so viel geschafft heute.

Gerade bin ich hoffnungsvoll, dass ich dies besser überstehen könnte als angenommen.

Peaks and valleys

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Abhetzen des Todes, tausend letzte Erledigungen in eine Dreiviertelstude gequetscht, allen Widrigkeiten zum Trotz es irgendwie hinbekommen, letzten Endes eine Stunde zu früh in Konstanz dank grandiosester Verpeiltheit und zu viel Gepäck, um sie zu nutzen – dieser Umstand hat es verdient, in Morissettes Ironic eine neue Hauptrolle zu spielen.

Statt bei umwerfendem Seeblick am Hafen ein flüchtiges Heimatgefühl aufzusaugen, tue ich dies auf einer Bank am Döbele vor der stilvollem Kulisse des Kiosks, gelegentlicher Fernbusse und parkender Fahrzeuge. Das tut dem Heimatgefühl keinen Abbruch, mindert aber die Dramatik des ganzen Stopovers beträchtlich – vielleicht gar nicht so schlecht, wenn ich es mir genau überlege.

Umso überwältigender scheint das Zuhausesein im Kontrast zu dem wenig erbaulichen Eindruck, den die Schweiz mir noch im letzten Moment meines Aufenthalts meinte bescheren zu müssen. Am Winterthurer Hauptbahnhof bemühte ich mich vergeblich, mit den zu diesem Zweck abgezählten, der Schatzkiste meiner Mutter entnommenen Franken ein Zugticket zu erstehen; der Automat weigerte sich standhaft, meine 5-Franken-Münze zu akzeptieren, und in meiner Verzweiflung in Anbetracht des steigenden Zeitdrucks (mir blieben 6 Minuten bis zur Abfahrt meines Zuges und selbstverständlich war mir meine einstündige Verfrühung noch nicht bewusst) wandte ich mich an ein älteres Schweizer Ehepaar, das neben mir den Fahrplan studierte, mit der Frage, ob sie bereit seien, meine störrische Münze gegen eine andere zu tauschen. Sie erwiesen sich zunächst sehr hilfsbereit und begannen in ihren Geldbeuteln zu kramen, bis der Mann einen genaueren Blick auf meine Münze warf und mir eröffnete, sass es sich hierbei nicht um echtes Geld handelte. Augenscheinlich war ich, wie meine Mutter zuvor, einer Atrappe auf den Leim gegangen. (Nach der heute gemachten Erfahrung halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass diese in bösartiger Absicht in Umlauf gebracht wurde, um Ausländer zu verarschen.)

Jegliches Interesse, mir zu helfen, verschwand ob dieser Wendung der Dinge abrupt aus den Herzen meiner potenziellen Retter. Als ich mich wider besseres Wissen erdreistete, anzufragen, ob sie eventuell bereit seien, mir die 5 Franken ohne Gegenleistung zu überlassen, erntete ich nur noch Empörung. (Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass auch aus meinem Betragen daraufhin jede Freundlichkeit wich und ich meinem Emtsetzen über den Sachverhalt in wenig samften Worten Ausdruck verlieh.)

Da mir nichts Anderes blieb, als die absurde Summe für meine bevorstehende Zugfahrt mit meiner Bankkarte zu bezahlen, was sie ganz sicher auch nicht billiger machte, verfuhr ich entspechend und hastete zum Zug. Falls meine Füße bis zu diesem Punkt noch blasenfei gewesen waren, war es um diesen Zustand nun endgültig geschehen.

Soeben kam sogar schon der Bus an, was mich und meine kalten Finger zutiefst beglückt. Beim Einsteigen bin ich der goldigsten alten Dame begegnet, die sich nach der Buslinie erkundigte und anschließend an eine kurze Unterhaltung darauf bestand, dass der Busfahrer mich als Erste einsteigen ließe, schließlich sei ich als Erste dagewesen. Sie hat unter meinen gerührten Protesten tatsächlich Anstalten gemacht, dem Kerl, der dem Fahrer vor mir sein Handy zum Scannen entgegensteckte, selbiges zur Seite zu schieben, damit ich meine rechtmäßige Platzierung nicht verlöre.

Ich verwette alles, was mir heilig ist, darauf, dass mir diese Frau in meiner Notlage die 5 Franken geschenkt hätte. Hätte sie da am Bahnhof gestanden anstelle dieser widerlichen anderen Menschen, hätte ich nicht anschließend im Zug vor Fassungslosigkeit erstmal richtig bitterlich geheult.

Zu meinem großen Glück war der Kontrolleur in besagtem Zug wiederum so lieb und freundlich, dass mein Vertrauen in die Menschheit nicht noch weiter getrübt wurde. Und diese Zuckerdame, die nun vorne im Bus sitzt und nach Stuttgart fährt, hat es vollständig wieder hergestellt.