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Ausflug nach Hause

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Ach, ich freue mich auf Hamburg. Auch wenn es sich offenbar bei mir so eingebürgert hat, dass ich bloß einmal im Jahr auf eine Eintagesvisite vorbeischneie (siehe Kepas Umzug von Hamburg nach Kempten letztes Jahr, wobei das mit einem knappen halben Tag wohl ungeschlagen der kürzeste Besuch sein wird, den ich meiner alten Heimat je abgestattet habe).

Simone wird in einem relativ kleinen Café feiern; dort war ich auch schonmal und habe es geliebt, direkt an der Elbe, man sieht die riesigen Frachter vorbeifahren und es hat einfach Flair. Nebenan gibt es eine Art Empfangspunkt für Schiffe, wo ein Mensch in einer Kabine sitzt und die Nationalhymnen der ankommenden Mannschaften abspielt. Das letzte Mal war ich mit meinen Eltern und Großeltern dort, als uns diese in Oldesloe besuchten. Mein Opa ist sehr gesprächig und quatscht unheimlich gerne mit Menschen, die ihm über den Weg laufen, und so erzählte ihm der Kabinenmensch die Anekdote (welche mir, wie man merkt, bis heute im Gedächtnis blieb), dass einmal, als ein südkoreanisches Schiff vorbeifuhr, er versehentlich die nordkoreanische Hymne abgespielt habe. Die Menschen an Bord des südkoreanischen Frachters haben es wohl mit Humor genommen.

Gerade bedrückt es mich unheimlich, dass meine Großeltern nicht mehr so mobil sind. Gerade meinen Opa bedauere ich, denn er ist seinem Alter zum Trotz wirklich nicht gebrechlich und könnte gut und gerne noch durch die Weltgeschichte ziehen. Meiner Oma geht es nicht ganz so gut, sie hat Probleme mit dem Rücken und ist nicht mehr bereit, die Strapazen einer längeren Bahnfahrt auf sich zu nehmen. Mein Opa war sein Leben lang unfassbar wissbegierig, was fremde Orte anging. Er hat wenige weite Reisen unternommen, das haben seine Lebensumstände nicht erlaubt – mit Ausnahme des Besuchs bei meinen Eltern in New York und dem damit verbundenen Karibikurlaub, bevor ich geboren wurde, sind sie, glaube ich, beide nie aus Europa hinausgekommen. Aber ich schwöre dir, du kannst dir eine Deutschlandkarte nehmen und auf ein x-beliebiges Drei-Leute-Kaff blind mit dem Finger tippen, und er wird dir alles an Geschichte runterrattern, das dieses Nest je erlebt hat, und die der umliegenden Gegenden gleich dazu. Er ist wahnsinnig gebildet, obwohl er sein Leben lang ein einfacher Arbeiter war.

Aber ich schweife ab. Ich war ja gerade noch in Hamburg, und zwar bei dem Moment, in dem wir in den ZOB einfahren und ich, vor Müdigkeit wahrscheinlich komplett überdreht, mich wieder zu Hause fühlen werde an einem Ort, mit dem ich nichts mehr zu tun habe, den ich eigentlich nie auch nur angefangen habe zu durchdringen, und den ich kaum je wieder sehen werde.

Mir ist sogar eine wunderbare Lösung für das Makeup-Problem eingefallen (namely, wie schafft man es, nach achteinhalbstündiger Busfahrt und fünf Stunden Stadt für eine Hochzeit präsentabel auszusehen?), nämlich der Rossmann im Hauptbahnhof, von wo sowieso mehr als die Hälfte meiner Kosmetiksammlung stammt. (Da ich ja im normalen Leben nicht unbedingt übermäßig davon verwende, wird mir dieser Vorrat noch bis an mein Lebensende erhalten bleiben. Aber ich war früher süchtig danach, Lipgloss und Lidschatten zu kaufen, einfach wegen der Farben.) Dort kann ich dann doch problemlos bei den Testern einmal die Runde machen und tada, ich spare mir sogar noch die Mühe, mein eigenes Zeug mitzunehmen. Dann hoffe ich nur noch, dass das Wetter gut ist, weil ich wirklich nicht weiß, was ich über mein buntes Kleid für eine Jacke ziehen sollte. Oh, diese Probleme. Man könnte wirklich meinen, ich hätte keine.

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Wie zu etwarten war

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Klar. Natürlich, ich musste unbedingt mal wieder alles versauen. R taugt nicht als Suizid-Hotline-Arbeiter und ich selbst nicht als Diplomatin, sofern meine Mutter im Spiel ist. Wein taugt nicht als Deeskalator. Die besten Quality-Time-Maßnahmen machen niemanden zu einem besseren Menschen. Ich werde vermutlich dieses Desaster irgendwie überleben, aber frag nicht, wie.

Mea Maxima Pulpa

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Gestern war, wie jedes Jahr, der Geburtstag meiner Oma. Allerdings wurde mir das erst gegen elf Uhr abends wieder bewusst, als ich die Foodsharing-Abholung, für die ich mich gerade eingetragen hatte, in meinem Kalender notieren wollte.

Ich war einfach den größten Teil des Tages damit beschäftigt, R’s feiertagsbedingte Anwesenheit mir zu Nutze machend, mit ihm zusammen den Inhalt einer der drei neulich containerten Packungen à zehn Liter Tomatenpulpe in kleinen Gläsern einzukochen und nebenbei mit dem Rest des Zehn-Liter-Eimers Champignons, den ich zu diesem Anlass geöffnet hatte und der aber weit mehr Champignons hergab, als ich mit der Pulpe vermischen konnte, genauso zu verfahren. Es passiert ja nicht gerade häufig, dass sich R an meinen Konservierungsaktionen beteiligt, und umso mehr habe ich es genossen, dieses Mal nicht alleine dazustehen. Ich hätte gar nicht erst die Motivation dazu gehabt, das alleine durchzuziehen.

Jedenfalls fiel mir dann um viertel vor zwölf Uhr abends siedend heiß ein, dass meine Oma nicht nur Geburtstag hatte, sondern sich auch mit meinem Opa im Urlaub befand. Und dass ich ihre Handynummer nicht kannte. Demzufolge habe ich sie heute, nachdem dieser Missstand behoben war, mit Anrufversuchen terrorisiert, bis sie dann endlich mal abnahm. Sie war nicht sonderlich verwundert. Sie kennt mich. Ich hoffe bloß, dass meine Mutter das nie zu hören bekommt; sie würde mir diese Geschichte länger nachtragen, als meine Oma noch lebt.

Also. Trust me to forget my own grandma’s 80th birthday over a massive tomato pulp and mushroom canning activity. Die Ergebnisse unserer gestrigen Plackerei können sich sehen lassen. Was ich mit den restlichen zwanzig Litern mache, ist mir allerdings schleierhaft – mir sind die Gläser ausgegangen.

Zwei Seiten

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Okay, das war ein ziemlich ekliger Tag und ich habe ein paar Sachen erfahren, die mir nicht unbedingt wenig zu schaffen machen. Auf der anderen Seite.. ja, was ist auf der anderen Seite? Und wenn es schon die Epikureer nicht sind, die der Zweckoptimismus so voll und ganz ausmacht, bin ich es nicht umso mehr? Nach einem solchen Tag noch den Fokus auf die andere Seite lenken zu wollen – selbst Psychiatern und Therapeuten gegenüber auf jede noch so kleine Bekundung einer nicht optimalen Lage ein blitzschnelles „ABER“ folgen zu lassen und sich in genau diesem Moment dann geschwind zu überlegen, was darauf denn eigentlich folgen könnte – sollte ich nicht daran eventuell auch mal arbeiten?

Aber beleuchten wir wirklich beide Seiten. Die eine: Ich habe Panik und fühle mich sehr allein. Alles scheint aussichtslos. Meiner Mutter geht es grottig und mir auch. Sie schafft es nicht, zwischen sich und ihrem bodenlosen Schmerz im Gespräch mit mir die nötige Distanz zu halten, sodass ich hineingezogen werde, sobald ich davon erfahre. Ich will alles davon wissen, aber halte es nicht aus. Wir haben schon im normalen Umgang Kommunikationsprobleme, die zu Missverständnissen auf beiden Seiten führen.

Die andere: Ich habe die Kommunikationsprobleme wieder ein Stück besser verstanden und kann somit daran arbeiten. Ich habe Dinge erfahren, die ich zuvor nicht wusste. Mir geht es nicht besser damit, aber immerhin weiß ich, woran ich bin, und das habe ich immer schon sehr geschätzt. Ich habe außerdem zumindest insoweit die Verhältnisse klären können, dass wir uns jetzt beide wieder vergegenwärtigen konnten, dass wir uns gegenseitig nicht absichtlich in Abgründe stürzen.

Da schau, zumindest sind beide Seiten in etwa gleich lang. Mir geht es schon besser durch das Schreiben. Ich gehe im kleinen Zimmer die Heizung anmachen, damit R es beim Lernen warm haben kann, wenn er heimkommt.

Emokid, Emokid, does whatever an Emokid does.

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Uncool: Eine suboptimale Kombination aus Familienpsychodrama und griffbereitem (stumpfen) Tomatenmesser hat eben dafür gesorgt, dass sich affektanfälliges Aspi (oh!, eine Alliteration für Bauer sucht Frau) den linken Unterarm entlang der Pulsadern mit oberflächlichen Schnittwunden verziert hat. Glücklicherweise ist das Messer wirklich sehr stumpf und hat nur minimalen Schaden angerichtet. Aber oh, was für ein Gefühl. Sowas hab‘ ich ja seit Anfang des Jahrzehnts nicht mehr gemacht. Ich musste mich unfassbar anstrengen, wieder aufzuhören. Welch eine Befreiung, welche eine Dummheit. Willkommen zurück in der Pubertät.

Passend zu meinem jetzigen Durchdrehen habe ich es Ende letzter Woche endlich zu einem Konsiliargespräch gebracht, die Unterlagen direkt im Anschluss bei der Therapeutin eingeworfen und somit beste Aussichten auf Therapiebeginn im Januar. Die Ärztin war unfassbar goldig in ihrer Unbeholfenheit und machte den Eindruck, noch nie einen depressiven Menschen vor der Nase gehabt zu haben, versuchte alles von sozialem Rückzug bis hin zu Suizidgedanken für mich in liebe, verharmlosende Wattewörter zu packen und bot mir aus eigenen Stücken sowohl eine Krankschreibung (die ich logischerweise nicht brauche) als auch ein neues Rezept für meine Medis an, sodass ich wirklich sehr gut versorgt da rauskam.

Meine Exkommilitoninnen treffen sich gleich auf dem Weihnachtsmarkt, aber ich habe keine Lust hinzugehen. Irgendwann hört man doch auf, mit den Leuten Zeit zu vergeuden, denen man im Grunde genau so gestohlen bleiben kann wie sie einem selbst.

Meine To-Do-Liste für heute ist gar nicht mal so lang, aber ich werde sie trotzdem nicht gany abgearbeitet bekommen. (Und ich frage mich wirklich, woher um alles in der Welt meine Marotte kommt, nach insgesamt so vielen Jahren mit deutscher Tastatureinstellung manchmal trotz allem das Z und Y zu verwechseln.)

Ich muss morgen mal schauen, wie man mit dem Fahrrad zum Barfladen kommt, damit die Katze endlich mal wieder ordentliches Futter kriegt. Falls es sich nicht bewerkstelligen lässt, muss einer von uns morgen nochmal ein paar Dosen kaufen gehen.

Mein Arm nervt. Weder tut es richtig weh, noch ist er völlig unversehrt. Es juckt. Ich bin unzufrieden.

Epikur, wer war das nur.

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Wochenendausflug hinter uns gebracht. Es ging zu meinen Großeltern nach Gelsenkirchen, die letzten Dienstag ihren 60. Hochzeitstag erleben durften, und zu dem Anlass sind wir mit der ganzen Familie angereist – meine Eltern, R und ich. Ich war zum ersten Mal seit dem ADTR-Konzert 2011 dort. Man sollte Oma und Opa eigentlich öfter besuchen, sie sind die Allerbesten und haben es wirklich verdient.

Jedenfalls hat es alles wunderbar geklappt; meine Eltern sind den Abend vorher schon aus der Schweiz zu uns gefahren, um nicht die ganze Strecke an einem Tag durchmachen zu müssen, und es lief gut. Gestern Abend fing es dann an zu kippen; man merkt es immer sehr schnell, wenn meine Mutter in ihre psychotischen Zustände gerät, in denen ihr nichts mehr recht zu machen ist und sie wieder erwartet, dass sich die komplette Welt nach ihr ausrichtet. Dementsprechend wurde es auch heute nochmal richtig eklig, als sie uns wieder hier abgeladen hatten und wir Zeit hatten, uns alle noch ein bisschen zu unterhalten. Sie ist vollkommen durchgedreht und irgendwann ohne sich zu verabschieden zum Auto gestapft.

R dagegen war das ganze Wochenende über einfach wundervoll. Natürlich war er noch er selbst, hat ohne jede Rücksichtnahme nachts in der Wohnung Lärm gemacht und im Gespräch mit den Anderen seine typischen Monologe vom Stapel gelassen, aber gleichzeitig unentwegt dafür gesorgt, dass ich mich wohl und geliebt fühlte, mich die ganzen langen Autofahrten über meinen Kopf auf ihm ablegen lassen, sodass ich schlafen konnte, mich (wie es seine Art ist) trotz meiner üblen Erkältung immer wieder umarmt und festgehalten und mir „Wawu“ gesagt, sich ins Familientreiben eingebracht und ungezwungen mit allen geredet und mir gesagt, dass ich eine wundervolle Familie habe. Besonders mag er meine Oma, da geht es ihm wie mir. Am Abend standen wir vor der Wohnung mit einem flauschigen Karteuserkater, der uns umstreifte und mit hereinwollte. R sagte, meine Mutter könne sich auf die Fahne schreiben, eine Tochter zu haben, die mindestens ein menschliches Leben gerettet habe. Er sagt sowas manchmal, und dass ich ihn umgekrempelt hätte. Ich habe angefangen, das als etwas Positives zu begreifen. Heute Früh hat er mir in einer unfassbar lieben Geste meine Mütze auf den Kopf gesetzt, eine Form von Aufmerksamkeit, die ich überhaupt nicht von ihm gewohnt bin und mich richtig gerührt hat. Ich liebe ihn so sehr, auch wenn er meistens ziemlich komisch ist, denn das bin ich ganz zweifellos auch, und er hat es so sehr verdient, dass alles für ihn besser wird und sein Leben einfach mal nicht mehr nur aus Stress besteht. Irgendwann wird es soweit sein und ich werde niemals aufhören, daran zu glauben.

Ich habe dann jetzt, nachdem meine Eltern wegfuhren, erstmal ein bisschen Gitarre gespielt (das Intro von Kathy’s Song scheint wirklich zu sitzen und ich konnte schon mit dem nächsten Stück anfangen; das Einzige, das nervt, ist die Unausdruckbarkeit der Tabs, die ich gefunden habe); das half, um runterzukommen. R sitzt längst wieder an seinem Informatikzeug. Ich könnte die Weihnachtsgeschenke verpacken. Ja, vielleicht tue ich das jetzt. Aber vorher muss ich noch Epikur recherchieren, weil Sophi am Dienstag Deutsch über Dantons Tod schreibt und wir das Thema noch nicht so ganz durchblickt haben. Sie wird es eh wieder versemmeln, in Deutsch ist bei ihr Hopfen und Malz verloren (oder eher noch gar nicht gewonnen, sie hat einfach nie richtig Deutsch gelernt), aber es interessiert mich halt auch und ich glaube irgendwie nicht, dass die Epikureer bloß die unheilbaren Zweckoptimisten sind, für die Sophi sie nach dem einen Arbeitsblatt nun hält.

Dann werde ich das jetzt also herausfinden.

Kaffeereste

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Ich verstehe bis heute nicht, warum zwischen den Strömungen „Carpe diem“ und „Memento mori“ so eine harte Abgrenzung betrieben wird. Eines funktioniert doch nicht ohne das andere, beziehungsweise verliert jeden Sinn. Meiner Meinung nach sollte man sie eher so yin-und-yang-mäßig gegenüberstellen. Aber was weiß ich schon. Mein Semester LitWiss damals an der Hamburger Uni hat mir ja allerhöchstens dazu verholfen, danach mit Bestimmtheit sagen zu können, dass ich LitWiss im Großen und Ganzen für kompletten Schwachsinn halte. Da kann man ja gleich sagen, es würde Sinn machen, im Kunstunterricht Noten zu verteilen. Auf der gleichen Ebene bewegen sich die Literaturwissenschaften.

Ich hatte damals eine ziemlich gute Klausur geschrieben. Im Kurs das ganze Semester über kein Wort von mir gegeben und mir meine Erkenntnisse über das wunderbare „Mientras por competir con tu cabello“ von Luís de Góngora lieber für die Klausur aufbewahrt, was mir auch unverzüglich ein überraschtes „TOLL!“ daneben auf dem Klausurpapier einbrachte. Natürlich, denn nichts ist einfacher als eine LitWiss-Klausur, nachdem du ein ganzes Semester Zeit hattest, um herauszufinden, wie dein Dozent das Gedicht gerne genau interpretiert lesen würde. Viel mit eigenem Denken zu tun muss das nicht haben (ich hatte Glück, dass meine Einsicht ihn und mich gleichermaßen fasziniert hat); Hauptsache, man weiß, was sie hören wollen, und liefert das dann ab.

Eigentlich hatte ich nicht über Góngora nachgedacht, sondern über meinen Vater. Mir ist gestern schon aufgefallen, dass ich ja seit einigen Jahren sehr gern Kaffee trinke; das haben wir nun also gemeinsam. Was gestern konkret meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war die Beobachtung, dass, wenn ich mir meine leere Kaffeetasse unter die Nase halte und den Geruch des letzten verbliebenen Tropfens Kaffee inhaliere, ich mich unweigerlich an meine Kindheit erinnere, als derselbe Geruch nach dem Frühstück der leeren Tasse meines Vaters entströmte. Ich mochte Kaffee damals noch nicht; weder geschmacklich noch geruchlich sagte er mir zu.

Auf jeden Fall dachte ich mir dann eben: Wenn mein Vater mal tot ist, wird mir dieser Geruch ganz fürchterlich wehtun. Und dann konnte ich Mama verstehen, die immer moniert, dass wir kaum je auf die Idee kommen, uns gegenseitig anzurufen.

Ende vom Lied: Ich sollte öfter mit meinem Vater reden.

Oh well.

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Wer hätte gedacht, dass Wählen so gute Laune machen kann. Ich kam da raus mit einem wunderbaren Gefühl, das ich nie erwartet hätte. Auch wenn es schon Sinn macht – ich habe etwas beigetragen, und ich wusste sogar halbwegs, was ich dabei tue. Ich muss also einräumen, dass die Zwangspolitisierung, die mein Leben durch R erfahren hat, nicht nur nervenzermürbende Seiten aufweist.

Mir geht es wieder besser; ich habe mich nunmehr wieder damit abgefunden, dass meine Mutter ein Wrack ist und es zeit ihres Lebens bleiben wird, ein wenig über emotionale Abspaltung und die Verschiedenheit der Persönlichkeiten nachgedacht und schon passt das wieder. Natürlich habe ich mir aber auch erstmal ein-zwei Bierchen aufgemacht, nachdem sich R zur Wahlparty begeben hatte und ich eigentlich mit Caro reden wollte, die aber offenbar anderweitig beschäftigt ist (zumindest wenn die Tatsache, dass sie mich ein paarmal von einem Konzert aus angerufen und mich mithören lassen hat, ein Indiz ist; ich tippe auf Ja). Somit befinden sich ein paar beruhigende Rauschmittel in meinem Körper (die Medis wirken langsam auch wieder, glaube ich, sodass meine übliche Panik, sie könnten das eventuell nicht mehr tun, fürs Erste wieder ruhiggestellt ist) – das hilft.

Jetzt rief mich Caro gerade an; das Konzert ist um und unsere Unterhaltung kann doch noch stattfinden. Wuhu.

Sustraiak han dituenak

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Sicher erscheint es ein wenig überdramatisch, ein Lied von dieser Thematik einer Situation zuzuschreiben, die einen für ein paar Wochen aus einem Wirkungskreis herauskatapultiert, der sich nicht über Landes- oder ethnische Zugehörigkeit definiert, der weder von Brauch noch von Kultur bestimmt wird, der nicht einmal auf Dauer dem eigenen Zugriff entzogen ist.

Ich tue es trotzdem. Mit einem Mal verstehe ich eine weitere Facette der immer wieder auftretenden Heimatfrage, diesmal, dass es die Sicherheit ist, die einem mit ihr genommen wird; die täglichen Routinen, die einem diese vermitteln. In meine Wohnung komme ich nach wie vor, aber wirklich sein kann ich dort nicht; sie ist auf ein Leben ohne Elektrizität nicht ausgerichtet und ebensowenig bin ich es. Noch weniger, indes, ist es mein Freund; ihm hinterher verlagert sich mein Leben temporär in seine eigene zuvor durch uns aktiv unbewohnte Wohnung, wo ich in Untätigkeit und Warten verfalle – verfalle, versinke, verkomme, weil mir mein Leben fehlt, welches sich aus unzähligen Tätigkeiten zusammensetzt, alle vollführt im Umfeld meiner Wohnung, mit Gegenständen verschiedenster Natur, in Ecken und Winkeln und auf den unterschiedlichsten Ebenen, über der Erde, unter der Erde, auf Stühlen, Tischen, Regalen. In Dosen, Rucksäcken, Plastiktüten, Papiertüten, Stofftüten, Keller, Garten, Küche. In Ruhe, in Bestimmtheit, in Bewegung. Das vor allem; ich habe mich in den letzten Jahren durch Bewegung vor dem Versumpfen gerettet und gelernt, mein Dasein zu Hause mit Aktivität zu füllen, mit Kleinigkeiten, die mir Freude bereiten, die mir auch Gewissheit geben, etwas für mich zu tun, vielleicht sogar für Andere zu tun. Das Frühlingserwachen, in Gang gesetzt durch meine Reise nach Portugal, wurde durch die Vorkommnisse im Ansatz erstickt und ins Gegenteil verkehrt. Schlafen, um das Warten nicht mitzuerleben, das Warten und die ganze Untätigkeit nicht, aus der ich mich selbst in der Lage sein sollte zu befreien, was mir bedingt gelingt, aber sehr bedingt eben auch nur.

Nachdem gestern die Zeit (neben sehr viel, zu viel Schlaf) erneut zur Reflektion und Verarbeitung der wenige Tage vorher in furchtbar kurzen Abständen stattgefundenen Dramen genutzt werden konnte, wurde ich am Abend erneut von meinen Eltern eingesammelt und verbringe somit das zweite Wochenende in Folge in ihrer Schweizer Wohnung. Aktuell mit ihrem Laptop im Bett und Laboa in den Ohren. Zwei Wochenenden in Folge, das musste ich auch erstmal schaffen.

Und es ist nicht sonderlich einfach hier; vielleicht komme ich irgendwann dazu, die skurrile Welt zu erklären, die sich meine Eltern (meine Mutter in erster Linie) hier aufgebaut haben, fürs Erste genüge aber die Feststellung, dass – auch wenn man nicht mehr darüber spricht, zumindest mit mir nicht – in unverminderter Intensität ihre post-2011-Realität sich hier weiter fortsetzt, während die Chancen auf Besserung ihren fröhlichen Tanz um die Null wie eh und je mit bewundernswerter Begeisterung vorführen.

Man müsste natürlich nicht so meckern. Genausogut könnte ich sagen: Mein eigener Tiefpunkt ist hoffentlich überwunden. Und auch hierzulande ist nicht alles katastrophal. Der Vormittag, Mittag, Nachmittag und erste Teile des Abends liefen eigentlich gut, ohne besondere Vorfälle der negativen Art. Wir waren in der Stadt und haben eine riesige Tour durch sämtliche Brocki-Häuser (die nette Schweizer Bezeichnung für Second-Hand-Läden) und noch einen Flohmarkt gemacht, wo ich dann auch gleich ein phänomenales, praktisch nagelneues Desigual-Kleid in meiner Größe abgestaubt habe. 12 Franken. Neu. Nicht übel, wirklich nicht. Plus, ich werde ja hoffentlich bald, wenn ich eine neue Wohnung habe und ein neues Zimmer, mir auch einen etwas größeren Schrank da hineinstellen können, sodass es auf die eine zusätzliche Sache darin auch nicht sonderlich ankommt. Ich habe mir ja seit Ewigkeiten keine Anziehsachen mehr zugelegt. Im Grunde habe ich ja auch wirklich alles, was ich brauche, und das zur Genüge. Aber Desigual-Kleid. Grün-blau-wunderschön gemustert. Es wäre nicht zu verantworten gewesen, das nicht zu nehmen.

Morgen ist nicht nur Wählengehen angesagt (was ein linker Verrückter / verrückter Linker als Freund und ein genau richtig platzierter Vortrag von Frank Tempel, zu dem ich mich Anfang der Woche glücklicherweise trotz heftiger depressiver Verstimmungen bewegen konnte hinzugehen, nicht alles anstellen können mit einem unorientierten Nichtwähler wie mir), sondern es ist auch Nicoles Geburtstag. Ich sollte sie mal anrufen, auch wenn wir ansonsten nicht mehr wirklich dazu kommen, uns zu unterhalten. Hauptsache, sie weiß, dass ich sie nicht vergesse.

Nun bin ich erst einmal froh, den Schreibunwillen noch überwunden zu haben, werde mich jetzt jedoch dennoch wieder dem schicksalshaft zufällig aus dem Regal gegriffenen „A Long Way Down“ widmen, welches ich in weiser Voraussicht hierher mitgebracht habe. Ein Gutes hat diese Sache also noch: Ich fühle mich nicht in der Lage, aus Eigeninitiative heraus mit Menschen zu interagieren, und komme zum Lesen. Lesen ist super. Wenn Schlafen nicht mehr geht, geht Lesen. Abschalten und sich überrollen lassen – nicht die Taktik, mit der man Dinge geschafft bekommt, aber zum Einfach-erstmal-Überleben definitiv geeignet und unbedingt empfehlenswert.