Schlagwort-Archive: Fortschritt

Achievements

Standard

Errungenschaft des Tages: ich habe eben meinen Scribbr-Account wieder aktiviert.

Ansonsten ist mir nicht wirklich etwas passiert. Nachdem gestern die sozialen Kontakte noch weiter aus allen Löchern gekrochen kamen (ich habe abends noch zwei Stunden mit Simone telefoniert sowie ein bisschen mit R und dann auch noch die Motivation aufgebracht, auf Sebis Frage nach meinem Befinden zu reagieren), war heute wieder Netflix meine treue Gesellschaft.

Ich habe den zweiten Tag in Folge lediglich einen einzigen Tropfen Medi zu mir genommen und spüre gar nichts, weder körperliche Entzugserscheinungen noch gesteigertes mentales Unwohlsein. Das hätte ich noch vor einer Woche nicht erwartet. Vielleicht kann ich es doch tatsächlich schaffen, irgendwann auf null runterzukommen. Aber selbst wenn nicht, ist es schon mal ein beachtlicher Fortschritt, mich auf so eine Erhaltungsdosis von einem Milligramm heruntergearbeitet zu haben. Und eine glückliche Fügung, dass ich vollkommen allein hier vor mich hinexistiere, ohne dass mich irgendetwas aus der Bahn werfen könnte. Noch nicht mal ich selbst werde mir sonderlich gefährlich, da die zentralen Verdrängungsmechanismen über weite Strecken nach wie vor funktional sind. Alles, was ich schaffen muss, ist, den ein oder anderen Aussetzer zu überleben, bis ich soweit bin, den Dingen kampfbereit entgegenzutreten.

Because we’re not dead yet.

Standard

Man schlängelt sich so durch.

Sebi findet es mutig, wenn man benennt und bekennt, dass man versumpft. Ich finde es ehrlich. Natürlich erfordert Ehrlichsein auch teilweise Mut, das stimmt.

Ich war heute ehrlich mit meiner Mutter. (Und spätestens jetzt bin ich froh darüber, dass sie sich ausgesucht hat, meine öffentliche Privatsphäre an diesem Fleckchen Internet zu respektieren.) Sie wollte mir, hochemotional wie zu solchen Gelegenheiten üblich, von Schwierigkeiten mit meinem Vater erzählen; ich hatte auf einmal das Bedürfnis, mich nicht von ihrem Schmerz überrollen zu lassen, und habe sie entgegen jeder Gewohnheit radikal abgeblockt. Zum wiederholten Male habe ich ihr stattdessen empfohlen, mit diesen Emotionen und Problemen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das kam nicht sonderlich gut an und ich habe zudem ein Mal richtig heftig die Kontrolle verloren, als ich zum dritten Mal angesetzt hatte, etwas zu sagen, und sie mir keine Gelegenheit zum Ausreden bot (R kam daraufhin erschrocken aus dem Schlafzimmer herbei und stand ein paar Sekunden lang im Türrahmen, bis er sich wohl vergewissert hatte, dass ich die Wohnungseinrichtung ganz lasse), aber im Ganzen bin ich erstaunt ob des insgesamt doch unverhältnismäßig glimpflichen Verlaufs und Ausgangs einer Situation, die durchaus das Potenzial hatte, irreparabel (scheinend) entsetzlich zu werden.

Bis auf den einen Ausraster fühle ich mich gut damit, wie ich die Sache gehandhabt habe, auch wenn es vielleicht sehr abrupt und unvorhersehbar war. Eine holprige Landung. Ein bisschen war es, als hätte R mir ein Bier hingehalten und anstelle es anzunehmen, hätte ich es nach einmaligem dankenden Ablehnen ihm mit voller Wucht aus der Hand geschlagen und ihn dabei angeschrien. Man konnte das nicht von mir erwarten. Ich halte es kaum aus, nicht im Detail zu wissen, was vorgefallen ist. Mir war nur auf einmal so, als wäre es nicht meine Aufgabe, als stünde es nicht in meiner Macht, da zu helfen; als müsste ich mich um jeden Preis davor bewahren. Und das habe ich geschafft. Sie wollte mir etwas Furchtbares erzählen und ich habe es nicht angehört. Ich habe aufgelegt und mich schrecklich gefühlt, aber nur kurz; nichts ist eskaliert, ich habe mich weder umbringen wollen noch irgendwie verstümmelt, ich habe mich einfach selbst beruhigt.

Now that’s a first.

Unerhört…

Standard

Das Bier hat mich angelogen. Ich habe am Nachmittag meine Welde-Flasche gefragt, ob ich im weiteren Verlauf des Tages noch motiviert werden würde, einen Blogeintrag zu schreiben, und der Deckel hat ‚ja‘ gesagt.

So ein Quatsch. Ich bin nicht motiviert, sondern müde und furchterfüllt angesichts der Tatsache, dass ich morgen früh aufwachen muss. Ein Glück ist der Kaffee schon fertig.

Und ich freue mich darauf, mit der Therapeutin zu reden. Meine Medi-Ausschleich-Aktion verläuft weiterhin erfolgreich, aber ich kann nicht behaupten, dass die mittlerweile 80-prozentige Reduzierung der Dosis sich nicht ab und an bemerkbar macht. Da jemanden zu haben, mit dem man sich kurzschließen kann, ist mir schon enorm wichtig.

Also dann, ich sollte schlafen gehen.

Gemächlich

Standard

Meine To-Do-Liste ist gewaltig, aber ich lasse mir Zeit. Gestern und heute habe ich jeweils ein paar Punkte davon abgearbeitet: Menschen antworten, Dinge bestellen, aufräumen, Müll rausbringen, Weihnachtsdeko zurück in den Keller verbannen.

Arbeiten steht dagegen noch gar nicht auf der Liste, obwohl mir bewusst ist, dass ich demnächst auch damit wieder anfangen sollte. Die Therapeutin hat ein Wunder vollbracht – in Zusammenarbeit mit ihr habe ich eine ganz und gar veränderte Sichtweise darauf entwickelt, dass es mir streckenweise unmöglich ist, mich zum Arbeiten zu motivieren. Immer und immer wieder hat sie mir die gleichen Fragen gestellt, wenn ich ihr von der Lethargie berichtet habe, mit ihrer bestechenden, simplen Logik: Ob ich denn finanzielle Probleme hätte. Nein, die habe ich nicht. Ob ich denn nicht immer zuverlässig funktioniert hätte, wenn es wirklich drauf ankam. Doch, das habe ich. Ob ich denn zum Zufriedensein mehr bräuchte, als ich habe. Nein, eigentlich nicht.  Was dann mein Problem sei. Ich weiß es nicht. Ich habe das Gefühl, nicht genug zu tun. Alle Anderen arbeiten mehr als ich. Ob das denn ein Maßstab sei. Nein, natürlich nicht.

So einfach. Ich hätte natürlich gern mehr, als ich habe. Ein Haus, ein Grundstück. Aber das ist mit meinen momentanen Mitteln utopisch, weshalb ja auch die Motivation nicht da ist, darauf hinzuarbeiten. Da greift die Idee mit dem Psychologiestudium. Diese mir überhaupt zu erlauben ist mir auch nur dank der Therapeutin gelungen. Die Vorstellung, in diesem Leben nochmal einer sinnstiftenden Erwerbstätigkeit nachzugehen, die mich erfüllen und Anderen nützen könnte – faszinierend. Dafür darf ich zehn Jahre einplanen, bis es soweit ist. Aber so, wie R seine Berufung zum Informatiker halt auch nicht mit 20 gefunden hat, verläuft mein Dasein ebenso in eigenwilligen Windungen und Wendungen. Warum auch nicht. Besser spät als nie.

Stabilized (but stagnating)

Standard

Schon besser. Ich kann nicht behaupten, dass es mir blendend geht, aber sofern hier nichts mehr eskaliert, dürfte das Gröbste überstanden sein.

Ich werde dennoch nicht an Beccis und Cornelias Holland-Trip dieses Wochenende teilnehmen, wie es eigentlich geplant war. Weder kreislauftechnisch noch mental würde ich eine Unternehmung von diesen Dimensionen verkraften. (Auch wenn es gepasst hätte, denn als ich Tim Vantol zum ersten Mal gesehen habe, war es um meinen Geisteszustand ähnlich bestellt. Das war auch der Grund, aus dem ich mir damals nach dem Konzert keine CD gekauft habe. Wozu, dachte ich mir, wenn ich’s eh nicht mehr lange mache.)

Becci, die gute Seele, sagte auf meine Frage hin, wie viel ich ihr für Ticket und Übernachtung schulde, es sei nicht der Rede wert und ich sollte nicht für meine gegenwärtige Situation auch noch bezahlen müssen.

Und meine Mutter, mit der ich gestern telefoniert habe, ist zwar aktuell noch auf Sri Lanka, sagte mir aber, ich hätte sie trotzdem wirklich mal anrufen können, als hier Land unter war, sie könne in 20 Stunden bei mir sein. Awww. (Wobei es bei ihr schon genügt hat, ihr zu erzählen, dass sich R während meines Entzugs nicht gerade um Unterstützung und Rücksicht bemüht hat, ohne auf Einzelheiten einzugehen.)

As for me… ich warte erstmal ab, bis sich mein Hormonhaushalt wieder einpendelt. Latente Panik ist nach wie vor da, aber nichts im Vergleich zum Wochenende. Derweil höre ich mir von der Therapeutin an, dass ich meine Prinzipien zum Fenster rausschmeiße, wenn ich nicht vehement ablehne, mich mit R’s Polyamorie auseinanderzusetzen, und beobachte dessen unbeholfene Versuche, meiner Kritik gemäß seine Egomanie zu drosseln.

Bislang scheint Letzteres allerdings aussichtslos. Siehe dazu gestern Abend: ich hatte Musik an, während ich in der Küche tätig war, und das Album lief noch, als er zum Essen kam. Er gab sich Mühe und fragte, welches Album wir hören würden. Es war What Seperates Me From You von A Day to Remember. Da er bemängelt, ich würde ja aber auch von mir aus nichts erzählen, fasste ich mir ein Herz und schilderte ihm, wie mich You Be Tails, I’ll Be Sonic damals mit seiner Genialität überwältigt hat, als ich die Band kennenlernte. Von zwei zehennägelkringelnd, nackenhaaresträubend konstruierten Rückfragen seinerseits fühlte ich mich nichtsdestotrotz ermutigt, man könnte fast sagen, verpflichtet, weitere Informationen preiszugeben. Also erzählte ich vom Konzert 2011, und dass dort auch mein T-Shirt mit einer besagtem Lied entstammenden Zeile herkommt, und schließlich sogar von der abstrusen Kombination, die mein Shirt („There’s a hole in my heart where you used to be“) und Şahins Wristband („Get the fuck over it“, 2nd Sucks) hermachten. Er reagierte daraufhin, and I shit you not, mit einer ausschweifenden Erörterung, welche zum Inhalt hatte, dass der Grund, aus dem er gleich zurück an den Rechner müsse, sei, dass auf der GUI, die er gerade programmiert, sich das Relief nicht mehr ausschalten lasse. Irgendwann unterbrach ich ihn, indem ich andeutete, zum Himmel zu beten, und flehte, „please be going somewhere with this“. Er war daraufhin beleidigt.

Sonntag Früh entdeckte ich einen drastisch reduzierten Udemy-Kurs zu kognitiver Verhaltenstherapie, dessen Beschreibung mich neugierig machte und mir den Eindruck verlieh, eine derartige Maßnahme könnte uns helfen, eine gewisse Basis an gegenseitigem Verständnis und gleichzeitig eine Erweiterung unser beider Horizonte zu erreichen, insbesondere in Hinblick darauf, dass ein konstruktives Auseinandersetzen mit der Thematik der Polyamorie mir in meinem aktuellen Mindset nicht oder kaum möglich ist. Ich sagte ihm dies und schlug vor, den Kurs herunterladen und gemeinsam anzusehen. Er stimmte dem zu. Als er dann feststellte, dass es sich um 53 Stunden Material handelt, war er schon weniger begeistert. Ich hatte gleichzeitig einen weiteren Kurs gefunden, der beim Umgang mit Konflikten helfen soll. Dieser dauert nur eine Dreiviertelstunde und wir haben uns die erste Session davon tatsächlich schon angeschaut. Leider ist der Dozent grottig, aber R war nicht der Meinung und ich nehme, was ich kriegen kann. Nach zehn Minuten war sein Kontingent an emotionaler Arbeitskraft jedoch erschöpft; seither macht er keine Anstalten, an einem der Kurse weiterarbeiten zu wollen, und ich darf weiter in Panik vor mich hinexistieren; diese wird bleiben, bis entweder Verdrängung oder Veränderung eintritt. Wenn er die Zeit oder den Aufwand nicht aufbringen möchte, für Letzteres zu arbeiten, kann ich nur zurück in Ersteres flüchten.

Feelings, my old friends.

Standard

Ich bin dann mal wieder da. Sogar schon seit Montag Mittag, aber ein unglücklicher Zusammenfall mehrerer erschwerender Umstände setzte mich nach meiner Rückkehr erstmal für ein paar Tage komplett außer Gefecht. Jetzt ist die Zeit gekommen, sich der Welt ein Mal mehr erhobenen Hauptes entgegenzustellen. Ich hab’s vorhin schon ausprobiert und es geht tatsächlich, sein Haupt hoch zu erheben, auch während man von escitalopramentzugsbedingten Heulattacken geplagt wird.

Mir sind meine Medis während des Urlaubs ausgegangen, was abzusehen war, aber dank meiner grenzenlosen Unfähigkeit habe ich es weder zuvor noch währenddessen geschafft, mir ein neues Fläschchen zu besorgen. Es hätte so einfach sein können… denn der Ausschleichprozess lief ganz hervorragend. Wirklich, ich hatte mich so schön vorsichtig auf drei Tropfen runtergearbeitet und dabei gar nichts gemerkt. Bis sie dann halt dann auf einmal überhaupt nicht mehr da waren.

Nun stehe ich vor dem Dilemma, dass ich einerseits ja wieder daheim bin und diesen Zustand im Nullkommanichts einfach beenden könnte, indem ich mir unten in der Praxis ein gowaiverdammtes Rezept beschaffe und mir meine drei Tropfen einflöße, dafür aber andererseits zu stur bin und selbst gefühlte dreißig Brainzaps pro Minute und die entsetzlichste emotionale Hölle nicht auszureichen scheinen, mich zu diesem banalen Schritt zu bewegen.

Es sind auch tatsächlich die körperlichen Nebenwirkungen – Matschkopf, Übelkeit und dergleichen mehr – schon größtenteils zurückgegangen, bis auf die Stromschläge eben, die ja aber auch im Grunde mehr nerven, als dass sie wirklich schaden. Auch meine Konzentrationsfähigkeit ist mittlerweile (glaube ich) wieder vorhanden.

Naja. Ich würde sagen, wir beobachten das jetzt nochmal ein paar Tage und richten uns danach, ob eine Besserung im psychischen Bereich zu beobachten ist. Der erste Schritt dafür ist getan, schließlich sah ich mich heute bereits in der Lage, eine To-Do-Liste zu schreiben, die Sonnenlichtlampe aus dem Schrank hervorzukramen und während des Frühstückens in Gebrauch zu nehmen (höchste Zeit für Licht bei diesem Dauerregen, der R zufolge seit meiner Wegfahrt anhielt und heute erstmals eine Pause einzulegen scheint) und kleine Dinge im Haushalt zu erledigen. Da Becci heute Nachmittag zu mir kommt, bin ich auch mehr oder weniger gezwungen, meine Liste zu befolgen, und kann nicht schon wieder beim Zocken versacken. Man wird sehen, wie gut das funktioniert.

Be Yourself. No One Else Wants To Be You.

Standard

Ich habe meinen Capo verlegt. Das ärgert mich gerade sehr, denn ich wollte lernen, ‚The Way I Tend to Be‘ von Frank Turner zu spielen, und das wird ohne Capo… schwierig. Überhaupt beunruhigt es mich, nicht zu wissen, wo das Teil abgeblieben ist, besonders in Anbetracht der momentan äußerst aufgeräumten Lage hier in der Wohnung. Aber irgendwo muss er ja sein.

Nun möchte ich zur Abwechslung mal wieder was für mein Balkondschungel-Bestimmungsprojekt tun. Hier sind fünf überfällige Pflänzchen:

56 – 60

Wunderblume (Mirabilis jarapa – Nyctaginaceae)_DSC0092

Glockenblume (Campanula carpatica – Campanulaceae)
_DSC0098

Große Brennnessel (Urtica dioica – Urticaceae)_DSC0107

Physalis (Physalis peruviana – Solanaceae)
_DSC0108

Floh-Knöterich (Persicaria maculosa – Polygonaceae)
_DSC0109

So, jetzt fühle ich mich besser. Typisch, mich davon schon wieder so grandios selbst-fremdbestimmen zu lassen.

Naja, jetzt habe ich gerade noch ein paar Nachrichten beantwortet und mir somit noch einen Teil der zu erledigenden Aufgaben von den Schultern genommen. Es fehlt nur noch Sebi, dem ich eine Sprachnachricht schicken muss (Schrägstrich möchte).

Das wäre doch eine hervorragende Gelegenheit, zu berichten, dass mich Sebi vor ein paar Wochen besuchen kam, wir ein überragendes Wochenende mit Musik und Gesprächen verbracht haben und seitdem in regem Kontakt stehen. Ich find’s wahnsinnig schön, denn ich mochte ihn schon immer sehr gern und konnte aber damals – sowohl eigenverschuldet wie auch durch mangelnde Kooperation seinerseits -, obwohl wir uns durch die Badnproben regelmäßig gesehen haben, keine zwischenmenschliche Basis mit ihm finden. Aber das Gefühl ist jetzt fast das gleiche wie mit Becci damals. „Endlich, so sollte es doch immer schon sein.“

Und oh, was tut es gut, sich mit ihm zu unterhalten. Ich brauche mehr Gefühlsmenschen in meinem Umfeld. Dadurch, dass R für Emotionsgedöns so rein gar nicht empfänglich ist und ich das aber benötige wie Luft zum Atmen, ist dieser Teil von mir ein bisschen (ziemlich) ausgehungert und über jede Möglichkeit dankbar, sich mit gleich oder zumindest ähnlich Gestrickten auszutauschen. (Ich müsste mal Sebi und Becci in einem Raum versammeln. Das dürfte der reinste Overkill werden.)

Ah. Weiteres To-Do: Sebi die Aufnahmen von besagtem Wochenende schicken. Das könnte ich wirklich mal machen.

Und dann die Steuererklärung. Argh.

Zuvor möchte ich noch kurz anmerken, dass ich das Wochenende anlässlich des Geburtstags von R’s Bruder bei dessen Familie verbracht habe und wie bereits das letzte Mal mit dem Vorsatz zurückkam, in dieses Schlangennest keinen Fuß mehr zu setzen. Nun habe ich aber heute mit der Therapeutin darüber gesprochen und sie räumte ein, was ich mir selbst schon gedacht hatte – nachdem sich R nun dazu entschlossen hat, demnächst auch mal darauf zu achten, seine eigenen Werte seinen Eltern gegenüber  durchzusetzen, sollte ich ihn damit nicht allein lassen.

(Was ist denn nun schon wieder passiert? Also gut. Ich nenne es mal den Englisch-Fischstäbchen-Vorfall. Das wäre dann der Moment, in dem mich jemand dafür anblafft, dass ich mich kurz mit meinem Freund auf einer Fremdsprache unterhalte, während mir ein Teller mit Fischstäbchen vor die Nase gestellt wird, den ich als Vegetarierin dankend ablehne und an R’s Schwester weiterreiche, um dann zu beobachten, wie R, der last time I checked außerhalb unseres Containertarierhaushaltes noch konsequent vegan unterwegs war, seine Portion ohne ein Wort verdrückt, statt meine Vorlage zu nutzen und eventuell auch mal einen Ton von sich zu geben… du musst dir diese Abstrusität vorstellen, zum einen – nicht mal unberechtigt, aber oh, in welchem Ton! – Respekt meinerseits einzufordern und zeitgleich aber kein Problem damit zu haben, meine Wertvorstellungen demonstrativ mit Füßen zu treten.

Und bevor einer fragt – ja, die wissen, was wir essen und was nicht. Ich kam vor fünf Jahren als Vegetarierin/Containertarierin in diese Familie, R’s Veganismus besteht noch länger. Und während ich nicht darauf bestehe, dass jemand für mich in eine Mülltonne klettert, und mich dahingehend zwar ungern, aber selbstverständlich als Gast an die Gebräuche anderer Haushalte anpasse, ist ein Mindestmaß an Entgegenkommen meiner Ansicht nach sehr wohl angebracht. Zumal diese Begebenheit symbolisch für eine unendliche Reihe weiterer derartiger Vorfälle steht.)

Uff. So. Jetzt sollte noch der kurze Auftrag in Angriff genommen werden, den ich vorhin angenommen habe. Und dann das Steuerzeug. Aber das geht ja zur Not auch morgen noch.

Superglue (I Did It.)

Standard

Okay. For the record: es hat unter eine Minute gedauert, meine Flipflops zu reparieren. So kann’s gehen… muss aber nicht.

Spulen wir zurück an den einen Mittwochnachmittag in Cochabamba, an dem ich dieses Unterfangen zum ersten Mal gestartet habe. Es war Markt im Barrio, aber die Schuhe reparierende Frau war nicht da. Das erfuhr ich sogar ohne selbst suchen zu müssen, denn Tyler, ein anderer Quechua-Schüler, hatte ebenfalls kaputte Sandalen und kam von seinem Erkundungsgang mit ebendieser traurigen Nachricht zurück: Sie ist nicht da.

Ein paar Stunden später: während ich mit Kepa – bereits auf dem Nachhauseweg und mit Plastiktüten voll Obst von der Cancha behangen – durchs Zentrum tingelte, kamen wir an einem der allgegenwärtigen Straßenstände mit Krimskrams vorbei und mir leuchteten tatsächlich Tuben mit Superglue entgegen. Ich also hin, den Preis einer Tube erfragt. 5 Bolivianos, kann man mal machen. Kepa brauchte Taschentücher und kaufte sich welche. Ich zahlte und nahm mir eine Tube vom Hänger, zeigte sie nochmal der Verkäuferin und steckte sie ein. Wir machten uns wieder auf den Weg. Keine drei Schritte waren wir gekommen, da rief uns die Verkäuferin hinterher, sie hätte uns schon eine Tube Kleber gegeben. Wir verdutzt zurück; niemand von uns konnte sich entsinnen, Kleber entgegengenommen zu haben. Ich fing an, meinen Beutel Teil („mío…“) für Teil („…mío…“ für Teil („…mío…“) auszuleeren und Kepa das ganze Zeug in die Hand zu drücken. Der indes durchsuchte wiederum seine Taschen und fand, erstaunlicherweise, eine Tube Superglue. Ups.

Fast forward noch ein paar Stunden. Ich sitze im Zimmer, Flipflops auf den Beinen, Tube in der Hand. Öffne die Tube. Leider beschließt diese, dass es ihr wohl den Tag über auf der Straße zu warm war, und speit Superglue über alle möglichen Teile meines Körpers (Finger) und meiner Bekleidung (Hose), welche daraufhin – brav, genau so war das geplant – natürlich seemingly irremovabel an allem festklebten, mit dem sie in Berührung kamen. Im Falle meiner Hose war dies mein Oberschenkel, im Falle meiner Finger waren es… andere Finger. Da half nur Fluchen und Ziehen.

Ich hatte noch nie so einen glatten Fleck auf dem Oberschenkel. Dafür war der faustgroße Klebefleck in die Hose eingewachsen und hatte sich in Sekundenschnelle erhärtet. (Fun fact: nachdem am Tag danach ersichtlich war, dass das durch nichts in der Welt wieder rauszubekommen ist, und ich wirklich keine Lust auf diesen nach außen vermutlich ominös wirkenden weißen Fleck auf meiner Hose hatte, habe ich ihn kurzerhand rausgeschnitten. Zum Glück ist es eine Schlabberhose, genauer gesagt: meine geliebte türkische Schlabberhose, welche schon diverse Operationen hinter sich hat, unter Anderem eine Kürzung auf Drei Viertel, nachdem der Wohnheimstrockner ihr übel mitgespielt hatte und ein Bein bedeutend kürzer wieder herauskam als das andere. Sie wird also auch dies überleben… und die Narben machen ein Kleidungsstück doch erst interessant.)

Die Sohle des einen Flipflops, an dem ich hatte ansetzen wollen, war ebenfalls vollgeklebt. Ich drückte die letzten verbleibenden Tropfen aus der Tube an die eine Stelle, die von der Explosion verschont geblieben war und welche ich eigentlich hatte erreichen wollen, aber die Flüssigkeit ging darin unter, als hätte ich eine Handvoll Wasser in eine Sanddüne geschüttet. Fazit: Kleber überall, nur meine Flipflops waren nach wie vor unbrauchbar und blieben es auch während der restlichen Reise.

Dann lagen die (übrigens in einer haarsträubenden Last-Minute-Aktion extra für diese Reise bestellten) guten Stücke erstmal ein paar Wochen am gleichen Fleck hier in der Wohnung, weil ich – vielleicht trauma-, vielleicht lethargiebedingt – mich nicht überwinden konnte, diese Aufgabe erneut zu konfrontieren. (Ich glaube, ein großer Teil dieses Unwillens rührte daher, dass ich nicht genau wusste, wo der Sekundenkleber ist. Taurig, aber wahr – sowas kann durchaus mal dazu führen, dass ich Aufgaben ein paar Jahrhunderte lang unangetastet lasse.)

Bis jetzt. Todesmutig habe ich mich der Herausforderung gestellt und an ganzen zwei verschiedenen Orten in der Wohnung nach dem Superglue gesucht, ihn am zweiten der besagten Orte dann gefunden (es war, wie du siehst, nicht sehr schwierig), Flipflops aufgeklappt, Kleber rein, Flipflops zugeklappt, reingeschlüpft, draufgetreten, festgedrückt. Fertig.

It is finished.

Baina guztiok batean, saiatu hura botatzean.

Standard

Langsam scheint es soweit zu sein: ich entwickle so etwas wie ein Selbstwertgefühl und noch dazu einen Sinn für meine eigene Lebensrealität ohne Nostalgiefilter.

Woran zeigt sich das? Ganz einfach, ich bin stinksauer. Zum Einen (eigentlich zum Zweiten, aber da es sich kürzer abhandeln lässt, kommt es zuerst dran) auf Becci, die meint, mit entscheidenden Ereignissen ihres Lebens nicht rausrücken zu müssen, weil sie keine „ruhige Minute“ dafür findet.

Zum Anderen auf Kepa, aus so vielfältigen wie zahlreichen Gründen, die vermutlich zum größten Teil darauf basieren, dass wir in Gemeinschaftsarbeit (auch wenn er davon nichts mitbekommt) während der vergangenen zehn Tage an seinem Sockel gezerrt und gerüttelt haben, sodass immense Teile davon sich selbst ohne mein Zutun in Nichts aufgelöst und somit ein abstrus anmutendes Doppelbild erschaffen haben und mein ganzes Innenleben empört schreit: Fehler in der Matrix, Fehler in der Matrix, does not compute. Auch nichts Neues bezüglich meiner Reaktionen auf unerwartetes Verhalten seinerseits, diesmal allerdings weitaus desillusionierter.

Aber das passiert, wenn man Menschen unverdient auf Sockel stellt. Ich hätte es vor fünf Jahren wissen können; ich hätte es vor fünf Jahren wissen sollen. Aber wie soll man wissen, bevor man gelernt hat.

Ikusiko dek, nola nola, laister eroriko dan.

Making Fingers

Standard

Ach, es tut schon verdammt gut. Die Wohnung ist gesaugt, gelüftet und relativ aufgeräumt. Im Bad riecht es nach Pflegeprodukten, an mir selbst ebenso. Ich bin frisch geduscht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist es mir schließlich gelungen, meinen Pony zu föhnen. (Hey, man kommt mit dem Wissen, wie man einen Pony föhnt, nicht auf die Welt – und ich habe meinen noch nicht mal zwei Wochen.) Der Trockner und die Spülmaschine laufen. Ich habe noch anderthalb Stunden Zeit, bis mein Schüler kommt.

Würde nicht die Katze auf mir sitzen, könnte ich noch Wäsche zusammenfalten. So dagegen kann ich stattdessen etwas von dem Auftrag abarbeiten, den ich morgen abgeben muss, und zuvor der Welt davon berichten, was ich heute schon alles geschafft habe.

Und auch andere Dinge sind berichtenswert. Berichtenswert, ja, aber schwierig in Worte zu fassen. Ich habe es gerade versucht und war überhaupt nicht glücklich damit.

Aber ich versuche es noch einmal. Vielleicht kann ich es von hinten aufrollen. Ich hatte einen dazu passenden Gedanken vorhin beim Staubsaugen, und zwar den, dass es möglich ist, sich Fingerhandschuhe aus Fäustlingen zu machen. Gerade habe ich darüber noch einmal nachgedacht und festgestellt, dass ich genau der Mensch bin, der genau das tun würde, angenommen, ich wollte Fingerhandschuhe und das Leben präsentierte mir Fäustlinge. Umständlich? Ja. Fragwürdiger optischer Eindruck des Endprodukts? Vermutlich. Funktionstüchtig? Definitiv. Und ein Projekt, auf das man stolz sein kann, denn es steckt harte Arbeit drin und, noch besser, die Individualitätsstufe ist schwer zu übertreffen.

Natürlich macht das nur Sinn, wenn ich dazusage, dass mir das Lied ‚Mittens‘ von Frank Turner immer ein beklemmendes Gefühl vermittelt hat. Because I definitely need to fit like gloves. And I never quite felt like we did.

Und daran habe ich über die Jahre gearbeitet und tue es nach wie vor, und ich habe zwar den Eindruck, dass ich einen monströsen Teil dieser Arbeit unbemerkt und allein verrichte, aber es wird immer besser. Es wird beständig besser und es wurde vor ein paar Tagen besser, als R mich erstmals bat, ihm von meinem vergangenen Beziehungsleben zu erzählen. Ich bin der Bitte nachgekommen und habe in drei-vier Sätzen erläutert, dass ich zuvor nicht die Gelegenheit hatte, mit den Menschen, die ich mir ausgewählt hatte, eine Beziehung zu führen. Dass ich eher so der Mensch war, dem man sagt, was für eine unglaubliche Verbindung man mit ihm doch habe, von dem man jedoch in romantischer Hinsicht nichts wissen will. Dass man da irgendwann einfach nicht mehr weiß, was man überhaupt noch fühlen darf. Dass ich schon einen ziemlich großen Knacks weg hatte, als wir uns getroffen haben. Dass ich sehr dankbar bin, dass der Knacks geheilt ist. Eine richtig schöne kleine Rede. Er hat alles zur Kenntnis genommen und am Ende gesagt, sie wären selbst schuld gewesen. Details wollte er keine wissen. Aber es war immerhin eine Frage. Für meinen Handschuh mindestens ein Finger mehr.