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Mai?

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Ich werde schon wieder so nachlässig mit dem Blogschreiben, dass ich vermutlich die Once-a-day-Challenge wieder einführen sollte. Das hatte doch wirklich gut funktioniert, sogar in dieser furchtbarsten aller Zeiten; nach ein paar Wochen hatte ich mir so schön beigebracht, an Motivationsmangel und (oberflächlicher) Ereignislosigkeit vorbeizurauschen und einfach zu tippen anzufangen. Sicher, die sprachliche Qualität und vermutlich auch der Unterhaltungswert meiner Einträge werden darunter gelitten haben, aber darum soll es ja nicht gehen. Sondern um Dokumentieren und um Selbstheilung.

Seit einer knappen Woche, genauer gesagt, seit letztem Dienstag, bin ich (vorerst) wieder allein in meiner Wohnung. Jana hatte sich zum Zwecke ihres Therapiegesprächs, das in der Stunde nach meinem stattfand, in ihre Wohnung verzogen und es anschließend nicht mehr dort heraus geschafft. Seitdem steckt sie also wieder bei sich, während diverse Habseligkeiten von ihr noch in meiner Wohnung auf sie warten. Für ihre Diplomarbeit sehe ich keine nennenswerten Erfolgschancen, es sei denn, sie bekommt ihre Frist nochmals (erheblich) verlängert. Schade, aber ich kann da absolut nichts machen.

Zugegebenermaßen war ich heilfroh über die Möglichkeit, zumindest eine gewisse Zeit lang mal wieder ’nach Luft schnappen‘ zu können. Mittlerweile habe ich mich vom WG-Leben schon soweit erholt, dass ich es begrüßen würde, wenn sie mal wiederkäme. Beachtlich ist aber, dass in dieser ersten Zeit, wo die Gegenwart einer Mitbewohnerin in Form von Jana für mich wirklich essenziell war, ich mich augenscheinlich so immens stabilisieren konnte, dass ich das längere Alleinsein jetzt gerade wirklich gut verkrafte. Kein Vergleich zu dem Zustand, in dem ich mich befand, bevor sie kam.

Es ist alles etwas wackelig, aber dass es überhaupt so unglaublich weit schon ist, finde ich verblüffend. Die Medis ermöglichen sowas. Virtuelles Cards against Humanity mit Caro, Ricardo und Cocktails hilft. Besonders beachtliche Wirkung hat zudem ein Gespräch mit Basti am letzten Sonntag gezeigt, das anders verlief als geplant und (ungeachtet letztendlicher, noch offener Konsequenzen) wie kein anderes Ereignis dazu beigetragen hat, die Welt um mich herum schlagartig weniger hoffnungslos scheinen zu lassen. Seitdem habe ich keine suizidale Anwandlung mehr verspürt. Eine Art Grundvertrauen war mit einem Mal zurückgekehrt. Das steigert die Lebensqualität unermesslich.

Jetzt muss ich schauen, dass ich darauf aufbaue und etwas, irgendetwas aus mir und meinem komischen Leben mache.

Cause everybody needs some company.

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Jana sitzt neben mir an ihrem Computer und tut irgendetwas zwischen Diplomarbeit schreiben, Salzburger Nockerln recherchieren und sich die aktuellen Corona-Zahlen zu Gemüte führen. Sie hat sich bei mir mehr oder weniger häuslich eingerichtet, nachdem sie festgestellt hat, dass es ihr in diesem Umfeld leichter fällt, produktiv zu sein (ich wünschte, dieser magische Effekt meiner Wohnung würde bei mir ebenfalls Wirkung zeigen), und mit ihr haben große Teile ihres Essensvorrats (der sich mit meinem sinnvoll ergänzt, zum Beispiel um in meiner Welt so rare wie elementare Dinge wie Kokosmilch, Kichererbsen, Couscous oder Tahini) und ein ganz anderer Lebensgeist bei mir Einzug gehalten.

Ich bin überaus zufrieden mit dieser Entwicklung. Ich bin so viel funktionsfähiger, wenn ich Gesellschaft habe. Und ich habe den Eindruck, in dieser Situation auch mich selbst und meine Identität ein Stückweit wiederzufinden, gerade durch die neu entstandene Möglichkeit oder Notwendigkeit der Abgrenzung.

Und so kam ich als vermutlich einziger Mensch auf Erden in diesen einsamen Zeiten zu einer zeitweisen Mitbewohnerin. Gut. Sehr gut. Ich komme mir fast unwirklich weit weg von allem vor, was gerade in meinem Leben vorgeht. Nutzen wir diesen Zustand doch dazu, uns vielleicht tatsächlich etwas weiter davon zu entfernen.

Fuuuuuuuuu…

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Und es ist soweit: nach ganzen zwei Monaten und dreißig Tagen habe ich es gestern erstmalig dieses Jahr verpasst, meiner Challenge gemäß den obligatorischen Eintrag zu verfassen. Alles, weil ich mit Caro am Telefonieren war und absolut nicht auf dem Schirm hatte, wie spät es schon war. Ich könnte die Zeitumstellung dafür verantwortlich machen, aber wenn ich ganz ehrlich bin – eine Stunde früher aufgelegt zu haben hätte um 1.01 Uhr eben auch nicht mehr geholfen.

Aber natürlich war es das wert. Sowieso erleben viele meiner Neurosen, die ja letztendlich auch nur selbst auferlegte Regeln sind, momentan einen Einbruch unvergleichlicher Ausmaße. Da ertrage ich es gleich gelassener, an diesem Punkt nun einmal gefailt zu haben.

Und die Müdigkeit dürfte auch ihren Teil beisteuern. Ich bin völlig im Eimer, was daran liegen dürfte, dass ich natürlich gestern Früh mein Therapeutentelefonat wahrnehmen musste. Aus diesem kam ich bestärkt und mit einem Haufen hilfreicher Bilder zurück in meinen Gammeltagesablauf und sah mich wenig später sogar in der Verfassung, paniklos einen Instant-Cappuchino zu konsumieren.

Also. Es wird.

Realitätsferne, Kaffee und Putzmittelzutatenbestellrausch

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Mir geht es gut, solange ich nicht damit konfrontiert werde, dass  R irgendwo ohne mich existiert, ohne mich einfach weiterlebt und mit allen Anderen normal Kontakt hat, aber nicht mit mir. Vielleicht sollte ich aus der Signal-Gruppe raus, um dies zu vermeiden. Andererseits bin ich demnächst auf Yannick angewiesen, um an Essen zu kommen. Also besser nicht austreten. Ein kleiner Reality-Check ab und an ist vielleicht auch nicht das Verkehrteste, damit ich nicht ganz und gar in eine Pseudowirklichkeit abdrifte, in der R und alles, das passiert ist, nicht oder nur ganz am Rande vorkommt. So weit kann ich es immer noch treiben, wenn es dann ganz und gar vorüber ist.

Becci ist nach Hause gefahren, einerseits, weil ihre Waltraudallergie sie dazu nötigte, andererseits, weil ihr Freund ihren Beistand brauchen kann. Seine Lebensplanung hat sich heute dank Virus um vier Monate nach hinten verschoben, was in seinem Fall mit erheblichen Komplikationen verbunden ist. Dagegen kann Becci zwar nicht viel ausrichten, aber man weiß ja, dass simples Dasein in solchen Situationen bereits eine ganze Menge helfen kann. Und da ich mich mittlerweile derart gefestigt fühle, dass ich heute sogar gewagt habe, mir den ersten Kaffee seit über einem Monat zu genehmigen (und die Unternehmung von Erfolg gekrönt war, was gleichzusetzen ist mit dem gänzlichen Ausbleiben eines Heul- oder Panikdramas), ließ sie mich, anders als beim letzten Mal, auch guten Gewissens alleine.

Morgen mache ich mich auf in die weite Welt. Genauer gesagt, ans andere Stadtende, um meinen Eimer Zitronensäure abzuholen und eventuell auf dem Weg dorthin (endlich mal) noch Pfand wegzubringen. Abends wird unten bei der Bäckerei Brötchen gerettet – und mir fällt erst in diesem Moment auf, dass es deutlich schwerer werden dürfte, den zu erwartenden Sack Brötchen ganz alleine wegzumampfen. Zumal dank des herrlichen Frühlingswetters nun auch der begehbare Kühlschrank ausfällt. Zum Glück gibt es ja noch Wolfgang, der mir sicher welche abnimmt. Und sowas wie Nachbarn hat man ja auch. Das wird schon.

Nebenbei habe ich gerade noch bei Ebay mit Kernseifenverkaufenden verhandelt und dabei einen Volltreffer gelandet: 114 Stück für 35 € inklusive Porto bei einem Stückpreis von 30 Cent. Ich habe einfach gefragt, ob er mir das Porto erlässt, wenn ich sie alle nehme, und er hat tatsächlich eingewilligt – das ist mit Abstand der beste Ebay-Deal, der mir jemals gelungen ist. Vor allem die andere Person, mit der ich zuerst zu tun hatte, kann dagegen abstinken. Die wollte nämlich 1 € pro Stück. Uff, das war knapp.

So, grad direkt nochmal eine Ladung Natron, mehr Waschsoda und mehr Zitronensäure aus einer einzigen Anzeige geordert, einfach weil es sich kein bisschen gelohnt hätte, nur das Natron alleine zu bestellen.

Es wird allerhöchste Zeit, dass ich wieder arbeite.

Also doch wieder drinnen bleiben.

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Sonntag um drei schlafen gegangen, heute um halb zwei und jetzt nochmal voraussichtlich um elf – was für eine steile Abwärtskurve. Gut so, hier will ich ja langfristig auch wieder landen. Wenn das Escitalopram mich lässt, würde ich auch gern wieder um neun oder früher aufstehen. Oder zumindest mal aufwachen.

Meine Tage sind im Augenblick durchwachsen, was im Grunde ja schon als Riesenfortschritt zu werten ist. Möglichst wenig denken und jeden Funken Tatkraft nutzen. Das habe ich auch heute getan und Becci dabei, so weit es ging, mit eingespannt. Ihrem Ohr geht es besser, aber ihr Gesamtzustand ist nach wie vor suboptimal.

Meine Mutter schreibt mir, ich solle im Angesicht der wohl bevorstehenden Ausgangssperre noch Obst einkaufen. Mal davon ab, dass ich nichts dergleichen tun werde, finde ich diese skurrile Virusgeschichte vor allem dahingehend störend, dass ich mir gerade vorgenommen hatte, täglich rauszugehen, Erledigungen zu machen oder einfach rumzulaufen. Wirklich, gerade gestern. Was soll der Quatsch und warum interferiert er mit meinen heroischen Versuchen, mich am Leben zu halten – und wie ironisch, dass die sicherste Methode dafür momentan die absolut konsequente Fortführung meines bisherigen Heremitendaseins zu sein scheint.

Ich bin nur gespannt, ob die Therapeutin mir morgen sagt, dass die nächsten Termine ausgesetzt werden. In dem Fall wäre ich einfach nur dankbar, dass der erste Akt des R-Dramas bereits vorüber und der dazugehörige Tiefstpunkt mehr oder minder durchgestanden ist.

Viel auf meinem Teller

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Welch ein ereignisreicher Tag das heute war. Zwischen Therapie, Mama verabschieden, Marketas und Marks Testamentsverlesung dolmetschen, nochmal in die Stadt zum Notar fahren, um meinen zuvor vergessenen Perso nachzureichen, und einem wohltuenden Zusammenkommen mit Undine blieb mir kaum Zeit für Panik.

Wenn jeder Tag so wäre, das wäre was. Aber ich habe dafür gesorgt, dass zumindest die nächsten paar im Vergleich mit diesem nicht ganz und gar verblassen: Morgen kommt ein Ebay-Mensch, um ein Ahornblatt aus Filz bei mir abzuholen, das ich mal containert habe, und mich dafür um zwei Euro reicher zu machen. Eventuell ruft mich Papa an. Abends telefoniere ich mit Simone, und auch wenn ich bisher noch nichts in der Richtung von ihm gehört habe, ist R’s Treffen mit Marketa und damit verbundenes Erscheinen zum Sachenholen auch für morgen Abend angesetzt.

Donnerstag Abend kommt mich Mike besuchen. Und für den Fall, dass eben erwähntes Treffen stattfindet, besteht die Möglichkeit, dass Marketa sich für eine Lagebesprechung blicken lässt.

Irgendwann am Wochenende sollte Becci hier aufkreuzen.

Und nächstes Wochenende mache ich vielleicht mit Undine zusammen Musik.

Also, zumindest versumpfe ich nicht ganz und gar. Und wenn wir mal ehrlich sind, ist das alles schon beinahe mehr, als ich im gesamten letzten halben Jahr an Aktivität vorweisen konnte.

(Ya voy a buscar qué hacer conmigo)

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Ich bin ruhig. Ich weine nicht mehr, solange ich nicht darüber rede. Ich bringe die Konzentration dafür auf, mir Serien anzuschauen, und kann abends sogar die ein oder andere Seite lesen. Ich versorge die Katze und mich selbst mit regelmäßigen Mahlzeiten. Großartige Menschen um mich herum haben mich wissen lassen, dass ich nicht alleine bin. Die Medis wirken (und die Müdigkeit sowie die gelegentlich auftretenden dumpfen Kopfschmerzen, die sie mir verursachen, sind dafür ein zu vernachlässigender Preis).

Mike kommt morgen zu mir. Bis dahin plane ich geduscht zu haben, die Wohnung soll gesaugt und das Katzenklo gereinigt sein. Nicht übel, wenn ich das alles schaffe.

Freitag gehe ich hoch zu Marketa. Sie hat mich wieder einmal mit einem Übersetzungs-Schrägstrich-Dolmetsch-Job betraut. Ich soll sie und Mark am Dienstag zum Notar begleiten und die Vorlesung ihres Testaments simultandolmetschen – nur gut, dass ich das Dokument vorher schon bekomme. Das können wir bei der Gelegenheit durchgehen. Ich bin (wieder einmal) zutiefst gerührt in Angesicht des Vertrauens, das sie mir entgegenbringen.

Am Samstag kommt schon Mama und bleibt bis Dienstag. Dann muss ich nur bis Ende nächster Woche überleben, wenn Becci an der Reihe ist, mich mit ihrem Besuch zu beehren. Aber irgendwann wollte ja auch Undine sich noch auf ein Teechen zu mir gesellen. Das wird machbar.

Und auch das Für-mich-selbst-leben sollte ich irgendwann erlernen. Dass das in meinem bisherigen Dasein nie so gut hingehauen hat, muss ja nicht bedeuten, dass ich es nicht doch noch schaffen kann. Was für ein Meilenstein das wäre, um sowohl allein als auch in Beziehungen um so Vieles zufriedener sein zu können.

Die Panik, mit der ich Tag für Tag aufwache, zeigt, dass ich bis dahin noch einen langen Weg vor mir habe.

Ich wünschte, es wäre einfach vorüber. Zu 95 Prozent bin ich mir so oder so sicher, wie dieses Desaster enden wird. Nur kann ich es mir nicht eingestehen, bis er es mir nicht selbst verkündet. Diese Ungerechtigkeit. Warum kann er es nicht selbst schon wissen. Warum fällt mir die undankbare Aufgabe zu, mich Stück für Stück für Stück aus diesem Abgrund zu kämpfen, um am Ende erneut hineinzufallen – alles, weil er sich selbst nicht gut genug kennt.

Oder ist das nur der Selbstschutz-Pessimismus, der mich vor falscher Hoffnung bewahren möchte?

Wie soll ich das noch durchblicken? Jede Selbstreflektion hat ihre Grenzen; gegen das Unbewusste ist sie machtlos.

Ich muss aufhören zu denken. Das tut weh und stört meine Abendruhe. Morgen Früh um sieben wird es von alleine wieder zu rotieren anfangen.

For now I am alone.

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Nun ist er weg. Zur Arbeit gefahren mit seiner Decke hinter den Rucksack geklemmt, als würde er wirklich auf Reisen gehen. Kommt die Tage noch ein-zwei Mal, um die letzten Sachen zu holen und das Paket mit Essen, das ich ihm noch zusammenstelle. (Nicht unbedingt uneigennützig, da ich unter anderem schon recht froh bin, von den Unmengen an Vorräten zumindest die Dinge loszuwerden, die ich selbst nie essen würde.)

Bis zum Wochenende habe ich Zeit, es zu packen. Dann kommt er mit Yannick und transportiert alles ab, was er bislang zurückgelassen hat beziehungsweise ich bis dahin noch in der Wohnung als seins identifiziere. Vom Klavier mal abgesehen. Das hätte er auch mitgenommen, würde es denn in sein Zimmer passen.

Der Beta-Blocker hat vorzüglich angeschlagen, sodass es mir nach seinem Weggang um halb acht vergönnt war, noch einige Male einzuschlafen und schließlich halbwegs bei Verstand und ohne stärkere Paniksymptome aufzuwachen. Am liebsten würde ich mir direkt dieses Beruhigungszeug von gestern wieder einflößen, denn das hat wirklich Wunder gewirkt, allerdings soll es zum Abend genommen werden.

Nun habe ich aber immer noch nicht von Montag Abend berichtet.

Becci leistete mir noch eine halbe Stunde Beistand, bevor sie den Nachhauseweg antrat, beseitigte das gröbste Chaos in der geschundenen Küche – einfach weil sie es nicht aushielt – und machte mir eine Kanne Tee. Nachdem sie gegangen war, bediente ich mich nochmals großzügig am Baldrian und verdingte mich mehr oder weniger erfolgreich mit Zocken, während ich auf R’s Ankunft wartete.

Diese schien sich zu verzögern, und als mein zunehmend nervöses Hirn es um zehn nach sieben nicht mehr aushielt, klopfte ich vorsichtig über Whatsapp bei Becci an, die jedoch nicht reagierte – woraus ich schloss, dass sie noch mit R am Reden war.

Als er schließlich reinkam, wurde schnell ersichtlich, dass Becci ganze Arbeit geleistet hatte. Nicht nur reagierte er nicht ablehnend auf meinen eher verschlechterten Zustand, sondern verhielt sich unverhältnismäßig sanft und sensibel, nahm mich in den Arm und zeigte Verständnis. Er hat es tatsächlich gesagt: „Becci hat mir gesagt, wie es um dich bestellt ist, und ich verstehe es.“ Er hat mich geduldig angehört und spüren lassen, dass ich nicht die Einzige bin, die unter der Situation leidet. Er hat die Gewissheit verweht, ihm egal zu sein, die sich in den Tagen zuvor bei mir manifestiert hatte.

Alles wurde erträglicher in diesem Moment. Er hat mir den Glauben daran wiedergegeben, dass ich die kommende Zeit überstehen kann – dass es einen Sinn hat, zumindest nicht gleich aufzugeben.

Leider war dieser Augenblick, so notwendig er auch war, meiner Gesamtlage nur bedingt zuträglich. Ich habe entsetzlich geschlafen und wurde, als er schließlich aufstand und zur Arbeit ging, von einer so ekelhaften Panikflut überschwemmt, dass ich bald nicht mehr wusste, wo oben und unten ist. Mein Termin bei der Therapeutin war ja aufgrund der ursprünglichen Planung, der zufolge ich bis Dienstag Früh bei Becci hätte bleiben sollen, auf Mittag verschoben. So viele Stunden, die es noch zu überleben galt – aber ich habe es geschafft. Basti (der mich natürlich letzte Woche nicht angerufen hatte) hat mir geschrieben und, nachdem er die Dringlichkeit der Lage begriffen hatte, vorgeschlagen, später zu telefonieren. Ich akzeptierte, wenn auch ohne viel Hoffnung, dass das Gespräch tatsächlich zustande kommen würde.

Der Therapeutin gegenüber bin ich dann auch erstmals beinahe unkontrolliert zusammengeklappt, während ich ihr von dem unheilsamen Eigenleben ohne erkennbaren Realitätsbezug berichtete, das meine Psyche entwickelt hatte. Sie war extrem hilfreich und nahm mich ernst, ordnete an, ich solle mir Beruhigungsmittel verschreiben lassen, und zeigte sogar die Möglichkeit auf, bei der psychosomatischen Klinik anzufragen, ob ich kurzzeitig dort unterkommen könnte. Ihr sei es wichtig, dass jemand für mich da sei. Ob niemand zu mir kommen könne. Und auf meine Erklärung hin, es würden mich bald meine Mutter und später dann Becci besuchen kommen, gerade würde ich jedoch etwas Zeit allein überbrücken müssen: alles sei in Ordnung, um mich über Wasser zu halten, ob das nun Zocken oder Telefonieren sei.

Gesagt, getan: ich kam nach Hause, meldete mich bei Basti zurück, erhielt keine Antwort von ihm und freute mich umso mehr, als stattdessen Simone anrief. Redete mit Simone (und erklärte so diplomatisch wie möglich, dass ich es, so dankbar ich auch bin, im März nicht zu ihr nach Wismar schaffe) und praktisch direkt im Anschluss mit meiner Oma, die darauf bestand, trotz meiner Befürchtung, sie damit zu belasten, in mein Drama eingeweiht zu werden. Noch eine Stunde überlebt. Irgendwann meldete sich dann auch Basti wieder; mit ihm habe ich geredet, bis ich los zum zweiten Arzttermin des Tages musste.

Die Ärztin hörte sich meinen Bericht an, fackelte nicht lange und verschrieb mir neues Escitalopram – 15 mg diesmal – sowie Tropfen zur Beruhigung und Tabletten gegen die körperlichen Panikerscheinungen.

Die Tropfen haben’s drauf. Ich habe überlebt:

  • Auflösungsvertrag für R’s Untermietverhältnis vorgelegt bekommen und unterschreiben
  • Mit R durch die Wohnung tingeln und ihm zeigen, was er alles vergessen hat zu packen
  • Gesagt bekommen, dass er heute auszieht
  • Diverse schwer erträgliche Einzelheiten: Absprachen bezüglich Katze, Kontakt etc.

…das ist doch schonmal Einiges.

Und da wären wir. Wie ich gerade zu Becci sagte, nun gilt es einfach nicht wieder durchzudrehen.

Unwörter

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Das Plakat hängt. Gerade, might I add.

R war soeben beleidigt, weil ich ihm ‚Sexhorde‘ und ‚Sexherde‘ bei Boggle nicht habe durchgehen lassen und seine Ausführungen, warum diese Wörter aber doch auf alle Fälle funktionieren (begleitet von einer ausnahmslos auf dubiose Porno-Links verweisenden Google-Recherche), mit einem nicht enden wollenden Lachkrampf quittiert habe.

Für mich hat sich diese Begebenheit definitiv gelohnt. Zwar könnten mir seine Punkte egaler nicht sein – wenn überhaupt, dann bedrückt und frustriert mich, dass er sein Bedürfnis zu gewinnen über alles Andere stellt und bereit ist, für nichts als ein Spiel nachhaltig die Stimmung zu zerstören -, aber ich kann mich nicht erinnern, in jüngerer Vergangenheit so gelacht zu haben. Es tat einfach gut. Das beinahe medi-freie Dasein erlaubt mir Gefühlserlebnisse fast vergessener Dimensionen.

Morgen kommt Mike zu mir. Das wird weniger lustig und mehr awkward. Aber es ist Teil meines Resozialisationsprogramms und ich habe mir die Verabredung freiwillig eingebrockt. Man kann sicher auch aus awkward Begegnungen wertvolle Erfahrungen ziehen.

Dinge, die da kommen

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Scheint, als würde in meinem Leben und Peripherie tatsächlich mal wieder etwas passieren. Nicht nur habe ich am Montag sowohl eine Foodsharing-Abholung als auch Geburtstag (die Erkenntnis, dass mir noch weniger als eine Woche bleibt, um auf dramatische Weise in einem stilvollen Alter das Zeitliche zu segnen und mir danach leider keine andere Wahl bleibt, als in möglichst wenig Würde ein möglichst hohes Alter zu erreichen, entbehrt insoweit jeder Relevanz, als ich mich sowieso schon immer gefragt habe, was daran so glorreich sein soll, mit 27 Jahren aus dem Leben zu scheiden), sondern ich habe auch Dienstag Abend einen Foodsharing-Neuzugang zu Besuch, der mich auf der Plattform ratsuchenderweise angeschrieben und dem ich daraufhin ein ‚Orientierungs-Zusammensetzen‘ angeboten hatte (man könnte dies nun als eine der Vereinsamung entsprungene Methode auslegen, mir Gesellschaft ins Haus zu locken, aber ich mache das wirklich gern) und werde am  Samstag der gleichen Woche, ob man das nun glaubt oder nicht, für einen Überraschungs-Tag von R beschlagnahmt.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Dass meinen mickrigen Avocadopflänzchen spontan Früchte oder Seehofer Hirnzellen wachsen, hätte ich eher für möglich gehalten als einen Überraschungstag von R. Und zu allem Überfluss erfuhr ich davon beinahe auf die Stunde genau fünf Jahre nachdem das Bestehen unserer Beziehung auf höchst zeremonielle Weise (er, wörtlich: „Sind wir jetzt irgendwie zusammen oder so? Ich hab keine Ahnung“; ich, sinngemäß: „Joa?“) besiegelt wurde – ein Faktum, das ihm vermutlich verborgen geblieben wäre, hätte ich ihn nicht im Laufe des Tages darauf hingewiesen. (Und das war ein Fortschritt, denn die bisherigen Jahrestage haben wir ungewürdigt verstreichen lassen, sogar so ungewürdigt, dass ich mir nicht mal je sicher war, um welches Datum es sich dabei überhaupt handelte. Ich habe mich bislang deutlich zu sehr seinem Unwillen gebeugt, all das zu zelebrieren, was ich gerne zelebrieren würde bzw. wovon ich mir wünschen würde, er würde es zelebrieren. Bis mir in den Sinn kam, dass es absolut nicht fair ist.) Jedenfalls war ich glücklich, als ich die Ankündigung las, und bin äußerst neugierig, was der Tag wohl bringen wird.

Gleichzeitig ist die nächste Woche entscheidend, weil R in dem Zeitraum ein Praktikum bei einer potenziellen Ausbildungsstelle absolviert, auf dessen Basis sich dann ergibt, ob er genommen wird. Mein Geburtstag ist also genau genommen sein erster Probearbeitstag.

Und vor dem allen liegt das Konzert am Freitag, das Potenzial hat, grandios zu werden. In Vorbereitung darauf habe ich mich den gesamten Dezember lang beim täglichen (wenngleich augenscheinlich fruchtlosen) Online-Adventskalenderdurchklicken mit Murphys berieseln lassen, sodass ich mich bestens vorbereitet wähne. Was ich dagegen immer noch nicht gehört habe, ist das neue(ste) Album von Frank, aber das ist gerade in seiner Funktion als Warm-up doch wohl hoffentlich zu vernachlässigen.