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Making Fingers

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Ach, es tut schon verdammt gut. Die Wohnung ist gesaugt, gelüftet und relativ aufgeräumt. Im Bad riecht es nach Pflegeprodukten, an mir selbst ebenso. Ich bin frisch geduscht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist es mir schließlich gelungen, meinen Pony zu föhnen. (Hey, man kommt mit dem Wissen, wie man einen Pony föhnt, nicht auf die Welt – und ich habe meinen noch nicht mal zwei Wochen.) Der Trockner und die Spülmaschine laufen. Ich habe noch anderthalb Stunden Zeit, bis mein Schüler kommt.

Würde nicht die Katze auf mir sitzen, könnte ich noch Wäsche zusammenfalten. So dagegen kann ich stattdessen etwas von dem Auftrag abarbeiten, den ich morgen abgeben muss, und zuvor der Welt davon berichten, was ich heute schon alles geschafft habe.

Und auch andere Dinge sind berichtenswert. Berichtenswert, ja, aber schwierig in Worte zu fassen. Ich habe es gerade versucht und war überhaupt nicht glücklich damit.

Aber ich versuche es noch einmal. Vielleicht kann ich es von hinten aufrollen. Ich hatte einen dazu passenden Gedanken vorhin beim Staubsaugen, und zwar den, dass es möglich ist, sich Fingerhandschuhe aus Fäustlingen zu machen. Gerade habe ich darüber noch einmal nachgedacht und festgestellt, dass ich genau der Mensch bin, der genau das tun würde, angenommen, ich wollte Fingerhandschuhe und das Leben präsentierte mir Fäustlinge. Umständlich? Ja. Fragwürdiger optischer Eindruck des Endprodukts? Vermutlich. Funktionstüchtig? Definitiv. Und ein Projekt, auf das man stolz sein kann, denn es steckt harte Arbeit drin und, noch besser, die Individualitätsstufe ist schwer zu übertreffen.

Natürlich macht das nur Sinn, wenn ich dazusage, dass mir das Lied ‚Mittens‘ von Frank Turner immer ein beklemmendes Gefühl vermittelt hat. Because I definitely need to fit like gloves. And I never quite felt like we did.

Und daran habe ich über die Jahre gearbeitet und tue es nach wie vor, und ich habe zwar den Eindruck, dass ich einen monströsen Teil dieser Arbeit unbemerkt und allein verrichte, aber es wird immer besser. Es wird beständig besser und es wurde vor ein paar Tagen besser, als R mich erstmals bat, ihm von meinem vergangenen Beziehungsleben zu erzählen. Ich bin der Bitte nachgekommen und habe in drei-vier Sätzen erläutert, dass ich zuvor nicht die Gelegenheit hatte, mit den Menschen, die ich mir ausgewählt hatte, eine Beziehung zu führen. Dass ich eher so der Mensch war, dem man sagt, was für eine unglaubliche Verbindung man mit ihm doch habe, von dem man jedoch in romantischer Hinsicht nichts wissen will. Dass man da irgendwann einfach nicht mehr weiß, was man überhaupt noch fühlen darf. Dass ich schon einen ziemlich großen Knacks weg hatte, als wir uns getroffen haben. Dass ich sehr dankbar bin, dass der Knacks geheilt ist. Eine richtig schöne kleine Rede. Er hat alles zur Kenntnis genommen und am Ende gesagt, sie wären selbst schuld gewesen. Details wollte er keine wissen. Aber es war immerhin eine Frage. Für meinen Handschuh mindestens ein Finger mehr.

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Wie es also auch sein kann:

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Ich hatte ein ganz wunderbares Weihnachten. Meine Eltern sind doch zu Hause geblieben, weil ich offenbar letzte Woche meinen Vater mit meiner Erkältung infiziert habe. Somit waren R und ich ganz allein und haben einfach die freie Zeit, insbesondere die seine, in vollen Zügen ausgekostet. Es gab Unmengen Boggle, Carcassonne, Filme, Kaffee, Plätzchen und warmes Licht durch die ganzen Kerzen. Ich habe an Heiligabend kurzerhand die Leitung über die Bescherung übernommen, den Vikus ins Wohnzimmer verschleppt und mit der wenigen Weihnachtsdeko versehen, die ich besitze, R’s Geschenke daruntergelegt und ihn mit dem einzigen Glöckchen aus dem rosa Zimmer geklingelt, das ich auftreiben konnte. Es war eins von diesen winzigen Schokohasenglöckchen, wie man sie zu Ostern bekommt, und machte kaum hörbare Geräusche, aber hey. Immerhin.

Gestern kamen nacheinander eine Freundin und ein Kumpel von R vorbei, sodass wir im Prinzip den ganzen Tag auf dem Sofa verbrachten. Zugegebenermaßen habe ich dann irgendwann abgeschaltet, als Lars da war, denn – du wirst mir sicher zustimmen – der normalsterbliche Mensch erträgt halt nur eine bestimmte Dosis Informatiknerd am Tag.

Soeben habe ich R die Haare geschnitten, ein lang geplantes Unterfangen. Er sagte danach, schön, dann könne er jetzt ja in seine Boyband zurück, aber ich bin mit meinem Werk sehr zufrieden. Es war immerhin das erste Mal, dass mich jemand ganz freiwillig seine Haare hat schneiden lassen. (Das erste Mal, dass R dieses Vergnügen zuteilwurde, war bekanntlich die Folge eines alkoholinduzierten Zopfabschneidens meinerseits und alles Andere als einvernehmlich beschlossen.)

Nun wird dieser Tag am Ende den hoffentlich zumindest halbwegs wieder energiebetankten R in eine kurze Arbeitswoche mit drei Nachtschichten entlassen, bevor wir am Freitag zu Becci fahren. Ich muss ihr eigentlich mal schreiben und schauen, ob sie trotz anwesender Familie die Feiertage irgendwie überstanden hat.

Lila Haare. Also doch.

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Shit, ich bin böse erkältet. Danke, Marie, dass du nur bei offenem Fenster schlafen wolltest, obwohl ich dir genau signalisiert habe, dass mir das von ganzem Herzen zuwider ist.

Und: Ich bin aufs Übelste gespannt, was da herauskommt, wenn ich mir gleich das Handtuch von meinem krankheits- und handtuchbedingt tonnenschweren Kopf runternehme – ich hab‘ mir vorhin in Bastis Beisein die Haare halb lila gefärbt. (Also „halb lila“ nicht im Sinne von „rosa“, sondern im Sinne von „die halbe Länge der Haare“.) Und ich kann nur hoffen, dass es was geworden ist, denn die Farbe, die ich geschenkt bekam, ist vollständig verbraucht.

Es war recht entspannt heute in der Arbeit; ich habe meine zwanzig Touren relativ zügig abgearbeitet (und dabei noch die erste Bildschirmaufzeichnung meines Lebens vollzogen, um mir mal zu dokumentieren, wie es aussieht, wenn ich meinen ewigen Copy-Paste-Tätigkeiten nachgehe. Die letzten beiden Stunden habe ich eigentlich nichts mehr gemacht, sondern hauptsächlich bei Facebook gehangen und mit Kepa gequatscht sowie irgendwelche Nachrichten von vor dreihundert Jahren beantwortet, deren Konfrontation ich bis dato prokrastiniert hatte.

So, nun habe ich das Handtuch schonmal abgenommen. Ich bin von der Farbe begeistert, jetzt muss ich sie nur noch föhnen und hoffen, dass auch die Übergänge was geworden sind.

Ouh Fuck, meine Haare sind lila. Ich weiß nicht, ob ich schockiert sein oder es genial finden soll. Nachdem meine Jugendzeit von Entgleisungen dieser Art dank der rigorosen Ablehnung meiner Mutter gegen alles, was andere Eltern kommentarlos unter Jugendsünden verzeichnen würden, eigentlich keine zu Gesicht bekommen hat, muss die liebe Aspi ihre Experimentierfreudigkeit und das Bedürfnis nach Individualität eben in ihren Zwanzigern ausleben. Ich muss meiner Mutter allerdings Recht geben; sie sagte damals, als ich mir von Nicole lila Haarfarbe zum Geburtstag hatte schenken lassen, zu mir, ich sei schon merkwürdig genug und solle bloß nicht auf die Idee kommen, mich noch mehr abzugrenzen. Damals wäre ich einfach das „weird kid“ mit lila Haaren gewesen, das am Rande der Gesellschaft vor sich hinvegetiert und froh ist, wenn Kontakt mit den Anderen vermieden werden kann, denen es sich sowieso um Welten unterlegen fühlt. Es ist tatsächlich weitaus angenehmer, als starke Persönlichkeit aus einer gefestigten Position heraus Jugendsünden zu begehen, auch wenn es meiner Mutter vermutlich bis heute lieber wäre, ich würde es einfach ganz sein lassen.

Wie auch immer es nun eigentlich aussieht, irgendwo sind diese lila Haare für mich ein Triumph.

Vielleicht sollte ich R schreiben und ihn vorwarnen. Ich glaube, er ist von lilanen Haaren latent traumatisiert; es wäre vermutlich gar keine schlechte Idee, ihn den Tatsachen nicht völlig unvorbereitet gegenüberzustellen. Außerdem habe ich Hunger wie nichts Gutes; wäre ich nicht vorhin so elendig zusammengeklappt (again, danke, Erkältung), hätte ich schon Essen gemacht, so baue ich auf R’s baldiges Erscheinen. Er hat, wenn alles nach Plan lief, bis vor acht Minuten gearbeitet und könnte demnächst herkommen.

Ach Welt, warum bist du nur so, wie du bist. Es ist ein ewiges Rätsel.

Der Stand der Dinge.

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Ich versuche, es so kompakt wie möglich zu machen.
Also, die letzten paar Tage. Unterteilt in ein paar Stichwörter.

1. FFM.

JO begrüßte mich am Hauptbahnhof mit Lippenstift drauf und sah aus wie ein komplett fremder, ungewohnter Mensch. Aber nicht übel. Sie hatte ihn allerdings nicht mehr ganz freiwillig drauf; offenbar war ihr ein paar Stunden zuvor langweilig gewesen und der Lippenstift war einer der Sorte Killer-Everlasting. Genauer gesagt so everlasting, dass sie ihn nichtmal mit Makeup-Entferner wieder runterbekam und sogar am Tag danach noch mit roten Punkten auf dem Mund herumlief.

Als wäre das nicht genug Schock für einen Abend, bekam ich gleich den nächsten beim Eintreten in ihre Wohnung. Sie hatte Bernd von seinen langen Haaren und dem Bart befreit, nachdem sie aus Argentinien wiederkam – das erste Mal, dass ich etwas von seinem Gesicht gesehen habe; er sieht vierzig Jahre jünger aus. Mindestens. (Dementsprechend waren genau das meine ersten seit einem knappen Jahr in dieser Wohnung ausgesprochenen Worte – bei seinem Anblick blieb mir sogar das ansonsten im Hause von JOs Familie obligatorische „Huhu!“ im Hals stecken.)

Ich habe mich so sehr gefreut, wieder mal bei den Beiden zu sein. JOs Mutter lebt mittlerweile praktisch permanent bei ihrer mehr oder minder dem Rest der Welt bekannten Affäre, einem Transvestiten namens Tina, den sie vor ein paar Jahren durch JO kennengelernt hat. Sie hat – was ich persönlich dann doch mal wieder verstörend fand, auch wenn wir alle mit der Situation inzwischen vertraut sind – nicht einmal mehr eine Zahnbürste in ihrer und Bernds eigenen Wohnung. Aber Bernd ist nicht anzumerken, dass ihm etwas an der Sache zu schaffen macht. Er ist ein durchweg wunderbarer Mensch, der so viel Freude und Ruhe ausstrahlt, dass ich beim besten Willen in diesem Leben nicht mehr verstehen werde, wie Michaela ihm etwas Derartiges antun kann.

JOs Zimmer war wie immer. Ihre nach Farben sortierten Bücher in der Regalwand, der Staub, das Chaos. (Wobei sie aufgeräumt hatte und der Zustand demzufolge sogar ganz okay war.) Die zentrale Rolle ihres Computers in ihrem Leben. Tumblr und Flight Rising konnten die zehn Monate Reisen nichts anhaben; sie ist süchtig wie eh und je. Mein Schlafplatz auf der Wandseite des Bettes war auch wie immer. Gestern weckten mich ein Mal mehr die Kirchturmglocken. Es wird sehr merkwürdig werden, sie demnächst statt in dieser Wohnung in Berlin oder Stuttgart zu besuchen.

Ich wollte eigentlich, dass wir uns mit Robert und Becci treffen, aber da Robert Nachhilfe geben musste, hat es nicht geklappt diesmal. Janine habe ich nichtmal gefragt; sie wird eh bis zum Hals in Abschlussprüfungschaos stecken.

2. Luxembourg.

Wir sind ganz schön herumgekommen in den paar Tagen. Ich noch mehr, natürlich, durch die Fahrten von Zuhause bis FFM und andersherum. Aber der Ausflug ins Nachbarland war wirklich alles an Reisestrapazen wert. Ein neues Land! Wie aufregend. Ich habe meinen Ohrwurm von Zea Mays‘ Negua joan da ta aus Deutschland mit dorthin verschleppt (und JO im Übrigen gestern halb unbeabsichtigt auch noch davon begeistern können), zusammen mit dem hastig vor der Hinfahrt ausgedruckten Text, um es am Wochenende fertig lernen zu können. Es hat funktioniert. Die ganze Stadt hat dieses Lied als Soundtrack, und dabei war unser Aufenthalt nicht gerade unmusikalischer Natur. Dazu später mehr. Wir haben die Stadt durchkämmt und den Bockfelsen beklettert und die dramatischen Schluchten bestaunt und sind diversen City Sightseeing-Bussen begegnet, deren Touren ich dank meiner Arbeit ja mittlerweile sehr gut kenne. Wir haben herausgefunden, dass das Benutzen öffentlicher Toiletten in Luxembourg doppelt so viel kostet wie im Rest der Welt, und dass über 40% seiner Einwohner aus dem Ausland kommen. Wir sind vor Hitze halb geschmolzen, während wir uns die Berge rauf- und wieder runtergekämpft haben. Ich habe schon wieder vergessen, wie diese Dinger heißen, auf die man sich stellen kann und die einen dann einfach tragen – ein Brett mit Rädern und einer Stange vorne zum Festhalten. Nein, kein City-Roller – es hört mit „way“ auf und ich habe JO bestimmt viermal nach dem Wort gefragt, weil es sich in meinem mentalen Lexikon einfach nicht manifestieren will. Die Sprachen an sich sind in Luxembourg ja auch ein Erlebnis. Oder sollte man „Lëtzebuerg“ sagen… Was für ein interessantes Verständnis diese Menschen von „Deutsch“ haben.
Sie haben aber allgemein interessantes Verständnis von vielen Dingen. In meinen zwei Tagen dort wurde mir zwei Mal hochenthusiastisch verkündet, wie grandios mein Stil wäre – davon zehre ich dann jetzt wohl die nächsten zehn Jahre. Trust my home country to be the one I get ignored in most of the time – die Menschen, denen ich beachtenswert erscheine, halten sich offenbar als geschlossene Front im Ausland auf. Eine Verschwörungstheorie? Wer oder was will mich zum Auswandern bewegen?

3. Musik.

Das Konzert – der eigentliche Grund unseres Zusammenfindens – war definitiv in vielen Hinsichten ein besonderes. Ich nominiere es für Awards in den Kategorien „beste Vorband“ (die Luxembourger „All The Way Down“ allein waren es wert, den Ausflug durch ein halbes Land hin zu diesem Konzert zu unternehmen), „Weirdest Vocalist“ (die Sängerin von Against Me! war irgendwann mal ein Mann und hat ihre Stimme keinerlei Operationen unterzogen, was zwar bei den Risiken, die das mit sich bringt, absolut verständlich ist, aber trotzdem dem Ganzen ein einfach unvereinbares Wesen verleiht – immerhin war der Sound so schlecht eingestellt, dass man sie kaum gehört hat), „most crowdsurfers“ (es waren mehrere pro Song, es waren viele Songs und natürlich mussten sie alle, allesamt – unserer erstreihigen, mittig gelegenen Position sei Dank – über meinen Kopf hinweg hinter die Security-Barriere den dafür angestellten Sicherheitsmenschen in die Arme fallen. Wurdest du je von einem herabfallenden Crowdsurfer erschlagen? Lass dir gesagt sein – ein-zweimal pro Konzert reicht. Du willst das nicht drei Mal pro Song verkraften. Ich hatte Todesangst wie nichts Gutes, war aber natürlich selbst schuld, weil mein Schädel, obschon malträtiert von den massiven Schuhen, Körpern und Gliedmaßen unzähliger Fallender, immer noch zu dick ist, um mir zu erlauben, meinen Platz aufzugeben und mich damit für defeated zu erklären. I’m not a quitter, dachte ich mir und versuchte weiter Taktiken zu entwerfen, wie dem von oben kommenden Unheil noch halbwegs schadensbegrenzend zu entgehen war – und hatte Erfolg, was du daran siehst, dass ich hier sitze und dieses Romänchen tippe) und „most deafening“ (der Tinnitus scheint sich in meinem linken Ohr häuslich eingerichtet zu haben, und als wir vorletzte Nacht ins Hostel kamen, konnten wir beide kaum schlafen, weil unsere Ohren der nächtlichen Stille zum Trotz ihr eigenes Konzert inklusive Rauschen veranstalteten. Es wird langsam wieder besser, aber es ist ganz eindeutig noch da). All in all, ein gelungenes Konzert, ich stand nur leider am falschen Ort. Mir wurde mal wieder bewusst, was es eigentlich ausmacht, die Band, die spielt, nicht zu kennen. Das ganze Adrenalin hat mir gefehlt, das einen diese ganzen an sich unmenschlichen Bedingungen nicht nur aushalten, sondern sogar als exhilerierend ansehen lässt. JO neben mir war völlig aus dem Häuschen und sprang herum wie nichts Gutes. Ich ebenso, mehr aus schierer Notwendigkeit als alles Andere. Du kannst nicht einfach nicht springen, wenn um dich herum die Menge wie ein brutales Meer in ihrem eigenen Rhythmus wogt. Das lernt man schnell auf Konzerten, das weiß ich nicht erst seit vorgestern.

3.1. Play Me I’m Yours.

Überall in der Stadt stehen Klaviere. Wunderschöne. Man kann darauf spielen; natürlich habe ich JO an beiden Tagen in den Bahnhof gezogen, um mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen und die von dem dort befindlichen Exemplar ausgehende magnetische Anziehungskraft auf mich wirken zu lassen. Das resultierte letztendlich darin, dass ich auf Tausenden von Touristenvideos zu sehen und hören bin, sowie in einer Bekanntschaft mit einem Typen, der irgendwie fand, dass ich toll bin, und meinte, ob ich nicht Lust hätte, ein Konzert zu spielen – er hat Connections. Ich hab‘ Sarah alarmiert, dass sie sich mal Anfang August oder Ende September freihalten soll für unseren Gig in Luxembourg. Jetzt brauchen wir nur noch Equipment, einen Namen und einen Tourbus. Ich war sehr, sehr kurz vorm Hyperventilieren, als wir da weggefahren sind, ich sag‘ es dir.

4. Ich überspringe ein paar Punkte, weil ich langsam müde werde und nachher um halb elf in der Arbeit sein will.

5. Wohnung.

Es sieht so aus, als könnte es diesmal etwas werden. Man wird sehen – heute. Wenn das klappt, liebe ich Trudi. SEHR.

6. Medis.

Heute 4. mediloser Tag; es ist okay, ich muss viel machen und wenig allein sein. Busfahren gestern war grenzwertig, aber alles vollkommen im erträglichen Bereich. Ich arbeite dran.

7. Haare.

Es saß vor mir auf der Fahrt von FFM nach Stuttgart ein Mensch mit so unwahrscheinlich wunderbaren Haaren, dass es eine Qual war, hinter ihm zu sitzen. Ich habe zweieinhalb Stunden lang mit dem Verlangen kämpfen müssen, ihm auf den Kopf zu grabschen. So eine Hülle und Fülle wunderbarer dunkler, fingerlanger, weich aussehender, leicht gelockter Haare. Ich wollte ihn fast schon fragen, ob er sich kurz umdrehen könnte, um herauszufinden, ob der Rest von seinem Kopf so schön war wie die Hinterseite. Aber ich habe es gelassen – immerhin bestand das Risiko, dass sein Gesicht nicht mit seiner Haarpracht hätte mithalten können, und was hätte ich ihm dann sagen sollen? „Nee, schon in Ordnung, dreh dich wieder um“? Maybe not. Langsam muss ich wirklich einsam und verzweifelt sein, diesem Geschehnis nach zu urteilen.

8. Mehr Klempnerei.

Dafür spricht auch (und das spricht andersherum auch dafür), worüber ich wieder verstärkt nachdenke, nämlich dass ich einfach mal eine Therapie anfangen sollte, mit deren Hilfe ich mich vielleicht von diversen meiner Issues (Sexualität, Fallenlassangst, Selbstwahrnehmung, diese Geschichten) befreien könnte, statt mich in der Hinsicht einfach wie bisher als hoffnungslos abzustempeln und sie auf immer mein Denken und Dasein so überaus unvorteilhaft kontrollieren zu lassen. Ich glaub‘ nämlich fast, die Menschen sind einfach nicht so, wie ich sie bräuchte (und wie sie vermutlich noch einige andere Exemplare der menschlichen und nichtmenschlichen Spezies bräuchten) – niemand wird mich, auch jetzt nicht, wo es wirklich nicht schaden könnte, wie ein rohes Ei behandeln, also muss ich weiter und weiter daran arbeiten, mich einfach selbst nicht wie ein rohes Ei zu sehen und – um alles in der Welt – auch keins zu sein. Damit ich lerne, wie man das macht, wenn man nicht gerade auf Medikamenten ist, hätte ich gern ein neues mentales Framework.

9. Schlafen.

Jetzt wird geschlafen.

So lebt man vor sich hin.

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„Ich dachte, du wolltest noch mehr bunt machen“, meinte Sarah gestern Abend fast schon anklagend, als sie zu meiner Tür hereinkam. Dabei hatte sie sich vorgestern so sehr dagegen geäußert, dass ich noch mehr meiner Haare mit Filzwolle verrubbele. Wie ich in der recht kurzen Zeitspanne zwischen der Probe und unserem Treffen gestern wohl dazu hätte kommen sollen, mich um meine Haare zu kümmern.. Donnerstage sind Unitage, und nachdem ich nach Hause kam, habe ich erstmal Lenas Freundin Johanna ein bisschen grundlegendste Syntax verständlich gemacht, es geschehen noch Zeichen und Wunder. Sie meinte, es hat ihr wirklich geholfen.

Nachdem ich am Abend mit meiner Reste-Pizza so ziemlich alles an Gemüsevorräten aufgebraucht hatte, das ich noch besaß, wurde es vorhin, als Sarah wegwar, seit Langem mal wieder Zeit für Nahrungssuche. Während ich mich durch die Container wühlte und ein Päckchen Kuchenglasur nach dem anderen in meinen Beutel stopfte, kamen zwei bedrohlich anmutende Gestalten auf mich zugehumpelt. Für einen Moment war ich schockiert, bis eine der Gestalten mir zurief, „die junge Linguistin, oder nicht? Na, du bist ja ewig nicht mehr gekommen.“

Dass er mich wiedererkannt hat, grenzt an ein Wunder. Ich dagegen hatte es leichter – er war der einzige Mensch, mit dem ich mich bis dato auf meinen Müller-Streifzügen je unterhalten hatte. Als ich ihm Anfang Februar begegnete, war ich gerade dabei, für meine Geburtstagsnachfeier Pintxo-Zutaten zusammenzusammeln. Er konnte sich haargenau an alles erinnern, was ich ihm damals erzählt hatte. Die zweite Gestalt war seine langjährige Freundin Irene, die („das ist gut für meine Gelenke!“) immerwährend am Herumzappeln war und dabei verkündete, ihre Beine würden ihr schmerzen von ihren zwei Jobs, die sie gestern hintereinander hatte. Sie hat Literatur studiert, arbeitet nun als Krankenschwester und nebenher als Seniorenpflegerin. Wenn ich so ende, kann ich mich gleich begraben lassen. (Von den armen alten Menschen, die mir hilflos ausgeliefert sind, mal ganz zu schweigen.)

Ein kurzes Pläuschchen also, wie mittlerweile üblich zwischen der Containertätigkeit und unseren jeweiligen akademischen und beruflichen Richtungen hin- und herpendelnd, dann war ich wieder allein und fand Lauch, einen brauchbaren Joghurt und mehr Kuchenglasur. Auf dem Rückweg fing es an zu regnen. Da regnete es wieder draußen, und die Luft roch ungemein gereinigt. Ich habe mich noch gefragt, wieso sie bei Regen nicht immer gleich riecht, wieso der Regengeruch manchmal kommt und manchmal nicht.

Die Ergebnisse von Sarahs und meiner abendlichen Arbeit anhörend zerschnibbelte ich Paprika, Pilze und Möhren zu einer Tiefkühlmischung. Für Trudi habe ich einen Rettich mitgebracht; die Gurken sahen nicht mehr so toll aus und ich dachte mir, Rettich schmeckt bestimmt auch hervorragend zu ihrem neu entdeckten Couscoussalat mit Joghurt und Roter Bete, Zwiebeln und Kohlrabi.

Jetzt bin ich schon wieder so müde, dass ich nicht mehr denken kann. Aber ich glaube, ich hab‘ auch schon halbwegs alles.

Erdian

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Yay, yay, yay yay yay.
I wouldn’t exactly call this „high state“ – wie ich normalerweise solche Anwandlungen von guter Laune betitele, bei denen man ganz genau weiß, dass sie nicht aus einem selbst heraus kommen, sondern sozusagen von der Außenwelt „imposed“ sind – because, to be honest, I’m pretty dang tired, I’m calm, I’m feeling incredibly stable, I’m not even hyperventilating at all. Das hier fühlt sich eher so an wie damals die ersten verwirrenden Episoden innerer Ruhe, als das glorreiche Zeitalter meiner Medis anfing.

Keine Ahnung, was los ist. Vielleicht ist es auch einfach nur die Schlaflosigkeit. Çiğdem, die Droge. Es fühlt sich nur überhaupt nicht an wie die Droge.

Saskia und Charlie waren hier, um Pizza zu essen (bzw, sie zu produzieren und dann zu essen, weshalb uns Saskia und ich schon ein paar Stündchen vorher getroffen und bei der Gelegenheit nicht nur den Teig vorbereitet, sondern gleich auch meine Haare entunstaltet haben, die ich am Wochenende in einer nicht ganz optimal beleuchteten Situation mit übriggebliebener roter Farbe versehen hatte, nachdem ich ihr ihre eigenen nachgefärbt hatte – jetzt jedenfalls ist alles wieder in bester Ordnung) und bis halb eins Simpsons zu gucken. Wir werden heute Nachmittag/Abend nochmal etwas zusammen machen; Charlie fliegt morgen. Nach England, nach Hause, wie merkwürdig.

Und ich fliege auch demnächst. In wenig mehr als zwei Wochen. Nach Hause, nach Hause.
Und dabei kann ich in diesem Zustand gerade dem Hiersein überhaupt gar nichts Schlechtes zuschreiben; wenn das anhält, werden die letzten beiden Wochen ein einziges Phänomen.
In diesem Zustand ist aber generell erstmal alles ein einziges Phänomen. So zentriert war ich ja ewig nicht mehr.

Wir werden sehen. Granada ist festgemacht – wie ich mich freue.

Vielleicht waren wirklich Drogen in dem Pizzateig.

Nichts ist permanent

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Mein Schlafrhythmus ist offenbar dabei, sich wieder in Richtung Nachteule zu verschieben – ich freue mich jetzt schon, dass morgen Lenguas y Culturas ausfällt.

Ich habe mit Caro geredet, nicht unbedingt das einfachste, unemotionalste Gespräch, das ich je hatte – reinigend. Nun geht sie ins Bett und ich sollte das Gleiche tun – und dafür nachher wieder umso mehr für Uni und Leben arbeiten.

Ein bisschen bin ich ja am Überlegen, ob ich mir nicht doch Anfang Juli schon meine Dreads machen lassen sollte, statt wie bisher geplant Ende November.

Ich werde kein großes Ding daraus machen. Oder es zumindest nach bestem Wissen und Gewissen versuchen. Ich werde es einfach probieren, es hinnehmen und schauen, ob es sich gut oder schlecht oder gar nicht auf mich, meine Persönlichkeit und meine Existenz auswirkt, und wenn es mir nicht gefallen sollte, dann erfolgt halt einmal in meinem Leben von meiner Seite aus ein radikaler Schnitt.
Mir war eh zwischendurch immer mal wieder auch nach kurzen Haaren.

Meine Lektion in diesem Leben, es ist nichts permanent. Rein gar nichts, außer dem Tod, der ja leider schon.

Schinkenhaare und Erwartungen.

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Mich haben heute zwei Menschen innerhalb eines Vormittags darauf angesprochen, wie exeptionell mein Englisch sei. Der reinste Wahnsinn, es ist wieder so eine Lobwelle. Wenn die mal kommen, dann richtig. Zuerst Srdjan, von dem ich ja gar nichts anderes mehr gewohnt bin – jedes Mal wieder, er überschlägt sich ja immer fast vor Begeisterung und macht mir damit ein sehr unangenehmes Gefühl, sodass ich meinen Kopf in meinen Händen verstecke und er mich fragt, was daran so lustig ist, woraufhin ich ihm heute erstmal erklärt habe, dass ich so viel Anerkennung einfach nicht abkann – und dann noch eine random Person, die im Kurs neben mir saß, Naemi heißt sie, welch ein interessanter Name.

Das alles erinnert mich an eine Beobachtung, die ich vor einer Woche gemacht habe, als ich im Grammar in Context-Kurs ein kleines Geschichtchen wiederbekommen habe mit dem Kommentar „Very good! I think you should be a writer.“ Ich habe mich verständlicherweise tierisch gefreut und habe das Blatt schnell weggesteckt, bevor es noch jemand gesehen hätte. Sehr überrascht war ich aber nicht; die Dozentin hat nicht sehr hohe Ansprüche und hatte mir außerdem letztes Semester schon gesagt, ich sollte doch Übersetzerin werden. Später aber habe ich nochmal darüber nachgedacht und war plötzlich sehr entsetzt von der Tatsache, dass mich nichts daran erstaunt hat und ich auch nur geringfügig gerührt von der Bemerkung war. Und ich habe mir in Erinnerung gerufen, dass es bestimmt sehr viele Leute gibt, die so etwas nie unter (oder in dem Fall über) ihren Texten stehen haben, und ich habe mich gefragt, was mir eigentlich einfällt, es nicht mehr zu würdigen. Vielleicht sollte ich meine Standards senken und nicht unbedingt erst richtig zufrieden sein mit meiner Arbeit, wenn hinterher solche wirklich ermutigenden Kommentare dabeistehen. Vielleicht ist es aber auch gut; zumindest in dem Bereich sind meine Erwartungen offenbar ja nicht unrealistisch hoch und durchaus erfüllbar, warum also freiwillig mit weniger zufrieden sein, als ich erreichen könnte?

Ansonsten war dieser Tag wieder mal äußerst ausgefüllt, aber bei Weitem nicht so stressvoll wie gestern. Und meine Haare sind auch wieder präsentabel, wenn man davon absieht, dass sie dank Samas Schinken-Fail vorhin in der Küche nicht mehr nach Friseur riechen, sondern eben eher nach Räucherfleisch. Ich könnte sie.. Aaaargh.

Nunja, jetzt muss ich auch schon wieder schlafen gehen. Morgen wird nochmal ein langer Tag und dann besteht endlich wieder Aussicht auf Entspannung.

Ein Yay für meine Haare und alles.

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Wie ich sie liebe. Wie ich sie einfach nur liebe. ICH LIEBE MEINE HAARE!!! OH MEIN GOWAI, was ein Friseurbesuch für die Stimmung tun kann! 65€€ plus Tip ärmer, bin ich dafür nun im Besitz um Längen wunderschönerer Haare. Ich kann gar nicht glauben, dass ich mein Leben lang schon so hätte aussehen können und es erst durch eine Spontan-Kurzschlussidee bemerkt habe.
Jetzt telefoniere ich mit JO und habe erfolglos versucht, sie dazu zu bringen, nicht erst am Freitag vor RaS zu uns zu kommen, aber sie ist wie immer sehr gewissenhaft und möchte nicht noch mehr Schule schwänzen. Vorhin habe ich einen übertrieben zuckersirupgetränkten Revani-Kuchen gebacken und werde den gleich zerstückeln und mit an den See nehmen, wo Lena ein paar Leute zusammentrommeln wollte. Da muss ich gleich auch schon wieder los.. meine Güte, die letzen drei Tage lang war ich so beschäftigt wie davor mein halbes Leben zusammen nicht. Tut mir ganz gut, glaube ich.

Erfolg

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Ich hab’s geschafft, ich hab’s geschafft, ich hab’s geschafft, ich habe einen Termin ausgemacht, indem ich ANGERUFEN habe, und es hat wunderbar geklappt und ooooooooooohaaaaaaaa, ich bin so geflasht von meinen Fähigkeiten, ich bin so GUT, ich bin so GUUUT, ich kann telefonieren, ich kann mich diszipliniert verhalten und zu abartigen, aber notwendigen Sachen überreden, lob mich mal bitte einer ;D

Wenn irgendwas Anlass zur Sorge machen sollte, dann wohl diese Reaktion auf einen gerade getätigten Telefonanruf in einer Arztpraxis, nehme ich an.

Aber was soll’s, dieser High State (nach diesem [inzwischen offenbar nicht mehr existenten, Schande aber auch]  Artikel, auf den ich damals zufällig mal gekommen bin, als es mir in den Sinn kam, „music addiction“ zu googlen) rettet mir gerade den Vormittag (hat nicht so blendend angefangen; ich bin aufgewacht und habe mir die Haare gekämmt und beim Saubermachen der Bürste kam mir ein Haar entgegen, das mir nicht gehört – ich sage dir, diese Haare sind wie eine unauslöschliche Plage, ich meine, hallo, ich mache die Bürste ein paarmal pro Woche sauber und es kommen immer noch diese Haare raus? Seriously, nach knapp sieben Monaten? Ich könnte mir bald eine Sackrattenperücke anfertigen, wirklich mal. Und ich könnte JO killen, wieso musste sie überhaupt unbedingt die Sackratte mit meiner Bürste kämmen).

Und jetzt hat auch noch Mama mich angerufen und erzählt, dass sie schon wieder ein Bild verkauft hat – damit haben jetzt alleine von denen, die im Hotel Hohe Wacht ausgestellt sind/ waren, schon vier Stück einen Käufer gefunden. Nicht schlecht, würde ich sagen, erst recht in diesen Zeiten.