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Maskara kenduta

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Keine Chance, noch rechtzeitig fertigzuwerden. Dazu müsste man erstmal anfangen. Bisher habe ich gefrühstückt und Fotos an meine Tür geklebt, immerhin zwei Dinge, die ich auf jeden Fall machen wollte, aber irgendwie nicht genug.

Es schneit. Ich höre mein (bislang) liebstes Album Berri Txarraks, Ikasten, gerade zum dritten Mal durch und friere ein wenig. Außerdem spielt mein Kopf mir immer noch Zitate ab, und das, obwohl ich inzwischen doch ein paar Stunden wie ein Stein geschlafen habe.

Irgendwie könnte „zitate“ auch ohne Weiteres ein baskisches Wort sein. Vor allem hatte ich mich grad vertippt und „Zizate“ geschrieben; das sah noch mehr euskarisch aus.

Mir passiert sowas immer, immer um Silvester rum. Dezember ist mein Monat der Enden. Es ist wirklich wahr. Und die armen Menschen, die mich zu Silvester besuchen kommen, können mich dann jedes Mal in der Pfeife rauchen.

Wie gut, dass ich einen End-Monat habe, wohingegen sich ein Anfang vermutlich bis an mein Lebens-Ende nicht blicken lassen wird. Wie gut, dass ich mich auf Enden spezialisiert habe. Ich sammele Enden. Sogar einer meiner Lieblingsautoren heißt Ende. Wenn das mal keine Ironie ist.

Meine namibische Couchsurferin hat mir geantwortet! Sie sagt, es gibt bisher kein Problem und es sieht so aus, als könnte ich meine erste Woche bei ihr verbringen.

„Nimmst du mich jetzt noch mit nach Namibia?“, zitiert mir mein Kopf.
„Ich wüsste nicht, wieso nicht.“
„Weil ich ein Depp bin.“
„Ob du jetzt hier ein Depp bist oder in Namibia, macht auch keinen Unterschied.“

Nire gogoan bist du eh eingesperrt, füge ich grad mal hinzu, da kannst du dich auch am Ende der Welt in einer Felsspalte rumtreiben. Weswegen ich auch immer noch nicht das Problem verstehe. Was ist so schlimm daran, wenn jemand alle paar Minuten das unerklärliche Bedürfnis verspürt, abzuhauen und in einer Felsspalte zu stecken? Ich verstehe es nicht. Solang du, wenn du dabist, es wirklich bist. Solang ich glauben kann, dass du mich nicht völlig vergisst, wenn du es nicht bist.

„Du brauchst jemanden, der immer da ist.“
„Naja.“
„Doch. Also, Tschuldigung, dass ich dir widerspreche..“
„Es wär mal ganz schön, so zur Abwechslung.“

Aber, füge ich grad mal hinzu, man könnte es auch so sehen – gib mir die Wahl zwischen niemandem, der da ist, und jemandem, der ab und an da ist, was meinst du, was besser ist. Überhaupt, was ist immer dasein denn für ein Zustand. Ich habe Leben genug, das mir so schon die Zeit aus jeder letzten Ecke saugt. Was um aller Welt sollte ich noch anfangen, wäre jemand immer da. Eigentlich – gib mir die Wahl zwischen niemandem, der da ist, jemandem, der immer da ist, und jemandem, der ab und an da ist, da ist die Ab-und-an-Variante für mich noch die gesündeste. Wie gesagt, unter den Bedingungen von oben.

Und dann das wirklich Tragische, was mir halb das Herz gebrochen hat.

„Ich hab kein Zuhause.“

Wenn man mich mit Heimatkrisen konfrontiert, kann man wirklich froh sein, wenn ich nicht auf der Stelle zusammenklappe, allein aus empathischen Gründen. Wirklich, in dem Moment.. jetzt, immer, wenn ich dran denke, stauchen sich meine ganzen Organe zusammen und ich will einfach nur irgendwie machen, dass er ein Zuhause hat. Hätte er nur eins, vielleicht würde er dann sogar aufhören, vor sich selbst wegzulaufen. Man ist nicht komplett ohne Zuhause, man ist nicht man selbst. Ich weiß doch, wovon ich rede.

„Ich glaub, es wäre auch anders, wenn ich in Konstanz wäre. Da könnte ich ein Zuhause haben.“

Wenn er irgendeine Ahnung hätte, wie ein Zuhause dein ganzes Dasein vollkommen verändert, dich aufwertet, dein Leben aufwertet, würden seine gesamten Prioritäten sich verschieben.

Ich hatte keine Ahnung, wie kaputt er ist. Und das ist traurig und das ist eine Schande, schließlich mochte ich ihn schon, als ich noch dachte, er wäre kein bisschen kaputt, und es ist nunmal leider so, dass ich Menschen umso mehr mag, je kaputter sie sind. Ungünstig. Tragisch.

„Ich will dich in den Arm nehmen und mit dir nach Namibia fahren.“

„Ich weiß nicht, was ich will.“

„Als ich Zivi gemacht hab, das war mein Zuhause.“

„Würdest du auf einem baskischen Bauernhof wohnen wollen?“

„Es war nichts künstlich.“

„Ich kann mich dir nicht antun.“

„Ich hab einfach Angst.“

„Essbar ist das schon, unsere Mägen sind nur nicht dafür gemacht.“

Wie random.

„Schreibst du grad ne Klausur, oder wieso isst du deinen Pulli?“
„Ich mach das immer, wenn ich nervös bin.“
Wieso bist du nervös?“

Ich hab keine Ahnung, was er darauf erwidert hat. Vermutlich hatte es etwas mit „kein Plan“ zu tun, damit ist man bei ihm meistens ganz gut dabei.

Genug jetzt; was wird das denn schon wieder hier. Aber besser, ich brüte darüber jetzt ein bisschen, als später damit anzukommen, wenn die Anderen dasind. Irgendwie ist das nicht so ganz so undramatisch abwickelbar, wie ich mir das gedacht hatte. Aber das macht gar nichts; man ist ja irgendwo menschlich und wenn sich das darin äußert, dass einem solche Situationen ein bisschen zu schaffen machen, dann, um Himmels Willen, soll es das doch bitte tun. Alles ist besser als völlig abgestumpft rumzuexistieren und sich was drauf einzubilden, dass man mit allem klarkommt und einen nichts und niemand beeindruckt.

Eeeeh. Ich weiß ja, ich will das eigentlich gar nicht mehr tun, aber kann ich kurz ein kleines bisschen sehr offen resigniert sein – pixkat nur, ein ganz kleines bisschen, hier, weil es einfach so wunderschön ist.

Maskara kenduta, esaidan ez al dunan berdina sentitzen erraietan.
Habiéndote quitado la máscara, dime si no sientes lo mismo en tus entrañas.

(Ich hoffe ja nicht. Das will man eigentlich nicht fühlen.)

Edit: Darf ich noch schnell drauf hinweisen, dass sich Hika-Formen in diesem Lied befinden und ich sie verstehe? Darüber bin ich glücklich, unglaublich doll sogar. Ich glaube, meine Stimmung macht komische Sprünge. Gerade hat mich Robert angerufen, um mir bescheidzugeben, dass sie etwa um zwei Uhr bei mir sind, sofern ihnen nicht mehr so viele Berge in den Weg kommen. Offenbar hat Janines Auto bei dem Wetter geringfügig Schwierigkeiten, mit über 55km/h welche heraufzufahren.

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Heimatkrise (aber nicht wirklich!): Auf ein Neues.

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So, irgendwie hatten wir jetzt Weihnachten und da steht ein Baum im Wohnzimmer, der wie jedes Jahr wunderschön geschmückt ist, aber, soweit ich das überblicke, niemandem von uns die passende Stimmung wirklich ins Herz zu holen schafft. Wir haben die meisten unserer heiligen Heiligabendstraditionen über Bord geworfen und während es sich dadurch einfach noch weniger wie Weihnachten angefühlt hat, bin ich irgendwo doch froh drum; es wäre zu geheuchelt gewesen. Die ganzen Jahre davor war es immer schon nicht mehr echt. Und dieser letzte Heiligabend in diesem Haus (es verzieht mir doch ganz schön den Brustbereich, wenn ich zu sehr drüber nachdenke) war einfach nochmal symbolisch dafür, dass Veränderungen unaufhaltsam sind. Man verändert sich und sein Leben ja meistens widerwillig oder zumindest schwerfällig – Materie ist faul; sie will sich nicht bewegen. Genau so ist unser Geist. Wir haben alle ein Haus im Kopf, das wir oftmals schon seit vielen Jahren bewohnen und das aufzugeben uns so voll und ganz widerstrebt, weil wir einfach nicht wissen, was draußen auf uns zukommt. Aber natürlich ist auch Veränderung die einzige Möglichkeit, überhaupt irgendwie voranzukommen.

Ich hab‘ Angst, so ein bisschen, dass die Nostalgie irgendwann doch noch zuschlägt. Mir wird immer mehr bewusst, dass der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, doch irgendwie zu mir gehört, jetzt, wo ich im Begriff bin, ihn wirklich hinter mir zu lassen. Auch wenn ich hier nie so wirklich das Leben kennengelernt habe, wie es sich mir viel später offenbart hat; irgendwo ist Oldesloe ein Teil meiner Heimat.

Umso dankbarer bin ich, mein Zuhause an anderer Stelle gefunden und aufgebaut zu haben. Man stelle sich nur vor, ich wäre einer von diesen Menschen, die studieren gehen und aber ihr Elternhaus nie wirklich im Geiste verlassen. Die sagen, „ich fahr heim“, und meinen, „ich fahr meine Eltern besuchen“. Dann wäre ich so tief getroffen von diesem Verlust jetzt – dann hätte ich ja praktisch (wieder einmal) kein richtiges Zuhause mehr. Eine Runde immense Dankbarkeit für mein Zuhause, wheey.