Schlagwort-Archive: Helfen

Meine Mutter würde es Schicksal nennen.

Standard

Erst so früh? Ich bin hellauf begeistert, ich hätte es weit nach Mitternacht geschätzt.

Heute war ich – unglaublich, aber wahr – seit vor meinem Geburtstag zum ersten Mal wieder alleine containern. Diesem Leben, das wenig enthält außer Zocken, ein bisschen Arbeit und Lethargie, fehlte die Komponente des Alleine-Containern-Fahrens ganz furchtbar, auch wenn das bedeutet, dass mein durch Autogefahrenwerden verwöhnter Körper mal wieder die volle Dröhnung einer vollen Stunde in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf den eigenen zwei Füßen bis zum Spot hin aushalten musste. Und natürlich war es, war ich dann einmal unterwegs, überhaupt nicht mehr schlimm und alles lief wie geschmiert.

Und weil ich beim Großhandel nicht den Monsterfang aller Monsterfänge gemacht hatte, beschloss ich kurzerhand, noch den neuen Spot ein paar S-Bahn-Haltestellen weiter anzusteuern, den ich bisher nur mit Auto zu erreichen geglaubt hatte. Hah. Gedankt sei meiner Eingebung, es trotzdem mal zu versuchen. Es gibt eine Haltestelle praktisch vor der Tür.

Auf dem Weg dorthin machte ich Bekanntschaft mit einem äußerst speziellen Menschen, der mich beim Warten auf die Bahn anquatschte. Ob das in meiner Hand ein Telefon sei. (Es war das AG. Ich nickte.) Ob ich auch in Schriesheim wohne. Eine Frage – ich sei „wundersüß“, ob ich einen Freund hätte. Er erklärte mir, er sei geistig behindert aufgrund von Kriegstraumata, und er war auch ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber er war eine herzensgute Seele. Er mochte mich. Als ich seine Frage nach dem Freund bejahte, ging er zur nächsten Laterne und tat, als würde er mit dem Kopf dagegenhauen. Warum nur ich einen Freund hätte? Dann erzählte er mir von seinen Problemen mit Beziehungen, dass er so gern eine Freundin hätte, aber ihn die Frauen immer nur verarschen würden. Er sei in Therapie deswegen. Und wegen des Kriegs. Frauen vergewaltigt. Eine Frau war schwanger, und… Dazu die Bewegung mit beiden Händen, wie um sich selbst den Bauch aufzureißen. Und Kinder… Die selbsterklärende Pantomime; Waffen, Mord und Totschlag. In den Himmel würde er wollen, dort hätte er keine Probleme mehr. Er müsse unentwegt heulen, immer in der S-Bahn, selbst im Schlaf würde er heulen. Er hätte sich extra den deutschen Pass gemacht und alles, aber bekäme einfach keine Arbeit. Einen Mann aus dem Feuer habe er gerettet, Gasexplosion, die Freundin sei nach Hause gekommen, es war da Feuer, sie habe nicht gewusst, dass er drin ist. Wenn er sterben würde, seine Leiche wäre hier nicht willkommen, man müsse ihn nach Albanien verschiffen, der Sarg mit seinem Namen sei vorbereitet, alles fertig und bezahlt. Ich habe nicht viel gesagt. Was soll man dazu auch sagen. Außer: Das dauert aber noch eine Weile.  In der Bahn standen wir zusammen, weil ich vom Containern zu beladen war, um mich hinzusetzen. Ich sagte ihm, nur nicht aufgeben, nicht aufgeben. So viel, wie er schon geschafft habe… Er bat um Erlaubnis, mich umarmen zu dürfen. Er fand, ich sei ein guter Mensch, und fasste sich ans Herz dabei. Er wünschte mir und meiner Familie ewiges Wohlergehen, Reichtum und Dergleichen mehr. Wie heftig entsetzlich einfach die ganze restliche Welt zu ihm gewesen sein muss, dass er mein Zuhören als eine solche Wohltat begriff. Er stieg an der gleichen Station aus wie ich und wir umarmten uns erneut. Er war wie ausgewechselt, so froh darüber, dass er den Arm ausstreckte und meinte, er habe Gänsehaut. Natürlich kannte er das Wort nicht. Dann rannte er, ein euphorisches Geräusch von sich gebend, davon in Richtung seiner Wohnung. Ich würde mir einfach wünschen, dass dieser Mensch eine Freundin findet, die sein ganzes großes schweres Päckchen mit ihm tragen kann und ihm nie, nie, niemals irgendetwas Böses tut. Oder noch besser, dass er irgendwie lernt, dieses Gewicht selbst zu stemmen, und es vielleicht irgendwann streckenweise sogar einfach vergisst.

Dann jedenfalls habe ich Soja- und Mandelmilch und einen kleinen Joghurt containert, meinen Bus nach Hause gerade so noch erwischt (jemand hielt mir die Tür auf, so eine gute Welt heute), mir ein Abendessen zubereitet (bestehend aus Brötchen mit Hering in Tomatensauce, Letzteres eine freundliche Spende von Becci) und mich unverzüglich wieder ans Zocken gemacht, weil ich vor dem Losgehen hier im Begriff gewesen war, das erste Spiel seit Tagen gegen den Computer zu gewinnen. Zudem habe ich das letzte Bier vernichtet, das noch draußen im Kasten war. Jetzt sitze ich über Ostern auf dem Trockenen. Wenn man von meinem, was ebenfalls Becci zu verdanken ist, zum Bersten gefüllten Likörschrank einmal absieht.

On a side note: Die Therapeutin sagt, ich solle die Medis noch nicht absetzen. Zuerst müsse ich Motivation bekommen. Ich war seit Langem nicht mehr so positiv überrascht von der Frau. Sie hat mir genau das vorgeschlagen, was ich mich selbst nicht getraut habe zu sagen: Auch wenn kein akutes Tief gerade vorherrscht, so ginge es trotzdem noch immer ein gutes Stück besser.

 

Werbeanzeigen

Wenn der Therapeut gestört ist…

Standard

Whoa. Ich habe gerade die erste Runde Therapeuten für Becci abtelefoniert und bin heilfroh, das selbst gemacht zu haben. Nicht auszudenken, was diese Odyssee mit Leuten machen soll, die eh schon kaum in der Lage sind, überhaupt irgendetwas zu tun, geschweige denn von zigtausend potenziellen Helfern abgewiesen zu werden.

Am besten war ein gewisser Dr. Martin Jost (volle Namensnennung in voller Absicht!), welcher mir Folgendes zu schlucken gab: „Ach, für eine Freundin? Also, so über Dritte mache ich das normalerweise nicht. “ Und auf meine Entgegnung hin, dass die Frau seit einem knappen Jahr in einer schweren depressiven Episode steckt und so etwas einfach gerade nicht kann, dann mit der Einfühlsamkeit eines intergalaktischen Highways: „Dann sollte sie sich vielleicht mal in der Psychiatrie vorstellen, wenn es so schlimm ist. Wie soll sie denn zu mir kommen, wenn sie nichtmal anrufen kann? Also, das läuft hier nicht über Hausbesuche. Da muss sie sich schon persönlich vorstellen und selbst anrufen.“

Hallo? Also erstmal: Was, erinnern Sie mich bitte, ist eigentlich normal – gerade in Ihrem Berufsfeld? Und außerdem: Sie sind der Therapeut von uns beiden, oder verstehe ich das falsch? Sollte man sich als fertig ausgebildeter Psychologe nicht eventuell mal mit dem Gedanken befasst haben, dass Leute nicht gleich völlige Krüppel sein müssen, nur weil sie eine an sich leichte Sache nicht gebacken kriegen? Und dass man selbst dazu da ist, Leuten diese Ängste zu nehmen, statt ihnen verständnislos den Rücken zuzuwenden?

Weißt du, wie kurz ich vor dem Heulen war, immer noch bin, vor Hilflosigkeit angesichts eines solchen menschlichen Totalversagens? Als Psychologe?! Wie will er bitte Leuten helfen, die es nicht schaffen, von allein sich bei ihm „vorzustellen“, wenn er nichtmal erlaubt, dass der Kontakt zustandekommt? Wie weit ist es mit der Welt gekommen, dass solche Menschen erfolgreiche Therapeuten sind, von Patienten überschwemmt bis Ende des Jahres?!

Dazu kommt ja noch, dass ich natürlich praktisch selbst nicht in der Lage bin, Gespräche dieser Art am Telefon zu initiieren, und dies überhaupt nur getan habe, weil ich unbedingt Becci helfen möchte, sodass dieses geballte Unverständnis sich im Grunde gegen mich genausosehr richtet – was es nochmal umso verletzender macht.

Also, ich weiß ja nicht, wie es dir damit geht, aber mir vermittelt das Ganze ein ziemlich mieses Gefühl im Bezug auf die Gesundheit des Gesundheitssystems. (Davon mal ganz abgesehen, dass eh ein absurder Mangel an kassenzulässigen Therapeuten herrscht, einfach weil die Menge der zugelassenen Ärzte sich an Statistiken aus dem letzten Jahrhundert orientiert. Facepalm hoch neunundneunzig.)

Ich habe gerade versucht, Becci zu erreichen, um sie über das Wenige, das ich tatsächlich für sie herausfinden konnte, zu informieren, aber sie scheint nicht die Zeit oder die Lust zu haben, auf ihr Handy zu schauen. Macht auch nichts. Was ist schon ein weiterer nicht erreichbarer Mensch nach diesem ganzen Debakel.

Ich habe mir daraufhin einen Irish Coffee mit Beccis epischstem Kaffeelikör zubereitet, den sie nicht mag, weil er zu sehr nach Kaffee schmeckt, und sitze jetzt hier ohne großartigen Plan, was ich noch tun könnte. Draußen scheint die Sonne, meinen Keimlingen auf den Fensterbänken geht es gut, aber es ist zu kalt, um nach draußen zu gehen.

Wenn es nur endlich warm wäre. Du machst dir keine Vorstellungen, wie ich mich auf die Zeit freue, wenn ich endlich die Terrasse wieder mit Pflanzen bestücken kann. Wenn ich aus dem Urlaub komme, kann ich Petunien vorziehen und Ringelblumen und Basilikum; die Kürbisse und Melonen werden schon richtig ansehnlich gesprossen sein und die Tomaten so prächtig, dass ich sie alle in größere Gefäße hinein werde pikieren müssen. Und noch einen Monat später kann alles schon ab nach draußen. Die Morning Glory ist bereits jetzt am Entwickeln kleiner Blättchen und streckt sich munter dem Fenster entgegen; dieses Jahr wird sie rechtzeitig blühen. Ich habe vom Sperrmüll einen wunderschönen Obelisken mitgebracht, um den sie sich ranken wird. Was freue ich mich auf den Sommer!

Guara-na-na-ná

Standard

Die haben meine Nachtbuslinie gecancelt. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Ich bin aufs Fürchterlichste erschüttert. Mir fehlen die Worte. Wie kann man so grausam sein. Diese Welt ist ein schlechter Ort, und das Wegfallen der Eurolines-Nachtbuslinie zwischen Mannheim und Hamburg hat sie definitiv nicht besser gemacht.

Fuck, man. Die eine Sache, auf die man sich einfach verlä… Oh. Es wird jetzt von FlixBus abgedeckt, Touring kann mich mal. Na das war ja mal ein Schock. 19€ nach Hamburg und noch ne Stunde länger schlafen, als würde ich den für 25€ nehmen, der später losfährt und früher ankommt. Hah.

Okay, ich hab dann mal mein Busticket gebucht. Kepa braucht zum Glück nur am Sonntag dann Hilfe, er scheint sich also zumindest so weit berappelt zu haben, dass er morgen sein Zimmer alleine leergeräumt kriegt. Also kann ich Samstag Nachmittag containern gehen, was mich sehr freut, und morgen in aller Ruhe zu Hause gammeln. Yay.

Ich habe heute das unsagbare Glück gehabt, in die Uni zu kommen und festzustellen, dass der Spanischkurs ausfällt. Oh yes, ich hatte die Übersetzung schon wieder nicht gemacht. Während Englisch saß ich mit Barbara herum; wir haben uns über Tod und Katzen unterhalten, unter Anderem. Schon die zweite meiner Kommilitoninnen, die ich unglaublich mag, welche in so jungen Jahren schon mit Tod in der Familie konfrontiert wurde. Ich fühle mich mit meinen Problemchen dann immer so fehl am Platz, so unbedeutend.

Dafür habe ich ihr Guaraná-Pulver mitgebracht und nochmals versichert, dass es Wunder wirkt. Ich erfahre dies gerade erst wieder am eigenen Leib, nachdem ich das gute Zeug viel zu lange vernachlässigt auf dem Küchenregal hatte stehen lassen. Jetzt habe ich meine morgendliche Guaraná-Weizengras-Shot-Tradition wieder aufgenommen und bin hellauf begeistert, wie gut ich mich auf einmal fühle. Es hat im Bus zur Uni angefangen zu wirken und ich fühlte mich unwillkürlich grinsen und sagte mir fröhlich, oh, ich liebe Drogen.

Und es ist wirklich wahr. Ich liebe Drogen.

Das nur so als random Schlusswort.

Irgendwelche Welten, die eigentlich nicht da sind

Standard

Silvester mit Waltraud. Waltraud mit „d“. Weißt du was? Jetzt kann’s nur noch bergauuf gehen. Alda lan.

Basti sagte grad, „Ich vergewaltige dich einfach, dann wirst du automatisch wach.“ Und direkt danach:“Ich häng‘ zu viel mit Schmitty rum.“ Das stimmt allerdings. Schmitty geht’s offenbar nicht gut, weshalb ich Basti, der soeben das Haus verlassen hat, sagte, er solle ihn doch hierherschleppen. Mal schauen, ob er es schafft. Ich hab‘ Absinth konsumiert und befinde mich in einem außerordentlichspeziellen Zustand. Absinth sollte man wrklich nicht unterschätzen. Das reicht erstmal. Ich schlafe jetzt.

Hobbies: Retten.

Standard

Alda lan. Was ich gestern alles gerettet habe, ist schon nicht mehr normal. Ich war von mittags bis in den späten Nachmittag hinein nur mit Retten beschäftigt. Essen von der Tafel. Der Toaster vom über „Such’s“ gefundenen Spender. Essen vom Stamm-Spot. Essen vom neu eröffneten Spot daneben. So viel, dass ich zwei Mal fahren musste. Senfsauce, Ketchup (und somit die dritte Sorte in meinem Ketchupsortiment), Senf, Sour Cream, Tortilla-Wraps. Tomaten, Salat, Vanille-Sirup. (Drei Flaschen. Große Flaschen.) Und daneben diese monströse Mauer aus enormen Eimern Sauerkraut.

Zwei meiner Containerbekanntschaften – Badnerinnen mittleren Alters, die es wissen müssen – haben noch versucht, mich zur Mitnahme eines dieser gigantischen Behältnisse zu bewegen [sag mal, ich schreibe schon ziemlich alliterativ heute, kann das sein? Was soll’s. Alliterationen sind nunmal super], indem sie mir in einer Livedemonstration die astreine Qualität des dort entsorgten Produktes beteuerten. Ich musste dann zu meiner Schande belehrt werden, dass Krautsalat (den ich liebe) aus genau diesem Sauerkraut hergestellt wird (das ich kaum freiwillig in Kontakt mit meinen Geschmacksnerven bringen würde), und versuchte, meinen Kopf mit der hier unten meistens sehr effektiven „Ich komm‘ aus Hamburg, ich hab‘ keine Ahnung“-Ausrede aus der Schlinge zu ziehen. Mitgenommen habe ich die 10 Kilo Sauerkraut dann aber doch nicht.

Zwischendrin habe ich noch in Bastis nunmehr leerer Wohnung  vorbeigeschaut und seine Perishables, die er mir eigentlich am Vorabend hatte mitbringen wollen, vor dem sicheren Verderben gerettet (und dabei noch ein bisschen abgespült und aufgeräumt; die Küche war ein Chaos und ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass er wiederkommt und sie in diesem Zustand vorfindet. Offenbar war er spät dran am Morgen; selbst das Brötchen, das er sich offenbar aufgewärmt hatte, lag noch unberührt im Mini-Ofen. As is, wie mir soeben einfiel, die Tasse Kaffee, die ebenfalls da herumstand und die ich mir dann in die Mikrowelle gestellt hatte, um sie anschließend dortdrin zu vergessen. Oh well, so be it).

Gleich geht der ganze Spuk von vorne los; zumindest mache ich mich um kurz vor zwei auf zur Tafel und harre der Berge an Essen, die ich heute mangels Begleitung allein durch die Gegend schleppen darf. Meine neue Dienstagskollegin ist super, aber kann leider nicht jede Woche da sein. Oh je, das wird wieder lustig.

Danach geht’s ab zu Elli, welcher ich mit Spanisch unter die Arme greifen werde – das einzige Fach, in dem ich sie nicht während meiner BA-Thesis-Bearbeitungszeit an R abtreten kann. Ich hoffe nur, ich bekomme sie überzeugt, dass sie Bio-Nachhilfe braucht, während ich verhindert bin. R kann’s wirklich gebrauchen. Er hat mir heute unerwarteterweise ein knappes Sechstel seiner Schulden in die Hand gedrückt, aber ich fürchte fast, da kommt noch Einiges auf uns zu. (So viel, actually, dass ich meine eigenen Regeln brechen und mein Sparkonto dafür bemühen werden muss; ein Glück für ihn, dass er so ziemlich genau der einzige Mensch ist, für den ich das bereit bin zu tun.)

Fuck, ich muss noch Basti seine Internatskaution überweisen, die ich ihm versprochen hatte auszulegen. Aaaah, ich hoffe, er ist noch nicht deshalb in Schwierigkeiten geraten. Gut, dann habe ich jetzt etwas zu tun, bis ich zur Tafel muss. Und dann ist der Tag schon vorbei: Wenn ich von Elli komme, ist R schon wieder weg und meine Eltern hier, um den Rest des Equipments für Sarahs und meinen Auftritt zu holen.

Und zu allem Überfluss riefen sie mich gerade von der Tafel an, dass es heute viel ist und ich doch bitte mit Anhänger kommen soll, was übersetzt bedeutet, dass ich ein Mal quer durch die Stadt und den halben Weg wieder zurück fahren darf, um den verdammten Salat bequem transportieren zu können. Ach Läden, warum lernt ihr es nicht endlich – IHR KAUFT ZU VIEL SALAT.

Betteln will gelernt sein – sorry, not sinking that low.

Standard

Einen halben Tag hat es zwar gedauert, aber gerade habe ich es geschafft und mich bei Sarah erkundigt, ob ich die zwei Monate lang, die ich während der BA-Arbeit aufhören würde zu arbeiten, ihnen R als Vertretung schicken könnte. Natürlich sagte sie mir, sie würden eigentlich auch so klarkommen und ich solle mir da keine Sorgen machen. Ich habe mich weitestgehend bemüht, ihr irgendwie zu vermitteln, dass es mir ziemlich am Herzen läge, wenn sie meinen Vorschlag annehmen würde, aber da war nichts zu machen. „Ich red mal mit Nic, aber ich denk‘, das muss nicht sein“.

Ideal war die Ausgangslage nicht, das war mir auch vorher klar – die arbeitsreichste aller Phasen ist es in der Tat nicht, die gerade ins Haus steht – aber ich hatte darauf gehofft, das bisschen Sympathie, das sie mir gegenüber eventuell noch hegt, würde ausreichen, um sie in Anbetracht der Dringlichkeit meines Anliegens trotzdem nochmal überlegen zu lassen.

Verspekuliert. Und die bislang demütigendste Situation meines Lebens hinter mich gebracht. Ein grausamer Vorbote der erschreckenden Einblicke, die sich mir vermutlich zeit meines Daseins noch in den Alltag der Arbeitswelt bieten werden.

Aber okay; zumindest weiß ich jetzt, woran ich eigentlich bin.

Sag was. Du schaffst das, es sind nur Wörter.

Standard

Wie ich befürchtet hatte, habe ich es nicht geschafft, Basti und R beim „Kicken gegen Rassismus“ zuzusehen – da hätte man ja um 10 aus dem Bett kommen müssen, seit wann schaffe ich sowas ohne verpflichtende, bindende Termine.

Stattdessen schlief ich bis 12, befand meine Stimmung danach für gut genug, um mich in die Küche zu begeben, habe mir ein Frühstück zubereitet, die Wäsche von gestern aufgehängt und eine neue in die Maschine gestopft, mir eine To-Do-Liste für den restlichen Tag erstellt und mich daran gemacht, diese abzuarbeiten. Alles in allem also ein ziemlicher Erfolg bisher. Ich habe zwar ein paar kleinere Probleme mit dem Bankwechsel, den ich mir vorgenommen hatte heute zu vollziehen, aber das lässt sich irgendwie beheben und ist nicht weiter tragisch. Also müsste ich nun mit dem nächsten Punkt, BA-Recherche, weitermachen und hoffen, dass das erfolgreicher wird.

Meinen Nerven geht’s heute jedenfalls wieder besser. Den fast schon obligatorischen täglichen Heulanfall hat gestern Basti abbbekommen, unverdienterweise, aber da er auch derjenige ist, der es am besten versteht, mich wieder aufzubauen, wurde es kein vollkommenes Disaster.

Es ist halt mega-unfair, wie mir Basti gut zuredet und verspricht, jeden Tag vorbeizukommen und mir Feuer unterm Arsch zu machen und sich meine Fortschritte (oder was ich stattdessen mache) erzählen zu lassen, mir androht, wie ein nerviger Schuljunge fünfundzwanzigmal die gleiche Frage zu stellen, meinen Freunden mitteilt, dass ich jetzt aufhören werde, mit ihnen zu skypen, weil ich eine Bachelorarbeit zu recherchieren habe, mich immerzu fragt, wie weit ich bin und ob ich etwas gearbeitet habe, mir sagt, dass ich das schaffe und es eine Selbstverständlichkeit ist, dass er mir hilft – „es ist ja sonst niemand da, der’s macht“ – während mein Freund, der übrigens Linguistik studiert hat und qualifiziert wäre wie kein Anderer, mir in meiner Unfähigkeit auf die Sprünge zu helfen, für meine Situation ungefähr so viel Hilfsbereitschaft, Verständnis und Interesse aufweist, als wäre mein Wohlbefinden das Letzte, um das er sich zu kümmern hätte. Und auf ein wirklich schon aus der reinen Verzweiflung geborenes „Ich komm nicht weiter. Ich schaff es einfach nicht“ (denn, after all, ich habe ja bereits festgestellt: Your chances go up if you file an application) hin sich kurz vom Zocken ablenken lässt und sagt, „das nennt man Studium“.

Er hat keinerlei natürliches Bedürfnis zu helfen. Er lebt für Politik und Weltverbesserungsideen, aber meinst du, er kommt darauf, sich direkt vor seiner Nase umzugucken, ob da jemand Probleme hat? Muss ich also lernen, auf meine alten Tage noch, um Unterstützung und Hilfe zu bitten? Äh, ich bin eins von den Individuen, die eher sterben würden, als von anderen Leuten Gefallen einzutreiben.

Naja, man merkt’s ja. Quäl dich ab und werd depressiv und baue dir monströse Probleme in deinem Kopf auf, anstelle „einfach mal“ was zu sagen. Ich glaub fast, mir tut das ganz gut; der Mensch hat immer was zu lernen, und diese Lektion war bei mir schon längst mal überfällig.

Waking Up Elli (oder: Wieder nicht gelernt.)

Standard

Gerade bin ich in so einer Vertrauens-Phase. Es ist so angenehm; es tut so gut, sich einen Moment lang keiner Ängste oder Zweifel bewusst zu sein.

Hunger.

Ich werde diese Klausur nicht in dreitausend Jahren bestehen; ich habe es immer noch nicht geschafft zu lernen, und ins Tutorium bin ich auch nicht gegangen, weil ich den riesigen Fehler gemacht habe, mich eine Stunde vorher zum Schlafen hinzulegen. Forget it; ich war erst gegen 18 Uhr zumindest halbwegs wieder zurück unter den Lebenden.

Ich muss ein containertarisches Kochbuch schreiben, ich seh’s doch klar und deutlich.

Tue ich das doch einfach.

Nein, warte, ich kann jetzt nicht anfangen, ein containertarisches Kochbuch zu schreiben, wenn ich Dienstag Klausur habe und noch kein Wort dafür gelernt habe, verdammt.

Ich war heute bei Elli und werde morgen und übermorgen wieder da sein. Letztendlich liebe ich es wirklich sehr, Elli Nachhilfe zu geben. Vor allem deshalb, weil sie der eine, einzige Mensch in meinem gesamten Umfeld ist, der alles, was ich sage, so hungrig aufsaugt, als wäre sie zeit ihres Lebens noch nicht mit der Art Wissen, die ich ihr vermittele, in Kontakt gekommen. Es ist vermutlich auch genau so, und während mich das einerseits zutiefst schockiert, sehe ich andererseits natürlich das enorme Ausmaß meiner Möglichkeiten und Verantwortung. Ich kann diesem Menschen zu einer völlig neuen Sicht auf die Dinge verhelfen. Wenn ich es ganz geschickt anstelle (und ich hoffe, ich bin dabei), schafft sie es irgendwann, ihren Horizont von allein zu erweitern. Ich muss nur den Stein ins Rollen bringen. Und dabei hilft mir noch Trudi, was unheimlich praktisch ist, weil sich unsere Einstellungen zu gewissen Dingen eben doch ziemlich decken und es Elli ganz sicher guttut, diese vollkommen neuen Informationen von zwei verschiedenen Quellen zu bekommen. Man entwickelt dadurch doch automatisch noch mehr Vertrauen.

Also werde ich ihr jetzt, nachdem sie mich vorhin ausdrück- und eindringlich darum gebeten hat, erstmal ein-zwei Dokus zur Massentierhaltung zukommenlassen und mich nebenbei bei R über das genaue Wie-wo-wann seiner Rede auf dem CSD erkundigen. Sie klang ernsthaft interessiert. Sie ist ein guter Mensch; sie muss einfach nur aufwachen. Ich glaube, ich schaffe das.

Ich sollte es ausnutzen, dass R sich momentan vermutlich noch auf der Solid-Sitzung befindet, und einfach lernen.

Ich tue es ja doch nicht. Es wird immer schlimmer.

Anfangen wollen wollen (aber es einfach nicht können) und merkwürdige Einflüsse auf anderer Leute Leben.

Standard

Oh je. Ich weiß mal wieder nicht, wo ich anfangen soll, und fange demzufolge mal wieder einfach gar nicht an.

Es gibt eigentlich genau drei Dinge zur Auswahl, mit denen ich demnächst anfangen sollte: 1) Mir Anziehsachen raussuchen und mich im Bad fertig machen, 2) Gians Website übersetzen und 3) Syntax-Hausaufgaben machen. Mir bleibt momentan noch eine Stunde und ein paar Zerquetschte, bis ich zu Sofie losmuss. Nachher in die Uni zu Maialens Kurs und danach wieder nach Hause. Zeit. Wenn auch zu wenig.

Ich habe eben nochmal mit Sebastiaan geskypet, über den genauer zu berichten mir bisher irgendwie immer durch die Lappen gegangen ist – mein Luxemburger Bahnhofsbekannter (sogar vom hellichten Tage), der mir seinerzeit einen Gig in Luxemburg besorgen wollte und vor Kurzem spontan überlegt hat, hierherzuziehen. Er wurde aus wirtschaftlichen Gründen von seinem Betrieb gedownsized und will sich hier ein besseres Leben aufbauen – und das Ganze hat sich allein daraus entwickelt, dass ich spaßeshalber sagte, er könnte herkommen und meine nicht mehr vorhandene Band managen. Nun hat er gestern seiner Freundin erzählt, dass er wegzieht, woraufhin sie postwendend Schluss gemacht hat – lieb, oder? – und mich gefragt, ob ich irgendwie herausfinden könnte, ob man sich überhaupt ohne Arbeit hier in der Stadt anmelden kann. Das ist natürlich eine gute Frage und ich muss mich demnächst mal drum kümmern, das herauszufinden.

Er ist ein lustiger Mensch. Nicht wirklich im Sinne von „amüsant“, sondern einfach interessant. Er interessiert sich für Sprachen, Musik und alles mögliche Andere, ist einer dysfunktionalen Familie entflohen, legt als zur Zeit einzige Geldeinnahmequelle ab und an mit einem DJ in Clubs auf, hat mein Facebook-Profil so gründlich gestalkt, dass er sich vorhin flüssig mit mir über Foodsharing unterhalten konnte (und hat sogar, upon learning about the concept, mit dem stellvertretenden Geschäftsführer eines Luxemburger Supermarktes gesprochen, natürlich ohne Erfolg, aber oh mein Gowai, welch ein Engagement!) und freut sich unheimlich, dass ich ihm beim Umsiedeln zu helfen versuche. Es ist doch unfassbar eigentlich, wie er einfach mal herzieht, einfach weil er mich hier kennt. Ohne mich überhaupt wirklich zu kennen – ist ja nicht so, als hätten wir damals länger als eine Stunde zusammen verbracht. Er verlässt sich trotzdem aus irgendeinem Grund auf mich. Ich fühle mich höchstgradig geehrt und versuche natürlich, ihm zu helfen, so gut es geht. Er meint, in Luxemburg seien die Menschen nicht so – dass dort jeder jedem am Arsch vorbeigeht und sie alle nur mit sich selbst beschäftigt sind, dass man kein bisschen anders sein darf als sie alle, um als vollwertiger Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden. Und dass die meisten Menschen ihm dort auch merkwürdig finden. Wahrscheinlich, tippe ich einfach mal, weil er auch überhaupt nicht so ist, wie er sie beschreibt.

Nunja, so viel dazu. Ich hab‘ ihm angeboten, fürs Erste auch bei mir unterzukommen, wenn er keine Wohnung findet. Ab Februar bin ich ja eh erstmal weg, dann kann er sich hier für den Monat ruhig einquartieren. Ich seh‘ nicht ein, warum man Leuten, die einem wie gute Menschen vorkommen, nicht einfach mal helfen soll.

Siehst du, jetzt hab‘ ich immer noch nicht angefangen. Mit gar nichts. Das ist doch nicht zu fassen.
Ich hätte so gern Schokolade. Oder Chips. Oder Zeit, einfach gemütlich einen Film zu gucken. Oder was Tolles zu Essen zu machen. Ach du Scheiße, ich muss ja heute Abend auch noch containern gehen, irgendwas muss ich den Euskera-Menschen morgen doch vorsetzen.

Borondate, borondate, azal zaitez.