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Musings of a Moorleiche

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Das Ergebnis von einer Stunde ziellosen Durchblätterns meines Blögchens: Meine Vergangenheit überfordert mich und meine Gegenwart entsetzt mich.

Nein, warte, anders: Das Zurückblicken auf meine Vergangenheit überfordert mich, und mich entsetzt, was und wie ich mir erlaubt habe zu werden.

Ich hab‘ immer gekämpft; wann habe ich aufgegeben?

Und was ist mit dem Leben passiert, das ich mir so hart erarbeitet hatte? Wohin hat sich das verflüchtigt, als wäre es nie dagewesen? Und wie ironisch ist das bitte, dass ich mir gefestigter vorkomme denn je, aber von all meinen Errungenschaften gerade genug geblieben ist, um mich auf Sparflamme warm zu halten?

Ich kann nicht zu gründlich darüber nachdenken, weil sonst alles explodiert. Als wäre ich ewig mit einem riesigen Pickel im Gesicht herumgelaufen und hätte ihn einfach ignoriert, bis ich gerade nicht mehr anders konnte, als einmal dran zu drücken. Jetzt muss er vorsichtig ausgequetscht werden, um nicht die physische Unversehrtheit meines Gesichts sowie des Badezimmerspiegels durch übereifriges Zupacken in Gefahr zu bringen.

Ich muss gedacht haben, ich könnte mich einfach mal ausruhen. So ein Humbug; als wüsste ich nicht, dass die Arbeit nie aufhört. Sie darf nie aufhören. Sonst passiert das hier.

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Seit heute Früh bin ich allein. Es fühlt sich ganz anders an als im Sommer, but then, what doesn’t?

Ich habe einen Großteil des Tages in dem Glauben gelebt, es wäre Donnerstag. Selbst als mich Regula anrief (die Frau des Arbeitgebers meiner Mutter, die mich für Samstag zu sich nach Zürich zum Essen eingeladen hatte) und immer wieder von „morgen“ sprach, habe ich es noch nicht begriffen. Erst nach dem Telefonat sickerte es langsam ein. Eigentlich bin ich heilfroh, weil das bedeutet, dass die eine Verpflichtung, die ich mir eingehandelt habe, morgen bereits erledigt sein wird, andererseits ist es ja genau dieses unbedingte Fernhaltenwollen von jeder (sozial oder anders gearteten) Aktivität, das mein Dasein seit geraumer Zeit prägt und dazu führt, dass ich mich in meiner Vereinsamung lebendig begrabe.

Es wäre wirklich mal wieder an der Zeit, sich an den Haaren zu packen und aus dem Sumpf zu ziehen. Stattdessen scheine ich mich von lichten Flecken in der ehemals so bezaubernden Haarpracht dazu veranlasst gesehen zu haben, mir den Kopf völlig kahl zu rasieren. Das morgen ist ein Haar, das der Sense entkommen ist. Zu erwarten, dass das eine dünne Ding nun robust genug ist, um einen ganzen Menschen daran aus schlammigen Gefilden zu befreien, wäre wohl wenig realistisch. Aber wenn ich es wachsen und das Rasieren sein lasse, kann ich es doch bestimmt irgendwann wieder zu einem halbwegs respektablen Schopf bringen. Und wenn ich wieder etwas habe, an dem man ziehen kann, nunja, dann muss ich daran ziehen.

4-Uhr-Krise

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Es wird mal wieder spannend.

Meine aktuelle Lage sieht aus wie folgt.

(Das gestaltet sich jetzt schwierig, weil mein Hirn voller Matsche ist. Andererseits ist das Teil der Lage, also warum nicht damit anfangen.)

Mein Hirn ist voller Matsche.

Okay, ich muss aufhören, das so platt auszudrücken.

Eigentlich ist mein Hirn randvoll mit Gedankenfetzen, die sich allesamt nicht richtig greifen lassen. Ich wurde um vier Uhr wach, als Simone aufs Klo ging, und habe es in der darauf folgenden Periode von zweieinhalb Stunden irgendwie geschafft, mich selbst in einen schätzungsweise präsuizidalen Zustand zu versetzen und R in völliger Ungewissheit zur Arbeit gehen lassen, weil es mir auf sein Nachfragen hin partout nicht gelingen wollte, auch nur ein Wort zu äußern.

Aber versuchen wir das von vorne. Naja, zumindest so weit von vorne, dass halbwegs nachzuvollziehen ist, wie wir hier gelandet sind.

Dass ich auf Medi-Entzug bin und mental am Rad drehe, ist bekannt.

Den Rest kann man ungefähr so zusammenfassen, dass wir beim Abendessen die Doku über Ginger Baker (begnadeter Musiker, krankhaft selbstzentriert, viermal verheiratet – Beware of Mr. Baker, sehr zu empfehlen) angesehen haben und sich währenddessen bei mir die Gewissheit manifestierte, dass R charakterliche Parallelen zu ihm aufweist, was ernsthafte Zweifel an der Sinnhaftigkeit eines Fortbestehens unserer Beziehung auslöste bzw. verstärkte. Diese an sich nicht unbekannte Anwandlung wiederum intensivierte sich, als 1) R auf der Hälfte aufstand, um weiter programmieren zu gehen, 2) Simone und ich uns im Anschluss darüber unterhielten, dass sich Menschen dieser Art niemals der vollständigen Tragweite ihres Arschlochtums bewusst werden, da es zeit ihres Lebens immer Leute geben wird, die – von ihrem Charisma geblendet – sie zu ertragen versuchen und damit in ihrem Verhalten bestätigen, und 3) R, als ich ins Bett ging, ins Wohnzimmer umzog, um dort weiter zu programmieren, nachdem wir den Tag über praktisch noch kein Wort gewechselt hatten. Ich habe dann tatsächlich zu ihm gesagt, „ich glaube, wir müssen uns morgen mal unterhalten“, bin aber schlafen gegangen, ohne das weiter auszuführen. Nicht dass es ihn wahnsinnig gejuckt hätte.

Fast forward to 4 am: ich werde wach und fange an, darüber nachzudenken, was ich überhaupt genau möchte, was mir fehlt und wie ich dies R begreiflich machen soll. Sogar ein halbes Lied habe ich geschrieben, das leider zusammen mit allen anderen etwaigen Erkenntnissen im Nebel verschwunden ist. Ich habe dann aus irgendeinem unerfindlichen Grund mein Handy genommen und in meinen Facebook-Nachrichten nach Şahins Verlauf gekramt, mir diesen in (zum Glück überschaubarer, da andere Kommunikationswege bei uns gebräuchlicher waren) Gänze zu Gemüte geführt und mir dabei gedacht, dass ich es ihm in der Tat nicht sonderlich verübeln kann – retrospektiv – , dass er am Ende nach dem Drama keinen Bock mehr hatte, sich mit mir weiter abzugeben. Dann dachte ich mir, dass dafür, dass mir emotionale Verbindungen so wichtig sind, mein Leben eine ziemlich lückenlose Reihe an Fails darstellt. Dann dachte ich noch, „ich kann nicht schon wieder versagt haben“. Ich war mir mit einem Mal gewiss, auf der Welt ganz und gar alleine zu sein. Wie gern hätte ich jede Selbstbeherrschung in den Wind geschossen, angefangen, laut zu heulen, und zu R neben mir gesagt, „bitte hilf mir“. Dabei hätte ich ihm nicht mal erklären können, wobei.

Irgendwann ging Simone aus dem Haus; ihr Bus fuhr um zwanzig nach sechs. Ich musste aufs Klo. Als ich wiederkam, fragte mich R, dessen leichter Schlaf vermutlich zuerst durch mein ständiges Bewegen und dann Simones Rausgehen gestört worden war, ob alles okay ist. Zu dem Zeitpunkt war mein Kopf ein einziger Brei. Alles darin schrie und hämmerte durcheinander. Und alles darin wollte nichts weiter als raus. Aber wie das so ist in einer Paniksituation, am Ende schafft es niemand, weil die Fluchtwege verstopfen. In meiner Unfähigkeit, irgendetwas zu äußern, konnte ich zunächst gar nicht reagieren. Die letzte verbleibende vernünftige Stimme in meinem Kopf wies mich jedoch darauf hin, dass ich gefälligst zu antworten hätte. Also artikulierte ich: „Nicht wirklich, aber wollen wir das heute Abend besprechen? Du willst lieber noch ein bisschen schlafen.“

Okay, das war nun nicht, was ich eigentlich sagen wollte. Keine Stunde zuvor hatte ich so viele konstruktive, strukturierte Dinge mitzuteilen, dass ich am liebsten sofort damit angefangen hätte, ungeachtet der Uhrzeit und des sich zu dem Zeitpunkt noch in der Wohnung befindlichen Besuchs.

Hätte ich nur. Nun dagegen hing ich stumpf am Handy und beschäftigte mich mit Wordscapes, bis R irgendwann fragte, was los sei. Und, es ist zu absurd, ich konnte nichts sagen. Kennst du das, wenn du innerlich am Sterben bist und dir nichts sehnlicher wünschst, als dass dich jemand fragt, was los ist, und dann geschieht genau das und du kannst einfach nichts sagen. Zum einen sind keine Wörter mehr da. Auf einmal ist alles einfach weg. Und zum anderen sind selbst die vagen Vorstellungen von dem Chaos, das eben noch allgegenwärtig dein Denken terrorisiert hat, ganz und gar ungreifbar. Ich war vollkommen in mir selbst eingesperrt. Ich war nicht in der Lage, zwischen Innen und Außen auch nur die geringste Verbindung herzustellen, als wäre einfach die Ausfahrt blockiert. Nichtmal blockiert, einfach weg. Als wäre ich nicht nur von außen verschlossen, sondern als wäre mit einem Mal das Schloss einer glatten, undurchlässigen Wand gewichen.

Und noch dazu, selbst wenn ich hätte reden können, hätte ich vor der Aufgabe gestanden, zu selektieren, was von dem Salat dafür qualifiziert gewesen wäre, ausgesprochen zu werden. Ein Ding der Unmöglichkeit, denn ich hatte keine Ahnung mehr, was von dem Spuk echt war und was Produkt meiner überquellenden Paranoia.

Nach einer Weile gelang es mir, R zu sagen, dass ich Salat im Kopf hatte. Ich sagte, ich würde sehr gern kommunizieren, aber es sei schwierig. Es war mir unwahrscheinlich wichtig, zumindest insoweit ihm entgegenzukommen, dass er das erfuhr. In dem Moment klingelte sein Wecker und übertönte vermutlich Teile meiner Äußerung, aber ich hatte meine gesammelten Reserven dafür verbraucht und konnte nun nichts weiter tun als regungslos dazuliegen und mich selbst zu verachten, während er aufstand und dabei feststellte, dann würde er es eben nicht vor 21 Uhr erfahren.

Während er sich fertigmachte, erwog ich meine Optionen. Darunter: Becci anrufen, um von ihr Input irgendeiner Art zu erhalten, der dafür sorgt, dass ich den Tag überstehe. Genau genommen sah ich dies als einzige Option. Mir wurde bewusst, dass ich außer Becci niemanden anrufen könnte. Statt Becci zu belästigen, habe ich dann allerdings mein Handy dafür genutzt, mir Marketa Irglovas The Hill anzuhören, was mich komischerweise etwas beruhigte. Dann stand ich auf. Sieben Uhr. Nun bin ich hier.

Heute ist Lauras Geburtstag. Hätten wir noch Kontakt, würde sie vermutlich den vorliegenden Eintrag als wunderbares Zeichen meiner wiederaufflammenden Abgefucktheit und großartiges Geschenk betrachten, das meiner lahmen Existenz mal wieder etwas Pep verleiht. Aber ehrlich gesagt, so weit davon entfernt bin ich meistens gar nicht. Es hängt alles daran, was man ausspricht und was nicht.

Eigentlich ist mein Hirn ziemlich klug, im Angesicht der schwerwiegenden Konsequenzen von einmal Gedachtem (und erst recht einmal Gesagtem) die Grenzen so überaus gründlich zu bewachen.

Atzo baino gehiago

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Wie wahr, wie wahre Worte doch Berri Txarrak in die Welt gesetzt haben, als sie Ikasten schrieben: Gaur atzo baino gehiago dakit, baina bihar baino gutxiago.

So weiß ich heute zum Beispiel, dass ich gestern Abend ein relativ scheußliches Erlebnis hatte, welches als Suppendrama in meine persönliche Geschichte eingehen wird. Daran waren R und ich selbst, eine Schüssel Brühe und ein grippeinduzierter Fieber- und Entkräftungsanfall meinerseits involviert und wollten alle nicht so recht zueinanderfinden.

(Um das konkreter auszuführen, damit ich mich nicht in ferner Zukunft wieder über meine nutzlosen vagen Ausführungen aufrege:

Kennst du das? Du bist krank daheim und hast aus Mangel an Energie und Motivation dazu seit Tagen nichts Gescheites gegessen. Auf einmal wird dir kotzübel und schwummerig. Dir fällt eben beschriebener Umstand auf, das hilft dir nur leider jetzt auch nicht mehr. Du wankst in die Küche und holst dir einen Behälter zum Reinkübeln (genauer gesagt, deine bewährte Kotztasse aus Zeiten der Hyperemesis) und ein Glas Wasser. Du schleppst das alles und dich selbst zur Couch und lässt dich darauffallen. Dir ist kalt, aber so richtig. Du fängst an zu zittern. Die Tür ist auf und es kommt frische Luft rein, aber eigentlich sollte dir nicht so kalt sein bei dem schönen Wetter. Du breitest die Sofadecke über dir aus und verbrauchst dadurch wertvolle Energiereserven. Du weißt ziemlich genau, dass du am besten vorgestern irgendwelche Nährstoffe zu dir nehmen solltest. Die Erinnerung an deine kurze Schwangerschaft und die damit verbundenen Höllenkotzqualen fesselt dich an die Couch. Neben dir liegt dein Handy. Du überlegst, ob es den Kraftaufwand wert ist, es zu bedienen, und entscheidest dich dafür. Du rufst deinen langjährigen Partner an, der bereits aus der Arbeit rausgekommen sein müsste. Du stellst erfreut fest, dass du durch Anschalten der Lautsprecherfunktion den dazu benötigten Energieaufwand minimieren kannst. Er nimmt ab. Du fragst, ob er schon auf dem Heimweg sei. Er sagt, er wolle noch kurz bei einem Kumpel vorbeischauen, was besprechen. Du sagst „ach so“ und lässt dir schließlich entlocken, dass es dir nicht so sonderlich geht. Er fragt, ob er dir was Gutes tun könne. Du sagst „Suppe“. Er sagt, okay, dann werde er seinem Kumpel absagen und heimkommen. Du bist sehr erleichtert, bedankst dich und legst auf. Es wird dir unerträglich kalt. Deinen Körper durchdringen Gliederschmerzen. Besonders schlimm ist es im Rücken. Du willst dich alle paar Sekunden am liebsten anders hinlegen, aber das nimmt zu viel Kraft in Anspruch. Du brauchst diese Suppe. Du ziehst in Erwägung, deinen Partner nochmal anzurufen und ihn zu bitten, mit dir zu reden, während er nach Hause fährt und du auf die Suppe wartest, um das Rumliegen und Warten erträglicher zu machen. Du entscheidest dich dagegen, weil du nicht nerven möchtest. Eine halbe Stunde vergeht. Du hast es gerade geschafft, einzuschlafen, dann ertönt das Schlüsselgeräusch und dein Partner tritt ein. Deine Erleichterung ist so groß, dass du bei seinem Erscheinen gleich wieder ein Stück lebendiger wirst und mit ihm reden kannst, obwohl du gerade noch dachtest, du könntest gar nichts mehr. Du bleibst liegen, ohne dich zu bewegen, und weißt: eine halbe Minute noch, dann ist die Bouillon fertig und alles wird wieder gut. Dein Partner begibt sich in die Küche und setzt Wasser auf. Er fragt, ob du Flädle in die Brühe möchtest. Du sagst nein, einfach nur Brühe. Womit denn, fragt er. Brühwürfel, sagst du. Er sagt, dass es schon cool wäre, Flädle in die Brühe zu geben, dann hätte er auch etwas zu essen. Dir wird das langsam zu anstrengend, aber du antwortest ihm, er könne in seine Suppe ja Flädle machen, du hättest gern nur Brühe. Er steht in der Küche und tut etwas, das sich anhört wie Kartoffelnschälen. Dann fängt er mit etwas an, das dem Geräusch nach das Schneiden von Kartoffeln sein könnte. Ganz sicher bist du dir nicht, weil du ziemlich sicher nicht deinen Kopf hochheben und nachsehen wirst. Es sind Minuten vergangen. Du fragst, ob die Brühe fertig ist. Er sagt, er würde jetzt was Richtiges in die Brühe machen. Dann fragt er, ob du noch zehn Minuten aushalten würdest, bis es fertig ist. Du sagst NEIN. Du brauchst jetzt deine Suppe. Er wird laut und führt an, er könne nicht zaubern. Du entgegnest fassungslos, dass alles, was er tun müsste, wäre, einen Brühwürfel in eine Schüssel mit warmem Wasser zu geben. Er schreit dich an, die drei Minuten hättest du ja wohl noch und sein Tag sei ja auch nur verdammt stressig gewesen. Du wiederholst, du bräuchtest deine Brühe jetzt. Er weigert sich und schneidet ungerührt seine Kartoffeln weiter. Deine Hilflosigkeit und seine Unmenschlichkeit schicken sich an, dich in ungeahnte Sphären der Verzweiflung zu katapultieren. Du entziehst deinem Energiereservoir die letzte Ration und teilst ihm mit, wenn er es nicht schaffen würde, dir deine Brühe jetzt zu geben, würdest du ihn bitten, dass er ausziehe. Du vernimmst Geräusche der Boullionproduktion und dazu die Entgegnung, er werde sich das überlegen, sowas müsse ja echt nicht sein hier. Dann stellt er dir die Schüssel auf den Tisch und geht zurück in die Küche. Du kannst die Brühe riechen. Du machst dir einen Plan, wie an die Brühe heranzukommen ist. Aus der Küche ertönt der Hinweis, die Brühe würde auf dem Tisch stehen. Du setzt deinen Plan in die Tat um und bewegst deinen Körper mit einem Ruck in Richtung der Schüssel. Leider erfordert das mehr Energie, als du übrig hattest, und du klappst über der Schüssel in einer Mischung aus Nerven- und Körperkollaps zusammen. Du greifst nach dem Löffel. Leider zitterst du unkontrolliert und schlägst damit die heiße Suppe über deine Hände, ins Gesicht und auf den Tisch. Du kannst nicht aufhören zu zittern. Dein Partner kommt wieder und fragt, ob er dir jetzt die Suppe zum Mund führen soll. Seine Hand hält den Löffel ruhig und du kannst die ersten Schlucke lebensspendender Nahrung einnehmen. Mit zunehmendem Brühepegel kann dein Körper sich wieder beruhigen. Dein Partner hat inzwischen festgestellt, dass du deine Suppe ja augenscheinlich tatsächlich gebraucht hast, und sich entschuldigt, um dann wieder in die Küche zu seinen Kartoffeln zu entschwinden.

Du kennst das nicht? Also, ich jetzt schon.)

Ich habe ferner aus dieser Begebenheit gelernt (abgesehen von der offensichtlichen Tatsache, dass es ein grober Fehler war oder wäre, R mein Leben in die Hand zu legen), dass ich wirklich daran zu arbeiten habe, rechtzeitig und deutlich um Hilfe zu bitten. Ohne Spielraum für „wenn du willst“ oder „wann du kannst“ oder „es wäre schön“. Ich muss mich nicht wundern, wenn eine Situation verkannt bzw. unterschätzt wird, wenn ich mein Möglichstes tue, um weniger hilflos dazustehen, als ich es bin. Das ist ein riesiger Knackpunkt von mir. Ich habe mich auch dafür bei R entschuldigt mit dem erklärenden Zusatz, dass ich es hasse, um Hilfe zu bitten, und es meistens zu spät tue. Insgeheim bin ich trotzdem verstört darüber, wie er es schafft, mich nach der langen Zeit so schlecht zu kennen. Ich bin wirklich sehr leicht kennenzulernen, wenn man möchte. Aber da haben wir es ja schon. Da liegt das Problem.

Heute geht es mir wieder besser. Ich habe den Abend dann mithilfe von zwei Paracetamol noch ganz gut über die Bühne bekommen. Nachts kam das Fieber wieder, aber ich wollte nicht noch eine Tablette nehmen. Der Bettbezug, den wir im Sommer als Decke benutzen, ist zu dünn für eine Person, und mir wurde ziemlich kalt darunter irgendwann. Aber R hatte gesagt, er würde nicht mehr lange machen, und natürlich fiel es mir nicht ein, ihn zu fragen, ob er ins Bett kommen möge. Zum Einen ist mir bei sowas meine eben erläuterte vollkommene Unfähigkeit im Weg. Zum Anderen das Alien, das mir seit jeher vorschreibt, zu warten, bis sich der Zustand von selbst ändert. Und zum Dritten hat meine Erfahrung gezeigt, dass R nicht der Mensch ist, der ins Bett kommt, weil seiner Freundin kalt ist. Ich bekomme einiges raus aus ihm und einiges hinein, aber das Fürsorge-Gen nicht, das fehlt ihm einfach. Und wenn ich es mal so sagen darf: darunter leide ich ziemlich.

Scheiße

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Murat hat Berufung eingelegt. Ich könnte kotzen. Nichtmal so sehr, weil ich Angst hätte, dass das Urteil beim nächsten Mal großartig anders ausfallen würde. Aber der Stress, den das für R bedeutet. Ich habe so einen Hass auf diesen Menschen. Oder was Murat auch immer ist. Wahrscheinlich ein Reptiloid oder Derartiges. Man sollte mal ausprobieren, ob er auf den Anblick von Alufolie allergisch reagiert.

Roberto postet Scheiße bei Facebook und lässt sich nicht überzeugen. Sein Hirn kann Argumente nicht verarbeiten. Die Mehrheit meiner costarricanischen Bekannten unterstützt einen fundamentalistisch religiösen Präsidentschaftskandidaten, der offen zur Diskriminierung Homosexueller und der Verteufelung sexueller Aufklärung an Schulen sowie einer unbedingten Vereinigung von Kirche und Staat aufruft. Ich bin frustriert.

Ich bin so frustriert im Angesicht von so viel menschlicher Dummdreistigkeit, dass ich schon bald Mordgelüste bekomme. Oder alternativ Lust darauf, Murat den Deutschtürken mit Fabricio dem christlichen Fanatiker auf Lebenszeit in eine Gummizelle zu sperren.

Krebskuchen und andere Fails

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Argh! Trust me to manage burning a pie shell baking in the oven right behind me while reading food blogs.

Also, trust me to then take the now useless thing out in dismay, appalled by the amount of cancer-inducing smoke emerging alongside it, and position it in a ridiculously risky spot in the frame of the open window, from where, three minutes later, it naturally comes jumping down enthusiastically, sliding along on the floor, headed right back towards the oven where it just found its miserable, blackening death.

I’ll never learn, will I.

Ein Glück ist es relativ warm draußen, so hat sich der ganze Qualm und Gestank schon fast vollständig verflüchtigt.

Ich hatte gestern Abend das zweifelhafte Vergnügen, auf unvorhergesehene Weise mal wieder mit R’s polyamorer Facette konfrontiert zu werden. Mit dieser zu leben gelingt mir zwar mühevoll durch absolute Verdrängung, ihr leisestes Auftauchen aber stürzt meinen Kopf in bodenloses Chaos und mich selbst und meine kleine, einfältige Gefühlswelt in Panik, Zweifel und Verwirrung. Erst recht ein Hervorspringen aus dem Nichts, kombiniert mit einem Urwaldschrei und einem gehörigen Schlag in die Fresse, gefolgt von dem wohl zu Beruhigungszwecken angebrachten Kommentar „Sie macht dir keine Konkurrenz“.

Sicher, der erste Schockmoment war der ekligste. Dann kam ich nach Hause und fing an, meine Reaktion zu hinterfragen. Das war einer der dankenswerterweise wirklich fast ausgestorbenen Augenblicke, in denen ich beim besten Willen nicht wusste, an wen ich mich wenden sollte. Ironischerweise waren alle drei meiner engsten Bezugspersonen gerade zur Verfügung, aber weder Caro noch Laura noch Kepa traute ich zu, einschätzen zu können, inwieweit mein kleiner Weltuntergang, der sich aus R’s beiläufiger, fast ungläubiger, ja, perplexer Bemerkung heraus, ob ich nicht gemerkt hätte, dass er auf diese eine Frau steht, ergab, sich nun im Rahmen des Gerechtfertigten bewegte. Oder mir einen Rat erteilen zu können, wie ich damit umzugehen habe. Oder nur die Gedankenlawine nachvollziehen zu können, die mit Karacho dahergerollt kam und meine ganze traumhafte Verdrängung zerstörte.

Ich hab‘ dann ein bisschen gelesen. Wo die Konfrontation mit der aufs Äußerste verhassten Thematik halt schonmal erzwungen war, und weil ich mir wahrscheinlich von Menschen, die sich lieber und häufiger damit befassen, konstruktive Lösungsvorschläge erhoffte. Unter Anderem fand ich diesen Artikel hier. Den mochte ich.

Was bleibt jetzt zu tun? Nachdem ich mir augenscheinlich wieder einmal erfolgreich die Panik vom Leibe geschrieben habe – es hat sich in den letzten Minuten ein angenehmes Gefühl der relativen Gelassenheit eingestellt – sollte ich nun noch R davon in Kenntnis setzen, dass er bitte in Zukunft seiner uneingeschränkten „it’s all about me„-Mentalität diesbezüglich und damit verbundenen völlig unnötigen Äußerungen wie der gestern einfach nochmal ganz bewusst das Wissen entgegensetzt, dass alles Polyamorie Betreffende, laut ausgesprochen, bei mir zu Katastrophen unvergleichlicher Ausmaße führt. Dass er sich ein-zwei Gedanken machen könnte, ob das jetzt wirklich sein muss, wenn ihm schon das automatisierte Bedürfnis, geliebte Menschen nicht zu verletzen, so gänzlich fremd ist.

„Es liegt nicht an dir, es liegt an mir.“ Pt. 2

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Okay, also, turns out, einer der mir am nächsten auf der Welt stehenden Menschen schreibt mir gerade recht random bei Facebook, sie wolle unsere Freundschaft gerade nicht in ihrem Leben. Danke.

Well. Ich hoffe, dir ist klar, dass du dich melden solltest, wenn sich das mal wieder ändern sollte. As you know, I’m good at handing out second chances.

Gefragt werden. Ein Wunschtraum.

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Ich überlege mir relativ häufig, ob ich nicht einfach zu viel verlange. Ob es nicht also an mir liegt, wenn ich mit gewissen Situationen nicht zufrieden bin, während in so vielen anderen einfach nur reinste Dankbarkeit vorherrscht, darüber, dass mein Freund so ist, wie er ist.

Ich glaube allerdings in diesem Moment, dass ich nicht zu viel verlange. Ich glaube nämlich, dass es oft nicht die Sachen an sich sind, die mich aus der Bahn werfen, sondern vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der sie passieren (oder eben nicht). Das Gar-nicht-erst-gefragt-werden, wie das denn eigentlich genau vor sich gehen soll, falls ein Umzug ansteht. Die Tatsache, dass sein Kollege hier untergebracht wird, mit dem man sich früh morgens aus dem Staub macht, ohne sich zu verabschieden (now that’s a first), um irgendwann im Laufe des Abends wieder einzutrudeln, mich kaum eines Blickes zu würdigen, den Rest des vor Stunden zubereiteten Essens in sich reinzustopfen, dann das Bedürfnis nach einer Umarmung zu äußern und sich, nachdem man diese gewährt bekam, zum Unwinden erstmal ans Keyboard und dann ohne viel Gefackel mit Arne zum Zocken in die Küche zu pflanzen, nachdem ich gerade verkündet hatte, es wäre schön, irgendetwas zusammen zu machen. Nicht ohne zwischendurch noch die ein oder andere vollkommen überflüssige Bemerkung abzugeben, die wieder mal in den Raum wirft, dass man eigentlich ja von seiner zweiwöchigen Möchtegernbeziehung letztes Jahr noch vollkommen zerstört und traumatisiert ist und gleich in Panikattacken ausbricht, wenn jemand Game of Thrones erwähnt. Deutlicher kann mir meine Unfähigkeit nicht signalisiert werden. Weder bin ich in der Lage, eine von diesen widerlichen Traumgestalten aus der Vergangenheit zu ersetzen (wie auch – ich bin ein Mensch, kein Mysterium), gegen die man schon aus dem einfachen Grund keine Chance hat, dass die Leute dazu neigen, Personen erst dann zu glorifizieren, wenn sie einen in Grund und Boden gestampft und zurückgelassen haben, ohne sich nochmal umzudrehen, noch werde ich diese Art von Wertschätzung je bekommen, solange ich einfach da bin, ohne dass er dafür arbeiten muss. Mein Problem, dass es in meiner Natur liegt, einfach da zu sein, weil das ganze Personen-in-den-Boden-stampfen mir nicht so liegt.

Es ist die Tatsache, dass keine Rücksicht genommen wird, die mich zu Tode zerdeppert. Basti kam extra wieder übers Wochenende aus Ulm runter und durfte sich stundenlang mit der mies gelaunten Version von mir abgeben, die er zu oft abbekommt, während ihr Verursacher sich gemütlich dahin verzogen hat, wo’s ihm gerade genehm ist. Was an „Es ist irritierend, wenn du da bist, aber auch nicht“ kann man nicht verstehen? Der Mensch kann mit Arne zocken, bis er schwarz wird, und ich habe kein Problem damit, bis zu genau dem Zeitpunkt, an dem das Ganze in meiner Küche stattfindet, nachdem man sich mein Essen in den Rachen gesteckt hat, ohne die Person Aspi auch nur für eine Sekunde bewusst wahrgenommen zu haben.

Äußern kann ich das natürlich mal wieder nicht, schließlich ist Besuch da. Und da ich Arne mit jedem Mal, das ich mit ihm zu tun habe, weniger ausstehen kann, habe ich nicht vor, mir vor dessen Augen eine derartige Blöße zu geben. Das kann sie beide freuen, andernfalls wäre nämlich R heute hochkant rausgeflogen und der schmierige Charakter, den er mir wieder eingeschleppt hat, gleich mit.

Ich werde mich jetzt mit der Fertigstellung des Eintrags beeilen und das Licht ausmachen; auf die Weise besteht eine Chance, dass ich mich genug beruhigt habe, bis die beiden ins Zimmer reinkommen, und dementsprechend auf ein Vermeiden von Heuldisastern jeglicher Art.

Ich kann Laura verstehen. Es ist wirklich verlockend, anzunehmen, dass mein Kopf der einzige Problemfaktor ist, bloß sollte man vermutlich als Opfer zwischen der ganzen Schuldübernahme noch ab und an mal nach draußen gucken.

The other side

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Tja. Jetzt bin ich in der Wohnung meiner Eltern und durfte schnell mal wieder feststellen, dass Dysfunktionalität leider nach wie vor deren Existenz bestimmt und somit auch meine für die Dauer meines Hierseins. Ich werde das jetzt überleben, heute Abend mit Sarah die Vernissage musikalisch untermalen und dann wieder verschwinden, genau wie geplant.

Aber es könnte schöner sein.

Eigentlich wollte ich zurück nach Hause, sobald ich hier ankam. Einzig das Wissen um R’s mannigfaltige Pläne für den heutigen Tag hat mir genügend Vernunft eingebläut, beim Vernehmen der knochendurchdringenden furchtbaren Geräusche, der reinsten Essenz von Schmerz und Verzweiflung, die unten aus dem Schlafzimmer kamen, nicht sofort meinen Vater zu zwingen, mich zurückzufahren. Das und die Tatsache, dass es nicht lange dauerte. Ich ertrage das heutzutage nicht mehr. Ich habe es früher genau so wenig ertragen, aber bevor ich den Abstand hatte, dachte ich, es müsste so sein.

Ich gehe mal schauen, ob sich von diesem Tag noch irgendetwas retten lässt. Als die Stabilere von uns sollte ich meiner Mutter den Gefallen tun und von mir aus auf sie zukommen, wenn ich irgendeine wenngleich kurzzeitige Besserung hier erzielen will. Auf auf zum fröhlichen Ins-Messer-rennen.