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Beistand von innen und außen

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Mit Johanna reden: hervorragende Idee. Ich bin stolz auf mich, weil ich neulich wieder mal meine heilige Anti-Spam-Regel außer Kraft gesetzt und sie kontaktiert hatte, was dazu führte, dass wir uns für heute zum Skypen verabredet haben. Verstehe mich nicht falsch; ich bin durchaus der Meinung, dass die heilige Anti-Spam-Regel (sprich, nicht mehr als zwei Nachrichten hintereinander schicken, solange vom Gegenüber keine Reaktion erfolgt) oftmals Sinn macht, und mir ist auch klar, dass mein Zentrum für Selbstdisziplin bei ihrer Inkraftsetzung nur den Erhalt meiner Würde im Sinn hatte, aber es ist halt einfach bescheuert, als Mensch, der jede fremdauferlegte Regel fünfmal hinterfragt und bei Nichtanerkennen dieser sie auch gerne mal ignoriert, die eigenen Schutzmaßnahmen nicht ab und an mal auf ihre Wirksam- und Sinnhaftigkeit hin zu kontrollieren.

Auf diese Weise habe ich herausgefunden, dass sie meine SMS von Anfang des Jahres, in der ich sie darauf hinwies, dass es ewig her ist und wir mal schleunigst ein Catching-up betreiben sollten, durch Handywechsel nicht hatte zuordnen können. Somit war es wirklich nur vorteilhaft, dass ich es vor ein paar Tagen nochmal versucht habe.

Ähnlich wie während der Ausläufer des Şahin-Dramas kam mir auch jetzt der Umstand zugute, dass JO ein Mensch ist, bei dem emotionale und rationale Intelligenz sich in einem außergewöhnlichen Maße die Waage halten. Da ich so sehr darauf bedacht bin, ihrer Rationalität nicht (und schon gar nicht zum zweiten Mal) als unkontrolliertes, panisches Nervenbündel gegenüberzutreten und mir dadurch massiv unterlegen vorzukommen, habe ich in dem Gespräch meine momentane Situation nur gestreift und stattdessen mit ihr über andere Dinge gesprochen. Und siehe da, es hat ganz wunderbar funktioniert. Fake it ‚til you make it. Eine der Phrasen mit dem höchsten Wahrheitsgehalt, den die menschliche Sprache zu bieten hat. (Ich kann übrigens auf Teufel komm raus nichts dagegen tun, dass es das Apostroph am Wortanfang nach unten zieht. Meine Hoffnung ist, dass dieser Bug von WordPress irgendwann behoben wird.)

Tatsächlich konnte ich schon vor dem Telefonat mit JO Errungenschaften verzeichnen. So habe ich mir nach dem Aufstehen, Panik hin oder her, zum ersten Mal seit Dienstag wieder richtige Anziehsachen angezogen und bin raus zum Briefkasten gegangen, um den zwei Tage überfälligen Brief mit Samen für einen Ebay-Kunden abzuwerfen, den es mir gestern bereits gelungen war fertigzustellen. Marketa, der ich dabei begegnete, habe ich weit gefestigter entgegengeblickt als bei unserem letzten Run-in. Dieses ereignete sich am Mittwoch, als ich ihr im glamourösesten Zombie-Modus die Tür öffnete, um ihr das Päckchen zu übergeben, das tags zuvor bei uns abgegeben worden war, ihr anschließend in Pantoffeln und rutschender Pyjamahose ihre Einkaufstaschen nach oben trug (weil ich es nicht mit ansehen konnte, wie sie mit Kleinkind auf dem Arm, Wäschekorb und zwei schweren Taschen allein hantierte) und auf ihre Frage nach meinem Befinden hin (oh Wunder) in Tränen ausbrach. Souverän sieht anders aus.

Sie hat mir dann gesagt (ohne dass ich auf die Umstände konkret eingegangen wäre), wenn es etwas gibt, das sie tun könnte, sollte ich mich melden. Ich habe seither ein paarmal mit dem Gedanken gespielt, ob es furchtbar unangemessen wäre, sie zu fragen, ob ich ab un an bei ihr in der Wohnung rumhängen darf, wenn’s hart auf hart kommt und mir alleine die Welt auf dem Kopf zusammenbricht. Oder ob es in Anbetracht der Tatsache, dass wir zwar eine sehr gute nachbarschaftliche, nicht dagegen eine wirklich freundschaftliche Beziehung pflegen, nicht völlig erbärmlich wäre. Ich habe mir nur gedacht, dass Marketa jemand ist, der verstehen dürfte, was es bedeutet, mit Depression in einer Stadt zu hängen, in der man niemanden kennt und niemanden hat. Sie ist zwar glücklich verheiratet, aber sie ist oft umgezogen und depressiv veranlagt.

Man wird sehen, wie verzweifelt ich noch werde; davon wird es abhängen, ob ich sie frage oder nicht.

In einer Stunde kommt R aus der Arbeit und wird mir hoffentlich erklären, was ihn dazu veranlasst hat, anstatt seines eigenen Essens mein Grillkäse-Sandwich ins Büro mitzunehmen, das ich mir gestern vorbereitet hatte und wirklich sehr gut gerade gebrauchen könnte. Sicher, ich könnte meine Leistungsfähigkeit ausreizen und mir ein neues machen, aber ich habe schon so viel geschafft heute.

Gerade bin ich hoffnungsvoll, dass ich dies besser überstehen könnte als angenommen.

Hau-ruck!

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Es klappt ganz gut, mich ein bisschen am Riemen zu reißen. Ich bin vor 10 Uhr aufgestanden, habe mich epiliert, geduscht und gefrühstückt, dabei eine Folge Suits inhaliert (nachdem ich mit der zweiten Dark-Staffel gestern fertig wurde und dann noch schnell Tokyo Trial dazwischengeschoben habe, war ich froh, wieder ein vielversprechendes Längerzeitprojekt zu finden) und danach festgestellt, dass ich wunderbar in der Zeit liege, um gleich in die Stadt zu fahren. So kann ich vor der Verabredung mit Regula und Miki noch gemütlich die Zürcher Sukkulentensammlung besuchen, wie ich es schon seit Ewigkeiten vorhatte.

Außerdem habe ich entgegen meiner ursprünglichen Absicht Basti geschrieben, dass ich hier bin. Er hat darauf zwar reagiert, aber meine Erfahrung sagt mir, dass ich mich nicht darauf verlassen sollte, ihn zu sehen.

Dafür hat mich Becci wissen lassen, dass sie morgen und übermorgen Zeit hat. Mit ihr telefoniere ich daher bestimmt mal.

So. Ich werde mich nun aufmachen, die Geldaufbewahrungsdose meiner Mutter um den Preis eines Tagestickets zu erleichtern und meine sieben Sachen für den Ausflug zu packen.

Wenn ich so weitermache, wenn ich das schaffe, wird alles wieder anders.

Fictional fails & real opportunities

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Ich bin gerade mit dem Netflix-Sequel von Gilmore Girls fertig geworden, kann nun bestätigen, dass diese Serie den Tag ‚rührselig‘ zweifellos verdient hat, und fühle mich, wie in solchen Situationen üblich, als müsste ich mich von geliebten Freunden verabschieden.

Eine Sache, die mich an der Serie ohne Ende genervt hat, trübt dennoch den Rührseligkeitsfaktor. Mal ganz ehrlich. Sieben Staffeln plus Miniserie, mindestens fünf ungewollte Schwangerschaften, und kein einziges Mal zieht jemand eine Abtreibung auch nur in Betracht. Wer auch immer diese Drehbücher geschrieben hat, der Person will ich nicht im Dunkeln begegnen. Vielleicht auch andersherum, wenn ich mich da noch weiter hereinsteigere.

Oh well, aber man ist ja in der Lage zu kompartmentalisieren. Ich habe auch die Twilight-Bücher damals gefeiert und jegliche angeblich so plumpe Moralkeule à la ‚kein Sex vor der Ehe‘ gar nicht erst herausgelesen, weshalb ich nach wie vor der Ansicht bin, dass die kritischen Stimmen ihr Wissen über die Religionszugehörigkeit der Autorin in die Texte hineinprojizieren. Mir war damals zum Glück nicht bekannt, dass die Gute sich dem Mormonentum verschrieben hat, sodass es mir möglich war, unbefangen an die Bücher heranzugehen. Ich bin durchaus hochsensibel, wenn es darum geht, wahrzunehmen, ob ich manipuliert werden soll, aber ich bestehe darauf: Im Rahmen der Handlung war das alles sinnvoll. Es ist ein Vampir, meine Güte. Fiktive Vampirstandards auf eine reale, menschliche Gesellschaft zu übertragen muss halt einfach nicht sein. Wer das tut, hat nicht verstanden, wie man als Leser mit Fiktion umgeht.

Ansonsten kann ich berichten, dass ich wach bin, seitdem R vor zweieinhalb Stunden anfing, unter dem Bett geräuschvoll die Vorbereitungen für sein Vorstellungsgespräch und die Reise dorthin einzuleiten, und sich (meiner Ansicht nach eine ganze Stunde früher als notwendig, aber natürlich hat er Recht; es kann nie schaden, sich Zeit zu nehmen) aufgemacht hat, die Welt der Informatik zu erobern. Das Gespräch findet in einer halben Stunde statt; ich hoffe so sehr, dass es gut läuft. Er hätte den Ausbildungsplatz mehr als verdient.

Mir indes bietet dieses Vorstellungsgespräch eine Motivation, heute zumindest dafür zu sorgen, dass die Wohnung und ich weniger dreckig sind, wenn er wiederkommt. Auch das hat er verdient.

Maybe this will help.

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Unfassbar – ich habe es geschafft: eben war ich bei der Ärztin und habe mir Medis verschreiben lassen. Es hat einen Anruf, einmal Bergrunterfahren und ein äußerst angenehmes Gespräch gebraucht, um an das Rezept zu gelangen. Beim besten Willen also nichts, das das Vermeidungsverhalten rechtfertigen würde, das mich in diese Lage überhaupt erst gebracht hat.

Die Apotheke bekommt sie heute Nachmittag geliefert. Nachdem die völlig frustrierte Apothekarin mir erörtert hat, dass Großbritannien gerade brexitbedingt Medikamente hamstert sowie eine Starkstromleitung durch de Eurotunnel verlegt, um Strom aus Europa beziehen zu können, kann ich mich augenscheinlich glücklich schätzen, den Stoff überhaupt zu bekommen. Es wäre schon bitter gewesen, wenn zu allen fatalen Auswirkungen dieses politischen Desasters auch noch mein Suizid hinzugekommen wäre.

Nuja, erstmal abwarten, ob Escitalopram den entscheidenden Faktor darstellt, der meinen Geisteszustand wieder geraderückt.

Silberne Linierung!

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So – heute Abend geht es auf zu einer weiteren Woche bei Becci. Gestrichen ist ja bereits; nun wird umgezogen. Und nachdem wir hoffentlich ein-zwei Tage Zeit haben, in der neuen Wohnung auf dem Sofa zu kollabieren, sind wir Samstag im Hambacher Forst und tun Sinnvolles. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich Becci dazu motivieren konnte, diese Aktivität mit mir zu unternehmen; hätte sie nicht eingewilligt, wäre ich selbst auch nicht gefahren, und mir liegt diese Sache wirklich am Herzen.

Bevor ich losfahre, gibt es hier noch eine überwältigende Menge Dinge, die ich erledigen könnte. Dazu zählt:

  • Pfand wegbringen und Spülmaschinenpulver besorgen
  • Küche aufräumen
  • staubsaugen
  • Wohnung aufräumen
  • Wäsche waschen
  • duschen und mich selbst in einen ansehnlicheren Zustand versetzen
  • packen und dafür sorgen, dass alles, was sich für Becci hier angesammelt hat, auch dabei ist
  • Wintersachen aus dem Schrank holen (es ist Zeit)
  • Rest des Samstag Abend mit Wolfgang containerten Zeugs aus der Garage holen
  • Keller in Ordnung bringen

…wenn ich die Hälfte davon noch schaffe, bin ich gut und habe wirklich schonmal einiges gebacken bekommen.

Zu erwähnen wäre noch kurz:

  • Murat hat seinen elenden Prozess gegen R endgültig verloren. Zwei Jahre Warten und Ungewissheit haben ein Ende.
  • Mein Unbabel-Projekt ist nun ausgelaufen, also muss ich nicht mehr um 7 Uhr aufstehen. YES.
  • Ich habe im vergangenen Monat zum ersten Mal über 1000 Dollar verdient.
  • Eventuell gehe ich, wenn ich von Becci wiederkomme, Wohngeld beantragen, was um die 237 zusätzliche Euro pro Monat bedeuten würde. Ich lasse nur Malte vorher bei seinem Vater nachfragen, der beim Finanzamt arbeitet und wissen dürfte, wie das in meiner spezifischen Situation aussieht und ob es ratsam ist.
  • Ich habe mich bei einer dritten Plattform beworben, diesmal für Lektorat. Den ersten Teil des Bewerbungsprozesses habe ich schon erfolgreich abgeschlossen, nun muss ich warten, dass sie mir Testaufgaben zukommen lassen.
  • All meine nicht winterharten Pflanzen stehen mittlerweile drinnen. Es kann losgehen. Die Physalis blüht. (Ich sollte sie gleich noch bestäuben.)
  • Nachdem Murat nun nicht mehr dafür sorgt, dass R täglich befürchten muss, ihm würden seine Besitztümer zwecks Begleichung horrender Gerichtskosten gepfändet, können wir demnächst endlich das Klavier von R’s Eltern bekommen. Ich habe schon eine ganze Weile wieder regelmäßig auf dem Keyboard gespielt und diverse Stücke wieder gelernt, sodass die Ohren der Nachbarn in genau diesem Fall nicht allzusehr strapaziert werden.
  • Ereignis des Jahrhunderts: R schlug gestern von sich aus vor, nach draußen zu gehen. Wir sind dann ein kleines Stück den Berg rauf gewandert und haben uns dort auf einer Bank niedergelassen und es war wunderschön. Herbstsonne und eine urtümliche Idylle da oben, das glaubt man gar nicht.
  • Der Grundzustand ist also allgemein wirklich mal ziemlich positiv.

Damit aber jetzt von der oben aufgeführten Liste an Erledigungen noch zumindest ein paar auch tatsächlich erledigt werden, fange ich am besten jetzt an, daran zu arbeiten.

Maybe Mind Expansion (Maybe Self Improvement)

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Jetzt überlege ich gerade, ob es sinnvoll war, mir die Holzrosensamen zu bestellen. Erstens hat nichts Derartiges bei mir je Wirkung gezeigt (wenn man vom Kotzreiz der Morning Glory damals mal absieht), zweitens war ich natürlich zu geizig für einen ordentlichen Hersteller und habe mich mit Samen aus dem Pflanzenhandel begnügt, und drittens würde es ziemlich sicher schon reichen, die Medis abzusetzen, um wieder Zugriff auf meine Emotionen und all das Drama zu erhalten, das ich ja in meinem Dasein offenbar so vermisse.

Aber wieso denn nicht. Zehn Samen; ich nehme 5 und behalte die anderen zur Not als Balkonbepflanzung, denn sie blühen ja wirklich ganz wunderschön. (Meine Ololiohqui macht sich übrigens nach anfänglichen Startschwierigkeiten mittlerweile auch wunderbar und wächst munter an Hauswand und Regenrohr hoch; blühen tut sie noch nicht, aber sie wird. Zur Not hole ich sie ins Haus; ich mache bestimmt nicht den gleichen Fehler wie letztes Jahr mit meiner Morning Glory, die gerade so herrlich angefangen hatte zu blühen, als dann auch schon der Winter einbrach und ich genau keinen einzigen Samen geerntet habe.)

Nun überfiel mich gerade, vielleicht motiviert durch die Aussicht auf Bewusstseinserweiterung oder die stimulierende Wirkung des Kaffees oder das ewige Indieluftstarren und Unzufriedenmitmirsein, man weiß es nicht, ein Schub von Tatendrang und ich sah mich in der Lage, auf der Website des Studierendenwerks nach Jobs zu suchen und sogleich die Kontaktdaten für jene, die mich interessierten, zu erbitten. Das war der Motivationsschub des Jahrtausends, was für eine Oase in dieser endlosen Wüste aus Blah.

Was bin ich froh, noch eingeschrieben zu sein.

Morning Musings

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Es ist lustig, um sieben Uhr wachzuwerden. Ich habe heute selbst nicht damit gerechnet, dass ich wirklich aufstehe – die Alternative, sich mit der Nichtverfügbarkeit von Aufträgen herauszureden und einfach weiterzuschlafen, wie vorgestern praktiziert, schien nicht gerade wenig verlockend. Aber irgendetwas ist in mich gefahren und ich habe es geschafft, mich den arimanischen Fängen zu entziehen.

(Kleiner Exkurs: Meine Mutter, jahrzehntelange Schülerin der Antroposophie, hat zumindest weit genug auf mich abgefärbt, dass ich die mir damals wie heute noch zu großen Teilen abstrus – und zu nicht geringen lächerlich – anmutenden Lehren augenscheinlich zur bildlichen Darstellung innerer Konflikte missbrauche; dem Dämon Ariman, seines Zeichens Verkörperung aller Disziplinlosigkeit, Sucht, des Mangels an Selbstbeherrschung, bin ich von jeher verfallen, so sehr sogar, dass der von der anderen Seite Besitz anstrebende Luzifer wenig Macht über mich hat und sein lockender Ruf, Anderen zu schaden und böswillig zu handeln, zumeist nicht besser bei mir ankommt, als es australisches Radio täte. Falls es jemanden interessiert – es hat, anthroposophisch gesehen, überhaupt keinen Wert, wenn im Tauziehen um den menschlichen Charakter einer der beiden Dämonen verliert und der andere leichtes Spiel hat; das Gleichgewicht, die Mitte muss man erzielen, damit sie beide gleich stark ziehen und keiner dich bekommt.)

Jedenfalls: Es ist lustig. Ich bekomme Facetten des Tages mit, die mir normalerweise verborgen bleiben – R’s Aufstehen und die kleinen Prozesse, die ablaufen, bevor er zur Arbeit fährt; das Erscheinen der Sonne hinterm Haus. Während ich vor mich hinarbeite oder auf Aufträge warte, habe ich Gelegenheit, mir über den vor mir liegenden Tag Gedanken zu machen, was zu tun ist, was ansteht; und most importantly verleiht mir dieser Zustand halb unfreiwilliger Wachheit Zugriff auf Fähigkeiten, die ich ansonsten kaum mehr zu haben glaube. Die Bereitschaft, Dinge in Angriff zu nehmen, ist eine. Spontane Anflüge von Begeisterung und sogar der Wunsch nach Interaktion mit allen möglichen Menschen eine andere. Und irgendwie sogar eine Art Vertrauen in mich selbst – wenn ich es schaffe, um sieben Uhr aufzustehen und mich an die Arbeit zu setzen, besteht vielleicht ja sogar noch Hoffnung für mich als Mensch; eventuell bin ich in der Lage, in dieser Gesellschaft zu funktionieren. Man weiß es nicht, aber es könnte sein.

Das also schwirrt mir im Kopf herum, nachdem ich ein paar Tage etwas vollbracht habe, das die Mehrheit der Menschen jeden Tag gewohnheitsmäßig und ohne viel Murren zu tun im Stande ist. Oh well. Wäre ich die Mehrheit der Menschen, hätte die Menschheit auf der einen und ich auf der anderen Seite einen Haufen Probleme weniger.

Was lange währt

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Etwas Unglaubliches ist geschehen. Eigentlich ja schon am Anfang des Monats, aber gerade hat es nochmal besonders gut funktioniert: Ich kann Eva Cassidys Version von Kathy’s Song spielen.

Das hat nun ein halbes Jahr gedauert, was einiges über die Anzahl und Dauer meiner Motivationsschübe diesbezüglich aussagen dürfte, aber jetzt ist es soweit. Es hat unendlich Geduld gebraucht, bis ich das ganze Gezupfe so weit auswendig konnte und richtig verinnerlicht hatte, dass ich auch nur daran denken konnte, dazu mit Text zu singen. Aber ich bin glücklich: es ist vollbracht.

Überhaupt bin ich zufrieden mit mir. Ich habe gestern an diesem langen, grauen freien Tag nicht nur weitere 30 Dollar bei Unbabel verdient (wo ich Anfang der Woche nach langer Überwidungszeit angefangen habe, aktiv zu werden), sondern auch, statt zu versacken, ganz viel aufgeräumt, gesaugt und sogar die Fensterscheiben in der Wohnzimmer-/Terrassentür geputzt und später, während ich mit Malte telefoniert habe, ein paar Löcher in diversen Kleidungsstücken zugenäht und mein Haarbänder-Band repariert, welches mir die Tage auseinandergefallen war (wie es das alle Jubeljahre mal tut, weil der Druckknopf irgendwann vom Band abreißt).

Und heute habe ich mich in der Therapiesitzung ganz gut angestellt, glaube ich, und auch das macht mich froh. Ich musste (bzw, ich wollte) mich in das letzte Drama mit meiner Mutter hineinversetzen und die Therapeutin hat eine Art Rollenspiel mit mir veranstalten wollen, in dem ich meine Mutter darstellen sollte. Das Problem (und das Frustrierende) war dann, dass ich beim besten Willen das Gespräch nicht mehr zusammenbekommen habe, und selbst das, woran ich mich erinnert habe, nur sehr oberflächlich wiedergeben konnte. Sie meinte, ich würde es gut machen, aber ich wusste ja (da ich leider auch Zeugin des Original-Ereignisses war), dass da so einiges auf der Strecke blieb und ich nicht gerade eine schauspielerische Glanzleistung vollbrachte. Erst als ich zu dem Punkt mit der Weinflasche kam, habe ich Zugriff auf (zumindest mal) meine eigenen Emotionen bekommen. Sie machte mir erneut Komplimente für meine Verdrängungsskills und ließ mich die Situation von außen analysieren. Das konnte ich besser. Wer hätte es gedacht.

Nun soll ich es irgendwie hinbekommen, Dinge, die ich verdränge, ans Tageslicht zu befördern. Ich würde das sehr gerne tun. Es ist halt nur nicht so einfach, wenn du nicht weißt, wie du drankommen sollst. Aber da ich es wirklich schon ein paarmal geschafft habe mittlerweile, sogar während der Sitzungen manchmal in Tränen auszubrechen (was, so idiotisch sich das anhört, für mich ein gutes Zeichen ist), hege ich die Hoffnung, das in Zusammenarbeit mit der Therapeutin hinzubekommen. Und eine Möglichkeit zu erarbeiten, mit dem, was sich dann zeigt, gescheit umzugehen.

Nächstes Thema: Ominöse Nachricht von Basti, die ich heute erhalten habe. Ich könne ihn nicht besuchen diesen Monat, aber er würde gern zu mir kommen. Das sei nicht möglich, solange er noch bei Vivi in der WG wohne. Er sei in eine doofe Lage geraten. Er hätte vielleicht einfach auf Niklas und mich hören sollen.

Wenn Basti sich von Vivi trennt, mache ich drei Kreuze im Kalender. Sie hat zwar einerseits auf ihn einen ausgezeichneten Einfluss – er ist inzwischen Veganer, hat sich Dreads machen lassen, denkt über Umwelt und Nachhaltigkeit nach, tobt sich in der WG mit Bauprojekten aus, raucht weniger Tabak, hängt weniger bis gar nicht mehr im Contrast. Aber die andere Seite ist gruselig: Die WG ist von militanten Veganern bevölkert, die kein nicht-veganes Essen in den Kühlschrank lassen – ob gerettet oder nicht. Vivi stellt ihre Depression offen zur Schau und scheint sich kein bisschen Mühe zu geben, ihn damit nicht zu belasten. (Okay, dieser Punkt ist meinerseits der blanke Neid. Wie gerne hätte ich dieses Leben. Mir geht’s nicht gut und die ganze Welt dreht sich sofort um mich. Ich geb‘ es ja zu. Ich will das auch. Stattdessen bin ich mit R und meiner Mutter gesegnet und nichtmal in der Lage, vernünftig bescheidzusagen, wenn ich gleich abkratze.) Sie wird zickig, wenn sie kein Gras mehr hat. Aber noch schlimmer: Sie ist der eifersüchtigste Mensch unter der Sonne und macht Basti ein schlechtes Gewissen, wenn er mit weiblichen Menschen rumhängt. Nichtsdestotrotz war sie es, die direkt am Anfang der Beziehung vor seinen Augen im Contrast mit einem anderen Typen rummacht. YAY, ich sag’s dir. Und natürlich, ihre Eltern sind stinkreich. Ja, natürlich, auch hier schlägt der Neid durch. Aber pass auf. Während sie also zu Hause den Hippie raushängen lässt, hat sie kein Problem damit, sich von ihren Eltern ein Auto finanzieren und Urlaube bezahlen zu lassen (sagt diejenige, die mietfrei in der Wohnung ihrer Eltern wohnt und deren Großeltern ihr die Elektrifizierung ihres Fahrrads ermöglicht haben, I know) und, jetzt kommt’s, sich regelmäßig mit ihrer Mutter in einem Zürcher 5-Sterne-Hotel einzuquartieren und erstmal ein Wochenende shoppen zu gehen. Ehrlich gesagt ist das für mich fast von allen Punkten der schlimmste. Shoppen in der Schweiz. Whoa. Die Schaumkrone der Dekadenz. Weil man als vermeintlich nachhaltig orientierter Mensch sonst nichts mit seinem Geld anfangen kann.

Genug gerantet. Erstmal abwarten, was los ist.

¡Estamos a salvo!

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Noch nie war ich so erleichtert im Angesicht eines Wahlergebnisses. Als es in Österreich knapp war, nicht; als es in Frankreich knapp war, nicht, und wenn im eigenen Land was los war, erst recht nicht; hierzulande ist das meines Erachtens eh alles ein Brei und die beachtenswerte Bedrohung erfolgt in dem Moment, in dem die AfD noch einen Tick salonfähiger wird, aber das kommt schleichend, da fällt man nicht so aus allen Wolken.

Anders das Szenario Costa Ricas. Seit Februar war ich am Bangen, ob Fabricio oder Carlos, ob Hass oder Fortschritt, Elend oder Würde. Mein Erstaunen über Fabricios Wahlsieg in der ersten Runde hielt sich trotz des damit einhergehenden Entsetzens in Grenzen, was auf meine Erfahrungen zurückzuführen ist, die ich einst dort gemacht habe, und die Art von Menschen, mit denen ich damals zusammengetroffen bin. Aber mit dem Entstehen der parteienübergreifenden Coalición Costa Rica als unmittelbare Reaktion auf Fabricios knappen Sieg und all das gewaltige aufbrausende Engagement des sonst so politikverdrossenen Costa Rica haben sich mir Seiten an der Bevölkerung dieses Landes eröffnet, die mir all die Jahre praktisch völlig verborgen waren. Ich habe ein Stück meines Glaubens an die Menschheit in diesen paar Monaten wiedererlangt, falls der zuvor je vorhanden war. Und heute das Ergebnis der gestrigen Stichwahlen; die Menschlichkeit hat triumphiert, Carlos bekam knapp über sechzig Prozent der Stimmen. Das ist, als hätte Sanders direkt gegen Trump kandidiert und in zweiten Anlauf gewonnen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung. Das ist ein Grund zu unsagbarer Erleichterung. Und das bedeutet, dass innerhalb der nächsten vier Jahre nichts weiter mich davon abhält, costarricanischen Boden zu betreten, als meine eigene zeitliche und finanzielle Situation. Wäre es Fabricio geworden, sähe das anders aus. Da hätte man dann auch gleich in die Türkei fliegen können.

Dass ein Großteil meiner Bekannten und Freunde dort heute vermutlich im Gegensatz zu mir und allen mit Hirn gesegneten Costarricanern keine Freudentänze aufführt, ist ein Wermutstropfen, aber im Moment überwiegt die Erleichterung. Nicht nur hat Carlos nun die Chance, seine Sache so gut zu machen, dass es weder den Hirnbesitzern noch den Fabri-Lovers des Landes in den nächsten Jahren schlechter geht als zuvor; er kann auch den hart geschädigten Ruf seiner Partei wieder verbessern und Debakel wie dieses so für die Zukunft verhindern. Sie wären dem Fabri nicht alle derart blind in die Arme gelaufen, hätte sich die PAC nicht zuvor über eine Dekade durch grottige Regierungen und Korruptionsskandale mit viel Erfolg zum allerersten Sündenbock der Nation hochgearbeitet.

Aber genug davon. Es ist ein kleines Land, aber ein großes Beispiel für die Menschheit. Ich bin überzeugt, dass Carlos den offenkundigen Baustellen, die eine 40-Prozent-Rate für zurückgebliebene, heuchlerische, Hass schürende Prediger wie Fabricio erst ermöglichen, mit offenem Auge begegnet und alles in seiner Kraft Stehende unternimmt, um diese eiternden Wunden zu säubern.

Ich, währenddessen, bin noch aus anderen Gründen glücklich: es wird endlich wärmer hier, und ich bereite voll Vorfreude immer weitere Töpfchen mit Saatgut vor, um, wenn es soweit ist, die Terrasse so pflanzenbefüllt als möglich erleben zu können. Aus dem FairTeiler habe ich Topinambur mitgebracht und ein paar Knollen davon eingepflanzt; ein neues Basilikumtöpfchen ist angerichtet, um jene Pflanze zu ersetzen, die ich um ein Haar durch den Winter gekriegt hätte, wäre nicht meine fatale zweiwöchige Abwesenheit vor ein paar Wochen dazwischengekommen. R hat’s nicht so mit Pflanzengießen. Aber dafür bin ich ja jetzt wieder da, und in Zukunft überlasse ich meine Schätzchen definitiv jemand anderem.

Azorenregen

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Heute hat es geschüttet, als wäre im Himmel oben irgendwo ziemlich genau über uns ein Damm gebrochen. Es wurde also noch einmal ein richtiger Chilltag, aller Voraussicht nach der letzte des Urlaubs – ab morgen Nachmittag haben wir das Auto und werden damit unterwegs sein und zum Chillen weder Zeit noch Ausreden haben.

Aber heute war schön. Ein angenehmes Nichtstun, nicht zu vergleichen mit dem elendigen Versacken vor einer Woche. Wir haben unser bewährtes Urlaubsbrot mit unendlich Knoblauch gegessen, dessen Teig Becci am Vorabend schon zubereitet hatte, sodass ich nur noch zwei Fladen daraus formen und in der Pfanne backen musste. Dann schnell zurück ins Bett, in das warme Zimmer, zum Luxus des kleinen, aber effektiven transportablen Heizkörpers, den ich nach der ersten, durchfrorenen Nacht aus dem Gemeinschaftsraum zu uns verschleppt habe und seither wie eine Gottheit verehre.

Wir hängen im Bett und reden wenig, lesen, zocken und hören Musik. Wir haben Honiglikör mit Zimtnote, Produkt der Azoren, und Erdnüsse mit Honig- und Salzkruste; Dekadenz, die wir uns zu erlauben entschlossen, nachdem uns die Autovermietung am Flughafen – vielleicht in Anbetracht unseres Hippietouristenaussehens – ungefragt einen Rabatt von knapp 20 Euro angeboten hatte. Die Flasche steht in dem Spalt zwischen den Matratzen unserer zusammengeschobenen Betten, einige Erdnüsse sind in der Schüssel neben meinem Kopfkissen.

Becci schläft mit Kopfhörern in den Ohren, und ich frage mich, welchen Effekt dies auf die vor ihr liegende Nacht haben wird, aber ich möchte sie auch nicht aufwecken.

R schreibt mir, dass er mich vermisst, und ich bin glücklich und antworte dasselbe. Seitdem ich ihn kenne, ist dieses Wegsein das allererste mit Kommunikation zwischen uns, die unserer Beziehung gerecht wird. Ich bin unfassbar froh darüber, wie alles immerzu besser wird und die Fortschritte kein Ende nehmen. Diese Beziehung ist schon seit Langem nicht mehr die Bauruine, die ich damals bezogen habe; sie hat eine Kernsanierung hinter sich, ein dichtes Dach und eine isolierte Fassade, eine Fensterfront mit Meerblick und ein ausgebautes Dachgeschoss. Es ist darin warm und gemütlich und nichts an der Einrichtung ist provisorisch. Und langsam, aber sicher kann ich mich den letzten paar Kisten zuwenden, die noch im Keller stehen.