Schlagwort-Archive: Hoffnungslos

Nichts unversucht lassen.

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Himmels Willen. Vollkommene Eskalation mit Caro, die mir (leider nicht unbegründet) Empathielosigkeit unterstellt und von meinen moralisch verwerflichen Handlungen (aka mit verheiratetem Menschen bei Facebook schreiben) so schockiert ist, dass Telefonieren keine Option mehr ist. Unbefriedigende Kommunikation mit besagtem Menschen über den Tag hinweg, da sich die Dinge im Kreis zu drehen scheinen und ich mir selbst absolut nicht schlüssig bin, was ich damit nun eigentlich bezwecke. Habe aufgrund von Caros Vorwürfen erwogen, den Menschen ohne viel Aufhebens zu blockieren, es aber aus Prinzip nicht gemacht. Entscheidungen von dieser Größenordnung zu treffen, um jemand Anderem zu gefallen oder an dieser Stelle Konflikten aus dem Weg zu gehen, das schaffe ich dann auch nicht, selbst wenn es sich dabei um praktisch die eine Person handelt, deren Beistandes ich mir so gewiss zu sein glaubte, dass es mich über Monate hinweg am Leben gehalten hat. Dann gestehe ich mir lieber ein, dass weder ich in der Lage war, den Ernst ihrer Bedenken zu erkennen, noch sie dazu, den Ernst meiner Lage zu erkennen, und verlange den Abstand von ihr, den sie bei aller Ablehnung behauptet nicht zu brauchen.

Option 1: Dem Impuls nachgeben und an Ort und Stelle diese Sinnlosigkeit, die man auch unter dem irreführenden Begriff ‚Leben‘ kennt, sanft und ruhig mit Trimipramin zu einem Ende führen.

Option 2: Tinder-Profil aktivieren und anfangen, mit nem Typen aus Bruchsal zu schreiben, der ganz okay ist, wenn auch nicht gerade weltbewegend. Etliche großzügige Schlucke vom selbstgemachten Kuhbonbonlikör hinter die Binde kippen, weiterschreiben und nicht mehr nachdenken.

Wie unschwer zu erkennen sein wird, habe ich mich für die zweite Option entschieden. Der Tinder-Typ fackelt nicht lange und hat vorgeschlagen, dass wir uns mal treffen sollen; ich bin so ‚whatever‘ gelaunt und hab einfach zugestimmt, mir ist alles egal, ich muss nur aus diesem Elend raus.

Nun kommt also morgen mein erstes Tinderdate zu mir. Es ist ein Mensch, mit dem ich jetzt seit ein paar Stunden Sprachnachrichten hin- und herschicke und der mir seither direkt sympathisch war, wenn auch erstmal mehr kumpelmäßig als alles Andere. Aber es wäre ja wohl auch etwas viel verlangt, dass der allererste Mensch, mit dem ich bei Tinder zu tun habe, sich als die Liebe meines Lebens erweist. Wie dem auch sei, ich bin jetzt schon dankbar, es zumindest mal versucht zu haben.

Auf jeden Fall wird so schnell nicht aufgegeben. Alkohol macht’s möglich. Der sowie ein gewisser Überlebensdrang, gepaart mit einer nicht unwesentlichen Portion Glück. Es scheint nicht so schwierig zu sein, irgendwelche Menschen kennenzulernen, wie ich es mir immer gedacht habe. Wenn es mir dann noch hilft, nicht in ungesunde Abhängigkeiten zu geraten und mir meine beste Freundin zu bewahren, umso besser.

How we survive

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Ich scheine mich nicht festlegen zu können, ob ich nun in Ordnung bin oder absolut am Abkacken.

(Gut. Ich setze also offenbar dazu an, Survive schreiben zu wollen; dann kann ich dieses Projekt an dieser Stelle beenden, denn das hat ja nunmal schon jemand vor mir getan. Ein Glück hab ich’s rechtzeitig bemerkt.)

Gefühlt entgleite ich momentan in die vollkommene Sinnlosigkeit. Ich bekomme kaum mehr mit, welche Katastrophen-Doku ich mir gerade reinziehe, weil ich nebenher nähe, esse oder am Handy spiele, um mich zusätzlich zu beschäftigen. Außerdem verschwimmen sie alle ineinander.

Das Sinnlosigkeitsgefühl ist nicht mehr so schlimm wie vorhin. Manchmal kommt so ein Tiefpunkt. Dann wird es mit etwas Glück nach einer Weile wieder besser.

Ich gehe mal schlafen. Weiter auszuführen wäre meiner Laune eh nicht zuträglich und noch dazu muss ich ja morgen früh aufstehen.

Parallelalpakas

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Ja, es wäre ein traumhaftes Wetter für eine Alpakawanderung gewesen.

In Ermangelung derjenigen Lebensrealität, in der ich, noch dazu begleitet von meinem Lebenspartner, in den Genuss seines Geburtstagsgeschenkes gekommen wäre (Paralleluniversen sind vielleicht einfach doch ein Ding), habe ich heute andere Dinge getan: spontan meine ehemalige Kommilitonin Karina angerufen, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren (niemals wäre ich noch vor zweieinhalb Monaten auf diese Idee gekommen), meinen Balkon bewirtschaftet, mit Janas (angeblichem) Hochleistungsmixer Beccis Likör-Walnüsse zu Mus verarbeitet, das 1000. Level meines Candy-Crush-Verschnitts erreicht und somit das gesamte Spiel durchgezockt, R’s Post aus meinem Briefkasten gefischt (wie auch immer es angehen kann, dass sie dort noch immer landet, obwohl ich seinen Namen vor Wochen vom Schild entfernt habe?), erstmals in der Candidate-App ein paar Fragen von verschiedenen Menschen beantwortet, versucht, die Katze beim Vertilgen eines riesigen Brockens Hühnerrücken zu filmen (erfolglos), und mir in Erinnerung gerufen, dass ich mich nicht umbringen kann, solange ich noch unvollendete Dinge vor mir habe: ungelesene Bücher im Regal, undokumentierte Songs im Kopf, ungegessene Köstlichkeiten im Schrank, ungepflanzte Kürbisse im Anzuchttopf.

Jetzt, wo es Abend ist, Jana gleich zum Arbeiten fährt und ich mir vermutlich demnächst wider besseres Wissen ein (von Yannick abgestaubtes) Bier aus dem Kühlschrank hole, gewinnt diese Feststellung nochmal an Wichtigkeit.

Ich plane, mir ein Kräuterbaguette aufzubacken, meine aktuelle Doku-Serie (Terrorism Close Calls, ganz nett, aber erfordert kritisches Denken) zu Ende zu schauen und vielleicht eine nächste anzufangen. Wenn noch jemand mit mir reden möchte, umso besser.

Und morgen, wenn morgen und ich zusammenfinden, das gleiche Spiel von Neuem.

Ist der Ruf erst ruiniert…

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…muss man auch nicht mehr jeden Tag Blog schreiben.

Wäre ja auch zu merkwürdig gewesen, wenn ich das geschafft hätte.

Jetzt weiß ich nicht mal mehr, was der Stand war, als ich zuletzt berichtete. Aber ich kann es mir ungefähr denken.

Seither wohnt Jana bei mir; ja, ich schätze, dass der Abend, an dem sie hierblieb, derjenige gewesen sein dürfte, an dem ich zu berichten aufgehört habe. Dienstag war’s, glaube ich, genau der Tag meiner letzten Therapiesitzung, bevor die Therapeutin Osterpause machte.

Ich habe wieder mit Arbeiten angefangen. Ironischerweise war es R, der mir den Auftrag vermittelte, welcher dazu führte (er wandte sich dafür an Jana, nicht etwa an mich); es handelt sich um die Doktorarbeit von Vidulas bester Freundin, die ich nun (in direkter Kommunikation mit dieser) kapitelweise durchgehe. Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können, denn nicht nur ist meine Auftraggeberin eine äußerst liebe Kundin, sondern die persönliche Natur des Auftrags macht mir das Herangehen an die Arbeit um einiges leichter, als dies ein Scribbr-Auftrag täte.

Zudem hat William über Facebook nach Hilfe beim Transkribieren von Interviews für seinen Podcast gefragt, wofür ich mich auch einfach mal gemeldet habe. Er ist sehr dankbar und hat mir zudem angeboten, mit mir zu reden, wenn ich das möchte.

Ostern haben wir mit Yannick und Fredi Hasen gegessen. Den, der seit Ewigkeiten eine ganze Gefrierschrankschublade blockiert hatte und den R und ich eigentlich schon zu diversen Gelegenheiten gemacht haben wollten, wozu es dann allerdings nie kam, und den, der aufgrund von Platzmangel noch bei Yannick für uns (beziehungsweise dann mich) zwischengelagert gewesen war. Zudem fahren wir regelmäßig auf Essenssuche – ich scheine die für Hamstern und Nachhaltigkeit nicht unempfängliche Jana zumindest für die Dauer ihres Hierseins erfolgreich angefixt zu haben.

Den Rest der Zeit verbringe ich auf der Terrasse (welche mittlerweile beinahe vollständig hergerichtet und mit zum Teil bereits in Blütenpracht erstrahlenden Gewächsen bestückt ist), auf dem Sofa oder im Bett. Die 15-mg-Dosis Medis hat nicht nur mein unmittelbares Fortbestehen gewährleistet und mein Gefühlsspektrum verlässlich abgestumpft, sondern auch mein Schlafbedürfnis wieder auf unvermeidliche 11 Stunden ausgeweitet. Ich bin schon wieder dabei, auf 10 mg herunterzustufen. Wobei ich nicht sicher bin, inwieweit ich dahingehend alles richtig mache, da ich mich über den Tag hinweg meistens zwar verhältnismäßig sicher fühle, abends jedoch seit mindestens einer Woche regelmäßig so krasse suizidale Anwandlungen erlebe, dass (ich bin mir relativ sicher) allein die Tatsache, dass ich genug Anstand besitze, um nicht Jana, die – wie es gestern der Fall war und heute wieder ist – zum Arbeiten nach Hause gefahren ist und zum Schlafen wiederkommt, mit dem unschönen Anblick einer (vermutlich vollgekotzten) Trimipraminleiche zu konfrontieren, mich davon abhielt, diesen nachzugeben. Jana kann ich das nicht antun; niemandem, der eben erst seine Mutter an Krankheit und seinen Bruder an Selbstmord verloren hat und in drei Wochen mit seiner Doktorarbeit fertig sein muss, kann man das zumuten. So viel Anstand habe ich.

Aber ich habe mich schon geärgert, ich war genervt, richtig wütend, wenn man’s genau nimmt, darüber, dass mir das verwehrt blieb, und ich kann nicht behaupten, im Nachhinein sonderlich dankbar dafür zu sein, auch wenn die Zeitspannen, in denen ich wohl tatsächlich akut gefährdet wäre, völlig am Rad zu drehen und etwas Derartiges durchzuziehen, immer recht kurz sind. Aber wirklich Sinn macht meine Existenz halt auch in den übrigen Momenten nicht. Von einem Tag zum nächsten leben kann ich noch (oder eher wieder), ich mache genug schöne Dinge jeden Tag, Pflanzen pflegen, Euskera lernen, containern, Katze bedienen, tolle Sachen essen, mit Menschen reden, Nägel lackieren, so Sachen, aber eine Zukunft sehe ich nicht, das nicht, zumindest keine, in der ich gerne sein möchte.

Geht alle sterben.

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Undine und Lukas sitzen draußen auf ihrer Terrasse und freuen sich ihres Lebens. Ich ertrage es nicht. Hört auf zu lachen, hört auf zu reden. Eure ist die Pärchenkillerwohnung, warum seid ihr noch da und mein Mensch zum Draußensitzen, Reden und Trinken ist weg – vermutlich ohne je noch einmal daran zu denken?

Meine Kopfhörer mit der Candy-Crush-Hintergrundmusik und die geschlossene Terrassentür lassen die Stimmen durch wie ein Sieb das Wasser. Ich pack es nicht.

Das allseits bekannte „Wie kann es ihm so wenig ausmachen“ hämmert und hämmert und hämmert, hämmert und hämmert und hämmert. Wenn ich könnte, würde ich mich seitwärts auf das Sofa legen und jammern, aua aua aua aua aua aua aua aaaaau, ahaaaaaaau, als wäre ich zwei Jahre alt und hätte mir den Kopf irgendwo angehauen.

Es tut. So. Weh.

Ich wollte heute duschen, saugen und zwei Flaschen Altglas wegbringen, einfach um mal wieder draußen gewesen zu sein, aber habe nichts gemacht. Ich weiß einfach nicht, wofür. Mir erschließt sich der Sinn des Weiterexistierens in dieser Einsamkeit nicht, und besonders nicht der des Lebens für mich selbst, und ebensowenig der von etwaigen zukünftigen erneuten Versuchen, das zu erreichen, was ich glaubte erreicht zu haben. Was soll der Sinn sein, solange das Risiko besteht, nochmals genau hier zu landen.

Weitergeben? Aufmachen?

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Viel telefoniert heute. Mit Jana, Oma und Nicole. Mit Kepa geschrieben und kurz mit Becci, Caro und Rini. So geht das, wenn man sich bemüht und wenn Menschen für einen da sind.

Habe trotz aller sozialen Kontakte nicht den leichtesten aller Tage gehabt. Tatsächlich habe ich vorhin an R eine Nachricht geschrieben, wenn auch keine der (auf den ersten Blick) verzweifelten Sorte, sondern eine, mit der ich dem überwältigenden Bedürfnis nachkam, etwas zu korrigieren, das ich am Freitag gesagt hatte. Das dürfte mir gelungen sein, aber ich fühle mich nicht besser. Meiner Bitte (und seiner Natur) gemäß hat er darauf nicht geantwortet, stattdessen sah ich mich damit konfrontiert, wie er kurze Zeit später in der Signal-Gruppe munter mit Wolfgang Pläne fürs Wochenende machte.

Ich weiß; was will ich denn, ich wollte explizit keine Reaktion haben. Nun bin ich jedenfalls zum Wohle meines eigenen Seelenheils aus der verdammten Signal-Gruppe raus, es ging einfach gar nicht mehr. Habe Yannick geschrieben, er möge mir bitte auf anderem Wege bescheid sagen, wenn er auf Essenssuche geht. Das war doch hoffentlich nicht zu viel verlangt.

Vielleicht ist es auch irrelevant, ob mein Containerfahrservice weiter besteht. Vielleicht überlege ich mir das mit dem Trimipramin nochmal genauer; vielleicht sind all die weisen Leute, die mir sagen, dass es besser wird, auch einfach besser als ich. Vielleicht ist Aufgeben nicht so sehr keine Option, wie ich es mir manchmal sage.

Zukunft streichen, Gegenwart vertreiben.

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Gestern Abend erstmal meinen Kalender aktualisiert. In dem Sinne, dass alles R-Relatede unkenntlich gemacht wurde. Viel war es nicht, aber gleichzeitig praktisch alles, was ich bisher eingetragen hatte. Sein Geburtstag, meine Alpakawanderung, die Hochzeit seines Bruders, das Pet-Shop-Boys-Konzert, auf das ich zum Zeichen meiner Horizonterweiterungswilligkeit hatte mitgehen wollen. Von der Geburtstagsfeier seiner Großtante, die demnächst stattfindet, wusste ich zum Glück das genaue Datum noch nicht, sonst hätte ich noch einen Eintrag mehr durchkritzeln müssen.

Es war eklig.

Überhaupt überkommt mich, sobald ich mich einer Konfrontation mit diesem Aspekt meiner Wirklichkeit nicht erwehren kann, zuverlässig das Gefühl, vor Schmerz zu zerfallen. So wie jetzt. So wie beim Aufwachen. So wie gegen Nachmittag, wenn die Phase erzwungener Aktivität am Auslaufen ist und ich wieder auf dem Sofa lande, wo mich die Leere verschlingt.

Es ist einerseits weniger hartnäckig als damals, vermutlich weil mich die Medis auffangen und ich, davon ab, nicht davon überzeugt bin, einen Seelenverwandten verloren zu haben. Auf der anderen Seite ist es so viel mehr, das ich verliere. Am härtesten, das will ich offen zugeben, trifft mich neben der augenscheinlichen Tatsache, dass mein Leben auseinandergefallen ist, der schlagartige Verlust des Geliebtwerdens. Härter als das Nichtgenugsein, die verlorenen Jahre, die vollkommene Perspektivlosigkeit; mehr als die Person an sich, die fünf Jahre lang ein Teil von mir war und die an meiner Seite zu haben ich schätzen und offensichtlich, leider, auch brauchen gelernt habe.

Ich habe viel Arbeit vor mir, wenn ich das überstehen möchte.

Umso stolzer bin ich, berichte zu können, dass ich mich aufgerafft und mir ein (hoffentlich) köstliches Abendessen aus der letzten Semmelknödelwurst von Beccis und meiner Aktion letzte Woche, Spargel und Pilzsauce zubereitet habe. Verblüffend, wie ich in dieser Ausnahmesituation Energie für Dinge aufbringe, die ich über weite Strecken der letzten Jahre für undenkbar befunden hätte.

Also wird nun gegessen. Gegessen und dabei die nächste Netflix-Dokuserie angefangen, sodass Ablenkung einziehen und sich der Klammergriff um meinen Brustkorb wieder lockern kann.

Surviving Somehow

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Heftig. Wie in Situationen dieser Art üblich, war die Panik von einem Moment auf den anderen weg. An ihre Stelle ist nahtlos eine so überwältigende, allumfassende Trauer und generelle Hoffnungslosigkeit getreten, dass die schiere Tatsache, dass ich noch hier bin, um dies zu tippen, allein der lebensrettenden Kombination aus Caro, Chachi und meiner Antriebslosigkeit zu verdanken ist.

Um mal ganz bescheiden mich selbst zu zitieren: My past is gone, so is my future, so are you.

Keine Ahnung, ob ich hier irgendwann noch Details aus den vergangenen fünf Jahren rauskramen und auf die Weise vielleicht aufarbeiten kann oder überhaupt nur will. Ich habe das Gefühl, über die Dauer meiner Beziehung mit R sowohl zu Verdrängungszwecken als auch aus Angst, mir durch Lautausschreiben die eigene Verletzlichkeit einzugestehen, wesentliche Teile meiner selbst verleugnet und meines Lebens unterschlagen zu haben, aber gerade ist jedenfalls nicht der Zeitpunkt, in der Richtung etwas nachzuholen. Solange ich mit anderen Menschen in Kontakt bin, erscheint es mir denkbar, dieses Elend irgendwann hinter mir zu lassen und meine eigene Zukunft zu erleben. Sobald ich aber allein bin und unweigerlich daran denke, selbst ohne irgendetwas aktiv hervorzukramen, verschwindet diese Hoffnung abrupt vom Horizont meiner Möglichkeiten.

Ich habe einen kleinen Auftrag angenommen, den ich morgen bearbeiten muss. Neun Seiten, das sollte doch irgendwie gehen. Wenn nicht, muss es trotzdem gehen, schließlich habe ich ihn nunmal angenommen. So werde ich morgen wohl auch überleben, denn man kann nicht gleichzeitig krepieren und einen Auftrag bearbeiten.

Immer einen Tag nach dem anderen.

Get it over with.

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Heute ging der Kaffeekonsum mit leichter, aber erträglicher Panik einher.

Zwischendurch war ich auf Zitronensäure-Mission in der Stadt unterwegs. Es war warm, die Busse und Bahnen waren leer und man musste keine Angst vor Kontrolleuren haben. So lob ich mir das Reisen.

Nach der Bäckerei-Abholung am Abend habe ich Wolfgang benachrichtigt, dass Brötchen bereitstehen. Bevor er kam, sah ich jedoch erstmal eine Nachricht von R, ob er morgen oder übermorgen vorbeikommen dürfe. Klar, sagte ich, was es denn geben würde. Er schrieb, er wolle mir die paar Sachen zurückgeben, die er versehentlich von mir mitgenommen hat. Ob mir morgen oder Samstag lieber sei. Morgen, sagte ich, bringen wir’s hinter uns.

Ich weiß, was es gibt, und morgen Abend wird es jeder Teil von mir wissen, auch derjenige, der es bislang trotz untrüglicher Intuition nicht zulassen kann.

Wolfgang war sehr verständnisvoll ob meines latent zerstörten Zustandes, der sich nach ganzen fünf Minuten leider nicht länger verbergen ließ. Er ist anderthalb Stunden geblieben, hat zugehört und abgelenkt und sogar vier Brötchen mitgenommen. Seine Agenda ist eher auf Vorratsvernichtung ausgerichtet – wie ihm dann auffiel, brauchte er eigentlich gar keine Brötchen.

Er war gestern bei R, der ihm gegenüber augenscheinlich keinen Ton darüber hat verlauten lassen, dass er vorhaben könnte, mich zeitnah abzusägen. Vielleicht hat er diese Entscheidung ja heute spontan gefällt. Aber er hat generell nicht über das Thema gesprochen. Warum wundert mich das nicht.

Pünktlich um 18.30 werde ich mir morgen jedenfalls etwas von dem schon obsolet geglaubten Trimipramin hinter die Binde kippen, um das Drama nicht unnötig dramatischer zu machen. Und dann genau das tun, was ich angekündigt habe: es hinter mich bringen. Und R, wenn er dann zum voraussichtlich letzten Mal seinen Weg aus der Wohnung antritt, eine Tüte Brötchen mitgeben, denn für mich allein ist so ein gelber Sack voll einfach nicht zu schaffen.

Prepare for either.

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Marketa kam eben den Ausdruck abholen und teilte mir bei der Gelegenheit mit, dass sie gestern Abend mit R telefoniert hat. Er wird demzufolge heute nicht herkommen und sein Perso und restlicher Kruscht verbleiben vorerst in meiner Gewalt.

Aus dem Gespräch scheinen sich keine nennenswerten neuen Informationen ergeben zu haben. Sie hat wohl gefragt, ob er schon ahnt, was er letztendlich möchte; er weiß es nicht. Ich solle mich auf beide Szenarien gleichermaßen vorbereiten. Weggehen und ein neues Studium anfangen sei eine großartige Idee. Ebenso diese Auszeit. Er wisse es wirklich nicht. Er würde aber darüber nachdenken und es würde voraussichtlich nicht sehr lange dauern, bis er zu einem Ergebnis kommt. Ich sei ihm sehr wichtig; er wolle definitiv das Beste für mich. Er sei jedenfalls nicht so klinisch gefühlssteril, wie ich es wahrgenommen hatte.

Ich weiß nicht genau, was sie mit dieser Unterhaltung bezweckt hatte, aber mir hat das Ergebnis nichts gebracht außer einem weiteren Anflug desselben furchtbaren Gefühls, das ich sowieso schon habe.

No tienes que decirlo, no vas a volver, te conozco bien.

Wieder.

Als er manchmal sagte, ich würde ihn besser kennen als er sich selbst, so hatte er damit Recht. Vielleicht weiß ich es deshalb.