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The neighbor who cares

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Marketa ist ein Engel. Mal davon abgesehen, dass sie mich zu hundert Prozent mit ihrer Erkältung angesteckt hat, während wir zusammen an der Übersetzung ihres Testaments gearbeitet haben, oder alternativ während sie mich gedrückt hat, aber das war es absolut wert. Selbst wenn es das Corona-Virus sein sollte und ich übermorgen daran zugrunde gehe.

Sie möchte allen Ernstes mit R sprechen. Zwar konnte ich sie davon abbringen, ihm sagen zu wollen, dass sie sich Sorgen um mich macht, weil der Wartezustand mir nicht unbedingt gut tut (das, wie ich ihr dann erklärt habe, dürfte eh nichts bringen, weil er meinen absoluten Schlimmstzustand am eigenen Leibe erfahren und sich einen Dreck darum geschert hat), aber ihr Unverständnis seiner (Bisher-noch-nicht-) Entscheidung gegenüber ist so immens, dass sie einfach wissen möchte, was in seinem Kopf vorgeht.

Selten hat eine so simple Kombination an Wörtern – „Do you want me to talk to him?“ – eine so umfassende Bandbreite an Gefühlen bei mir hervorgerufen. Ungläubige Dankbarkeit, dass sie das tun würde. Hoffnungslosigkeit, weil es nichts bringen wird. Unsagbare Erleichterung, dass mir geholfen wird. Angst, dass es ihn überfordern und alles noch schlimmer machen könnte. Hoffnung, dass ich danach mehr weiß als vorher, und sei es nur, ob er sich denn schonmal einen Moment genommen hat, darüber nachzudenken. Kaltes Entsetzen im Angesicht der nicht geringen Wahrscheinlichkeit, dass mir die Antworten nicht gefallen könnten, die ich erhalte.

Nun, da ich weiß, dass dieses Gespräch stattfinden wird, bin ich um jeden Tag froh, den es sich hinauszögert. Insbesondere weil R ein langsamer Denker ist und mit jedem verstrichenen Tag mehr Gelegenheit bekommt, sich von der Situation ein Bild zu machen. Wenn er sich von Marketa (die, so zumindest ist mein Eindruck, von der Agilität und allgemeinen Drahtung ihres Denkens her eher in meiner Ecke angesiedelt ist) überrumpelt vorkommt, ist niemandem geholfen.

Außerdem hat er bisher nicht einmal mit Wolfgang gesprochen. Zumindest hat dieser noch nichts Gegenteiliges hören lassen.

Verdammt. Ich verstehe einfach nicht, wie das gehen soll – alles mit sich selbst ausmachen. Wo soll man denn seine Perspektive checken, wenn man immer nur sein eigenes Feedback anhört?

Ich bin wahnsinnig müde. Es wird Zeit, den Kätzchen ihr Essen aufzutischen bzw. aufzutauen, damit ich in zwei Stunden das Zeitliche segnen kann. Morgen wird anstrengend, denn natürlich habe ich bisher noch rein gar nichts geputzt. Und dann möchte Mama auch noch von der Flixbushaltestelle abgeholt werden. Das sind 40 Minuten weniger Zeit zum Saubermachen.

Naja. Immerhin habe ich, wie gesagt, nicht völlig die Kontrolle über den Haushalt verloren, sonst würde mir noch ein ganz anderes Spektakel blühen.

Nothing at all

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Mike ist nicht gekommen, weil er sich erkältet hat. Da freut man sich einmal im Leben, dass man sich mit Mike trifft, und dann sagt er ab.

Immerhin besitzt Mike den Anstand, Verabredungen abzusagen. Von Basti werde ich vermutlich wieder ein halbes Jahr nichts hören, nachdem er – oh Wunder – nach unserem Gespräch letzten Dienstag weder wie angekündigt weiter von seinem Fahrschul-Tablet aus mit mir Kontakt aufgenommen hat noch – welch Überraschung – am Sonntag wie überlegt zu mir kam. Ohne einen Ton von sich zu geben. Ich hatte schon Recht damit, ihn aus dem Fenster schmeißen zu wollen. Was nützt einem ein Freund, der es nicht für nötig hält, in bittersten Notlagen einem a) zur Seite zu stehen oder zumindest b) abzusagen.

Naja. Auf diese Weise musste ich heute zumindest nicht duschen oder staubsaugen. Dafür habe ich bis Sonntag die Verantwortung für die Nachbarskatze und muss also tatsächlich nachher noch die Wohnung verlassen, um die Gute zu füttern.

Die Heizungen wurden heute abgelesen. Ich hatte natürlich vollkommen verdrängt, dass bereits der 5. ist, und war entsprechend erleichtert, dass ich die Wohnung nicht ganz und gar hatte verkommen lassen, sodass ich mich für den Zustand meines Zuhauses nicht übermäßig schämen musste und dem Ablesemenschen außer der Schale mit Canna und Zieringwer, die im kleinen Zimmer überwintert, nichts weiter im Weg stand.

Wirklich. Ein Glück habe ich es relativ aufgeräumt gehalten. Es sieht nicht schlimmer aus als üblich, eher im Gegenteil. Nur der Boden ist halt schon kritisch. Bevor Mama kommt, sauge ich.

R hat sich heute Früh gemeldet, ob sein Perso noch in meinem Kopierer liegt. Das war tatsächlich der Fall. Er hat sich Mühe gegeben und die Nachricht mit „Hallo, hoffe, dir geht’s gut soweit.“ begonnen. Vermutlich als direkte Konsequenz meiner vorsorglichen Bitte, in etwaigen schriftlichen Nachrichten nicht ganz so kalt zu sein, um mein sowieso übermäßig ausgeprägtes Gefühl des Egalseins nicht mehr als nötig zu verstärken. Klar ist das nun beileibe nicht die herzlichste Nachricht, die ich je erhalten habe, aber ich muss anerkennen, dass er es – wider seine Natur – zumindest versucht.

Ich habe ihm mitgeteilt, dass es mir tatsächlich besser geht; er schrieb „Cool, freut mich.“

Das Traurige ist, dass dies seiner Vorstellung von ’nicht kalt‘ entspricht.

Wir sind einfach kein Stück kompatibel.

Er leidet einfach kein bisschen unter dieser Trennung.

Er braucht mich nicht, so überhaupt nicht, entgegen allem, was er zuvor dachte und sagte. Und, während das erstmal gar nicht schlimm ist, das Gravierende: er vermisst mich nicht. Ich will nicht gebraucht werden, ich will gewollt werden. Aber nein, er hat es einfach abgestellt. Es ist gar nichts mehr übrig.

Würde er nur einfach zu diesem Ergebnis kommen und mich ein für allemal absägen, dann wäre es endlich vorbei. Ich bin nicht stark genug, um es für ihn zu tun.

Vielleicht weiß er es schon und möchte sich nur eine Zeitlang vergewissern. Das wäre in Ordnung, das würde ich auch so machen. Vielleicht dauert es nicht mehr lange. Ich hoffe, es dauert nicht mehr lange.

Kausalitätsketten

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This is the story of how a person got from point A to point Z.
Some call it fate, others, chance. But whatever you call it,
it sure is an interesting thing to ponder, don't you think?
The twisted paths our lives follow. How did you get here?
The place where you are right now at this very moment.
What series of events brought you to this place?
At this specific point in time? Where are you in life?
Are things turning out the way you'd planned?
And by the way, when was the last time you spoke with your parents?
Don't you think you ought to give them a call?
To thank them for the set of circumstances that brought them together,
at a certain place, at a certain moment in time, when you were created.

In der Tat sind dies interessante Dinge, über die es sich nachzudenken lohnt, da hat Roscoe Lee Browne im Auftakt von Smiley Face schon Recht. Mein Point A des heutigen Tages war wohl die (somewhat verstörende) Whatsapp-Nachricht meiner Mutter, sie habe meinen Blog gelesen. (Nachdem ich ihr darauf ‚Oh‘ antwortete und sie daraufhin ‚Genau‘ erwiderte, fand keine weitere Kommunikation diesbezüglich oder anderweitig statt, sodass die Konsequenzen dieser Eröffnung mir aktuell noch nicht in ihrem vollen Ausmaße bekannt sind.)

Ich machte mich auf, zu tun, was ich immer tue, wenn diese Situation eintritt: Blog scannen, um zu ermitteln, welche Unsäglichkeiten ich im Laufe meiner mittlerweile zehnjährigen Seelenausschüttungskarriere produziert habe, die der nunmehr darüber in Kenntnis befindlichen Person nicht gefallen könnten. Nach diesem ersten Schritt gehe ich üblicherweise dazu über, zugunsten der Authentizität und meines Seelenheils die Tatsache, dass ich gefunden wurde, schnellstmöglich wieder vollständig zu verdrängen.

Beim Scannen lief mir dann aber folgender Satz über den Weg: „Basti hat so Recht, wie er immer sagt, Kommunikation ist das Allerwichtigste.“ Das war Point B.

Ich nahm dies zum Anlass, mir zu denken, screw this, und Basti eine Nachricht zu schreiben, in der ich auf diese Aussage Bezug nahm. Auf diese Weise kam kurz danach tatsächlich ein Gespräch zustande, in dessen Verlauf mir zwar nicht unbedingt wie Schuppen von den Augen fiel, dass ich in der Unterhaltung mit Niklas absolutem Blödsinn auf den Leim gegangen war, aber zumindest bin ich nicht mehr überzeugt, ein absolutes Monstrum als besten Freund gehabt zu haben. Es wird nicht mehr so wie früher, aber ich sehe keine Notwendigkeit mehr, ihn aus dem Fenster zu schmeißen.

Da wir nicht ganz so lange telefoniert haben, wie es eigentlich hätte dauern können, weil er zurück an die Arbeit musste, versuchen wir das Gespräch heute Abend fortzusetzen. Point Z ist also fürs Erste aufgeschoben. Dahin gelange ich wohl über einen weitaus weniger manischen Donnerstag, als geplant war – die manischen Donnerstage habe ich zusammen mit dem Anti-Versackungs-Plan vor ein paar Monaten eingeführt, bin aber zunehmend inkonsequent damit und nutze jede Kleinigkeit, um mich davor zu drücken. Aktuell ist es die jahreszeitbedingte Dunkelheit, die mir als Vorwand zum Nichtstun dient. Staubsaugen bei diesen Lichtverhältnissen wäre ineffizient. Beim Aufräumen möchte ich auch sehen, was ich tue. Den Tisch mag ich auch nicht im Dunkeln putzen. Die Küche kann man zwar hell erleuchten, aber die Spülmaschine läuft bereits. Den Flur blockieren Taschen mit Pfandflaschen. Für ein Semesterticket bin ich zu geizig, aber die Semesterticketlosigkeit hält mich davon ab, das Haus zu verlassen und die Flaschen wegzubringen. Ich habe zwar von Susmitas und Sarahs Besuch neulich noch ein paar Einzeltickets übrig, möchte diese aber nicht ohne Not verschwenden. Wäsche sollte ich waschen, aber im Keller ist es so kalt. Warm anziehen könnte ich mich, aber da es so dunkel ist, bin ich nicht motiviert dazu. Winter nervt.

Das Gute: In drei Wochen wird es bereits wieder heller. Und in drei Monaten kann ich schon fast wieder richtig normal leben. Und ich habe zwar vorhin mit Basti darüber gesprochen, dass wir in Konstanz wirklich ein schönes Leben hatten, aber vielleicht strenge ich mich einfach mal ein bisschen an und schaffe das Gleiche hier auch.

Making Fingers

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Ach, es tut schon verdammt gut. Die Wohnung ist gesaugt, gelüftet und relativ aufgeräumt. Im Bad riecht es nach Pflegeprodukten, an mir selbst ebenso. Ich bin frisch geduscht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist es mir schließlich gelungen, meinen Pony zu föhnen. (Hey, man kommt mit dem Wissen, wie man einen Pony föhnt, nicht auf die Welt – und ich habe meinen noch nicht mal zwei Wochen.) Der Trockner und die Spülmaschine laufen. Ich habe noch anderthalb Stunden Zeit, bis mein Schüler kommt.

Würde nicht die Katze auf mir sitzen, könnte ich noch Wäsche zusammenfalten. So dagegen kann ich stattdessen etwas von dem Auftrag abarbeiten, den ich morgen abgeben muss, und zuvor der Welt davon berichten, was ich heute schon alles geschafft habe.

Und auch andere Dinge sind berichtenswert. Berichtenswert, ja, aber schwierig in Worte zu fassen. Ich habe es gerade versucht und war überhaupt nicht glücklich damit.

Aber ich versuche es noch einmal. Vielleicht kann ich es von hinten aufrollen. Ich hatte einen dazu passenden Gedanken vorhin beim Staubsaugen, und zwar den, dass es möglich ist, sich Fingerhandschuhe aus Fäustlingen zu machen. Gerade habe ich darüber noch einmal nachgedacht und festgestellt, dass ich genau der Mensch bin, der genau das tun würde, angenommen, ich wollte Fingerhandschuhe und das Leben präsentierte mir Fäustlinge. Umständlich? Ja. Fragwürdiger optischer Eindruck des Endprodukts? Vermutlich. Funktionstüchtig? Definitiv. Und ein Projekt, auf das man stolz sein kann, denn es steckt harte Arbeit drin und, noch besser, die Individualitätsstufe ist schwer zu übertreffen.

Natürlich macht das nur Sinn, wenn ich dazusage, dass mir das Lied ‚Mittens‘ von Frank Turner immer ein beklemmendes Gefühl vermittelt hat. Because I definitely need to fit like gloves. And I never quite felt like we did.

Und daran habe ich über die Jahre gearbeitet und tue es nach wie vor, und ich habe zwar den Eindruck, dass ich einen monströsen Teil dieser Arbeit unbemerkt und allein verrichte, aber es wird immer besser. Es wird beständig besser und es wurde vor ein paar Tagen besser, als R mich erstmals bat, ihm von meinem vergangenen Beziehungsleben zu erzählen. Ich bin der Bitte nachgekommen und habe in drei-vier Sätzen erläutert, dass ich zuvor nicht die Gelegenheit hatte, mit den Menschen, die ich mir ausgewählt hatte, eine Beziehung zu führen. Dass ich eher so der Mensch war, dem man sagt, was für eine unglaubliche Verbindung man mit ihm doch habe, von dem man jedoch in romantischer Hinsicht nichts wissen will. Dass man da irgendwann einfach nicht mehr weiß, was man überhaupt noch fühlen darf. Dass ich schon einen ziemlich großen Knacks weg hatte, als wir uns getroffen haben. Dass ich sehr dankbar bin, dass der Knacks geheilt ist. Eine richtig schöne kleine Rede. Er hat alles zur Kenntnis genommen und am Ende gesagt, sie wären selbst schuld gewesen. Details wollte er keine wissen. Aber es war immerhin eine Frage. Für meinen Handschuh mindestens ein Finger mehr.

Absurder Song – Revisited

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Hast du jemals ein abgrundtief trauriges Liebeslied geschrieben?

Du weißt nicht, was du verpasst. Es ist so heilsam. Und das Beste ist, das Lied überdauert das Gefühl. Und du kannst es immer wieder spielen, und jedes Mal merkst du dabei, wie du geheilt bist, und lernst immer wieder schätzen, dass es dir gerade so gut geht.

Ich führe heute überdurchschnittlich viele Monodialoge mit imaginären Personen. Obenstehendes zum Beispiel habe ich gerade an R gerichtet, nachdem ich mir die Gitarre geschnappt und – was ich lange nicht mehr getan hatte – Open Endings und den Absurden Song durchgespielt hatte.

Es wäre ein ganz unfassbar wunderbarer Schritt in eine richtige Richtung, wenn dieses Gespräch in der Realität stattfinden würde. Aber natürlich bin ich bis heute nicht in der Lage gewesen, über irgendetwas meine Vergangenheit Betreffendes ausführlich mit R zu sprechen, in erster Linie, weil ich dafür voraussetze, dass er von sich aus danach fragt und zunächst diverse Abblockmanöver umschifft, bis ich mich darauf einlasse. Was nie geschehen ist und ziemlich wahrscheinlich auch nie geschieht. Das meine ich, wenn ich sage, ich bin in mir selbst eingesperrt. Meine Verletzlichkeit hüte ich wie ein Heiligtum, und wenn sie jemand zu Gesicht bekommen soll, muss ich zu hundert Prozent sicher sein, dass das ehrliche Interesse dafür da ist. Und daran kann ich gar nichts ändern, das entscheidet sie ganz allein. Deswegen gebe ich niemandem die Adresse meines Blögchens. Und deswegen spiele ich meine Songs nur für jemanden, der ausdrücklich darum bittet.

Ich habe schon relativ früh gemerkt, dass für mich Musik eine andere Rolle spielt als für einen Großteil meiner Mitmenschen. Als sich meine Leidenschaft für Musik – in Form von Green Day – auf diese wirklich nicht unabrupte Weise auf nie zuvor dagewesene Weise irreversibel manifestierte, ereignete sich die Fusion: die Musik wurde ein Teil meines innersten Kerns. Ich konnte die beiden nicht trennen. Ihr gegenüber konnte ich mich öffnen. Sie hat mich entsperrt; sie hat alles an Emotionen an die Oberfläche gebracht, die ich der Welt nicht zeigen konnte. (Was zu unermesslichen Konflikten führte, sobald die Musik und andere Menschen aus meiner Umwelt miteinander in Berührung kamen, aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.)

Früher hatte ich meine Medis noch nicht und enorme Teile meiner persönlichen Entwicklung konnte ich bis dahin überhaupt nicht vollziehen. Ich war noch um so vieles eingesperrter als heute. Ich habe es um jeden Preis vermieden, die Außenwelt meinen inneren Kern sehen zu lassen. Ich habe beim Klavierspielen immer bewusst darauf geachtet, diese mitschwingenden Bewegungen zu vermeiden, die Pianisten machen, wenn sie ihre Musik mitfühlen. Selbst beim Singen habe ich es absolut vermieden, irgendein Gefühl in der Stimme zu transportieren (was nicht gerade zur gesanglichen Qualität beitrug; ich traf zwar die Töne, aber man hätte genausogut eine Keyboardtastatur damit belegen können). Auf gar keinen Fall durfte man erahnen, dass ich so etwas wie echte Emotionen tatsächlich besaß, geschweige denn, dass das Musikmachen eine (von mir zumindest so empfundene) immens gefährliche Gratwanderung darstellte und ich unentwegt auf den Erhalt der nicht-fühlenden Fassade bedacht sein musste.

Als ich anfing, mit Şahin Musik zu machen, sah ich mich dem gleichen Problem gegenüber. Zwar habe ich es geliebt, zu singen, und war mehr als überglücklich über dieses unerwartete Geschenk, aber ich war bis dato in keiner einzigen zwischenmenschlichen Beziehung so gefordert gewesen, mich selbst als fühlende Kreatur zu akzeptieren. Das nahm auch Jahre in Anspruch und führte einerseits zu beachtlichen Erfolgen (irgendwann war ich soweit, dass ich mir erlauben konnte, in meiner Singstimme Anflüge von Emotion mitschwingen zu lassen), gestaltete sich aufgrund der Natur unserer Beziehung aber auch zusehends komplizierter. Stell dir einfach vor, du hast einen Haufen verängstigter Katzen. Alle der Katzen bis auf eine sollen lernen, dass es ganz cool sein kann, unter dem Bett hervorzukommen und die Wohnung zu erkunden und sich einfach mal zu den Nachbarn auf den Balkon zu chillen. Langsam fangen die kleinen Tierchen an, dir zu vertrauen. Nun erkläre mal dem einen Kätzchen, dass es gefälligst unterm Bett zu bleiben hat und sich nicht vom Fleck rühren soll, ohne dabei 1) die anderen Tiere zu verschrecken und 2) es nachhaltig in seiner psychischen Entwicklung zu schädigen und 3) zuzulassen, dass dieses letzte Kätzchen auf den anderen Menschen hört, der sich alle paar Minuten vors Bett setzt und es mit Samtstimme hervorlockt, weil er nicht die Spur einer Ahnung hat, um was für eine Katze es sich dabei handelt.

I hope I’m getting my point across here.

Noch später, mit Hilfe der durch die Medis ermöglichten Öffnung meiner selbst der Welt gegenüber, konnte ich die Musik endlich ohne Einschränkung als Ventil nutzen, Gefühle zu äußern, die Verletzlichkeit nach außen zu tragen – womit ich ansonsten wie gesagt bis heute größte Schwierigkeiten habe – , aber eben immer noch ausschließlich in den ganz oben genannten, von mir selbst bestimmten Kontexten. R zum Beispiel fragte mich mal, warum ich immer leiser werde, wenn ich am Musikmachen bin und er mittendrin nach Hause kommt.

Fazit dieses wirren Textes:

  • Ich würde mich gern mitteilen, immerzu, unglaublich gern. Ich kann es aber nicht, bis ich gefragt und somit entsperrt werde.
  • Musik ist keine Wissenschaft, kein Zeitvertreib, keine Nebensache, kein Hintergrund, nicht rational und nicht zum Abdancen. Mein Humor hat bei der Musik deshalb selbst heute noch so unentspannte Grenzen, weil sie mir den Umgang mit und die Kommunikation von Gefühlen ermöglicht, die anders auszudrücken mir nicht gegeben ist. Musik kann und sollte den innersten Klang einer Seele zum Ausdruck bringen und als solches Werkzeug ist sie zu behandeln, jede andere Behandlung wird ihr nicht gerecht.
  • Für andere Menschen ist das anders, deshalb sollte ich musikalischen Verbindungen mit Menschen tunlichst aus dem Weg gehen, selbst wenn das bedeutet, meine Innenwelt auf ewig unter Verschluss halten zu müssen.
  • So ist das wohl.

Zu. Viele. Kerzen.

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Fazit meines bisherigen Nachmittags: Hirschhorn ist schön. Sehr verschlafen, sehr idyllisch; über die Naziquote mag man kaum auch nur spekulieren. Und: Kommunikation ist ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel zur zwischenmenschlichen Verständigung. Manche Menschen sehen das lustigerweise nicht so. Sollte ich also auf dem Rückweg nach Hause noch beim Schwarzfahren hochgenommen werden, so geschieht das umsonst – ich kam an und wurde mit einer solchen Übermenge Kerzen konfrontiert, dass selbst mir in dieser Hinsicht notorisch uneinsichtigem Schrägstrich überambitioniertem menschlichen Wesen auf der Stelle klar war, dass ich diese nicht mit dem Fahrrad und meinen bescheidenen zwei Stoffbeuteln plus Handtasche würde transportieren können. Ich fahre also nach Hause mit leeren Händen. Und bekomme meine Kerzen morgen nach Hause geliefert.

So kann’s kommen.

Zwei Seiten

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Okay, das war ein ziemlich ekliger Tag und ich habe ein paar Sachen erfahren, die mir nicht unbedingt wenig zu schaffen machen. Auf der anderen Seite.. ja, was ist auf der anderen Seite? Und wenn es schon die Epikureer nicht sind, die der Zweckoptimismus so voll und ganz ausmacht, bin ich es nicht umso mehr? Nach einem solchen Tag noch den Fokus auf die andere Seite lenken zu wollen – selbst Psychiatern und Therapeuten gegenüber auf jede noch so kleine Bekundung einer nicht optimalen Lage ein blitzschnelles „ABER“ folgen zu lassen und sich in genau diesem Moment dann geschwind zu überlegen, was darauf denn eigentlich folgen könnte – sollte ich nicht daran eventuell auch mal arbeiten?

Aber beleuchten wir wirklich beide Seiten. Die eine: Ich habe Panik und fühle mich sehr allein. Alles scheint aussichtslos. Meiner Mutter geht es grottig und mir auch. Sie schafft es nicht, zwischen sich und ihrem bodenlosen Schmerz im Gespräch mit mir die nötige Distanz zu halten, sodass ich hineingezogen werde, sobald ich davon erfahre. Ich will alles davon wissen, aber halte es nicht aus. Wir haben schon im normalen Umgang Kommunikationsprobleme, die zu Missverständnissen auf beiden Seiten führen.

Die andere: Ich habe die Kommunikationsprobleme wieder ein Stück besser verstanden und kann somit daran arbeiten. Ich habe Dinge erfahren, die ich zuvor nicht wusste. Mir geht es nicht besser damit, aber immerhin weiß ich, woran ich bin, und das habe ich immer schon sehr geschätzt. Ich habe außerdem zumindest insoweit die Verhältnisse klären können, dass wir uns jetzt beide wieder vergegenwärtigen konnten, dass wir uns gegenseitig nicht absichtlich in Abgründe stürzen.

Da schau, zumindest sind beide Seiten in etwa gleich lang. Mir geht es schon besser durch das Schreiben. Ich gehe im kleinen Zimmer die Heizung anmachen, damit R es beim Lernen warm haben kann, wenn er heimkommt.

When unbelievabilities accumulate…

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Ach, das ist doch alles weird. Mein Leben war so ruhig in der letzten Zeit. Jetzt kommt zwischen dem Trudi-Drama (sie weigert sich beharrlich, mich anzurufen, und zahlt den Strom vermutlich am Sanktnimmerleinstag, sodass der Verwalter und ich sie jetzt augenscheinlich in Gemeinschaftsarbeit mit rechtlichen Maßnahmen aus der Wohnung befördern müssen) noch eine Turbulenz dazu, allerdings in die andere Richtung: Eine positive Nachricht.

Eine sehr positive, wenn man bedenkt, dass es das Letzte ist, mit dem ich gerechnet hätte. Da gehe ich vorhin nichtsahnend und grottig gestimmt in mein Unimailkonto, um Trudi die vom Verwalter geforderte Vorlage für ihre Kündigung zu schicken, als mir auf einmal eine Mail vom Plank ins Auge sticht – er hat mir die Bewertung und das Ergebnis meiner Bachelorarbeit geschickt. 1,3. Eins drei, ich habe meine Bachelorarbeit mit eins drei bestanden. Und wie ich gelobt wurde. Der Mann ist eine Koryphäe, der ich selbst dann noch Respekt entgegengebracht hätte, hätte er meine Thesis wie eigentlich erwartet in der Luft zerrissen. Stattdessen schreibt er mir „Weiter so“ – er, der Meister der Ein-Wort-E-Mails. Das bedeutet mir unendlich viel mehr, als hätte ich diese Anerkennung von einem anspruchslosen bzw. weniger rigoros bewertenden Dozenten erhalten.

Heute Abend gehe ich zu meinen Eltern; R hat zwar ob der Nachricht meines bestandenen BAs sogar angeboten, seine Contrast-Schicht zu canceln, um mit mir zu feiern, aber das holen wir dann morgen nach. Oh, du hast ja keine Ahnung, wie mir dieser Mensch gerade hilft. So hatte ich mir das vorgestellt, damals, als ich noch kaum Vertrauen hatte. Als das Nervenbündel, das ich gerade nunmal bin, habe ich ihm mitten in der Nacht gestern noch ein Drama geliefert, was dann in der Offenbarung meiner letzten verbleibenden großen Angst endete, er würde mich irgendwann der Politik opfern. (You know something’s wrong when the first verse of Frank Turner’s „Substitute“ is an exact projection of what you suspect to know will happen at one point or another.) Irgendwie habe ich das Gefühl, er wird immer lieber zu mir, je mehr ich ihm mich zu verstehen gebe. Oh, welch eine Lebensaufgabe. Aber auch da habe ich gestern wieder ein riesiges Stück geschafft. Ich glaube, es ist inzwischen nicht einmal mehr sehr viel übrig.

Und Kepa, wohl meine wertvollste Connection in (unter vielen anderen) dieser Hinsicht, begutachtet momentan meinen Mietvertrag. Und der Verwalter ist so ein guter Mensch. Ich liebe meine Menschen.

Ein Stück mehr Phönix

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Ich habe schon wieder etwas geschafft. Naja – so, wie ich halt immer Dinge schaffe, wenn es Drama gibt. Oder eher andersherum, wie ich, um etwas zu schaffen, dafür zwangsläufig ein Drama brauche.

Wie meistens handelte es sich bei meiner Errungenschaft um Kommunikation. Es ist ganz lustig eigentlich, weil genau das, was ich geschafft habe zu kommunizieren (oder ein Teil dessen), ist, dass ich es meistens nicht schaffe, zu kommunizieren.

Es war so, dass ich mich wider besseres Wissen beim Bogglen mit R in eine Art politische Debatte verstrickt hatte. Verwunderlich wird es kaum sein, wenn ich verkünde, dass es wenig Spaß macht, Debatten jeglicher Art mit R zu führen. Du musst es dir so vorstellen, dass, wenn du normalerweise schon den Eindruck hast, du könntest den letzten Scheiß von dir geben und es würde ihn nicht mehr und nicht weniger interessieren, sich dieser Eindruck in Diskussionen noch um das Zehnfache verstärkt. Er braucht einfach jemanden, den er plattwalzen kann. Erwartet aber gleichzeitig (wie ich inzwischen herausgefunden habe), dass die Maßnahmen, die man dagegen ergreift, ihn in keinster Art und Weise verletzen.

Wie auch immer, ich versuchte, ihm begreiflich zu machen, dass es Zwischenschritte braucht, um Menschen von radikalen Ideen zu überzeugen, und er konterte mit der Aussage, an mir würde ihn nerven, dass ich einfach containern ginge und mein Veränderungswunsch an dieser Stelle aufhöre. Von dem Punkt an konnte man mich vergessen; mein Hirn hatte sich hinter den rapide heraufgeschnellten Wall aus Dramatik verzogen und ließ mich unbewaffnet zurück. Die drei Minuten, die ich zum Zähneputzen brauchte, reichten aus, um mich auf die „Wir sind nicht im Geringsten kompatibel, was tue ich mir hier an“-Stufe hinaufzukatapultieren, die in weniger stabilen Zeiten immer wieder ein beliebtes und leicht zu erreichendes Landeziel darstellt; in dementsprechender Grabesstimmung legte ich mich ins Bett, erstarrte wie für Attacken dieser Art üblich zu einem unbewegten Standbild unaussprechlichen Dramas und versuchte, mich wieder einzukriegen. Wie ebenfalls üblich failte ich grandios, als R hereinkam und mir mit simplen Wörtern wieder in Erinnerung rief, dass man, wenn schon im Rest des Lebens eher weniger, während eines Heulanfalls doch mit ziemlicher Sicherheit damit rechnen kann, dass er seine Aufmerksamkeit auf die emotionale Befindlichkeit seiner Partnerin richtet. Und wie üblich bekam ich letztendlich aufgrund der so raren wie wohltuenden Aufmerksamkeit wieder ein Stückchen Wahrheit verbalisiert, diesmal die tatsächlich nicht ganz unbedeutende Information meiner Verzweiflung über sein schlichtweg nicht vorhandenes Interesse an meiner Innenwelt. Dir muss ich das nicht sagen; meine Schwierigkeiten, mich jemandem ohne dessen ausdrücklich geäußerten Wunsch mitzuteilen, waren immer auch einer der Gründe, damit fortwährend das Internet zuzumüllen. Für R dagegen war offenbar nicht ersichtlich gewesen, dass mich sein brutales Urteil über meinen Veränderungswunsch vor allem deshalb so hart getroffen hatte, weil diese hirnrissige Äußerung durch jemanden erfolgte, der sich beileibe nicht damit rühmen kann, meiner Gedankenwelt je intensiv ehrliche Beachtung geschenkt zu haben, geschweige denn sie so in- und auswendig zu kennen, wie ich es mir für ein Verhältnis dieses Vertraut- und Verbundenheitsgrades nicht sehnlicher wünschen könnte.

Da R, wie ich nicht müde werde hervorzuheben, ein außerordentlich lernfähiger Mensch ist, war es am Tag danach recht putzig zu beobachten, wie er versuchte, das Erfahrene in veränderten Output umzuwandeln. Mir stach besonders diese Begebenheit ins Auge, als Basti und ich in meinem Zitat-Ringbüchlein etwas nachgucken wollten und ich es R unter die Nase hielt (es ging darum, dass er seine legendäre Aussage, er könnte sich mit mir Selbstversorger vorstellen, natürlich längst in die weiten Gefilde seines Desinteresses zurück verdrängt hatte und wir ihm beweisen wollten, dass er sie dennoch getätigt hatte – zum Glück schreibe ich sowas auf), woraufhin er sich veranlasst sah, mich zu fragen, ob man sich darin umschauen dürfte, und anfing, sich ein paar der aufgeschriebenen Kleinigkeiten zu Gemüte zu führen. Was hätte ich das gefeiert (seien wir ehrlich, ich wäre im Dreieck gesprungen), wäre es nun ehrliches Interesse gewesen und nicht das offenkundig aus ihm sprechende Bedürfnis, mir zu demonstrieren, dass ich gehört wurde. (Deshalb weise ich Menschen so ungern auf so etwas hin; wenn sie sich dann tatsächlich ändern, muss man immer annehmen, dass es nicht ihrem echten Wesen entspricht.) Aber ich bin einfach schonmal unsagbar froh, dass ich gehört wurde. Und dass ich in der Lage war, überhaupt mal zu reden.

Und ich bin froh, dass es nicht mehr zu regnen scheint. Zur Tafel zu fahren vorhin war nicht die angenehmste Unternehmung, die man sich vorstellen kann. Wenn ich gleich wieder foodsharingmäßig unterwegs bin, bleibe ich wenigstens von einer zweiten Sintflut dieser Art verschont.