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The Skyscraper Challenge

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Alles zieht irgendwie so vorüber. Ich mache keine Schritte, sondern gleite nur so vor mich hin in meinem Glastunnel und sehe durch die Wand die Welt. Mir ist klar, dass ich nicht richtig lebe. (Das tun Andere. Basti, der Vater wird, und Becci, die in ihrer Arbeit aufgeht.) Aber lieber lebe ich falsch als gar nicht, das schon; ich möchte unbedingt am Leben bleiben und zumindest die Chance weiter haben, es irgendwann herauszufinden. Wie es wirklich funktioniert, meine ich. Ab und an erscheinen random Schnipsel in meinem Kopf, die Teil des Lebens sind, „Auf der Mauer, auf der Lauer liegt ’ne kleine Wanze“, zum Beispiel, oder der Gedanke daran, wie Halcyone ihre Eier auf das Wasser gelegt hat. Wie könnte ich mir wünschen, nicht Teil einer Welt zu sein, in der dies der Fall ist.

Ich sitze noch immer auf Beccis Sofa. Ich bin wirklich krank geworden. Becci ist auf zwei Geburtstagen eingeladen und kommt irgendwann wieder; ich bin ganz zufrieden hier alleine und habe mich den Tag über kaum vom Fleck bewegt. Ich hege die Hoffnung, dass es mir morgen besser geht und wir mit dem Streichen fertig werden. Am Nachmittag möchte ich heimfahren und im Idealfall bin ich bis dahin so weit wiederhergestellt, dass ich R zu Hause nicht anstecke.

Kepa hat versucht, mich anzurufen. Ich konnte nicht ans Telefon gehen, weil meine Stimme mir erkältungsbedingt mal wieder abhandengekommen ist, und dachte sowieso, es wäre meine Mutter. Da ich mich mit dieser am Dienstag aufs Übelste zerstritten hatte und ich annahm, sie würde den Disput fortführen wollen, habe ich das Handy von vornherein nicht angerührt.

Ich hätte schon im gesunden Zustand und im Besitz eines funktionsfähigen Kehlkopfes Schwierigkeiten, mich damit auseinanderzusetzen. (Der aktuelle Stand: sie ist dem Konzept Zwangsarbeit nicht abgeneigt, findet „Arbeit macht frei“ eine legitime Aussage und teilt mir mit, dass ich krank im Kopf bin und sie nur deshalb von einer Anzeige wegen Beleidigung absieht, nachdem ich daraufhin die von ihr so bereitwillig provozierte Nazikeule heraushole. Ich sei blind und gehirngewaschen und sie sei schockiert über meinen Hass auf die Welt, seitdem ich politisch geworden sei.)

Ich weiß gar nicht, wie ich weiter vorgehen soll.

Egal, was ich sage, sie wird es wegwischen.

Wenigstens für mich selbst kann ich Dinge festlegen.

Mein Bild von der Welt ist ganz simpel. Alles, was aus freien Stücken unnötig Schaden anrichtet, im Fall eines fühlenden Wesens also in seiner persönlichen Freiheit und Unversehrtheit einschränkt, ist von Grund auf schlecht. Daher ist (meiner Ansicht nach) Zwang schlecht. Sofern es natürlich nicht darum geht, jemanden zu zwingen, damit aufzuhören, unnötig Schaden anzurichten. In dem Fall ist der Zwang nötig und die Schuld dafür liegt bei demjenigen, den man von der Verrichtung des Übels abhalten muss.

Mein „Politischsein“ beschränkt sich im Grunde auch bloß aufs Hinschauen. Das ist nicht mehr oder weniger politisch als das, was Andere machen, aka Wegschauen. Bloß nimmt es einem ein bisschen die Möglichkeit, Dingen gegenüber tolerant zu sein, die man halt auch nur hat, weil man nichts davon weiß. Das spiegelt sich dann in Verbindung mit der richtigen Grundethik (und ja, selbstverständlich empfinde ich meine Grundethik als richtig) in einer gewissen Denk- und Handlungsweise wider. Diese Chance zum Denken und Handeln hat man nicht, wenn man wegguckt. Aber meine Mutter findet mich jetzt politisch und gehirngewaschen. Ich finde mich gefestigt und bestärkt in einem Bewusstsein, das ich immer noch zu einem sehr kleinen Maße nur zulasse, weil mich die Ausmaße der Ohnmachtsgefühle und der Verantwortung gleichermaßen, die eine vollständige Immersion in den Zustand der Welt und bereits meiner unmittelbaren Umgebung mit sich bringen würde, einfach nur wieder lähmen und überwältigen würden. Und damit ist auch niemandem geholfen.

Meine Mutter meint es gut mit mir und hat das schon immer getan. Das ist der eine Fakt, der alles unermesslich viel schwerer macht. Nichts liegt ihr ferner, als mir absichtlich unnötig Schaden zuzufügen. Gleichzeitig ist sie die Versinnbildlichung des Zwangs, mich in die Maschinerie einzugliedern, die mich zerstören wird.

Ein Dokument solle ich vorlegen, das beweist, dass ich psychisch nicht in der Lage bin, einer normalen Arbeit nachzugehen.

Weil ich unabhängig sein soll. Daher muss ich das tun, was sie will, um unabhängig zu werden.

Weil es mich glücklich machen und erfüllen würde.

Als würde ich mir etwas sehnlicher wünschen als einen gut bezahlten Job, der mich erfüllt. Aber wo finde ich diesen. Ohne Energie, danach zu suchen, und ohne zu wissen, wo ich suchen sollte. Und ohne die Fähigkeit, mich noch einmal einem Studium zu stellen.

Ich sage dir mal, was mich erfüllt. Selbsthass, weil ich es nicht schaffe. Und dann nochmal Selbsthass, weil ich mich dafür hasse.

„Psychisch nicht in der Lage“. Ein Dokument lege mir bitte vor, Mama, ein psychologisches Gutachten, dass du nicht in der Lage bist, von einem Wolkenkratzer zu springen. Dann glaube ich dir das.

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Atzo baino gehiago

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Wie wahr, wie wahre Worte doch Berri Txarrak in die Welt gesetzt haben, als sie Ikasten schrieben: Gaur atzo baino gehiago dakit, baina bihar baino gutxiago.

So weiß ich heute zum Beispiel, dass ich gestern Abend ein relativ scheußliches Erlebnis hatte, welches als Suppendrama in meine persönliche Geschichte eingehen wird. Daran waren R und ich selbst, eine Schüssel Brühe und ein grippeinduzierter Fieber- und Entkräftungsanfall meinerseits involviert und wollten alle nicht so recht zueinanderfinden.

(Um das konkreter auszuführen, damit ich mich nicht in ferner Zukunft wieder über meine nutzlosen vagen Ausführungen aufrege:

Kennst du das? Du bist krank daheim und hast aus Mangel an Energie und Motivation dazu seit Tagen nichts Gescheites gegessen. Auf einmal wird dir kotzübel und schwummerig. Dir fällt eben beschriebener Umstand auf, das hilft dir nur leider jetzt auch nicht mehr. Du wankst in die Küche und holst dir einen Behälter zum Reinkübeln (genauer gesagt, deine bewährte Kotztasse aus Zeiten der Hyperemesis) und ein Glas Wasser. Du schleppst das alles und dich selbst zur Couch und lässt dich darauffallen. Dir ist kalt, aber so richtig. Du fängst an zu zittern. Die Tür ist auf und es kommt frische Luft rein, aber eigentlich sollte dir nicht so kalt sein bei dem schönen Wetter. Du breitest die Sofadecke über dir aus und verbrauchst dadurch wertvolle Energiereserven. Du weißt ziemlich genau, dass du am besten vorgestern irgendwelche Nährstoffe zu dir nehmen solltest. Die Erinnerung an deine kurze Schwangerschaft und die damit verbundenen Höllenkotzqualen fesselt dich an die Couch. Neben dir liegt dein Handy. Du überlegst, ob es den Kraftaufwand wert ist, es zu bedienen, und entscheidest dich dafür. Du rufst deinen langjährigen Partner an, der bereits aus der Arbeit rausgekommen sein müsste. Du stellst erfreut fest, dass du durch Anschalten der Lautsprecherfunktion den dazu benötigten Energieaufwand minimieren kannst. Er nimmt ab. Du fragst, ob er schon auf dem Heimweg sei. Er sagt, er wolle noch kurz bei einem Kumpel vorbeischauen, was besprechen. Du sagst „ach so“ und lässt dir schließlich entlocken, dass es dir nicht so sonderlich geht. Er fragt, ob er dir was Gutes tun könne. Du sagst „Suppe“. Er sagt, okay, dann werde er seinem Kumpel absagen und heimkommen. Du bist sehr erleichtert, bedankst dich und legst auf. Es wird dir unerträglich kalt. Deinen Körper durchdringen Gliederschmerzen. Besonders schlimm ist es im Rücken. Du willst dich alle paar Sekunden am liebsten anders hinlegen, aber das nimmt zu viel Kraft in Anspruch. Du brauchst diese Suppe. Du ziehst in Erwägung, deinen Partner nochmal anzurufen und ihn zu bitten, mit dir zu reden, während er nach Hause fährt und du auf die Suppe wartest, um das Rumliegen und Warten erträglicher zu machen. Du entscheidest dich dagegen, weil du nicht nerven möchtest. Eine halbe Stunde vergeht. Du hast es gerade geschafft, einzuschlafen, dann ertönt das Schlüsselgeräusch und dein Partner tritt ein. Deine Erleichterung ist so groß, dass du bei seinem Erscheinen gleich wieder ein Stück lebendiger wirst und mit ihm reden kannst, obwohl du gerade noch dachtest, du könntest gar nichts mehr. Du bleibst liegen, ohne dich zu bewegen, und weißt: eine halbe Minute noch, dann ist die Bouillon fertig und alles wird wieder gut. Dein Partner begibt sich in die Küche und setzt Wasser auf. Er fragt, ob du Flädle in die Brühe möchtest. Du sagst nein, einfach nur Brühe. Womit denn, fragt er. Brühwürfel, sagst du. Er sagt, dass es schon cool wäre, Flädle in die Brühe zu geben, dann hätte er auch etwas zu essen. Dir wird das langsam zu anstrengend, aber du antwortest ihm, er könne in seine Suppe ja Flädle machen, du hättest gern nur Brühe. Er steht in der Küche und tut etwas, das sich anhört wie Kartoffelnschälen. Dann fängt er mit etwas an, das dem Geräusch nach das Schneiden von Kartoffeln sein könnte. Ganz sicher bist du dir nicht, weil du ziemlich sicher nicht deinen Kopf hochheben und nachsehen wirst. Es sind Minuten vergangen. Du fragst, ob die Brühe fertig ist. Er sagt, er würde jetzt was Richtiges in die Brühe machen. Dann fragt er, ob du noch zehn Minuten aushalten würdest, bis es fertig ist. Du sagst NEIN. Du brauchst jetzt deine Suppe. Er wird laut und führt an, er könne nicht zaubern. Du entgegnest fassungslos, dass alles, was er tun müsste, wäre, einen Brühwürfel in eine Schüssel mit warmem Wasser zu geben. Er schreit dich an, die drei Minuten hättest du ja wohl noch und sein Tag sei ja auch nur verdammt stressig gewesen. Du wiederholst, du bräuchtest deine Brühe jetzt. Er weigert sich und schneidet ungerührt seine Kartoffeln weiter. Deine Hilflosigkeit und seine Unmenschlichkeit schicken sich an, dich in ungeahnte Sphären der Verzweiflung zu katapultieren. Du entziehst deinem Energiereservoir die letzte Ration und teilst ihm mit, wenn er es nicht schaffen würde, dir deine Brühe jetzt zu geben, würdest du ihn bitten, dass er ausziehe. Du vernimmst Geräusche der Boullionproduktion und dazu die Entgegnung, er werde sich das überlegen, sowas müsse ja echt nicht sein hier. Dann stellt er dir die Schüssel auf den Tisch und geht zurück in die Küche. Du kannst die Brühe riechen. Du machst dir einen Plan, wie an die Brühe heranzukommen ist. Aus der Küche ertönt der Hinweis, die Brühe würde auf dem Tisch stehen. Du setzt deinen Plan in die Tat um und bewegst deinen Körper mit einem Ruck in Richtung der Schüssel. Leider erfordert das mehr Energie, als du übrig hattest, und du klappst über der Schüssel in einer Mischung aus Nerven- und Körperkollaps zusammen. Du greifst nach dem Löffel. Leider zitterst du unkontrolliert und schlägst damit die heiße Suppe über deine Hände, ins Gesicht und auf den Tisch. Du kannst nicht aufhören zu zittern. Dein Partner kommt wieder und fragt, ob er dir jetzt die Suppe zum Mund führen soll. Seine Hand hält den Löffel ruhig und du kannst die ersten Schlucke lebensspendender Nahrung einnehmen. Mit zunehmendem Brühepegel kann dein Körper sich wieder beruhigen. Dein Partner hat inzwischen festgestellt, dass du deine Suppe ja augenscheinlich tatsächlich gebraucht hast, und sich entschuldigt, um dann wieder in die Küche zu seinen Kartoffeln zu entschwinden.

Du kennst das nicht? Also, ich jetzt schon.)

Ich habe ferner aus dieser Begebenheit gelernt (abgesehen von der offensichtlichen Tatsache, dass es ein grober Fehler war oder wäre, R mein Leben in die Hand zu legen), dass ich wirklich daran zu arbeiten habe, rechtzeitig und deutlich um Hilfe zu bitten. Ohne Spielraum für „wenn du willst“ oder „wann du kannst“ oder „es wäre schön“. Ich muss mich nicht wundern, wenn eine Situation verkannt bzw. unterschätzt wird, wenn ich mein Möglichstes tue, um weniger hilflos dazustehen, als ich es bin. Das ist ein riesiger Knackpunkt von mir. Ich habe mich auch dafür bei R entschuldigt mit dem erklärenden Zusatz, dass ich es hasse, um Hilfe zu bitten, und es meistens zu spät tue. Insgeheim bin ich trotzdem verstört darüber, wie er es schafft, mich nach der langen Zeit so schlecht zu kennen. Ich bin wirklich sehr leicht kennenzulernen, wenn man möchte. Aber da haben wir es ja schon. Da liegt das Problem.

Heute geht es mir wieder besser. Ich habe den Abend dann mithilfe von zwei Paracetamol noch ganz gut über die Bühne bekommen. Nachts kam das Fieber wieder, aber ich wollte nicht noch eine Tablette nehmen. Der Bettbezug, den wir im Sommer als Decke benutzen, ist zu dünn für eine Person, und mir wurde ziemlich kalt darunter irgendwann. Aber R hatte gesagt, er würde nicht mehr lange machen, und natürlich fiel es mir nicht ein, ihn zu fragen, ob er ins Bett kommen möge. Zum Einen ist mir bei sowas meine eben erläuterte vollkommene Unfähigkeit im Weg. Zum Anderen das Alien, das mir seit jeher vorschreibt, zu warten, bis sich der Zustand von selbst ändert. Und zum Dritten hat meine Erfahrung gezeigt, dass R nicht der Mensch ist, der ins Bett kommt, weil seiner Freundin kalt ist. Ich bekomme einiges raus aus ihm und einiges hinein, aber das Fürsorge-Gen nicht, das fehlt ihm einfach. Und wenn ich es mal so sagen darf: darunter leide ich ziemlich.

Epikur, wer war das nur.

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Wochenendausflug hinter uns gebracht. Es ging zu meinen Großeltern nach Gelsenkirchen, die letzten Dienstag ihren 60. Hochzeitstag erleben durften, und zu dem Anlass sind wir mit der ganzen Familie angereist – meine Eltern, R und ich. Ich war zum ersten Mal seit dem ADTR-Konzert 2011 dort. Man sollte Oma und Opa eigentlich öfter besuchen, sie sind die Allerbesten und haben es wirklich verdient.

Jedenfalls hat es alles wunderbar geklappt; meine Eltern sind den Abend vorher schon aus der Schweiz zu uns gefahren, um nicht die ganze Strecke an einem Tag durchmachen zu müssen, und es lief gut. Gestern Abend fing es dann an zu kippen; man merkt es immer sehr schnell, wenn meine Mutter in ihre psychotischen Zustände gerät, in denen ihr nichts mehr recht zu machen ist und sie wieder erwartet, dass sich die komplette Welt nach ihr ausrichtet. Dementsprechend wurde es auch heute nochmal richtig eklig, als sie uns wieder hier abgeladen hatten und wir Zeit hatten, uns alle noch ein bisschen zu unterhalten. Sie ist vollkommen durchgedreht und irgendwann ohne sich zu verabschieden zum Auto gestapft.

R dagegen war das ganze Wochenende über einfach wundervoll. Natürlich war er noch er selbst, hat ohne jede Rücksichtnahme nachts in der Wohnung Lärm gemacht und im Gespräch mit den Anderen seine typischen Monologe vom Stapel gelassen, aber gleichzeitig unentwegt dafür gesorgt, dass ich mich wohl und geliebt fühlte, mich die ganzen langen Autofahrten über meinen Kopf auf ihm ablegen lassen, sodass ich schlafen konnte, mich (wie es seine Art ist) trotz meiner üblen Erkältung immer wieder umarmt und festgehalten und mir „Wawu“ gesagt, sich ins Familientreiben eingebracht und ungezwungen mit allen geredet und mir gesagt, dass ich eine wundervolle Familie habe. Besonders mag er meine Oma, da geht es ihm wie mir. Am Abend standen wir vor der Wohnung mit einem flauschigen Karteuserkater, der uns umstreifte und mit hereinwollte. R sagte, meine Mutter könne sich auf die Fahne schreiben, eine Tochter zu haben, die mindestens ein menschliches Leben gerettet habe. Er sagt sowas manchmal, und dass ich ihn umgekrempelt hätte. Ich habe angefangen, das als etwas Positives zu begreifen. Heute Früh hat er mir in einer unfassbar lieben Geste meine Mütze auf den Kopf gesetzt, eine Form von Aufmerksamkeit, die ich überhaupt nicht von ihm gewohnt bin und mich richtig gerührt hat. Ich liebe ihn so sehr, auch wenn er meistens ziemlich komisch ist, denn das bin ich ganz zweifellos auch, und er hat es so sehr verdient, dass alles für ihn besser wird und sein Leben einfach mal nicht mehr nur aus Stress besteht. Irgendwann wird es soweit sein und ich werde niemals aufhören, daran zu glauben.

Ich habe dann jetzt, nachdem meine Eltern wegfuhren, erstmal ein bisschen Gitarre gespielt (das Intro von Kathy’s Song scheint wirklich zu sitzen und ich konnte schon mit dem nächsten Stück anfangen; das Einzige, das nervt, ist die Unausdruckbarkeit der Tabs, die ich gefunden habe); das half, um runterzukommen. R sitzt längst wieder an seinem Informatikzeug. Ich könnte die Weihnachtsgeschenke verpacken. Ja, vielleicht tue ich das jetzt. Aber vorher muss ich noch Epikur recherchieren, weil Sophi am Dienstag Deutsch über Dantons Tod schreibt und wir das Thema noch nicht so ganz durchblickt haben. Sie wird es eh wieder versemmeln, in Deutsch ist bei ihr Hopfen und Malz verloren (oder eher noch gar nicht gewonnen, sie hat einfach nie richtig Deutsch gelernt), aber es interessiert mich halt auch und ich glaube irgendwie nicht, dass die Epikureer bloß die unheilbaren Zweckoptimisten sind, für die Sophi sie nach dem einen Arbeitsblatt nun hält.

Dann werde ich das jetzt also herausfinden.

Wintertage

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Achter Zehnter. Was ist heute acht Jahre her? Richtig doch, mein erstes Green Day-Konzert. Hamburg, 2009. Zeit fliegt.

Momentan fliegt hier allerdings gar nichts. Es ist seit Tagen das schlimmste Nasskaltgrauwetter draußen, das kann schon bald nicht mehr normal sein. R’s Erkältung, die er Mittwoch hier hereinschleppte, als er nochmal für eine Nacht zu Hause war, hat sich bei mir eingenistet und möchte durchkommen. Bisher hält es sich in Grenzen, aber das Gefühl ist nicht das beste.

Ich muss AoE von meinem Computer löschen, es geht nicht anders.

Ansonsten lebe ich gerade auf Ende nächster Woche hin, wenn Becci und JO zu mir kommen. Bis dahin zehre ich dann wohl vom warmen Licht meiner ganzen marokkanischen Lampen im Wohnzimmer und von den Unterrichtsstunden, die mich zwingen werden, ein paar Mal die Woche das Haus zu verlassen. Wenn nur nicht dieses bedrückende Wetter wäre. Wirklich, als ginge die Welt unter.

Endlich Regen, welch ein Segen.

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Es gewittert, will aber nicht richtig regnen. Ich hoffe sehr, dass es bald anfängt, damit meine Gießwasservorräte wieder aufgestockt werden – gestern musste ich schon komplett auf Leitungswasser zurückgreifen.

Wobei… Langsam scheint es endlich anzufangen. Dann sollte ich das Gleiche tun; ich habe ein Referat vorzubereiten und eindeutig zu wenig Lust darauf.

Okay, ich werde jetzt auf die Terrasse gehen und zusätzlich zu den bereits aufgestellten Eimern noch weitere hinstellen – schaden kann’s nicht und ich brauche wirklich dringend das Wasser – , dann R im rosa Zimmer einen Besuch abstatten (der hat sich heute krankschreiben lassen, weil ihn, genau wie mich, Beccis Erkältung dann doch nicht so schnell wie gedacht aus ihren schleimigen Klauen lassen will), und dann mache ich das Referat. Es ist ja nicht, als hätte ich eine Wahl – der Vortrag ist morgen.

When Awim Makes Dinner

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Halben Tag regelwidrig verzockt (mich mit „es ist langes Wochenende“ rausgeredet), nichts für die Uni getan. Großartig. Ich hab’s so drauf.

Wobei ich ja schon glücklich darüber bin, den Rest des Tages zumindest pseudoaktiv gewesen zu sein; wie gestern schon hatte die Terrasse meine volle Aufmerksamkeit und oh ja, man sieht es. Ich bin tatsächlich zufrieden. Jetzt muss nur noch alles ein bisschen wachsen und ich kann die nächsten vier Monate ein richtiges Paradies mein Zuhause nennen. Jeden Tag treibe ich mich stundenlang dort herum und begutachte die Fortschritte. Und ab und an klaue ich mir Erde aus dem Garten, den eh niemand nutzt, und schaffe so noch ein bisschen mehr Platz für die hungrigsten unter meinen Zöglingen. Außerdem konnte ich es am Ende doch nicht lassen und habe mit einem Monat Verspätung noch ein paar Melonen gesät, welche dann später in einer riesigen Tüte voller Erde wohnen dürfen.

R macht Essen. Er wollte unbedingt etwas mit den restlichen grünen Bohnen machen, die ich in dem epischen Bohnen-Kartoffel-Käse-Sahne-Gemisch von neulich nicht mehr unterbekommen hatte. Ich bin drauf gespannt und kann mich kaum auf das Schreiben konzentrieren, weil es so unfassbar gut nach Kichererbsen riecht. Was für eine Hülsenfruchtbombe.

Wofür ich sehr dankbar bin, übrigens: mein Immunsystem scheint mal wirklich top in Form zu sein. Becci war letztes Wochenende hier und hat eigentlich bis auf Samstag, als wir den Flohmarktstand hatten, nur flachgelegen mit einer Monstererkältung. Die ich natürlich zwei Tage nach ihrer Abfahrt dann ebenfalls ausgebrütet hatte, aber bis auf Halsschmerzen, ein fiebriges Gefühl und eine verstopfte Nase habe ich es souverän überstanden. R war auch kurz krank, hat sich aber schnell wieder berappelt, und Becci hängt wahrscheinlich immer noch zu Hause rum und freut sich ihres kofschmerz- und grippegeplagten Daseins. Die Arme. Jedenfalls war ich einfach überglücklich, dass ich gerade am Dienstag davor einen ordentlichen Beutel Zitronen eingestrichen hatte. Und während die eindrückliche Warnung meiner Mutter, um Himmels Willen keinen Honig mehr in meinen Tee zu machen (denn wie ayurvedisch versierten Menschen bekannt ist, verändert sich die Stuktur des Honigs beim Erwärmen bis zur Ungenießbarkeit: „das ist Gift!“), überraschenderweise tatsächlich den gewünschten Effekt hatte und ich diese Angewohnheit praktisch komplett aufgegeben habe, musste er diese Woche wieder als Süßungsmittel für all die heißen Zitronen herhalten, die ich in deren Verlaufe so zubereitet habe. Es geht einfach nicht anders. Was soll denn eine heiße Zitrone ohne Honig.

Jetzt ist mein stolzer Vorrat an Zitronen wieder auf zwei geschrumpft (eine fiel dem Schimmel zum Opfer und ich bin bei aller Liebe noch nicht soweit, mir aus Zitronenschimmel selbst Penicillin herstellen zu wollen) und ein gesunder Zustand wieder in Sichtweite. Das war knapp!

So. R fragt mich alle drei Minuten nach einer neuen Zutat. „Haben wir noch Mais?“ (I wish. Ich habe so lange keinen Mais mehr gegessen, dass ich schon fast verdrängt hatte, dass es sowas gibt.) „…ein ganz kleines Glas Tomatensauce?“ (Nein, sie waren ihm alle zu groß.) „Erbsen?“ (Hättest du mal was gesagt – ich hätte sie dir zusammen mit den von dir requesteten Kichererbsen eingeweicht.) „Kidneybohnen?“ (Ja, eine ganze Dose, aber die möchte ich ungern deinen experimentellen Anwandlungen opfern, sondern warte lieber religiös auf den Tag, an dem dann doch mal wieder Mais da ist, um meinen weltepischsten Salat daraus zu machen. Natürlich hätte ich trockene Kidneybohnen dagehabt, aber… siehe Erbsen.) „Nudeln?“ (Ja, tatsächlich, aber nur noch eine Portion…)

Es ist schon nicht leicht, in diesem Haushalt zu kochen. Für Awim – anyone who isn’t me.

Jetzt befand er seine Kreation gerade mit dem vielversprechenden Ausruf „Oh mein Gott, es ist so komisch!“ für großartig und verschwand daraufhin in den unendlichen Tiefen der Wohnung. Komm wieder. Ich habe so einen Hunger.

Abstrusität des Tages:

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Anna hat meinen Blog gefunden und mich daraufhin nach Jahren der Funkstille kontaktiert. Was mich nur in meiner Annahme bestätigt, dass das Konzept „Redundant Nimrods“ uns weit über die zeitlichen Grenzen der tatsächlichen Existenz der Gruppe hinaus… irgendwie innewohnt. Natürlich kann ich für jeden von uns Kernmitgliedern nicht sprechen und will es auch gar nicht, dennoch: ich bin der Überzeugung, dass dieser Teil der Vergangenheit nicht allein für mich ein entscheidender war, mit dessen Auswirkungen, so subtil sie auch sein mögen – in meinem Fall sind sie alles Andere als das – sich etliche von uns bis heute Tag für Tag konfrontiert sehen.

Und ich bin dankbar wie nichts Gutes für die Freude, mit der ich in jeder Form, in der sie mir bislang zuteil wurde – und es sind ja derer nicht wenige – die Gegenwart gewordene Vergangenheit, wie es meine geschätzte Leserin Monia einmal ausdrückte, in meiner Existenz begrüßen und integrieren möchte und kann.

Abgesehen davon: Becci gruselt sich neben mir vor ihrem Krimi (es geht um Haut, was soll man da noch zu sagen), meine gestern auagebrochene Erkältung hat mich heute dazu ermutigt, mal eine Pause einzulegen, ich habe demzufolge bis 3 geschlafen und bin zuversichtlich, morgen wieder auf dem Damm zu sein, sodass wir ganz sicher abends die Höhlenhippies im Hügelland nördlich der Stadt besuchen können. Der Regen hat sich zum Glück wieder verzogen, das war ja auch kein Zustand. Vor mir steht eine Tasse Anisschnaps. Salud!

22.30

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Ich scheine mich mit R’s Erkältung erfolgreich infiziert zu haben; mein Hals fühlt sich entsetzlich an und ich selbst mich matschig. Ab morgen ist Hardcore-Klausurenwoche, ich habe meine mühsamst dem Drucker entrungenen Lernzettel – größtenteils ungenutzt – bei Kepa im Transporter vergessen, und ich bin am Boden zerstört, weil ich soeben im Zug One Day zu Ende gelesen habe, was zur Folge hatte, dass ich diesen letzten Teil meiner Rückfahrt von Hamburg mit hemmungslosem Heulen in öffentlichen Verkehrsmitteln zubrachte (und darüber sogar den Halt des Zuges in Bretten nicht einmal bemerkte). Bis hierher; nun im Bus nach Hause bin ich wieder einigermaßen bei mir.

All dem zum Trotz (oder von all dem ab) war mein Tag ein schöner. Es hat mich mit unvorhergesehen intensiver Freude erfüllt, wieder in Hamburg zu sein – bei aller Vertrautheit rührte das Gefühl auch daher, dass ich mir in gewisser Hinsicht so vorkam, als würde ich die Stadt als ein völlig anderer Mensch wahrnehmen, sie endlich und erstmals sehenden Auges betrachten. Hamburg ist nicht gut zu Menschen ohne Selbstbewusstsein und Identität. Es ist gut zu Menschen wie mir.

Kepas “Umzug” war ein Witz. Wir waren in zweieinhalb Stunden mit Einladen fertig, gegen Ende kamen noch zwei seiner supernetten baskischen Freunde dazu (where does he keep finding those?!), und dann waren wir auch schon wieder auf dem Rückweg. Vielleicht tut mein Hals auch nur so weh, weil ich so viel über den Verkehrslärm hinweg reden musste. Wie bei Umzügen Anderer üblich, habe ich Dinge abgestaubt, Tomatenmark und baskische Tomatensauce, Kräuter der Provence und baskischen Rioja. Im Gegenzug war ich großzügig mit meinen wie angekündigt erworbenen Franzbrötchen. Und meinem Energy, auch wenn ich fast vom Glauben abgefallen bin, als Kepa (seines Zeichens erklärter Gegner von allem unnötig Chemikalischen) davon was abhaben wollte.

Jetzt bin ich müde. Und gleich zu Hause. Und dann kann ich diesen Eintrag posten und mir einen entspannten, nicht mehr allzu langen restlichen Abend machen.

Winter’s coming (but I’m well-prepared).

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Basti, der Vollhorst, hat R gestern im betrunkenen Zustand eine riesige, gerettete Tafel Vollmilchschokolade gegeben. Nachdem ich ihn ein paar Tage zuvor hatte wissen lassen, dass ich Unmengen Schokolade containert und den Plan geschmiedet hatte, große Teile davon dem langjährig milchschokoladenentzogenen-da-veganen R zum Geburtstag zu schenken, und dementsprechend zugunsten der Wirkung meines Geschenks davon Abstand halten würde, ihm in den nächsten drei Wochen irgendetwas auch nur im Entferntesten Schokoladiges vorzusetzen, habe ich mich schwarzgeärgert wie nichts Gutes. R hat natürlich mitbekommen, dass ich mich geärgert habe, aber schrieb das wohl dem Umstand zu, dass er umgehend die gesamte Schokolade auf einmal vernichtet und mir nichts davon abgegeben hatte. Oh Basti, warum nur.

Er wird sich schon trotzdem noch freuen, aber… HRRRRRGH.

Mir geht’s schon wieder besser heute. Ich habe bis eins geschlafen und daraufhin erfreut festgestellt, dass mein Kopf wieder sein Normalgewicht erreicht hatte und durch alle in ihm befindlichen Atemwege auch tatsächlich Luft kam. Dafür hat es nun R erwischt, wenn auch nicht so arg, dass er es nicht geschafft hätte, plangemäß nach Jobs zu suchen (ich bin stolz) und sich anschließend mit bewundernswerter Tatkraft und ohrenkrebsverursachender Musik ans Verfassen eines Drehbuchs zu machen. Er habe eh den ganzen Kopf voller Ideen, sie müssten irgendwann mal raus und verschriftlicht werden. Das kann ich bestätigen; ich hoffe nur, er zieht es auch tatsächlich mal durch.

Und er hat versucht, mich zum BA-Arbeiten zu bewegen. Auch wenn ich es heute vermutlich, wenn überhaupt, erst hinbekomme, damit anzufangen, wenn er und Basti heute Abend auf Sitzung sind, könnte ich allein seines Versuches wegen die Welt umarmen. Es ist einfach so schön. Wenn du eine Vorstellung davon hättest, wie sich unser Umgang verändert hat, seitdem es mir wieder gut geht, seitdem meine Sicht sich geklärt hat. Ich habe den größten Erfolg in meiner lebenslangen Selbstvervesserungsarbeit erzielt, den ich je das Glück hatte zu erleben. Ich habe sogar dem Rank berichtet, dass es mir eine Zeit nicht gut ging – selbst dem gegenüber konnte ich mein echtes Innenleben besser herausholen als vor drei Monaten; ich hatte es eigentlich, seitdem ich die Medis von ihm verschrieben bekomme, bei keinem der Check-Up-Termine je geschafft, von irgendwelchen Rückschlägen oder Misserfolgen zu sprechen.

Oh, es gibt Hoffnung. Wenn ein einzelner Mensch so riesige Schritte machen kann, erkläre ich unsere Spezies offiziell für noch nicht ganz verloren.

Wie dunkel es ist. Pünktlich wie eh und je hat zur Ersti-Woche der Winter seinen wenig glorreichen Einzug gehalten. Ich sollte mich wirklich um meine Süßkartoffeln kümmern; während alles Andere mittlerweile sicher in Waltrauts Schöpfle verstaut ist und den kalten Monaten gelassen entgegensehen kann, stehen meine beiden frostempfindlichsten Zöglinge von allen immer noch draußen. Wenn Basti da ist, frage ich ihn, ob er mir hilft, die Wanne nach drinnen zu tragen, dann ist mein ganzer Garten winterfest.