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Wirklich… zu viel Zeit.

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Seit sehr Langem musste ich gerade erstmals wieder an den absurden Zufall denken, dass die Person, deren Internetpräsenz mich damals dazu bewogen hat, mir einen blog.de-Blog zuzulegen, sich Jahre später als jemand herausstellen sollte, mit dem der Ukumensch über dieselbe Plattform einen regen Kontakt pflegte.

Vielleicht komme ich darauf, weil ich soeben spontan (aber nicht wirklich; ich habe neulich im Bus hierher schon einen ganz winzigen Versuch unternommen) der nicht minder absurden Tätigkeit nachging, den Ukumenschen erfolglos in den Weiten des Internets zu stalken. Das passiert, wenn du zu gut verdrängst. Weder erinnere ich mich an den Namen seines damaligen Blogs (wohingegen mir das dazugehörige gewollt-möchtegern-Hipsterfoto mit der Mütze bei mehr oder minder angestrengtem Nachdenken tatsächlich wieder ins Gedächtnis kam) noch an den fancy englisch-französisch-verwirrten Alter-Ego-Fakenamen (Henry.. etwas), den er auf Onlineplattformen so anzunehmen pflegte. Was bitter ist, weil ich damals tatsächlich sein Facebookprofil mal gefunden hatte, ich weiß es genau.

Ich weiß aber auch, dass mir der Name auf der Zunge liegt, dass blog.de (sag bloß) seit Jahren nicht mehr besteht, dass ich so oder so keine Ahnung habe, ob der Blog (oder der Mensch) danach mal umgezogen ist, und dass – wenn alle Stricke reißen – durchaus auch die Möglichkeit bestünde, ihm einfach bei Skype zu schreiben, wäre denn die Absicht hinter den Ganzen überhaupt, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Aber das war es gar nicht, viel lieber umgeb ich mich mit undefinierten Schatten und dem typischen solche Momente begleitenden Chaos aus bodenloser Nostalgie, altem Selbstmitleid und neuem Selbstrespekt, Selbsterkenntnis und dem Mangel daran, Zweifeln und Gewissheit und einer Prise aus dem unerschöpflichen Vorrat des ebenso schwammigen wie intensiven Wunsches, irgendwie in der Vergangenheit Dinge anders gemacht zu haben. Das ist das, was mich umtreibt. Konkret kann ja jeder. Gegenwart, wie lahm.

Meine Gegenwart gestaltet sich aktuell so: Ich befinde mich in der Wohnung meiner Eltern, welche sich wiederum im Urlaub befinden. Ich bin demzufolge alleine und dafür zuständig, dass die Balkonbepflanzung überlebt. Zu diesem Zwecke bin ich vorgestern also hierher gereist und habe nun Sehr. Viel. Zeit. – und Sehr. Wenig. zu Tun. Bisher habe ich gearbeitet, Musik gemacht, gegessen und gegammelt. Was soll man in einer fremden Wohnung auch sonst machen.

R derweil hat sich eine potenzielle Ausbildungsstelle an Land gezogen, bei der er heute zum Vorstellungsgespräch geladen war. Sein derzeitiger Chef war von der Aussicht, ihn ein Jahr früher als geplant zu verlieren, so überaus entsetzt, dass er ihm den Himmel auf Erden im Betrieb versprochen hat, falls er es sich anders überlegt. Das sieht also in jedem Fall gut aus.

So. Nun bin ich einfach mal froh, dass ich den Fluch brechen konnte, der sich vor mein Schreiben geschoben hat, seitdem ich mit der Pflanzenbestimmung nicht mehr hinterherkam (du hast keine fünf Pflanzen fertig? Dann denk gar nicht erst dran.) – jetzt bin ich eindeutig nicht mehr in Reichweite meines Balkons und somit jeglicher selbstauferlegter Pflanzenbestimmungspflicht fürs Erste enthoben.

Und was alles Andere an selbstauferlegten Komplikationen meines Daseins angeht – um die kümmern wir uns irgendwann auch noch. Aber nicht mehr heute.

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Two Weeks Ago…

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[Edit: Jawoll, ich habe es tatsächlich geschafft, mich selbst von meinem eigenen Blog fernzuhalten, indem ich es vorletzten Mittwoch nicht auf die Reihe bekam, den Eintrag am gleichen Tag fertigzustellen, und dann dem schlechten Gewissen und der Vermeidungsstrategie das Feld zu überlassen. But not anymore! I can do this!]

Und schon ist Becci wieder weg. Unglaublicherweise ist sie gestern Abend dann aus ihrem Komazustand erwacht und war zu erfüllender Interaktion fähig, sodass wir verschiedene Dinge tun konnten wie unsere nächste Reise planen (von Santiago de Compostela übers Baskenland Richtung Frankreich – ich wollte dieses Jahr eigentlich ja beim besten Willen nicht mehr weg, aber was soll ich machen – ich kann nicht nein sagen, wenn mich Becci darum bittet und meine ohnehin auf wackeligen Füßchen stehenden Vorsätze durchkreuzt) und ihr einen neuen Computer bestellen (den ich bezahlt und damit allerhand über Jahre angehäufte Urlaubsschulden beglichen habe).

Nun ist es schon wieder brütend heiß draußen, sodass ich mich zum Pflanzenfotografieren im Bikini auf der Terrasse herumgetrieben habe. Langsam neigen sich die bestimmbaren und zeitgleich fotografierenswerten Exemplare dem Ende zu. Dafür werden die Tomaten immer größer – irgendwann kann also die Sortenbestimmung losgehen.

Die heutige Ansammlung:

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Salweide (Salix caprea – Salicaceae)
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Lauch (Allium ampeloprasum subsp. ampeloprasum – Amaryllidaceae)
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Echter Wurmfarn (Dryopteris filix-mas – Dryopteridaceae)
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Bacopa (Sutera cordata var. ‚Blutopia‘ – Scrophulariaceae)
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Bunter Hohlzahn (Galeopsis speciosa – Lamiaceae)
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Kein Peil (und trotzdem am Leben)

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Das war mal wieder ein Wochenende der besonderen Sorte, nicht unwesentlich aufgemischt durch meine bodenlose Verpeiltheit. Aber letztendlich hat alles so funktioniert, wie es sollte – wenn auch anders als geplant.

Samstag war das (durch mich lethargiebedingt bis zur letzten Sekunde verdrängte) Eintagesfestival in Wiesbaden, zu dem Beccis Mutter Karten gewonnen hatte und dann nicht hinwollte, während Becci mit der Arbeit auf Freizeit war, sodass das Vergnügen mir und Cornelia zuteil wurde. Es wurde ein toller Tag mit einem wunderbaren (wenn auch mit 70 Minuten eindeutig zu kurzen) Frank-Turner-Konzert als Abschluss. Der Mensch hat eine der beeindruckendsten Ausstrahlungen, die mir je untergekommen sind, und wird noch dazu gefühlt von Tag zu Tag schöner. Das ist absolut nicht normal. (Cornelia, die in solchen Dingen immer hervorragend informiert ist, eröffnete mir, dass er wohl mittlerweile verlobt ist, was mir zugegebenermaßen so ein bisschen meinen Plan B für mein Leben zerstörte.)

Sonntag war Bürgerentscheid bei mir zu Hause, und da ich die Briefwahl zwar beantragt, aber dann leider die Unterlagen nicht aus dem Briefkasten geholt hatte, durfte ich Samstag Nacht entgegen des Plans wieder heimzockeln, um zur Wahl präsent zu sein.

Ich hatte mir – unwahrscheinlich motiviert, wie ich zur Zeit wundersamerweise bin – bereits ein Busticket gekauft, um im Anschluss wieder nach Hessen zu fahren und an Cornelias Geburtstagsfeier teilzunehmen. Leider war ich zu dumm, den richtigen Bus zu identifizieren, und wartete eine halbe Stunde lang auf den falschen (während der richtige vor meinen Augen ein- und wieder abfuhr). Das veranlasste mich dazu, erneut den Plan zu ändern und wieder nach Hause zu fahren, wo ich den mir unverhofft geschenkten Tag dazu nutzte, um die Wohnung in Ordnung zu bringen und insbesondere das Bett im kleinen Zimmer freizuräumen, damit Becci, mit der ich eigentlich ja dann von Cornelia aus hierher fahren wollte, darin würde schlafen können.

Becci kam dann auch tatsächlich, aber in einem fürchterlichen Zustand, da sie sich auf dem Weg mit ihrem relativ frisch gebackenen Sowas-wie-Freund zerstritten hatte, der eigentlich kurz mit reinkommen wollte, sodass ich ihn hätte kennenlernen können, bevor er mit Bus und Zug weiter nach Karlsruhe fuhr, dann aber stattdessen beleidigt draußen an der Bushaltestelle stand, während Becci todesfertig allein in die Wohnung kam.

Ich habe uns dann, ohne lang zu fackeln, eine Flasche Brombeerlikör vor die Nase gesetzt und mich daran gemacht, die Situation zu durchdringen. Ergebnis (abgesehen davon, dass ihr Spezialfall augenscheinlich hinsichtlich seiner Bipolarität Jekyll und Hyde in nichts nachsteht) ist, dass Becci nun verkatert neben mir auf dem Sofa hängt. Ich dagegen habe mich von dem (nicht unbeachtlichen) Betrunkenheitslevel erfolgreich durch Schlafen kurieren können und heute bereits produktiv in der Wohnung gewirkt, Wäsche gemacht, Altglas weggebracht, Kaffee gemacht, Frühstück gegessen, Pflanzen bezubbelt, Pflanzen fotografiert, Pflanzen bestimmt.

A propos. Das regnerische Intermezzo der vergangenen Woche ist lang vorüber; es ist wieder sommerlich heiß und die Sonne lässt es zu, dass ich mit der Dokumentation meiner zahlreichen Spezies fortfahre. Tue ich dies doch.

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Garten-Senfrauke (Eruca sativa – Brassicaceae)
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Türkischer Drachenkopf (Dracocephalum moldavica – Lamiaceae)
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Löwenmäulchen (Antirrhinum majus – Plantaginaceae)
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Topinambur (Helianthus tuberosus – Asteraceae)

Himbeere (Rubus idaeus – Rosaceae)
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Auferstanden aus Ruinen – Texte, Menschen.

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Noch gute zehn Seiten und ich bin fertig mit diesem Grottentext. Oh, wie ich Studenten mittlerweile verachte… zumindest diejenigen, deren Abschlussarbeiten ich praktisch neu schreiben darf, während sie im wahrsten Sinne die Credits dafür einheimsen. Worthülse für Worthülse fällt der unerbittlichen Zerstörungskraft meiner Delete-Taste zum Opfer. Satzruine um Satzruine baue ich um, werte ich auf, mache ich lesbar für Augen, die mindestens so empfindlich sind wie meine.

Das ist anstrengend, das ist frustrierend, das ist auch irgendwo einfach wahnsinnig ungerecht. Aber natürlich kann ich mich nicht beschweren – ich mache diese Arbeit gut, ich mache sie zumindest so gern, dass ich nicht dabei verkomme, und ich habe keine Alternative. Was ich habe, ist alle Flexibilität der Welt und – essenziell für mein Funktionieren in jeder Hinsicht – meine Selbstbestimmung. Und noch dazu, wenn das auch definitiv eine untergeordnete Rolle spielt bei dem Niveau, das diese Texte haben größtenteils, die Möglichkeit, in verschiedenste Themen Einblicke zu bekommen. Noch dazu – viel interessanter eigentlich – in die Leben und Köpfe verschiedenster Menschen.

Ja, im Großen und Ganzen will ich wirklich nicht meckern.

So nebenbei:

  • Basti ist Vater geworden; sein Sohn kam am 3. Mai auf die Welt. Alles gut soweit.
  • Ich hatte die letzte Woche über freundlichen Besuch von einer Blasenentzündung, die mittlerweile (ich hoffe!) kaum noch spürbar, aber auch noch nicht ganz verschwunden, in den allerletzten Zügen hängt.
  • Ich habe so absolut keine Lust auf diese Bolivienreise, aber ich weiß natürlich, dass sich das ändern wird, sobald ich sie antrete.
  • Ich werde zuvor zwei Tage in Konstanz verbringen, um Basti, Mats und Alina zu besuchen. Basti bringt mich von dort aus nach Frankfurt zum Flughafen.
  • Übermorgen bin ich ebenfalls in Frankfurt, ein Umstand, den ich gerne mal vergesse, weil alles, das nicht Gegenwart ist, momentan gnadenlos ausgeblendet wird. Aber es ist das Glen-Konzert in der alten Oper, zu dem ich mit Becci und Cornelia gehe, und ich sollte mich freuen. Freue dich gefälligst.
  • Nächste Woche treffe ich mich mit Caro, die auf Heimatbesuch nach Deutschland kommt, in Karlsruhe. Wir gehen im Hans im Glück essen und – tatsächlich – darauf freue ich mich. (Wahrscheinlich weil es weder genug Umstände macht noch – anders als das Glen-Konzert – nah genug bevorsteht, um Panik zu erwecken.)
  • R ist dem Programmierwahn in Gänze verfallen und stürzt sich praktisch auf den Computer, sobald er nach Hause kommt. Gleichzeitig gibt er sich allerdings alle erdenkliche Mühe, unser gemeinsames Leben dabei nicht zu vernachlässigen, und ich habe mich meinerseits daran gewöhnt. Es ist also nach und nach ein wunderbares Equilibrium entstanden, in dem sich alle Parteien wohlfühlen – zumindest empfinde ich das so.
  • Ich habe gemeinsam mit der Therapeutin beschlossen, die Medis herunterzudosieren, wenn ich aus Bolivien zurück bin. Davor habe ich Angst, aber ich bin fest überzeugt, dass es sein muss. Ich fühle mich, als hätte ich in der Therapie alles erreicht, was im Rahmen der Abschirmung durch die Medis möglich war – now let’s tackle the real issues.

Atzo da bihar

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So schnell kann es also Sommer werden. Gleich ein völlig anderes Lebensgefühl, die Terrassentür offen lassen zu können und auf die frisch bepflanzten Kübel draußen zu blicken, in denen sich Tomaten und Paprika, Salat und Chilis, Rucola und Wunderblumen dem Licht entgegenstrecken.

Dass R diese Woche Urlaub hat, ruft auch bei mir ein Urlaubsgefühl hervor, auch wenn ich gestern Abend wieder einen Auftrag angenommen habe, mit dem ich gleich beginne. Wir sind mehr als glücklich, von unserem Osterausflug zu seiner Familie zurück zu sein, und genießen unsere wiedererlangte Freiheit und Selbstbestimmung in vollen Zügen. Er, indem er zockt und lernt; ich, indem ich pflanze und lese. Wir zusammen, indem wir ausschlafen und gemütlich frühstücken, Carcassonne spielen, Filme schauen und wunderbares Essen kochen.

Ich freue mich schon jetzt auf den Moment, in dem er nicht mehr arbeiten muss und wir dieses Leben für immer haben können. Denn während ich bestrebt bin, oder vielmehr beim besten Willen nicht anders kann, als aus der Gegenwart das Meiste für mich herauszuholen und den Zwängen nur den nötigsten Raum zu geben, hat er erst Ruhe, wenn ihm seine Zukunft solide erscheint. Eigentlich ähneln wir uns da stark. Nur dass unsere Coping strategies gegenteilig ausfallen. Ich verdränge und beraube mich dadurch vermutlich einer sicheren Zukunft. Er nimmt sich – uns – mit seinem obsessiven Hinarbeiten auf zukünftige Sicherheit die Gegenwart weg.

Auf dem kurzen Spaziergang zum Altglascontainer und zurück überraschte mich der Gedanke, dass es mir vielleicht wirklich lieb wäre, wenn wir heiraten würden, nicht in der Erwartung eines festzementierten ‚Für immer‘, sondern um dem Warten auf diese ferne Zukunft eine konkretere Berechtigung zu geben, einfach mal festzuhalten, dass seine wenig geschätzte, viel auf Zukünftiges ausgerichtete Gegenwart auch mir nicht grundlos ungenutzt durch die Finger rinnt. Ich bin mir dessen sicher und er ist es auch, warum dem Ganzen nicht einen Namen geben.

Dachte ich mir gestern, aber es war nur ein Anflug; heute verstehe ich schon wieder kaum, wozu das Heiraten gut sein soll; als könnte man die Zukunft mit Papier und Tinte in Stein meißeln. Und andersherum: unser gegenseitiges Vertrauen ist so grundsolide, dass jeder Vertrag, jede Unterschrift dagegen lächerlich und wertlos wäre.

Aber genug von Gegenwart und Zukunft. Ich habe einen Auftrag zu erledigen.

Silberne Linierung!

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So – heute Abend geht es auf zu einer weiteren Woche bei Becci. Gestrichen ist ja bereits; nun wird umgezogen. Und nachdem wir hoffentlich ein-zwei Tage Zeit haben, in der neuen Wohnung auf dem Sofa zu kollabieren, sind wir Samstag im Hambacher Forst und tun Sinnvolles. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich Becci dazu motivieren konnte, diese Aktivität mit mir zu unternehmen; hätte sie nicht eingewilligt, wäre ich selbst auch nicht gefahren, und mir liegt diese Sache wirklich am Herzen.

Bevor ich losfahre, gibt es hier noch eine überwältigende Menge Dinge, die ich erledigen könnte. Dazu zählt:

  • Pfand wegbringen und Spülmaschinenpulver besorgen
  • Küche aufräumen
  • staubsaugen
  • Wohnung aufräumen
  • Wäsche waschen
  • duschen und mich selbst in einen ansehnlicheren Zustand versetzen
  • packen und dafür sorgen, dass alles, was sich für Becci hier angesammelt hat, auch dabei ist
  • Wintersachen aus dem Schrank holen (es ist Zeit)
  • Rest des Samstag Abend mit Wolfgang containerten Zeugs aus der Garage holen
  • Keller in Ordnung bringen

…wenn ich die Hälfte davon noch schaffe, bin ich gut und habe wirklich schonmal einiges gebacken bekommen.

Zu erwähnen wäre noch kurz:

  • Murat hat seinen elenden Prozess gegen R endgültig verloren. Zwei Jahre Warten und Ungewissheit haben ein Ende.
  • Mein Unbabel-Projekt ist nun ausgelaufen, also muss ich nicht mehr um 7 Uhr aufstehen. YES.
  • Ich habe im vergangenen Monat zum ersten Mal über 1000 Dollar verdient.
  • Eventuell gehe ich, wenn ich von Becci wiederkomme, Wohngeld beantragen, was um die 237 zusätzliche Euro pro Monat bedeuten würde. Ich lasse nur Malte vorher bei seinem Vater nachfragen, der beim Finanzamt arbeitet und wissen dürfte, wie das in meiner spezifischen Situation aussieht und ob es ratsam ist.
  • Ich habe mich bei einer dritten Plattform beworben, diesmal für Lektorat. Den ersten Teil des Bewerbungsprozesses habe ich schon erfolgreich abgeschlossen, nun muss ich warten, dass sie mir Testaufgaben zukommen lassen.
  • All meine nicht winterharten Pflanzen stehen mittlerweile drinnen. Es kann losgehen. Die Physalis blüht. (Ich sollte sie gleich noch bestäuben.)
  • Nachdem Murat nun nicht mehr dafür sorgt, dass R täglich befürchten muss, ihm würden seine Besitztümer zwecks Begleichung horrender Gerichtskosten gepfändet, können wir demnächst endlich das Klavier von R’s Eltern bekommen. Ich habe schon eine ganze Weile wieder regelmäßig auf dem Keyboard gespielt und diverse Stücke wieder gelernt, sodass die Ohren der Nachbarn in genau diesem Fall nicht allzusehr strapaziert werden.
  • Ereignis des Jahrhunderts: R schlug gestern von sich aus vor, nach draußen zu gehen. Wir sind dann ein kleines Stück den Berg rauf gewandert und haben uns dort auf einer Bank niedergelassen und es war wunderschön. Herbstsonne und eine urtümliche Idylle da oben, das glaubt man gar nicht.
  • Der Grundzustand ist also allgemein wirklich mal ziemlich positiv.

Damit aber jetzt von der oben aufgeführten Liste an Erledigungen noch zumindest ein paar auch tatsächlich erledigt werden, fange ich am besten jetzt an, daran zu arbeiten.

Kolkata Calling

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Was ich bisher vor lauter Arbeitsdrama ganz unterschlagen habe: Susmita und Debanga heiraten. Dass dem so sein wird, war mir natürlich schon seit Längerem bekannt, aber nun wird es auf einmal sehr konkret. Die Einladung bekam ich vorletzten Montag, als ich gerade dabei war, mit Becci die Wohnung zu verlassen, um zum Streichen zu ihr zu fahren.

Am gleichen Abend rief ich R an und überfiel ihn mit der Nachricht, dass wir nach Indien fliegen müssen – diesen Dezember. Er willigte (überraschenderweise) sofort ein, was mich in einen Freudentaumel versetzte, allerdings blieben ihm dieses Jahr noch ganze drei Urlaubstage. Als ich wieder hier war und wir nochmal darüber sprachen, wollte er schon fast wieder kneifen, aus Angst um seine Zeit und seinen stressanfälligen Organismus. (Man muss dazu wissen, dass R zwar Momo nie gelesen hat, aber von Grauen Herren bewohnt wird, die ihm sein Leben diktieren. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass ihm das bewusst wird, wenn ich ihn je dazu bewege, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen.)

Nachdem dies in ein Grundsatzgespräch der Sorte „Aspi monologisiert, während R entnervt in seine C++-Unterlagen starrt und verzweifelt bemüht ist, nicht den Faden und damit noch mehr Zeit zu verlieren, was wiederum Aspi zur Weißglut treibt“ eskalierte, löste sich das Problem am nächsten Tag auf unvorhergesehene Weise: R’s Chef verbot ihm kurzerhand, sich eine Woche Urlaub zu nehmen. Stattdessen genehmigte er ihm die Urlaubszeit nur unter der Voraussetzung, dass er sich zwei Wochen nähme. Er solle sich mal überlegen, woran er auf dem Sterbebett lieber zurückdenken würde – seine eingesparten Überstunden oder seine Reise zur indischen Hochzeit.

Also ziemlich genau das Prinzip, was ich ihm am Tag davor versucht hatte einzutrichtern. R’s Chef ist ein guter Mensch.

Nun haben wir gestern unsere Flüge gebucht und siehe da, es ist vollbracht: zum allerersten Mal werde ich mit R eine längere Reise unternehmen, dazu noch zu solch einem einzigartigen Ziel und Anlass. Ich freue mich wahnsinnig darauf!

The Skyscraper Challenge

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Alles zieht irgendwie so vorüber. Ich mache keine Schritte, sondern gleite nur so vor mich hin in meinem Glastunnel und sehe durch die Wand die Welt. Mir ist klar, dass ich nicht richtig lebe. (Das tun Andere. Basti, der Vater wird, und Becci, die in ihrer Arbeit aufgeht.) Aber lieber lebe ich falsch als gar nicht, das schon; ich möchte unbedingt am Leben bleiben und zumindest die Chance weiter haben, es irgendwann herauszufinden. Wie es wirklich funktioniert, meine ich. Ab und an erscheinen random Schnipsel in meinem Kopf, die Teil des Lebens sind, „Auf der Mauer, auf der Lauer liegt ’ne kleine Wanze“, zum Beispiel, oder der Gedanke daran, wie Halcyone ihre Eier auf das Wasser gelegt hat. Wie könnte ich mir wünschen, nicht Teil einer Welt zu sein, in der dies der Fall ist.

Ich sitze noch immer auf Beccis Sofa. Ich bin wirklich krank geworden. Becci ist auf zwei Geburtstagen eingeladen und kommt irgendwann wieder; ich bin ganz zufrieden hier alleine und habe mich den Tag über kaum vom Fleck bewegt. Ich hege die Hoffnung, dass es mir morgen besser geht und wir mit dem Streichen fertig werden. Am Nachmittag möchte ich heimfahren und im Idealfall bin ich bis dahin so weit wiederhergestellt, dass ich R zu Hause nicht anstecke.

Kepa hat versucht, mich anzurufen. Ich konnte nicht ans Telefon gehen, weil meine Stimme mir erkältungsbedingt mal wieder abhandengekommen ist, und dachte sowieso, es wäre meine Mutter. Da ich mich mit dieser am Dienstag aufs Übelste zerstritten hatte und ich annahm, sie würde den Disput fortführen wollen, habe ich das Handy von vornherein nicht angerührt.

Ich hätte schon im gesunden Zustand und im Besitz eines funktionsfähigen Kehlkopfes Schwierigkeiten, mich damit auseinanderzusetzen. (Der aktuelle Stand: sie ist dem Konzept Zwangsarbeit nicht abgeneigt, findet „Arbeit macht frei“ eine legitime Aussage und teilt mir mit, dass ich krank im Kopf bin und sie nur deshalb von einer Anzeige wegen Beleidigung absieht, nachdem ich daraufhin die von ihr so bereitwillig provozierte Nazikeule heraushole. Ich sei blind und gehirngewaschen und sie sei schockiert über meinen Hass auf die Welt, seitdem ich politisch geworden sei.)

Ich weiß gar nicht, wie ich weiter vorgehen soll.

Egal, was ich sage, sie wird es wegwischen.

Wenigstens für mich selbst kann ich Dinge festlegen.

Mein Bild von der Welt ist ganz simpel. Alles, was aus freien Stücken unnötig Schaden anrichtet, im Fall eines fühlenden Wesens also in seiner persönlichen Freiheit und Unversehrtheit einschränkt, ist von Grund auf schlecht. Daher ist (meiner Ansicht nach) Zwang schlecht. Sofern es natürlich nicht darum geht, jemanden zu zwingen, damit aufzuhören, unnötig Schaden anzurichten. In dem Fall ist der Zwang nötig und die Schuld dafür liegt bei demjenigen, den man von der Verrichtung des Übels abhalten muss.

Mein „Politischsein“ beschränkt sich im Grunde auch bloß aufs Hinschauen. Das ist nicht mehr oder weniger politisch als das, was Andere machen, aka Wegschauen. Bloß nimmt es einem ein bisschen die Möglichkeit, Dingen gegenüber tolerant zu sein, die man halt auch nur hat, weil man nichts davon weiß. Das spiegelt sich dann in Verbindung mit der richtigen Grundethik (und ja, selbstverständlich empfinde ich meine Grundethik als richtig) in einer gewissen Denk- und Handlungsweise wider. Diese Chance zum Denken und Handeln hat man nicht, wenn man wegguckt. Aber meine Mutter findet mich jetzt politisch und gehirngewaschen. Ich finde mich gefestigt und bestärkt in einem Bewusstsein, das ich immer noch zu einem sehr kleinen Maße nur zulasse, weil mich die Ausmaße der Ohnmachtsgefühle und der Verantwortung gleichermaßen, die eine vollständige Immersion in den Zustand der Welt und bereits meiner unmittelbaren Umgebung mit sich bringen würde, einfach nur wieder lähmen und überwältigen würden. Und damit ist auch niemandem geholfen.

Meine Mutter meint es gut mit mir und hat das schon immer getan. Das ist der eine Fakt, der alles unermesslich viel schwerer macht. Nichts liegt ihr ferner, als mir absichtlich unnötig Schaden zuzufügen. Gleichzeitig ist sie die Versinnbildlichung des Zwangs, mich in die Maschinerie einzugliedern, die mich zerstören wird.

Ein Dokument solle ich vorlegen, das beweist, dass ich psychisch nicht in der Lage bin, einer normalen Arbeit nachzugehen.

Weil ich unabhängig sein soll. Daher muss ich das tun, was sie will, um unabhängig zu werden.

Weil es mich glücklich machen und erfüllen würde.

Als würde ich mir etwas sehnlicher wünschen als einen gut bezahlten Job, der mich erfüllt. Aber wo finde ich diesen. Ohne Energie, danach zu suchen, und ohne zu wissen, wo ich suchen sollte. Und ohne die Fähigkeit, mich noch einmal einem Studium zu stellen.

Ich sage dir mal, was mich erfüllt. Selbsthass, weil ich es nicht schaffe. Und dann nochmal Selbsthass, weil ich mich dafür hasse.

„Psychisch nicht in der Lage“. Ein Dokument lege mir bitte vor, Mama, ein psychologisches Gutachten, dass du nicht in der Lage bist, von einem Wolkenkratzer zu springen. Dann glaube ich dir das.

The Power Of Denial

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Es ist komisch. Heute ging’s mir ganz gut, ziemlich sogar, aber gestern dachte ich schon, ich würde den Verstand verlieren. Ich war ganz kurz davor. Und Freitag habe ich kurzzeitig überlegt, mich einweisen zu lassen. Ich war so sinnentleert.

Ich bin es immer noch, aber meine Verdrängkünste haben sich wieder an die Arbeit gemacht. Und ich weiß oder vermute zu wissen, woran ich eigentlich arbeiten sollte. Aber jetzt warte ich erstmal darauf, dass R mit Duschen fertig ist, um ihm noch ein paar Minuten was vorzulesen und dann zu schlafen. Schlafen geht ja zum Glück immer.

Decadence isn’t easy, is it?

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Okay. Ich habe mich ans Versorgen der Pflanzen gemacht, zwei Töpfchen Basilikum (eins Thai, eins normales) zusammen mit dem kläglichen Überrest des letzte Woche geretteten Genovesertopfes in einen breiten Eimer eingetopft, ein paar Kartoffeln ausgegraben (es fängt langsam an!), Zitronengras in Töpfe mit Lavamulch und Wasser gesteckt und auf Küche und Terrasse verteilt, frische Kurkuma in Töpfe mit freigewordener Kartoffelerde gesteckt und ebenfalls auf der Terrasse verteilt, Undines und Lukas‘ Terrasse besucht (nicht um zu gießen; nach den Regenströmen der letzten paar Tage muss ich endlich nicht mehr jeden Tag zwei Urwälder versorgen), dort die verblühten Geranien abgeschnitten und die hoffnungslose Gurke von ihrem Elend erlöst, indem ich sie ebenfalls abschnitt und für den verbleibenden Gurkenstamm zu Mulch zerstückelt drumherum drapierte, Gleiches mit dem vertrockneten Salat angestellt (man kann ja nicht alle drei Minuten zum Gießen rüber…) und so eine Mulchschicht für ihre Zucchini und Tomaten anfertigen können, noch kurz ihren Lavendel beschnitten, dann wieder bei mir draußen die restlichen Stangen Zitronengras aus ihren wahnsinnig verklebten Tüten geholt und zusammen mit der restlichen Kurkuma auf dem Tisch deponiert, Küche etwas aufgeräumt, Wäsche aus dem Trockner geholt und neue rein, Zeug in den Keller gebracht, im Keller ein bisschen sortiert, Katze gefüttert… und es ist, als hätte ich überhaupt nichts gemacht. Ich bin überfordert mit diesem Tag. Es gibt so viel zu tun und ich bin überfordert.

Dann mache ich mir Vorwürfe. Mein Kopf ist zum Bersten voll mit genau dem nutzlosen Druck, den die Therapeutin mir abgewöhnen möchte. Ich weiß gar nicht, wo das anfängt und wo es aufhört, was zuerst kommt, was woraus resultiert. Ich suche nicht nach Arbeit, obwohl ich müsste. Das ist jeden Tag der Fall und wirkt sich auf alles aus, was ich tue oder nicht tue. Es ist alles verwoben. Ich laufe herum und mache Dinge im Haushalt (wenn ich Glück habe). Dabei verfluche ich R für irgendwelche Kleinigkeiten, sei es, dass er seine dunkle Wäsche in den Beutel für die helle wirft, obwohl ich schon extra Etiketten darüber angebracht habe, oder dass das Waschbecken eklig aussieht und noch Bartstoppeln drauf liegen, obwohl er sich seit Wochen nicht mehr rasiert hat, oder dass die Küche ein Schlachtfeld ist und überall Flaschen rumstehen, statt dass er die mal in die Pfandtasche bringt, aber damit wäre ich auch nicht zufrieden, weil er niemals dran denken würde, die Flaschen zuvor nochmal über der Spüle auszukippen, damit es nicht so widerlich wird, wenn einer von uns Pfand wegbringt. Direkt darauf folgt jedes Mal blitzschnell ein schlechtes Gewissen: Im Gegensatz zu mir arbeitet er Vollzeit und macht trotzdem noch Dinge im Haus, an manchen Tagen nicht viel weniger als ich und an ganz schrecklichen Tagen sogar mehr. Und wenn ich nicht ihn verfluche, dann verfluche ich mich selbst, weil ich immer noch nicht auch nur in Ansätzen alles getan habe, was gemacht werden muss.

Parallel stellt sich mir unweigerlich die Frage, was ich um alles in der Welt anstellen würde, wenn mir auf einmal am Tag neun Stunden fehlen würden. Ich würde doch niemals im Leben auch nur das bisschen gebacken bekommen, das ich jetzt gerade so bewältige. Ich habe mir so ein zeitintensives Leben mit unendlichen Kleinigkeiten angewöhnt, dass es eine Qual ist, mir vorzustellen, ich müsste all das zugunsten von Geld auf dem Konto und Eltern, die mir mir zufrieden sind, aufgeben. Es war mir ja jetzt den Monat schon zu viel, in dem ich halbtags vor dem Computer sitzen und halbherzig postediten durfte. Ich hätte einfach niemals anfangen dürfen, so zu leben. Wie will ich denn darauf hinarbeiten, dass es R und mir auch in Zukunft gut geht und irgendwann vielleicht wirklich kein Druck mehr da ist, und aus dieser zeitlichen Dekadenz jemals wieder rauskommen – wenn es denn Dekadenz sein kann, über seine ureigene Zeit selbst zu verfügen.