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Der Stand der Dinge.

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Ich versuche, es so kompakt wie möglich zu machen.
Also, die letzten paar Tage. Unterteilt in ein paar Stichwörter.

1. FFM.

JO begrüßte mich am Hauptbahnhof mit Lippenstift drauf und sah aus wie ein komplett fremder, ungewohnter Mensch. Aber nicht übel. Sie hatte ihn allerdings nicht mehr ganz freiwillig drauf; offenbar war ihr ein paar Stunden zuvor langweilig gewesen und der Lippenstift war einer der Sorte Killer-Everlasting. Genauer gesagt so everlasting, dass sie ihn nichtmal mit Makeup-Entferner wieder runterbekam und sogar am Tag danach noch mit roten Punkten auf dem Mund herumlief.

Als wäre das nicht genug Schock für einen Abend, bekam ich gleich den nächsten beim Eintreten in ihre Wohnung. Sie hatte Bernd von seinen langen Haaren und dem Bart befreit, nachdem sie aus Argentinien wiederkam – das erste Mal, dass ich etwas von seinem Gesicht gesehen habe; er sieht vierzig Jahre jünger aus. Mindestens. (Dementsprechend waren genau das meine ersten seit einem knappen Jahr in dieser Wohnung ausgesprochenen Worte – bei seinem Anblick blieb mir sogar das ansonsten im Hause von JOs Familie obligatorische „Huhu!“ im Hals stecken.)

Ich habe mich so sehr gefreut, wieder mal bei den Beiden zu sein. JOs Mutter lebt mittlerweile praktisch permanent bei ihrer mehr oder minder dem Rest der Welt bekannten Affäre, einem Transvestiten namens Tina, den sie vor ein paar Jahren durch JO kennengelernt hat. Sie hat – was ich persönlich dann doch mal wieder verstörend fand, auch wenn wir alle mit der Situation inzwischen vertraut sind – nicht einmal mehr eine Zahnbürste in ihrer und Bernds eigenen Wohnung. Aber Bernd ist nicht anzumerken, dass ihm etwas an der Sache zu schaffen macht. Er ist ein durchweg wunderbarer Mensch, der so viel Freude und Ruhe ausstrahlt, dass ich beim besten Willen in diesem Leben nicht mehr verstehen werde, wie Michaela ihm etwas Derartiges antun kann.

JOs Zimmer war wie immer. Ihre nach Farben sortierten Bücher in der Regalwand, der Staub, das Chaos. (Wobei sie aufgeräumt hatte und der Zustand demzufolge sogar ganz okay war.) Die zentrale Rolle ihres Computers in ihrem Leben. Tumblr und Flight Rising konnten die zehn Monate Reisen nichts anhaben; sie ist süchtig wie eh und je. Mein Schlafplatz auf der Wandseite des Bettes war auch wie immer. Gestern weckten mich ein Mal mehr die Kirchturmglocken. Es wird sehr merkwürdig werden, sie demnächst statt in dieser Wohnung in Berlin oder Stuttgart zu besuchen.

Ich wollte eigentlich, dass wir uns mit Robert und Becci treffen, aber da Robert Nachhilfe geben musste, hat es nicht geklappt diesmal. Janine habe ich nichtmal gefragt; sie wird eh bis zum Hals in Abschlussprüfungschaos stecken.

2. Luxembourg.

Wir sind ganz schön herumgekommen in den paar Tagen. Ich noch mehr, natürlich, durch die Fahrten von Zuhause bis FFM und andersherum. Aber der Ausflug ins Nachbarland war wirklich alles an Reisestrapazen wert. Ein neues Land! Wie aufregend. Ich habe meinen Ohrwurm von Zea Mays‘ Negua joan da ta aus Deutschland mit dorthin verschleppt (und JO im Übrigen gestern halb unbeabsichtigt auch noch davon begeistern können), zusammen mit dem hastig vor der Hinfahrt ausgedruckten Text, um es am Wochenende fertig lernen zu können. Es hat funktioniert. Die ganze Stadt hat dieses Lied als Soundtrack, und dabei war unser Aufenthalt nicht gerade unmusikalischer Natur. Dazu später mehr. Wir haben die Stadt durchkämmt und den Bockfelsen beklettert und die dramatischen Schluchten bestaunt und sind diversen City Sightseeing-Bussen begegnet, deren Touren ich dank meiner Arbeit ja mittlerweile sehr gut kenne. Wir haben herausgefunden, dass das Benutzen öffentlicher Toiletten in Luxembourg doppelt so viel kostet wie im Rest der Welt, und dass über 40% seiner Einwohner aus dem Ausland kommen. Wir sind vor Hitze halb geschmolzen, während wir uns die Berge rauf- und wieder runtergekämpft haben. Ich habe schon wieder vergessen, wie diese Dinger heißen, auf die man sich stellen kann und die einen dann einfach tragen – ein Brett mit Rädern und einer Stange vorne zum Festhalten. Nein, kein City-Roller – es hört mit „way“ auf und ich habe JO bestimmt viermal nach dem Wort gefragt, weil es sich in meinem mentalen Lexikon einfach nicht manifestieren will. Die Sprachen an sich sind in Luxembourg ja auch ein Erlebnis. Oder sollte man „Lëtzebuerg“ sagen… Was für ein interessantes Verständnis diese Menschen von „Deutsch“ haben.
Sie haben aber allgemein interessantes Verständnis von vielen Dingen. In meinen zwei Tagen dort wurde mir zwei Mal hochenthusiastisch verkündet, wie grandios mein Stil wäre – davon zehre ich dann jetzt wohl die nächsten zehn Jahre. Trust my home country to be the one I get ignored in most of the time – die Menschen, denen ich beachtenswert erscheine, halten sich offenbar als geschlossene Front im Ausland auf. Eine Verschwörungstheorie? Wer oder was will mich zum Auswandern bewegen?

3. Musik.

Das Konzert – der eigentliche Grund unseres Zusammenfindens – war definitiv in vielen Hinsichten ein besonderes. Ich nominiere es für Awards in den Kategorien „beste Vorband“ (die Luxembourger „All The Way Down“ allein waren es wert, den Ausflug durch ein halbes Land hin zu diesem Konzert zu unternehmen), „Weirdest Vocalist“ (die Sängerin von Against Me! war irgendwann mal ein Mann und hat ihre Stimme keinerlei Operationen unterzogen, was zwar bei den Risiken, die das mit sich bringt, absolut verständlich ist, aber trotzdem dem Ganzen ein einfach unvereinbares Wesen verleiht – immerhin war der Sound so schlecht eingestellt, dass man sie kaum gehört hat), „most crowdsurfers“ (es waren mehrere pro Song, es waren viele Songs und natürlich mussten sie alle, allesamt – unserer erstreihigen, mittig gelegenen Position sei Dank – über meinen Kopf hinweg hinter die Security-Barriere den dafür angestellten Sicherheitsmenschen in die Arme fallen. Wurdest du je von einem herabfallenden Crowdsurfer erschlagen? Lass dir gesagt sein – ein-zweimal pro Konzert reicht. Du willst das nicht drei Mal pro Song verkraften. Ich hatte Todesangst wie nichts Gutes, war aber natürlich selbst schuld, weil mein Schädel, obschon malträtiert von den massiven Schuhen, Körpern und Gliedmaßen unzähliger Fallender, immer noch zu dick ist, um mir zu erlauben, meinen Platz aufzugeben und mich damit für defeated zu erklären. I’m not a quitter, dachte ich mir und versuchte weiter Taktiken zu entwerfen, wie dem von oben kommenden Unheil noch halbwegs schadensbegrenzend zu entgehen war – und hatte Erfolg, was du daran siehst, dass ich hier sitze und dieses Romänchen tippe) und „most deafening“ (der Tinnitus scheint sich in meinem linken Ohr häuslich eingerichtet zu haben, und als wir vorletzte Nacht ins Hostel kamen, konnten wir beide kaum schlafen, weil unsere Ohren der nächtlichen Stille zum Trotz ihr eigenes Konzert inklusive Rauschen veranstalteten. Es wird langsam wieder besser, aber es ist ganz eindeutig noch da). All in all, ein gelungenes Konzert, ich stand nur leider am falschen Ort. Mir wurde mal wieder bewusst, was es eigentlich ausmacht, die Band, die spielt, nicht zu kennen. Das ganze Adrenalin hat mir gefehlt, das einen diese ganzen an sich unmenschlichen Bedingungen nicht nur aushalten, sondern sogar als exhilerierend ansehen lässt. JO neben mir war völlig aus dem Häuschen und sprang herum wie nichts Gutes. Ich ebenso, mehr aus schierer Notwendigkeit als alles Andere. Du kannst nicht einfach nicht springen, wenn um dich herum die Menge wie ein brutales Meer in ihrem eigenen Rhythmus wogt. Das lernt man schnell auf Konzerten, das weiß ich nicht erst seit vorgestern.

3.1. Play Me I’m Yours.

Überall in der Stadt stehen Klaviere. Wunderschöne. Man kann darauf spielen; natürlich habe ich JO an beiden Tagen in den Bahnhof gezogen, um mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen und die von dem dort befindlichen Exemplar ausgehende magnetische Anziehungskraft auf mich wirken zu lassen. Das resultierte letztendlich darin, dass ich auf Tausenden von Touristenvideos zu sehen und hören bin, sowie in einer Bekanntschaft mit einem Typen, der irgendwie fand, dass ich toll bin, und meinte, ob ich nicht Lust hätte, ein Konzert zu spielen – er hat Connections. Ich hab‘ Sarah alarmiert, dass sie sich mal Anfang August oder Ende September freihalten soll für unseren Gig in Luxembourg. Jetzt brauchen wir nur noch Equipment, einen Namen und einen Tourbus. Ich war sehr, sehr kurz vorm Hyperventilieren, als wir da weggefahren sind, ich sag‘ es dir.

4. Ich überspringe ein paar Punkte, weil ich langsam müde werde und nachher um halb elf in der Arbeit sein will.

5. Wohnung.

Es sieht so aus, als könnte es diesmal etwas werden. Man wird sehen – heute. Wenn das klappt, liebe ich Trudi. SEHR.

6. Medis.

Heute 4. mediloser Tag; es ist okay, ich muss viel machen und wenig allein sein. Busfahren gestern war grenzwertig, aber alles vollkommen im erträglichen Bereich. Ich arbeite dran.

7. Haare.

Es saß vor mir auf der Fahrt von FFM nach Stuttgart ein Mensch mit so unwahrscheinlich wunderbaren Haaren, dass es eine Qual war, hinter ihm zu sitzen. Ich habe zweieinhalb Stunden lang mit dem Verlangen kämpfen müssen, ihm auf den Kopf zu grabschen. So eine Hülle und Fülle wunderbarer dunkler, fingerlanger, weich aussehender, leicht gelockter Haare. Ich wollte ihn fast schon fragen, ob er sich kurz umdrehen könnte, um herauszufinden, ob der Rest von seinem Kopf so schön war wie die Hinterseite. Aber ich habe es gelassen – immerhin bestand das Risiko, dass sein Gesicht nicht mit seiner Haarpracht hätte mithalten können, und was hätte ich ihm dann sagen sollen? „Nee, schon in Ordnung, dreh dich wieder um“? Maybe not. Langsam muss ich wirklich einsam und verzweifelt sein, diesem Geschehnis nach zu urteilen.

8. Mehr Klempnerei.

Dafür spricht auch (und das spricht andersherum auch dafür), worüber ich wieder verstärkt nachdenke, nämlich dass ich einfach mal eine Therapie anfangen sollte, mit deren Hilfe ich mich vielleicht von diversen meiner Issues (Sexualität, Fallenlassangst, Selbstwahrnehmung, diese Geschichten) befreien könnte, statt mich in der Hinsicht einfach wie bisher als hoffnungslos abzustempeln und sie auf immer mein Denken und Dasein so überaus unvorteilhaft kontrollieren zu lassen. Ich glaub‘ nämlich fast, die Menschen sind einfach nicht so, wie ich sie bräuchte (und wie sie vermutlich noch einige andere Exemplare der menschlichen und nichtmenschlichen Spezies bräuchten) – niemand wird mich, auch jetzt nicht, wo es wirklich nicht schaden könnte, wie ein rohes Ei behandeln, also muss ich weiter und weiter daran arbeiten, mich einfach selbst nicht wie ein rohes Ei zu sehen und – um alles in der Welt – auch keins zu sein. Damit ich lerne, wie man das macht, wenn man nicht gerade auf Medikamenten ist, hätte ich gern ein neues mentales Framework.

9. Schlafen.

Jetzt wird geschlafen.

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Meine Arbeit, die ist herrlich…

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…meine Arbeit, die ist schön.

Wer hat schon das Glück, als unfertiger, unqualifizierter, un-alles-er Student in seinem Traumberuf arbeiten zu können.

Natürlich zahlen sie mir nicht gerade das, was einem fertigen, offiziell qualifizierten Übersetzer gebühren würde, aber – oh well, ich bin nunmal nicht fertig und offiziell qualifiziert.

Ich habe heute von 10.30 bis 18.00 ohne großartige Pausen durchgearbeitet – einerseits weil ich das ganze Zimmer für mich alleine hatte (Sarah hat sich heute Urlaub genommen, weil sie übers Wochenende mit Freunden aus ihrer Heimat nach Italien gefahren ist und erst ganz spät heute zurückkommt), andererseits weil der große Tag bald kommt, an dem die Website online geht und im Idealfall alles fertig wäre, und außerdem, weil es schlicht und ergreifend herrlich ist.

Ich habe so viele City Sightseeing-Hop-On Hop-Off-Touren heute übersetzt, dass mir mein Kopf am Ende geschwirrt hat wie nichts Gutes. Genauer gesagt war ich nach einem halben Blech meiner mitgebrachten Pizza, einer halben Tüte Kaufland-Fake-NicNacs, zwei Riesenkaffees aus der büroeigenen Maschine und gefühlten dreißigtausend Touren so dermaßen auf Drogen, dass ich wie bescheuert an meinem Schreibtisch vor mich hingegrinst habe und meine Finger nur so über die Tastatur flogen. Man kann sich also auch in Ekstase übersetzen – der heutige Nachmittag und ich sind der lebende Beweis.

Mit meinem Dasein vollkommen zufrieden, kam ich dann aus dem Büro – ich durfte im Angesicht der Stresssituation und nahenden Deadline allein dableiben, als Gian nach Zürich zurückmusste, habe pflichtbewusst den Stecker der Kaffeemaschine aus der Steckdose und die Tür hinter mir ordentlich zugezogen und kam mir so unglaublich toll vor – in die brütende Hitze hinaus. Hier unten sind wir bislang von jeglichen Unwettern verschont geblieben, fragt sich, wie lange noch. Jedenfalls trug das nur zu meiner grandiosen Stimmung bei und ich konnte mal wieder nicht glauben, dass es ein Leben so wunderbar wie meins überhaupt geben kann. Ich kann es bis jetzt kaum glauben. So wie ich es einen Großteil meiner Existenz über momentan nicht glauben kann.

Wer hätte gedacht, dass dieses überzeugte Negativseherchen nochmal zum größten Optimist der Geschichte wird. Aber natürlich – es sollten vielleicht Sachen erst einmal gut laufen, damit man den Optimismus lernen kann. Heutzutage sehe ich über alles Fehlende in meinem Leben größtenteils tolerant hinweg und huldige dafür allem, was sich so an Schönem in meiner Reichweite befindet. Morgen ist offiziell der letzte Medi-Tag – da ich aber danach noch ein Drittelmedi übrig haben werde, verschiebt sich das Ende des Segens um einen Tag. Ein Drittelmedi hier rumfliegen zu haben muss ja nicht sein. (Ich komme mir fast vor wie so ein Raucher, der aufhören will. Das Päckchen aber noch zu Ende, das geht doch nicht.)

Eben habe ich mit meinem Vater ausgemacht, dass ich nächste Woche überraschungsmäßig zum Geburtstag meiner Mutter hochfahre. In meinem leicht angetrunkenen Zustand (das war merkwürdig vorhin, ich sah irgendwelche Wein- und Sektreste rumstehen und verspürte auf einmal so einen Reflex, es mir einfach alles in einem Zug reinzukippen – es war toll) kommt mir das wie eine grandiose Idee vor, auch wenn Papa meint, dass Mama einen Herzinfarkt erleiden wird, wenn ich auf einmal wie aus dem Nichts am Morgen nach meiner heimlichen Ankunft die Wendeltreppe von meinem alten Zimmer hinunterkomme.

Zuerst einmal wird aber nach Luxembourg gefahren. (Habe ich auch übersetzt heute, die Luxembourg-Tour. Jetzt freue ich mich noch mehr darauf.) Ich hab‘ zwar noch keine Idee, wie ich hinkomme – meine Mitfahrgelegenheit fährt nun doch nicht – aber das wird schon. Und dann sehe ich Against Me! – welch zweifelhaftes Vergnügen.

Jetzt kam Saskia gerade wieder online, vielleicht können wir jetzt ja weiterreden. Sie arbeitet momentan noch als AuPair in Vitoria und wir hatten vorhin kurz geredet, bis sie essen musste. Oh wie ich mich gefreut habe, sie zu hören. Es war so lange her.

Außerdem freue ich mich ziemlich auf das Flohmarktwochenende. Und darauf, dass Laura kommt, die ich dann zum ersten Mal wieder sehen werde, seitdem sie nach Russland gegangen ist. Meine Güte, wie die Zeit fliegt. Und Trudi bekommt LSD und wir können es dann zusammen nehmen, der Traum de siempre. Ich hab‘ nicht das allergrandioseste Gefühl, was das angeht, aber grandios genug, um es (vermutlich) in jedem Fall zu versuchen. Jetzt habe ich schon so lange geduldig gewartet, bis ich endlich die Medis abgesetzt habe. Wenn sich die Gelegenheit doch jetzt schon ergibt, was soll ich da noch ein halbes Jahr warten, bis das ganze Zeug endlich aus meinem System verschwunden ist.

Ich habe langsam (oder schneller) den Eindruck, dass ich irre mitteilungsfreudig bin gerade. Wunderbar, wie sich Alkohol und Kaffee vermischen und meine Laune und Kommunikativität explosionsartig in die Höhe treiben. Aber schade für meine geschätzten Bots, die den Unsinn hier durchkämmen.

Ich höre auf.