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Stabilized (but stagnating)

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Schon besser. Ich kann nicht behaupten, dass es mir blendend geht, aber sofern hier nichts mehr eskaliert, dürfte das Gröbste überstanden sein.

Ich werde dennoch nicht an Beccis und Cornelias Holland-Trip dieses Wochenende teilnehmen, wie es eigentlich geplant war. Weder kreislauftechnisch noch mental würde ich eine Unternehmung von diesen Dimensionen verkraften. (Auch wenn es gepasst hätte, denn als ich Tim Vantol zum ersten Mal gesehen habe, war es um meinen Geisteszustand ähnlich bestellt. Das war auch der Grund, aus dem ich mir damals nach dem Konzert keine CD gekauft habe. Wozu, dachte ich mir, wenn ich’s eh nicht mehr lange mache.)

Becci, die gute Seele, sagte auf meine Frage hin, wie viel ich ihr für Ticket und Übernachtung schulde, es sei nicht der Rede wert und ich sollte nicht für meine gegenwärtige Situation auch noch bezahlen müssen.

Und meine Mutter, mit der ich gestern telefoniert habe, ist zwar aktuell noch auf Sri Lanka, sagte mir aber, ich hätte sie trotzdem wirklich mal anrufen können, als hier Land unter war, sie könne in 20 Stunden bei mir sein. Awww. (Wobei es bei ihr schon genügt hat, ihr zu erzählen, dass sich R während meines Entzugs nicht gerade um Unterstützung und Rücksicht bemüht hat, ohne auf Einzelheiten einzugehen.)

As for me… ich warte erstmal ab, bis sich mein Hormonhaushalt wieder einpendelt. Latente Panik ist nach wie vor da, aber nichts im Vergleich zum Wochenende. Derweil höre ich mir von der Therapeutin an, dass ich meine Prinzipien zum Fenster rausschmeiße, wenn ich nicht vehement ablehne, mich mit R’s Polyamorie auseinanderzusetzen, und beobachte dessen unbeholfene Versuche, meiner Kritik gemäß seine Egomanie zu drosseln.

Bislang scheint Letzteres allerdings aussichtslos. Siehe dazu gestern Abend: ich hatte Musik an, während ich in der Küche tätig war, und das Album lief noch, als er zum Essen kam. Er gab sich Mühe und fragte, welches Album wir hören würden. Es war What Seperates Me From You von A Day to Remember. Da er bemängelt, ich würde ja aber auch von mir aus nichts erzählen, fasste ich mir ein Herz und schilderte ihm, wie mich You Be Tails, I’ll Be Sonic damals mit seiner Genialität überwältigt hat, als ich die Band kennenlernte. Von zwei zehennägelkringelnd, nackenhaaresträubend konstruierten Rückfragen seinerseits fühlte ich mich nichtsdestotrotz ermutigt, man könnte fast sagen, verpflichtet, weitere Informationen preiszugeben. Also erzählte ich vom Konzert 2011, und dass dort auch mein T-Shirt mit einer besagtem Lied entstammenden Zeile herkommt, und schließlich sogar von der abstrusen Kombination, die mein Shirt („There’s a hole in my heart where you used to be“) und Şahins Wristband („Get the fuck over it“, 2nd Sucks) hermachten. Er reagierte daraufhin, and I shit you not, mit einer ausschweifenden Erörterung, welche zum Inhalt hatte, dass der Grund, aus dem er gleich zurück an den Rechner müsse, sei, dass auf der GUI, die er gerade programmiert, sich das Relief nicht mehr ausschalten lasse. Irgendwann unterbrach ich ihn, indem ich andeutete, zum Himmel zu beten, und flehte, „please be going somewhere with this“. Er war daraufhin beleidigt.

Sonntag Früh entdeckte ich einen drastisch reduzierten Udemy-Kurs zu kognitiver Verhaltenstherapie, dessen Beschreibung mich neugierig machte und mir den Eindruck verlieh, eine derartige Maßnahme könnte uns helfen, eine gewisse Basis an gegenseitigem Verständnis und gleichzeitig eine Erweiterung unser beider Horizonte zu erreichen, insbesondere in Hinblick darauf, dass ein konstruktives Auseinandersetzen mit der Thematik der Polyamorie mir in meinem aktuellen Mindset nicht oder kaum möglich ist. Ich sagte ihm dies und schlug vor, den Kurs herunterladen und gemeinsam anzusehen. Er stimmte dem zu. Als er dann feststellte, dass es sich um 53 Stunden Material handelt, war er schon weniger begeistert. Ich hatte gleichzeitig einen weiteren Kurs gefunden, der beim Umgang mit Konflikten helfen soll. Dieser dauert nur eine Dreiviertelstunde und wir haben uns die erste Session davon tatsächlich schon angeschaut. Leider ist der Dozent grottig, aber R war nicht der Meinung und ich nehme, was ich kriegen kann. Nach zehn Minuten war sein Kontingent an emotionaler Arbeitskraft jedoch erschöpft; seither macht er keine Anstalten, an einem der Kurse weiterarbeiten zu wollen, und ich darf weiter in Panik vor mich hinexistieren; diese wird bleiben, bis entweder Verdrängung oder Veränderung eintritt. Wenn er die Zeit oder den Aufwand nicht aufbringen möchte, für Letzteres zu arbeiten, kann ich nur zurück in Ersteres flüchten.

Maybe this will help.

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Unfassbar – ich habe es geschafft: eben war ich bei der Ärztin und habe mir Medis verschreiben lassen. Es hat einen Anruf, einmal Bergrunterfahren und ein äußerst angenehmes Gespräch gebraucht, um an das Rezept zu gelangen. Beim besten Willen also nichts, das das Vermeidungsverhalten rechtfertigen würde, das mich in diese Lage überhaupt erst gebracht hat.

Die Apotheke bekommt sie heute Nachmittag geliefert. Nachdem die völlig frustrierte Apothekarin mir erörtert hat, dass Großbritannien gerade brexitbedingt Medikamente hamstert sowie eine Starkstromleitung durch de Eurotunnel verlegt, um Strom aus Europa beziehen zu können, kann ich mich augenscheinlich glücklich schätzen, den Stoff überhaupt zu bekommen. Es wäre schon bitter gewesen, wenn zu allen fatalen Auswirkungen dieses politischen Desasters auch noch mein Suizid hinzugekommen wäre.

Nuja, erstmal abwarten, ob Escitalopram den entscheidenden Faktor darstellt, der meinen Geisteszustand wieder geraderückt.

Feelings, my old friends.

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Ich bin dann mal wieder da. Sogar schon seit Montag Mittag, aber ein unglücklicher Zusammenfall mehrerer erschwerender Umstände setzte mich nach meiner Rückkehr erstmal für ein paar Tage komplett außer Gefecht. Jetzt ist die Zeit gekommen, sich der Welt ein Mal mehr erhobenen Hauptes entgegenzustellen. Ich hab’s vorhin schon ausprobiert und es geht tatsächlich, sein Haupt hoch zu erheben, auch während man von escitalopramentzugsbedingten Heulattacken geplagt wird.

Mir sind meine Medis während des Urlaubs ausgegangen, was abzusehen war, aber dank meiner grenzenlosen Unfähigkeit habe ich es weder zuvor noch währenddessen geschafft, mir ein neues Fläschchen zu besorgen. Es hätte so einfach sein können… denn der Ausschleichprozess lief ganz hervorragend. Wirklich, ich hatte mich so schön vorsichtig auf drei Tropfen runtergearbeitet und dabei gar nichts gemerkt. Bis sie dann halt dann auf einmal überhaupt nicht mehr da waren.

Nun stehe ich vor dem Dilemma, dass ich einerseits ja wieder daheim bin und diesen Zustand im Nullkommanichts einfach beenden könnte, indem ich mir unten in der Praxis ein gowaiverdammtes Rezept beschaffe und mir meine drei Tropfen einflöße, dafür aber andererseits zu stur bin und selbst gefühlte dreißig Brainzaps pro Minute und die entsetzlichste emotionale Hölle nicht auszureichen scheinen, mich zu diesem banalen Schritt zu bewegen.

Es sind auch tatsächlich die körperlichen Nebenwirkungen – Matschkopf, Übelkeit und dergleichen mehr – schon größtenteils zurückgegangen, bis auf die Stromschläge eben, die ja aber auch im Grunde mehr nerven, als dass sie wirklich schaden. Auch meine Konzentrationsfähigkeit ist mittlerweile (glaube ich) wieder vorhanden.

Naja. Ich würde sagen, wir beobachten das jetzt nochmal ein paar Tage und richten uns danach, ob eine Besserung im psychischen Bereich zu beobachten ist. Der erste Schritt dafür ist getan, schließlich sah ich mich heute bereits in der Lage, eine To-Do-Liste zu schreiben, die Sonnenlichtlampe aus dem Schrank hervorzukramen und während des Frühstückens in Gebrauch zu nehmen (höchste Zeit für Licht bei diesem Dauerregen, der R zufolge seit meiner Wegfahrt anhielt und heute erstmals eine Pause einzulegen scheint) und kleine Dinge im Haushalt zu erledigen. Da Becci heute Nachmittag zu mir kommt, bin ich auch mehr oder weniger gezwungen, meine Liste zu befolgen, und kann nicht schon wieder beim Zocken versacken. Man wird sehen, wie gut das funktioniert.

Auferstanden aus Ruinen – Texte, Menschen.

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Noch gute zehn Seiten und ich bin fertig mit diesem Grottentext. Oh, wie ich Studenten mittlerweile verachte… zumindest diejenigen, deren Abschlussarbeiten ich praktisch neu schreiben darf, während sie im wahrsten Sinne die Credits dafür einheimsen. Worthülse für Worthülse fällt der unerbittlichen Zerstörungskraft meiner Delete-Taste zum Opfer. Satzruine um Satzruine baue ich um, werte ich auf, mache ich lesbar für Augen, die mindestens so empfindlich sind wie meine.

Das ist anstrengend, das ist frustrierend, das ist auch irgendwo einfach wahnsinnig ungerecht. Aber natürlich kann ich mich nicht beschweren – ich mache diese Arbeit gut, ich mache sie zumindest so gern, dass ich nicht dabei verkomme, und ich habe keine Alternative. Was ich habe, ist alle Flexibilität der Welt und – essenziell für mein Funktionieren in jeder Hinsicht – meine Selbstbestimmung. Und noch dazu, wenn das auch definitiv eine untergeordnete Rolle spielt bei dem Niveau, das diese Texte haben größtenteils, die Möglichkeit, in verschiedenste Themen Einblicke zu bekommen. Noch dazu – viel interessanter eigentlich – in die Leben und Köpfe verschiedenster Menschen.

Ja, im Großen und Ganzen will ich wirklich nicht meckern.

So nebenbei:

  • Basti ist Vater geworden; sein Sohn kam am 3. Mai auf die Welt. Alles gut soweit.
  • Ich hatte die letzte Woche über freundlichen Besuch von einer Blasenentzündung, die mittlerweile (ich hoffe!) kaum noch spürbar, aber auch noch nicht ganz verschwunden, in den allerletzten Zügen hängt.
  • Ich habe so absolut keine Lust auf diese Bolivienreise, aber ich weiß natürlich, dass sich das ändern wird, sobald ich sie antrete.
  • Ich werde zuvor zwei Tage in Konstanz verbringen, um Basti, Mats und Alina zu besuchen. Basti bringt mich von dort aus nach Frankfurt zum Flughafen.
  • Übermorgen bin ich ebenfalls in Frankfurt, ein Umstand, den ich gerne mal vergesse, weil alles, das nicht Gegenwart ist, momentan gnadenlos ausgeblendet wird. Aber es ist das Glen-Konzert in der alten Oper, zu dem ich mit Becci und Cornelia gehe, und ich sollte mich freuen. Freue dich gefälligst.
  • Nächste Woche treffe ich mich mit Caro, die auf Heimatbesuch nach Deutschland kommt, in Karlsruhe. Wir gehen im Hans im Glück essen und – tatsächlich – darauf freue ich mich. (Wahrscheinlich weil es weder genug Umstände macht noch – anders als das Glen-Konzert – nah genug bevorsteht, um Panik zu erwecken.)
  • R ist dem Programmierwahn in Gänze verfallen und stürzt sich praktisch auf den Computer, sobald er nach Hause kommt. Gleichzeitig gibt er sich allerdings alle erdenkliche Mühe, unser gemeinsames Leben dabei nicht zu vernachlässigen, und ich habe mich meinerseits daran gewöhnt. Es ist also nach und nach ein wunderbares Equilibrium entstanden, in dem sich alle Parteien wohlfühlen – zumindest empfinde ich das so.
  • Ich habe gemeinsam mit der Therapeutin beschlossen, die Medis herunterzudosieren, wenn ich aus Bolivien zurück bin. Davor habe ich Angst, aber ich bin fest überzeugt, dass es sein muss. Ich fühle mich, als hätte ich in der Therapie alles erreicht, was im Rahmen der Abschirmung durch die Medis möglich war – now let’s tackle the real issues.

Richtiger Kaffee

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Oh, diese Phrasen, die man einmal hört und dann ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Jeden Morgen beim Kaffeemachen. „El agua tiene que estar hirviendo.“ Das war Marta aus dem CRLP, die mit den Kollegen über die Kunst des richtigen Kaffees redete, während der Chorreador seine tägliche Arbeit verrichtete.

Jedes Mal beim Ausleeren von Flüssigkeit aus einem Behältnis. „No puedes ordeñar a un cartón de leche.“ Araceli in Málaga, die mich dabei beobachtete, wie ich noch den letzten Rest Milch aus der Packung zu schütteln versuchte – eine Angewohnheit, die ich bis dato nicht abgelegt habe.

Jedes Mal beim Blick auf die letzten Herbst containerten Zierpflanzen auf meiner Terrasse. „Kann man Stacheldra essen?“ Yannick, während wir die leicht verstümmelte Aufschrift auf den Töpfchen zu entziffern versuchten.

So vieles entzieht sich mittlerweile meiner Erinnerung, über weiten Teilen meiner Vergangenheit liegt dichter Nebel, mein Gedächtnis hat sich irgendwann zum Streik entschlossen oder lässt mich einfach nicht mehr teilhaben an allem, das es aufbewahrt. Und dazwischen diese random Schnipsel, die sich einfach eingebrannt haben.

Ich ziehe immer häufiger in Erwägung, die Medis herunterzudosieren, auch wenn ich mich davor fürchte, was unter dem Schleier liegt, und davor, wie es sich auf meine Funktionalität auswirken könnte. Aber ich kann es nicht ab, wie alles vorbeizieht, ohne wirklich zu mir durchzudringen. Ich kann nur diese Woche nicht damit anfangen, weil mein Therapietermin heute ausfiel und ich den Beistand der Therapeutin benötige.

Ich habe neulich ein Interview mit Bert McCracken gelesen, in dem unter Anderem darüber berichtet wird, wie einer seiner besten Freunde sich umbrachte, nachdem er eine Woche lang seine Medikamente nicht genommen hatte. Davor habe ich auch Angst. Aber ich halte mich für fähig genug, das zu vermeiden. Ich muss einfach dafür sorgen, dass noch Medis im Haus sind, sodass man zur Not direkt wieder damit anfangen kann. Und mit Leuten reden, um die eigene Wahrnehmung geradezurücken. Das ist das Allerwichtigste. Dazu muss man sich auch zwingen, wenn man gar keinen Sinn darin sieht. Gerade dann.

Aber genug davon. Ich muss arbeiten und Becci ruft mich irgendwann an, um unseren Urlaub zu besprechen, bzw. ob dieser stattfindet. Ich hoffe so halb, dass wir uns dagegen entscheiden, denn die Aussicht auf eine Reise überfordert mich und ich würde im Grunde gern daheim bleiben, sehen, wie sich meine Keimlinge entwickeln und ob sich demnächst eventuell doch mal sowas wie Frühlingswetter hier einstellt. Die zwei-drei warmen Tage vor einer gefühlten Ewigkeit waren trügerisch und habe nur dazu geführt, dass ich einen Teil der Pflanzen zu früh rausgestellt habe, welche im darauffolgenden Regeninferno teils von umfallenden Obelisken erschlagen und teils überwässert wurden. Oh, meine arme Paprika. Oh, meine arme Kurkuma.

Aber ich ziehe neue Zinnien, Wunderblumen, blühende Sträucher aus Martinique und Tomaten sowie ein paar Chilis heran, nicht weil ich unbedingt Chilis brauche (mein Vorrat reicht schon bis in die Unendlichkeit), sondern weil sie einfach so hübsch sind und irgendjemandem bestimmt eine Freude bereiten, wenn ich sie dann ernte. Und wer weiß – falls ich tatsächlich mal in die glückliche Lage komme, ein Gewächshaus um meine Behausung herum bauen zu können, können all diese Pflanzen dort einziehen.

Es ist tatsächlich ein Ding, Häuser im Gewächshaus. Ich habe dies R gegenüber bereits als mein neues Lebensziel deklariert und – welch angenehme Überraschung – er sagte, er würde liebend gern mit mir in ein Gewächshaus ziehen. Natürlich sagte er dies auch damals über mein Selbstversorgerprojekt, was ich ihm sogleich vorhielt, aber er entgegnete, dies sei ein realistischeres Ziel. Plus, es kommt mit so vielen Vorteilen: Heizkostenminimierung, effiziente Ausschöpfung aller Ressourcen inklusive Regenwasser und sogar Komposttoilette, wenn man es richtig macht. Solch ein Ding zu planen wäre ein Traum, darin würde ich aufgehen.

Nun rede ich erstmal mit Becci.

Blaue Katzen

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Himmels Willen, was ist denn hier passiert? Da ist man ein paar Wöchelchen nicht da und sie ändern im Backend einfach die Farben. Hat fast was von SchülerVZ, dieses Weiß-Rosa.

Nun gut, damit kann ich leben. Noch besser lebe ich allerdings, weil ich heute zum ersten Mal dieses Jahr, zwecks Therapeutentermin, das Haus verlassen habe und mir das gutgetan hat. Rauskommen ist generell immer ganz super, nur es bis dahin zu schaffen stellt eine enorme Hürde dar, der ich mich aktuell ganz gut entziehe. Aber ich hoffe, dass es bald wieder besser wird. Kann eigentlich nur.

Irgendeinen magischen Einfluss scheinen allerdings meine Therapiesitzungen auf das Finanzamt zu haben. Als ich heute wiederkam und den Briefkasten aufmachte, befand sich darin, man höre und staune – meine Umsatzsteueridentifikationsnummer. Genau wie das Schreiben mit der Aufforderung, mich beim Elster-Portal anzumelden, letztes Jahr auch an einem Donnerstag ins Haus geflattert kam, als ich schon ganz und gar überzeugt war, mich nochmal selbst beim Finanzamt melden zu müssen.

Somit kann ich nun also, vorausgesetzt, sie behalten mich bei Scribbr, das Geld, das ich mir dort erarbeite, auch tatsächlich ausgezahlt bekommen.

Mein Kalender kam auch heute an. Dies wird mein drittes Jahr als bekennende Paperblankssüchtige. Ein Glück fliegen diese kleinen Buchkalender bei Ebay nach Weihnachten überall herum. Ich habe dieses Mal einen mit blauen Katzen abgestaubt und würde mich nun daran freuen, wären denn meine Emotionen momentan für mich erreichbar.

Ich habe die Medis zurück auf 10 mg herunterdosiert, nachdem der erhoffte Motivationsschub auch auf der höheren Dosis ausblieb und mir dafür der klägliche Rest meiner Gefühlswelt auch noch abhandenkam. Dann doch lieber wieder nichts gebacken bekommen und dabei wenigstens ein schlechtes Gewissen haben, statt einfach nur stumpf vor mich hinzuexistieren und dabei, wenn überhaupt, höchstens noch weniger zu schaffen.

Gleich wird jedenfalls erstmal mit Caro geredet. R kommt spät wegen Solid. Donnerstags sollte die Pflege sozialer Kontakte zur Außenwelt ins Pflichtprogramm gehören – wenn ich denn eines hätte.

Mehr Medis

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Okay, okay, ich hab’s ja verstanden. Scribbr-Aufträge sofort annehmen, sonst verschwinden sie einfach. Auch wenn man einfach nur warten wollte, bis man wieder am Computer sitzt, um direkt damit anzufangen, nachdem man sie angenommen hat.

Oah. Das wirft meinen ganzen Tag durcheinander. Ich war nicht darauf vorbereitet, heute noch irgendetwas Anderes tun zu müssen. Natürlich will ich auch eigentlich nichts tun. Aber da ich nun keinen Scribbr-Auftrag mehr zu bearbeiten habe, fällt dafür die Legitimation weg.

Immerhin, es ist sehr sonnig heute. Ich sollte es also hinbekommen, mich im Bad fertig zu machen und zumindest kurz den Berg runter zur Apotheke zu fahren, um meinen Medi-Nachschub zu organisieren. Der mir dann nur noch zwei Monate hält, weil ich die Dosis auf anderthalb Tabletten à 10 mg am Tag erhöhe.

Ich bin ein bisschen skeptisch, was das betrifft. Einerseits fühle ich mich schon jetzt durch die Medis größtenteils zu abgekapselt von allen Emotionen, andererseits erhoffe ich mir von der höheren Dosis einen gehörigen Schub Motivation, den ich tatsächlich gut gebrauchen könnte. Ich schätze mal, wenn das Ergebnis nicht gut ausfällt, kann ich immer noch auf die ursprüngliche Dosierung zurückstufen.

Gut, dann nehme ich das mal in Angriff.

Kalter Truthahn

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Mir sind also tatsächlich die Medis ausgegangen: seit Donnerstag hänge ich auf dem Trockenen. Mit dem Abholschein für die Apotheke in der Tasche. Aber da ich es selbstverständlich hinbekommen habe, mir meinen Stoff bei der einzigen Apotheke stadtweit zu bestellen, die Samstag geschlossen war, wurde aus den eh schon suboptimalen zwei Tagen Pause dann einfach mal eine halbe Woche.

Ich bin erstaunt, auf der einen Seite, darüber, dass es mir mental nicht wirklich über die Maßen den Kopf zerschießt. Natürlich ist es spürbar, dass da etwas ganz und gar nicht so läuft, wie mein Hirn das gerne hätte, aber ich habe nicht den leisesten Anflug von Aggressionen zu spüren bekommen bisher, was ich vom letzten Entzug – dem glorios fehlgeschlagenen Absetzversuch 2014 – nun wirklich nicht behaupten kann. Und auch sonst lassen sich die psychischen Auswirkungen dieses ungeplanten Absetzens Nummer zwei so überhaupt gar nicht mit denen seines Vorgängers auf eine Stufe stellen. Außer dem einen Moment, wo R einen seiner beispiellosen ungerechtfertigten Ausraster geschoben hat und mir dieser weitaus mehr auf die Nieren ging, als es vermutlich sonst der Fall gewesen wäre, kam ich mir so gefestigt vor wie davor auch.

Weniger Gelassenheit beweist dagegen mein Körper. Wobei ich selbst in dem Bereich bis spät in diesen Nachmittag hinein noch der Meinung war, zur Not auch mal ein paar Wochen mit andauernden Brainzaps leben zu können, aber als es dann vorhin so absurd schlimm wurde, dass ich nicht mehr wusste, ob ich sterbenshungrig bin oder einfach kotzen muss, habe ich von der Idee, es vielleicht mit dem Absetzen nochmal durchzuziehen, dann doch wieder Abstand genommen. Genauer gesagt hatte ich keine Ahnung, wie ich morgen zur Apotheke kommen und mir das Zeug besorgen sollte. Stromschläge gepaart mit furchterregender Übelkeit und einer absoluten Bewegungsunfähigkeit plus das akute Bedürfnis, mich in Grund und Boden zu heulen, haben also bislang den widerlichsten Moment dieses Entzuges ausgemacht.

Zum Glück habe ich mich dann aber dazu durchringen können, R im Nebenzimmer anzurufen, wo er an seinem DJ-Set für die Hochzeit seines Kumpels Simon arbeitete, sodass er herauskam und mir was zu essen machte. Nach anfänglich verstärkter Übelkeit hat das auch tatsächlich geholfen. Ein Glück.

Ich habe nun ein paar Stunden gezockt, was ausgezeichnet funktioniert, weil man durch das Starren auf einen Punkt so wunderbar jede Augenbewegung vermeidet und somit auch die Brainzaps eine Pause einlegen. Jetzt gehe ich ins Bett und morgen, sobald ich aufwache, bereite ich dem Spuk ein Ende und begebe mich in die Stadt. Glaube ich mal. Außer natürlich, es wird morgen auf wundersame Weise ein ganzes Stück erträglicher.

18 Liter Rhinozerus

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So. Produktiv ist zwar was Anderes, aber ich habe immerhin

  • das Formular für die Verzichtserklärung an meinen alten Handyanbieter geschickt
  • die Bestellung für meinen Handyvertrag ein zweites Mal ausgeführt, nachdem die erste schon zu lange her war und inzwischen ohne mein Zutun wieder storniert wurde
  • einen Dörrautomat voller Rosinen-to-be im Bad laufen
  • eine Monster-Massenbestellung Rhino’s Energy Drink für R getätigt (nach erneuter gründlicher Recherche über dessen Inhaltsstoffe, bis ich zu dem Schluss kam, dass er auch definitiv vegan ist) – jetzt muss ich nicht mehr mit ansehen, wie er sein Geld für  unökologische 250-ml-Dosen Red Bull zum Fenster rausschmeißt
  • ein Poster und zwei Hanf-Raumduft-Anhänger zu Free your Stuff gestellt.

Deshalb verleibe ich mir den Red Bull aus R’s Arbeitsvorrat mit halbwegs erträglichem Gewissen ein (plus, ich habe ihn vorher gefragt) und harre der Dinge, die da nun noch kommen. Eine Sache muss ich noch für die Uni erledigen – wollte ich seit Tagen tun, aber meine Güte, es ist so überflüssig.

R hat sich wieder hochdiszipliniert um sein Papierchaos gekümmert, wie er es seit Wochen an freien Tagen zu tun pflegt – zehn Jahre Messiedasein ist er am Aufarbeiten; ich bin unsagbar froh darüber und mache mir gleichzeitig so meine Gedanken über diese neue Rollenverteilung, die sich hier so ergeben hat. Es ist ungewohnt und ein wenig besorgniserregend, um halb zwölf Uhr aufzustehen und einen seit Stunden aktiv seinen Kram sortiert habenden R anzutreffen, der einem verkündet, alle grundlegenden Bestandteile für ein leckeres Frühstück seien vorbereitet in der Küche vorzufinden. Kaffeewasser sei warm, meine Tasse schon mit allen Zutaten gefüllt neben der Mikrowelle und er würde mir nur noch die Schichtarbeit überlassen.

Also schichtete ich Tomaten, Salat, Gurken, Salami und Rührei auf Brote und fertig war das Frühstück. Wir waren gestern zusammen containern, und ein Glück war ich nicht allein, die Ausbeute war wieder derart übertrieben, dass wir schon zu zweit bedauerlich viel zurücklassen mussten. Aber unsere kombinierten Kapazitäten reichten immerhin aus für drei enorme Eimer Sahnesauce mit Äpfeln und Zwiebeln, Kartoffel- und Nudelsalat sowie acht 1-l-Packungen „Schlemmer-Rührei“, eine Tüte geraspelten Rotkohl und etliche Minipackungen Sojasahne. So muss das laufen; ich bin entzückt.

Oder sollte entzückt sein; zu unverfälschten emotionalen Reaktionen sehe ich mich medi-induziert wieder mal nicht in der Lage. Ich bin am Überlegen, einen Absetzversuch mit begleitender Therapie zu starten. Überweisung und zwei Empfehlungen für taugliche Therapeutinnen hätte ich ja sogar bereits. Hm. Ich werde nochmal drüber nachdenken.

Jetzt noch eine Runde zocken. Wieso auch nicht.

Leben! Ja! (Happy holidays.)

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Ich habe das Gefühl, ich wache auf. Ich merke es an allen möglichen Ecken und Enden, vor allem daran, dass ich den Dingen wieder ins Auge sehen kann.

Ich möchte mein Aufwachen gar nicht so sehr zelebrieren, wie ich es tue, denn natürlich weiß ich nicht, wie lange es diesmal anhält. Aber wenn es nun einmal das erhebendste Gefühl der Welt ist…Yes, meine Gefühle sind wieder da!

Ich habe eine Hunderterpackung Escitalopramtabletten in meiner Tasche. Neunundneunzig sind noch drin. Dieser riesige Stein, der mir damit vom Herzen fällt. Dazu bekam ich von der überaus freundlichen Psychiaterin auf meine Nachfrage hin zwei Empfehlungen für Psychotherapeuten, bzw. -innen, deren Art der Interaktion mit dem Patienten sich (ich habe mich vergewissert) grundlegend von der meiner damaligen Therapeutin unterscheidet, und eine entsprechende Überweisung noch dazu, und eine neue Diagnose: Ich habe mich dieser zufolge von mittelschwerer zu leichter Depression hochgearbeitet, oder besser gesagt: wurde von den Medis dorthin hochgeschaukelt. Jetzt kann ich mir überlegen, ob (und ich hätte fast Lust darauf) ich an den verbleibenden meiner Mängel nochmals im Zuge einer Therapie versuchen möchte zu arbeiten. Auch wenn es mir, wie ich heute der Psychiaterin auch sagte, im Vergleich zu Prä-Medi-Zeiten ja wirklich um solche Welten besser geht, dass ich kaum wage, mich zu beschweren.

Ich habe eine feste Verabredung mit R, heute Abend Regale anzubringen. Das wird mir guttun, denn jedes wieder angebrachte Regal bedeutet natürlich den Einzug von einem Funken mehr Ordnung auf unsere Baustelle. R ist unheimlich genervt von meinen einrichterischen Unternehmungen (Marke Hochbett und damit verbundene Umräumaktionen). Ich habe versucht, ihm begreiflich zu machen, dass es mir damit kaum besser geht, was zwar paradox erscheinen mag bei der Häufigkeit, mit der diese bei mir auftreten, doch (wie ich hoffe) verständlicher, wenn ich Caros einstige Feststellung anbringe, ich würde einfach sehr viel auf mich nehmen, um ein gewisses Resultat zu erzielen (damals ging es um die Mengen an Essen, mit denen ich mich foodsharerischerweise abgeschleppt habe, vor denen Andere vermutlich kapituliert hätten).

Ich habe mich, wo ich schon beim Thema bin, auch zum ersten Mal im Leben auf foodsharing.de selbst in ein Abholteam eingetragen. Wir haben in Konstanz nie wirklich mit der Website gearbeitet und alles über Facebook und Google organisiert, sodass ich selbst als Betriebsverantwortliche bisher mit der Seite nichts zu tun hatte. Ich mochte die Organisation in Konstanz wesentlich lieber, aber ich schätze, es macht schon Sinn, die Seite zu nutzen, wenn man in einer Stadt von doppelt so großer Bevölkerung agiert. Irgendwann kann man eben nicht mehr alles zentral organisieren. Was ich extrem schade finde, aber okay.

Ich habe meine Katze auf dem Bauch liegen, zwischen mir und dem Computer, und höre sie ganz leise schnurren. Sie ist eine komische Katze, deren Schnurren man kaum je zu hören bekommt, obwohl die Vibrationen häufig zu spüren sind, wenn man sie streichelt. Und ab und an, wenn sich ihr Schnurren doch einmal auf eine für menschliche Ohren wahrnehmbare Lautstärke heraufschraubt, alle Jubeljahre mal, ertönt eine Art verstopftes Geräusch, das mich immer denken lässt, dass ihre Schnurrkanäle Aktivität dieser Klasse kaum gewohnt sind und zwischendurch einrosten.

Ich werde von Kommilitoninnen gefragt, ob ich mit in die Mensa komme, mehrmals, und eingeladen, sie nach der Uni zu begleiten – wie heute -, um eine weitere Kommilitonin vom Probearbeiten im um die Ecke gelegenen Café abzuholen und bei der Gelegenheit selbst noch einen Kaffee zu trinken. Das hört sich so unheimlich selbstverständlich an, aber auf der Radfahrt bis zur Bushaltestelle wurde mir wieder einmal klar, wie undenkbar es noch vor wenigen Jahren gewesen wäre, diese Art Leben zu führen. Und so bin ich wieder dankbar, obwohl es grau draußen ist, und kann, wenn mich jemand fragt, wie lange ich denn schon lebe, so wie es Kepa neulich tat, ohne Zweifel und mit gutem Gewissen antworten, dass es schon vier ganze Jahre sind.

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