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Ist der Ruf erst ruiniert…

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…muss man auch nicht mehr jeden Tag Blog schreiben.

Wäre ja auch zu merkwürdig gewesen, wenn ich das geschafft hätte.

Jetzt weiß ich nicht mal mehr, was der Stand war, als ich zuletzt berichtete. Aber ich kann es mir ungefähr denken.

Seither wohnt Jana bei mir; ja, ich schätze, dass der Abend, an dem sie hierblieb, derjenige gewesen sein dürfte, an dem ich zu berichten aufgehört habe. Dienstag war’s, glaube ich, genau der Tag meiner letzten Therapiesitzung, bevor die Therapeutin Osterpause machte.

Ich habe wieder mit Arbeiten angefangen. Ironischerweise war es R, der mir den Auftrag vermittelte, welcher dazu führte (er wandte sich dafür an Jana, nicht etwa an mich); es handelt sich um die Doktorarbeit von Vidulas bester Freundin, die ich nun (in direkter Kommunikation mit dieser) kapitelweise durchgehe. Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können, denn nicht nur ist meine Auftraggeberin eine äußerst liebe Kundin, sondern die persönliche Natur des Auftrags macht mir das Herangehen an die Arbeit um einiges leichter, als dies ein Scribbr-Auftrag täte.

Zudem hat William über Facebook nach Hilfe beim Transkribieren von Interviews für seinen Podcast gefragt, wofür ich mich auch einfach mal gemeldet habe. Er ist sehr dankbar und hat mir zudem angeboten, mit mir zu reden, wenn ich das möchte.

Ostern haben wir mit Yannick und Fredi Hasen gegessen. Den, der seit Ewigkeiten eine ganze Gefrierschrankschublade blockiert hatte und den R und ich eigentlich schon zu diversen Gelegenheiten gemacht haben wollten, wozu es dann allerdings nie kam, und den, der aufgrund von Platzmangel noch bei Yannick für uns (beziehungsweise dann mich) zwischengelagert gewesen war. Zudem fahren wir regelmäßig auf Essenssuche – ich scheine die für Hamstern und Nachhaltigkeit nicht unempfängliche Jana zumindest für die Dauer ihres Hierseins erfolgreich angefixt zu haben.

Den Rest der Zeit verbringe ich auf der Terrasse (welche mittlerweile beinahe vollständig hergerichtet und mit zum Teil bereits in Blütenpracht erstrahlenden Gewächsen bestückt ist), auf dem Sofa oder im Bett. Die 15-mg-Dosis Medis hat nicht nur mein unmittelbares Fortbestehen gewährleistet und mein Gefühlsspektrum verlässlich abgestumpft, sondern auch mein Schlafbedürfnis wieder auf unvermeidliche 11 Stunden ausgeweitet. Ich bin schon wieder dabei, auf 10 mg herunterzustufen. Wobei ich nicht sicher bin, inwieweit ich dahingehend alles richtig mache, da ich mich über den Tag hinweg meistens zwar verhältnismäßig sicher fühle, abends jedoch seit mindestens einer Woche regelmäßig so krasse suizidale Anwandlungen erlebe, dass (ich bin mir relativ sicher) allein die Tatsache, dass ich genug Anstand besitze, um nicht Jana, die – wie es gestern der Fall war und heute wieder ist – zum Arbeiten nach Hause gefahren ist und zum Schlafen wiederkommt, mit dem unschönen Anblick einer (vermutlich vollgekotzten) Trimipraminleiche zu konfrontieren, mich davon abhielt, diesen nachzugeben. Jana kann ich das nicht antun; niemandem, der eben erst seine Mutter an Krankheit und seinen Bruder an Selbstmord verloren hat und in drei Wochen mit seiner Doktorarbeit fertig sein muss, kann man das zumuten. So viel Anstand habe ich.

Aber ich habe mich schon geärgert, ich war genervt, richtig wütend, wenn man’s genau nimmt, darüber, dass mir das verwehrt blieb, und ich kann nicht behaupten, im Nachhinein sonderlich dankbar dafür zu sein, auch wenn die Zeitspannen, in denen ich wohl tatsächlich akut gefährdet wäre, völlig am Rad zu drehen und etwas Derartiges durchzuziehen, immer recht kurz sind. Aber wirklich Sinn macht meine Existenz halt auch in den übrigen Momenten nicht. Von einem Tag zum nächsten leben kann ich noch (oder eher wieder), ich mache genug schöne Dinge jeden Tag, Pflanzen pflegen, Euskera lernen, containern, Katze bedienen, tolle Sachen essen, mit Menschen reden, Nägel lackieren, so Sachen, aber eine Zukunft sehe ich nicht, das nicht, zumindest keine, in der ich gerne sein möchte.

What I Tell Myself

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Statt Einweihungsparty gehe ich nachher mit Becci eine Runde auf Essenssuche. Zu diesem Zweck hat sie sich gerade für einen Abendschlaf zurückgezogen und mich somit befähigt, meinen Eintrag heute trotz Besuch ganz stressfrei zu verfassen.

Es fällt mir immer schwerer, morgens aufzuwachen. Ich sollte schleunigst zumindest auf 10 mg Escitalopram herunterdosieren, um dem entgegenzuwirken. Andererseits möchte ich der Ärztin nach der Katastrophe neulich in absehbarer Zeit nicht nochmal begegnen, solange es sich irgendwie vermeiden lässt, und da ich eh nur 50 Tabletten à 15 mg bekommen hatte, wird dieser Moment der Unvermeidbarkeit früh genug eintreten.

Etwas anderes, das ich demnächst mal wieder in Erwägung ziehen könnte, ist Arbeiten. Zumindest einen kleinen Auftrag zu schaffen wäre erfreulich, da ich vorhin in bester Hamstermanier diverse Ebay-Anfragen für enorme Mengen Zitronensäure, Waschsoda und Kernseife rausgeschickt habe, um mein eigenes Geschirrspülmittel zusammenmischen zu können. Das war eine der Nachhaltigkeitsbaustellen, die noch anstanden, und aus unerfindlichen Gründen habe ich heute beschlossen, dass das geändert werden muss. Keine Tabs in Plastik mehr, nie wieder. (Warum es bei uns im Kaufland kein loses Pulver gibt, hat sich mir nie erschlossen, aber von nun an kann es mir auch egal sein.)

Beccis Bereitschaft, mit mir containern zu fahren, tut einfach nur gut. Zwar ist sie nicht selbst fähig, mich in irgendeiner Weise zu Aktivität anzustacheln, aber meine eigenen Versuche unterstützt sie. Das hilft auch. Und ihre nicht vorhandene Erwartungshaltung hilft. Und ihre Akzeptanz hilft. Was meiner Mutter nicht gelingen konnte, weil all ihre empathischen Fähigkeiten im Kontakt mit mir verpuffen, das kompensiert Becci mit ihrem grenzenlosen Verständnis.

Sie hat mir ein Rollregal mitgebracht, das Cornelia zu ihr abgeschoben hatte und welches sie selbst nicht brauchte. Für mich dagegen ist es perfekt, da größer und schöner als das (zugegeben gerade erst von Mama mit unverhohlener Abscheu akribisch gesäuberte) Sperrmüllteil, das bisher in meiner Küche steht. Ich könnte mich gerade schonmal aufmachen und den Wechsel vollziehen. Und dann etwas zu essen machen, einen Salat zum Beispiel; Mama hatte Feldsalat mitgebracht und er ist immer noch im Kühlschrank. Und was mit Kartoffeln. Ein Curry. Wuhu, ich gehe Curry machen. Wow, wie tatkräftig ich auf einmal bin. Irre müde, aber tatkräftig.

Sollen sie alle ohne mich feiern. Ich hätte eh nur wieder rumgesessen, mir die Zeit mit Essen und Biertrinken vertrieben und mich unbedeutend gefühlt, während endlos Solid-Angelegenheiten durchgekaut werden, die mich nicht jucken, weil nie jemand auf die Idee kam, mich in diese Sache irgendwie einzugliedern.

Zumindest sage ich mir das so.

Ich geh Regale umräumen.

(Ya voy a buscar qué hacer conmigo)

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Ich bin ruhig. Ich weine nicht mehr, solange ich nicht darüber rede. Ich bringe die Konzentration dafür auf, mir Serien anzuschauen, und kann abends sogar die ein oder andere Seite lesen. Ich versorge die Katze und mich selbst mit regelmäßigen Mahlzeiten. Großartige Menschen um mich herum haben mich wissen lassen, dass ich nicht alleine bin. Die Medis wirken (und die Müdigkeit sowie die gelegentlich auftretenden dumpfen Kopfschmerzen, die sie mir verursachen, sind dafür ein zu vernachlässigender Preis).

Mike kommt morgen zu mir. Bis dahin plane ich geduscht zu haben, die Wohnung soll gesaugt und das Katzenklo gereinigt sein. Nicht übel, wenn ich das alles schaffe.

Freitag gehe ich hoch zu Marketa. Sie hat mich wieder einmal mit einem Übersetzungs-Schrägstrich-Dolmetsch-Job betraut. Ich soll sie und Mark am Dienstag zum Notar begleiten und die Vorlesung ihres Testaments simultandolmetschen – nur gut, dass ich das Dokument vorher schon bekomme. Das können wir bei der Gelegenheit durchgehen. Ich bin (wieder einmal) zutiefst gerührt in Angesicht des Vertrauens, das sie mir entgegenbringen.

Am Samstag kommt schon Mama und bleibt bis Dienstag. Dann muss ich nur bis Ende nächster Woche überleben, wenn Becci an der Reihe ist, mich mit ihrem Besuch zu beehren. Aber irgendwann wollte ja auch Undine sich noch auf ein Teechen zu mir gesellen. Das wird machbar.

Und auch das Für-mich-selbst-leben sollte ich irgendwann erlernen. Dass das in meinem bisherigen Dasein nie so gut hingehauen hat, muss ja nicht bedeuten, dass ich es nicht doch noch schaffen kann. Was für ein Meilenstein das wäre, um sowohl allein als auch in Beziehungen um so Vieles zufriedener sein zu können.

Die Panik, mit der ich Tag für Tag aufwache, zeigt, dass ich bis dahin noch einen langen Weg vor mir habe.

Ich wünschte, es wäre einfach vorüber. Zu 95 Prozent bin ich mir so oder so sicher, wie dieses Desaster enden wird. Nur kann ich es mir nicht eingestehen, bis er es mir nicht selbst verkündet. Diese Ungerechtigkeit. Warum kann er es nicht selbst schon wissen. Warum fällt mir die undankbare Aufgabe zu, mich Stück für Stück für Stück aus diesem Abgrund zu kämpfen, um am Ende erneut hineinzufallen – alles, weil er sich selbst nicht gut genug kennt.

Oder ist das nur der Selbstschutz-Pessimismus, der mich vor falscher Hoffnung bewahren möchte?

Wie soll ich das noch durchblicken? Jede Selbstreflektion hat ihre Grenzen; gegen das Unbewusste ist sie machtlos.

Ich muss aufhören zu denken. Das tut weh und stört meine Abendruhe. Morgen Früh um sieben wird es von alleine wieder zu rotieren anfangen.

On a positive note:

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Der zweite ohne Hammerdroge überstandene Tag neigt sich dem Ende zu. So rapide sogar, dass mir kaum Zeit für den obligatorischen Eintrag bleibt. Also beeile ich mich und schreibe drauf los, ohne zu denken.

Denken ist eh schwierig, da ich durchgehend müde bin. Ich dachte zuerst, dass es eine Nachwirkung der Trimipramin-Tropfen wäre, aber in Wirklichkeit macht sich hier wohl das hochdosierte Escitalopram wieder bemerkbar. Das kennt man ja schon; nur gut, dass ich diesmal nicht in der Uni einschlafen muss, während es sein Werk verrichtet.

Heute sind schöne Dinge passiert, auch wenn der Morgen von Panik geprägt war, die sich auch durch Beta-Blocker nicht vertreiben ließ – eine weitere Ursache der Übermüdung. Zum einen habe ich gerade zwei Stunden mit Tese geredet, die wirklich ein Goldschatz ist. Und zum anderen klingelte heute Nachmittag Marketa bei mir (die bei einem Zusammentreffen mit R in der Waschküche vor dessen Auszug über die Umstände informiert worden war) – um mich zu meiner Entscheidung, meinem Mut und meinem Selbstrespekt zu beglückwünschen. Das Gespräch begann folgendermaßen:

„Hi. Is R here?“

„No. He moved out.“

„Good.“

Dann kamen die Glückwünsche. Auf diese folgte eine ehrliche Einladung, ich solle vorbeikommen, wenn ich möchte.

Sie sagte, sie hätte mir einen Blumenstrauß bringen wollen, dann aber in der Befürchtung, R könnte noch in der Wohnung sein, die Tür öffnen und einen awkward Moment verursachen, davon abgesehen.

Ich war völlig überwältigt von dieser Begebenheit. Wie vor ein paar Tagen (Wochen? Zeitgefühl, Zeitgefühl, azal zaitez), glaube ich, bereits erwähnt, hatte ich selbst in Erwägung gezogen, mich ab und an bei ihr zwischenzulagern, um im schlimmsten Wirbelsturm eine Seele um mich zu haben, die das mir Geschehende begreifen kann. Natürlich habe ich diesen Gedanken verworfen; als würde ich mich je so aufdrängen können. Nun aber hat sie es selbst angeboten und ich gedenke darauf einzugehen.

Und wieder würde ich am liebsten für immer wach bleiben. I don’t want to lose my memory. I don’t want to lose my sanity. And yet, alas, I will.

20 Grad draußen. Eiskalt drinnen.

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Nein, oh nein, genau so sollte es nicht laufen.

Ich kann mich nicht zusammennehmen, mir fehlt die Kraft dafür. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass mit jeder Minute Nervenkoller, die ich R von mir miterleben lasse, dieser zunehmend genervt und alles nur immer schlimmer wird. Laut meiner Mutter ist allen Männern diese Eigenschaft gemein, „egal, was sie einem zufügen, man soll immer lächeln.“

Ich habe mir nach dem Aufwachen eine 5-mg-Escitalopramtablette einverleibt und dabei nur umso unkontrollierter geheult, weil mein stets auf der Suche nach zugrundeliegenden Prinzipien befindliches Hirn in diesem Akt der Resignation das erneut verlorene halbe Jahr Ausschleich- und fünf verlorene Jahre Beziehungsarbeit mit allen in deren Rahmen errungenen Fortschritten und erlittenen Rückschlägen gleichermaßen betrauerte.

Wenn ich nur wüsste, wie ich es anstellen soll, dass R für seine Entscheidungsfindung nicht dieses Kollabieren von mir, sondern die Person in Erinnerung behält, die ich bis Dienstag in den letzten fünf Jahren häufig war und ansonsten zu sein versucht habe. Ich bin zu schwach, um einfach wegzugehen, damit er keine Chance hat, mich bis zum Monatsende weiter so zu erleben. Ich bin auch zu schwach, um mich gefasst zu geben. Ich versuche es immer wieder, aber es gelingt mir kaum. Ich kann nur immer ein Stückchen des Elends für mich behalten, das sich in mir festgesetzt hat, nie aber das ganze. Ich bin ein unfassbar schwacher Mensch, den seine Emotionen hin- und herschleudern ohne jegliche Handhabe.

Achievements

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Errungenschaft des Tages: ich habe eben meinen Scribbr-Account wieder aktiviert.

Ansonsten ist mir nicht wirklich etwas passiert. Nachdem gestern die sozialen Kontakte noch weiter aus allen Löchern gekrochen kamen (ich habe abends noch zwei Stunden mit Simone telefoniert sowie ein bisschen mit R und dann auch noch die Motivation aufgebracht, auf Sebis Frage nach meinem Befinden zu reagieren), war heute wieder Netflix meine treue Gesellschaft.

Ich habe den zweiten Tag in Folge lediglich einen einzigen Tropfen Medi zu mir genommen und spüre gar nichts, weder körperliche Entzugserscheinungen noch gesteigertes mentales Unwohlsein. Das hätte ich noch vor einer Woche nicht erwartet. Vielleicht kann ich es doch tatsächlich schaffen, irgendwann auf null runterzukommen. Aber selbst wenn nicht, ist es schon mal ein beachtlicher Fortschritt, mich auf so eine Erhaltungsdosis von einem Milligramm heruntergearbeitet zu haben. Und eine glückliche Fügung, dass ich vollkommen allein hier vor mich hinexistiere, ohne dass mich irgendetwas aus der Bahn werfen könnte. Noch nicht mal ich selbst werde mir sonderlich gefährlich, da die zentralen Verdrängungsmechanismen über weite Strecken nach wie vor funktional sind. Alles, was ich schaffen muss, ist, den ein oder anderen Aussetzer zu überleben, bis ich soweit bin, den Dingen kampfbereit entgegenzutreten.

Ein Tropfen.

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Ich habe vier Stunden mit Becci telefoniert. Das war wirklich notwendig, denn es standen einige Sachen aus und wir haben sie alle abgedeckt. Und dann noch ein paar Dutzend Sachen, die sich gerade so anboten. Und dann Sachen vom Anfang des Gesprächs, weil man vergessen hatte, dass die bereits erzählt waren.

Wie notwendig das war, wird ersichtlich, wenn man sich überlegt, dass die ersten Schritte im Entsumpfungsprozess dort (hin) verrichtet werden sollten, wo man am ehesten den festen Boden erkennen kann. Heute mit Becci zu reden, mich dabei zu vergewissern, dass es sie tatsächlich gibt, und dazu noch überhaupt erstmal konkret zu benennen, wie ich meine Situation gerade wahrnehme, war abgesehen von einfachsten Disziplinübungen, wie man sie alleine im Haushalt durchführen kann, zwingend der erste naheliegende Schritt.

Anschließend an das Telefonat konnte ich gleich noch einmal so etwas wie Disziplin aufbringen, indem ich mir die Mühe gemacht habe, mit Süßkartoffeln, Linsen und Aubergine ein Curry zuzubereiten, statt (wie eigentlich noch beim Gang in die Küche angedacht, und diese ist, Wohnküche sei Dank, vom Sofa ganze zwei Meter entfernt) den Tiefkühlpizza-Joker zu spielen. Das Curry blubbert nun im Topf vor sich hin und ich freue mich sehr darauf, es in Bälde zu konsumieren, weil ich schon länger einen tierischen Hunger habe.

Ich gehe mal schauen, wie es um die Linsen bestellt ist.

Nahi izateko borondatea

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Zwei Dinge habe ich gerade zum (teils zermürbend häufig) wiederholten Male festgestellt:

  1. Oh ja, ich merke die (nur noch) zwei Tropfen. Und
  2. Es ist unfassbar anstrengend, kognitiv-rational weiter entwickelt zu sein als auf der emotionalen Ebene.

Und daran, wie ich (dankenswerterweise erst nachdem er aus dem Zimmer entschwunden war) vor Enttäuschung und grenzenlosem Ohnmachtsgefühl gerade bitterlich geheult habe, als mir R auf mein Nachfragen hin endgültig die Fruchtlosigkeit auch dieses Versuches offenbarte, das Rauchen aufzugeben, erkenne ich neben den beschriebenen Tatsachen  1 und 2 vor allem eins: Sollte ich mal Mutter sein, dann werde ich ein beispielhaftes Exemplar der Sorte, die dem Kind, wenn es fragt, ob man sauer ist, aus Bambi-Augen anstarrt und mit dramatisch tonloser Stimme antwortet: „Nein. Nur traurig.“

Dieses tiefsitzende Bedürfnis, mir Nahestehende zu ihrem (vermeintlich) Besten zu kontrollieren – 1:1 von meiner eigenen Mutter übernommen – wäre allerdings, zumindest sehe ich das so, gegenüber dem eigenen Nachwuchs noch weitaus unproblematischer als in einer Partnerschaft zweier (angeblich) Erwachsener. Ich schaue mich hier von außen an und denke mir, um Himmels Willen, woman, get a hold of yourself. Ach, wie es mich aufregt, dass ich mich so fühle.

Und wie es mich aufregt, dass er einfach nicht die Willenskraft aufbringt, noch nichtmal die, es wirklich zu wollen. Borondate, borondate. Azal zaitez.

Unerhört…

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Das Bier hat mich angelogen. Ich habe am Nachmittag meine Welde-Flasche gefragt, ob ich im weiteren Verlauf des Tages noch motiviert werden würde, einen Blogeintrag zu schreiben, und der Deckel hat ‚ja‘ gesagt.

So ein Quatsch. Ich bin nicht motiviert, sondern müde und furchterfüllt angesichts der Tatsache, dass ich morgen früh aufwachen muss. Ein Glück ist der Kaffee schon fertig.

Und ich freue mich darauf, mit der Therapeutin zu reden. Meine Medi-Ausschleich-Aktion verläuft weiterhin erfolgreich, aber ich kann nicht behaupten, dass die mittlerweile 80-prozentige Reduzierung der Dosis sich nicht ab und an bemerkbar macht. Da jemanden zu haben, mit dem man sich kurzschließen kann, ist mir schon enorm wichtig.

Also dann, ich sollte schlafen gehen.

Stabilized (but stagnating)

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Schon besser. Ich kann nicht behaupten, dass es mir blendend geht, aber sofern hier nichts mehr eskaliert, dürfte das Gröbste überstanden sein.

Ich werde dennoch nicht an Beccis und Cornelias Holland-Trip dieses Wochenende teilnehmen, wie es eigentlich geplant war. Weder kreislauftechnisch noch mental würde ich eine Unternehmung von diesen Dimensionen verkraften. (Auch wenn es gepasst hätte, denn als ich Tim Vantol zum ersten Mal gesehen habe, war es um meinen Geisteszustand ähnlich bestellt. Das war auch der Grund, aus dem ich mir damals nach dem Konzert keine CD gekauft habe. Wozu, dachte ich mir, wenn ich’s eh nicht mehr lange mache.)

Becci, die gute Seele, sagte auf meine Frage hin, wie viel ich ihr für Ticket und Übernachtung schulde, es sei nicht der Rede wert und ich sollte nicht für meine gegenwärtige Situation auch noch bezahlen müssen.

Und meine Mutter, mit der ich gestern telefoniert habe, ist zwar aktuell noch auf Sri Lanka, sagte mir aber, ich hätte sie trotzdem wirklich mal anrufen können, als hier Land unter war, sie könne in 20 Stunden bei mir sein. Awww. (Wobei es bei ihr schon genügt hat, ihr zu erzählen, dass sich R während meines Entzugs nicht gerade um Unterstützung und Rücksicht bemüht hat, ohne auf Einzelheiten einzugehen.)

As for me… ich warte erstmal ab, bis sich mein Hormonhaushalt wieder einpendelt. Latente Panik ist nach wie vor da, aber nichts im Vergleich zum Wochenende. Derweil höre ich mir von der Therapeutin an, dass ich meine Prinzipien zum Fenster rausschmeiße, wenn ich nicht vehement ablehne, mich mit R’s Polyamorie auseinanderzusetzen, und beobachte dessen unbeholfene Versuche, meiner Kritik gemäß seine Egomanie zu drosseln.

Bislang scheint Letzteres allerdings aussichtslos. Siehe dazu gestern Abend: ich hatte Musik an, während ich in der Küche tätig war, und das Album lief noch, als er zum Essen kam. Er gab sich Mühe und fragte, welches Album wir hören würden. Es war What Seperates Me From You von A Day to Remember. Da er bemängelt, ich würde ja aber auch von mir aus nichts erzählen, fasste ich mir ein Herz und schilderte ihm, wie mich You Be Tails, I’ll Be Sonic damals mit seiner Genialität überwältigt hat, als ich die Band kennenlernte. Von zwei zehennägelkringelnd, nackenhaaresträubend konstruierten Rückfragen seinerseits fühlte ich mich nichtsdestotrotz ermutigt, man könnte fast sagen, verpflichtet, weitere Informationen preiszugeben. Also erzählte ich vom Konzert 2011, und dass dort auch mein T-Shirt mit einer besagtem Lied entstammenden Zeile herkommt, und schließlich sogar von der abstrusen Kombination, die mein Shirt („There’s a hole in my heart where you used to be“) und Şahins Wristband („Get the fuck over it“, 2nd Sucks) hermachten. Er reagierte daraufhin, and I shit you not, mit einer ausschweifenden Erörterung, welche zum Inhalt hatte, dass der Grund, aus dem er gleich zurück an den Rechner müsse, sei, dass auf der GUI, die er gerade programmiert, sich das Relief nicht mehr ausschalten lasse. Irgendwann unterbrach ich ihn, indem ich andeutete, zum Himmel zu beten, und flehte, „please be going somewhere with this“. Er war daraufhin beleidigt.

Sonntag Früh entdeckte ich einen drastisch reduzierten Udemy-Kurs zu kognitiver Verhaltenstherapie, dessen Beschreibung mich neugierig machte und mir den Eindruck verlieh, eine derartige Maßnahme könnte uns helfen, eine gewisse Basis an gegenseitigem Verständnis und gleichzeitig eine Erweiterung unser beider Horizonte zu erreichen, insbesondere in Hinblick darauf, dass ein konstruktives Auseinandersetzen mit der Thematik der Polyamorie mir in meinem aktuellen Mindset nicht oder kaum möglich ist. Ich sagte ihm dies und schlug vor, den Kurs herunterladen und gemeinsam anzusehen. Er stimmte dem zu. Als er dann feststellte, dass es sich um 53 Stunden Material handelt, war er schon weniger begeistert. Ich hatte gleichzeitig einen weiteren Kurs gefunden, der beim Umgang mit Konflikten helfen soll. Dieser dauert nur eine Dreiviertelstunde und wir haben uns die erste Session davon tatsächlich schon angeschaut. Leider ist der Dozent grottig, aber R war nicht der Meinung und ich nehme, was ich kriegen kann. Nach zehn Minuten war sein Kontingent an emotionaler Arbeitskraft jedoch erschöpft; seither macht er keine Anstalten, an einem der Kurse weiterarbeiten zu wollen, und ich darf weiter in Panik vor mich hinexistieren; diese wird bleiben, bis entweder Verdrängung oder Veränderung eintritt. Wenn er die Zeit oder den Aufwand nicht aufbringen möchte, für Letzteres zu arbeiten, kann ich nur zurück in Ersteres flüchten.