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Auferstanden aus Ruinen – Texte, Menschen.

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Noch gute zehn Seiten und ich bin fertig mit diesem Grottentext. Oh, wie ich Studenten mittlerweile verachte… zumindest diejenigen, deren Abschlussarbeiten ich praktisch neu schreiben darf, während sie im wahrsten Sinne die Credits dafür einheimsen. Worthülse für Worthülse fällt der unerbittlichen Zerstörungskraft meiner Delete-Taste zum Opfer. Satzruine um Satzruine baue ich um, werte ich auf, mache ich lesbar für Augen, die mindestens so empfindlich sind wie meine.

Das ist anstrengend, das ist frustrierend, das ist auch irgendwo einfach wahnsinnig ungerecht. Aber natürlich kann ich mich nicht beschweren – ich mache diese Arbeit gut, ich mache sie zumindest so gern, dass ich nicht dabei verkomme, und ich habe keine Alternative. Was ich habe, ist alle Flexibilität der Welt und – essenziell für mein Funktionieren in jeder Hinsicht – meine Selbstbestimmung. Und noch dazu, wenn das auch definitiv eine untergeordnete Rolle spielt bei dem Niveau, das diese Texte haben größtenteils, die Möglichkeit, in verschiedenste Themen Einblicke zu bekommen. Noch dazu – viel interessanter eigentlich – in die Leben und Köpfe verschiedenster Menschen.

Ja, im Großen und Ganzen will ich wirklich nicht meckern.

So nebenbei:

  • Basti ist Vater geworden; sein Sohn kam am 3. Mai auf die Welt. Alles gut soweit.
  • Ich hatte die letzte Woche über freundlichen Besuch von einer Blasenentzündung, die mittlerweile (ich hoffe!) kaum noch spürbar, aber auch noch nicht ganz verschwunden, in den allerletzten Zügen hängt.
  • Ich habe so absolut keine Lust auf diese Bolivienreise, aber ich weiß natürlich, dass sich das ändern wird, sobald ich sie antrete.
  • Ich werde zuvor zwei Tage in Konstanz verbringen, um Basti, Mats und Alina zu besuchen. Basti bringt mich von dort aus nach Frankfurt zum Flughafen.
  • Übermorgen bin ich ebenfalls in Frankfurt, ein Umstand, den ich gerne mal vergesse, weil alles, das nicht Gegenwart ist, momentan gnadenlos ausgeblendet wird. Aber es ist das Glen-Konzert in der alten Oper, zu dem ich mit Becci und Cornelia gehe, und ich sollte mich freuen. Freue dich gefälligst.
  • Nächste Woche treffe ich mich mit Caro, die auf Heimatbesuch nach Deutschland kommt, in Karlsruhe. Wir gehen im Hans im Glück essen und – tatsächlich – darauf freue ich mich. (Wahrscheinlich weil es weder genug Umstände macht noch – anders als das Glen-Konzert – nah genug bevorsteht, um Panik zu erwecken.)
  • R ist dem Programmierwahn in Gänze verfallen und stürzt sich praktisch auf den Computer, sobald er nach Hause kommt. Gleichzeitig gibt er sich allerdings alle erdenkliche Mühe, unser gemeinsames Leben dabei nicht zu vernachlässigen, und ich habe mich meinerseits daran gewöhnt. Es ist also nach und nach ein wunderbares Equilibrium entstanden, in dem sich alle Parteien wohlfühlen – zumindest empfinde ich das so.
  • Ich habe gemeinsam mit der Therapeutin beschlossen, die Medis herunterzudosieren, wenn ich aus Bolivien zurück bin. Davor habe ich Angst, aber ich bin fest überzeugt, dass es sein muss. Ich fühle mich, als hätte ich in der Therapie alles erreicht, was im Rahmen der Abschirmung durch die Medis möglich war – now let’s tackle the real issues.

Indeed, I can.

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Anderthalb Stunden, dann fahre ich los zur ersten Stunde mit meiner neuen Spanischnachhilfeschülerin. Wie immer bei solchen Gelegenheiten habe ich Panik. Sie ist diesmal nicht so schlimm, aber reicht aus, dass ich nichts anderes Sinnvolles mehr tun kann bis dahin.

Eigentlich bin ich (abgesehen von dem Teil von mir, der die Panik generiert) sehr zuversichtlich. Was sollte auch passieren. Und ich freue mich ja auch.

Jetzt muss ich gerade nochmal nachsehen, was für einen Stundenlohn ich auf der Plattform, über die sie mich gefunden hat, eigentlich veranschlagt hatte.

Okay, das freut mich jetzt aber, ich habe tatsächlich 25€ angegeben und nicht, wie ich fast befürchtet hatte, 18. Yes, 100€ mehr im Monat – das hilft. Und ich freue mich, weil mein Profil wirklich gut aussieht und bestimmt 90 Prozent der anderen KandidatInnen hinsichtlich Erfahrung, Ausbildung und Qualifikation überbietet. Konkurrenzsystem Kapitalismus, du kannst mich mal – ich kann das.

Müll – es gibt solchen und solchen

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Trotz Panik geht es mir heute besser als die letzten Tage. Sophi hat sich gerade nach vorne verschoben, sodass ich schon gleich zu ihr fahre. In der Zeit bis dahin bearbeite ich noch schnell den Mitschnitt des Vortrags von letztem Freitag, den R mit der Solid organisiert hat und den ich mit meiner Mutter besucht habe. Der Vortrag war es übrigens auch, der uns an dem Tag das Leben gerettet hat. Wir hatten uns zuvor in eins unserer berüchtigten Weltuntergangsdramen verstrickt und waren beide zu stur, um aufeinander zuzugehen, aber nach der ablenkenden Wirkung des Vortrags und des dabei konsumierten Biers fühlte ich mich so viel besser und war fähig, eine normale Interaktion anzustoßen. Wir sind dann Falafel essen gegangen und haben uns tatsächlich wieder eingekriegt, und der Rest ihres Besuchs verlief harmonisch.

Nun bin ich gerade begeistert von der Leistung meines klapperigen AGs – es hat den Vortrag ohne Nebengeräusche jeglicher Art aufgezeichnet, was wirklich nicht mehr selbstverständlich ist – ich hatte mich auf Gegenteiliges eingestellt und war schon davon ausgegangen, der Aufnahme die komplette linke Spur amputieren und die rechte zu einer Monospur zusammenstauchen müssen. Auf der linken Seite kommt immer dieses Monsterrauschen, wenn man beim Anschalten die Hand falsch positioniert. Aus irgendeinem Grund reagiert das AG hochempfindlich auf die elektrische Ladung im menschlichen Körper. Naja, ich werde auch Macken haben, wenn ich alt bin.

Neben mir steht meine neue Wohnzimmerlampe, die ich gestern inklusive Leuchtmittel vom Sperrmüll vor dem Haus aufgegabelt habe. Jemand wollte sie weggeben, bloß weil der Schirm des Fluters an einer Stelle gesprungen ist. Gut für uns – die alte Lampe fiel schon halb auseinander und leistet R jetzt im kleinen Zimmer beim Lernen gute Dienste.

Eigentlich wollten wir ja bloß unsere alte Matratze auf dem Sperrmüll deponieren. Ich habe nämlich gestern die unerquickliche Entdeckung gemacht, dass sich auf ihrer Unterseite ein gigantischer schwarzer Schimmelfleck von den Ausmaßen eines Pastatellers befand – nichtmal ich wollte daraufhin diese Matratze noch in der Wohnung behalten. Hätten wir nicht von meiner Mutter zu Weihnachten die neue Matratze bekommen (1,40 breit! So riesig!!), die wir am Wochenende ausgesucht hatten und die gestern geliefert wurde, wer weiß, wann wir uns der widerlichen Pilzkultur bewusst geworden wären. Und wie überaus praktisch, dass R, als wir schon dabei waren, die Matratze in der Tiefgarage zwischenzulagern, dann noch einfiel, dass doch gerade Sperrmüll war.

Jetzt sollte ich los.

Weihnachtslied

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Wozu das Elend nicht alles gut ist. Ich habe mir sehr spontan gerade ein ewig altes Lied namens Christmas vorgeknöpft, das beinahe noch aus der letzten Dekade stammt und es zwischen diesem einen lange vergangenen Heiligabend und dem heutigen Tage nie zu mehr als einem kritzeligen, stellenweise von Wassertropfen unkenntlich gemachten lilanen Stabilotext auf einem knitterigen Papier, das mal in Costa Rica war, und einem groben Melodiekonzept in meinem Kopf gebracht hat. Hatte, denn ich habe soeben die allerersten zwei Materialisierungsversuche getätigt, und obschon ich mir darüber im Klaren bin, dass

  • ich irgendwas mit den tiefen Tönen anstellen muss,
  • mein treues altes AG wirklich bessere Tage gesehen oder gehört hat und schonmal nebengeräuschfreier daherkam,
  • es am Ende wahrscheinlich eher ein Klavierlied wird,
  • ich auf Lebenszeit dazu verdammt bin, ein unheilbarer Emo zu sein,
  • in die Pause vor dem verdoppelten Chorus noch unbedingt ein Solo reinkommen wird, dafür ist sie ja da,
  • und ich allerdringendst dafür sorgen sollte, dass die geisterhafte Replika des Ukumenschen aus meinem Kopf verscheucht wird, die mit mehr oder weniger konstruktiver Kritik jeden Schritt meines musikalischen Wirkens verfolgt, …

… YAY, ICH SCHREIBE WIEDER!

Somit habe ich ganze drei „neue“ „Werke“ im Jahre 2017 geschaffen, oder sollte ich sagen, geschafft.

Das war mal wieder eins der Sorte „Fluppt“. Dies hier ist die allerzweite Aufnahme – da konnte ich dann auch das AG zumindest so weit beruhigen, dass seine eigenen aufgeregten Klappergeräusche nicht den eigentlichen Inhalt der Aufnahme übertönten. Nachdem ich mich mittendrin spontan zu diesem bereits erwähnten Verdoppeln des Chorus mit dazwischenliegendem potenziellen Solo entschlossen hatte, beliebte das darauf folgende hübsche Outro gleich mit aus dem Nichts zu erscheinen und machte mich damit sehr glücklich. Ich glaube, es tut mir gut, dass ich so viel Sarah Lesch höre in letzter Zeit. Ich öffne mich wieder kreativen Prozessen. Und ich erlaube mir, genau das zu machen, wonach mir der Sinn steht. Vielleicht hat das Lied darauf so lange gewartet – dass ich mich endlich nicht mehr darum schere, wer mich auf dieser Welt nun für einen unheilbaren Emo hält und wer nicht.

Bleibt nur noch die Feststellung, dass der Zeitpunkt dieser Aufnahme unter Berücksichtigung des Arbeitstitels wirklich ziemlich unschlagbar ist.

Manisch ist besser als panisch

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Zwanzig Minuten, dann mache ich mich zum zweiten Mal auf zu meiner zweiten Schülerin. Dort werde ich jetzt öfter sein; sie möchte drei Mal die Woche für je zwei Stunden gecoacht werden. Wie Kepa so treffend formulierte: Und sie ist Oligarchentochter. Ihre Eltern müssen so unwahrscheinlich reich sein, da wird mir schwindelig. Sie wohnt in einer gigantischen Villa auf der anderen Neckarseite, wahrscheinlich eine von der Sorte mit zwei Küchen, von denen uns der Küchenmonteur letztes Jahr erzählte, eine zum Kochen und eine zum Vorzeigen. Ihre Eltern sind auch nicht gerade das unmerkwürdigste Paar Menschen, die mir je unter die Augen kamen. Aber was soll ich mich beklagen; sie selbst ist vollkommen normal und super in Ordnung.

Ich habe Panik, weil ich gleich losmuss, und weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Beziehungsweise weiß, dass dagegen kein Kraut gewachsen ist, und muss damit jetzt wohl so lange leben, bis ich bei Sophi am Monstertisch sitze und mit ihr über das Hexenjagddenkmal in der norwegischen Einöde rede. Es gibt absolut nichts, vor dem ich Panik haben muss, und ich hatte schon so lange keine mehr, dass mich das bisschen jetzt schon richtig zermürbt. Mein Kopf und mein Körper sind komische Dinge.

Davon ab habe ich gestern so mir nichts, dir nichts dann wirklich AoE von diesem Computer entfernt und werde so ab jetzt hoffentlich wieder mehr Zeit in mein Leben als ins Zocken investieren. Es hat mich nur noch angekotzt, diese zahllosen Stunden Zeitverschwendung. Der Moment, in dem es ein Fortschritt ist, wenn du dich überredest, jetzt einfach mal aufzuhören, um stattdessen Serien zu schauen… das ist dann wohl der, in dem du handeln solltest.

Aber ich habe trotz exzessivem Zocken noch sinnvolle Sachen gemacht – die Terrasse für den Winter bereitgemacht und aufgeräumt; die Unmengen Pfifferlinge gedörrt, die noch im Kühlschrank waren; die getrockneten Kräuter endlich verarbeitet, die hier noch überall herumhingen; im Haus aufgeräumt und gesaugt; 90°-Wäsche gewaschen und gestern Abend sogar etwas Warmes gegessen. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Ich habe kaum mehr gekocht, seitdem R weg ist. Ich muss mich in das Alleinsein erst wieder reinfuchsen.

Aber es wird; spätestens heute bin ich wieder soweit, dass ich unentwegt vor mich hinbrabbele, während ich Dinge erledige und in der Wohnung herumwusele – eine Angewohnheit, die ich so gut wie abgelegt hatte – und es ist sauber hier, das glaubst du gar nicht. Natürlich muss noch einiges geschafft werden, bis es wirklich mal wieder meinen Standards entspricht, aber ich sage dir, es tut unheimlich gut, richtig zum Saubermachen motiviert zu sein, weil du die Einzige bist, die es nachher wieder einsauen könnte.

Und jetzt ist meine Panik zwar nicht weg, aber ich muss trotzdem los.

…comes without warning

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So. Nachdem in letzter Zeit genug passiert ist – Besuch von der belgischen Sarah und Onno, Ostern in Konstanz, einwöchiges Asyl für Barbara aufgrund ihrer akuten Wasserlosigkeit, um nur einige interessante Stichworte zu nennen – ist das wohl interessanteste Ereignis eines gewesen, das sich in den späten Stunden des 19. April zutrug.

Ich habe mich nämlich aus einem nicht näher definierbaren Grunde dazu entschlossen, R die Öffnung unserer Beziehung anzubieten. Der Auslöser dafür war ziemlich sicher mein Wochenende in Konstanz – ich habe mich im Contrast herumgetrieben, während Basti dort Schicht hatte, wurde von Menschen angesprochen, habe betrunken Kontakte geknüpft und interagiert, es ging mir gut, und auf der Zugfahrt zurück dachte ich mir irgendwann, vielleicht bist du ja inzwischen jemand geworden, der so etwas tatsächlich könnte. Txoria txori fing an, in meinem Kopf zu spielen. Hegoak ebaki banizkio…

Und natürlich war mir klar, dass, sollte diese Möglichkeit bestehen, es praktisch unumgänglich sein würde, die logische Konsequenz daraus zu ziehen – meinem aus eigenem Willen verstümmelten Vogel seine Flügel zurückzugeben.

Ich schlug es ihm also vor und dachte für einen Moment, es würde wirklich funktionieren. Er war verwirrt und sehr glücklich. Ich war relativ gefasst. Ich war auch ein wenig beschwipst, das dürfte geholfen haben.

Wir haben dann gestern über die Konventionen gesprochen und über alles Mögliche drumherum. Während ich die Offenheit und die Intensität dieses Gespräches sehr geschätzt habe, hat es trotzdem enorme Zweifel bei mir hervorgerufen. Es kamen auch Dinge zutage wie die Tatsache, dass er gleich schon jemanden in Aussicht hätte, mit der er wohl mal fast etwas gehabt hätte, bevor wir zusammenkamen, „und danach stand es im Raum“. Natürlich sind wir auch dieses Wochenende gleich wieder in KN, dann kann er sie sehen und ihr die freudige Nachricht überbringen. Typisch mein Timing.

Weiterhin habe ich meine Haltung währenddessen nochmal analysiert und ihm das Ergebnis gleich mitteilen können, dass ich mich nämlich vor meinen eigenen Reaktionen mit am meisten fürchte. Meiner ziemlich pecherfüllten Vergangenheit (dir muss ich das nicht sagen, aber er wollte bis heute noch nie etwas darüber wissen) ist es zu verdanken, dass ich heute befürchte, schnell mal einen Kurzschluss-Radikalschlag zu Selbstschutzzwecken zu veranstalten. Ich möchte niemals wieder so leiden.

Ich bin dann abends containern gefahren mit dem fürchterlichsten Gefühl im Bauch. Genauer gesagt habe ich mich nicht mehr so elend gefühlt, seitdem vor ziemlich genau zwei Jahren mir die Last einer potenziell offenen Beziehung durch R von den Schultern genommen wurde. Zugegebenermaßen hätte ich nicht gedacht, dass mich exakt das gleiche Elend wieder in gleichem Maße heimsuchen würde. Das richtige Elend kam eigentlich heute Früh in Form eines „Ich kann das nicht, wir sind nicht kompatibel, ich kann das nicht, ich bin nicht stark genug“-Heulanfalls, als mich um sieben Uhr nach R’s Weggang zur Arbeit auf einmal eine Panik überfiel, die mal Teil meines Alltags war, aber schon zwei Jahre lang kaum mehr zu Besuch kam. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht packe. Ich kann es allerdings nicht rückgängig machen: er sagte gestern noch, dass diese Aktion unsagbar viel für seine Bindung an mich getan hätte, ich kann jetzt nicht die Bindung wieder zunichte machen und ihn schon wieder verstümmeln. Auch wenn er (und das unterscheidet ihn von dem Menschen von vor zwei Jahren) mir deutlich zu verstehen gab, dass er „zwar hart daran zu kauen hätte“, aber es durchaus respektieren würde, wenn mir „morgen oder in zwei Jahren“ etwas Anderes wieder lieber wäre.

Also laufe ich herum und die Panik schnürt mir die Luft ab und das Bedürfnis zu heulen ist wieder da, als wäre es nie verschwunden gewesen, und ich schreibe Songtexte in meinem Kopf wie seit Jahren nicht mehr, und während ich es so sehr vermisst habe, dass Texte in meinem Kopf erscheinen, so ist es mir doch das offenbar dafür essenzielle Elend nicht wert.

Ich werde berichten.

Uni: Another new beginning.

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Es ist der übliche Wahnsinn, oder sollte ich einfach „Leben“ sagen. Die ersten zwei Wochen Uni liegen hinter mir, und ich muss ehrlich gestehen, dass ich sowohl die Höhen als auch die Tiefen des Unilebens vollkommen verdrängt hatte in meinem langen halben Jahr Nichtstun / Umziehen / Umziehen / Nichtstun.

Zu den Höhen zählt sicherlich in erster Linie mein halbwegs wiedergewonnener Tag-Nacht-Rhythmus; Uni um 10 (in Kombination mit R, dessen Rausschmeißkünsten ich mindestens die Hälfte meiner morgendlichen Anwesenheit verdanke) verhindert zuverlässig das zuvor zur katastrophalen Gewohnheit gewordene Hängenbleiben im Bett bis zum späten Mittag. Und wie wir alle wissen: Es ist das Rausgehen, welches die meiste Überwindung kostet. Da gibt es nichts Besseres als Termine, die mich aus meiner Höhle treiben.

Es ist aber auch abgesehen vom Rausgehen an sich eine Freude, wieder an der Uni zu sein. Ich war ziemlich eindeutig noch nicht fertig mit diesem Abschnitt des Lebens. Der Uni-Alltag, er hat mir gefehlt. So anders als jede andere Form des Daseins. Du quälst dich Tag für Tag aus dem Bett (oder wirst herausgequält, wenn du Glück hast wie ich), um dir Kurse zu geben wie „Fachliche Kompetenz“ (morgen, halb neun) oder „Translations- und Kulturwissenschaft (B-Sprache)“ oder „Übersetzungsrelevante Sprachkompetenz“ oder allgemein eben Dinge, die eigentlich niemanden interessieren außer gerade diese hochspezifische Zielgruppe fehlgeleiteter Deppen, die sich in den Kopf gesetzt haben, ihr Leben mit der brotlosen Kunst des Übersetzens zu verbringen. Im Gespräch mit deinen Kommilitonen wunderst du dich immer wieder aufs Neue, dass sie augenscheinlich nicht weniger planlos sind als du selbst, trotz deines Quereinsteigertums inmitten einer Horde Übersetzungswissenschafts-BA-Absolventen.

Sehr schnell erinnerte ich mich dann auch wieder daran, wie eklig Prokrastination eigentlich sein kann. Gerade jetzt wäre eigentlich ein vorzüglicher Zeitpunkt, mir meinen Studi-Ausweis zu schnappen, auf dem meine Uni-ID steht, und mich mit nunmehr zwei Wochen Verspätung auch mal im LSF anzumelden, jetzt, wo ich herausgefunden habe, dass das fehlende Aktivierungs-Kennwort nicht wie gedacht in einem separaten Brief kommt, sondern die ganze Zeit im gleichen Umschlag auf seinen Moment gewartet hat wie der gesammelte Rest an mir zugesanrten Unterlagen.

Die erste Woche habe ich sowieso unentwegt zitternd verlebt, da besagter Umschlag mit Unterlagen mich noch nicht erreicht und ich somit keine Ahnung hatte, ob ich nun überhaupt eingeschrieben werden konnte oder nicht. Bei meinem Geschick hätte es mich wirklich nur latent verwundert, wenn überhaupt, wären mir meine am letzten möglichen Tag eingereichten Immatrikulationspapiere wegen Unvollständigkeit o. Ä. zurückgeschickt worden. Da ich entgegen jeder Logik – immerhin ist mir die relative Verantwortungslosigkeit meines Letzte-Minute-Stils durchaus bewusst – doch im Grunde einen extrem hohen Wert darauf lege, dass die Dinge so funktionieren, wie ich das brauche, war diese erste Woche der Ungewissheit also keine sonderlich angenehme. Gleich Dienstag Abend (erster Tag Uni) erlitt dieses Nervenbündel daher eine Panikattacke zuvor ungekannter Ausmaße und allererste nach außen wahrnehmbare im Beisein anderer Menschen (aka R, der überfordert war und sich daher aussuchte, am besten einfach gar nichts zu tun. Immerhin aber fragte er mich während des ersten Teils der Attacke, ob er etwas tun könnte, und stellte sich bereitwillig meinem embryonal zusammengekrümmten Körper als diesen festhaltende Verbindung zur Außenwelt zur Verfügung).

Auch hier allerdings war zu beobachten, dass Panik immer nur dann auf- bzw. in den Vordergrund trat, wenn ich zu Hause war. Draußen, wenn ich unterwegs bin und Dinge erledige, kommt die Panik nicht durch. Die Uni an sich hat mir von Anfang an nur gutgetan. Der Studiengang ist sehr klein und man kennt sich sehr schnell gegenseitig; ich habe gleich im ersten Kurs zwei der nettesten Kommilitoninnen kennengelernt und bin tags darauf mit ihnen noch Kaffee trinken gegangen, als einer unserer Kurse ausfiel (es ist hier an der Uni genau so unorganisiert wie an jeder anderen Uni der Welt. Herrlich), und war einfach nur begeistert, einen Studiengang voller Menschen vorgefunden zu haben, mit denen man wirklich gut klarkommen kann. So etwas kannte ich aus Konstanz nicht; wir waren so viele in der Linguistik und das familiäre Gefühl, welches hier vorherrscht, kam ausschließlich durch Euskera zustande. So habe ich dann ja auch meine einzigen Uni-Freunde in Euskera gewonnen.

Ich beobachte nach zwei Wochen bereits eine Verbesserung meines Zustands auf körperlicher Ebene. Das Fahrradfahren jeden Tag hilft ungemein, auch wenn es schon übertrieben kalt ist mittlerweile. Gerade den Drei-Kilometer-Berg runter morgens. W-w-w-w-w-w-w-wgh. Aber es ist gut, das Fahrrad zu nehmen. Man ist so frei und beweglich. Ich kann Sachen machen in der Stadt, nachdem ich aus der Uni komme. Katzenfutter beim Metzger holen – die Verkäuferin sieht mich nur zur Tür reinkommen und holt schon die Putenreste aus dem Tiefkühler, ich muss nicht einmal mehr etwas sagen. Paradiesisch.

Also halten wir fest, ich brauche die Uni zum Leben. Gleichzeitig prokrastiniere ich jetzt schon wieder wie ein Weltmeister und hasse etliche meiner Kurse, aber das ist völlig egal, denn das gehört dazu. Werde ich später mal Übersetzer? Ich hoffe nicht. Aber es ist immer noch der einzige Masterstudiengang weltweit, den ich mir vorstellen könnte zu machen. Und siehe da, hier bin ich.

Selten so geordnet zu einem Thema geschrieben hier. Ich bin verblüfft.

Krebskuchen und andere Fails

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Argh! Trust me to manage burning a pie shell baking in the oven right behind me while reading food blogs.

Also, trust me to then take the now useless thing out in dismay, appalled by the amount of cancer-inducing smoke emerging alongside it, and position it in a ridiculously risky spot in the frame of the open window, from where, three minutes later, it naturally comes jumping down enthusiastically, sliding along on the floor, headed right back towards the oven where it just found its miserable, blackening death.

I’ll never learn, will I.

Ein Glück ist es relativ warm draußen, so hat sich der ganze Qualm und Gestank schon fast vollständig verflüchtigt.

Ich hatte gestern Abend das zweifelhafte Vergnügen, auf unvorhergesehene Weise mal wieder mit R’s polyamorer Facette konfrontiert zu werden. Mit dieser zu leben gelingt mir zwar mühevoll durch absolute Verdrängung, ihr leisestes Auftauchen aber stürzt meinen Kopf in bodenloses Chaos und mich selbst und meine kleine, einfältige Gefühlswelt in Panik, Zweifel und Verwirrung. Erst recht ein Hervorspringen aus dem Nichts, kombiniert mit einem Urwaldschrei und einem gehörigen Schlag in die Fresse, gefolgt von dem wohl zu Beruhigungszwecken angebrachten Kommentar „Sie macht dir keine Konkurrenz“.

Sicher, der erste Schockmoment war der ekligste. Dann kam ich nach Hause und fing an, meine Reaktion zu hinterfragen. Das war einer der dankenswerterweise wirklich fast ausgestorbenen Augenblicke, in denen ich beim besten Willen nicht wusste, an wen ich mich wenden sollte. Ironischerweise waren alle drei meiner engsten Bezugspersonen gerade zur Verfügung, aber weder Caro noch Laura noch Kepa traute ich zu, einschätzen zu können, inwieweit mein kleiner Weltuntergang, der sich aus R’s beiläufiger, fast ungläubiger, ja, perplexer Bemerkung heraus, ob ich nicht gemerkt hätte, dass er auf diese eine Frau steht, ergab, sich nun im Rahmen des Gerechtfertigten bewegte. Oder mir einen Rat erteilen zu können, wie ich damit umzugehen habe. Oder nur die Gedankenlawine nachvollziehen zu können, die mit Karacho dahergerollt kam und meine ganze traumhafte Verdrängung zerstörte.

Ich hab‘ dann ein bisschen gelesen. Wo die Konfrontation mit der aufs Äußerste verhassten Thematik halt schonmal erzwungen war, und weil ich mir wahrscheinlich von Menschen, die sich lieber und häufiger damit befassen, konstruktive Lösungsvorschläge erhoffte. Unter Anderem fand ich diesen Artikel hier. Den mochte ich.

Was bleibt jetzt zu tun? Nachdem ich mir augenscheinlich wieder einmal erfolgreich die Panik vom Leibe geschrieben habe – es hat sich in den letzten Minuten ein angenehmes Gefühl der relativen Gelassenheit eingestellt – sollte ich nun noch R davon in Kenntnis setzen, dass er bitte in Zukunft seiner uneingeschränkten „it’s all about me„-Mentalität diesbezüglich und damit verbundenen völlig unnötigen Äußerungen wie der gestern einfach nochmal ganz bewusst das Wissen entgegensetzt, dass alles Polyamorie Betreffende, laut ausgesprochen, bei mir zu Katastrophen unvergleichlicher Ausmaße führt. Dass er sich ein-zwei Gedanken machen könnte, ob das jetzt wirklich sein muss, wenn ihm schon das automatisierte Bedürfnis, geliebte Menschen nicht zu verletzen, so gänzlich fremd ist.

Winter, geh weg.

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Draußen ist es kalt, und ich muss gleich los. Jetzt, eigentlich. Suboptimal.

Ich hab‘ Panik und Dinge zu tun, die ich vorziehen würde nicht zu tun. Nicht jetzt. Nein, viel schlimmer, bald.

Und ich halte es bald nicht mehr aus, ununterbrochen so müde zu sein. Wüsste ich nicht, was mich erwartet, wenn ich die Ursache der Müdigkeit aus meinem System entferne, hätte ich es schon vor Jahren getan. Oh warte, ich habe es vor Jahren mal getan, nur um dann festzustellen, lieber ein Leben lang müde als eine Sekunde ohne Medikamente.

Ich gehe los. Draußen wird’s besser. Nur erstmal aus dem Bett raus und ab in die Kälte. Bewegung. Ein Ziel. Aufrechte Position. Eine Sache weniger zu tun.

Theeeeeeooooooo!

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Kaffee gibt mir Motivations-Rushs. Ich habe mich soeben erfolgreich, wenn auch knapp, davon abhalten können, mir noch einen zu machen, und freue mich jetzt erstmal über meine großartige Disziplin.

Den ersten Kaffee habe ich R zu verdanken, der heute früher aufstehen musste, um zu sich in die Wohnung zu fahren. (Ja, für ihn ist das ein Ereignis, das eines erhöhten Zeit- und Planungsaufwandes bedarf, und das macht mich außerordentlich glücklich.) Jetzt, wo er weg ist, habe ich mich mit einigem Elan in den Tag hineingestürzt – selbst bevor ich den Kaffee getrunken hatte, der fertig vorbereitet für mich in der Küche stand.

Der Regen in der Nacht hat die von zwei Foodsharing-Tagen am Anfang der Woche verbleibende Reste-Kiste Brot am Treppenaufgang vor dem Haus voll erwischt, sodass ich mich gezwungen sah, vom Abarbeiten meiner To-Do-Liste erstmal Abstand zu nehmen und Teile des Brots zu einem Blech neu eingeweichter Brot-Bananen-Pampe zu verarbeiten, welche nun im Ofen vor sich hinbackt. Man wird sehen, was dabei herauskommt – ich hoffe, man kann es anderen Menschen zum Essen vorsetzen, sonst habe ich in den nächsten Tagen eine Menge Arbeit.

Als Nächstes habe ich mich daran gemacht, das Briefchen mit JOs vor Monaten hier vergessenem Handy endlich zu adressieren und abschickbereit zu machen. Ich hatte mich ewig nicht überwinden können, nachzusehen, wie ihre Adresse lautet, und habe überhaupt mit einigem Erstaunen vorhin erst registriert, dass ich sie bereits rausgeschrieben hatte und gar nicht mehr im Nachrichtenverlauf danach suchen musste. Wegen solcher behinderten Blockaden in meinem Kopf musste die Arme nun also monatelang auf ihr Musik-Handy warten. Ein Glück, dass sie nicht das telefonierfähige hier vergessen hat.

Unglaublich, wie ich gestern vor diesem Interface saß und mich einfach nicht entscheiden konnte, was ich schreiben sollte. Es kam mir alles zu viel vor und ich habe es einfach ganz gelassen, nach einigem frustrierten Starren aufs leere Textfeld. Passiert mir äußerst selten – ich lege ja nun nicht unbedingt viel Wert darauf, nur dann etwas zu schreiben, wenn ich wirklich etwas zu sagen habe. Gestern aber war ich richtig schreibblockiert. Und heute komme ich kaum mit den Fingern hinterher.

Was so ein bisschen Willenskraft einfach ausmacht. Ich hätte mir genausogut aussuchen können, heute in gloomy mood aufzuwachen und mich müde und unfähig zu fühlen und bis vier Uhr nicht aus dem Bett rauszukommen. Aber nein, ich bin wach und tatkräftig. Was nicht zwingend dazu führen wird, dass ich sinnvolle Dinge tue, aber dafür habe ich ja meine Liste.

Und ich hab‘ Lust, Musik zu machen. Es kommt zurück, es kommt endlich zurück. Überhaupt kam mir vorhin der Gedanke, dass ich tatsächlich dabeibin, zu mir selbst zurückzufinden. Mein Universum wurde so voll und ganz durchgerüttelt, als ich mit R zusammenkam (und selbst davor waren die Wasser in dem runden Gefäß, das ich nunmal zu sein scheine, wenn ich mich recht entsinne, weit entfernt von spiegelglatt), und es hat sich dieser gewaltige Lernprozess in Gang gesetzt, aus dem ich mein Leben lang nicht mehr rauskommen werde. Und ich habe gelernt, genug gelernt, dass sich die in alle Richtungen verteilten Stückchen einander wieder annähern konnten, und sie fügen sich so wunderbar zusammen; das Mosaik nimmt wieder Gestalt an und ich fühle mich ganz. Ich fühle mich wie ich. Das ist ein Glücksgefühl ohnegleichen und ein Triumph über all die Teile von mir, die sich bislang so erfolgreich dem Zweifel, der Angst und dem Mauerbau verschrieben haben.

R hat auch gelernt, ich kann es mir anders nicht erklären. Natürlich hat er das, und ich bin jeden Tag aufs Neue von den Ergebnissen begeistert. Ich könnte mich tagelang darüber auslassen, wie es sich in unzähligen Kleinigkeiten widerspiegelt.

Jetzt setzt die kaffeeinduzierte Panik ein. Ganz leicht nur; ich bin froh, dass ich mich vorhin so geistesgegenwärtig in meinem Kaffeekonsum einschränken konnte. Und während ich noch alles Mögliche mehr zu sagen hätte – zu viel, was mich ja gestern schon davon abhielt, überhaupt damit anzufangen – werde ich mich trotzdem jetzt vom Computer entfernen und sinnvolle Dinge tun. Wie geplant.

Aber zuerst mach‘ ich ein bisschen Musik. Oh, wie ich mich freue.