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Noch alleiner

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Jetzt ist Wolfgang weg. Ich war soeben als (wenn auch unnütze, da ich mal wieder nicht auf dem Schirm hatte, dass man da draußen ohne seinen Perso kein ganzer Mensch ist) Zeugin bei seiner Wohnungsübergabe zugegen, nachdem ich ihn heute Morgen trotz massivem Schlafmangel und unverhältnismäßiger Panik gefragt hatte, ob es noch ein Zeitfenster gibt, in dem ich zwecks Verabschieden bei ihm vorbeikommen könnte, bevor sein Taxi kommt.

Er scheint sich darüber gefreut zu haben, sicherlich aber nicht so sehr, wie ich seinen Weggang betrauere. Bereits unter normalen Umständen hätte mich das hart getroffen. So bröckelt mir mal eben mein letzter Vertrauter und dazu halbwegs regelmäßiger menschlicher Kontakt der Stadt unter den Füßen weg.

Ich bin glücklich, dass ich es geschafft habe, heute noch zu ihm zu fahren. Mein Tee-Treffen mit Jana ist gestern (und heute) ein wenig eskaliert; statt um drei kam sie um acht und blieb bis kurz vor vier. Es tat schon gut, sie dazuhaben, aber relativ bald wurde es auch anstrengend, sodass ich von der Aussicht, häufiger von ihr besucht zu werden, nun weniger begeistert bin als zuvor. Aber auch wenn es nicht ganz klickt – sie ist nett und dazu hochintelligent. Und sie vernichtet die gelben und orangenen sauren Weingummis, die ich nicht mag. Grund genug, sich über die Entwicklung zu freuen.

Aufgewacht bin ich jedenfalls um kurz vor elf, irgendwo zwischen komatös und panikdurchflutet, wie es nach zu wenig Schlaf zu erwarten war. Nachdem ich zu Wolfgang losgefahren bin, ist die Panik zurückgegangen und schließlich ganz verschwunden (obschon mich zwischendurch Wellen von Traurigkeit überwältigt haben, sobald ich daran dachte, dass R sich gestern den ganzen Tag in dieser Wohnung aufgehalten und beim Streichen geholfen hatte), und als ich vorhin zurückkam, konnte ich in aller Seelenruhe einen Nachschub an Schraubgläsern aus dem Keller holen, die Wäsche von gestern versorgen, Pflanzen mit den Trocknerwasser gießen und ein paar Teile in die Spülmaschine räumen.

And this is how I got here. Was ich als Nächstes tue, weiß ich nicht. Aber ich fühle mich recht stabil und werde bestimmt mit Zocken, Netflix oder Telefonieren nichts verkehrt machen.

Geht alles, wenn’s denn sein muss.

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Heute habe ich es ohne Beta-Blocker geschafft. Es war nicht schön, aber ich habe überlebt und bin nach ein paar Stunden derwischmäßigen Rotierens im Haushalt mittlerweile fast vollständig panikfrei.

Ich habe wirklich eine Menge geschafft. Beide Katzen versorgt, Kühlschrank entsaftet und grob gereinigt, gefegt, gesaugt, die Tüte mit Flüssigbonbons geleert, die seit Jahr und Tag auf den Flurboden leckte, eine Wäsche in die Maschine geschmissen, Essenstüten ausgeräumt, das Essen gewaschen und im Kühlschrank verstaut, Spülbecken gesäubert, Spülmaschine angeworfen, etwas aufgeräumt… doch, wirklich, eine Menge.

Somit steht Mamas Besuch nichts mehr im Wege. Und wenn ich einen Bus früher nehme, um sie abzuholen, kann ich vorher sogar noch Pfand wegbringen. Das wäre doch echt mal eine Maßnahme.

Whey, ich bin ja richtig lebenstauglich.

Und das, obwohl die Medis mich hundemüde machen und gestörte R-relatede Träume sowie schmerzhafte R-relatede Gedanken mich am laufenden Bande heimsuchen.

Letzten Endes schaffe ich mit den Medis, mit einem auf so unerwartete Weise rettenden Umfeld und mit aller Kraft, die ich nur aufbringen kann, woran ich vor einem knappen Jahrzehnt so elendiglich gescheitert bin: klarkommen.

Marketa und R treffen sich vielleicht am Mittwoch. Nur gut, dass ich eben Marketa nochmal geschrieben habe, um sie zu bitten, bestimmte Dinge, die wir gestern beredet hatten, mit ihm nicht anzusprechen – auf diese Weise habe ich im Vorfeld davon erfahren und kann mich mental darauf vorbereiten, dass er vorbeikommt und (ein weiteres Mal) seine restlichen Sachen mitnimmt.

Ugh, jetzt muss ich aber aufhören, darüber nachzudenken. Das ist ja entsetzlich. Am besten zocke ich jetzt noch eine Stunde, um mich abzulenken, und fahre dann in die Stadt.

Machen wir das doch.

 

(Ya voy a buscar qué hacer conmigo)

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Ich bin ruhig. Ich weine nicht mehr, solange ich nicht darüber rede. Ich bringe die Konzentration dafür auf, mir Serien anzuschauen, und kann abends sogar die ein oder andere Seite lesen. Ich versorge die Katze und mich selbst mit regelmäßigen Mahlzeiten. Großartige Menschen um mich herum haben mich wissen lassen, dass ich nicht alleine bin. Die Medis wirken (und die Müdigkeit sowie die gelegentlich auftretenden dumpfen Kopfschmerzen, die sie mir verursachen, sind dafür ein zu vernachlässigender Preis).

Mike kommt morgen zu mir. Bis dahin plane ich geduscht zu haben, die Wohnung soll gesaugt und das Katzenklo gereinigt sein. Nicht übel, wenn ich das alles schaffe.

Freitag gehe ich hoch zu Marketa. Sie hat mich wieder einmal mit einem Übersetzungs-Schrägstrich-Dolmetsch-Job betraut. Ich soll sie und Mark am Dienstag zum Notar begleiten und die Vorlesung ihres Testaments simultandolmetschen – nur gut, dass ich das Dokument vorher schon bekomme. Das können wir bei der Gelegenheit durchgehen. Ich bin (wieder einmal) zutiefst gerührt in Angesicht des Vertrauens, das sie mir entgegenbringen.

Am Samstag kommt schon Mama und bleibt bis Dienstag. Dann muss ich nur bis Ende nächster Woche überleben, wenn Becci an der Reihe ist, mich mit ihrem Besuch zu beehren. Aber irgendwann wollte ja auch Undine sich noch auf ein Teechen zu mir gesellen. Das wird machbar.

Und auch das Für-mich-selbst-leben sollte ich irgendwann erlernen. Dass das in meinem bisherigen Dasein nie so gut hingehauen hat, muss ja nicht bedeuten, dass ich es nicht doch noch schaffen kann. Was für ein Meilenstein das wäre, um sowohl allein als auch in Beziehungen um so Vieles zufriedener sein zu können.

Die Panik, mit der ich Tag für Tag aufwache, zeigt, dass ich bis dahin noch einen langen Weg vor mir habe.

Ich wünschte, es wäre einfach vorüber. Zu 95 Prozent bin ich mir so oder so sicher, wie dieses Desaster enden wird. Nur kann ich es mir nicht eingestehen, bis er es mir nicht selbst verkündet. Diese Ungerechtigkeit. Warum kann er es nicht selbst schon wissen. Warum fällt mir die undankbare Aufgabe zu, mich Stück für Stück für Stück aus diesem Abgrund zu kämpfen, um am Ende erneut hineinzufallen – alles, weil er sich selbst nicht gut genug kennt.

Oder ist das nur der Selbstschutz-Pessimismus, der mich vor falscher Hoffnung bewahren möchte?

Wie soll ich das noch durchblicken? Jede Selbstreflektion hat ihre Grenzen; gegen das Unbewusste ist sie machtlos.

Ich muss aufhören zu denken. Das tut weh und stört meine Abendruhe. Morgen Früh um sieben wird es von alleine wieder zu rotieren anfangen.

Oh, to be able to just stay awake forever.

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Ich bin nicht zur Selbsthilfegruppe gegangen. Nächsten Monat vielleicht.

Dafür war heute Früh mein EKG-Termin, um zu überprüfen, ob mein Herz die abrupt erhöhte Dosis Escitalopram verträgt und, wie Becci dazu anmerkte, zumindest physisch noch funktioniert. Das ist der Fall, allerdings meinte die Ärztin mich zusammenstauchen zu müssen, weil ich ganz unbedarft zugegeben hatte, das Beruhigungsmittel tagsüber einzunehmen statt abends wie angeordnet. Einfach richtig plump: „Das darfst du nicht!“ Mich solcherart meiner verlässlich paniklindernden Substanz beraubt sehend, fing ich natürlich, wie sollte es anders sein, unkontrolliert an zu heulen und wurde daraufhin zum zweiten Mal innerhalb einer Woche gefragt, ob man mich an die Tagesklinik weiterleiten soll. Schien ihr jedenfalls lieber zu sein, als dass ich es weiter wagen könnte, Beruhigungsmittel zu Zeitpunkten zu mir zu nehmen, an denen ich tatsächlich Ruhe gebrauchen könnte.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich kam völlig aufgelöst da raus und hatte mich, zu Hause angekommen, noch immer nicht beruhigt. Glücklicherweise (für mich zumindest) war ich mit Becci zum Reden verabredet und nach einer knappen halben Stunde ihres Beistands langsam auch wieder halbwegs auf dem Boden.

Als Becci, die auf der Arbeit prinzipiell kein Auge zutut und natürlich mal wieder übermüdet aus der Nachtschicht gekommen war, sich meiner relativen Stabilität vergewissert hatte und mich meinem Schicksal überließ, um etwas von dem versäumten Schlaf nachzuholen, konnte mein Überlebensprogramm zum nächsten Teil übergehen: Serie (aktuell inhaliere ich die zweite Staffel von Narcos México), Handyspiele, Serie. Restliche Pizza essen, Serie, Telefonieren mit Mama, Serie, Fertigsandwich essen, Serie. Und demnächst tragischerweise schon wieder Schlafengehen. In Anbetracht der Tatsache, dass ich große Teile des Tages dafür benötige, die Panik abflauen zu lassen, und es mir zum Abend hin stetig besser geht, ist es eine Schande, das jeden Abend durch Schlafen wieder zunichte zu machen. Die reinste Sisyphusarbeit. Ich hatte vergessen, dass es so ist. Aber mittlerweile erinnere ich mich gut.

Gestern war es besonders krass. Während ich mir noch eine Stunde, bevor ich das Haus verließ, nicht vorstellen konnte, das Containern an einem Stück zu überstehen, wirkte die Aktivität und Wolfgangs Gesellschaft stattdessen derart wohltuend, dass hinterher selbst das Zurückkehren in die dunkle Wohnung (vor dem es mir so gegraut hatte, dass ich schon mit dem Gedanken gespielt hatte, das Licht im Wohnzimmer anzulassen – aber ein letzter Rest Verstand bewahrt mich vor solchen Totalausfällen dann doch noch mehr oder minder zuverlässig, und beim Ausschalten der Wohnzimmerbeleuchtung redete er mir zu: „Der Welt muss es nicht noch schlechter gehen, nur weil es dir schlecht geht.“) sich komplett problemlos gestaltete. Ich kam rein, dachte nicht mal aktiv darüber nach, dass niemand da war, der mir mit dem Versorgen der Ausbeute helfen würde, verpflanzte die Taschen auf die Terrasse, ging duschen (erstmals seit letztem Montag. Du willst nicht wissen, in welchem Zustand ich war, aber man kann es sich vorstellen), wischte sogar vorher nochmal durch die Wanne – was ich wirklich nie tue – und war allgemein um ein Vielfaches schaffenskräftiger als die halbe Woche davor zusammen.

Es war so gut. Und dann musste ich schlafen. Ich verstehe, wie die Frau aus 50 First Dates sich vorkommen muss, die am Ende eines jeden Tages in dem Wissen die Augen schließt, dass sie sich am nächsten Morgen an keine Sekunde davon wird erinnern können. Genau so ergeht es mir.

Sogar heute, obwohl ich tatsächlich heute kein Trimipramin eingenommen habe, zum ersten Mal, seitdem es sich in meinem Besitz befindet. Auch wenn ich nicht vorhabe, mich durch die Zurechtweisung der Ärztin von der Anwendung dieses Medikaments abhalten zu lassen, wie sie für mich Sinn macht (erstmal morgen herausfinden, was die Therapeutin dazu meint), wollte ich einfach wie jeden Tag ausprobieren, ob es auch ohne geht. Und es ging. Immerhin.

Sinn und Standards

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Keine Ahnung, wie ich das machen soll, aber ich gehe gleich mit Wolfgang auf Essenssuche. Ich muss das tun, weil es das letzte Mal sein wird, dass Wolfgang fährt, und ich das aus sentimentalen wie auch pragmatischen Gründen nicht ausfallen lassen kann. Vorbei die Zeiten des luxuriösen Abgeholtwerdens; demnächst darf ich für diese Zwecke erst wieder quer durch die Stadt zu Yannick tingeln.

Als wäre das nicht immer noch tausendmal luxuriöser als früher alleine mit Bus, Bahn und Füßen. Man gewöhnt sich so schnell an einen gehobenen Lebensstandard, und man meckert einfach immer weiter.

Ich wache auf und es rotiert. Es ist immer das Gleiche. Ein paar Sekunden braucht das Gefühl, um den Gedanken hinterherzuschwappen, und ich denke mir, „oh, wow, das geht ja!“. Und dann hat es aufgeholt, und dann haut es rein. Dann spielt Txoria txori in meinem Kopf, oder neulich war es Letzte Runde von Sarah Lesch. Dann zerfleischen mich Selbstvorwürfe, wie ich die Situation so immens falsch einschätzen konnte; wie ich ihm glauben konnte, wenn er sagte, ich sei ein Teil von ihm geworden, er könne sich ein Leben ohne mich nicht vorstellen, er würde depressiv, wenn ich weg bin. Wie ich annehmen konnte, er würde leiden, wenn dieses Szenario eintritt – weit mehr als ich. Dann spreche ich aus, woran sich mein Hirn in dem Moment aufhängt. „Panik, Panik, Panik, lalalaaa“ oder „Es hat alles keinen Sinn“ oder „Es tut mir weh, wie gut du zurechtkommst.“

Wie kann ich mich so verschätzt haben.

Ich muss wieder lebensfähig werden. Ich kann in diese Beziehung nicht zurückwollen, weil sie mich am Leben hält. Das ist nicht der Sinn, ich muss mich selbst erhalten. Ich muss mein eigener Sinn sein.

Wie schaffe ich das?

For now I am alone.

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Nun ist er weg. Zur Arbeit gefahren mit seiner Decke hinter den Rucksack geklemmt, als würde er wirklich auf Reisen gehen. Kommt die Tage noch ein-zwei Mal, um die letzten Sachen zu holen und das Paket mit Essen, das ich ihm noch zusammenstelle. (Nicht unbedingt uneigennützig, da ich unter anderem schon recht froh bin, von den Unmengen an Vorräten zumindest die Dinge loszuwerden, die ich selbst nie essen würde.)

Bis zum Wochenende habe ich Zeit, es zu packen. Dann kommt er mit Yannick und transportiert alles ab, was er bislang zurückgelassen hat beziehungsweise ich bis dahin noch in der Wohnung als seins identifiziere. Vom Klavier mal abgesehen. Das hätte er auch mitgenommen, würde es denn in sein Zimmer passen.

Der Beta-Blocker hat vorzüglich angeschlagen, sodass es mir nach seinem Weggang um halb acht vergönnt war, noch einige Male einzuschlafen und schließlich halbwegs bei Verstand und ohne stärkere Paniksymptome aufzuwachen. Am liebsten würde ich mir direkt dieses Beruhigungszeug von gestern wieder einflößen, denn das hat wirklich Wunder gewirkt, allerdings soll es zum Abend genommen werden.

Nun habe ich aber immer noch nicht von Montag Abend berichtet.

Becci leistete mir noch eine halbe Stunde Beistand, bevor sie den Nachhauseweg antrat, beseitigte das gröbste Chaos in der geschundenen Küche – einfach weil sie es nicht aushielt – und machte mir eine Kanne Tee. Nachdem sie gegangen war, bediente ich mich nochmals großzügig am Baldrian und verdingte mich mehr oder weniger erfolgreich mit Zocken, während ich auf R’s Ankunft wartete.

Diese schien sich zu verzögern, und als mein zunehmend nervöses Hirn es um zehn nach sieben nicht mehr aushielt, klopfte ich vorsichtig über Whatsapp bei Becci an, die jedoch nicht reagierte – woraus ich schloss, dass sie noch mit R am Reden war.

Als er schließlich reinkam, wurde schnell ersichtlich, dass Becci ganze Arbeit geleistet hatte. Nicht nur reagierte er nicht ablehnend auf meinen eher verschlechterten Zustand, sondern verhielt sich unverhältnismäßig sanft und sensibel, nahm mich in den Arm und zeigte Verständnis. Er hat es tatsächlich gesagt: „Becci hat mir gesagt, wie es um dich bestellt ist, und ich verstehe es.“ Er hat mich geduldig angehört und spüren lassen, dass ich nicht die Einzige bin, die unter der Situation leidet. Er hat die Gewissheit verweht, ihm egal zu sein, die sich in den Tagen zuvor bei mir manifestiert hatte.

Alles wurde erträglicher in diesem Moment. Er hat mir den Glauben daran wiedergegeben, dass ich die kommende Zeit überstehen kann – dass es einen Sinn hat, zumindest nicht gleich aufzugeben.

Leider war dieser Augenblick, so notwendig er auch war, meiner Gesamtlage nur bedingt zuträglich. Ich habe entsetzlich geschlafen und wurde, als er schließlich aufstand und zur Arbeit ging, von einer so ekelhaften Panikflut überschwemmt, dass ich bald nicht mehr wusste, wo oben und unten ist. Mein Termin bei der Therapeutin war ja aufgrund der ursprünglichen Planung, der zufolge ich bis Dienstag Früh bei Becci hätte bleiben sollen, auf Mittag verschoben. So viele Stunden, die es noch zu überleben galt – aber ich habe es geschafft. Basti (der mich natürlich letzte Woche nicht angerufen hatte) hat mir geschrieben und, nachdem er die Dringlichkeit der Lage begriffen hatte, vorgeschlagen, später zu telefonieren. Ich akzeptierte, wenn auch ohne viel Hoffnung, dass das Gespräch tatsächlich zustande kommen würde.

Der Therapeutin gegenüber bin ich dann auch erstmals beinahe unkontrolliert zusammengeklappt, während ich ihr von dem unheilsamen Eigenleben ohne erkennbaren Realitätsbezug berichtete, das meine Psyche entwickelt hatte. Sie war extrem hilfreich und nahm mich ernst, ordnete an, ich solle mir Beruhigungsmittel verschreiben lassen, und zeigte sogar die Möglichkeit auf, bei der psychosomatischen Klinik anzufragen, ob ich kurzzeitig dort unterkommen könnte. Ihr sei es wichtig, dass jemand für mich da sei. Ob niemand zu mir kommen könne. Und auf meine Erklärung hin, es würden mich bald meine Mutter und später dann Becci besuchen kommen, gerade würde ich jedoch etwas Zeit allein überbrücken müssen: alles sei in Ordnung, um mich über Wasser zu halten, ob das nun Zocken oder Telefonieren sei.

Gesagt, getan: ich kam nach Hause, meldete mich bei Basti zurück, erhielt keine Antwort von ihm und freute mich umso mehr, als stattdessen Simone anrief. Redete mit Simone (und erklärte so diplomatisch wie möglich, dass ich es, so dankbar ich auch bin, im März nicht zu ihr nach Wismar schaffe) und praktisch direkt im Anschluss mit meiner Oma, die darauf bestand, trotz meiner Befürchtung, sie damit zu belasten, in mein Drama eingeweiht zu werden. Noch eine Stunde überlebt. Irgendwann meldete sich dann auch Basti wieder; mit ihm habe ich geredet, bis ich los zum zweiten Arzttermin des Tages musste.

Die Ärztin hörte sich meinen Bericht an, fackelte nicht lange und verschrieb mir neues Escitalopram – 15 mg diesmal – sowie Tropfen zur Beruhigung und Tabletten gegen die körperlichen Panikerscheinungen.

Die Tropfen haben’s drauf. Ich habe überlebt:

  • Auflösungsvertrag für R’s Untermietverhältnis vorgelegt bekommen und unterschreiben
  • Mit R durch die Wohnung tingeln und ihm zeigen, was er alles vergessen hat zu packen
  • Gesagt bekommen, dass er heute auszieht
  • Diverse schwer erträgliche Einzelheiten: Absprachen bezüglich Katze, Kontakt etc.

…das ist doch schonmal Einiges.

Und da wären wir. Wie ich gerade zu Becci sagte, nun gilt es einfach nicht wieder durchzudrehen.

Hammers and Nails

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Wenn ich ihn bitte, sich seine schlimmste Angst zu vergegenwärtigen und sich vorzustellen, ein halbes Jahr lang jede Sekunde damit zu leben, vielleicht versteht er dann, dass ich es nicht schaffe. Nicht ein halbes Jahr lang. Eigentlich bin ich mit jeder verstrichenen Sekunde erstaunt, dass ich es offenbar immer noch aushalte.

Ich habe mit Caro geredet, die kein Problem darin sieht, wenn ich ihn um eine Verkürzung der Zeitspanne bitte. Mein Überlebensinstinkt sagt mir, dass das nicht genug ist. Mein kläglicher Rest Verstand sagt mir, dass es nicht in meiner Macht steht, diese Beziehung zu retten. Weil es nicht an mir liegt. Weil ich nichts tun kann, außer in einem Akt der Selbstsabotage die Entscheidung ohne die Pause von ihm zu verlangen, was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zur Folge hat, dass er seine Sachen (zu Ende) packt und auf Nimmerwiedersehen in sein neues WG-Zimmer, seine wiedergewonnene Freiheit und sein neues Leben entschwindet.

Vielleicht hat er den Anstand, es selbst vorzuschlagen, wenn er sich morgen bewusst wird, dass mein Zustand sich nicht gebessert hat. Er hat nie den Eindruck gemacht, als würde es ihm viel ausmachen, mich leiden zu sehen, aber ich kann nicht glauben, dass er so weit gehen würde, mich bewusst in ein derartiges Elend zu stürzen.

Ich weiß; eigentlich bin ich es, die sich ins Elend stürzt. Mein CBT-Kurs lehrt mich (und mein Verstand bestätigt), dass Gefühle nicht die direkte Folge äußerer Ereignisse sind, sondern dem entspringen, was man selbst daraus macht. Ich erkenne mich wieder in Watzlawicks Geschichte über jemanden, der sich vom Nachbar einen Hammer ausleihen will und über dessen potenzielle Einwände so lange spekuliert, bis er rübergeht und den perplexen Mensch anschreit, „behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“.

Aber was tue ich dagegen? Wie halte ich mich davon ab, mich derartig in Hirngespinste hineinzusteigern? Zuallererst muss ich nach Hause. Dann muss ich mit R reden, ob der will oder nicht. Und von dort aus alles Weitere. Nun erstmal die anderthalb Tage bis dahin überleben, was sich nicht einfach gestaltet, denn weder Panik noch Verzweiflung lassen nach.

Zehn Stunden Schlaf.

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Wolfgang hat sich gestern Nachmittag gemeldet. Er habe gehört, was bei uns los ist. Falls ich jemanden zum Reden bräuchte, noch sei er ja hier. So wie er für R da sei, sei er auch für mich da.

Ich bin vor Rührung und Erleichterung in Tränen ausgebrochen, als ich das gelesen habe, denn ich möchte nichts lieber tun als mit Wolfgang reden. Zum einen weil ich mir über ihn in seiner Funktion als R’s bester Freund ein Verständnis von dessen emotionaler Welt erhoffe, zu der er mir selbst den Zugang nicht bietet, und es mir mit seiner Hilfe vielleicht besser gelingen könnte, zwischen Projektion und Tatsachen zu differenzieren. Und auf der anderen Seite schätze ich Wolfgang als Mensch so sehr. Dass er in anderthalb Monaten wegzieht, ist ein weiterer herber Verlust, den ich werde wegstecken müssen.

Vielleicht war es diese unerwartete wunderbare Geste, die dazu führte, dass ich heute Früh um sieben die Panik bezwingen und nochmal einschlafen konnte – vielleicht war es auch einfach der nächtelang akkumulierte Schlafmangel in Kombination mit der täglichen Dosis Baldrian. Wie auch immer, ich habe bis nach zehn Uhr geschlafen und hätte rein vom Körpergefühl her wahrscheinlich nochmal so lange dranhängen können. Dafür war die Wand, die der Schlaf zwischen das Drama und meine Gedanken schiebt, dann aber doch zu dünn. Ist man erstmal wach, sickert alles in Sekundenschnelle durch.

Ich frage mich, ob es noch furchtbarer wird, wenn die Beziehung endgültig hinüber ist. Oder ob es wieder von vorne anfängt, der Schock, der Schmerz. Ob alles, was ich an Heilungsarbeit jetzt vollziehe, nicht in diesem Moment wieder zerstört wird. Oder ob es eine Befreiung wird, die mir erlaubt, nach vorne zu blicken un mich neu zu erfinden. Vielleicht bin ich bis dahin so weise, dass es so kommt. Unwahrscheinlich, aber möglich.

‚Wollen‘ vs. ‚tun‘

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Aufgewacht um kurz vor sieben, Weiterschlafen unmöglich. Das Dramahirn macht nahtlos dort weiter, wo es vor dem Einschlafen – überaus widerwillig – aufgehört hat. Natürlich hielt der entspannte Geisteszustand nicht an, bis ich im Bett lag; vielmehr drehte es nochmal voll auf und bereitete mir das Vergnügen, mich „Keine Übersprungshandlung keine Übersprungshandlung keine Übersprungshandlung keine Übersprungshandlung keine Übersprungshandlung“ vor mich hinsagend auf Beccis rechter Bettseite hin- und herwerfend davon abhalten zu müssen, bei R anzurufen und alles noch dreißigtausendmal schlimmer zu machen.

Ich will nach Hause. Nach Hause und überprüfen, ob die Stimme Recht hat, die ohne Unterlass schreit, „ich bin ihm egal“. Nach Hause und Gefühlsregungen aus ihm herausquetschen, die mich vom Gegenteil überzeugen, die mich das alles ertragen lassen. Nach Hause und herausfinden, mit welchem Mindset er an diese Sache herangeht, ob er überhaupt vorhat zu reflektieren oder sich gleich daran macht, mich so gut es geht zu vergessen. Ich will ihn anrufen, mit Fragen und Vorwürfen überschütten, in seiner Stimme hören, dass nicht alles verloren ist; ihn anflehen, mich nicht wegzuwerfen. Ich werde nichts davon tun.

Warum kommt es immer wieder. Die unmenschliche Anstrengung, es nicht noch schlimmer zu machen, und immer ist sie vergebens.

Vielleicht war sie nicht jedes Mal völlig vergebens. Hätte ich mich weniger angestrengt, wäre möglicherweise der Ukumensch nicht nach Jahren mit einer neuen Aufnahme von Destinations Unknown auf mich zugekommen. Es wäre vermutlich auch Kepa nicht nach Jahren mit dem Vorschlag einer Bolivien-Reise auf mich zugekommen. Aber selbst in diesen Fällen führte meine Anstrengung nur zu einer Milderung der Ablehnung.

Egal, wie wenig es mir in der Vergangenheit jedoch geholfen hat, ich könnte mir niemals erlauben, diesen Bedürfnissen nachzugeben. Was würde mich sonst noch von Barbara unterscheiden, die damals ihrem Freund drohte, sich umzubringen, sofern dieser nicht am gleichen Abend seinen Vierjährigen beim Jugendamt abgeben und zu ihr auf die andere Seite des Landes ziehen würde. Das wirklich Bittere ist, dass ihr Freund es daraufhin nicht fertig brachte, sich von ihr zu trennen. Ich reiße mir beide Beine aus, um mich zusammenzunehmen, aber mich verlässt man.

Panik, Panik, nichts als Panik. Hier fehlt nur noch die Titanic.

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Die Zeit vergeht. So. Langsam.

Als ich hier ankam, dachte ich tagelang, Beccis Uhr wäre kaputt, weil mir der Sekundenzeiger vorkam, als würde er hyperventilieren. Ich musste mit meiner Handy-Stoppuhr nachmessen, um mich eines Besseren belehren zu lassen.

R wird am Mittwoch, also vorgestern (erst?!) den Mietvertrag für sein WG-Zimmer unterschrieben haben. Nicht dass er sich mal gemeldet hätte, um es mir zu erzählen, aber ich schätze, ’normaler Umgang‘ gehört trotz gegenteiliger Absprache mittlerweile der Vergangenheit an.

Ich werde verrückt. Vielleicht weil ich von jeher Alles-oder-Nichts-Denkmustern verfallen bin. Vielleicht weil ich das Loslassen nie gelernt habe und dieses ‚Was du liebst, das lasse gehen‘-Prinzip für meinen kleinen Geist zu groß ist. Vielleicht weil ich Wissen und Fühlen wie so oft nicht miteinander vereinbaren kann.

Es ist alles in meinem Kopf. Wenn ich nur anders auf die Dinge reagieren könnte, dann wäre ich um so Vieles lebensfähiger. Aber – ich sage es nochmal, denn es lässt mich nicht los – man schließt aus Bekanntem auf Neues, und woher soll ich ohne eine einzige entsprechende Erfahrung in meinem sogenannten Schatz (Fluch träfe es wesentlich besser) die Bereitschaft nehmen, diese Geschehnissen mit auch nur einem Funken Gelassenheit zu begegnen? Man lernt doch aus seinem Leben – es lässt sich gar nicht vermeiden. Ich habe gelernt, wie so etwas ausgeht.

Am Ende bin ich nie wichtig genug.