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Making Fingers

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Ach, es tut schon verdammt gut. Die Wohnung ist gesaugt, gelüftet und relativ aufgeräumt. Im Bad riecht es nach Pflegeprodukten, an mir selbst ebenso. Ich bin frisch geduscht. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist es mir schließlich gelungen, meinen Pony zu föhnen. (Hey, man kommt mit dem Wissen, wie man einen Pony föhnt, nicht auf die Welt – und ich habe meinen noch nicht mal zwei Wochen.) Der Trockner und die Spülmaschine laufen. Ich habe noch anderthalb Stunden Zeit, bis mein Schüler kommt.

Würde nicht die Katze auf mir sitzen, könnte ich noch Wäsche zusammenfalten. So dagegen kann ich stattdessen etwas von dem Auftrag abarbeiten, den ich morgen abgeben muss, und zuvor der Welt davon berichten, was ich heute schon alles geschafft habe.

Und auch andere Dinge sind berichtenswert. Berichtenswert, ja, aber schwierig in Worte zu fassen. Ich habe es gerade versucht und war überhaupt nicht glücklich damit.

Aber ich versuche es noch einmal. Vielleicht kann ich es von hinten aufrollen. Ich hatte einen dazu passenden Gedanken vorhin beim Staubsaugen, und zwar den, dass es möglich ist, sich Fingerhandschuhe aus Fäustlingen zu machen. Gerade habe ich darüber noch einmal nachgedacht und festgestellt, dass ich genau der Mensch bin, der genau das tun würde, angenommen, ich wollte Fingerhandschuhe und das Leben präsentierte mir Fäustlinge. Umständlich? Ja. Fragwürdiger optischer Eindruck des Endprodukts? Vermutlich. Funktionstüchtig? Definitiv. Und ein Projekt, auf das man stolz sein kann, denn es steckt harte Arbeit drin und, noch besser, die Individualitätsstufe ist schwer zu übertreffen.

Natürlich macht das nur Sinn, wenn ich dazusage, dass mir das Lied ‚Mittens‘ von Frank Turner immer ein beklemmendes Gefühl vermittelt hat. Because I definitely need to fit like gloves. And I never quite felt like we did.

Und daran habe ich über die Jahre gearbeitet und tue es nach wie vor, und ich habe zwar den Eindruck, dass ich einen monströsen Teil dieser Arbeit unbemerkt und allein verrichte, aber es wird immer besser. Es wird beständig besser und es wurde vor ein paar Tagen besser, als R mich erstmals bat, ihm von meinem vergangenen Beziehungsleben zu erzählen. Ich bin der Bitte nachgekommen und habe in drei-vier Sätzen erläutert, dass ich zuvor nicht die Gelegenheit hatte, mit den Menschen, die ich mir ausgewählt hatte, eine Beziehung zu führen. Dass ich eher so der Mensch war, dem man sagt, was für eine unglaubliche Verbindung man mit ihm doch habe, von dem man jedoch in romantischer Hinsicht nichts wissen will. Dass man da irgendwann einfach nicht mehr weiß, was man überhaupt noch fühlen darf. Dass ich schon einen ziemlich großen Knacks weg hatte, als wir uns getroffen haben. Dass ich sehr dankbar bin, dass der Knacks geheilt ist. Eine richtig schöne kleine Rede. Er hat alles zur Kenntnis genommen und am Ende gesagt, sie wären selbst schuld gewesen. Details wollte er keine wissen. Aber es war immerhin eine Frage. Für meinen Handschuh mindestens ein Finger mehr.

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Azorenregen

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Heute hat es geschüttet, als wäre im Himmel oben irgendwo ziemlich genau über uns ein Damm gebrochen. Es wurde also noch einmal ein richtiger Chilltag, aller Voraussicht nach der letzte des Urlaubs – ab morgen Nachmittag haben wir das Auto und werden damit unterwegs sein und zum Chillen weder Zeit noch Ausreden haben.

Aber heute war schön. Ein angenehmes Nichtstun, nicht zu vergleichen mit dem elendigen Versacken vor einer Woche. Wir haben unser bewährtes Urlaubsbrot mit unendlich Knoblauch gegessen, dessen Teig Becci am Vorabend schon zubereitet hatte, sodass ich nur noch zwei Fladen daraus formen und in der Pfanne backen musste. Dann schnell zurück ins Bett, in das warme Zimmer, zum Luxus des kleinen, aber effektiven transportablen Heizkörpers, den ich nach der ersten, durchfrorenen Nacht aus dem Gemeinschaftsraum zu uns verschleppt habe und seither wie eine Gottheit verehre.

Wir hängen im Bett und reden wenig, lesen, zocken und hören Musik. Wir haben Honiglikör mit Zimtnote, Produkt der Azoren, und Erdnüsse mit Honig- und Salzkruste; Dekadenz, die wir uns zu erlauben entschlossen, nachdem uns die Autovermietung am Flughafen – vielleicht in Anbetracht unseres Hippietouristenaussehens – ungefragt einen Rabatt von knapp 20 Euro angeboten hatte. Die Flasche steht in dem Spalt zwischen den Matratzen unserer zusammengeschobenen Betten, einige Erdnüsse sind in der Schüssel neben meinem Kopfkissen.

Becci schläft mit Kopfhörern in den Ohren, und ich frage mich, welchen Effekt dies auf die vor ihr liegende Nacht haben wird, aber ich möchte sie auch nicht aufwecken.

R schreibt mir, dass er mich vermisst, und ich bin glücklich und antworte dasselbe. Seitdem ich ihn kenne, ist dieses Wegsein das allererste mit Kommunikation zwischen uns, die unserer Beziehung gerecht wird. Ich bin unfassbar froh darüber, wie alles immerzu besser wird und die Fortschritte kein Ende nehmen. Diese Beziehung ist schon seit Langem nicht mehr die Bauruine, die ich damals bezogen habe; sie hat eine Kernsanierung hinter sich, ein dichtes Dach und eine isolierte Fassade, eine Fensterfront mit Meerblick und ein ausgebautes Dachgeschoss. Es ist darin warm und gemütlich und nichts an der Einrichtung ist provisorisch. Und langsam, aber sicher kann ich mich den letzten paar Kisten zuwenden, die noch im Keller stehen.

Gammeln

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Oh, diese Episoden, wie ich sie liebe, in denen alles zu viel ist. Ich habe es soeben geschafft, mich zu duschen, und hallelujah, es wurde Zeit. Duschen bedeutet einen so unermesslich kolossalen Aufwand, weil es gleichbedeutend ist mit Konfrontation. Mit Wasser. Man muss sich überwinden. Dazu, von einem Moment auf den anderen nicht mehr von Luft und stinkendem Schlafzeug umgeben zu sein, wie man es gewohnt ist. Sondern mit Wasser. Wasser ist nicht der bisherige Zustand. Sondern Veränderung. Neues. Das macht es zum Feind.

Die Außenwelt ist auch ein Feind. Sie will immer neue Dinge von dir, denen du dich dann stellen sollst. Das überfordert mich und ich lese tagelang keine der Whatsappnachrichten, die ich erhalte. Das macht mir ein schlechtes Gewissen. Jeden Tag wird es ein bisschen schlechter. So wie die offene Kondensmilch im Kühlschrank. Man muss sie rechtzeitig entsorgen, bevor sie nicht mehr flüssig, sondern schimmlig-pudrig ist und dir beim Ausleeren der verhasste feine Schimmelsporenstaub um die Nase wirbelt. Das Gewissen schimmelt auch. Teile meines Gewissens schimmeln schon seit Jahren aufgrund meiner Unterlassungen während solcher Episoden.

R und meine Arbeit ermöglichen mir den Erhalt einer Grundstruktur. Ich konnte unmöglich noch einen Tag nicht duschen. Sophi ist immer so gepflegt. Und R verdient es, mit einem nicht widerlich müffelnden Menschen in einem Bett zu schlafen. Der wirkliche Grund, warum ich es heute geschafft habe, war aber die Tatsache, dass ich mein altes Schlafzeug heute Früh beim Ausziehen schon auf links gedreht hatte.

Schlecht geht es mir dabei nicht. Ich existiere einfach so vor mich hin.

Bienensterben

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Ich bin eine Biene.

Es scheint in der Arbeitswelt des Kapitalismus verschiedene Sorten Coping strategies zu geben, welchen sich einzelne Menschen zuordnen lassen. Ich kann unter der einkommensschwachen Bevölkerung bisher Milchkühe und Bienen unterscheiden. Ich bin eine Biene, weil ich wohl zu der etwas schwieriger auszubeutenden Sorte Mensch gehöre. Die Milchkühe kannst du um ein Vielfaches schlimmer misshandeln und quälen, sie liefern trotzdem. Mit Bienen musst du anders umgehen, weil sie so eng an ihre Bedürfnisse gefesselt sind, dass sie einfach sterben, wenn du ihnen zu viele Freiheiten nimmst. (Ein Grund, aus dem ich den Honigkonsum immer noch weniger verwerflich finde als den Milchkonsum.)

Ich schaffe es nicht, mir Arbeit aufzwingen zu lassen, die mir Dinge abverlangt, die für mich keinen höheren Sinn haben. Ich fühle mich immer noch wahnsinnig schlecht deswegen, sogar noch mehr, seitdem ich begonnen habe zu durchschauen, dass dieses ganze System nichts weiter ist als eine Riesenmatrix, und schaue mit einer Mischung aus Bewunderung, Verachtung und Unverständnis in diese gigantische Milchfabrik hinein, die die Welt zu sein scheint. Warum kann das jeder?

Ich sehe jeden einzelnen Menschen auf der Straße und denke mir, sie schaffen es alle, sich irgendwo hineinzuzwängen. Die Straße müsste blutrot glänzen unter all den abgehackten Zehen und Fersen, die Schuhe müssten triefen und langsam zerfallen. Jeder außer mir scheint in der Lage sein, sich versklaven zu lassen. Einige sogar freiwillig. Manche sogar gerne. Und ich, von all den dummen Menschen auf der Welt, ich bin der dümmste, weil ich es nicht schaffe.

Mein Schüler-Imperium ist von einer auf zwei angewachsen und ich kann mir endlich wieder gewahr werden, dass es wirklich existiert, mein ideales Arbeitsfeld. Eines, das nichts mit Essenretten und Marmeladekochen und Waschmittelmachen und Basilikumpikieren und Maronensammeln und Staubsaugen zu tun hat. Wo mir meine Leistungen mit Geld bezahlt werden, das ich auf die Deckung meiner Grundbedürfnisse verwenden kann. Ein Dach über dem Kopf und Elektrizität zum Beispiel. Und vielleicht bald ein neues Paar Kopfhörer, womit ich schon seit Ewigkeiten liebäugele. Das reicht mir ja schon völlig. Da kann ich einer meiner Berufungen nachgehen und bekomme noch etwas zurück. Solange ich noch eingeschrieben bin, wird das auch zum Leben reichen.

Löcher und Käse

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Gerade schrieb ich einen Eintrag, den ich nicht veröffentlichen werde, weil er zu denjenigen zählt, mit denen ich selbst im Moment der Veröffentlichung schon nicht mehr einverstanden bin. Er liegt nun da herum und wird vielleicht irgendwann mal rausgekramt, dann aber in einem anderen Leben.

Nunja, was soll ich sagen. Es hat in meiner an sich schon in äußerst raren Momenten wirklich sorgenfreien Beziehung recht gewaltig geknistert (und kein Knistern von der guten Sorte, either), sodass ich mich langsam als Expertin der Almost-Break-Up-Momente begreife und einfach mal hochgespannt auf das Geschehen der kommenden Monate blicke. R’s nie endender Zynismus und die Eiseskälte, mit der er aus Selbstschutzzwecken an so etwas herangeht, scheinen ansteckend zu wirken: Während mir eigentlich der Kopf schwirrt und ich (meiner Art gemäß, vom Moment umgehend aufs Ganze zu schließen) aus dem Denken, Zweifeln, Hadern kaum hinauskomme, schleicht sich zwischen die kopflos wuselnden Emotionen immer mal wieder ein gelassenes Stimmchen, dessen körperloser Besitzer sich mit Bier und Popcorn in eine Ecke gehockt hat und nun ins Treiben hinein verkündet, „Mal schauen, wie, wo, wann ihr den Karren in den Dreck fahrt. Und was noch alles passieren muss bis dahin.“

Von unerhört vielen anderen Seiten aus betrachtet, du wirst lachen, verfügt diese Beziehung über eine Stabilität, die es fast schon wieder lächerlich macht, Momente wie die vergangenen Tage überhaupt durchleben zu müssen. Ich muss spontan an Simones Mutter und die von ihr metaphorisierten Löcher im Käse denken. Ich sag dir, was wir brauchen, R und ich: Willenskraft, an uns selbst zu arbeiten, er an seiner Art der Kommunikation und ich an meinen Erwartungen.

Noizbait ulertua sentitu zugatik

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Habe ich mal erwähnt, dass dieses Lied… zutrifft?

Ja, habe ich. Ich weiß.

Baina ikasi dut heziz-hezi
Ezinetan itotzen naizela.

(Google Translate – ich mache mir immer mal wieder den Spaß, meine fremdsprachlichen Ergüsse dort einzugeben, einfach um zu sehen, was passieren würde, täte dies irgendeiner meiner aufmerksamen Leser mir gleich – sagt dazu übrigens: „Aber ich lernte erzogen erzogen: Ich kann nicht ertrinken.“ Und verunglimpflicht so die tatsächliche Nachricht der beiden Zeilen – „Aber mit Unmengen an Disziplin habe ich gelernt, dass ich in Unmöglichkeiten ertrinke“ – bis hin zur völligen Unkenntlichkeit. Wie man das von Gogle Translate eben nicht anders gewohnt ist.)

Kepa warf heute, inspiriert durch Heinrich Bölls Irisches Tagebuch, die Frage auf, mit was für Vehikeln der Mensch wohl so vom Dock der Geburt bis in die Schiffsbrüchigkeit über die Weltmeere zockelt. Bevor wir letztendlich beschlossen, dass ich auf dieser Müllfilterkonstruktion wohnen würde, die demnächst gebaut werden soll, wo ich als Müllmonster jeden verschlinge, der mich nicht mit Alkohol oder anderen Rauschmitteln besticht, visualisierte ich mein Fortbewegungsmittel auf seine Frage hin wie folgt.

Unfertig, bunt zusammengeflickt aus allen möglichen kleinen Gegenständen, beständig erweiterbar, notdürftig gestopft an den Stellen, an denen ich mir meine Manie nicht leisten kann, mit dem Reparieren zu warten, bis das perfekte Stück Plunder angetrieben kommt, wie ich es sonst so halte. Steuerlos und mit vielfarbigen Segeln an so windschiefen Masten, dass jeder Andere Angst hätte, sich drunterzustellen, ich aber nicht, weil sie schon immer so waren und trotzdem funktionieren.
Das war schonmal ein guter Anfang. Ich müsste mir nochmal Gedanken machen, um mir mein Traumschiff zu Ende zu konstruieren. Die Frage ist eigentlich echt nicht übel, obwohl er mich in einem der raren Momente erwischt hat, in denen ich zu tiefgründigen Überlegungen eigentlich gar nicht aufgelegt war. Ich gebe weiter: „Wie sieht dein Schiff/floating Gegenstand aus?“ Seriously, give it some thought.

The Dragon Without

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Wieder zwei Absätzchen weiter. Das geht schleppend, aber immerhin tut sich was.

Jetzt kurz containern fahren und dann keine Zeit mehr, ich muss zu Cihan. Ich bin gespannt, ob er schon irgendetwas dafür unternommen hat, sich die unregelmäßigen Subjonctif-Verbformen reinzupauken; he’d better know them oder ich sehe keine Chance für seine anstehende Arbeit.

R zieht es jetzt wirklich durch und arbeitet jeden Tag mit Arne am Aufbau ihres nunmehr offiziell gemeinnützigen Projektes. Ich wünschte mir, meine Bachelorarbeit würde mir im Entferntesten das gleiche Versprechen eines besseren Lebens als Lockmittel präsentieren, um ähnliche Motivation bei mir hervorzurufen. Aber ich fürchte, da kann ich lange warten. Was soll ich nur machen mit meinem Leben, was soll ich nur machen.

Mama vermittelte mir neulich einen Kontakt in Costa Rica, der sich offenbar bereiterklärt hatte, sich meine Eckdaten mal anzuschauen und mir Jobmöglichkeiten aufzuzeigen, falls ich Interesse hätte, nochmal für ein Weilchen nach dort drüben zu übersiedeln. In dem Zustand, in dem ich mich gerade befinde, bin ich fast schon wieder soweit, es in Erwägung zu ziehen. Ich hab‘ Hunger, ich bin sehr leicht angetrunken (gerade genug, um den Perfektionismus zu beseitigen, der mich blockiert ohne Ende und so davon abhält, mit meiner Arbeit voranzukommen) und R’s Bemerkung, ich solle mir doch Ersatz suchen für die Zeit, in der er nicht da ist, dann hätte ich zwei Kuscheltiere, hallt mir noch im Kopf nach. Joa, ich setz‘ mich nach Costa Rica ab, dort laufen zwar die übelsten Kreationisten und Kindesschänder rum, was sich dann Bildung und normale Erziehungsmethoden nennt und wo ich sicher mit meinen Vorstellungen gut reinpasse auf Dauer, aber wenigstens hab‘ ich die Gewissheit, dass R das Ganze super verschmerzen würde, denn Ersatz ist ja schnell gefunden. Yay, doesn’t that make me feel so incredibly loved and special.

„Ein Seil wird doch nicht dadurch dünner, dass man daneben ein zweites Seil spannt.“

Ich sag‘ dir, was das Problem daran ist, wenn du ein zweites Seil spannst, du Intelligenzbestie. Dein erstes Seil wird nicht dünner, da hast du Recht. Es wird einfach überflüssig. WEIL EIN VERFICKTES SEIL REICHT. Vorausgesetzt, es ist stabil. Vorausgesetzt, du traust ihm zu, dich aufzufangen. Wenn das natürlich nicht gegeben ist, stellt sich die Frage, was du überhaupt damit willst. Dein Seil kann dich nicht halten? Ach so, dann ist es nur logisch, es weiter mit sich herumzuschleppen, während man sich ans nächste hängt. Da freuen sich alle, die daran zu tragen haben, dein zweites Seil bestimmt auch. Wirklich?! Nichtmal ich wüsste einen Verwendungszweck für ein kaputtes Seil. Wenn auf mein Seil kein Verlass ist, steig‘ ich auf Freeclimbing um und schmeiß‘ das unnütze Ding irgendwo in den Abgrund. Vorausgesetzt es besteht aus Naturfasern. Sonst hoffe ich einfach, dass mir irgendwo in den luftigen Höhen eine Mülltonne begegnet.

Mosaics

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Die Male, die ich dieses Jahr meine Songmappe aufgeschlagen und mich in der Absicht, ein bisschen herumzuklamüsern, mit der Gitarre dahintergeklemmt habe, lassen sich problemlos an einer Hand abzählen. Um genau zu sein, sogar an einem Finger. Aber immerhin den einen Finger braucht man seit heute Abend. Nimm noch drei dazu und stell dir einen leicht unangenehm kribbelnden Schmerz in den dazugehörigen Kuppen vor und du errechnest dir gleichzeitig den Zustand meiner linken Hand. Schande über mich, wie konnte ich es so weit überhaupt kommen lassen.

Aber ich habe auch eine Entdeckung gemacht, die mich insofern freute, als ich mich letztens noch gefragt hatte, wo dieses Werk sich wohl versteckt hält – eine nächtliche Notiz von vor ziemlich genau einem J… Moment, WAS? Öh, ja, augenscheinlich von vor haargenau einem ganzen Jahr*. Scheiße, ist das unheimlich. Und: Wo ist dieses Jahr auf einmal hin?!

*Zumindest bevor Rini und ihr Freund, Erkam, auf einen spontanen und wunderbaren Besuch bei mir hereinschneiten, war es noch auf den Tag genau ein Jahr.

I’ve just had the weirdest of epiphanies.
I have – as, I’m sure, have plenty of you – been crushed to a zillion little pieces and left on the ground, shattered. And while it is certain that it’s quite impossible to reassemble all of them and put them in place as if nothing has happened, as it turns out, being crushed to a zillion little pieces is, in fact, an extraordinary opportunity to have them grow back together into a colorful, diverse work of art: a mosaic. Getting back up is not about trying to fix the damage and move on and about with a couple of cracks and holes, clumsily disguised. It is about rearranging parts broken loose in an even better manner than the one in which they originally came. Plain surfaces are unbroken, but a mosaic is a work of art, unique in all its ways, and proudly displaying the result of the neverending effort with which it was produced.

Mosaics, 4.9.14, 6.00am.

Thymian und der Ausblick aus dem Mikrokosmosfenster

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Mir kam vorhin der Gedanke, mich mit einem Ast frischen Thymians zu vergleichen. (Es wird niemanden überraschen, dass ich gerade dabeiwar, die Aprikosenmarinade für mein soeben gerettetes tiefgefrorenes Zanderfilet mit Kräutern zu versehen. Und ja – durch meine mittlerweile bis auf wenigste Ausnahmen durchweg konsequent auf Gerettetes umgestellte Ernährungsweise bin ich kurzerhand wieder zum Allesfresser geworden, wobei es mir immer noch nicht wirklich behagt, Fleisch zu essen. Allein der Gesundheit wegen. Aber so ein gerettetes Wiener Würstchen als Teil eines geretteten Hot Dogs oder ein Fischbrötchen, das Basti aus der Arbeit rettet, oder ein Zandernfilet vom Großhandel meines Vertrauens, meine Güte, das passiert halt mal.)

Jedenfalls verhält es sich mit mir wie mit dem frischen Thymian auch. Ich bin grundsätzlich mindestens so leicht von etwas zu überzeugen, wie sich die Blättchen vom Stiel entfernen lassen, wenn du oben ansetzt und gegen den Strich ziehst. Natürlich sträube ich mich ein bisschen, wenn es um die Feinheiten geht – die kleinen Seitenäste fallen mit ab und müssen im Nachhinein einzeln entlaubt werden – aber wenn du es richtig anstellst, bin ich für jeden Schwachsinn, der mir nicht völlig wider die Natur geht, Feuer und Flamme. Du kannst es allerdings auch auf die falsche Weise versuchen – das thymianische Äquivalent hierzu wäre dann, den Stiel am unteren Ende anzupacken und nach oben hin zu ziehen. Keine Chance. Das ist meine Mutter, die mich an meinen Schwächen packt statt an meinen Fähigkeiten. Und das ist R, der trotz aller Kompromissbereitschaft nicht aufhören kann, mir meine bislang sehr ausgeprägt monoamore Orientierung als etwas Rückständiges verkaufen zu wollen, das ich ablegen soll.

Ich bin in vielen Dingen kein sehr reflektierter Mensch, und würde ich das nicht offen zugeben, könnte ich mir keine Sekunde lang mehr selbst in die Augen sehen. Mir ist mein Mikrokosmos wichtig, den ich mit Hingabe hege und pflege – so gründlich, dass mir manchmal zu wenig Zeit bleibt, um nebenbei aus dem Fenster zu schauen. Ich tue gleichzeitig allerdings mein Bestes, um meine natürliche Unreflektiertheit dadurch auszugleichen, mich in Konfliktsituationen nicht unbedacht auf einer Seite zu schlagen, sodass, wenn ich dann doch mal wieder mit neuem Gedankengut oder unbekannten Sachverhalten konfrontiert werde, mir halb der Kopf platzt vor Bemühungen, alle Perspektiven gleichzeitig zu sehen. Das macht es dann doch wieder so leicht, mich zu beeinflussen. Das macht andererseits mich selbst so empfindlich gegen Angriffe. Meine Gedanken stehen auf so wackeligen Füßen, dass ein Windhauch ausreicht, damit ich zur nächsten Mauer hechte, die Schutz bietet. Das muss keine schöne Mauer sein. Meistens ist es schon zu spät, sie genauer zu begutachten, wenn ich auf der Flucht bin. Und am Ende werfe ich mich volle Kanne gegen etwas, aus dem Nägel herausragen oder Glasscherben.

But, then, everything’s better than falling.

Wanda.

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„Egunak oraindik ez du argitu baina… oskarbi dago zerua.“

Nein, andersherum. Egunak argitu du orain baina hodeitsu dago zerua. Hodeitsu dago egun osoa.

Ich bin müde, und das ist noch leicht untertrieben. Aber natürlich kann ich jetzt nicht schlafen, sonst bin ich ja tot, wenn ich nachher zu Lisa fahre. Und danach ist Probe mit Sarah und Moritz, also vorerst keine Chance auf Erholung von den Strapazen der letzten Nacht.

Kepa hat mich angerufen, während ich in der Uni war. Wenn ich nur wüsste, was er wollte. Nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich gerade in Euskera sitze, hat er sich geweigert, es mir mitzuteilen. Er würde es dann später nochmal versuchen, sagte er. Ich habe ihn zurückgerufen, als ich rauskam, aber er ging nicht ran. Er macht mich noch vollkommen fertig macht mich dieser Mensch.

Ich schlafe jetzt einfach trotzdem. Sei ich auch nachher tot. Containern muss ich auch noch; meine Eltern kommen morgen für ihren zweiwöchentlichen Großeinkauf in die Stadt, ganz nach Schweizer Manier, und natürlich möchte ich ihnen so viel es geht davon abnehmen. Dafür nehme ich sogar in Kauf, nach der Probe nochmal loszutingeltangeln, obwohl ich bis dahin wahrscheinlich komatös bin.

Kepa schrieb mir eben, er wäre jetzt auf der Arbeit und würde mich später anrufen. Ich bin vollkommen verwirrt. Warum will er mich jetzt unbedingt anrufen, was ist denn los? Er ruft mich nie an, außer es ist etwas Dringendes. Organisatorisches meistens. Oder aber um mir zu sagen, dass ihm ich nicht über Facebook die drogendealerischen Tätigkeiten meines Hundes mitteilen soll. (Und daraus resultierte dann unser einziges, dafür aber vierstündiges Skypegespräch. Ich bin also mehr als froh, es doch getan zu haben.)

Na wunderbar. Jetzt habe ich es tatsächlich geschafft und bin nunmehr paranoid, dass es was Fürchterliches ist und etwas mit Namibia zu tun hat, oder aber mit mir, oder noch schlimmer, mit Beidem, der absolute Super-GAU.
Worst Case Scenario? Lass mich überlegen. Er hat wirklich irgendwas Unentschuldbares daran gefunden, wie ich den Luxmensch in unsere Reise einschleusen wollte. Oder allgemein irgendwelche negativen Gefühle mir gegenüber. Verachtung? Oder er ist sauer? Selbst die allerharmloseste Genervtheit wäre genug, um mich fertigzumachen. Allerschlimmstenfalls wäre er darauf aus, mich zu verletzen. Natürlich ist dem nicht so, zumindest wäre das niemals sein vordergründiges Ziel. Aber was weiß ich denn, ob es nicht zwangsläufige Konsequenz aus dem ist, das er mir zu sagen hat. Ach, keine Ahnung, ich habe einfach nur eine schwammige, undefinierte Panik, er könnte mich aus dem Fenster schmeißen.

Haha, weißt du, am Ende ist es irgendwas total Stumpfes wie.. Aber mir fällt nichts ein, nichts Stumpfes, weswegen er mich anrufen sollte. Die ganze Zeit nicht bei Facebook antworten und dann auf einmal anrufen. ARGH.

Mein Kopf ist unglaublich platt, habe ich das Gefühl, nach den drei Stunden Euskera. Heute war wirklich hart. Hart, aber gut, natürlich. Daniel hat ein paarmal im Hika mit mir geredet (was Sinn macht, weil wir ja dabeisind, ihn durchzunehmen, den Hika). Ich wäre fast geschmolzen. Irgendwas ist sehr, sehr verkehrt mit mir. Das darf man gar keinem erzählen, was ich für einen merkwürdigen Hika-Fetisch habe. Wie gut, dass kaum ein Mensch die Kunst des Hika beherrscht, sonst wäre ich leichte Beute für jeden, der mich in irgendeiner Weise instrumentalisieren möchte.
Ich weiß, wer niemals erfahren darf, was es mit mir und dem Hika auf sich hat, Basti nämlich. Der würde auf der Stelle alles stehen und liegen lassen und sich daran machen, den verdammten Hika zu lernen – und er würde es schaffen – und dann würde er zeit seines Lebens nur noch Hika mit mir reden und ich müsste zusehen, wie ich es fertigbringe, nicht vollkommen wehrlos zu werden ob der Wirkung der Wörter. Es reicht ja schon, dass er anfängt, seine Facebooknachrichten mit simplen (aber nichtsdestotrotz effektiven) Wörtern auf Euskera zu versetzen. Verdammt sei mein Faible für diese Sprache, es sei verdammt. Ich komme mir wirklich vor wie.. hier. Schau. Language fetish at its best – wohl auf ewig eine meiner lebensdefinierendsten Szenen.