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Traumatraum

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Ich habe geträumt, R hätte mich verlassen. Es war entsetzlich. Spektakulär grausam, so, wie es mein Unbewusstes offenbar von Männern im Allgemeinen und ihm im Speziellen erwartet, Ersteres aufgrund von Erfahrungen, Zweiteres aufgrund von Paranoia.

Was bezeichnend ist: Er gab mir keine Gelegenheit zum Reden. Er war einfach weg und begab sich umgehend ohne weitere Erklärungen zu seiner Neuen, never to be heard of again. Er hatte sie in einem Forum über Programmiersprachen kennengelernt. Sie war ein übler Crack, noch dazu wunderschön mit einer traumhaften Figur und einem Charakter ohne jeden Anflug von Drama.

Aber das erfuhr ich erst nach drei Wochen, kurz nachdem ich mit Becci, meinen Eltern und (sage und schreibe) Şahin in unserem Wohnzimmer in Oldesloe saß und der Moment kam, in dem ich das unbändige Bedürfnis nach Klärung nicht mehr unterdrücken konnte. Ich ging und schrieb auf den erstbesten Zettel, den ich finden konnte (es war ein kleines Blatt magentafarbenes Tonpapier, Teil eines Blocks): „Ich brauche ein Gespräch.“ Und noch irgendeinen Zusatz, der die Dringlichkeit klarmachen sollte.

Natürlich war es Blödsinn, fiel mir dann ein, diesen Text per Brief zu verschicken; es sollte ja schnell gehen. Ich tippte die gleiche Botschaft ins Handy. Gemischte Gefühle, der Würdeverlust auf der einen Seite und die Hoffnung auf Verstehen auf der anderen.

Ich bin nicht ganz sicher, wie es dann zustandekam, dass R mir antwortete und wir uns trafen. Jedenfalls war er unwillig, auch weiterhin, über das Vorgefallene zu reden. Sagte, er hätte mir doch alles mitgeteilt. Ich war völlig verstört.

„Es war von einem Moment auf den anderen. Du hast nie was gesagt, du hast einfach nie was gesagt!“

Mir entschwinden gerade Teile des Traums unter den Fingern weg. Hochgradig frustrierend. Aber irgendwie hat er sich letztendlich doch entschlossen, bei mir zu bleiben, was mich sehr freute. Aber ein Problem gab es noch.

Er sah nicht ein, warum ich darauf bestand, er müsse auf der Stelle die Planänderung seiner neuen Freundin mitteilen. Es war so typisch R. Du bittest ihn, etwas zu tun, und er willigt ein, was dann bedeutet, dass er die Erfüllung deiner Bitte auf der endlosen Liste der Dinge „To Do Sometime Next Decade“ unterbringt und auf der Stelle wieder vergisst.

Er fand es einfach nicht so wichtig. Genau wie er mich ohne ein Wort zu viel hatte hängen lassen, wollte er nun mit dem anderen Mädel verfahren. Ich hörte nicht auf, ihn zu belagern, er müsse das jetzt tun. Parallel blieb mir noch die Befürchtung, er würde sich einfach gern die Tür offenhalten; es war zum Verzweifeln. Er sagte einfach, sie sei gut darin, mit Leuten zusammenzukommen, und genau so gut in Trennungen.

„Da hat sie mir was voraus“, sagte ich und bestand trotzdem darauf, sie solle umgehend informiert werden.

Irgendwann klingelte dann mein Wecker. Ich war komplett am Ende und brauchte erstmal ein paar Sekunden, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass der letzte Monat mit aller bodenlosen Abgewracktheit und dem ewigen WARUM, das meinen Kopf zu sprengen drohte, bloß Produkt meiner Vorstellungskraft war, das ganze Drama einfach ausgedacht und R 1) wie eh und je heute Abend nach Hause kommen wird sowie 2) mir ziemlich sicher eine Gelegenheit zur Aussprache gewähren würde, ehe er sich vom Acker macht.

Das macht also das Trauma mit einem.

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Flamish Invasion

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Now in Stockholm. Ich habe noch original nichts von der Stadt gesehen, was daran liegen könnte, dass ich den gestrigen Tag bis vier Uhr nachmittags im Koma verbracht habe. Aber dafür gibt es ja noch heute und morgen. Sarah ist ins Vasa-Museum gegangen, mit dem Ägypter, den wir gestern hier im Hostel kennengelernt haben. Ich bin ja mal so überhaupt nicht für Kriegsschiffe zu begeistern und immer noch der Meinung, das einzig Gute an der Vasa sei gerade ihr erbärmliches Ende gewesen. Und dafür muss ich keinem Museum horrende Summen an Eintritt zahlen.

Umso mehr freue ich mich auf den Nachmittag; wir treffen uns um 2, um (zusammen mit einer Kompatriotin Sarahs, Zimmergenossin und ganz nett, sowie ihrer hier ERASMUS machenden Freundin) ein bisschen herumzustromern und uns eventuell einer dieser Gratis-Walking-Tours anzuschließen.

Nach dem ausgiebigen Schlafmarathon gestern habe ich natürlich ausgezeichnet einschlafen können nachts. Es war ungefähr das Furchtbarste, das mir passieren konnte, da wach in einem von fünf anderen Menschen bevölkerten Zimmer herumzuliegen und nichts tun zu können. Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme. Meine Insecurity Issues nehmen Überhand. Ich habe teuflische Stimmen im Kopf nachts, die mir einreden, ich hätte alles falsch gemacht. Die mir sagen, wie feige ich sei, wie unmenschlich feige. Dass ich mich in die Fassade eines Lebens hineinmanövriert habe wie ein Parasit, mit jemandem, der dieses Leben nicht möchte. Ich baue darauf, dass die Realität mir bald wieder eine andere Geschichte erzählen wird. Ich muss nur wieder nach Hause kommen.

Aber davon nun genug. Ich bin von Licht und schlechter Musik umgeben, habe Kaffee und Brot mit Spiegelei gefrühstückt (ich habe zwei Eier und ein Stück Brie in dem herrlich ergiebigen Fundus an hiergelassenen Lebensmitteln früherer Hostelgäste aufgetan und mir und der Flämin je eins zubereitet) und mache mich jetzt langsam mal auf in die Stadt. Ein bisschen kann ich ja wirklich schonmal auf eigene Faust erkunden, wenn ich schon bereits den zweiten Tag in Folge so dermaßen faul begonnen habe. Es ist das wunderbarste Wetter da draußen. Geld wechseln und mir ein Tagesticket für die öffentlichen Verkehrsmittel holen, das werde ich tun.

Zuvor aber noch eine erstaunliche Nachricht: Offenbar habe ich Internet in meiner Wohnung. Das wäre doch mal was, nach vier Monaten Warten. Man wird sehen.

Für Noia, und das auf Spanisch.

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Ich darf berichten: Abgesehen von einem übel entstellten Gesicht und zu wenig Schlaf habe ich keine Verluste mehr zu beklagen.

Ich bin recht froh, dass sich das so schnell wieder eingerenkt hat letzte Nacht. (In der Tat, wir haben es mit einer geringfügigen Untertreibung zu tun, aber da meiner Erleichterung eh keine Worte gerecht werden könnten, versuche ich erst gar nicht, mich um eine zutreffendere Formulierung zu bemühen.)

R schaut sich gerade für uns eine Wohnung an und rief mich eben noch auf dem Weg dorthin an, als ich noch mit Caro am Reden war. Meine Zweifel geben inzwischen wieder Ruhe, auch wenn das Telefonat nicht unbedingt eins der von Bestätigung und Harmonie erfülltesten war, die ich je das Glück hatte zu führen. Ich muss mir einfach vor Augen halten, dass mein Kopf mit mir die gleichen Geschichten abzieht wie Lauras mit ihr. Es ist nicht ganz ohne Grund, dass ich ihre Aktion von gestern zu einem erschreckenden Grad nachvollziehen kann, und aus dem gleichen Grund verspüre ich immer wieder das Bedürfnis, Nico zu verteidigen, wenn R sich mal wieder über ihn aufregt. Leider, leider plagen mich exakt die gleichen Wahnvorstellungen. Victim blaming hin oder her, mein paranoides Hirn ist sicherlich diesbezüglich nicht frei von Verantwortung.

Nun mache ich mich gleich auf zu meiner Wohnung, um dort mit Basti die Tiefkühltruhen-OP vorzunehmen und der gerade wieder mal eines weiteren Zahnes beraubten Waltraud ein paar Bananen zu bringen.

Mauerfall

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Mein Duftlämpchen ist an. Wer sich an bisherige Erwähnungen des Duftlämpchens noch erinnert (anders gesagt, ich), kann daraus mit Leichtigkeit auf den Zustand meines Zimmers schließen – tadellos – und den meines Geistes – restlos zufrieden. Gelassen. Gut.

Ja, natürlich habe ich heute wieder nichts für die BA getan, aber das Gewissen nagt nicht genug an mir, um meine Stimmung wirklich zu trüben. Ich werde noch irgendetwas machen. Gleich.

Ich habe Şahins Geburtstag damit verbracht, mir in der Arbeit die Seele aus dem Leib zu copy-pasten, und es damit für meine Verhältnisse so ungesund übertrieben, dass der stumpfe Automatismus mir um fünf Uhr bereits den Kopf zerstört hatte, ich aus dem Büro geflüchtet bin und draußen an meinem Fahrrad erstmal eine ganze Weile ratlos vor meinem Zahlenschloss stand, weil ich mich nicht erinnern konnte, wie dieses Ding eigentlich funktioniert.

Abends waren Sarah und ich mit Chris verabredet – ehemals Cajonist, als es unsere Band noch gab – und in Anbetracht der Tatsache, dass ich Chris ungelogen seit unserem letzten Auftritt in Sebis Küche nicht mehr gesehen hatte, habe ich mich zu Hause ein bisschen aufs Bett gehauen, bis der Kopf zu brummen aufhörte, R mit dem Abendessenmachen alleingelassen und mich nach einer Stunde wieder aus dem Haus gequält, um zu unserem alten Stammpub zu fahren. Natürlich las ich erst im Bus die SMS von Sarah, die der Arbeitstag offenbar nicht weniger mitgenommen hatte als mich und welche dementsprechend ohne Motivation whatsoever zu Hause hing und uns abgesagt hatte. Ich habe mich dann mit Chris allein getroffen und schonmal ein bisschen grobes Catching-Up betrieben, bis er ins Bett wollte, und parallel Basti und R für später zu mir beordert.

Das war schön, es war so wunderschön; ich war so ewig nicht mehr im Irish Pub. Oder überhaupt irgendwie weg. Ich tue das einfach nicht mehr. Allerhöchstens lasse ich mich ein-zweimal im Monat dazu bewegen, mich ins Contrast zu hocken, und fühle mich dann fürchterlich, weil ich fünf Euro für meine zwei Hefeweizen ausgebe. Gestern war ich irgendwie so von der Arbeit geschädigt, dass ich darin gar kein Problem sah, bzw mich von meiner eigenen Ausnahmestimmung einfach habe mitreißen lassen, und mir mit dem allergrößten Vergnügen zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten ein paar Guinness genehmigt habe; dann kamen die anderen beiden und Basti hat mir noch eins ausgegeben, wider jeden Protest. Und es war so schön und wir sind den halben Weg nach Hause gelaufen und es hing einfach so eine gute Laune in der Luft, ein unausgesprochenes „Wir haben uns alle lieb“, wie ich es so liebe.

Und heute hatte ich frei und habe sehr spät erst angefangen, überhaupt irgendetwas zu machen, vorher aber schon mit R gefrühstückt und Essen zu Facebook / vor meine Haustür gestellt und mit Caro geredet, und dann war es eben vier Uhr und ich habe mich daran gemacht, meinen Garten ein Stück weiter auf den Winter vorzubereiten. R war am Flyerdesignen und somit nicht wirklich anwesend, aber immerhin habe ich ihm wertvolles Feedback gegeben. Und später da am Tisch gesessen und Brötchen zerhackt, um endlich die volle Ladung Semmelknödel einkochen zu können, und mich mit Schrecken und Verwunderung an die wirklich nicht weit zurückliegenden Zeiten erinnert, in denen ich mir während solcher Situationen hilflos vorkam und so, als hätte ich keinen Zugang zu ihm.

Ich bin halt auch irgendwie ziemlich bedeppert. Mir scheint es gerade so, als hätte sich im frühen September mit meinem ruckartigen Aufwachen aus der widerlichen Phase davor meine gesamte Wahrnehmung korrigiert, aber so krass korrigiert, wie ich es ansonsten nur erlebe, wenn ich jemand tendenziell Unfähigem den Entwurf eines Textes überarbeite. Zack, da dreht sie sich mit einem Mal um hundertundachtzig Grad, gibt eins dieser unglaublich wohltuenden einrastenden Klick-Geräusche von sich und fügt sich damit endlich, endlich in die Position hinein, die ihr von Rechts wegen zusteht.

Wie das sein kann, frag ich mich. Wie paranoid kann ein einzelner Mensch denn sein, was war denn da mit mir los, um alles in der Welt. Ich habe immer noch das Gefühl, als würde R es mir auch wirklich leichter machen. Es ist ein Traum, gar keine Frage. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich mit einem Mal so schlagartig verändert haben soll, dass es mir auf einmal möglich ist, mal meine selbstzerstörerischen Selbstschutzmaßnahmen wegzustecken.
Oh, warte, vielleicht liegt es aber auch tatsächlich daran, dass ich mal etwas von mir preisgebe. Hey, ich hab’s geschafft, mal ein Stückchen aus meinem Panzer hervorzukommen. Irgendwas muss man doch beisteuern, damit etwas zurückkommen kann. Vermutlich ist es das, was ich lernen sollte.

Boggle my mind is what you do.

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Es hört gar nicht mehr auf, ich kann es nicht glauben. Wunderbare Dinge geschehen immerzu und ich komme kaum hinterher.

Trudi ist wie ausgewechselt und es macht auf einen Schlag wieder so unheimlich Spaß, mit ihr zusammenzuwohnen.

Ich habe Hannes seit Tagen nicht gesehen, auch wenn er wohl heute kurz hier war, was für eine Wohltat.

Meine Großeltern, meine Eltern und ich haben bestimmt anderthalb Stunden zusammen verbracht und uns dabei einfach nicht in die Haare gekriegt, niemand von uns.

Das Unglaublichste aber: R steckt offenbar momentan in einer „Aspi, du siehst glücklich aus, deine Kulleraugen quellen gleich heraus. Ich bin noch viel toller, als du deeeenkst“-Phase, und WHOA, sie haut rein, lass es dir gesagt sein. Es ist, als hätte er sämtliche ihn zu einer etwas schwierigen Persönlichkeit machenden Züge auf dem Abstellgleis geparkt. Zurück bleibt ein Mensch, dem ich auf Anhieb mein uneingeschränktes Vertrauen entgegenbringe, der mir ermöglicht, ihn wahrzunehmen, ohne sich aufzudrängen – der mit mir interagiert, so richtig im Sinne des Erfinders, mit Zuhören und Antworten und allem, was dazugehört. Ich habe, genau, wie es mit Trudi der Fall ist, den Eindruck, aus mir selbst allein durch diesen Faktor des Gesehenwerdens – allein durch das Gefühl, anders gesehen zu werden, denn, wer weiß, am Ende entspringt all dies wieder nur meiner verqueren Wahrnehmung; vielleicht war es schon immer so und ich konnte es einfach selbst nicht sehen – eine um Längen bessere Persönlichkeit herausholen zu können, die das, was ihr da entgegengebracht wird, noch um ein Vielfaches mehr verdient. Die sich auch ihrerseits wieder mehr einbringen und interessieren kann, die selbst wieder die Möglichkeit hat, mehr von sich zu geben (und, ja, tatsächlich auch von sich zu geben. Es ist so leicht auf einmal, einfach zu reden.) Und während es immer schon überwältigend war, mit ihm zusammenzusein (weil er einfach bei aller Egomanie ein absolut einzigartiger, goldiger, umwerfender, faszinierender, verdammt liebevoller und, wenn er will, sogar aufmerksamer Mensch ist, schon immer gewesen), so musste ich jetzt feststellen, dass ihn der Zustand, in dem er sich gerade befindet, in unvergleichliche Sphären erhebt. Das ist die fehlende Dimension, die ich gebraucht habe. More than wonderful, better than amazing: This is mind-boggling.

Ich würde schon zu gern wissen, wie viel von dem jetzt eigentlich echt ist und was – vor allem welcher Teil der Probleme, die ich hier nicht müde wurde zu diskutieren – einfach daher rührt, dass mein verdammtes Hirn so unglaublich paranoid und negativ-lastig ist. Mir ist durchaus klar, dass ich mir Zuneigung, Achtung, Akzeptanz und dergleichen erst dann überhaupt wahrzunehmen erlaube, wenn sie mich praktisch mit dem Hammer überfallen. Oh well.. I guess I’ll never know.

Abgesehen davon: Regelschmerzen des Todes. Ich habe heute Früh nach einer Ibu gesucht, dann etwas gefunden, das ich für Ibus hielt, und mir kurzerhand eingeworfen, nur um mir in derselben Sekunde bewusst zu werden, dass ich soeben eine Penicillintablette geschluckt hatte. Ich wollte mich noch eine halbe Stunde danach einfach nur schlagen. Dem Antibiotikum folgte noch eine Paracetamol, die sich irgendwann nach vier Stunden Höllenqualen dann auch mal entschloss, doch noch zu wirken, und meine Motivation und Tatkraft konnte wieder ungehindert in wunderbare Projekte fließen.

Und: Ich bin morgen Abend und Samstag bei meinen Eltern, um Mama auf dem Flohmarkt zu helfen. Und weil es vorhin alles so wunderbar geklappt hat, kann ich ruhigen Gewissens verkünden: Ich freue mich drauf. Unglaublich, ich weiß.

Basti ist seit Ewigkeiten da und würde es vermutlich begrüßen, wenn ich endlich mal fertig werde hier. Tue ich ihm doch den Gefallen.

Coming To (Once More)

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Ich bin wieder normal. Meine Güte, was waren das entsetzliche anderthalb Tage.

Jetzt sitze ich wieder in der Arbeit, um meinen spontanen Abgang gestern zu kompensieren, habe bisher zwei Touren übersetzt und freue mich unendlich über meine wiedererlangte Stabilität und gute Laune. Ich habe wieder einmal festgestellt, dass meine depressiven Anwandlungen den blanken Selbstzweifel darstellen und eigentlich ausschließlich in der mich ab und an überfallenden Paranoia begründet sind, nicht mehr gewollt zu werden, nicht genug zu sein. Schon wenn nur ein paar Minuten lang die so dringend benötigte Bestätigung ausbleibt. So ein Übermaß an Zuwendung, die ich immerzu brauche.

Ich sollte mich therapieren lassen, das kann man doch keinem Menschen antun, sowas.

"Vielleicht, wenn ich morgen schnell durchkomme."

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Also, mein Wochenende war super (wenn auch etwas anstrengend), und die Woche davor ebenso. Mehr schön als anstrengend.

Ich bin trotzdem mal wieder kurz vorm Durchdrehen. R bekommt das Zimmer nicht, das er in Aussicht hatte, und in Anbetracht seiner Lage (und der so vielversprechenden Aussicht) geht mir das gerade wahrscheinlich bald näher als ihm selbst. Wobei, natürlich nicht, höchstens auf eine andere, weniger agg- und mehr depressive Art. Weiterhin wurde ich heute sogar von Seiten meiner Mutter darauf hingewiesen, dass die Konstellation Basti-Aspi-R leicht skurrile Züge an sich hat, und da ich mir dessen natürlich vorher schon bestens bewusst war, sorgte das einfach nur dafür, dass ich mich jetzt noch mehr gedanklich um das Thema wickele und mir aber keine wirklich gute Weise einfällt, diesen Konfliktherd auszuschalten. Es gibt ja momentan gar keinen Konflikt. Der Konflikt ist in meinem Kopf.

So wie der Konflikt, der sich daraus ergab, dass ich einmal schnell wieder vergessen hatte, dass die Transparenz bei aller Liebe, die ich ihr entgegenbringe, auch ihre bösartigen Tücken hat. Nachdem sich Caro von meinen Kommunikationsabsichten gegenüber der Sackratte als noch weitaus weniger als „not amused“ erwies, war ich eben schon der Annahme, gerade wegen des gleichen Vollzeitarschs zum zweiten Mal in meinem Leben einen Kontaktabbruch seitens meiner besten Freundin provoziert zu haben; unangenehm war’s. Der Machtstatus meiner Paranoia ist unverändert. Macht mich wieder mal nachdenklich, weil ich mir so überhaupt nicht sicher sein kann, was an meiner Wahrnehmung überhaupt Realität ist und wie viel Prozent ein Produkt meiner Einbildung.

Also schon wieder so ein Anflug. So spiralisiert man sich in Grund und Boden. Snapping out of my usual self, I’m once again becoming – albeit temporarily – the familiar unstable creature, weary and untrusting, convinced of my complete and utter failiure as a human being. Das geht rasend schnell, a matter of mere minutes, ich bin jedes Mal aufs Neue erstaunt. Ich merke, dass es da ist, allerspätestens an den Vorwürfen, die ich mir mache, wenn ich anfange, mich zu beklagen. Ich habe mir schon Vorwürfe gemacht, da hatte ich nichtmal angefangen zu tippen, „erbärmlich und selbstmitleidig“ being the main expressions used. Daran erkenne ich ohne jeden Zweifel, dass der Zustand wieder zugeschlagen hat und meiner Wahrnehmung in keinster Weise zu trauen ist.

Passt; geht vorbei. Grad rief mich R an; es beruhigt, seinem Monolog über seine Arbeit mit einem halben Ohr zuzuhören, während ich tippe. Ein paar Minuten werd‘ ich noch haben bis zum obligatorischen, auf den ersten Redeschwall folgenden „Und bei dir?“

Nicht wirklich. Ich sollte mal aufhören zu tippen.

Self-defense = self-destruction. Sometimes.

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Mir fällt es immer erst wieder im Sommer auf: Mein Zimmer und die Anziehungskraft, die ich auf Mosquitos ausübe, sind so inkompatibel wie nur irgend möglich. Okay, die Wände sind weiß. Aber der ganze Rest ist einfach so bunt, dass man praktisch keine Chance hat, die Dinger je zu erwischen, wenn sie einem nicht gerade direkt um die Ohren sausen. Überall ist Kruscht (entschuldige die vermutlich nicht wirklich korrekte Orthografie – mein Badisch ist zwar im passiven Bereich inzwischen ganz akzeptabel, aber es mangelt mir ganz eindeutig an aktiver Praxis), jeden Zentimeter füllt und bedeckt der ein oder andere entweder meines Erachtens optisch ansprechende, mit irgendeiner Geschichte und folglich wertvollen Erinnerung verbundene oder aber einen wirklichen Zweck erfüllende (oder im Idealfall alle drei Eigenschaften kombinierende) Gegenstand, an Wänden und Türen hängen Bilder, Poster und Instrumente, Schmuck und Schals und Fotos, Spiegel und Baskisch-Grammatik. Egal, wo du nun genau hinschaust. Du findest alles und nichts, kommst aus dem Finden wahrscheinlich gar nicht mehr raus, nur diese verdammte Mücke, die findest du nicht.

Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viele Dinge ich auf so engem Raum unterbringe, ohne dass das Zimmerchen zu chaotisch wirkt. (Jetzt gerade ist es ein bisschen chaotisch, aber auch hier – kein Vergleich zu anderen Zeiten.)

Kepa war entsetzt, als er das erste Mal hier war. Was mit mir verkehrt sei, meinte er. „Ja, ich bin jetzt ordentlich!“, sagte ich. Er entgegnete daraufhin, er könne doch nicht der letzte Chaot auf Erden sein.

Ihm war mein Zimmer hier immer zu aufgeräumt. Bei einem seiner darauffolgenden Besuche hat er ein Vermüllungsgesetz aufgestellt, dem zufolge ich keine andere Wahl hätte, als mein Zimmer allen Bemühungen zum Trotz langsam, aber sicher wieder dem Chaos anheimfallen zu sehen. Ich denke jedes Mal daran, wenn es wirklich mal wieder so weit kommt, dass ich mich selbst in meiner Unordnung nicht mehr wohlfühle. Zu stimmungstechnisch suboptimalen Zeiten passiert das schonmal.

Eigentlich wäre jetzt ein perfekter Zeitpunkt fürs Vermüllungsgesetz, mal wieder zuzuschlagen. Irgendwie war meine Laune heute grenzwertig, mit Tendenz zum Schlechteren gegen Tagesende. R bekam dies insoweit zu spüren, als ich mich standhaft geweigert habe, mit ihm ins Contrast zu gehen, obwohl ich merkte, wie unbedingt er nochmal raus wollte. Er hat aus Verzweiflung schon alles angeschrieben, was irgendwie „anschreibenswürdig“ war, aber niemand hatte wirklich was Konkretes zu tun. Nachdem ich ihm irgendwann sagte, dass ich heute einfach keine Menschen kann, hat er sich letzten Endes allein auf in Richtung seines Reviers gemacht. Mich natürlich mit einem monstermäßig schlechten Gewissen zurückgelassen und aber gleichzeitig mit der Erleichterung einer gerade nochmal so dem Tode (durch Socializing und Geldausgeben) Entronnenen.

Ich kann dir gar nicht sagen, dachte ich vorhin noch, wie leid es mir tut, dass ich so ungern weggehe. Selbst an schäbige, sympathische Orte wie das Contrast, das mir ja wirklich von allen Lokalitäten hier noch die liebste ist. Ich halte es trotzdem nicht wirklich aus. Gerade an solchen Tagen wie jetzt, an denen ich eh schon wieder vollkommen überzeugt bin, einfach nur unfähig und anstrengend zu sein. Je überzeugter ich bin, desto unfähiger und anstrengender werde ich. Und dann denke ich mir, ob ich das Recht habe, so sehr auf meinen Idealen zu beharren, und werde noch verzweifelter als vorher, weil von allen Seiten die Selbstvorwürfe auf mich einprasseln und zeitgleich das Unverständnis – wie kann es sein? Warum denke nur ich so? Warum kann es keine Selbstverständlichkeit sein, jemanden, dem der Konsum vom Grunde seines Herzens auf zuwider ist, einfach nicht zu fragen, ob man Billard spielen geht, oder ins Kula, oder ins Contrast. Aber es tut mir so leid. Wüsste ich nicht um die dreieinhalb Millionen Quirks, die ich von R’s Seite zu tolerieren habe, würden mich die Schuldgefühle bald auffressen. Das tun sie so schon. An solchen Tagen fehlt mir das ganze Vertrauen, das in mich selbst in erster Linie, das in die Gesamtsituation in zweiter. Ich muss einfach nur aufpassen, dass mein paranoides Selbstschutz-Alien nicht die Kontrolle übernimmt.

Menschen, oh, Menschen.

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Basti sagt, Bektaş würde R nicht mögen, was schade wäre, weil ich Bektaş mag und R aber auch, weil nämlich R ein ganz über alle Maßen wunderbarer Mensch ist, den man mögen sollte. Natürlich ist mir klar, dass es nicht das Einfachste der Welt ist, R zu mögen, aber man sollte es zumindest einmal versucht haben.

Ich hab‘ ihm „ich liebe dich“ gesagt, irgendwann zwischen Donnerstag und Freitag gegen halb fünf, als er vom Contrast zurückkam, beziehungsweise von Emma, beziehungsweise vom Asylbewerberheim, weil ein Asylbewerber angeblich von einem Nazi auf die Fresse bekommen hatte und natürlich, R’s Leben eben, er irgendwie darin verwickelt worden war und am Ende eben um vier Uhr zurückkam, benebelt ohne Ende und mit einem monstermäßig schlechten Gewissen, dass es so spät geworden war. Das ist deshalb von Bedeutung, weil es tatsächlich das erste Mal war, dass ich es geschafft habe, diese Äußerung einem Menschen gegenüber zu machen. Andererseits, weil ich es in dem Moment, Selbstschutz hin oder her, wirklich so meinte. Wie dankbar ich dafür bin, dass ich diese Dimension des Lebens noch wachen Auges erblicken darf.

Nunja, wach ist relativ. Ich koche gerade noch Spargel ein, weshalb ich frühestens in acht Minuten das Licht ausmachen und schlafen kann, aber glaub mir, ich würde schon jetzt nichts lieber tun. Basti hängt da unten auf dem Boden an seinem Handy. Vorhin habe ich mit Simone geredet, was unglaublich guttat. Basti hat Wein geschenkt bekommen und mich, während Simone und ich am Reden waren, zuverlässig mit Nachschub providet. Und meine Gemütslage hat sich während des Wochenendes zunehmend erholt und ist wieder stabil, zum Glück auch. So schnell kann ich doch nicht den Ánimo verlieren, ezinezkoa da. Die belgische Sarah hat mir mit so erstaunlichen wie erfreulichen Berichten in Erinnerung gerufen, warum die Zeit mit ihr und Susmita eine meiner besten Erfahrungen war, die ich in dieser Stadt das Glück hatte machen zu dürfen. Und mein Spargel ist in drei Minuten fertig, was ziemlich gut ist, denn ich bin komatös und will einfach nur schlafen. Ade.

Marie, du kannst zur Tafel gehn… oder Der Februar und andere wirre Träume

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So, ich lebe dann auch mal wieder.

Oh, ich habe meine Zahnpasta gefunden. Das ist gut. Daneben liegt das Messer, das ich Sonntag containert habe. Auch gut. Scharfe Messer können nie schaden. Wobei, sie können schon schaden, das ist ja das Gute. Wer will schon mit einem Messer sein Gemüse schnibbeln, mit dem man nicht mal schnell einem Lebewesen die Kehle aufschlitzen könnte.

Ich bin paranoid und bilde mir ein, dass mein Freund mich vergisst. Das ungeachtet der Tatsache, dass er mir vorhin vorschlug, diesen Monat noch mit ihm zu seiner Familie hochzufahren, wenn er für seinen Vater dessen Bürgermeister-Wahlprogramm schreiben geht, um zumindest eine völlige Katastrophe zu verhindern. (Also, er will verhindern, dass sein Vater eine Katastrophe anrichtet. Nicht dass du denkst, er würde verhindern wollen, dass ich eine Katastrophe anrichte; so erbärmlich bin ich dann doch nicht, ihm mitteilen zu müssen, dass ich damit rechne, von ihm ratzfatz vergessen zu werden.)

Mir ist unfassbar merkwürdig zumute. Als wäre der ganze letzte Monat einer meiner abstrusen Träume gewesen. Meine Träume sind selten wirklich schrecklich oder wirklich schön, sondern einfach völlig konfus und ohne Sinn. Stell dir vor, was ich mir letzte Nacht schon wieder zusammengesponnen habe. Der Typ, dem ich seit Oktober ständig im Bus begegnet bin, hat mich zum Lasagneessen eingeladen. Dann hat er mir eröffnet, dass er nichts von Monogamie hält. Dann waren wir drei Tage später irgendwie zusammen. Dann habe ich mein komplettes Leben auf Pause gestellt und angefangen, jede meiner freien Minuten mit ihm zu verbringen. Dann habe ich nach und nach gemerkt, wie wunderbar er eigentlich ist. Dann habe ich mich in ihn verliebt. Dazwischen waren irgendwie noch Klausuren, für die ich einfach mal kein bisschen gelernt habe. Ich hab‘ sie trotzdem alle geschafft – sowas funktioniert auch nur im Traum. Dann ist Basti zu mir gezogen. Dann sollte ich eigentlich noch nach Namibia fliegen, weil ich irgendwann mal mit dem Finger auf einem Kaff namens Khorixas gelandet bin. Davor war ich bei Caro, um mit ihr Geburtstag zu feiern, habe sie den halben Abend nur zugejammert, dass ich nicht nach Namibia will, und schließlich meinen Flieger verpasst, bin schnurstracks zurück nach Hause und mit dem ersten Bus zu R, nahtlos zurück in mein pausiertes Leben. Dann hat Basti seine Wohnung bekommen und wir haben ein paar Tage lang in der wunderbarsten Eintracht aller Zeiten zu dritt renoviert. Dann bin ich mit nach München gefahren, hab ihm beim Einräumen geholfen und dann ein paar Stunden lang geheult, weil er wieder mal einen Anflug von „du bist so toll, dass mir keine andere Wahl bleibt als meine vorletzte Bastion auch noch abzureißen“ hatte (wobei sich die vorletzte Bastion auf die Polyamorie bezieht, die letzte auf den Veganismus) und es so unfassbar glaubwürdig klang diesmal, dass ich schon fast Hoffnung hatte, er würde meinem Einwurf, das würde er eh wieder zurücknehmen, diesmal tatsächlich etwas entgegensetzen. Hach ja. Drama. Dann waren irgendwie meine Sachen verschwunden und ich musste mir Jeans und einen Pulli von R anziehen, um meinen Bus nach Hause noch zu erwischen. Dann war ich wieder zu Hause und irgendwie war alles total komisch.

Es ist jetzt immer noch komisch. Ich konnte bisher noch mit niemandem so wirklich darüber reden, weil ich Basti (mit dem ich die letzten beiden Tage praktisch durchgehend rumgehangen habe) davon weitestgehend verschonen möchte und ansonsten noch keinen Kontakt zu Vertrauten hatte. Zumindest nicht in Situationen, in denen es angebracht gewesen wäre, ihnen die Problematik meiner Situation darzulegen. (Sarah und Peruaner-Pedro waren zwar vorhin da, aber die beiden zählen nicht. Zumindest in der Konstellation. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber diese Menschen haben die Fähigkeit, voneinander das Beste herauszuholen, nicht gerade mit Löffeln gefressen.)

Jetzt wäre also zumindest schonmal im Groben umrissen, wie es mir so ergangen ist in letzter Zeit. Und ich muss sehr dringend jetzt schlafen. R schrieb mir zwar vor einer Ewigkeit, dass ich im Funkloch sitze (wir hatten ausgemacht, dass wir vielleicht nochmal telefonieren, wenn Sarah, Pedro und Basti wegsind, und dann hatte ich ihm bescheidgeschrieben und offenbar hat er versucht, mich zu erreichen), aber ich bin zu müde, um noch mit ihm zu reden. Und warum auch, wenn es eh alles ein Traum war. Weird. Surreal. Wie überhaupt alles. Nichtmal der universellen Gültigkeit der Monoamorie ist also zu trauen. Was für eine gigantische Matrix, in der ich da stecke. Ich und die ganze restliche Welt – eben bis auf die Ausnahmen. Ich bin so müde, dass ich kaum mehr wahrnehme, was ich eigentlich tippe. Ich bin dann mal weg. Das sagte ich zu ihm auch immer, wenn er arbeiten musste und ich in der Zeit mich aus der Wohnung verflüchtigt habe. Wie wunderschön und warm die Wohnung jetzt ist, wo Basti drin wohnt. Gar kein Vergleich. Ich hatte letzte Nacht keinen Nerv mehr darauf, von Basti nach Hause zu wandern, und habe bei ihm auf dem Sofa gepennt. Zu R’s Zeiten hätte ich mich unter der Kuscheldecke zu Tode gefroren. So konnte ich einfach die Füße außen drunterherschauen lassen. Welch ein Luxus. Der arme Basti. Ich habe so ein verdammt schlechtes Gewissen.