Schlagwort-Archive: Perspektiven

Observations from the Daily Life of a Socially Challenged Person

Standard

Hi, ich bin die Aspi und ich hab‘ Social Anxiety.

Falls du zufällig ebenfalls Social Anxiety hast, wirst du nachvollziehen können, was ich gleich schreibe. Falls nicht, read and learn.

Obschon ich in den letzten paar Jährchen extrem dazugelernt habe und gravierende Meilensteine erreichen konnte, die früher unfassbar weit weg schienen, ist es auch heute noch eine Herausforderung für mich, zum Beispiel einen der Vorträge zu besuchen, die R organisiert. Ich tue das trotzdem gelegentlich, aus den einfachen Gründen, dass 1) mich die Themen interessieren, 2) ich dazulernen möchte und 3) ich die Vortragenden und Organisatoren unterstützen möchte, indem ich durch meine Anwesenheit den Raum (noch) ein kleines bisschen voller mache.

Heute ging es relativ leicht, aber ich hätte weitaus besser sein können.

Herausforderung 1: Ankommen. Ich war mit dem Fahrrad da, fand die Location ziemlich zügig und musste nur den Eingang ausfindig machen. Da ich es hasse, planlos zu wirken (oh nein, alle Anderen sehen, dass ich keine Ahnung habe – Weltuntergang!), zockelte ich gemütlich mit meinem mitgebrachten Energy (ich war hundemüde und wäre vorher beim Arbeiten schon fast eingeschlafen) ums Eck herum und wieder zurück, erspähte unterwegs R’s Fahrrad (was mich schonmal beruhigte) und lachte dem enthusiastischen Italiener entgegen, der neben der benachbarten Pizzeria stand und mich, gute Laune versprühend, auf Italienisch mit irgendwelchen fröhlichen Worten bedachte, während sein Kumpel mit einem Wasserschlauch die Straße vor seinem Lokal berieselte.

Es standen zwei Menschen da herum, die aussahen, als hätten sie dasselbe Ziel wie ich, aber natürlich war das kein Grund, sie anzusprechen, sondern verleitete mich nur dazu, meine ‚Ich hab voll alles im Griff‘-Maske weiter aufzubauschen und voller Zielstrebigkeit auf den einzigen Hauseingang zuzugehen.

Ich hatte Glück. Im Hauseingang stand ein junger Mensch, den ich als denjenigen zu erkennen glaubte, dem R bei der Vortrags-Orga unter die Arme gegriffen hatte. Aus meinem gefaketen Selbstbewusstsein (welches durchaus überzeugend wirkt) heraus war es ganz einfach, ihn anzusprechen und in Erfahrung zu bringen, dass diese Tür mich zum richtigen Ort führen würde. Und wenn ich erst einmal in Schwung bin, läuft auch alles Andere, sodass ich (gerade gegenüber diesem schüchternen Fünfzehnjährigen) mit ein paar lockeren Worten mein Fortbestehen als unerkannter Interaktions-Fail sichern und den Raum betreten konnte. (Sobald ich mich einmal dazu zwinge, eine Interaktion in Angriff zu nehmen, tue ich dies mit einer so epischen schauspielerischen Glanzleistung, dass Jonas vermutlich jetzt denkt, ich sei die selbstsicherste Person unter der Sonne.)

‚Herausforderung‘ sagte ich besonders deshalb, weil ich zu diesen Veranstaltungen allein hingehe. R ist, wie ich mittlerweile weiß, immer äußerst beschäftigt damit, alles Andere zu managen, und sagt höchstens mal kurz hallo. Dann sitze ich da rum und beobachte, wie alle sich unterhalten. Natürlich eröffnet sich mir nicht die Möglichkeit, selbst ein Gespräch mit einem anderen Anwesenden zu führen, denn wenn du dir nichts Schlimmeres vorstellen kannst, als (zumal unbekannten) Leuten in die Augen zu gucken, könntest du genau so gut einen Tarnumhang tragen: niemand spricht dich an. Heute hatte ich mein Buch vergessen, was doof war, denn so musste ich darauf zurückgreifen, stumpf auf dem Handy zu spielen, bis es anfing.

Ich blieb auch nach dem Vortrag noch sitzen, weil ich auf die anschließende Diskussion gespannt war. Es gab eine kurze Pause, in deren Verlauf die Menschen wieder redeten, rausgingen, sich was zu trinken holten etc. Ich saß halt da. Dann wurde diskutiert – oder sowas Ähnliches; ich habe bisher kaum je erlebt, dass nach Vorträgen dieser Art in eine Diskussion mal richtig Schwung gekommen wäre. Dann hatte niemand mehr etwas zu sagen. Außer mir, natürlich, aber da der Raum gerammelt voll war und meine Fähigkeit, in Gruppen einen Ton von mir zu geben, sich bei mehr als vier-fünf-sechs bereits stark erschöpft, behielt ich meinen Senf wie üblich für mich.

Wir waren mehrfach dazu angehalten worden, noch dazubleiben und auf die Leute von der Antifaschistischen Initiative zu warten, aber ich musste nach Hause, da von meinem aktuellen Auftrag noch viel zu viele Seiten übrig sind und ich mir morgen nicht den Stress geben möchte. Außerdem hat mein Welde-Bier (die Deckel dieser Marke sind so konstruiert, dass sie dir Antworten auf Ja-Nein-Fragen geben, die du vor dem Öffnen stellst) mir heute Nachmittag verkündet, ich würde den Auftrag ohne Zeitdruck fertig bekommen, und damit diese Prophezeiung sich erfüllen kann, muss ich halt tatsächlich heute noch was dafür tun. Jedenfalls quetschte ich mich in Richtung Tür; dort stand auch R, dem ich bescheidgab, dass ich nach Hause fahren würde, um zu arbeiten, während zeitgleich eine der Referentinnen ihn rief. Er wünschte mir viel Erfolg und widmete sich Michelle.

Die letzte kleine Herausforderung bestand darin, mich vom Veranstaltungsort zu entfernen: es standen diverse der Leute von drinnen davor, die ich zwar alle nicht kannte, was mir aber dennoch signalisierte, dass man irgendwie anerkennen musste, dass man gerade anderthalb Stunden zusammen im gleichen Raum gehockt hatte. Also verabschiedete ich mich mit einem kurzen Handheben, während ich wegfuhr.

Das sind nun natürlich alles nur ganz kleine Dinge und nichts davon hat mir wirklich Probleme oder extrem unangenehme Gefühle bereitet, aber ich fand es mal interessant, aufzudröseln, wie viel Denkarbeit und/oder Awkwardness in solchen Situationen stecken kann, die zumindest solche Menschen, die weder gesichtsblind noch autistisch veranlagt noch introvertiert noch anderweitig sozial beeinträchtigt sind, tagtäglich als absolute Selbstverständlichkeit erleben – ohne auch nur einen bewussten Gedanken darauf verwenden zu müssen, das eigene Verhalten und das Anderer auszuwerten.

Falls jemanden interessiert, was ich gern zur Diskussion beigetragen hätte: eine der Referentinnen hat über die Sarotti-Debatte gesprochen, die sich darum dreht, ob ein gewisses Mannheimer Kino das ‚Mohren‘-Logo (welches bis 2004 Markenzeichen der Firma war, bis die Farbe des abgebildeten Menschen von schwarz zu golden geändert wurde) durch das aktuelle Logo ersetzen soll – weil der ‚Mohr‘ ja rassistisch ist. Sie war voll und ganz dafür. Ich nicht, aus diversen Gründen. Aber niemand im Raum hat sich meiner Ansicht entsprechend geäußert, weshalb ich das theoretisch schon gern übernommen hätte. Ich find’s echt schade, weil mir meine Meinung tatsächlich wertvoll erscheint und ich mir gewünscht hätte, der Referentin diese mitteilen zu können. Aber nicht in dem Rahmen, nicht mit meiner Gruppenphobie.

Dazu kommt, dass ich es mit dem Argumentieren nicht so habe. Für mich fühlen sich Dinge richtig oder falsch an, und entsprechend handele ich, aber wenn es darum geht, fundiert zu argumentieren, bin ich raus. Die Idee, ob fundiert oder nicht, ist die folgende:

Ein Logo umzufärben bringt im Endeffekt nichts, aber auch gar nichts. Keine einzige Person of Color wird dadurch in der Gesellschaft bessergestellt. Niemand bekommt mehr zu essen, fairere Arbeitsbedingungen, eine Wohnung, mehr Geld. Im besten Fall halten ein paar Schreihälse die Klappe, die sich vorher auf den Schlips getreten fühlten, und suchen sich eventuell mal wieder andere Baustellen, an denen sie tatsächlich Menschen helfen können (das hätte ich nicht unbedingt so gesagt; sie war schon während des Vortrags sehr emotional aufgeladen und das wäre nicht, aber auch gar nicht gut angekommen. Es ist natürlich auch verständlich, dass dem so ist, aber trotzdem ist es eine Tatsache, dass bei niemandem die Klappen schneller runtergehen, der sich angegriffen oder beleidigt fühlt – beides war relativ eindeutig bei ihr der Fall). Das Einzige, was du damit bewirkst, ist, dass dem denkenden Konsumenten die Möglichkeit genommen wird, anhand der Symbolik auf dem Logo festzustellen: okay, das will ich nicht unterstützen. So hat sich schon 2004 Sarotti mit dem Goldwashing des Logos letztendlich einfach nur zu mehr und zufriedeneren Kunden verholfen. Die Unternehmensmentalität und -geschichte (ich habe heute gelernt, dass die Firma dreißig Jahre lang durch einen Nazi und Kriegsverbrecher geleitet wurde) hat sich dadurch ganz sicher nicht geändert – nur sieht man die jetzt nicht mehr so deutlich. Als glühende Verfechterin der absoluten Transparenz (der zugunsten ich nicht nur zu rassistischer Symbolik, sondern auch zu Geschichten wie Datenschutz, Geheimnissen, Privatsphäre eher kontroverse Positionen vertrete) geht mir das wesentlich mehr gegen den Strich als das Ignorieren der Befindlichkeiten, die jemanden dazu bewegen können, so vehement das Verschwinden des schwarzen Logos zu fordern, von Seiten der Kinobetreiber – selbst kombiniert mit der Tatsache, dass diese ziemlich eindeutig nicht das Gleiche im Sinn haben wie ich, indem sie das alte Logo hängenlassen. Der Ansatz sollte, finde ich, einfach darin bestehen, die Konsumenten wissen zu lassen, was hinter dem Logo steckt. Das sollte abschreckend genug wirken. Und wenn nicht, ist das ein Zeichen für die Abgestumpftheit und Ignoranz der konsumierenden Bevölkerung, womit das Entfernen des Logos dann vollends als nutzlos enttarnt wäre.

So, jetzt habe ich es ganz glorreich geschafft, bisher nicht ein Wort zu korrigieren, und eben kam R zur Tür herein. Ooh je.

Werbeanzeigen

Könnte schlimmer, könnte besser.

Standard

Letztendlich ist es heute wirklich Auslegungssache.

Also, was mir heute so alles passiert ist:

+ Habe es geschafft, um zwanzig vor zehn aufzustehen, mir Kaffee und Berliner aufzutischen und um zehn an einem Webinar über passives Investment als Altersvorsorge teilzunehmen.

– Das Webinar war 1) aufgezeichnet, nicht live, was den Sinn des Pünktlichdaseins so leicht untergraben hat, und 2) natürlich darauf ausgerichtet, dass Leute am Ende einen monströs teuren Onlinekurs zum Thema kaufen sollten.

+ Es war trotzdem informativ genug, dass es mir nicht wie verschwendete Zeit vorkam, vor allem für so komplett Planlose wie mich.

+ Habe es geschafft, den Wisch für den Kirchenaustritt auszudrucken, den ich gestern verfasst hatte, und den grandiosen Plan erdacht, mit Pfand in die Stadt zu fahren, auf dem Rückweg beim Standesamt vorbeizuschauen, um tatsächlich mal aus der Kirche auszutreten (bevor ich demnächst mit Steuernzahlen anfange, das wäre ja noch schöner), und bei der Gelegenheit in der Stadt meine Medis zu holen.

+ Habe Pfand weggebracht, wobei alles nach Plan lief. Kam wieder raus mit einer Packung Klopapier und einer Kleinigkeit für R – Rotkohl für unsere nächste Gans. (Wie falsch sich das anhört. Ich habe das dringende Bedürfnis, mich zu rechtfertigen: Um Himmels Willen, du weißt doch, dass ich neulich mit Yannick fünf „kleine“ tiefgefrorene Gänsebrüste gefunden habe, von denen R und ich nun vier Stück nach und nach dekadent verspeisen. „Klein“ im Vergleich zu der ganzen Gans, die mit Sicherheit zehn Kilo auf die Waage brachte. Und was den Rotkohl betrifft, so wurde dieser ebenfalls illegal entwendet. Du weißt doch, dass ich Supermärkten erst dann Geld in den Rachen schmeiße, wenn die Mülltonnen dahinter nicht mehr Abend für Abend die halbe Welt ernähren könnten.) (Wieder einmal stelle ich fest, dass mein Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden vermutlich mit dem einiger anderer Menschen kollidieren dürfte, wenn ich schon so panisch bemüht bin, den Verdacht entrüstet von mir zu weisen, ich könne mir Nahrungsmittel oder gar ein totes Tier gekauft haben.)

+ Wichtiger Punkt, den ich bislang vernachlässigt habe: Die Sonne schien.

+ Habe Standesamt gefunden (1. Stock des Rathausgebäudes).

– Standesamt mittwochs nur bis 12 geöffnet. Ich war um halb eins da.

+ Habe Apotheke direkt neben dem Marktplatz gefunden und festgestellt, dass das zeitlich genau hinkommen könnte, um den nächsten Bus nach Hause zu erwischen.

– Meine Medis gab es dort allerdings nicht vorrätig. Den Bus konnte ich somit knicken und brauchte immer noch meine Medis. Also lief ich die Fußgängerzone entlang (Gegenrichtung meines Busses), um eine andere Apotheke zu finden.

– Mir war heiß von dem ganzen Laufen, zumindest an den Stellen, die von meiner Winterjacke bedeckt waren.

+ Natürlich hatte ich die Jacke offen und in die Lücken wehte frischer Wind.

– Ich hatte Durst.

+ Es gab auf halber Strecke noch eine Apotheke.

– Auch diese hatte meine Medis nicht da.

– Meine Stiefel sind mir etwas zu groß und daher zu langem Laufen nicht ganz so gut geeignet, sodass meine Füße anfingen zu schmerzen.

+ Die dritte Apotheke kam in Sicht und ich bekam dort, man glaubt es kaum, endlich mein Escitalopram.

+ Bus nach Hause knapp erwischt.

– Er war gerammelt voll.

– Größtenteils mit Schulkindern.

– Beim Aussteigen nach Ölsardinenfahrt durfte ich feststellen, dass hinter uns ein weiterer Bus hielt. Niemand außer einem Fahrer war darin zu sehen.

+ Beim Reinkommen Briefkasten gecheckt und TADA, Brief vom Finanzamt erhalten. Wenn sich je ein Mensch über Post vom Finanzamt gefreut hat, war ich das in diesem Moment.

– Es war natürlich keine Steuernummer, die mir wundersamerweise ins Haus geflattert kam.

+ Aber immerhin ein Schreiben, welches sich auf die Mail bezog, die ich vor fünf Tagen geschrieben hatte, wenn auch nicht so freundlich, wie es hätte sein können.

+ Somit weiß ich nun wenigstens, was zu tun ist, habe mich bei dem Portal registriert und warte nun auf den Aktivierungscode.

Okay, lass mich mal zählen. 14 Pros gegen 11 Cons, das bestätigt mich in meinem Eindruck, dass es doch alles in allem nicht schlecht gelaufen ist. Und immerhin kann ich heute von mir behaupten, ein paar Herausforderungen zumindest mal ins Gesicht geschaut zu haben.

Now equals forever

Standard

Diese zwei Wochen sind eine wertvolle Lektion und bestätigen mich in meiner Angewohnheit, Unbekanntem doch bitte nicht mit Erwartungshaltung entgegenzutreten. Ich habe dieses Mal gegen dieses Credo verstoßen und die Konsequenzen geerntet.

Kein Wunder übrigens, dass ich den Inhalt des vorvorletzten Eintrags nicht mehr in Erinnerung hatte; er existiert ja gar nicht. Er wäre an dem Tag verfasst worden, als es Becci so schlecht ging, dass sie den ganzen Tag nicht aus dem Bett herauskam, und dieser Zustand auf mich mit solch einer Leichtigkeit übergegangen ist, als wären wir ein und derselbe Mensch. So lagen wir den Tag lang im Bett unter unseren vier Schichten Decke, bis ich abends resignierte und einen Fluchtplan entwarf, welcher dem Elend ein Ende setzen sollte. Und der Tag drauf war derjenige, an dem wir uns am Riemen rissen und Beccis Kopf ihr wieder Zugang zu ihrer wunderbaren Persönlichkeit gewährte und meiner mir eine Perspektive, die über den Moment hinausging. Damit habe ich ja bekanntlich Schwierigkeiten. Now equals forever.

Die enttäuschte Erwartungshaltung hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Meine Stimmung schwankte im Einklang mit dem Inselwetter. Mittlerweile habe ich mich wieder ganz gut eingependelt. Unser Nicht-Aufgeben hat diese Wendung ermöglicht.

Heute fahren wir zum Flughafen und buchen uns einen Mietwagen, einen Twingo, für Donnerstag und Freitag. Das bisschen Dekadenz wird uns viele Möglichkeiten bieten, die uns das wenig ausgereifte öffentliche Transportsystem bisher verwehrt. Und wir bleiben trocken. Das wird gut.

Guara-na-na-ná

Standard

Die haben meine Nachtbuslinie gecancelt. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Ich bin aufs Fürchterlichste erschüttert. Mir fehlen die Worte. Wie kann man so grausam sein. Diese Welt ist ein schlechter Ort, und das Wegfallen der Eurolines-Nachtbuslinie zwischen Mannheim und Hamburg hat sie definitiv nicht besser gemacht.

Fuck, man. Die eine Sache, auf die man sich einfach verlä… Oh. Es wird jetzt von FlixBus abgedeckt, Touring kann mich mal. Na das war ja mal ein Schock. 19€ nach Hamburg und noch ne Stunde länger schlafen, als würde ich den für 25€ nehmen, der später losfährt und früher ankommt. Hah.

Okay, ich hab dann mal mein Busticket gebucht. Kepa braucht zum Glück nur am Sonntag dann Hilfe, er scheint sich also zumindest so weit berappelt zu haben, dass er morgen sein Zimmer alleine leergeräumt kriegt. Also kann ich Samstag Nachmittag containern gehen, was mich sehr freut, und morgen in aller Ruhe zu Hause gammeln. Yay.

Ich habe heute das unsagbare Glück gehabt, in die Uni zu kommen und festzustellen, dass der Spanischkurs ausfällt. Oh yes, ich hatte die Übersetzung schon wieder nicht gemacht. Während Englisch saß ich mit Barbara herum; wir haben uns über Tod und Katzen unterhalten, unter Anderem. Schon die zweite meiner Kommilitoninnen, die ich unglaublich mag, welche in so jungen Jahren schon mit Tod in der Familie konfrontiert wurde. Ich fühle mich mit meinen Problemchen dann immer so fehl am Platz, so unbedeutend.

Dafür habe ich ihr Guaraná-Pulver mitgebracht und nochmals versichert, dass es Wunder wirkt. Ich erfahre dies gerade erst wieder am eigenen Leib, nachdem ich das gute Zeug viel zu lange vernachlässigt auf dem Küchenregal hatte stehen lassen. Jetzt habe ich meine morgendliche Guaraná-Weizengras-Shot-Tradition wieder aufgenommen und bin hellauf begeistert, wie gut ich mich auf einmal fühle. Es hat im Bus zur Uni angefangen zu wirken und ich fühlte mich unwillkürlich grinsen und sagte mir fröhlich, oh, ich liebe Drogen.

Und es ist wirklich wahr. Ich liebe Drogen.

Das nur so als random Schlusswort.

It’s just those 180 degrees.

Standard

Aaah, Hilfe. Wie kann sich eine Gemütslage an einem einzigen Tag so furchtbar schnell ändern?

Ich sollte mich nicht beschweren, solang sich die Änderung in die Richtung vollzieht, die meine Stimmung heute genommen hat. 14th September all over again. Die körperlose Stimme sitzt mit ihrem Bier und Popcorn da und kommentiert: „Mal schauen, wie lang das jetzt so bleibt.“ Mir aber reicht fürs Erste die wiedergewonnene Gewissheit, dass die eigene Perspektive der alles entscheidende Faktor in der Wahrnehmung und Verarbeitung zwischenmenschlicher wie eben auch aller anderen Geschehnisse ist.

Davon ab: Unglaublich, aber wahr – ein echter, leibhaftiger Euskaldun hat meinen ersten und bislang einzigen Versuch eines baskischen Liedes kommentiert, mehrfach gleich, und das mit einer durchweg positiven Resonanz! Eine kurze Rücksprache mit Kepa erschloss mir noch die Bedeutung des letzten (wohl dialektbedingt merkwürdigen) Hilfsverbs, und schon konnte ich mich Wort für Wort über dieses Wunder freuen. Der Baske sagte mir nämlich nicht nur, das Lied wäre sehr schön, die Zeile „Badakizu: Izkututa ezin da bizi bizitza“ genial und ich hätte eine schöne Stimme, sondern noch dazu, dass es ihm in einem der schwierigen Momente, die er momentan durchlebt, geholfen hätte, das Lied zu hören. (Kepas Reaktion: „Deine Lieder helfen Basken. You should be proud and happy“.) Kein Hinweis auf Fehler, gar nichts! Das hört sich schon weitaus besser an als Kepas Behauptung damals, es würde sich stellenweise nicht wirklich wie Baskisch anhören. Ha! Trauma überwunden. Eskerrik asko, random Baske.

Und jetzt? Mir ist kalt, ich muss um 8.15 Uhr beim Blutabnehmen sein und es wollen noch containerte Schätze versorgt werden, die ich entgegen meiner Beteuerungen, die geliebte Tätigkeit aus Platzmangel bis zum Umzug erstmal einzustellen, vorhin noch an Land gezogen habe. Es ist aber nunmal so, dass meine Hauptquelle gerade brutal am Versiegen ist (klar, da hat sich ein Mal ein Unternehmen angesiedelt, das wirklich noch vergleichsweise nett ist, und nach ein paar Monaten meldet es Insolvenz an. Ja, nee, ist schon fast wieder logisch. Als Unternehmen nett zu sein ist wohl nicht gerade die Strategie, mit der man heutzutage so durchkommt), dementsprechend sah meine Foodsharing-Ausbeute heute mickerig aus und ich brauchte eh einfach ganz dringend Grundnahrungsmittel. Mission erfolgreich: Ich habe Nudeln containert (erstes Mal seit ungefähr einem Dreivierteljahr; eine Packung bloß, aber hey, wer wird sich noch beschweren) und eine ganze Menge wunderschöner Kartoffeln. Und Chips. Und Eier. Eier! Ich kann Pfannkuchen machen! Mit Quark! Oh, wie herrlich ist dieses Leben.

Wäre da nicht das kleine Problemchen, dass ich jetzt viel zu lange wach war und noch länger sein werde, um nachher aus dem Bett zu kommen, wenn ich muss. Ich habe in weiser Voraussicht mein Fahrrad schon so nah wie möglich am Hauseingang abgestellt, statt es in die Garage zu bringen; das schenkt mir morgen ein paar Sekunden. Und jetzt kann ich nur noch dafür sorgen, das zu Erledigende in möglichst überschaubarer Zeit geschafft zu bekommen.

Löcher und Käse

Standard

Gerade schrieb ich einen Eintrag, den ich nicht veröffentlichen werde, weil er zu denjenigen zählt, mit denen ich selbst im Moment der Veröffentlichung schon nicht mehr einverstanden bin. Er liegt nun da herum und wird vielleicht irgendwann mal rausgekramt, dann aber in einem anderen Leben.

Nunja, was soll ich sagen. Es hat in meiner an sich schon in äußerst raren Momenten wirklich sorgenfreien Beziehung recht gewaltig geknistert (und kein Knistern von der guten Sorte, either), sodass ich mich langsam als Expertin der Almost-Break-Up-Momente begreife und einfach mal hochgespannt auf das Geschehen der kommenden Monate blicke. R’s nie endender Zynismus und die Eiseskälte, mit der er aus Selbstschutzzwecken an so etwas herangeht, scheinen ansteckend zu wirken: Während mir eigentlich der Kopf schwirrt und ich (meiner Art gemäß, vom Moment umgehend aufs Ganze zu schließen) aus dem Denken, Zweifeln, Hadern kaum hinauskomme, schleicht sich zwischen die kopflos wuselnden Emotionen immer mal wieder ein gelassenes Stimmchen, dessen körperloser Besitzer sich mit Bier und Popcorn in eine Ecke gehockt hat und nun ins Treiben hinein verkündet, „Mal schauen, wie, wo, wann ihr den Karren in den Dreck fahrt. Und was noch alles passieren muss bis dahin.“

Von unerhört vielen anderen Seiten aus betrachtet, du wirst lachen, verfügt diese Beziehung über eine Stabilität, die es fast schon wieder lächerlich macht, Momente wie die vergangenen Tage überhaupt durchleben zu müssen. Ich muss spontan an Simones Mutter und die von ihr metaphorisierten Löcher im Käse denken. Ich sag dir, was wir brauchen, R und ich: Willenskraft, an uns selbst zu arbeiten, er an seiner Art der Kommunikation und ich an meinen Erwartungen.

Von oben betrachtet

Standard

Mir wird schlecht, wenn ich mir überlege, wie es gerade in Beccis Kopf aussehen muss. Genau so schlecht wird mir, wenn ich in meinen eigenen hineinsehe. Vor allem nachdem R mir neulich zu verstehen gab, dass ihm wenig ferner liegt als sich zu wünschen, dass jemand wie ich konstant um ihn herumwuselt. Und er jetzt gerade nicht da ist und ich eh ununterbrochen zu zweifeln anfange, sobald das der Fall ist. Und ich mir gerade wieder Gedanken mache, wie viel verdammte Verbundenheit man theoretisch haben kann mit Menschen und wie furchtbar wenig, um nicht zu sagen, rein gar nichts, davon zwischen uns vorhanden ist. Wie ihm das genug sein kann, ist mir ein Rätsel. Zumal das ja nur bedeuten kann, dass die dreitausend Beziehungen, die er in seinem Leben vorher hatte, ihm nichts Besseres geboten haben können. Wie armselig, so ein Dasein.

Ich bin am Zweifeln. Ja, ich erwähnte. Natürlich bin ich auch ganz gehörig betrunken und werde nicht mehr am Zweifeln sein, wenn er mich morgen anruft und vom Besichtigungstermin in der Wohnung berichtet, die meine Mutter gefunden hat und zu der ich ihn geschickt habe, wenn er eh schon dort ist und ich am Samstag erst da sein werde.

Vielleicht erlaubt ihm sein Egoismus nicht, Verbindungen zu Menschen aufzubauen, die über das hinausgehen, das er mir entgegenbringt. Aber wie traurig wäre das – und doch würde es gleichzeitig seine ganze Lebensweise erklären. Ob er denn den Unterschied gar nicht bemerkt zwischen den raren Momenten, in denen ich mich von ihm als ich selbst wahrgenommen fühle, und dem ganzen elenden Rest, in dem er einfach mich dazu benutzt, sich selbst an eine blanke Leinwand zu schreiben.

Wieso habe ich so ein verdammtes Ding für Egomanen, erkläre mir das mal jemand.

Sustraiak han dituenak

Standard

Sicher erscheint es ein wenig überdramatisch, ein Lied von dieser Thematik einer Situation zuzuschreiben, die einen für ein paar Wochen aus einem Wirkungskreis herauskatapultiert, der sich nicht über Landes- oder ethnische Zugehörigkeit definiert, der weder von Brauch noch von Kultur bestimmt wird, der nicht einmal auf Dauer dem eigenen Zugriff entzogen ist.

Ich tue es trotzdem. Mit einem Mal verstehe ich eine weitere Facette der immer wieder auftretenden Heimatfrage, diesmal, dass es die Sicherheit ist, die einem mit ihr genommen wird; die täglichen Routinen, die einem diese vermitteln. In meine Wohnung komme ich nach wie vor, aber wirklich sein kann ich dort nicht; sie ist auf ein Leben ohne Elektrizität nicht ausgerichtet und ebensowenig bin ich es. Noch weniger, indes, ist es mein Freund; ihm hinterher verlagert sich mein Leben temporär in seine eigene zuvor durch uns aktiv unbewohnte Wohnung, wo ich in Untätigkeit und Warten verfalle – verfalle, versinke, verkomme, weil mir mein Leben fehlt, welches sich aus unzähligen Tätigkeiten zusammensetzt, alle vollführt im Umfeld meiner Wohnung, mit Gegenständen verschiedenster Natur, in Ecken und Winkeln und auf den unterschiedlichsten Ebenen, über der Erde, unter der Erde, auf Stühlen, Tischen, Regalen. In Dosen, Rucksäcken, Plastiktüten, Papiertüten, Stofftüten, Keller, Garten, Küche. In Ruhe, in Bestimmtheit, in Bewegung. Das vor allem; ich habe mich in den letzten Jahren durch Bewegung vor dem Versumpfen gerettet und gelernt, mein Dasein zu Hause mit Aktivität zu füllen, mit Kleinigkeiten, die mir Freude bereiten, die mir auch Gewissheit geben, etwas für mich zu tun, vielleicht sogar für Andere zu tun. Das Frühlingserwachen, in Gang gesetzt durch meine Reise nach Portugal, wurde durch die Vorkommnisse im Ansatz erstickt und ins Gegenteil verkehrt. Schlafen, um das Warten nicht mitzuerleben, das Warten und die ganze Untätigkeit nicht, aus der ich mich selbst in der Lage sein sollte zu befreien, was mir bedingt gelingt, aber sehr bedingt eben auch nur.

Nachdem gestern die Zeit (neben sehr viel, zu viel Schlaf) erneut zur Reflektion und Verarbeitung der wenige Tage vorher in furchtbar kurzen Abständen stattgefundenen Dramen genutzt werden konnte, wurde ich am Abend erneut von meinen Eltern eingesammelt und verbringe somit das zweite Wochenende in Folge in ihrer Schweizer Wohnung. Aktuell mit ihrem Laptop im Bett und Laboa in den Ohren. Zwei Wochenenden in Folge, das musste ich auch erstmal schaffen.

Und es ist nicht sonderlich einfach hier; vielleicht komme ich irgendwann dazu, die skurrile Welt zu erklären, die sich meine Eltern (meine Mutter in erster Linie) hier aufgebaut haben, fürs Erste genüge aber die Feststellung, dass – auch wenn man nicht mehr darüber spricht, zumindest mit mir nicht – in unverminderter Intensität ihre post-2011-Realität sich hier weiter fortsetzt, während die Chancen auf Besserung ihren fröhlichen Tanz um die Null wie eh und je mit bewundernswerter Begeisterung vorführen.

Man müsste natürlich nicht so meckern. Genausogut könnte ich sagen: Mein eigener Tiefpunkt ist hoffentlich überwunden. Und auch hierzulande ist nicht alles katastrophal. Der Vormittag, Mittag, Nachmittag und erste Teile des Abends liefen eigentlich gut, ohne besondere Vorfälle der negativen Art. Wir waren in der Stadt und haben eine riesige Tour durch sämtliche Brocki-Häuser (die nette Schweizer Bezeichnung für Second-Hand-Läden) und noch einen Flohmarkt gemacht, wo ich dann auch gleich ein phänomenales, praktisch nagelneues Desigual-Kleid in meiner Größe abgestaubt habe. 12 Franken. Neu. Nicht übel, wirklich nicht. Plus, ich werde ja hoffentlich bald, wenn ich eine neue Wohnung habe und ein neues Zimmer, mir auch einen etwas größeren Schrank da hineinstellen können, sodass es auf die eine zusätzliche Sache darin auch nicht sonderlich ankommt. Ich habe mir ja seit Ewigkeiten keine Anziehsachen mehr zugelegt. Im Grunde habe ich ja auch wirklich alles, was ich brauche, und das zur Genüge. Aber Desigual-Kleid. Grün-blau-wunderschön gemustert. Es wäre nicht zu verantworten gewesen, das nicht zu nehmen.

Morgen ist nicht nur Wählengehen angesagt (was ein linker Verrückter / verrückter Linker als Freund und ein genau richtig platzierter Vortrag von Frank Tempel, zu dem ich mich Anfang der Woche glücklicherweise trotz heftiger depressiver Verstimmungen bewegen konnte hinzugehen, nicht alles anstellen können mit einem unorientierten Nichtwähler wie mir), sondern es ist auch Nicoles Geburtstag. Ich sollte sie mal anrufen, auch wenn wir ansonsten nicht mehr wirklich dazu kommen, uns zu unterhalten. Hauptsache, sie weiß, dass ich sie nicht vergesse.

Nun bin ich erst einmal froh, den Schreibunwillen noch überwunden zu haben, werde mich jetzt jedoch dennoch wieder dem schicksalshaft zufällig aus dem Regal gegriffenen „A Long Way Down“ widmen, welches ich in weiser Voraussicht hierher mitgebracht habe. Ein Gutes hat diese Sache also noch: Ich fühle mich nicht in der Lage, aus Eigeninitiative heraus mit Menschen zu interagieren, und komme zum Lesen. Lesen ist super. Wenn Schlafen nicht mehr geht, geht Lesen. Abschalten und sich überrollen lassen – nicht die Taktik, mit der man Dinge geschafft bekommt, aber zum Einfach-erstmal-Überleben definitiv geeignet und unbedingt empfehlenswert.

Menschliches Wegsein, unmenschliches Dasein. Oder sowas.

Standard

Im Zuge der Verwirrung von neulich rief ich mir in Erinnerung, was mir Kepa damals sagte. „Du brauchst jemanden, der immer da ist.“ Er hatte so Recht. Ich hatte keine Ahnung, wie Recht er hatte. Noch so ein unheimlicher Fall von „knows-me-better-than-I-know-myself“. (Gut, Kepatxos Indianername wäre hiermit dann auch schonmal offiziell established.)

So richtig wurde mir das eigentlich erst klar, als es Laura nochmal so präzise für mich zusammenfasste. Auch wenn ich ihr daraufhin erstmal erwiderte, dass mir beim Gedanken an R’s und Kepas Issues einfach zwei gleich rapide in die Höhe schnellende Balken in den Sinn kommen, wie sie im Fernsehen benutzt werden, um eine Statistik zu visualisieren. „Whuuuup! Und da sprengen sie die 100-Prozent-Marke!“ Laura war verwirrt, weil sie nicht wusste, dass R ebenfalls mit seinen ganz eigenen Issues zu kämpfen hat. Als wäre das überraschend; was will ich mit einem Mensch ohne Issues. Falls es so etwas tatsächlich gibt – ich habe meine Zweifel.

Wobei ich ja immer noch (mehr noch als zuvor sogar) der Überzeugung bin, dass körperliche Anwesenheit mit Dasein nicht das Geringste zu tun hat, aber das ist ja auch nichts Neues. So sue me, von manchen Überzeugungen bekommst du mich so schnell nicht weg, vor allem, wenn du mir R vor die Nase setzt, den man praktisch mit beiden Armen umfangen kann und der trotzdem erfolgreich die Gewissheit vermittelt, dass er gedanklich in irgendwelchen Sphären am anderen Ende des Horizonts verweilt, wo es zu allem Überfluss auch noch beileibe nicht so verlockend aussieht, dass man das unbesiegbare Bedürfnis verspürt, sich ebenfalls dort hinzubegeben. Wie gesagt. Ich bleibe nach wie vor dabei, dass mir ein physisch entfernter, aber gedanklich präsenter Mensch um Welten lieber ist als das genaue Gegenteil.

R derweil kam eben aus der Kneipe wieder und ist mächtig stolz auf sich, es an einem Freitagabend schon vor drei Uhr nach Hause geschafft zu haben. Ich bin nur noch wach, weil ich eben mit Caro geschrieben habe und mir dann dachte, komm, dann schaffst du auch noch eine kleine Bloggle-Abhandlung über ein random Thema. Da natürlich aber, wie immer, dieser Blog die faszinierende Eigenschaft hat, mich genau darüber reflektieren zu lassen, was zum Zeitpunkt des letzten Eintrags in meinem Kopf vorging, landete ich eben genau hier.

Und weil mir vor Müdigkeit bald die Augen aus dem Kopf fallen, gehe ich jetzt schlafen.

Wäre er nicht angewachsen…

Standard

Ich wachte in der Minute auf, in der R geplant hatte aufzustehen. Verzögerte sein Aufstehen wie üblich um einige Minuten, weil ich es nicht einsah, gerade in der kalten Realität angekommen zu sein und direkt meiner wichtigsten Wärme- und Geborgenheitsquelle beraubt zu werden. Schlief wieder ein, nachdem er weg war, drückte ein paarmal auf den Wecker, supposedly um diesen dazu zu bringen, ein bisschen später erst zu klingeln, und wachte schließlich um halb elf Uhr ein zweites Mal auf. Ohne Wecker – ich kann von Glück sagen, dass mein Unbewusstes sich neun Minuten, nachdem der (von mir zuvor unwissentlich ausgeschaltete) Wecker seiner Pflicht hätte nachgehen sollen, dazu entschlossen hat, dessen Aufgabe für heute zu übernehmen.

Lag eine Weile herum und überlegte mir, welchen Bus ich nun nehmen sollte, um rechtzeitig in der Uni zu sein. Was genau „rechtzeitig“ eigentlich sein sollte, war mir selbst nicht ganz klar; ich war gestern beim Plank in der Sprechstunde und habe endlich die Unterschrift für den Antrag auf Titeländerung der BA-Thesis von ihm bekommen, sodass ich heute Früh diesen noch beim Prüfungsamt einreichen wollte. Das schließt nämlich um 12, und da ich um 11.45 Euskera hatte, musste das Abgeben definitiv vorher geschehen.

Ich kam zu keinem konkreten Schluss, war aber tendenziell überraschend unlethargisch und konnte ohne Schwierigkeiten recht bald aufstehen. Holte mir ein Medi aus der Schublade, stellte fest, dass kein Wasser im Zimmer war, und legte es auf die Fensterbank, während ich mich anzog. Nahm die Akkus des AGs aus dem Ladegerät und steckte das AG zusammen mit dem Handy in die Tasche; nach Euskera ist mein Redebedürfnis immer noch um ein so Vielfaches höher als sonst schon, da war das AG unerlässlich. Sogar an eine Speicherkarte dachte ich. Zur Abwechslung mal wieder.

In der Küche setzte ich mir Kaffeewasser auf und ging ins Bad, während es sich erwärmte. Wieder zurück, begegnete ich Trudi, welche mich mit erstaunlicher Gesprächigkeit und guter Lane begrüßte, die ich nur zu gern erwiderte. Die Momente, in denen Trudi und ich uns gut gelaunt unterhalten, kann man mittlerweile an einer Hand abzählen, vor allem weil meine Laune üblicherweise schon durch Hannes‘ Anwesenheit in den Keller verscheucht wird. Ich schnorrte mir einen Schluck Reismilch von Trudi und kippte diesen zusammen mit zu wenig Zucker und um Längen zu viel löslichem Kaffee in meine Thermoskanne. Nachdem diese in meiner Tasche verstaut war, schnappte ich mir noch schnell eine Banane und verschwand in Richtung der Haustür. Hätte dort um ein Haar vergessen, die Ladung aus unendlichen Tüten Brötchen und Salat mitzunehmen, die ich mir im Flur für genau diesen Moment bereitgestellt hatte. Setzte also die Tasche wieder ab und den Riesenrucksack, nunmehr mit Brötchen angefüllt, auf, drapierte die diversen Tüten links und rechts an meinen Armen, griff nach der Banane und verschwand, Trudi „Bis daahann!“ zurufend, durch die Tür. Kam rückwärts wieder herein, um meinen Schlüssel vom Haken zu nehmen (zu Trudi: „Scheiße, Schlüssel! Jetzt aber, bis daahann!“), und stapfte schwer beladen, aber zufrieden zur Bushaltestelle. Erwischte die 2, ohne großartig rennen zu müssen, obwohl ich nichtmal auf die Uhrzeit geachtet hatte.

Langsam fielen mir die Arme ab – man sollte kaum meinen, dass Salat so schwer sein kann, aber glaub mir, in diesen Mengen ist er es. Die eine Brötchentüte rutschte mir durch die befäustlingten Finger und ich hatte keine Gelegenheit, sie anders zu positionieren, weshalb ich ziemlich froh war, als die erste Busfahrt vorbeiwar und ich das Ganze kurz auf einer Bank absetzen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wann der nächste Bus zur Uni kommen würde, wagte es also, meine Banane hervorzuholen (wie sich das einfach nur falsch anhört!), und hatte mich gerade meiner Fäustlinge entledigt, als der Bus, den ich brauchte, in meinem Augenwinkel erschien. Also alles wieder einpacken, Banane ungegessen in eine der Tüten stopfen und ab in den Bus. Dort bekam ich einen Sitzplatz mit zwei leeren Sitzen gegenüber, auf denen ich meine ganze Fracht richtig bequem ablegen konnte. Herrlich. Endlich war Zeit zu frühstücken. Während ich mich mit der Banane vergnügte (okay, dieses Mal war’s drauf angelegt), unterhielten sich hinter mir zwei Menschen über irgendetwas so Sterbenslangweiliges, dass ich mich jetzt schon nicht mehr dran erinnere.

An einer Haltestelle wollte noch jemand zusteigen, als der Busfahrer schon auf Weiterfahren gepolt war; der Mensch, der am dichtesten neben der Tür stand, hielt heldenhaft seine Hand in den sich rapide verkleinernden Zwischenraum, um die Tür daran zu hindern, sich komplett zu schließen. Schade nur, dass die Tür andere Pläne hatte: Der einsteigen Wollende stand verblüfft vor der geschlossenen Bustür, während wir Drinnensitzenden uns vor Lachen kaum kriegten, als die Hand des armen Helden zwischen den Gummidichtungen steckenblieb und bis zur nächsten (zum Glück nicht sehr weit entfernten) Haltestelle den um die null Grad frostigen Temperaturen außerhalb des Verkehrsmittels ausgesetzt war und die Wartenden nach Art eines aus der Limousine winkenden Weltstars begrüßte. Er musste selbst lachen, wenn auch ein wenig verzweifelt, als die Türen sich wieder öffneten und er die Hand – durchgefroren, aber unbeschädigt – ordentlich durchschütteln und mit dem Rest seines Körpers wiedervereinen konnte.

Ungefähr zur selben Zeit wurde mir bewusst, dass ich meine Tasche zu Hause vergessen hatte, als ich die Fäustlinge in selbiger verstauen wollte. Dieser Einsicht mit einem unwillkürlichen lauten „NEIN!“ Ausdruck verleihend, bekam ich erst allmählich einen Überblick über die Ausmaße meines Fails. Nein, mein Hauptproblem war nicht, dass ich keinen Ort mehr hatte, an dem meine Fäustlinge untergebracht werden konnten. Ich war auch ohne Busticket unterwegs, ohne Euskera-Mappe, ohne – ein zweites lautes NEIN!, diesmal länger gezogen, den so ewig schon auf seinen Moment wartenden Antrag fürs Prüfungsamt, ohne Stift und ohne Kaffee. Und ich war zu früh.

Nuja. Ich machte das Beste draus und ließ mir Zeit beim Einsortieren der Lebensmittel ins FairTeiler-Regal. Es kamen wie meistens schon Leute an, mit denen ich – meinem Fail sei Dank – ein bisschen plaudern konnte, während ich die Tüten ausräumte. Dann auf zum Euskera-Raum – ich war immer noch zu früh. Jemand kam mir hinterher und hielt einen meiner Fäustlinge in der Hand. Ich bedankte mich überschwänglich und steckte ihn zurück in die Jackentasche. Mir fiel auf, dass auch der andere Handschuh fehlte. Eine Kehrtwendung und ein paar Schritte später hatte ich ihn wieder; er lag direkt neben der Person, die mir den ersten hinterhergetragen hatte. Sie bemerkte mich und entschuldigte sich – sie habe den zweiten gar nicht gesehen. Ich entgegnete, ich wäre ihr schon für den ersten dankbar genug gewesen, sonst hätte ich ja nichtmal bemerkt, dass der zweite nicht da war, wo er sein sollte. Und wieder umdrehen und wieder ein Blick auf die Uhr, immer noch zu früh, natürlich – ein paar Schritte dem Euskera-Raum entgegen, bis mir das Gewicht auf meinem Rücken die Erkenntnis brachte, dass ich vergessen hatte, die Brötchen aus dem Rucksack im Regal abzuladen. Eine erneute Kehrtwendung und zurück zum Regal. Die eine, mit der ich beim Regal geredet hatte, stand immer noch da und hielt nun ihrerseits ein Pläuschchen mit einem anderen Menschen. „Die Hälfte vergessen…“ sagte ich zu ihr und fing an, die Brötchen auf dem zweitobersten Regalbrett zu stapeln.

Irgendwann war ich tatsächlich fertig und begab mich, Shakiras „Estoy aquí“ vor mich hinträllernd, wirklich mal in den Euskera-Raum, wo ich entgegen aller Gewohnheit als Erste ankam. Fand ein paar leere Blätter auf einem der Tische und war schon froh, dass ich mir zumindest kein Notizapier von den Kommilitoninnen würde ausleihen müssen. Verpflanzte mich vom Tisch auf den Stuhl, als Esti hereinkam, und war einen Moment lang überglücklich, als sie mir die beiden Ken-Zazpi-CDs hinhielt, die sie mir versprochen hatte aus dem Baskenland mitzubringen. Genau so lange, bis mir wieder einfiel, dass ich das Geld dafür mangels Tasche natürlich nicht dabeihatte. Genausowenig wie die durch einen genialen Zufall vor ein paar Wochen containerte „Kleines Dankeschön“-Milka-Schokoladenpackung, die ich ihr dazugeben wollte. Aber weil Esti eine unglaublich liebe Person ist, sagte sie nur, ich solle mir keine Sorgen machen und sie hätte eh den Bon vergessen, wir würden es einfach nächstes Mal regeln. Esti = Engel.

[Genau in diesem Moment höre ich Itsasoa gara, welches auf einem der Alben ist, die sie mir gebracht hat, und bin überwältigt, weil Itsasoa gara das Lied ist, das ich mir nie erlaubt hatte Wort für Wort zu übersetzen. Itsasoa gara habe ich drei Millionen Mal bei Youtube angehört, aber nie die Version mit spanischen Untertiteln genommen, nicht ein Mal; ich habe mir immer gesagt, „wenn du weiter Euskera lernst, wirst du dieses Lied irgendwann einfach so verstehen; es wird so sein, dass du das Lied hörst und es einfach verstehst, ohne irgendetwas dafür zu tun, und dieses Lied wird das erste sein, bei dem es dir so geht.“ Nun ist es tatsächlich der Fall. Ich bin verblüfft und hochgradig dankbar, diesen Moment zu erleben.]

Dann kam Rui und wir saßen zu zweit in Euskera; Vera kam nicht, kannst du dir das Privileg vorstellen, an der Uni zu sitzen und mit einer einzigen Kommilitonin Euskera zu lernen? Ich habe mir einen Stift von Esti ausgeliehen. Rui musste irgendwann zum International Office, also machte ich die letzten 20 Minuten mit Esti Privatunterricht. Sie ließ mich indirekte Rede üben und war beschämend begeistert von der Qualität meiner Arbeit. Es wäre unglaublich, wie korrekt meine Sätze seien. Sie konnte es gar nicht glauben. Ich war so glücklich. Am Ende habe ich sie, meiner selbst ohne Kaffee aufgedrehten Euskera-Natur gemäß, über meine Bachelorarbeit zugelabert und sie wäre bald an die Decke gegangen, als ich ihr sagte, dass ich über den Allokutiv geschrieben habe. Wie sie mich angeguckt hat. Darauf habe ich gewartet. Jetzt mag sie mich, habe ich mir gedacht, als sie sich strahlend verabschiedet hat und mir das Versprechen abgenommen hat, ihr bescheidzusagen, wann ich meine Thesis verteidige. Tengo amigas que hablan en hika! Si se lo cuento… van a flipar!

Mit einer ganz neuen Motivation erfüllt, habe ich mich zu Hause daran gemacht, mit der Präsentation für die Verteidigung zu beginnen. Mir das Medi eingeworfen, das ich natürlich in der Früh auf der Fensterbank hatte liegenlassen. Mir Argiak in den CD-Player geschmissen und mich mit Frühstück versorgt, die Sonnenlichtlampe ins Bett gestellt und angefangen zu arbeiten, bis mir auffiel, dass es eventuell sinnvoller wäre, erstmal ein paar der Präsentationen der Anderen anzusehen, bevor ich meine eigene erstelle. Dieses Projekt also richtig guten Gewissens auf nächste Woche vertagt und stattdessen diesen Monstereintrag geschrieben, einfach um einmal festzuhalten, wie dieser im Grunde so alltägliche Vormittag doch irgendwie voll war mit wunderbaren Kleinigkeiten.

Und wie ich wieder einmal gelernt habe, dass meine Art zu failen gar nicht so schlimm ist, weil man doch immer wieder durchkommt: Esti bekommt ihr Geld und ihre Schokolade nächste Woche. Niemand hat mich im Bus kontrolliert. Den Antrag gebe ich morgen ab; dafür muss ich zwar nochmal extra in die Uni, aber das ist gar nicht so schlimm, denn ich habe noch einen Karton Salat hier herumstehen, den ich heute Früh beim besten Willen nicht mehr untergekriegt habe. Der kommt dann morgen mit. Und ich habe meinen finalen Termin für die Präsentation eingetragen und ganz viel Motivation, es gut zu machen, weil Esti mir zuhören wird und weil ich den Plank mag. Spät, aber doch kam mir diese Erkenntnis. Ich habe gestern eine halbe Stunde mit ihm geredet und einen armen Menschen draußen vor seinem Büro warten lassen, obwohl ich eigentlich nur die Unterschrift von ihm brauchte. Und es ist nicht schlimm, dass ich die beiden Quellen aus der einen Fußnote in der Bibliographie vergessen habe aufzunehmen; ich hab’s ihm gestern gesagt und er meinte nur, er würde eh einfach mal kurz schauen, „ob sich das ungefähr deckt“ – oh mein Gowai. Das sind diese Geschichten, die ich mich nichtmal hier im Blog traue zu erwähnen, weil ich so viel Angst vor den Konsequenzen habe, dass ich sie vollkommen verdränge, wo es nur geht, und dann auf einmal kommt raus, es ist nicht schlimm. Ich schätze mal, das ist der Schock, den Laura bei mir vergeblich erwartet, wenn sie mir ihre dunklen Geheimnisse anvertraut. Den ich auch andauernd erwarte und der einfach ausbleibt, weil die Sachen bei einem im Kopf so viel dramatischer aussehen, als sie für den Rest der Welt sind. Ich liebe die Welt. Ich liebe meinen widerwärtigen, zu starken und zu zuckerarmen Kaffee. Ich liebe Ken Zazpi und ich liebe es, hier zu sitzen und mit den Fingern nicht hinterherzukommen, weil ich endlich, endlich mal wieder Motivation habe, mir die Seele aus dem Leib zu schreiben. Ich liebe es, wach zu sein. Ich bin so unfassbar glücklich gerade.