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Roger

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Wow. So verkatert habe ich ungelogen noch nie bei der Therapeutin gesessen. Falls das überhaupt schon verkatert war und nicht einfach immer noch stockbesoffen. Es war trotzdem gut, dass ich da war, denn so konnte ich wertvolle Erkenntnisse über mein verkorkstes Anger-Management gewinnen.

Mein restlicher Tag bestand im Wesentlichen darin, den Rausch auszuschlafen. Damit war ich bis nachmittags beschäftigt; anschließend habe ich mit Simone telefoniert und war irgendwann in der zweiten Gesprächshälfte sogar soweit, mich aktiv daran beteiligen zu können. Wenig später rief mich Jana an und verkündete, sie würde morgen wieder vorbeikommen. (Im Angesicht ihrer vorbildlichen kontaktlosen Corona-Mentalität sah ich mich gezwungen, ihr wahrheitsgemäß von meiner gestrigen, Körperkontakt involvierenden Eskapade zu berichten. Dass mir meine mich selbst anbelangenden Prinzipien mittlerweile völlig wumpe zu sein scheinen, tut der Funktionalität meines Gewissens keinen Abbruch. Sie war, wenngleich nicht begeistert, dankbar für die Ehrlichkeit und möchte trotzdem noch zu mir kommen.) Dann ging ich mir Chili con Weißwurst machen. Dann meldete sich Andi, der anbot, mich morgen vom Bahnhof holen zu kommen (ja, bitte! Alles, was die Zwei-Stunden-Reise verkürzt, sei mir willkommen), und dann sogar meinte, ich könne auch bei ihm übernachten (whoa. Aber okay, bequem wär’s, und falls Jana morgen wieder da ist, kommt auch die Katze in dem Szenario nicht zu kurz). Dann vertilgte ich mit einer Begeisterung, die nur jemand aufbringen kann, der seit Tagen nichts Warmes mehr gegessen hat, eine Schüssel Chili. Und jetzt ist jetzt.

Nun hole ich die letzten beiden Tagesschauen nach, korrigiere noch ein Motivationsschreiben für die Freundin von Simones Bruder und hoffe einfach mal, dass ich dann irgendwann auch schon wieder schlafen kann. Und, falls das nicht zu viel verlangt ist, dass sich mein Leben in absehbarer Zeit auf eine Art einpendelt, die es mir erlaubt, mir ein gewisses Maß an Normalität wenigstens wieder irgendwie einzubilden.

Mit dem Kopf voraus

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Auf einer Facebook-Seite wurde neulich ein Meme gepostet, das besagt: „My spirit animal is a bull, because like me, it charges headfirst into red flags.“ Das fand ich ganz wunderbar relatable.

Morgen, wie ich gerade feststelle, wäre ich unter anderen Umständen um 17 Uhr mit R, Becci, irgendeiner vierten Person und einem Haufen Alpakas durch die Gegend gezockelt. Idealstes Wetter wäre mit meinem Geburtstagsgeschenk jedenfalls einhergegangen. Schade nur, dass mein Schicksal beim Durchkreuzen der Rechnung offenbar ganz besonders sicher gehen wollte und letztendlich eine Pandemie und eine Trennung diesen an sich bezaubernden Plan vereitelt haben.

Ich habe mich den zweiten Abend in Folge mit der Candidate-App vergnügt und mich heute sogar mal dazu bewegen können, ein paar Menschen mit Herzen zu beehren. Ganz habe ich das Prinzip noch nicht durchschaut und bin dem Konzept Dating-App gegenüber auch generell skeptisch, aber schaden kann es kaum. Solange irgendeine Art menschlicher Interaktion dabei rumkommt, die mir den Glauben an meinen Lebenssinn nicht noch weiter schwinden lässt.

Getting by

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Das ging gestern noch richtig gut weiter. Erst schrieb mir Yannick, ob ich mit auf Essenssuche kommen will – was ich erfreut bejahte – und dann kündigte sich Jana an, die kurz nach ihrem Erscheinen gleich vorschlug, doch mit ihrem Auto zu fahren. So sparte ich mir das Bus- und Bahnfahren zu Yannick und gleichzeitig die halbe Route unseres Beutezugs, den wir auf diese Weise trotz Wolfgangs Abwesenheit in gewohnter Manier auf zwei Autos verteilen konnten.

Heute habe ich vor allem mit Mama geredet und gerade noch ein wenig mit Caro. Zwischendurch ist es mir gelungen, mich anzuziehen, etwas in der Küche für Ordnung zu sorgen, das Katzenklo sauberzumachen und einen Großteil des gestern Erbeuteten zu verstauen (darunter eine absurde Menge Kinder Pingui – eine meiner absoluten Lieblingssüßigkeiten, die ich seit Jahren nicht mehr gegessen hatte -, Hühnerfleisch im Überfluss, Kartoffeln, Lachsscheiben und Gemüse). Alles in allem ein höchst erfolgreicher Tag, an dem R und das Verlassenwerden sich nicht in den Vordergrund drängen konnten.

Morgen kommt Jana wieder her und arbeitet an ihrer Thesis. Falls es Caro gut geht und sie keine Blasenentzündung bekommt, reden wir hoffentlich. Tagsüber könnte ich zum Altglascontainer spazieren, etwas von der mittlerweile in rauen Mengen bei mir eingetroffenen Kernseife raspeln, Wäsche machen und das Bett im kleinen Zimmer von Anziehsachen befreien. Auch könnte ich mich damit befassen, R’s Kleiderschrank in Beschlag zu nehmen und aus meinem überquellenden (kleineren) eigenen Schrank einen Teil meiner Garderobe dort hineinzuverlagern.

Nicht vergessen darf ich außerdem, die Therapeutin anzurufen. Neun Uhr, üblicher Zeitpunkt, Sofa. Wie schön. Ich muss mit ihr darüber reden, dass ich nicht loslassen kann und wie ich es lernen könnte. Und darüber, wie ich erreichen kann, meinen Selbstwert aus mir selbst heraus zu schöpfen, nicht aus den Häppchen oder Happen, die ich von Anderen bekomme.

Zukunft streichen, Gegenwart vertreiben.

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Gestern Abend erstmal meinen Kalender aktualisiert. In dem Sinne, dass alles R-Relatede unkenntlich gemacht wurde. Viel war es nicht, aber gleichzeitig praktisch alles, was ich bisher eingetragen hatte. Sein Geburtstag, meine Alpakawanderung, die Hochzeit seines Bruders, das Pet-Shop-Boys-Konzert, auf das ich zum Zeichen meiner Horizonterweiterungswilligkeit hatte mitgehen wollen. Von der Geburtstagsfeier seiner Großtante, die demnächst stattfindet, wusste ich zum Glück das genaue Datum noch nicht, sonst hätte ich noch einen Eintrag mehr durchkritzeln müssen.

Es war eklig.

Überhaupt überkommt mich, sobald ich mich einer Konfrontation mit diesem Aspekt meiner Wirklichkeit nicht erwehren kann, zuverlässig das Gefühl, vor Schmerz zu zerfallen. So wie jetzt. So wie beim Aufwachen. So wie gegen Nachmittag, wenn die Phase erzwungener Aktivität am Auslaufen ist und ich wieder auf dem Sofa lande, wo mich die Leere verschlingt.

Es ist einerseits weniger hartnäckig als damals, vermutlich weil mich die Medis auffangen und ich, davon ab, nicht davon überzeugt bin, einen Seelenverwandten verloren zu haben. Auf der anderen Seite ist es so viel mehr, das ich verliere. Am härtesten, das will ich offen zugeben, trifft mich neben der augenscheinlichen Tatsache, dass mein Leben auseinandergefallen ist, der schlagartige Verlust des Geliebtwerdens. Härter als das Nichtgenugsein, die verlorenen Jahre, die vollkommene Perspektivlosigkeit; mehr als die Person an sich, die fünf Jahre lang ein Teil von mir war und die an meiner Seite zu haben ich schätzen und offensichtlich, leider, auch brauchen gelernt habe.

Ich habe viel Arbeit vor mir, wenn ich das überstehen möchte.

Umso stolzer bin ich, berichte zu können, dass ich mich aufgerafft und mir ein (hoffentlich) köstliches Abendessen aus der letzten Semmelknödelwurst von Beccis und meiner Aktion letzte Woche, Spargel und Pilzsauce zubereitet habe. Verblüffend, wie ich in dieser Ausnahmesituation Energie für Dinge aufbringe, die ich über weite Strecken der letzten Jahre für undenkbar befunden hätte.

Also wird nun gegessen. Gegessen und dabei die nächste Netflix-Dokuserie angefangen, sodass Ablenkung einziehen und sich der Klammergriff um meinen Brustkorb wieder lockern kann.

Realitätsferne, Kaffee und Putzmittelzutatenbestellrausch

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Mir geht es gut, solange ich nicht damit konfrontiert werde, dass  R irgendwo ohne mich existiert, ohne mich einfach weiterlebt und mit allen Anderen normal Kontakt hat, aber nicht mit mir. Vielleicht sollte ich aus der Signal-Gruppe raus, um dies zu vermeiden. Andererseits bin ich demnächst auf Yannick angewiesen, um an Essen zu kommen. Also besser nicht austreten. Ein kleiner Reality-Check ab und an ist vielleicht auch nicht das Verkehrteste, damit ich nicht ganz und gar in eine Pseudowirklichkeit abdrifte, in der R und alles, das passiert ist, nicht oder nur ganz am Rande vorkommt. So weit kann ich es immer noch treiben, wenn es dann ganz und gar vorüber ist.

Becci ist nach Hause gefahren, einerseits, weil ihre Waltraudallergie sie dazu nötigte, andererseits, weil ihr Freund ihren Beistand brauchen kann. Seine Lebensplanung hat sich heute dank Virus um vier Monate nach hinten verschoben, was in seinem Fall mit erheblichen Komplikationen verbunden ist. Dagegen kann Becci zwar nicht viel ausrichten, aber man weiß ja, dass simples Dasein in solchen Situationen bereits eine ganze Menge helfen kann. Und da ich mich mittlerweile derart gefestigt fühle, dass ich heute sogar gewagt habe, mir den ersten Kaffee seit über einem Monat zu genehmigen (und die Unternehmung von Erfolg gekrönt war, was gleichzusetzen ist mit dem gänzlichen Ausbleiben eines Heul- oder Panikdramas), ließ sie mich, anders als beim letzten Mal, auch guten Gewissens alleine.

Morgen mache ich mich auf in die weite Welt. Genauer gesagt, ans andere Stadtende, um meinen Eimer Zitronensäure abzuholen und eventuell auf dem Weg dorthin (endlich mal) noch Pfand wegzubringen. Abends wird unten bei der Bäckerei Brötchen gerettet – und mir fällt erst in diesem Moment auf, dass es deutlich schwerer werden dürfte, den zu erwartenden Sack Brötchen ganz alleine wegzumampfen. Zumal dank des herrlichen Frühlingswetters nun auch der begehbare Kühlschrank ausfällt. Zum Glück gibt es ja noch Wolfgang, der mir sicher welche abnimmt. Und sowas wie Nachbarn hat man ja auch. Das wird schon.

Nebenbei habe ich gerade noch bei Ebay mit Kernseifenverkaufenden verhandelt und dabei einen Volltreffer gelandet: 114 Stück für 35 € inklusive Porto bei einem Stückpreis von 30 Cent. Ich habe einfach gefragt, ob er mir das Porto erlässt, wenn ich sie alle nehme, und er hat tatsächlich eingewilligt – das ist mit Abstand der beste Ebay-Deal, der mir jemals gelungen ist. Vor allem die andere Person, mit der ich zuerst zu tun hatte, kann dagegen abstinken. Die wollte nämlich 1 € pro Stück. Uff, das war knapp.

So, grad direkt nochmal eine Ladung Natron, mehr Waschsoda und mehr Zitronensäure aus einer einzigen Anzeige geordert, einfach weil es sich kein bisschen gelohnt hätte, nur das Natron alleine zu bestellen.

Es wird allerhöchste Zeit, dass ich wieder arbeite.

Viel auf meinem Teller

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Welch ein ereignisreicher Tag das heute war. Zwischen Therapie, Mama verabschieden, Marketas und Marks Testamentsverlesung dolmetschen, nochmal in die Stadt zum Notar fahren, um meinen zuvor vergessenen Perso nachzureichen, und einem wohltuenden Zusammenkommen mit Undine blieb mir kaum Zeit für Panik.

Wenn jeder Tag so wäre, das wäre was. Aber ich habe dafür gesorgt, dass zumindest die nächsten paar im Vergleich mit diesem nicht ganz und gar verblassen: Morgen kommt ein Ebay-Mensch, um ein Ahornblatt aus Filz bei mir abzuholen, das ich mal containert habe, und mich dafür um zwei Euro reicher zu machen. Eventuell ruft mich Papa an. Abends telefoniere ich mit Simone, und auch wenn ich bisher noch nichts in der Richtung von ihm gehört habe, ist R’s Treffen mit Marketa und damit verbundenes Erscheinen zum Sachenholen auch für morgen Abend angesetzt.

Donnerstag Abend kommt mich Mike besuchen. Und für den Fall, dass eben erwähntes Treffen stattfindet, besteht die Möglichkeit, dass Marketa sich für eine Lagebesprechung blicken lässt.

Irgendwann am Wochenende sollte Becci hier aufkreuzen.

Und nächstes Wochenende mache ich vielleicht mit Undine zusammen Musik.

Also, zumindest versumpfe ich nicht ganz und gar. Und wenn wir mal ehrlich sind, ist das alles schon beinahe mehr, als ich im gesamten letzten halben Jahr an Aktivität vorweisen konnte.

Geht alles, wenn’s denn sein muss.

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Heute habe ich es ohne Beta-Blocker geschafft. Es war nicht schön, aber ich habe überlebt und bin nach ein paar Stunden derwischmäßigen Rotierens im Haushalt mittlerweile fast vollständig panikfrei.

Ich habe wirklich eine Menge geschafft. Beide Katzen versorgt, Kühlschrank entsaftet und grob gereinigt, gefegt, gesaugt, die Tüte mit Flüssigbonbons geleert, die seit Jahr und Tag auf den Flurboden leckte, eine Wäsche in die Maschine geschmissen, Essenstüten ausgeräumt, das Essen gewaschen und im Kühlschrank verstaut, Spülbecken gesäubert, Spülmaschine angeworfen, etwas aufgeräumt… doch, wirklich, eine Menge.

Somit steht Mamas Besuch nichts mehr im Wege. Und wenn ich einen Bus früher nehme, um sie abzuholen, kann ich vorher sogar noch Pfand wegbringen. Das wäre doch echt mal eine Maßnahme.

Whey, ich bin ja richtig lebenstauglich.

Und das, obwohl die Medis mich hundemüde machen und gestörte R-relatede Träume sowie schmerzhafte R-relatede Gedanken mich am laufenden Bande heimsuchen.

Letzten Endes schaffe ich mit den Medis, mit einem auf so unerwartete Weise rettenden Umfeld und mit aller Kraft, die ich nur aufbringen kann, woran ich vor einem knappen Jahrzehnt so elendiglich gescheitert bin: klarkommen.

Marketa und R treffen sich vielleicht am Mittwoch. Nur gut, dass ich eben Marketa nochmal geschrieben habe, um sie zu bitten, bestimmte Dinge, die wir gestern beredet hatten, mit ihm nicht anzusprechen – auf diese Weise habe ich im Vorfeld davon erfahren und kann mich mental darauf vorbereiten, dass er vorbeikommt und (ein weiteres Mal) seine restlichen Sachen mitnimmt.

Ugh, jetzt muss ich aber aufhören, darüber nachzudenken. Das ist ja entsetzlich. Am besten zocke ich jetzt noch eine Stunde, um mich abzulenken, und fahre dann in die Stadt.

Machen wir das doch.

 

(Ya voy a buscar qué hacer conmigo)

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Ich bin ruhig. Ich weine nicht mehr, solange ich nicht darüber rede. Ich bringe die Konzentration dafür auf, mir Serien anzuschauen, und kann abends sogar die ein oder andere Seite lesen. Ich versorge die Katze und mich selbst mit regelmäßigen Mahlzeiten. Großartige Menschen um mich herum haben mich wissen lassen, dass ich nicht alleine bin. Die Medis wirken (und die Müdigkeit sowie die gelegentlich auftretenden dumpfen Kopfschmerzen, die sie mir verursachen, sind dafür ein zu vernachlässigender Preis).

Mike kommt morgen zu mir. Bis dahin plane ich geduscht zu haben, die Wohnung soll gesaugt und das Katzenklo gereinigt sein. Nicht übel, wenn ich das alles schaffe.

Freitag gehe ich hoch zu Marketa. Sie hat mich wieder einmal mit einem Übersetzungs-Schrägstrich-Dolmetsch-Job betraut. Ich soll sie und Mark am Dienstag zum Notar begleiten und die Vorlesung ihres Testaments simultandolmetschen – nur gut, dass ich das Dokument vorher schon bekomme. Das können wir bei der Gelegenheit durchgehen. Ich bin (wieder einmal) zutiefst gerührt in Angesicht des Vertrauens, das sie mir entgegenbringen.

Am Samstag kommt schon Mama und bleibt bis Dienstag. Dann muss ich nur bis Ende nächster Woche überleben, wenn Becci an der Reihe ist, mich mit ihrem Besuch zu beehren. Aber irgendwann wollte ja auch Undine sich noch auf ein Teechen zu mir gesellen. Das wird machbar.

Und auch das Für-mich-selbst-leben sollte ich irgendwann erlernen. Dass das in meinem bisherigen Dasein nie so gut hingehauen hat, muss ja nicht bedeuten, dass ich es nicht doch noch schaffen kann. Was für ein Meilenstein das wäre, um sowohl allein als auch in Beziehungen um so Vieles zufriedener sein zu können.

Die Panik, mit der ich Tag für Tag aufwache, zeigt, dass ich bis dahin noch einen langen Weg vor mir habe.

Ich wünschte, es wäre einfach vorüber. Zu 95 Prozent bin ich mir so oder so sicher, wie dieses Desaster enden wird. Nur kann ich es mir nicht eingestehen, bis er es mir nicht selbst verkündet. Diese Ungerechtigkeit. Warum kann er es nicht selbst schon wissen. Warum fällt mir die undankbare Aufgabe zu, mich Stück für Stück für Stück aus diesem Abgrund zu kämpfen, um am Ende erneut hineinzufallen – alles, weil er sich selbst nicht gut genug kennt.

Oder ist das nur der Selbstschutz-Pessimismus, der mich vor falscher Hoffnung bewahren möchte?

Wie soll ich das noch durchblicken? Jede Selbstreflektion hat ihre Grenzen; gegen das Unbewusste ist sie machtlos.

Ich muss aufhören zu denken. Das tut weh und stört meine Abendruhe. Morgen Früh um sieben wird es von alleine wieder zu rotieren anfangen.

Leben suchen

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Es ist schwierig. Selbst mit den ganzen Medikamenten. Ich sitze, heule, warte und finde keinen Sinn und keine Absicht. Meine Pflanzen lassen die Blätter hängen. Die Katze liegt und schläft neben mir. Ich strenge mich an und versuche, normal mit ihr zu reden, nur für den Fall, dass sie mehr mitbekommt, als man ihr anmerkt.

Ich hatte geplant, am Montag die Selbsthilfegruppe für Sozialphobiker zu besuchen, aber je näher der Termin rückt, desto weniger Lust habe ich. Lieber würde ich mich mit Leuten umgeben, die ausgeprägte soziale Fähigkeiten besitzen. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen – außerdem besitze ich selbst unter gewissen Rahmenbedingungen ausgeprägte soziale Fähigkeiten, warum also anderen Sozialphobikern gleich das Gegenteil unterstellen. Ich sollte hingehen.

Dann sitze ich da und stelle mich vor. Hallo, ich bin die Aspi. Ich habe gerade die einzige konstante Bezugsperson meines Alltagslebens an unüberbrückbare Differenzen verloren und jetzt keinen Schimmer, wie ich wieder mit Menschen in Kontakt kommen soll. Aus Angst vor Zurückweisung fällt es mir unsagbar schwer, auf Leute zuzugehen, obwohl mein Bedürfnis nach bedeutungsvollen sozialen Bindungen sehr groß ist. Prinzipiell vermeide ich es, Kontakt zu initiieren, da ich permanent besorgt bin, mich aufzudrängen, als klammernd empfunden oder nicht gemocht zu werden. Mein Freund war sehr extrovertiert und ich habe ihm einen Großteil aller anfallenden Kommunikation mit der Außenwelt überlassen, was nur dazu führte, dass ich mich meiner Angst noch weniger gestellt habe. Alle Kontakte, die ich in der Stadt hatte, habe ich durch Konflikt oder Wegzug verloren. Nächsten Monat möchte ich wieder in die Uni gehen, habe aber Angst, dort keinen Anschluss zu finden, gerade weil ich ihn momentan so dringend brauche.

Doch, wenn ich mir das genau anschaue, klingt die Sozialphobikerselbsthilfegruppe nach einer vernünftigen Idee.

Und da das Schreiben mich gerade so hervorragend beruhigt hat, würde ich sagen, mache ich mir gleich einfach mal die nächste Portion Ravioli warm, schaue die nächste Rotten-Folge an und harre der Wochen, die da kommen.

Those who can’t do it, teach it.

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Erstaunlicherweise sieht mein Balkon nicht viel katastrophaler aus als vor dem Orkan. Ich bin trotzdem froh, der unfreundlichen Aufforderung der penetranten Frau, die unter uns wohnt, nachgekommen zu sein und die Blumenkästen von der Mauer nach innen geholt zu haben. Besser Vorsicht als Nachsicht, denn die Genugtuung, mir dabei zuzugucken, wie ich Erde und Pflanzenteile auf ihrer Terrasse zusammenkratze, hätte ich ihr höchst ungern verschafft.

Ich frage mich jetzt schon, was das wohl gibt, wenn ein tonnenschwerer Baumstrunk an der Ecke steht und die Gute mit ihrer andauernden Befürchtung, ihr könnte etwas auf den Kopf fallen (weil bei mir ja alles so gefährlich steht, angebunden oder nicht, und Unwetter und Orkane einfach der Zeitpunkt sind, an dem sie sich am liebsten mit ihren Enkeln auf der Terrasse zu Kaffee und Kuchen häuslich einrichtet), darunter vor sich hinexistiert. Eins ist sicher: das Teil muss stabil befestigt werden.

Bis der Baum kommt, dauert es ja aber sowieso noch eine Weile. Beruhigend, zu wissen, dass bis dahin mein Balkon schon wieder zum Leben erwacht sein wird. Ich möchte dieses Jahr bis auf ein paar Ausnahmen eher blumen- und wildkrautlastig unterwegs sein; Essen habe ich eh genug und die Ausrichtung unseres Gebäudes verhindert lohnende Erträge von vornherein. Luffa-Gurken möchte ich pflanzen und Cardiospermum, ein paar Tomaten werden so oder so wieder irgendwo hervorkommen und der Rest soll einfach für die Insekten und fürs Auge da sein.

Meanwhile habe ich es irgendwie geschafft, zu Kepas Gartenconsultant zu werden, und bombardiere ihn mit Vorschlägen zur Anti-Schnecken-Bepflanzung im und um das Hochbeet. Das ist super, weil ich mich voll austoben kann, ohne die Möglichkeit zu haben, irgendetwas von meinen Ratschlägen selbst umzusetzen. Ich habe ihm eine Beetumrandung aus Rosmarin und Lavendel empfohlen und im Beet selbst erstmal einen Schutzwall aus Oregano, Thymian und Knoblauch. Und, damnit, war das nicht so klar: ich will dieses Beet haben.

Argh. Aber erstmal mit dem arbeiten, was da ist: ich geh‘ mir Luffagurken vorziehen.