Schlagwort-Archive: Planlos

Heute, oder Getting Our Shit Together

Standard

Geht doch. Ich kann mich gerade nicht mehr daran erinnern, was im letzten Beitrag gestanden haben mag, aber gut kann es nicht gewesen sein.

Heute war gut. Becci ist mit Migräne aufgewacht, aber die konnte mit Novalgin im Schach gehalten werden. Es gab sonnige Momente und wir waren draußen, sind ein paar Kilometer zur Küste gewandert, saßen an den Klippen, schauten auf das Meer – dahinter kommt erstmal nichts mehr, gar nichts, bis zur Antarktis, wie Becci feststellte – und trotzten Platzregen und orkanartigem Wind ebenso wie dem offenkundigen Nichtvorhandensein der in der Karte eingezeichneten Straße in der Realität dieser Azoreninsel. Was auch immer sich die Karte dabei dachte.

Heute geht es uns besser. Mir in erster Linie, weil es Becci besser geht. Das hilft ungemein. Ich bin unheimlich abhängig von meinem Gegenüber in meinen Stimmungen.

Und falls der Regen uns noch Striche durch unsere Rechnungen machen sollte, gibt es immer noch Lissabon und Caro. Hauptsache, wir nehmen uns zusammen.

Werbeanzeigen

What to Do on a Cold but Sunny Day

Standard

Die erste positive Nachricht ist ja schonmal, dass ich überhaupt in der Position mich befinde, diese Frage zu stellen. Das liegt dann am sonnigen Teil.

Der kalte Teil bringt die Ernüchterung; mein Wille ist wach, mein Wärmebedürfnis aber auch, und so bleibe ich trotz Licht vorerst auf dem Sofa hängen.

Macht nichts. Ich habe ein paar Geschäfte über Ebay abgewickelt und komme somit demnächst hoffentlich in den Besitz wunderschöner Bettwäsche, die auch auf meine neue Matratze passt (140×200), und einer passenden Bettdecke, unter die R und ich gemeinsam völlig problemlos passen (es funktioniert zwar auch mit unserer bisherigen Decke, aber ein wenig kompliziert ist es schon, sie so auf uns zu positionieren, dass nichts drunter hervorschaut und über Nacht abfriert). Ferner habe ich Muffins gefrühstückt und schreibe gelegentlich mit Malte hin und her. Ich habe mich insoweit getäuscht, als es aussieht, als würde sich der Kontakt weiter halten, obwohl niemand von uns mehr Lust auf Barbaras Drama hat. Tatsächlich fahre ich mit R die Woche, nachdem ich aus dem Urlaub wiederkomme, nach Bielefeld, weil er uns zu seiner WG-Cocktailparty eingeladen hat. Mein Minicrush hat sich gelegt und ist einer Art distanzierter Gelassenheit gewichen. So gefällt mir das.

Morgen fahre ich nach der Arbeit wieder zu Mike, um mit ihm spazieren zu gehen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum er sich immer so gerne mit mir trifft, aber ich sollte mich nicht beschweren; meine sozialen Kontakte in dieser Stadt sind alles Andere als üppig – warum also noch diejenigen hinterfragen, die man sich selbst ausgesucht hat zu pflegen.

Gut. Ich werde weiter meinen freien Tag durch Rumhängen zelebrieren und auf den Sommer warten.

Feige? Nee, Gemüse.

Standard

„I go then multiplied by“, sagte R soeben zu mir, bevor er sich aufmachte, seinen gruselig gewählten Worten die entsprechenden Taten folgen zu lassen. Sein Kumpel Patrick, der gerade bei uns wohnt, kam daraufhin ins Wohnzimmer und fragte mich nach R’s Verbleib, worauf ich antwortete: „Keine Ahnung. Er hat es vorhin gesagt, aber ich hab’s vergessen.“ Patrick darauf: „Space wahrscheinlich.“ Ich: „Nee, Space ist mittwochs.“ Er: „Es ist Mittwoch.“

So viel dazu. Meiner immensen Verpeiltheit zum Trotz (und obwohl ich die letzten Tage mehr gezockt habe, als in einem gesamten Jahr vernünftig wäre) habe ich heute Dinge geschafft bekommen, auf die ich sehr stolz bin. Darunter:

Ich habe Omas und Opas Anruf entgegengenommen und mit ihnen über Dinge wie Papas Kündigung und meinen immer weiter Form annehmenden Plan zum Karrierewechsel gesprochen, gerade über Letzteres sehr ausgiebig und überraschend erfolgbringend. Anders als meine Eltern, welche beide von meinem Bedürfnis, diesem Irrenhaus Uni schnellstmöglich zugunsten einer Ausbildung im Gemüsebau zu entfliehen, kein Stück angetan sind, haben mir meine Großeltern tatsächlich über Verständnis noch hinausgehend wirklich Unterstützung entgegengebracht bekommen und ich bin einmal mehr verwundert und begeistert zugleich darüber, dass man mir und meinen abstrusen Machenschaften ausgerechnet aus dieser Ecke so viel Offenheit und Vertrauen zuteilwerden lässt.

Ich habe also mit Oma und Opa lang und breit meine Beweggründe und Vorstellungen auseinandergenommen und konnte sie beide einzeln nach einer Zeit von der Richtig- und Notwendigkeit dieses Vorhabens überzeugen. Sowohl meiner Mutter als auch meinem Vater haben diese guten Seelen in dem Bereich also in etwa die Welt voraus. Die Anzahl der mich verstehenden Menschen ist somit an einem Tag um das Dreifache angestiegen – davor war Becci (Zitat: „Jetzt bin ich wieder heilfroh, dass ich meine Mutter habe, die immer zu mir gesagt hat, Hauptsache, du bist glücklich.“) weit und breit die Einzige.

Ich habe weiterhin versucht, bei der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Erfahrung zu bringen, ob sie Praktika im Gemüsebau anbieten. Leider (just my luck) habe ich mich umsonst zu diesem Anruf überwunden, denn die entsprechende Kontaktperson war heute nicht da, wo sie hätte sein sollen – also habe ich die gleiche Prozedur morgen um zwölf nochmal vor mir. Aber immerhin; ich bin extrem glücklich, es überhaupt versucht zu haben.

Und ich habe der Person geantwortet, mit der ich vor ein paar Tagen bei Facebook geschrieben hatte bezüglich eines Fernsehbeitrags zum Thema Sparen. Sie wollte in einer Gruppe, in der ich Co-Admin bin, nach Teilnehmern suchen und hat mich netterweise vorher um Erlaubnis gebeten, die Anfrage dort posten zu dürfen. Davon war ich dann so positiv überrascht (als würden Leute nicht permanent den letzten Schrott überall posten, wo es ihnen grad beliebt), dass ich spontan angeboten habe, selbst dort mitzumachen. Sie hat mir sofort geantwortet und direkt am nächsten Tag auch versucht, mich anzurufen, da war ich dann allerdings schon wieder gar nicht kommunikativ aufgelegt und habe die Arme erstmal ignoriert. Aber jetzt, jetzt geht das alles wieder. Wir haben dann kurz telefoniert, sie hat mir das Konzept erklärt und mich ein bisschen über meine Motivation ausgefragt sowie mich aufgefordert, mit R zusammen ein kleines Video über Whatsapp zu schicken, in dem wir uns vorstellen und ein bisschen was zu unseren Sparmethoden erklären. Das macht mich nervös, weil ich 1) ein ziemlich kamerascheuer Mensch bin und 2) mir bewusst ist, dass R darauf so ungefähr nicht den geringsten Bock hat, aber er muss da durch – immerhin hat er mich noch dazu motiviert, das Angebot anzunehmen. („Ja, machen wir’s halt, das ist so’n Once-in-a-lifetime-Ding, nachher ärgern wir uns, dass wir’s nicht gemacht haben.“)

Was noch? Ich habe meinen Terrassengarten Pflänzchen für Pflänzchen abfotografiert und Mama über Whatsapp geschickt, jedes der Fotos noch mit einem Kommentar versehen. Einerseits, weil ich den halben Sommer darauf gewartet habe, dass meine Pflanzen endlich präsentabel genug aussehen, um mit ihrem tropischen Wucherwald mitzuhalten, der sich bei ihr über vier Balkone erstreckt, und andererseits, um sanft darauf hinzuarbeiten, dass sie eventuell doch noch einsieht, dass eine Tätigkeit wie das Gemüsegärtnern vielleicht doch nicht das Allerverkehrteste für mich ist, auch wenn das bedeutet, dass ich ihren ersehnten Master – ohne den meine bisherigen Abschlüsse offenbar in ihren Augen allesamt wertlos sind – vorerst nicht erreiche.

Die Bilanz: Ich habe jetzt schon mehr Eigeninitiative für diese Ausbildung an den Tag gelegt als für meine gesamte universitäre Laufbahn zuvor, wenn man mal davon absieht, dass ich mich für den Master hier zumindest aus eigenem Antrieb beworben und eingeschrieben habe. Aber eigentlich auch hauptsächlich deswegen, weil mir so, wie meine Mutter auf mich einwirkte, gar nicht auch nur in den Sinn kam, es zu wagen, mit einem BA-Abschluss nach Jobs zu suchen. Aber es war auch gut so; ich hätte mich mein Leben lang gefragt, ob ich es nicht doch mit dem Übersetzungs-Master hätte versuchen sollen. Nur hat sich nun eben herausgestellt, was mir eigentlich schon ewig hätte klar sein sollen, dass nämlich das, was ich hier gerade tue (oder nicht tue, trifft es besser), mich zur systematischen Selbstzerstörung geradezu zwingt. Es mag ein Traum sein, dieses Studentenleben, aber wenn ich nicht bald, am liebsten auf der Stelle, von irgendwoher einen strukturierten Alltag bekomme, mit Bewegung und körperlicher Betätigung und ohne pseudointellektuelles Gehabe und Deadlines für Dinge, die keinen Sinn haben und niemandem etwas bringen – nichtmal den Dozenten, die den Wisch dann lesen dürfen – sorry, Mensch, ich kann nicht mehr. Ich muss irgendetwas finden, das mich zwingt, aus dem Bett zu kommen. Folglich: Eine Tätigkeit, bei der es tatsächlich irgendjemanden juckt, ob ich da bin oder nicht, und bei der ich am Ende des Tages feststellen kann, hey, ich habe heute etwas geschafft und etwas bewirkt. Ich brauche die praktische Arbeit. Alles an mir schreit nach praktischer Arbeit. Und nach etwas, das mich davon abhält, in antriebsloser Starre zu versauern. Das ist so viel mehr als ein Studienabbruch oder eine Studienpause. Das ist ein Selbstrettungsversuch.

Da fehlen noch jede Menge Aspekte, aber diese erste Annäherung an den Sachverhalt musste erstmal raus. Am Ende mag es eine Schnapsidee sein. Und? Ich mag Schnaps.

Wäre er nicht angewachsen…

Standard

Ich wachte in der Minute auf, in der R geplant hatte aufzustehen. Verzögerte sein Aufstehen wie üblich um einige Minuten, weil ich es nicht einsah, gerade in der kalten Realität angekommen zu sein und direkt meiner wichtigsten Wärme- und Geborgenheitsquelle beraubt zu werden. Schlief wieder ein, nachdem er weg war, drückte ein paarmal auf den Wecker, supposedly um diesen dazu zu bringen, ein bisschen später erst zu klingeln, und wachte schließlich um halb elf Uhr ein zweites Mal auf. Ohne Wecker – ich kann von Glück sagen, dass mein Unbewusstes sich neun Minuten, nachdem der (von mir zuvor unwissentlich ausgeschaltete) Wecker seiner Pflicht hätte nachgehen sollen, dazu entschlossen hat, dessen Aufgabe für heute zu übernehmen.

Lag eine Weile herum und überlegte mir, welchen Bus ich nun nehmen sollte, um rechtzeitig in der Uni zu sein. Was genau „rechtzeitig“ eigentlich sein sollte, war mir selbst nicht ganz klar; ich war gestern beim Plank in der Sprechstunde und habe endlich die Unterschrift für den Antrag auf Titeländerung der BA-Thesis von ihm bekommen, sodass ich heute Früh diesen noch beim Prüfungsamt einreichen wollte. Das schließt nämlich um 12, und da ich um 11.45 Euskera hatte, musste das Abgeben definitiv vorher geschehen.

Ich kam zu keinem konkreten Schluss, war aber tendenziell überraschend unlethargisch und konnte ohne Schwierigkeiten recht bald aufstehen. Holte mir ein Medi aus der Schublade, stellte fest, dass kein Wasser im Zimmer war, und legte es auf die Fensterbank, während ich mich anzog. Nahm die Akkus des AGs aus dem Ladegerät und steckte das AG zusammen mit dem Handy in die Tasche; nach Euskera ist mein Redebedürfnis immer noch um ein so Vielfaches höher als sonst schon, da war das AG unerlässlich. Sogar an eine Speicherkarte dachte ich. Zur Abwechslung mal wieder.

In der Küche setzte ich mir Kaffeewasser auf und ging ins Bad, während es sich erwärmte. Wieder zurück, begegnete ich Trudi, welche mich mit erstaunlicher Gesprächigkeit und guter Lane begrüßte, die ich nur zu gern erwiderte. Die Momente, in denen Trudi und ich uns gut gelaunt unterhalten, kann man mittlerweile an einer Hand abzählen, vor allem weil meine Laune üblicherweise schon durch Hannes‘ Anwesenheit in den Keller verscheucht wird. Ich schnorrte mir einen Schluck Reismilch von Trudi und kippte diesen zusammen mit zu wenig Zucker und um Längen zu viel löslichem Kaffee in meine Thermoskanne. Nachdem diese in meiner Tasche verstaut war, schnappte ich mir noch schnell eine Banane und verschwand in Richtung der Haustür. Hätte dort um ein Haar vergessen, die Ladung aus unendlichen Tüten Brötchen und Salat mitzunehmen, die ich mir im Flur für genau diesen Moment bereitgestellt hatte. Setzte also die Tasche wieder ab und den Riesenrucksack, nunmehr mit Brötchen angefüllt, auf, drapierte die diversen Tüten links und rechts an meinen Armen, griff nach der Banane und verschwand, Trudi „Bis daahann!“ zurufend, durch die Tür. Kam rückwärts wieder herein, um meinen Schlüssel vom Haken zu nehmen (zu Trudi: „Scheiße, Schlüssel! Jetzt aber, bis daahann!“), und stapfte schwer beladen, aber zufrieden zur Bushaltestelle. Erwischte die 2, ohne großartig rennen zu müssen, obwohl ich nichtmal auf die Uhrzeit geachtet hatte.

Langsam fielen mir die Arme ab – man sollte kaum meinen, dass Salat so schwer sein kann, aber glaub mir, in diesen Mengen ist er es. Die eine Brötchentüte rutschte mir durch die befäustlingten Finger und ich hatte keine Gelegenheit, sie anders zu positionieren, weshalb ich ziemlich froh war, als die erste Busfahrt vorbeiwar und ich das Ganze kurz auf einer Bank absetzen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wann der nächste Bus zur Uni kommen würde, wagte es also, meine Banane hervorzuholen (wie sich das einfach nur falsch anhört!), und hatte mich gerade meiner Fäustlinge entledigt, als der Bus, den ich brauchte, in meinem Augenwinkel erschien. Also alles wieder einpacken, Banane ungegessen in eine der Tüten stopfen und ab in den Bus. Dort bekam ich einen Sitzplatz mit zwei leeren Sitzen gegenüber, auf denen ich meine ganze Fracht richtig bequem ablegen konnte. Herrlich. Endlich war Zeit zu frühstücken. Während ich mich mit der Banane vergnügte (okay, dieses Mal war’s drauf angelegt), unterhielten sich hinter mir zwei Menschen über irgendetwas so Sterbenslangweiliges, dass ich mich jetzt schon nicht mehr dran erinnere.

An einer Haltestelle wollte noch jemand zusteigen, als der Busfahrer schon auf Weiterfahren gepolt war; der Mensch, der am dichtesten neben der Tür stand, hielt heldenhaft seine Hand in den sich rapide verkleinernden Zwischenraum, um die Tür daran zu hindern, sich komplett zu schließen. Schade nur, dass die Tür andere Pläne hatte: Der einsteigen Wollende stand verblüfft vor der geschlossenen Bustür, während wir Drinnensitzenden uns vor Lachen kaum kriegten, als die Hand des armen Helden zwischen den Gummidichtungen steckenblieb und bis zur nächsten (zum Glück nicht sehr weit entfernten) Haltestelle den um die null Grad frostigen Temperaturen außerhalb des Verkehrsmittels ausgesetzt war und die Wartenden nach Art eines aus der Limousine winkenden Weltstars begrüßte. Er musste selbst lachen, wenn auch ein wenig verzweifelt, als die Türen sich wieder öffneten und er die Hand – durchgefroren, aber unbeschädigt – ordentlich durchschütteln und mit dem Rest seines Körpers wiedervereinen konnte.

Ungefähr zur selben Zeit wurde mir bewusst, dass ich meine Tasche zu Hause vergessen hatte, als ich die Fäustlinge in selbiger verstauen wollte. Dieser Einsicht mit einem unwillkürlichen lauten „NEIN!“ Ausdruck verleihend, bekam ich erst allmählich einen Überblick über die Ausmaße meines Fails. Nein, mein Hauptproblem war nicht, dass ich keinen Ort mehr hatte, an dem meine Fäustlinge untergebracht werden konnten. Ich war auch ohne Busticket unterwegs, ohne Euskera-Mappe, ohne – ein zweites lautes NEIN!, diesmal länger gezogen, den so ewig schon auf seinen Moment wartenden Antrag fürs Prüfungsamt, ohne Stift und ohne Kaffee. Und ich war zu früh.

Nuja. Ich machte das Beste draus und ließ mir Zeit beim Einsortieren der Lebensmittel ins FairTeiler-Regal. Es kamen wie meistens schon Leute an, mit denen ich – meinem Fail sei Dank – ein bisschen plaudern konnte, während ich die Tüten ausräumte. Dann auf zum Euskera-Raum – ich war immer noch zu früh. Jemand kam mir hinterher und hielt einen meiner Fäustlinge in der Hand. Ich bedankte mich überschwänglich und steckte ihn zurück in die Jackentasche. Mir fiel auf, dass auch der andere Handschuh fehlte. Eine Kehrtwendung und ein paar Schritte später hatte ich ihn wieder; er lag direkt neben der Person, die mir den ersten hinterhergetragen hatte. Sie bemerkte mich und entschuldigte sich – sie habe den zweiten gar nicht gesehen. Ich entgegnete, ich wäre ihr schon für den ersten dankbar genug gewesen, sonst hätte ich ja nichtmal bemerkt, dass der zweite nicht da war, wo er sein sollte. Und wieder umdrehen und wieder ein Blick auf die Uhr, immer noch zu früh, natürlich – ein paar Schritte dem Euskera-Raum entgegen, bis mir das Gewicht auf meinem Rücken die Erkenntnis brachte, dass ich vergessen hatte, die Brötchen aus dem Rucksack im Regal abzuladen. Eine erneute Kehrtwendung und zurück zum Regal. Die eine, mit der ich beim Regal geredet hatte, stand immer noch da und hielt nun ihrerseits ein Pläuschchen mit einem anderen Menschen. „Die Hälfte vergessen…“ sagte ich zu ihr und fing an, die Brötchen auf dem zweitobersten Regalbrett zu stapeln.

Irgendwann war ich tatsächlich fertig und begab mich, Shakiras „Estoy aquí“ vor mich hinträllernd, wirklich mal in den Euskera-Raum, wo ich entgegen aller Gewohnheit als Erste ankam. Fand ein paar leere Blätter auf einem der Tische und war schon froh, dass ich mir zumindest kein Notizapier von den Kommilitoninnen würde ausleihen müssen. Verpflanzte mich vom Tisch auf den Stuhl, als Esti hereinkam, und war einen Moment lang überglücklich, als sie mir die beiden Ken-Zazpi-CDs hinhielt, die sie mir versprochen hatte aus dem Baskenland mitzubringen. Genau so lange, bis mir wieder einfiel, dass ich das Geld dafür mangels Tasche natürlich nicht dabeihatte. Genausowenig wie die durch einen genialen Zufall vor ein paar Wochen containerte „Kleines Dankeschön“-Milka-Schokoladenpackung, die ich ihr dazugeben wollte. Aber weil Esti eine unglaublich liebe Person ist, sagte sie nur, ich solle mir keine Sorgen machen und sie hätte eh den Bon vergessen, wir würden es einfach nächstes Mal regeln. Esti = Engel.

[Genau in diesem Moment höre ich Itsasoa gara, welches auf einem der Alben ist, die sie mir gebracht hat, und bin überwältigt, weil Itsasoa gara das Lied ist, das ich mir nie erlaubt hatte Wort für Wort zu übersetzen. Itsasoa gara habe ich drei Millionen Mal bei Youtube angehört, aber nie die Version mit spanischen Untertiteln genommen, nicht ein Mal; ich habe mir immer gesagt, „wenn du weiter Euskera lernst, wirst du dieses Lied irgendwann einfach so verstehen; es wird so sein, dass du das Lied hörst und es einfach verstehst, ohne irgendetwas dafür zu tun, und dieses Lied wird das erste sein, bei dem es dir so geht.“ Nun ist es tatsächlich der Fall. Ich bin verblüfft und hochgradig dankbar, diesen Moment zu erleben.]

Dann kam Rui und wir saßen zu zweit in Euskera; Vera kam nicht, kannst du dir das Privileg vorstellen, an der Uni zu sitzen und mit einer einzigen Kommilitonin Euskera zu lernen? Ich habe mir einen Stift von Esti ausgeliehen. Rui musste irgendwann zum International Office, also machte ich die letzten 20 Minuten mit Esti Privatunterricht. Sie ließ mich indirekte Rede üben und war beschämend begeistert von der Qualität meiner Arbeit. Es wäre unglaublich, wie korrekt meine Sätze seien. Sie konnte es gar nicht glauben. Ich war so glücklich. Am Ende habe ich sie, meiner selbst ohne Kaffee aufgedrehten Euskera-Natur gemäß, über meine Bachelorarbeit zugelabert und sie wäre bald an die Decke gegangen, als ich ihr sagte, dass ich über den Allokutiv geschrieben habe. Wie sie mich angeguckt hat. Darauf habe ich gewartet. Jetzt mag sie mich, habe ich mir gedacht, als sie sich strahlend verabschiedet hat und mir das Versprechen abgenommen hat, ihr bescheidzusagen, wann ich meine Thesis verteidige. Tengo amigas que hablan en hika! Si se lo cuento… van a flipar!

Mit einer ganz neuen Motivation erfüllt, habe ich mich zu Hause daran gemacht, mit der Präsentation für die Verteidigung zu beginnen. Mir das Medi eingeworfen, das ich natürlich in der Früh auf der Fensterbank hatte liegenlassen. Mir Argiak in den CD-Player geschmissen und mich mit Frühstück versorgt, die Sonnenlichtlampe ins Bett gestellt und angefangen zu arbeiten, bis mir auffiel, dass es eventuell sinnvoller wäre, erstmal ein paar der Präsentationen der Anderen anzusehen, bevor ich meine eigene erstelle. Dieses Projekt also richtig guten Gewissens auf nächste Woche vertagt und stattdessen diesen Monstereintrag geschrieben, einfach um einmal festzuhalten, wie dieser im Grunde so alltägliche Vormittag doch irgendwie voll war mit wunderbaren Kleinigkeiten.

Und wie ich wieder einmal gelernt habe, dass meine Art zu failen gar nicht so schlimm ist, weil man doch immer wieder durchkommt: Esti bekommt ihr Geld und ihre Schokolade nächste Woche. Niemand hat mich im Bus kontrolliert. Den Antrag gebe ich morgen ab; dafür muss ich zwar nochmal extra in die Uni, aber das ist gar nicht so schlimm, denn ich habe noch einen Karton Salat hier herumstehen, den ich heute Früh beim besten Willen nicht mehr untergekriegt habe. Der kommt dann morgen mit. Und ich habe meinen finalen Termin für die Präsentation eingetragen und ganz viel Motivation, es gut zu machen, weil Esti mir zuhören wird und weil ich den Plank mag. Spät, aber doch kam mir diese Erkenntnis. Ich habe gestern eine halbe Stunde mit ihm geredet und einen armen Menschen draußen vor seinem Büro warten lassen, obwohl ich eigentlich nur die Unterschrift von ihm brauchte. Und es ist nicht schlimm, dass ich die beiden Quellen aus der einen Fußnote in der Bibliographie vergessen habe aufzunehmen; ich hab’s ihm gestern gesagt und er meinte nur, er würde eh einfach mal kurz schauen, „ob sich das ungefähr deckt“ – oh mein Gowai. Das sind diese Geschichten, die ich mich nichtmal hier im Blog traue zu erwähnen, weil ich so viel Angst vor den Konsequenzen habe, dass ich sie vollkommen verdränge, wo es nur geht, und dann auf einmal kommt raus, es ist nicht schlimm. Ich schätze mal, das ist der Schock, den Laura bei mir vergeblich erwartet, wenn sie mir ihre dunklen Geheimnisse anvertraut. Den ich auch andauernd erwarte und der einfach ausbleibt, weil die Sachen bei einem im Kopf so viel dramatischer aussehen, als sie für den Rest der Welt sind. Ich liebe die Welt. Ich liebe meinen widerwärtigen, zu starken und zu zuckerarmen Kaffee. Ich liebe Ken Zazpi und ich liebe es, hier zu sitzen und mit den Fingern nicht hinterherzukommen, weil ich endlich, endlich mal wieder Motivation habe, mir die Seele aus dem Leib zu schreiben. Ich liebe es, wach zu sein. Ich bin so unfassbar glücklich gerade.

44

Standard

So, R ist weg, Realität ist wieder da, gleich geh‘ ich zum Rank und danach mit Marie zur Tafel und danach zu Euskera und danach zu Elli, falls sie ausnahmsweise mal wieder zur vereinbarten Zeit Nachhilfe möchte. Ich hab Panik. Ich glaube, es hat mit der Tatsache was zu tun, dass ich dringendst was für die Uni tun müsste und einfach nichts tue. Das Übliche; trotzdem aber ein wesentlich angenehmerer Grund zur Panik, als ich sie sonst so kannte. Ich bin müde und will schlafen, was aber wenig Sinn hat, weil mein Wecker in vier Minuten klingelt. Ich würde gern meiner Mutter sagen, dass sie in einer bestimmten Sache definitiv falsch liegt, aber dafür müsste ich sie anrufen. Besser telefonisch als schriftlich; wer weiß, wer da bei ihr mitliest. Ich bin so froh über die Sonne. Mein Wochenende war wunderbar, wenn auch von Fails geprägt. Nothing happens the way you plan it.

Müde. Hunger. Müde. Panik. Argh. Test über mein mentales Alter ergibt 44.

Panik. Deadlines. Zeitmangel. Ineffizienz. Druck. Dieses Semester fertigwerden? Oder doch erst nächstes? Ratlosigkeit; was mach‘ ich, wenn ich fertigbin? Wo mach‘ ich meinen Master? Mach‘ ich dazwischen noch ne Pause? Ungewissheit; wohin geht R, wohin geh‘ ich, wo finden Basti und ich für unser Selbstversorgerprojekt ein geeignetes Haus und Grundstück? Wie weit weg von R? Oder gibt es doch eine Chance, dass er mitmacht, völlig wider seine Natur? Ich wage es gar nicht für möglich zu halten. Ich frage ihn auch nicht. Das klärt sich, wenn es soweit ist. Ich wäre schon dankbar für Unterstützung von seiner Seite. Falls seine Unterstützung in dieser fernen Zukunft in meinem Leben noch von Relevanz ist. Aber das zeigt sich, wenn es soweit ist.

Schlafen. Zehn Minuten noch, komm schon. Und dann auf in den Tag.

Huch, es ist ja Februar.

Standard

Meine Güte, ich hab‘ morgen Geburtstag und es könnte meinem Bewusstsein ferner kaum sein.
Jetzt habe ich soeben einen Aufruf an elf oder zwölf Menschen gestartet, sie sollen sich doch morgen Abend zu einer gemütlichen Runde bei mir einfinden, und hoffe einfach mal, dass ich das kopftechnisch gebacken kriege und nicht bis morgen Abend wieder vergessen habe. Spontanere Geburtstagsunternehmungen habe ich selten hingelegt, wenn überhaupt.

Ich bin ja mal gespannt, wer kommt. Ich tippe auf Lisa, R, Sarah, Pedro, Trudi, Marie, Lena safe. Johanna vielleicht. Rini, Kepa und Nicole eher nicht. (Wenn Nicole aus Hamburg runterkäme, nachdem wir praktisch seit Jahren nicht mehr dazu kamen, miteinander zu reden.. traurig, aber wahr.. das wäre jedenfalls wirklich mal was. Und Kepa fragte zwar gestern noch, ob ich an meinem Geburtstag was mache, aber er wird trotzdem nicht extra dafür aus Kempten herkommen. Und Rini hat sehr wahrscheinlich keine Zeit, die gute verplante Seele.)

So, in zehn Minuten kann ich schon bei der Tafel anrufen. Ich hoffe, sie haben mal wieder ein bisschen was zum Retten da. Ich habe zwar noch türkisches Fladenbrot, aber würde schon gern noch ein paar Vorräte aufstocken.
Und ich stinke zum Himmel, ich sollte duschen.
Und danach schreibe ich Türkisch. Vielleicht. Ansonsten nächste Woche. Aber ich glaube schon, dass wir heute schreiben. Man wird sehen. Jedenfalls sollte ich heute hingehen.

So ist das alles.